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Montag, 10. März 2025

Koreanischstunden

Die Übersetzerin Ki-Hyang Lee hat mehrere Romane der südkoreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang ins Deutsche übertragen. Erwartbarerweise gibt es immer wieder "Nuancen im Originaltext von Han Kang, die in der Übersetzung schwer vollständig wiederzugeben sind", zitiert die Süddeutsche Zeitung sie in einem lesenswerten Artikel vom 24. Februar (online nur hinter Paywall), der sich mit Schwierigkeiten der Übersetzung aus fernöstlichen Sprachen in europäische befasst.

Beispiel Japanisch: Der Roman "Schneeland" des ersten japanischen Literaturnobelpreisträgers Yasunari Kawabata beginne bereits mit einem extrem vertrackten Satz (der hier nicht auf Japanisch reproduziert zu werden braucht).

Die klassische Übersetzung des US-Japanologen Edward Seidensticker lautet: "The train came out of the long tunnel into the snow country." Also: "Der Zug kam aus dem langen Tunnel in das Schneeland." Es ist bei Seidensticker, als würde der Erzähler den Zug aus dem Tunnel fahren sehen. Aber im japanischen Original ist vom Zug keine Rede, es gibt im ersten Satzteil kein Subjekt. Einen Erzähler von außen gibt es auch nicht. Japaner lesen im Originalsatz die Stimmung, die man erlebt, wenn man nach einer Fahrt im Tunnel von der schneelosen Seite des Berges auf die verschneite Seite kommt. Tobias Cheung hat den Satz in der Suhrkamp-Auflage von 2011 möglichst wörtlich übersetzt: "Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland." Trotzdem: Die wahre Tiefe dieses Romananfangs liegt wohl nur in Kawabatas Japanisch.

"Kein Subjekt"? Das würde ich mir gerne genauer erklären lassen, aber ich glaube es einfach mal. Nicht minder staunen ließ mich die Tatsache, dass die Übersetzerin von Han Kangs Debutroman "Chaesigjuuija", die Britin Deborah Smith, erst sieben Jahre, bevor sie das Werk ins Englische übertrug ("The Vegetarian"), angefangen hatte, Koreanisch zu lernen! Dementsprechend unperfekt geriet die Übertragung denn auch, zumindest nach Ansicht von Fachleuten, die der englischsprachigen Fassung ein Übermaß an "Adverbien, Superlativen und anderen Veranschaulichungen" beschied. Man darf hier dennoch einwerfen: "Oder bringt gerade dieser Unterschied das Verständnis des internationalen Publikums?" Am Ende stellte sich der Ruhm schließlich dank des Vorhandenseins von Übersetzungen, deren Anfertigung übrigens stets von der Autorin begleitet wird, ein. Man muss halt einsehen: "Eine Übersetzung kann nie größer werden als das Original." Muss sie auch nicht.

Donnerstag, 15. Dezember 2022

Die koreanische Bevölkerungsverjüngung

Das wusste ich auch nicht: Wenn in Südkorea ein Baby geboren wird, ist es nicht null Jahre alt, sondern zählt bereits ein Jahr. Am folgenden Neujahrstag und an jedem weiteren wird dann ein Jahr auf das Alter draufgeschlagen. Das heißt konkret, dass ein Menschlein, das am Silvesterabend das Licht der Welt erblickt, einen halben Tag später offiziell zwei Jahre alt ist! Die Gründe für diese eigentümliche Zählung sind nicht vollständig geklärt.*

Jedenfalls ist dieses etablierte System, welches dadurch verkompliziert wird, dass in Fragen von Wehrtauglichkeit und Alkoholerwerb sehr wohl ein Alter von 0 bei der Entbindung angesetzt wird, sowohl unbeliebt als auch ständiger Kritik ausgesetzt – weswegen es im Juni 2023 aufgegeben und durch das "westliche" ersetzt werden soll. Mit einem Schlag wird somit die gesamte südkoreanische Bevölkerung um ein bis zwei Jahre jünger. Glückwunsch vorab!

* Mitrechnung der Zeit im Mutterleib sowie altertümliche Vereinfachung mangels Kalenderverbreitung kommen als zwei Gründe in Betracht: "One theory is that turning one year old at birth takes into account time spent in the womb – with nine months rounded up to 12. Others link it to an ancient Asian numerical system that did not have the concept of zero.
Explanations for the extra year added on 1 January are more complicated. Some experts point to the theory that ancient Koreans placed their year of birth within the Chinese 60-year calendar cycle, but, at a time when there were no regular calendars, tended to ignore the day of their birth and simply added on a whole year on the first day of the lunar calendar. The extra year on 1 January became commonplace as more South Koreans began observing the western calendar." (The Guardian)

Samstag, 5. März 2022

Schok'schwerenot

Als ich neulich mein Frühstücksmüsli in die Müslischüssel schütte, unterziehe ich die Packungsbeschriftung einem genaueren Blick und halte inne. Wie heißt diese Sorte?


"Pistachio" – klar, das ist das englische Wort für Pistazie, aber wieso "Choco" als Verkürzung von chocolate, die im Englischen weder in geschriebener noch in gesprochener Form existiert? Ich teile das Foto bei Twitter und schreibe: "Welche Sprache soll das sein? Ernstgemeinte Frage". Weil ich keine hilfreichen Antworten erhalte, suche ich in der englischsprachigen Wikipedia nach "choco" und stoße auf die Information, dass choco (in dieser Transliteration) in Japan und Korea als Kurzwort für "Schokolade" gebräuchlich ist. Japanisch oder koreanisch? Das kann sicher nicht die Intention von Kellogg's gewesen sein. 
Mich stört diese Schreibweise nach wie vor. Mit "weiß doch eh jeder, was gemeint ist" kann und darf man sich m.M.n. nicht herausreden. Das Müsli schmeckt aber ganz gut.

Freitag, 21. Juni 2019

Ado und ade

1.
Ist der Titel des Shakespeare-Lustspiels "Much Ado About Nothing" mit "Viel Lärm um nichts" gut übersetzt? Ich finde nicht. Man muss dabei vielleicht anmerken, dass es bei August Wilhelm von Schlegel noch "Viel Lärmen um nichts" heißt, was mir aber auch nicht zu 100 % gelungen erscheint. Die Entsprechung von ado sollte eine sein, die auch in der Übersetzung der Wendung without further ado funktioniert. "Aufhebens" ist ganz nett und ähnlich antiquiert wie ado: "Viel Aufhebens um nichts"; "ohne weiteres/viel Aufheben(s)" – passt. Eine wörtliche Übersetzung wäre "Getue", was ich aber nicht so schön finde wie "Gehabe", wobei das nun wieder die Hauptbedeutung "Geziere", "gekünsteltes Benehmen" trägt. Im Sächsischen gibt es das Verb "mähren": Jemand, der sich mit einer Sache unnötig viel Zeit lässt, "mährt (sich nicht aus)". "Viel Gemähre um nüschd" könnte eine mundartliche Umsetzung des Stücks heißen.

2.
Auf koreanischen Speisekarten findet man oft die Kategorie "Ade". Es handelt sich dabei um das von lemonade abgetrennte Schein-Suffix -ade, welches als selbstständiges Lexem fruchthaltige Sprudelgetränke im Allgemeinen bezeichnet. Niedlich und clever!