Samstag, 21. Januar 2012

Rumliegendes

Vor einiger Zeit erinnerte ich mich aus heiterem Himmel an ein Wort aus dem Geographieunterricht, das ich schon damals, als ich es kennen lernte, überaus amüsant fand:

Rotliegendes

Ich schlug den Begriff bei Wikipedia nach (er bezeichnet eine Gesteinseinheit) und las dort, dass die Form Rotliegendes "fachlich nicht empfohlen" wird, "da sie als internationale Bezeichnung in nicht deutschsprachigen Ländern schwerer anwendbar ist". Stattdessen solle die nicht-deklinierbare Form Rotliegend verwendet werden. Das ist der Hammer! Denn dieses Wort wäre das einzige Beispiel einer echten sog. Nullableitung eines Partizips I!

Zur Erklärung: Eine Nullableitung liegt vor, wenn ein Wort von einer Wortart in eine andere Wortart übergeht, ohne dass sich die Form des Wortes verändert. Das passiert zum Beispiel, wenn man aus dem Infinitiv eines Verbs ein Substantiv macht: rennen --> das Rennen. Man nennt diesen Vorgang auch Konversion, wobei Konversion oft weiter gefasst wird und von vielen Linguisten auch Beispiele wie schlecht --> der/die/das Schlechte dazu gezählt werden. Demnach würde auch das Wort Rotliegendes <-- Partizip I rotliegend in diese Wortbildungskategorie fallen. Allerdings haben wir bei Rotliegendes bereits zwei Buchstaben mehr, nämlich die Nominativ-Singular-Endung -es.

Rotliegend aber ist eine Konversion im strengsten Sinne und als Derivation eines Partizips I einzigartig. Oder kennt ein Leser / eine Leserin ein weiteres Beispiel, möglicherweise ebenfalls aus einer Fachsprache? Dann her damit!

PS: Rotliegend heißt auf Englisch ebenfalls rotliegend. Andere geologische Fachwörter deutschen Ursprungs wurden leicht angepasst. Aus Gneis wurde gneiss, aus Quarz wurde quartz und aus Feldspat lustigerweise feldspar.

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