Montag, 18. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (3)

Heute: "Pillion" von Martin Knepper

Vor ein paar Wochen habe ich den Film ‚Pillion‘ gesehen, laut Kritik eine „RomCom im schwulen BDSM-Milieu“. Und ja, die Geschichte um einen dominanten Biker Ende 30 und das sexuelle Erwachen eines submissiven Achtzehnjährigen, sie war gut zu schauen. Wobei der junge Mann von einem mittlerweile 35jährigen ehemaligen Harry-Potter-Darsteller (Harry Melling als Cousin Dudley) gespielt wurde; fast scheint es, als müssten sich alle ehemaligen Kinderdarsteller dieser Filmreihe mit einem wider den Stachel der Erwartung löckenden Film freischwimmen: Vor ein paar Jahren sah ich einen befremdlichen Film, in dem Daniel Ratcliffe, also Harry himself, eine Leiche mit Blähungen spielte. „Warum auch nicht.“ (Max Goldt)

‚Pillion‘ jedenfalls hatte tatsächlich einiges an schwulem BDSM zu bieten, irgendwie Rom war er auch und Com, nun, zuweilen, aber ich sag mal, ein Angriff auf die Lachmuskeln war er nicht. Was mich im Nachgang zu der Frage brachte, weshalb im Film Sexualität und Humor meist auf getrennten Bühnen spielen. Und nein, die unzähligen dümmlichen Sexkomödien der 60er und 70er Jahre, die das Nachtprogramm zweitklassiger Fernsehsender auffüllen, sie sind kein Gegenbeispiel; eher schon ein Beleg für die weitgehende Humorfreiheit in der deutschen Filmwirtschaft. Gut, John Waters und Bruce LaBruce haben einiges für den Brückenschlag zwischen Zwerchfell und Schritt getan, doch ansonsten scheint so etwas wie ein Humortabu zu existieren in jenem Filmgenre, welches man früher in Videotheken (you remember?) durch einen muffigen Vorhang abtrennte, der einem beim Durchschreiten wie eine mahnende unkeusche Berührung über Gesicht und Körper fuhr: Eine animalische Ernsthaftigkeit, die jene berühmte Strohszene eines masketragenden Handwerkers zum Gral aller Pornokomik erhebt.

Der Grund für den wechselseitigen Ausschluss von genitaler Aktivität und befreiendem Lachen ist meines Erachtens in der Verwandtschaft von Witz und Orgasmus zu suchen, und es ließe sich als ein Drittes noch das Niesen hinzuzählen. Denn diese Trinität entspannender Körperreflexe sind allesamt durch ihnen explosiven Charakter gekennzeichnet und markieren einen Point of no Return, eine kathartische Klimax, blindwaltende Verschwisterung von Nervenblitz und Muskelkontraktion. Und wo das eine ist, da hat das andere sein Recht verloren, denn die Kapazität zum neuronalen Feuerwerk, sie ist uns nur begrenzt verliehen. Und aus diesem Grunde ist die Pollenallergie bis heute ein hic sunt leones der angewandten Pornographie.

Samstag, 16. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (2)

Heute: "AIL" von Alexander @personaldebatte Lost

Donnerstag, 14. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (1)

Heute: "Hallo!"

Von Max Goldt gibt es den bekannten Satz, er schmeiße Briefe (oder Werbebriefe?), die mit „Hallo“ begönnen, sofort ungelesen weg, oder doch fast ungelesen, denn bis zum ersten Wort wäre er ja immerhin gekommen. Ob Sie also noch „an Bord“ sind oder schon weitergescrollt haben, ist Ihre Sache; falls Letzteres, haben Sie den Konjunktiv „begönnen“ verpasst, der dem Seiteninhaber Torsten Gaitzsch möglicherweise ähnlich gut gefällt wie „schmölze“ und „würbe“. Und auch den etwas langweiligeren Konjunktiv II „wäre“, der meines Ermessens in obigem Eingangssatz korrekt ist, weil ich ja nicht mehr Max Goldt zitiere, sondern zu einem eigenen Gedanken abbiege. Ob ich damit recht habe? Das soll Konjunktiv-Fex Gaitzsch entscheiden.

Halt, mögen Sie sich nun fragen: Wie kommt es, dass ich vom Seiteninhaber in der dritten Person spreche? Nun: Ich bin nicht Torsten Gaitzsch. Ich schreibe als Vertretung. Mein Name tut dabei nichts zur Sache. (Das wollte ich schon immer mal sagen!)

Wäre ich Torsten Gaitzsch, würde ich die Wortfolge „Torsten Gaitzsch“ nur sehr sparsam verwenden. Menschen, die von sich selbst in der dritten Person sprechen, berühren mich nämlich unangenehm. „Jeder weiß, auf den ehrlichen Minister XY ist Verlass“ – schon klar, Minister XY, du möchtest die Berichterstattung kontrollieren und ein objektiv klingendes Soundbit in die Welt setzen. „Warte, die Oma hilft dir da“ – ich weiß durchaus um deine innerfamiliäre Funktionsbezeichnung, Großmutter; aber schön, dass du mir hilfst! „The lady’s not for turning“ – huch, Mrs. Thatcher, wo kommen Sie denn her?
Es sind dies Menschen, die sich selbst zur Marke machen wollen, aus Eitelkeit oder skrupellosem Karrierestreben oder beidem. (Außer Oma.) Nur scheinbar schafft diese sprachliche Strategie Distanz; in Wirklichkeit brutale, unverlangte Nähe.

Eine andere Methode, im Marketing durch Distanzierung Interesse zu wecken, ist die Publikumsschmähung. Vollauf begeistert war ich kürzlich von einem Entrümpelungs-Ratgeber aus einem etwas ominösen Schweizer Verlag, der mir als Werbung angezeigt wurde. Titel: „KEINER WILL DEINEN SCHEI*. Wie du ausmistet, bevor du stirbst“. Fabelhaft: Erst den Hausrat des potentiellen Käufers beleidigen und dann rüde dessen Tod thematisieren! Wäre statt des prüden Sternchens noch ein scharfes scharfes ß im Titel vorgekommen, ich hätte fünf von fünf Punkten vergeben.

Eben lese ich, dass sich Margaret Thatcher ihre berühmte Thatchphrase, nein: Catchphrase „The lady’s not for turning“ von einem parteibefreundeten Bühnenautor hatte schreiben lassen. (Parteibefreundet? Beparteifreundet?) Der Satz, auf einem wichtigen Parteitag gesprochen, spielt auf ein Nachkriegstheaterstück namens „The Lady’s Not for Burning“ an, „although Thatcher missed the reference herself“ (Wikipedia), und das fand ich lustig, weil Thatcher einst in einer anderen Rede die konkurrierende Liberaldemokratische Partei totsagte, indem sie ausführlich den Dead-Parrot-Sketch von Monty Python paraphrasierte – und auch in diesem Fall vermutlich überhaupt nicht wusste, worauf sie anspielt.

Liebe Redenschreiber, bitte füttert den tumben Friedrich Merz vor dem nächsten Parteitag mit einer mitreißend lustigen SPD- und Linken-Beschimpfung, die aus „South Park“-Zitaten montiert ist! Die Vorstellung, wie der deutsche Bundeskanzler ahnungslos „Oh my god, they killed Umfrageergebnisse“ trötet oder „Klingbeil, du essen my Scheiße“, ist wunderbar.
Aber dann bitte „Scheiße“, nicht „Schei*e“. M’kay?

Michael Ziegelwagner

Dienstag, 12. Mai 2026

Kybersetzung presents: Vertretungsstunden 2026

Ab Mittwoch werde ich für eine Weile von meiner Blogbefüllunsmaschine getrennt sein, und weil ich weder Lust auf einen weiteren Entschuldigung-fürs-Nichtbloggen-Sermon mit anschließender Veröffentlichungspause noch die Zeit habe, ein halbes Dutzend Beiträge vorzuproduzieren, habe ich mir etwas Spektakuläres einfallen lassen: Zum ersten Mal wird diese Plattform von fremden Händen bespielt werden!

Ich habe ein paar Freundinnen und Freunde, deren Kreativität und Begabung ich schätze, gefragt, ob sie Lust hätten, einen Gastbeitrag für Kybersetzung beizusteuern. Rührenderweise haben nicht nur alle (bis auf zwei, die sehr gute Ausreden hatten) zugesagt, es fiel in den Rückmeldungen auch mehrmals die Phrase "wäre mir eine Ehre". Freut euch also auf Special-Guest-Content, der ab Donnerstag alle zwei Tage an dieser Stelle erscheint, bis am Ende des Monats wieder ich das Ruder übernehme. Versprechen kann ich schon jetzt eine Themen- und Formenvielfalt, die sich gewaschen hat. Dranbleiben lohnt sich also!

Sonntag, 10. Mai 2026

Vorteil Schreibmaschine?

Diese Woche habe ich Gerhard Henschels "Großstadtroman" und damit alle rund 6800 bisher erschienenen Seiten der Martin-Schlosser-Reihe abgeschlossen. Das Besondere an diesem nunmehr zwölften Teil ist, dass darin der erste Teil der autobiographischen Saga entsteht, was ein rechter Krampf gewesen sein muss: Ende 2001 beendet Henschel/Schlosser das Manuskript, 2004 erst erscheint der "Kindheitsroman". Auf dem Endspurt ereignet sich dann noch ein Malheur, und diese Stelle ließ mein Herz heftiger pochen als sämtliche anderen dramatischen Geschehnisse, die dem Autor in jener Zeitspanne (1998-2002) widerfahren:
Im Kindheitsroman war ich auf den letzten Metern angelangt. Unten links zeigte mein Bildschirm mir an, daß ich mich auf Seite 678 von insgesamt 688 Seiten befand. Die restlichen zehn enthielten das verbliebene Rohmaterial.
Als ich zwischendurch eine andere Datei öffnen wollte, erschien der Hinweis:
Freier Arbeitsspeicher des Computers zu klein.
Und unten links stand auf einmal nicht mehr "678/688", sondern "1/0". Das bereitete mir Unbehagen. Ich gab den Befehl zum Speichern, aber mein antiker PC versagte mir den Gehorsam: Er tat überhaupt nichts mehr. Der Cursor stand still und ignorierte alle Bewegungen der Maus.
In meiner Not drückte ich auf den Reset-Knopf, und als ich die Kindheitsromandatei danach wieder öffnete, war sie leer. Alles weg. 688 Seiten ausgelöscht.
Doch ich hatte ja noch die Sicherheitskopie auf einer Diskette. Aber wo war die hin?
Ich konnte sie nicht finden.
Hunderttausend heulende und jaulende Höllenhunde!

Spoiler: Es geht alles gut aus. Doch erinnerte mich diese Episode allzu brutal an eine eigene Erfahrung. Eines Abends, während ich an meiner Magisterarbeit schrieb, kippte ich aus Versehen ein halbes Glas Tee über meinen Laptop. Ich war geistesgegenwärtig genug, schnell einen USB-Stick in das Gerät zu stecken und eine Sicherheitskopie des Dokuments darauf abzulegen, bevor das Notebook sich verabschiedete. Selbstverständlich hatte ich die Arbeit in einem (nicht viel) älteren Zustand noch woanders abgelegt; ich achtete stets darauf, immer mindestens zwei halbwegs aktuelle Sicherheitskopien vorrätig zu halten. Ein ganz in meiner Nähe wohnender, IT-begabter Freund erklärte sich spontan bereit, rüberzukommen und die Katastrophe zu begutachten: "Klar, dann machen wir eine schöne Freitagabend-Notebook-Schraub-Session!" In seine Einzelteile zerlegt, offenbarte mein Klapprechner den erlittenen Schaden, der sich tatsächlich auf den Zustand "nass sein" beschränkte. Durchgeschmort oder anderweitig unbrauchbar geworden war dem ersten Anschein nach nichts. Mehr als föhnen, tupfen und abwarten (ohne Tee) konnten wir nicht tun, und brauchten wir auch nicht zu tun. Am nächsten Tag konnte der Schlepptop zusammengesetzt und wieder in Betrieb genommen werden. Puh! Hätte ich statt erkalteten Tee, was weiß ich, einen klebrigen Milchshake oder Schwefelsäure getrunken, hätte die Sache womöglich ganz anders ausgesehen. Auch während ich diesen Beitrag tippe, steht ein Glas Tee neben dem Rechenknecht. Ich bin aber ganz vorsichtig!

Freitag, 8. Mai 2026

Ende (Te)gut?

Ich werde sie vermissen, die Supermarktkette Tegut, die sich in nur fünf deutschen Bundesländern verbreitet hat, mit den meisten Filialen in Hessen. Wie in den letzten Wochen bekannt wurde, zieht sich der Schweizer Mutterkonzern Migros zurück, Rewe und Edeka rücken nach, indem sie sich ganze "Pakete" sichern. Und ein mir bis vor kurzem noch gar nicht bekannter Player hat die Bühne betreten! Der Betreiber "Tante Enso" will in Hessen bis zu 36 Teguts (Tegüter?) übernehmen. Das Konzept dieses Mini-Marktes ist ein hybrides: Man kann rund um die Uhr ("vierundzwanzig-sieben", wie man heutzutage leider immer öfter hört) darin einkaufen, zu bestimmten Zeiten kassieren dort aber echte Menschen ab. Tegut hatte ja zuletzt etwas Ähnliches etabliert: kleine, das Nötigste zu leicht erhöhten Preisen führende Buden namens "teo" ("Dein digitales Einkaufserlebnis"), wo man sich selbst am Sonntag versorgen konnte, was eine Zeitlang die hessischen Gerichte beschäftigte. Am Hanauer Hauptbahnhof habe ich so ein Lädchen zum ersten Mal gesehen. I for one welcome our Enso overlords. Dennoch wird mir Tegut, wie gesagt, fehlen. Generell war es dort etwas teurer, aber jede Woche gab es zwei, drei Angebote, die preislich schlicht unschlagbar waren. Und wo bekomme ich künftig die gute Reichenhof-Mitternachtssuppe her?

Donnerstag, 7. Mai 2026

Tausend tolle Trading-Tipps

Nein, es gibt eigentlich nur einen einzigen Tipp, den ich in Sachen Wertanlagen und Wachstumssparen für euch habe: KEINE PANIK! Der Bedeutsamkeit dieses Mantras wurde ich mir letztes Jahr bewusst, und seit ein paar Tagen glaube ich fest an die Prinzipien der Erholung, der Selbstregulierung und des Börsenzyklus. Das hier ist die Wertentwicklung des ETFs, in den ich jeden Monat einen festen Betrag einzahle:


Der Einbruch im April '24 – das waren DIE ZÖLLE, und ich würde lügen, behauptete ich, dass mir da kein bisschen die Muffe gegangen wäre. Doch blieb ich geduldig und besonnen. Heute steht der Kurs im Schatten von Iran-Krieg, Ölkrise, US-Truppenabzügen und neuerlichen Zolldrohungen bei +35,59 Prozent: Rekord! Wenn die Medien anlässlich irgendwelchen Trump'schen Geblubbers also mal wieder die Pferde scheu machen, denke ich mir: Lass sie reden. The boy who cried wolf ... Ich brauche hier weder den absoluten Wert noch den Namen meines ETFs zu nennen, ist er doch ein aussagekräftiges und zuverlässiges Wirtschaftsbarometer; mein Aktiendepot (in dem ich allerdings nur mit ein bisschen Spielgeld experimentiere) macht derzeit vergleichbar große Sprünge.

Ob ich im Falle eines richtig krassen Crashs auch so cool und überheblich bleibe? Klar! Dann rauschen wir schließlich alle gemeinsam in den Abgrund. Bis dahin gilt: Nicht die Nerven verlieren, nicht alle Eier in einen Korb legen und (beispielsweise) die Ratschläge in diesem t-online-Artikel beherzigen.

Dienstag, 5. Mai 2026

Wort des Tages

Kokushobi (japanisch): "Es lässt sich mit 'brutal heiß' übersetzen und soll in Zukunft in den Nachrichten verwendet werden, wenn draußen mehr als 40 Grad herrschen, wie die japanische Wetterbehörde im April bekannt gegeben hat." (Süddeutsche Zeitung)

Bleibt zu hoffen, dass in mehr oder weniger naher Zukunft nicht noch ein weiteres Prädikat eingeführt werden muss, weil kokushobi das "neue Normal" geworden ist.

Montag, 4. Mai 2026

Fragen, die ich mir selbst stelle

Kerosin ist derzeit in aller Munde – also, nicht die Flüssigkeit selbst, sondern das Wort. Woher dieses aber kommt, weiß ich nicht, und ich habe bis heute Morgen noch nie darüber nachgedacht. Hat es was mit den Keren, den griechischen Todesgöttinnen, zu tun? Im Herkunfts-Duden fehlt "Kerosin" leider, aber das verlässliche Wiktionary hilft uns weiter: Demnach geht das Wort "auf den Arzt und Geologen Abraham Gesner (1797–1864) zurück, der 1854 in Nova Scotia (Kanada) aus Kohle eine leicht entflammbare Flüssigkeit gewann. Ein dabei entstehendes wachsartiges Zwischenprodukt, das bei dem Vorgang eine wichtige Rolle spielte, ist der Grund dafür, dass er die Flüssigkeit 'Kerosin' genannt hat; aus altgriechisch κηρός (kēros) → 'Wachs' und dem Suffix -in." Dem griechischen Nomen kann, wer will, noch weiter nachspüren, etwa in Frisks Griechischem Etymologischen Wörterbuch (2. Aufl., 1973), das sich, kurz gesagt, gegen eine ur-indogermanische Wurzel ausspricht und "mit orientalischer Herkunft" rechnet. Im lateinischen cēra (Zerat kenne ich aus dem Kreuzworträtsel!) liegt "wahrscheinlich" eine Entlehnung vor.

Samstag, 2. Mai 2026

Serientagebuch 04/26

01.04. Get a Life 1.19
Waco 2.03
03.04. Run Away 1.05
Run Away 1.06
05.04. Run Away 1.07
Run Away 1.08
08.04. Fallout 2.01
Reboot 1.01
Reboot 1.02
09.04. Waco 2.04
Reboot 1.03
10.04. Get a Life 1.20
11.04. Waco 2.05
14.04. Family Guy 24.10
Reboot 1.04
Fallout 2.02
15.04. Get a Life 1.21
16.04. Family Guy 24.11
Reboot 1.05
17.04. Fallout 2.03
19.04. Reboot 1.06
20.04. Get a Life 1.22
22.04. Reboot 1.07
Reboot 1.08
24.04. The Capture 3.01
The Capture 3.02
25.04. Fallout 2.04
26.04. Leverage 3.01
28.04. The Capture 3.03
29.04. Family Guy 24.12
30.04. Leverage 3.02

Fand ich die red herrings in "Safe" noch einigermaßen gewitzt und dem Thrill dienlich, erschienen mir die falschen Fährten und im Nichts verpuffenden Nebenstränge in Run Away aufgesetzt und öde. Beispielsweise bekommen wir Szenen aus der Vergangenheit einer Privatdetektivin serviert, die absolut nichts bedeuten, ja nicht einmal bewirken, dass nämliche Figur mehr Profil bekommt. Sechs Episoden statt acht hätten hier locker ausgereicht. Wie für Harlan Coben, von dessen Romanen es mittlerweile TV-Umsetzungen wie Sand am Meer gibt, typisch, ist auch der Plot von "Suche mich nicht" (so der deutsche Titel) tüchtig verschachtelt; und hier zahlt sich das in vielen Artikeln diskutierte dumbing-down, das Netflix seit einiger Zeit betreibt, um Second-screen-abhängige Jugendliche nicht zu verlieren, aus: Die zahlreichen Rückblenden, Wiederholungen, Infodumps und verbalen Expositionen haben mir wirklich geholfen, der vielschichtigen Handlung zu folgen. Die übrigens – das möchte ich festhalten, falls meine bisherigen Ausführungen zu negativ klangen – wieder recht mitreißend war. Den Cast in dieser in Manchester spielenden britischen Produktion fand ich eher zweckmäßig. Der prominenteste Name ist einer Schauspielerin vorbehalten (Minnie Driver), deren Rolle die meiste Zeit, nun ja, reichlich passiv ist.

Die Fortsetzung der soliden Miniserie Waco (2018) wurde gar nicht als zweite Staffel vermarktet, sondern als einen für sich stehenden Epilog namens "Waco: The Aftermath". Da ich diesen Titel jedoch nicht fünfmal ins Tagebuch tippen wollte, habe ich diesen Mehrteiler der Einfachheit halber als "2.XX" durchnummeriert. Einige Schauspieler des Vorgängers sind wieder an Bord, darunter Shea Whigham und Michael Shannon, neu sind u.a. Giovanni Ribisi und Sasheer Zamata in einer seltenen nicht-komischen Rolle.
In "The Aftermath" geht es, man kann sich's denken, um die strafrechtliche Aufarbeitung des Waco-Desasters einerseits, andererseits um die indirekten Einflüsse der "Branch Davidians" auf andere durchgeknallte Radikalinskis, mündend in den Bombenanschlag von Oklahoma City 1995. Die Metamorphose des selbsternannten Propheten David Koresh, in Flashbacks präsentiert, hätte ich nicht gebraucht, ansonsten ist die Showtime-Show von 2023 aber flott inszeniert und aufschlussreich.

Endlich, endlich hatte ich Gelegenheit, die amerikanische Serie Get a Life zu schauen – allerdings noch nicht komplett: Die etwas kürzere zweite Staffel steht noch aus. Dafür, dass diese Sitcom 1990 (!) das Licht der Welt erblickte (auf Fox), wirkt sie wie ihrer Zeit weit voraus, für eine klassische Sitcom ist sie nämlich viel zu surreal, abgedreht, avantgardistisch. Was sich 08/15-Familien-Comedyserien einmal im Jahr, meist zu Halloween, trauten, nämlich gewohnte Pfade zu verlassen und etwas Spinnertes mit übernatürlichen oder zumindest cartoonhaften Elementen abzuliefern, ist bei "Get a Life" gang und gäbe. In einer Folge wird Titelheld Chris, der mit 30 Jahren noch bei seinen Eltern lebt und als Zeitungsjunge arbeitet, von einem Roboter namens "Paperboy 2000" ersetzt, in der nächsten Woche wird er Opfer eines indianischen Fluchs, ein ander Mal taucht er mit einem U-Boot, einer Jahrzehnte verspätet zugestellten Comicheftprämie, in seine Badewanne.
Die wunderbare Absurdität verdankt sich der kreativen Mitwirkung von Hauptdarsteller Chris Elliott (vgl. "Eagleheart"; ich empfehle auch seine irren, in sonder Zahl auf Youtube zu findenden Letterman-Auftritte). Als ein weiterer von drei Showrunnern fungierte David Mirkin, der zunächst für die "Simpsons" angefragt worden war (wo er später doch noch als Ausführender Produzent hinzustoßen sollte), aber zugunsten dieses nicht-animierten Klamauks ablehnte: ein Segen! Als Glücksgriff erwies sich auch, dass Chris Elliotts leibhaftiger Vater, der Komiker Bob Elliott, den Serienvater verkörpert. Und von R.E.M.s "Stand", dem Introlied, habe ich seit Wochen einen Ohrwurm.

Um eine "klassische Sitcom", wie ich sie eben meinte, geht es in Reboot. Die an "Alle unter einem Dach" & Co. erinnernde fiktive Sitcom "Step Right Up" aus den frühen 2000ern soll neu aufgelegt werden. Die Verantwortung dafür trägt eine junge Autorin, die nun mit den Darstellern von früher, die alle ihren eigenen Spleen entwickelt haben, sowie dem Schöpfer der Serie, ihrem entfremdeten Vater, zusammenarbeiten muss. Dazu gesellt sich ein schrulliger Writers' Room unterschiedlicher Generationen. Die Charaktere sind trefflich ausgearbeitet und prima besetzt (Keegan-Michael Key, Judy Greer, Johnny Knoxville und, meine Favoritin, Rose Abdoo). Mit seinen Insiderwitzen über das Fernsehgeschäft und den galligen Seitenhieben auf Hollywood erinnert "Reboot" gelegentlich an einen (versexteren) Cousin von "30 Rock", auch wenn es nie dessen Gagdichte und Tempo erreicht. Eine Verlängerung war dem Hulu-Vehikel leider nicht vergönnt, was besonders schade ist, weil im Staffelfinale mehrere dramatische Fässer aufgemacht werden, die nach einer Fortsetzung schreien. Jenun, vielleicht gibt es ja irgendwann ein Reboot.