Samstag, 11. Juli 2020

Ver(gul)arscht

Es ist schon zehneinhalb Jahre her, dass ich dies aufschrieb (damals war ich noch Fleischesser), aber es beschäftigt mich bis zum heutigen Tage:

Angekündigt war im Speiseplan der Mensa ein Gericht namens "Paprika-Gulasch". Bei diesem Wort denkt natürlich jeder sofort an Gulasch mit Paprika (zumal die Ungarn das, was wir unter Gulasch verstehen, Paprikás nennen). Was aber gab es? Gulasch aus Paprika! Also Paprika statt Gulasch, sprich: ein Gulasch ganz ohne Fleisch, was per definitionem gar nicht möglich ist! Das ist ja, als ob man Kräuterhacksteak ankündigt und dann ein "Steak" serviert, das lediglich aus Kräuterpampe besteht. (Okay, probieren würde ich so was durchaus.)

Dienstag, 7. Juli 2020

Wer die Nachtigall hört



Womöglich bin ich zu beschränkt, um den tieferen Sinn zu verstehen, aber auch nach circa zehnmaligem Lesen sagt dieses "Poem" doch nichts anderes aus als "Hört die Nachtigall, gar kunstreich ist ihr Gesang am späten Abend." Dass die Nachtigall (Vogel des Jahres 1995) recht apart trällert, ist doch keine allzu neue Erkenntnis, oder? Und das reimt sich nicht mal.

Nachtrag: Leser A. weist mich darauf hin, dass es sich um ein Haiku handelt, was mir hätte auffallen sollen, da ich ja weiß, dass diese Gedichtform in Abreißkalendern inzwischen etabliert ist. Ich erlaube mir das Urteil, dass es sich dennoch nicht um besonders tiefgründige Lyrik handelt.

Montag, 6. Juli 2020

Opa versteht Jugendsprache

Neulich spazierte ich zufällig an einer Tischtennisplatte vorbei, an der vier Kinder spielten, als eines von ihnen rief: "GG – good game!" Das hatte ich seit mindestens 15 Jahren nicht mehr gehört! "GG" zählte damals, Anfang der 2000er, zu den am häufigsten hervorgebrachten Respektsbekundungen in meinem Bekanntenkreis. Seine Ursprünge in der "Counterstrike"- und "Quake III Arena"-Szene habend, schwappte es nach und nach in sämtliche Bereiche des (Zusammen-)Lebens über. Das Kürzel wurde damals allerdings englisch ("Dschie-dschie") ausgesprochen, während die circa zehn- bis zwölfjährigen Kids im Park es deutsch artikulierten. Trotzdem erstaunlich, wie lange sich so etwas hält.

Samstag, 4. Juli 2020

Damast-read

Kleines Update zum Beitrag "Realität und Phantastik": In der dritten von George R.R. Martins Heckenritter-Novellen, "The Mystery Knight", kommt abermals ein Wort vor, das es in der Welt von "Eis und Feuer" gar nicht geben dürfte. Ein Kleidungsstück von Lord Butterwell wird beschrieben als "damask tunic", also als eine Tunika aus Damast. Nun geht dieses Wort, wie man sich denken kann, auf den Namen der syrischen Stadt Damaskus zurück (lateinisch Damascus > mittelenglisch damaske; das End-t der deutschen Entsprechung erklärt sich aus einer italienischen Nebenform damasto)*. Wie kann ein Gewebe, das seinen Ursprung in der Welt von uns Lesenden hat, nach Westeros kommen? Eine Entsprechung, eine unabhängige Parallelentwicklung, wie sie in Martins Saga mehrfach vorkommt, könnte ich ja mit Leichtigkeit akzeptieren, aber dann bitte unter einer anderen Bezeichnung!

PS: Ein wenig Googelei fördert zutage, dass die Stelle im Buch, auf die ich mich beziehe, nicht das erste Vorkommen von Damast im Werke GRRMs ist, aber es war anscheinend die erste, an der es mir aufgefallen/-gestoßen ist. In der deutschen Ausgabe ("Der geheimnisvolle Ritter") ist übrigens von "Lord Butterquells feinem Gewand" die Rede, doch taucht vorher das arabischstämmige Wort auch hier auf.

* Erfunden wurde Damast wahrscheinlich nicht in Damaskus selbst: "Während des 12. Jahrhunderts wurde der in Damaskus produzierte Stoff so populär, dass der Stoff den Stadtnamen übernahm." (Wikipedia); "While the fabric, the steel, and the damask rose probably did not originate in Damascus, their long association with the ancient city has nevertheless impressed itself upon the English language." (Merriam-Webster)

Donnerstag, 2. Juli 2020

Pop! goes the Riegel

Bei Aldi-Süd sprang mir ein neues Produkt ins Auge, das ich sofort mitnehmen musste: Popcorn-Riegel der Eigenmarke Knusperone.


Man kann sich zwischen süß und salzig entscheiden, und ich bin froh, die salzige Variante gewählt zu haben. Sie ist immer noch süß genug, rückt das Geschmackserlebnis aber befriedigend in die Trend-Ecke salted caramel & Co. Ohne nachgeschaut zu haben, mit wie vielen Kilokalorien dieser Snack zu Buche schlägt, kommt er mir sehr leicht vor, was an seinem luftigen Gewicht von 20 Gramm liegen dürfte. Damit ist er in drei bis vier Happen weggeknuspert. Der Nachgeschmack ist womöglich nicht jedermanns Sache: ein Goût von unbehandelter Kuhmilch, wie er mir in längst vergangenen Tagen begegnete, wenn meine Familie frisch gezapftes Melkgut vom Bauern in der Nähe unserer Datsche holte. Beim ersten Verzehr habe ich mich tatsächlich zu dem etwas forschen Urteil "Schmeckt wie Gülle!" hinreißen lassen; so arg ist's aber nicht. Ich vergebe 7/10 Punkten.


Dienstag, 30. Juni 2020

Kurz notiert: Doofschaf?

Kurioses Wort bei "Spiegel online" gelesen. In einem Artikel über NRWs Rückkehr zu strengeren Pandemie-Eindämmungsregeln wird der Gesundheitsminister des Landes, Karl-Josef Laumann, wie folgt zitiert: "Man kann das nicht dorfscharf machen. Das gesellschaftliche Leben orientiert sich nicht an Dorfgrenzen." (Hervorhebung von mir) Gemeint ist vermutlich: trennscharf bis auf die Dorfränder genau.
Offenbar stieß man sich nicht an etwaigen Bedeutungshürden und hob den Satz sogar in die Überschriftenzeile. Googelt man "dorfscharf", findet man denn auch nichts anderes als das Laumann-Zitat vom 23. Juni des Jahres. Ein mir unbekanntes Blog hat die Vokabel prompt zum "neuen Lieblingswort" erkoren.


Sonntag, 28. Juni 2020

Erase & rewind

"Wie wäre es, wenn künftig keine neuen Filme mehr entstünden und wir mit den vorhandenen auskommen müssten?", fragte die FAS kürzlich. Ja, wie wäre das wohl? Herrlich wäre das! Was ich schon seit Jahren fordere, tritt jetzt zwangsläufig – aus traurigen Gründen – ein: dass die Produktion von Filmen und Serien zum Stillstand kommt, damit wir Bewegtbildfilms endlich mal das viele Ungeguckte abarbeiten können. Ich jedenfalls weine der Fortsetzungs-, Remake-, Reboot- und MCU-Stangenware, die uns diesen Sommer erwartet hätte, keine Träne nach.

Wenn die Pandemie vorbei ist, haben Hollywood & Co. die Chance, sich mit frischen Innovationen neu zu erfinden. Aber seien wir ehrlich: Es wird vermutlich genau so öde weitergehen wie vor Corona. Weswegen die unvermeidlichen Opfer der Krise wenig zu bedauern sind. Ich sehe es zwar nicht ganz so pessimistisch wie Torsten Dewi, aber auch ich meine, dass man den unrettbarsten Komapatienten der Filmindustrie nun endlich den Stecker ziehen sollte.

Was genau erhoffe ich mir denn? Nun, das vermag ich nicht zu sagen; man möge mich überraschen! Abgesehen von unverbrauchten, mutigen Stoffen (auf "Tenet" freue ich mich zugegeben tatsächlich) wünsche ich mir unterhaltsame Ideen, die den Besuch eines Lichtspielhauses steigern, wenn schon das Gezeigte nur mittelmäßig ist. Stephen King erinnert sich in seinem theoretischen Werk "Danse Macabre" von 1981 an die zahlreichen Gimmicks, welche die Horrorfilmkultur der Sechziger und Siebziger hervorbrachte: blutrot eingefärbtes Popcorn – "Bloodcorn" – als Snack; eine "fright insurance" genannte Versicherung, die deinen Hinterbliebenen 100.000 $ zusprach, solltest du während der Vorführung vor Schreck den Löffel abgeben; Krankenschwestern im Saal und vorgeschriebene Blutdruckmessung im Foyer; Spielereien mit dem Raumlicht bei besonders intensiven Szenen; Schauspieler, die quasi als Real-life-Projektion durch die Reihen rannten und das Publikum erschreckten. So etwas sähe ich gerne.
 

Freitag, 26. Juni 2020

Montag, 22. Juni 2020

Eines meiner all-time-Lieblingswörter

Endlich habe ich es mal in freier Wildbahn entdeckt: das wunderbare und kaum mehr bekannte Substantiv Wittib ("Witwe").


Die Fundstelle war nahe Eltville am Rhein, mithin Deutschland und nicht Österreich, wo laut einschlägigen Quellen die Variante "Wittib" der Schreibung "Witib" bevorzugt wird. Trotzdem bekommt dieser Beitrag das Label #österreich verpasst, damit im Blog (rein zufällig!) zwei Postings zu diesem Stichwort hintereinander auftauchen.

Samstag, 20. Juni 2020

Schmipf und Schnade

Manche Dinge ändern sich nie. Wutkommentare, Hatespeech und Zuschriften empörter Leser kommen anscheinend einfach nicht ohne Fehler aus. Das ist heute so und war 1927 schon so, wie dieser Brief an Karl Kraus zu beweisen möglicherweise geeignet ist:

Aus: Vor der Walpurgisnacht.
Die Falschschreibung von "Dreckfrechling" ist allerdings der Scan-Software geschuldet, nehme ich an. 

Auch inhaltlich und stilistisch nimmt sich das nicht viel im Vergleich zu modernen Textproben. Eine Studie darüber oder eine allgemeine Geschichte des Hasskommentars läse ich gern.

Mittwoch, 17. Juni 2020

Fragen, die ich mir selbst stelle

Heute: Wie funktionieren Anti-Verfärbungs-Tücher? Woher "wissen" die kleinen, weißen Stofffetzen, dass sie die beim heißen Waschen austretenden Farbstoffe bunter Textilien aufnehmen müssen, damit andere, hellere Kleidung nicht in Mitleidenschaft gezogen wird?


Die Rückseite der Packung schweigt sich zu den wissenschaftlichen Grundlagen aus, benutzt aber in Bezug auf Wäsche das schöne Wort "ausbluten". Auch findet sich der Hinweis, dass die Tücher "bis 5 Jahre nach Herstelldatum" haltbar seien; als ich das letzte Mal eins verwendet habe, hat es allerdings noch hervorragend funktioniert, obwohl es deutlich älter als fünf Jahre gewesen sein muss.

Die Seite waschmaschinen-test.de erklärt, dass Farbfangtücher sich durch besonders feine Mikrofaserigkeit auszeichnen, weswegen sie Farbmoleküle schneller als die mitgewaschenen Textilien aufnehmen. Das Schweizer Testmagazin "Kassensturz" ist da kritischer: "Das Labor hat festgestellt, dass die Tüchlein selber beim Waschen Farbe annehmen. Nur nützt das nichts. Denn die anderen Textilien verfärben sich deswegen kein bisschen weniger. Nur entsteht so der irreführende Eindruck, die Tüchlein würden die andere Wäsche vor dem Verfärben schützen." 6 von 7 getesteten Tüchlein wurden als praktisch wirkungslos "entzaubert" und mit "ungenügend" bewertet. Man solle lieber ein gutes Colorwaschmittel nehmen: "Colorwaschmittel enthalten Antihaftsubstanzen gegen das Abfärben".

Bei frag-mutti.de gehen die Meinungen und Erfahrungen auseinander. Unabhängig von der Wirkung(slosigkeit) wird hier indes auf einen ganz anderen Aspekt der Tücher aufmerksam gemacht, nämlich "die Eigenschaft, sich zum Dichtungsgummi an der Tür zu bewegen", wo sie dann steckenzubleiben pflegen. Das ist mir zum Glück noch nicht passiert.

Grundsätzlich wasche ich weiße Wäsche ohnehin separat. Aber manchmal möchte man halt gerne ein etwas helleres Shirt möglichst bald wieder tragen und wirft es in einen "Kessel Buntes" mit hinein. Dabei haben die Anti-Verfärbungs-Tücher bis jetzt immer ihre Aufgabe befriedigend erfüllt.

Montag, 15. Juni 2020

Videospieltipp: Blackwood Crossing

In etwas unter drei Stunden hat man dieses bislang einzige Spiel des britischen Studios PaperSeven von 2017 durchgespielt, dafür ist die Erfahrung recht nachhaltig. Der Rätsel- und Gameplay-Anteil dieses Adventures ist wie bei so vielen "Serious Games" – denn als solches würde ich es einstufen – gering: mit Leuten in der richtigen Reihenfolge sprechen, dies und das einsammeln, Dinge bewegen etc. Und doch musste ich an zwei Stellen eine Lösungshilfe bemühen (in einem Fall lag es daran, dass ich einen Hotspot partout nicht finden konnte).
Aber um das Puzzeln geht es ja auch gar nicht. Im Vordergrund steht die ziemlich traurige Geschichte, die sich in diesem Traumszenario entspinnt, welches gar nicht so traummäßig anfängt: Ein junges Mädchen unternimmt mit seinem kleinen Bruder eine Zugfahrt. Doch schnell wird klar, dass hier etwas nicht stimmt: Die Abteile sind leer, der Bruder verhält sich eigenartig, und dann tauchen auch noch mehr oder weniger vertraute Personen mit Tiermasken auf. Die Protagonistin muss in der Egoperspektive durch Herumgelatsche, Kombinationsgabe und (wie gesagt: nicht allzu anspruchsvolles) Erledigen von Aufgaben die Zukunft und die Vergangenheit bewältigen. Manches erinnert an "Through the Looking Glass", außerdem gibt es ein paar Achievements und die Musik ist nett. 
Wenn ich etwas kritisieren müsste, wäre es, dass "Blackwood Crossing" etwas schwerfällig ist, was Steuerung und Bewegung angeht. Das lag eventuell an der Plattform, auf der ich es gespielt habe (Windows-Laptop), auf Xbox oder PlayStation fühlt es sich womöglich flüssiger an. Und obwohl ich dieser Art Adventure viel abgewinnen kann, haben mich beispielsweise "Gone Home" oder "What Remains of Edith Finch" mehr gepackt. Da es sich aber um das Debüt der Entwickler aus Brighton handelt, sollte man nachsichtig sein.


Samstag, 13. Juni 2020

Tests zweier Chipse

1. Funny-frisch Kessel Chips Cross Cut Spicy BBQ Sauce Style: Diese neuen Chips mit einem leicht übertrieben langen Namen sind "im Kessel geröstet" und enthalten, wenn ich das richtig sehe, nur natürliche Aromen. Als Farbstoff dient Paprikaextrakt, als Säuerungsmittel Zitronensäure. Geriffelte Chips können enttäuschen, diese hier jedoch sind eine positive Überraschung. Würzig-rauchig, intensiv, zu Beginn leicht säuerlich, ohne dumpfen Nachgeschmack. 8/10 Punkten.


2. Funny-frisch Kichererbsen Chips Joghurt Gurken Style: Auch neu! Nachdem bereits die Linsenchips von Funny-frisch überzeugten, kann ich auch diesem Produkt ein wenn nicht überragendes, so doch gutes Zeugnis ausstellen. Man glaubt es kaum, aber man schmeckt tatsächlich Gurke heraus, wenn man sich eins dieser Dreiecke mit interessanter Oberflächenbeschaffenheit in den Mund schiebt. Das Gurkenextrakt macht's! Allergie-Information: Sesam, Süßmolken- und Joghurtpulver sowie glutenhaltiges Getreide sind drin. Neben Kichererbsenmehl (40 %) ist Reismehl, Süßkartoffel-, Knoblauch- und Zwiebelpulver enthalten. 7/10 Punkten.


Donnerstag, 11. Juni 2020

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Official Secrets
Ein toll besetztes Polit-Thriller-Drama über Vorgänge im Zuge der Resolution für die Irak-Invasion 2003. Mir war die spannende Geschichte um die britische Geheimdienstmitarbeiterin Katherine Gun (Keira Knightley) gar nicht bekannt, muss ich gestehen. Wem es auch so geht, der sollte diese dicht erzählte Rekonstruktion aus dem Jahr 2019, bei dem es auch um die Rolle der Medien und um teils absurde Gesetzgebung geht, nicht verpassen.

Les Misérables
Seit ich-weiß-nicht-wie-vielen Jahren befand sich diese Musicaladaption auf meiner Amazon-Watchlist, dann hatte ich einen Nachmittag Zeit, und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung! Film-Musicals sind ja so eine Sache, wobei: Jetzt, wo ich darüber nachdenke, waren die wenigen Beispiele, die ich gesehen habe, durch die Bank weg höchst amüsant und musikalisch mitreißend ("Cannibal! The Musical", Reefer Madness" [2005], "South Park: Der Film"). "Les Misérables" ist nicht nur ein Ohren-, sondern auch ein Augenschmaus: Ausstattung und Kostüme sind sensationell, und auch der Cast ist exzellent und gesanglich überraschend talentiert. Das gilt nicht nur für den Hauptdarsteller Hugh Jackman; auch Anne Hathaway, Russell Crowe, Helena Bonham Carter (in einer typischen Helena-Bonham-Carter-Rolle) sowie verrückterweise Sacha Baron Cohen überzeugen sehr.
Wer hier, gerade gegen Ende hin, nicht das ein oder andere Tränchen verdrückt, ist ein Monster!

Der Blaue Nachtfalter
Da ich vor einiger Zeit eingesehen habe, dass nicht alle deutschen Filme schlecht sein können und insbesondere Nachkriegsdramen einen Blick wert sind, habe ich mir recht wahllos den "Blauen Nachtfalter" herausgegriffen, in welchem die legendäre Zarah Leander 1959 ein Comeback feierte. Ich hatte die deutsch-schwedische Diva noch nie zuvor gesehen oder gehört und musste amüsiert feststellen, dass ihre Sprechweise an Dietmar Wischmeyers Kunstfigur "Der kleine Tierfreund" erinnert. Ihr Schauspiel ist – zumindest hier – mit "hölzern" zu beschreiben, wobei ich mich nicht gar so gehässig wie der "Spiegel" auslassen möchte. Was das Drehbuch angeht, kann ich der damaligen Kritik ("dreist gestümperte Groschenheft-Welt bei totaler geistiger Armut [...] mit handelsüblichen Gefühlssurrogaten") indes zustimmen. Der Autor schien sich nicht mal sicher gewesen zu sein, was "Der Blaue Nachtfalter" überhaupt sein will: Zu Beginn glaubt man, es mit einer Widerstandsgeschichte zu tun zu haben, dann wird es eine Familienschnulze im Chansonetten-Umfeld, es folgen Ausflüge ins Gangsterfach, und enden tut es als Gerichtsdrama (in welchem ein interessanter Strafrechtsgrundsatz eine Rolle spielt, der wohl dem größten Teil der Jurist_innen allenfalls im Studium begegnet ist). Ganz am Rande werden immerhin moderne Probleme wie Altersdiskriminierung und Emanzipation gestreift.
Fazit: Muss man sich nicht angucken. Und -hören schon gar nicht.

Marriage Story
Warum um diesen viel zu langen Scheidungs-Tearjerker ein so irrsinniges Bohei (bis hin zur mehrfachen Oscar-Nominierung) gemacht wurde, wird mir für immer ein Rätsel bleiben. Mit dem Milieu, in dem die "Story" angesiedelt ist, dürften sich 99 % des Publikums kaum identifiziert haben; schon eher die begeisterten Kritiker/-innen, deren Begeisterung den Hype denn auch maßgeblich beflügelt haben dürfte. Eine selbsterfüllende Prophezeiung. Warum das Drama eine FSK-Freigabe ab 6 erhalten hat, kann ich auch nicht nachvollziehen.
Scarlett Johansson und Adam Driver machen ihre Sache zugegebenermaßen gut. Als Theaterstück hätte das allerdings besser funktioniert, glaube ich.

The Clovehitch Killer
Ein Heranwachsender verdächtigt seinen Vater, ein lange gesuchter perverser Serienmörder zu sein. Zu Recht? Auf die Klischeeszenen, die man erwartet, wird dankenswerterweise verzichtet. Überhaupt hebt das zurückhaltende, dabei nicht unpackende, zeitversetzte Erzählen den Thriller knapp über den Durchschnitt. Der Clove hitch ist übrigens ein Knoten, der auf deutsch Webeleinenstek, Webleinstek oder Mastwurf heißt.

Seven Stages to Achieve Eternal Bliss by Passing Through the Gateway Chosen by the Holy Storsh
... habe ich in der Titanic-Humorkritik 6/20 besprochen.

Bird Box
Wie auch "Marriage Story" ein auf Netflix veröffentlichter Streifen, aber im Gegensatz zu ersterem viel zu niedrig bewertet (6,6 auf imdb). Dabei zieht der post-apokalyptische Grusler seine Spannung aus einer Prämisse, die man so noch nicht gesehen hat (wohl aber gelesen: in Josh Malermans Romanvorlage, die ich nicht kannte) und die ein wenig an "A Quiet Place" erinnert (der mir jedoch noch besser gefallen hat). Abermals ist die Besetzung zu loben, allen voran Sandra Bullock und John Malkovich.

Beautiful Boy
Aus den Amazon-Studios kommt diese an die Substanz gehende Literaturverfilmung mit Breakingstar Thimothée Chalamet als jugendliches Drogenopfer. Als seine Eltern: Steve Carell und Maura Tierney, mithin zwei Schauspielende, die mit Comedyserien groß geworden sind ("NewsRadio" wäre auch mal einen eigenen Beitrag wert). Das Ganze ist erwartbar traurig, wenn auch nicht komplett hoffnungslos und pessimistisch.

Cemetery Junction
Teenage angst zum Zweiten: Auf diese britische Dramödie von 2010 bin ich nur gestoßen, als ich in anderem Zusammenhang die Filmographie von Ricky Gervais durchgegangen bin. Ich lieh sie mir daraufhin aus der Bibliothek aus (ja, das mache ich noch gelegentlich!). Gervais ist hier nicht nur als Schauspieler in einer Nebenrolle vertreten, er hat auch gemeinsam mit seinem "Office"-Buddy Stephen Merchant das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Dementsprechend vulgär geht es hin und wieder zu, die Vulgaritäten beschränken sich aber auf die Sprache, so dass diese warmherzige 70er-Jahre-Coming-of-age-Story durchaus familientauglich ist.

Parallelwelten (OT: Durante la Tormenta)
Zum Schluss noch ein spanischer Vertreter des Zeitreisegenres. Man muss ein wenig aufpassen, aber am Ende löst sich alles einigermaßen logisch und befriedigend auf. Zur Handlung möchte ich nichts verraten.

Mittwoch, 10. Juni 2020

Kurz notiert: D+NH+D+D

Völlig an mir vorbeigegangen ist, dass Ende Januar dieses Jahres zwei indische Unionsterritorien zu einem neuen zusammengeschlossen wurden: Aus Dadra und Nagar Haveli und Daman und Diu wurde Dadra und Nagar Haveli und Daman und Diu. Es besteht aus drei Distrikten (Dadra und Nagar Haveli bilden einen eigenen). Sprachen mit dem Status "Official language" sind Gujarati, Konkani und Hindi (wobei die englischsprachige Wikipedia auch Marathi anführt) sowie Englisch. 
Herzlich willkommen!
Erste positive Bilanz: Dadra und Nagar Haveli und Daman und Diu hat, im Gegensatz zu seinen stark betroffenen Nachbarbundesstaaten Maharashtra und Gujarat, zum Zeitpunkt dieser Niederschrift keinen einzigen gemeldeten Covid-19-Fall.

Montag, 8. Juni 2020

Bundabergfest

Zwei neue Sorten aus dem Hause Bundaberg (Down under) waren bei Rewe erhältlich.


1. Blood Orange Brew. Die Blutorange, eine sträflich vernachlässigte Getränkegrundlage, ist schon beim Öffnen der Flasche am Geruch auszumachen. Geschmacklich hätte die Frucht meinetwegen noch stärker hervortreten können. Aber es ist jene Milde im Verein mit der angenehmen Zuckerzurückhaltung, die diesen Drink selbst für Limonadenverächter wie mich sehr attraktiv macht. Leider habe ich abermals den Hinweis "Invert bottle before opening" missachtet. Punktzahl: 7/10


2. Lemon Brew. Trinkt sich ebenfalls ratzfatz weg. Als Softdrink-Part in alkoholischen Mischgetränken kann ich es mir nicht ganz so gut vorstellen, denn es ist viel weniger charakteristisch als das Bundaberg'sche Ingwer-Zugpferd. Auch dieser laut Etikett zwei Tage craft-gebraute Kohlensäure-Erfrischer mit 4,5 % fermentiertem Konzentrat aus Zitrone ist alles andere als überzuckert. Von mir aus könnte er sogar noch herber sein, aber wie gesagt: Umso gieriger und genussvoller stürzt man ihn sich an heißen Tagen (von denen es bereits ein paar gab) die Kehle herunter. Meine Wertung: 7/10. Hardcore-Zitrus-Fans, denen Sanpellegrino schon zu langweilig ist, ziehen einen Punkt ab.

Samstag, 6. Juni 2020

Mein Jahr mit der Eule

Ich habe von April 2019 bis April 2020 (fast) jeden Tag eine Übung mit der Sprachlern-App Duolingo gemacht. Dafür gab es dann eine Auszeichung:


Gegen Duolingo ist im Grunde nichts zu sagen. Man trainiert sein Gehirn, prägt sich Vokabeln ein und wird dazu motiviert, sich einmal täglich ein paar Minuten voll und ganz einer Sache zu widmen. Allein, zum richtigen Erlernen einer Sprache taugt diese Anwendung meiner Meinung nach nur bedingt. Das Prinzip beruht auf Repetition, Einprägen, ja, auch auf logischem Denken, aber nicht auf Begreifen. Nennt mich altmodisch, aber ich möchte Flexionstabellen, Wortbildungsschemata, Phrasenstrukturbäume, kurzum: ein theoretisches Fundament vorgesetzt bekommen. Ein Fremdsprachenkurs sollte zunächst einen langen, trockenen Anlauf nehmen, bevor er sich in die praktische Anwendbarkeit stürzt, auch wenn das vielen Lernenden, die möglichst zügig Konversation betreiben wollen, zuwider ist. Natürlich wird es dann anfangs etwas zäh und fordernd, aber umso sattelfester ist man am Ende, und man freut sich, wenn man selbstständig etwas sagt oder schreibt, weil man die dafür notwendigen Regeln verinnerlicht hat.

Gelernt (naja: "gelernt") habe ich übrigens Hindi, und gerade bei dieser Sprache kommt Duolingo an seine Grenzen. Ich finde nämlich, dass Hindi in die Kategorie "hard to learn, easy to master" fällt, im Gegensatz etwa zu Englisch, das relativ leicht zu lernen, aber schwierig zu meistern ist. Viele Seltsamkeiten und scheinbare Irregularitäten habe ich mir erst nach Ewigkeiten durch Zufall erschlossen oder weil ich die Erklärungen in der Kommentarfunktion der App gelesen habe (zum Glück können User zu jeder Aufgabe Anmerkungen hinterlassen, und freundliche native speakers helfen gern). Hier wären einführende Lektionen, die nicht sofort Dinge abfragen, unabdingbar gewesen. Beispielsweise gibt es eine Höflichkeitsregel, nach der die Bezeichnungen älterer Personen im Plural stehen; unzählige Male habe ich intuitiv "mein Großvater" in den Nominativ Singular Maskulinum gesetzt, bevor ich nachgelesen habe, warum mir das als Fehler angekreidet wurde. (Apropos Verwandtschaftswörter: Hindi kennt für "Tante" und "Onkel" jeweils vier Wörter!) Auch ist mir bis heute nicht klar, wann bei einem negierten Aussagesatz das Hilfsverb wegfällt und wann nicht. Anderes Beispiel: Es gibt eine Vergangenheitsform, bei der sich die Konjugation des Verbs quasi nach dem Objekt im Satz richtet. Also, nicht wirklich, man muss es wie eine Passivkonstruktion interpretieren, und das betrifft auch nur transitive Verben, ach, es ist kompliziert, jedenfalls muss man da erst mal drauf kommen! Trotzdem ist das meiste wunderbar sinnvoll.


Sehr löblich und hilfreich: Duolingos Kommentarfunktion

Kennt man all die besonderen Kniffe und Fallstricke (und nach einem Jahr ist das geschätzt lediglich ein Bruchteil), kann man viel Freude an dieser Sprache haben, auch wenn Hindi freilich bei weitem nicht so elegant und edel wie klassisches Sanskrit ist.

Dienstag, 2. Juni 2020

Quark von meinem Quarke

Die phantastischen Quarki-Riegel haben Konkurrenz bekommen: in Gestalt eines Milch-Snacks der beliebten Eismarke Plombir. Vielleicht war es auch andersrum, und Plombir-Riegel waren schon da, bevor Quarki auf den Markt trat, oder es handelt sich um voneinander unabhängige Innovationen. In beiden Fällen gibt es ja Verbindungen zu Osteuropa und Russland. Mit der Quarki-Sorte Vanille hat das Plombir-Produkt auffallende Gemeinsamkeiten in Geschmack und Aussehen. Ohne es genau begründen zu können, schmeckt mir Plombir nicht gaaanz so gut wie Quarki, vielleicht ist mir die quarktypische Säuerlichkeit nicht ausgeprägt genug. Positiv zu erwähnen ist, dass die Plombir-Riegel bei gleichem Preis 5 Gramm mehr auf die Waage bringen als Quarki (35 vs. 40 g). So komme ich auf wohlwollende 9/10 Punkte und kann nur raten, sich selbst ein Bild zu machen.


Wo ich schon mal bei Kaufland war, unterzog ich gleich die unmittelbare Nachbarschaft von Quarki und Plombir einem genaueren Check, und siehe: Riegel mit gekühlter Füllung auf Milchbasis scheinen der Food-Trend der Saison zu sein! Folgende Produkte, allesamt mit dem Blinker "NEU!" oder "New" versehen, waren vorrätig: Kinder Jogurt'In (anscheinend eine Art "Milch-Schnitte") in den Geschmacksrichtungen Mango-Maracuja und "Berry-Mix", Oreo Fresh Milk-Snack (mit dunkler Oreo-Schoko[?]-Hülle), Bounty Milk Snacks und Mars Milk Snacks. Falls es sich ergibt, werde ich diese Snacks nach und nach probieren.

Zunächst war aber ein anderes, schon seit Längerem existierendes Produkt an der Reihe: der Schoko Snack von Milka, ebenfalls aus dem Kühlregal. Tja, der hat mich eher kalt (!) gelassen. Es ist ein Mischmasch aus "Yes", "Kinder Pinguí" und abermals "Milch-Schnitte". Testvideos und Blogposts dazu finden sich haufenweise. Ich vergebe 5/10 Punkten.


Sonntag, 31. Mai 2020

Von Braunschweig ins Commonwealth

Bei meinen Nachforschungen zum deutschen Verwaltungsaufbau habe ich nur an der Oberfläche gekratzt, aber mir ist dabei klarer als zuvor geworden, dass der Föderalismus nicht von heute auf morgen und ohne finanzielles wie rechtliches Superschwergewichtheben abzuschaffen ist. Und das ist auch gut so! Bei allen Makeln ist es doch bei einem flächenmäßig nicht eben zwergenhaften Gebilde wie Deutschland ganz klug, gewisse Dinge in die Hände von Untereinheiten zu legen; und dass die Länder administrativ eigene Süppchen kochen, macht die Küche umso abwechslungsreicher. In Hessen zum Beispiel gibt es sieben sog. Sonderstatusstädte (bspw. Wetzlar und Bad Homburg v.d. Höhe), die teilweise Aufgaben des Landkreises übernehmen. Vergleichbar sind sie mit den sieben "großen selbständigen Städten" in Niedersachsen (Celle, Cuxhaven u.a.).
Rasch muss auch noch der Begriff "Weichbild" für eine Art Bezirk eingeführt werden, der zwar heute keine politische oder sonstige Bedeutung mehr hat, aber zum Beispiel im Städteaufbau Braunschweigs fortlebt: "Die Braunschweiger Weichbilde tragen noch immer ihre alten Namen: Altewiek, Altstadt, Hagen, Neustadt und Sack. Jedes von ihnen verfügte über ein eigenes Rathaus, einen eigenen Rat, eine eigene Pfarrkirche und eine unterschiedliche Bevölkerungsstruktur." Ein Weichbild entsprach in einigen Regionen einer größeren Gemeinde mit (abgespeckten) Stadtrechten, ähnlich einer Minderstadt. Das Wort hat weder etwas mit Weichheit noch mit Bildern zu tun, aber das steht ja alles auf Wikipedia.
In den Vereinigten Staaten von Amerika gibt es bekanntermaßen auch bedeutende Unterschiede, was Gliederung, Jurisdiktion & Co. angeht. So war ich neulich bass erstaunt darüber, dass in dem im Großraum Boston spielenden Kriminaldrama "Defending Jacob" (Apple+) die Staatsanwaltschaft immer vom "Commonwealth" spricht, wenn sie sich selbst bezeichnet (im Sinne von "the state"). Stellt sich heraus, dass vier US-Staaten sich so nennen: Kentucky, Pennsylvania, Virginia und eben Massachusetts. Da spiegelt sich noch die ehemalige britische Besitzung wider, wie sich ja auch in vielen Gesetzen und Institutionen das englische common law erhalten hat (während in Louisiana bis heute Einflüsse des Code Napoléon sowie spanischen Rechts erkennbar sind). Darüber hinaus tragen die Territorien Puerto Rico und die Nördlichen Marianen den vorangestellten Namenszusatz "Commonwealth of".
Mit dem Monat Mai endet auch mein kleiner Assoziations- und Wissens-Rundgang. Ich hoffe, dieses Experiment mit etwas aufwändiger recherchierten Schwerpunktbeiträgen im Drei-Tages-Rhythmus hat euch gefallen. Im Juni geht's dann wieder weiter mit Junkfood und Todesanzeigen.

Donnerstag, 28. Mai 2020

Von Flughafen zu Flughafen

Ähnlich mystische Unorte wie gemeindefreie Gebiete sind Transitbereiche von Flughäfen (so wie Flughäfen überhaupt! Lektüretipp: Flughafenwandern von Aleks Scholz). Kürzlich berichtete "Spiegel online" von einem Mann aus Deutschland, der knapp zwei Monate in der Transitzone des Delhi Airport festhing – allerdings freiwillig: Sein Weiterflug nach Istanbul sei zwar corona-bedingt gestrichen worden, doch hätte er die Möglichkeit gehabt, sich in seine Heimat zurückfliegen zu lassen, was er aber ablehnte, da "er in Deutschland eine strafrechtliche Verfolgung befürchtet". Ganz so irre wie in dem Tom-Hanks-Film "Terminal" ist die Geschichte also nicht.
Mir wiederum wurde mal ein längerer Aufenthalt im "Indira Gandhi International" untersagt. Und das kam so: Ich war am Ende einer Indienreise angelangt, und mein Rückflug von Delhi sollte seeehr früh gehen. Ha!, überlegte ich mir, da schlafe ich doch gleich auf dem Flughafen, bevor ich mir ein Hotelzimmer nehme, das ich dann doch bloß für eine halbe Nacht okkupiere. Ich also am späten Vorabend mit meinem ganzen Gepäck zum Airport ... an dessen Eingang mich ein Polizist zum Vorzeigen meines Flugtickets aufforderte. Dem kam ich bedenkenlos nach. "Nein, Sie dürfen noch nicht rein, Sie fliegen ja erst morgen früh", sagte der Schutzmann. Waswiewarum, wollte ich wissen. Wegen akuter Terrorgefahr dürfe sich niemand länger als nötig im Flughafeninneren aufhalten, erklärte man mir, ich solle zwei bis drei Stunden vor Abflug wiederkommen. Verärgert ließ ich mich zu einem beliebigen, überteuerten, moskitoverseuchten Hotel bringen (an spontane Recherche und Preisvergleiche war mangels Smartphone nicht zu denken, denn es war 2008), in dem ich dann noch vier Stunden dumm rumlag. Zusätzliches Ärgernis: Der Taxifahrer, dem ich meine Misere schilderte, bot mir an, mich am nächsten Tag wieder zum Flughafen zu fahren  für einen guten Preis, den ich sogleich entrichtete. Aber der Gauner ließ sich nie wieder blicken; der Rezeptionist wusste bei meinem Check-out von nichts und musste erst ein neues Taxi herbeirufen, so dass ich beinahe noch verspätet am DEL angekommen wäre!
Ein paar Wochen danach kam es dann zu den Anschlägen auf das "Taj Mahal Palace" in Mumbai. In einem Hotel in Mumbai war es auch, wo ich aus dem Fernsehen von der Lehman-Brothers-Pleite erfuhr, deren Berichterstattung eine Stimmung wie bei einem drohenden Weltuntergang begleitete. (Dass diese Krise dann doch nicht die Welt hat untergehen lassen, macht mich einigermaßen zuversichtlich, dass wir auch die laufende Pandemie überstehen könnten, und sei es mit zwei dunkelblauen Augen.) 
Einige Jahre später befand ich mich, moralisch und in Sachen Menschenkenntnis gestärkt, im Flughafen von Dublin oder einem in London und hatte dort einen Moment, den ich wahrhaftig heroisch nennen möchte. Die Reisenden waren, offenbar vollzählig, am Gate versammelt, als ein respekteinflößender Mitarbeiter mit militärischem Habitus seine Stimme erhob: Wir mögen unsere Reisepässe hervorholen, er werde sie jetzt kontrollieren. Das aber machte ich nicht mit! Sollen die sich doch beim Boarding meinen Pass vorlegen lassen, dachte ich, aber nicht so! Außerdem kann in dieser Situation, in diesem Menschenwirrwarr, niemals sichergestellt werden, dass jede einzelne Person überprüft wird. Und so kam es dann auch: Mit verschränkten Armen stierte ich selbstbewusst in alle Richtungen, und der Typ übersah (oder überging) mich einfach. Hätte er mich angesprochen, wäre ich stur geblieben, ja hätte sogar versucht, potenzielle Kampfgenossen zu mobilisieren und einen Aufstand anzuzetteln, wovon ich mir mit Blick auf die sich schafsartig Fügenden allerdings wenig Erfolg versprach. Als dann beim Einsteigevorgang wie erwartet eine abermalige Dokumentenprüfung erforderlich wurde, war ich schon ein bisschen stolz auf meine stille Rebellion.
Wieder ein anderes Mal, bereits an Bord, hätte ich mich beinahe mit einer Mitpassagierin angelegt. Ich hatte einen herrlich gehässigen, aber zu 100 % gerechtfertigten Wortschwall vorbereitet, musste dann aber an die Komödie "Die Wutprobe" denken und beherrschte mich. Weswegen der Auslöser für meine Erregung hier auch verschwiegen werden kann.

Montag, 25. Mai 2020

Von Grimsby nach Waterloo

Nach dem ausführlichen und für viele sicher ermüdenden Exkurs in die Welt der g.G. (eigene Abk.) möchte ich heute nur einige Zeilen zum leicht verdaulichen Thema Kriminalliteratur dalassen; auch weil ich nach einem mit Mühsal und abermaligem Computer-Ärger beladenen Tag allenfalls durchschnittlich starke Schreiblust verspüre.
Also: Das Fischer-Taschenbuch mit den Kriminalgeschichten von Dorothy Sayers, das ich aus dem Nidderauer Bücherschrank gezogen hatte, bereitete mir vergnügliche Lesestunden. Dabei fing es gar nicht gut an: Die erste Geschichte, "In vino veritas", war so dröge, dass ich sie nach wenigen Seiten abbrach. Zum Glück zwang ich mich zum Durchhalten, denn der zweite Fall, "Das Drachenhaupt", erinnerte an frühe "Drei Fragezeichen"-Erzählungen und sprühte vor blumiger Sprache und Lebendigkeit der Charaktere. Numero 3 ("Die verräterischen Schritte") erwies sich als handwerklich befriedigendes, aber aus heutiger Sicht arg konventionelles Whodunit, dessen Lösung ich leider beizeiten erriet. Der vierte Fall, "Die Leopardendame", war für mich der makabre Höhepunkt und stach mit seiner wickedness heraus wie Shirley Jacksons herrlich-fiese Short story "The Witch". Die fünfte und letzte Geschichte drehte sich um einen "Verdacht", der sich dem Leser schneller aufdrängt als der Hauptfigur, aber am Ende mit einem netten Dreh aufwartet. Nebenbei geht es dann um die Stadt Grimsby, die ich bisher nur aus der Sacha-Baron-Cohen-Komödie kannte.
Grimsby als Ortsnamen gibt es auch in Kanada und den USA und ist damit lange nicht so verbreitet wie Waterloo, das nicht nur der inoffizielle russische Name (Ватерлоо) der antarktischen King George Island, sondern auch in Neuseeland, Sierra Leone und Australien zu finden ist. In Letzterem sogar mehrfach, und in keinem davon, sondern in einem fiktiven "Waterloo" spielt der Krimi "Leiser Tod" von 2013 (auf deutsch erst 2018 erschienen). Es ist der erste Roman von Garry Disher, den ich lese, was ich nicht nur tue, weil das Feuilleton vergangenes Jahr bzgl. "Kaltes Licht" voll des Lobes war. Der Amazon-User "Manni Möllers" hat mich letztlich mit seiner Rezension "Buch" überzeugt: "ok"; 5 Sterne.

Freitag, 22. Mai 2020

Vom Sachsenwald in die Antarktis

Man muss in Hinblick auf bewohnte gemeindefreie Gebiete streng unterscheiden zwischen tatsächlich bewohnten und solchen, in denen sich lediglich bewohnte Gebiete befinden, die aber zu echten Gemeinden gehören. Letzteres ist der Fall bei den beiden gemeindefreien Gebieten Schleswig-Holsteins: 1.) Im Sachsenwald gibt es zwar sechs Wohnplätze, diese sind jedoch Exklaven von Aumühle (Kreis Herzogtum Lauenburg), 2.) "Die bewohnten Teile des Forstgutsbezirks Buchholz gehören als Exklaven zu den Gemeinden Bark, Hartenholm, Heidmühlen und zur Stadt Wahlstedt." (Wikipedia)
Die zwei in Baden-Württemberg bestehenden gemeindefreien Gebieten sind ihrerseits aus anderen Gründen bemerkenswert: Rheinau im Ortenaukreis ist ein kleines unbewohntes Waldgebiet, das zwar Kfz-Kennzeichen, Gemeindeschlüssel und Postleitzahl von Deutschland zugewiesen bekommen hat, aber rechtsrheinischer Grundbesitz der französischen Gemeinde Rheinau (Rhinau in der Landessprache) ist. Das andere gemeindefreie Gebiet in BaWü ist der Gutsbezirk Münsingen im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Der war bis 2010 sogar noch bewohnt. Der "Ersatz-Bürgermeister" der Gebietskörperschaft wurde im Gegensatz zu seinem hessischen Äquivalent nicht vom Forstamt bestellt, sondern von der Oberfinanzdirektion. Diesem Gutsbezirksvorsteher war wiederum ein sog. Geschätsführer unterstellt, von denen es zwischen 1946 und 2010 gerade mal zwei gab! Amtszeiten von 30 resp. 34 Jahren – ein Träumchen. Die Neuzuordnung der zuletzt 160 Einwohner kann hier genauer nachvollzogen werden. Münsingen (das wie Rheinau kein Wappen führt) liegt übrigens auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz und hat damit eine Gemeinsamkeit mit den einzigen beiden "echten" bewohnten gemeindefreien Gebieten, denen wir uns endlich zuwenden wollen (nach folgendem Absatz).
Auch die unbewohnten gemeindefreien Gebiete in Niedersachsen sind nicht uninteressant, es gibt welche mit Enklaven naher Gemeinden, andere, die ihrerseits Exklaven haben, sowie zwei ostfrieisische Inseln: Lütje Hörn sowie die etwas größere, aber zunehmender Überflutung ausgelieferte Insel Memmert, auf der immerhin Jahrzehnte lang ein Inselvogt obwaltete und bis vor kurzem beinahe permanent Vogelschützer residierten. Heute offizielle Einwohner/-innen gemeindefreier Gebiete sind jene von Lohheide und Osterheide.
Die Nachbarbezirke Lohheide und Osterheide sind 1945 als Nachfolger aus dem 1938 gebildeten "Gutsbezirk Platz Bergen", einem 1935 errichteten Truppenübungsplatz der Wehrmacht, hervorgegangen und dienen heute der NATO als Schießplatz. Loh- und Osterheide verfügen denn auch über einige bedeutende Gedenkstätten, ferner über Sehenswürdigkeiten wie steinzeitliche Gräber und das Schloss Bredebeck, in dem sogar schon die englische Königsfamilie logiert hat. Die Gebiete haben zwar keine Wappen, aber wenigstens "wappenähnliche Logos". Oberhaupt der knapp 2900 Einwohner ist ein Bezirksvorsteher, außerdem gibt es eine gewählte Einwohnervertretung aus elf Mitgliedern. Auf die innere Gliederung der Bezirke in Gemarkungen sei hier nicht näher eingegangen, festzuhalten ist jedoch noch dies: Gemeindefreie Gebiete sind entweder Eigentum des Landes, des Bundes oder der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben; Letzteres ist bei Lohheide und Osterheide der Fall.
Noch gar keinen näheren Blick geworfen habe ich auf die 174 gemeindefreien Gebiete in Bayern ... vielleicht ein ander Mal. Unklar ist mir auch noch, was einwohnermeldemäßig mit jemandem passiert, der in einem solchen Gebiet geboren wird, etwa im Forsthaus in einem Gutsbezirk. Vermutlich steht der gemeindefreie Bezirk ganz normal als Ortsangabe in der Geburtsurkunde. Rechtlich aufregender ist es ohnehin, wenn man in einem Territorium zur Welt kommt, auf das keine oder mehrere Nationen Anspruch erheben. Im Falle von Antarktika ist das bereits achtmal geschehen. Emilio Palma (*1978) – der einzige lebende Mensch der Welt, der von sich sagen kann, der erste auf einem bestimmten Kontinent geborene zu sein – hat de iure das Anrecht, sowohl die chilenische als auch die britische Staatsbürgerschaft zu führen.

Dienstag, 19. Mai 2020

Von Niedersachsen ins Nirgendwo

Gibt es denn auch Gemeinden in Deutschland, die gar kein Wappen haben? Eine Schnellrecherche deutet auf nein, doch hieß es über das bayerische Ried noch 2018, es "war lange Zeit die einzige Gemeinde ohne Wappen" (Augsburger Allgemeine), und als 2009 in Baden-Württemberg die neue Einheitsgemeinde Kleines Wiesental gegründet wurde, vergingen etliche Jahre, Wettbewerbe und Ausschreibungen, bis die Kommune ein Hoheitszeichen bekam.
Was es sehr wohl gibt, sind gemeindefreie Gebiete ohne Wappen, ein Thema, über das zu schreiben ich schon vor langem versprochen habe. Gebiete, die keiner politischen Gebietskörperschaft angehören, gibt es in Deutschland sage und schreibe 207 in sieben Bundesländern (Stand: Mai 2020). Die meisten bestehen aus Wald, einige führen namentlich den historischen Begriff "(Forst-)Gutsbezirk" fort, so etwa der Gutsbezirk Reinhardswald in Nordhessen, der übrigens eines von drei gemeindefreien Gebieten ist, die tatsächlich bewohnt sind. Beziehungsweise: Offiziell hat Reinhardswald null Einwohner, doch sind zwei Gaststättenbetreiber beim Forstamt von Reinhardshagen als im Forstgutsbezirk lebend gemeldet (nach Hessischer Gemeindeordnung fungiert der zuständige Forstbeamte als Gutsvorsteher und nimmt quasi Aufgaben eines Bürgermeisters wahr). Bizarrerweise liegt das von den beiden geleitete Ausflugslokal auch noch nahe der Grenze zu Niedersachsen, weswegen die ihnen zugeteilte Postleitzahl eine von Hann. Münden ist; zu dieser Lösung entschloss man sich Ende 2015, damit dort überhaupt Post zugestellt werden kann (ihr Wahllokal wiederum ist in Reinhardshagen, also Hessen).
Um genau solche verwaltungstechnischen Sperenzchen zu vermeiden, sind die Länder darauf bedacht, bewohnte gemeindefreie Gebiete mittelfristig aufzulösen oder wenigstens gesetzliche Grundlagen zu schaffen, die mit "der vom Grundgesetz garantierten kommunalen Selbstverwaltung und de[m] Demokratieprinzi[p]" konform gehen. Für die anderen zwei gemeindefreien Gebiete mit Einwohnern, beide in Niedersachsen, bedeutet dies, dass angedacht wird, "dass dort Einwohnervertretungen gewählt werden, die aber nur wenige eigene Entscheidungsbefugnisse haben." (Wikipedia) Um diese zwei Gebiete und manches mehr soll es beim nächsten Mal gehen, denn für heute dürfte es genug an hirnverschwurbelndem Input gewesen sein.

Samstag, 16. Mai 2020

Von Nordfries- ins Sauerland

Wir befassen uns noch einmal mit den zuletzt erwähnten Kirchspielen und machen einen Exkurs nach Schleswig-Holstein in die Zeit, als dieses eine preußische Provinz war. Im Rahmen der Einführung der Landgemeinden im Jahr 1867 gingen die Kreise Süder- und Norderdithmarschen sowie der Kreis Husum einen Sonderweg: Weil mit den dortigen eben so (Kirchspiel) genannten Gebietskörperschaften "bereits weltliche Strukturen vorhanden waren" (Wikipedia, wobei nicht erklärt wird, was das genau bedeutete), wurden aus diesen, bei räumlicher Deckungsgleichheit, kurzerhand Kirchspielslandgemeinden statt einfach nur Landgemeinden. Damit gingen bemerkenswerterweise kirchliche Verwaltungseinheiten 1:1 in politische Gemeinden über. 1934 gab es dann Neuaufteilungen und -ordnungen, Auflösungen und Eingliederungen, teilweise wurden auch ohne Gebietsveränderung aus Kirchspielslandgemeinden einfache Landgemeinden. Damit hatte jedoch nicht die letzte Stunde dieses außergewöhnlichen Wortes geschlagen: Als 1948 die Ämter (i.S.v. Bundkörperschaften aus mehreren Gemeinden, die es heute unter dieser Bezeichnung nur in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gibt) gebildet wurden, hießen diese in Dithmarschen und (zum Teil) in Husum wieder "Kirchspielslandgemeinden". Der Kreis Husum gab diese Benennung noch im selben Jahr wieder auf, doch in Dithmarschen gab es bis zur Reform von 1970 noch offiziell Kirchspielslandgemeinden. Und damit war's das immer noch nicht! Obwohl es sich nun offiziell um Ämter handelte, durften die jeweiligen Ortsnamen den vorangestellten Zusatz "Kirchspielslandgemeinde" bis 2007 behalten – und zwei tun das sogar bis heute: das Amt Kirchspielslandgemeinde Heider Umland und das Amt Kirchspielslandgemeinden [sic] Eider. Wer möchte sich das nicht in den Briefkopf schreiben!
Eine Gemeinde, die den Kirchspielbezug bereits 1934 aufgeben musste, ist das nördlich von Husum gelegene Horstedt, welches ich hier ins Feld führe, weil es heraldisch interessant ist. Der Entwurf eines neuen Gemeindewappens spaltete den Ort 2016: Der im unteren Drittel abgebildete Handschlag zweier Hände erinnerte die Bürgerinnen und Bürger an den sozialistischen Händedruck, wie man ihn vom SED-Symbol kannte. Gegen allen Protest wurde das Wappen durchgesetzt. Noch ungewöhnlicher als die zwei Hände, wenn auch nicht so ungewöhnlich wie ein Elefant, ist das, was oben links neben einem Hufeisen abgebildet ist: ein Windrad. Es befremdet mich, weil es in etwas so Altmodischem wie einem Hoheitszeichen irgendwie anachronistisch wirkt. Ein Pferd als Wappentier hätte sich angeboten, steckt doch in dem Ortsnamen Horstedt das mit engl. horse verwandte Wort dafür.
In Schleswig-Holstein gibt es viele für mich noch weiße Flecken. Sobald die Reisebeschränkungen gelockert sind, muss ich dort mal hin. In den Dutzenden Magazin-Artikeln und Online-Strecken der letzten Wochen à la "Urlaub vor der Haustür" oder "So schön ist Deutschland" taucht gerade Nordfriesland immer wieder auf. Im Stern wurde darüber hinaus diese Woche ein Gebiet vorgestellt, das ebenfalls terra incognita für mich ist: das Sauerland. Dass ausgerechnet die Stadt Schmallenberg mit einem großen Teaserfoto als Ausflugsbeispiel herhalten musste, fand ich indes unglücklich: Man sollte nicht vergessen, dass es vor SARS-CoV-2 auch schon furchterregende Viren gab ...

Mittwoch, 13. Mai 2020

Von Oldenburg nach Österreich

Im Wikipedia-Eintrag zum Feldschützen findet sich der Satz "Im Großherzogtum Oldenburg war die Funktion der Feldhüter als untere Polizeibedienstete durch eine Instruktion von 1832 verbindend für alle Kirchspiele geregelt." Kirchspiel – diese geistliche Verwaltungseinheit dürfte heute kaum jemand auf dem Schirm haben, doch begegnete mir das Wort just in Usingen (s. Eintrag vom 7.5.2020), auf dem alten Kriegstotengedenkstein vor der Eschbacher Kirche. Das "-spiel" in Kirchspiel hat nichts mit spielen zu tun, sondern mit dem alten Erbwort mit der Bedeutung "Rede" oder "Erzählung", das noch in Beispiel enthalten ist oder im englischen spell wiederklingt.
Länger gehalten hat sich der ebenfalls sehr schöne Name für ein kirchliches Gebiet, nämlich den Wirkungsbereich eines evangelischen Bischofs: Sprengel. Dessen Etymologie ist gut durchschaubar, der Sprengel war das Gefäß zum Vergießen (vgl. "Sprengen") des Weihwassers, mit dem der Geistliche quasi sein Revier markierte. Wurde der Sprengel im preußischen Geltungsgebiet 1815 durch den Bezirk ersetzt, ist er in Österreich noch unter diesem Namen maßgeblich: Der Zählsprengel etwa ist definiert als "das kleinste Gebiet, für das statistische Daten gesondert erhoben werden".
Unter den weltlichen Verwaltungseinheiten im deutschsprachigen Raum gefällt mir der Flecken sehr gut; einer meiner Lieblingstitel von Wikipedia-Listen ist "Liste der Flecken in Niedersachsen". In Niedersachsen führen nämlich nicht weniger als 50 Gemeinden diesen Zusatz. In Hessen gibt es fünf sog. Marktflecken, also Ortschaften, die zwar kein Stadtrecht, aber Marktrecht besitzen, dabei aber keine Marktgemeinden sind. Das Recht, die Bezeichnung "(Markt-)Flecken" zu führen, erlangten manche Ort(steil)e erst spät, Diesburg in Sachsen-Anhalt etwa 1998, das hessische Villmar 2002. Flecken in Österreich gab ausweislich Google Books früher hier und da, heute findet man nur noch ein Dorf, das Flecken heißt (in Tirol). Was genau ein Weiler ist, werde ich ein ander Mal recherchieren, festzuhalten bleibt alldieweil, dass mich die Unkenntnis darüber neulich arg in die Irre geführt hat ...

Sonntag, 10. Mai 2020

Von Schottland nach Oberrad

Ich habe mir kürzlich vorgenommen, mal einen Blick in das unbekanntere Werk Arthur Conan Doyles (also alles abseits von Sherlock Holmes) zu werfen, und lud mir den Roman "Das Geheimnis von Cloomber-Hall" aufs Kindle. Kostet ja nix. Darin stieß ich heute auf folgende wörtliche Rede: "Meistenteils bin ich besoffen gewesen. Sowie ich meine Pension erhalte, lege ich das Geld in Schnaps an, und so lange wie der aushält, habe ich etwas Ruhe. Wenn's alle ist, verlege ich mich aufs Fechten; teilweise um Geld zum Saufen zu erbetteln, teilweise – um Sie zu suchen."
Hihi, dachte ich, da wurde offenbar das englische fencing, was neben "Fechten" auch "Hehlerei" bedeuten kann, falsch übersetzt! Ich postete diesen Fund auf Twitter und erhielt kurz darauf folgenden Kommentar dazu: "In 'Abenteuer des Schienenstrangs' spricht Jack London auch von 'fechten gehen', wenn er betteln meint. Er bzw. der Übersetzer." Das machte mich stutzig. Ich rief "fechten" auf der Duden-Seite auf, und siehe da! Neben der Kampfsportart kann das Verb "umgangssprachlich veraltend" auch dies meinen: "[von Tür zu Tür, Haus zu Haus o. Ä. gehen und] betteln". Zur Herkunft heißt es: "rotwelsch (17. Jahrhundert), nach den wandernden Handwerksburschen, die für Geld ihre Fechtkünste zeigten". Wenig später stand ich gleich doppelt als Esel da, als ein weiterer User anmerkte, dass im Original gar nicht von fencing die Rede ist: "When I draw my money I lay it out in liquor, and as long as that lasts I get some peace in life. When I'm cleaned out I go upon tramp, partly in the hope of picking up the price of a dram, and partly in order to look for you" (Kursivsetzung von mir).

Es lohnt sich jedenfalls, ungewohnten Formulierungen, gerade in älteren Werken, nachzuspüren. Ins Leere führte meine kurze Recherche zu einer anderen kuriosen Formulierung in "Cloomber-Hall", nämlich "Wir sind keine Klutentrampler, wenn wir auch in dieser abgelegenen Gegend leben." Im Quelltext steht das nicht minder ominöse clodhoppers, was so viel wie "Bauerntölpel" bedeutet (dict.cc). Was aber sind "Klutentrampler" im ursprünglichen Sinne? Könnte es sich um ein altes Amt im Agrarbereich handeln (clod heißt u.a. "Ackerscholle")? Franz Dornseiffs wissenschaftliches Buch Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen (de Gruyter 2013) reiht "Klutentrampler" neben "Knollenfink" und "Stoppelhopser" in der Abteilung "Pflanzenanbau" als "Verwalter" ein. Die sehr wenigen anderen Google-Treffer führen in den westdeutsch-niederländischen Raum und lassen darauf schließen, dass "Klutentrampler" tatsächlich einfach ein Pejorativ à la "Bauerntrampel" ist.
Die Assoziation mit der landwirtschaftlichen Amtsbezeichnung hatte ich, weil mir kurz vorher in Dürrenmatts "Der Richter und sein Henker" (s. Eintrag vom 1.5.2020) das Wort "Bannwart" untergekommen war. Zu diesem Beruf weiß das Netz einiges. "Bannwart ist die im alemannischen Sprachraum verbreitete Bezeichnung für einen Flur-, Wald- oder Rebhüter, also eine offizielle Aufsichtsperson im ländlichen Bereich." (Wikipedia) In vielen deutschsprachigen Gebieten kannte und kennt man Personen in vergleichbaren Positionen, den "Feldhüter" etwa, den "Pfänder", den "Büttel" oder den "Feldschützen". Der Feldschütz war nie wirklich weg – und erlebt gerade in Hessen immer wieder Comebacks. "CDU und Bündnis90/Grüne haben einen gemeinsamen Antrag vorgelegt, der die Einführung des Ehrenamtes des 'Feldschütz' für die Bruchköbeler Gemarkung vorsieht", heißt es in einer Mitteilung von 2007. In Dreieich ist seit 2017 ein Feldschütz unter anderem Umweltsündern auf der Spur. Andere Bundesländer leisten sich eine "Feldstreife", die auf sommerlicher Flur Obstdiebstähle unterbinden soll.
Die jüngste Erwähnung eines Feldschützen in den Medien meiner Region ist gerade mal zwei Tage alt und hat mit der aktuellen Pandemie zu tun. Auf den Feldern des Frankfurter Stadtteils Oberrad (wo die Kräuter für die Grüne Soße angebaut werden) "ist die Hölle los", zitiert die FNP einen Kräutergärtner und fordert: "Ein Feldschütz wird auf den Feldern von Oberrad dringend gebraucht – was schon seit Jahren sonnenklar ist, ist in der Corona-Krise nochmals deutlich geworden. [...] Viele Frankfurter, die wegen der Krise tagsüber in ihrem Heimat-Stadtteil Oberrad blieben, nutzten derzeit die Felder als Naherholungsgebiet." Es kann also sein, dass das schöne (Ehren-)Amt des Schweizer Bannwarts, bzw. seiner hiesigen Entsprechung, schon bald wieder installiert wird, um Kerbel-, Borretsch- und sonstige Trampler fernzuhalten.

Donnerstag, 7. Mai 2020

Vom Taunus ins Weimarer Land

Als ich von den Eschbacher Klippen in den Ort hinab lief, passierte ich den "Landgasthof Eschbacher Katz", der leider aus Gründen geschlossen hatte (aber immerhin Mitnahmeservice anbot, welchen ich allerdings nicht nutzte). Später stieß ich über Umwege, die nur mich etwas angehen, auf die erstrangige Webseite www.ortsnecknamen.de. (Das Wort Neckname ist übrigens nicht mit dem englischen nickname kognat, aber diese etymologische Randnotiz soll ein ander Mal behandelt werden.) Dort sind den Einwohnern von Usingen, von dem Eschbach ein Stadtteil ist, gleich drei Spitznamen zugeordnet: "Katzen" (angeblich wegen eben jenes Lokals), "Buchfinken" ("Usingen ist auch bekannt als Buchfinkenstadt im Buchfinkenland. Das im Jahr 1938 durch Theo Geisel verfasste Buchfinkenlied beschreibt den Heimatbegriff, das Usinger Land im östlichen Hintertaunus"; Wikipedia) sowie "Duckmäuser" (Begründung dunkel).
Verwunderlich ist, dass ausgerechnet in diesem umfangreichen Archiv ein Ort fehlt, der auf der Wikipediaseite "Ortsnecknamen" als Beispiel angeführt ist: Die Bewohner/-innen der thüringischen Landgemeinde Niederroßla werden "Elefantenkitzler" genannt, heißt es dort. Auf ortsnecknamen.de findet sich nicht ein einziger Spitzname, der mit "Elefant-" beginnt, während beispielsweise Namen mit Eselsbezug in sonder Zahl auftauchen. Welche Beziehung soll denn auch ein deutsches Städtchen zu Elefanten haben, fragt man sich und wird erstaunt sein, wenn man auf dem Wappen von Niederroßla dies erblickt: "In Rot ein silberner Elefant, das rechte Vorderbein anhebend, belegt mit einem Schildchen ..." Die dahintersteckende Geschichte ist kurios. 
In Kürze: Zur Faschingszeit im Jahre 1857 kam eine Schaustellergruppe an die Ilm und sollte u.a. eine indische Elefantenkuh zeigen ("Riesen-Elephant Miss Baba"). Einquartiert wurde das Tier für drei Tage in den Stallungen einer Madame Burckhardt, dummerweise in der Nähe einer großen Menge Runkelrüben. An diesen tat sich der Dickhäuter gütlich, was bei ihm zu starken Koliken führte, wodurch die Weiterreise der Wandermenagerie erschwert wurde. Die weiteren Details sind widersprüchlich, fest steht, dass das Tier nahe der Flurgrenze aus seinem Wagen auf die Straße geriet, was eine Menge Schaulustiger anzog, "darunter angetrunkene Mitglieder des örtlichen Gesangsvereins, die von einer Probe kamen und die den Elefanten geärgert und gepiesackt haben sollen". Schnell war man sich darüber klar, dass die Gemeinde, in welcher der stark geschwächte Elefant verenden würde, für die Beseitigung des Kadavers zu zahlen hätte, weswegen der Menschenauflauf versuchte, ihn über die Ortsgrenze zu treiben (oder eben zu "kitzeln"). Das unglückselige Rüsseltier fand dann auch tatsächlich den Tod. Die Folgen: mehrere Rechtsstreitigkeiten, Wappenanpassung, Ehrenbürgerinnenschaft für Miss Baba sowie alle 25 Jahre ein Elefantenfest. Und ich will verdammt sein, wenn ich beim nächsten (2032) nicht live dabei sein werde!

Montag, 4. Mai 2020

Von Hessen nach London

Neulich führte mich eine Wanderung in das hübsche Städtchen Nidderau, wo es einen öffentlichen Bücherschrank gab, in dem nicht nur zufälligerweise* ein "Richter Di"-Taschenbuch lag, sondern auch eine Detektivgeschichtensammlung von Dorothy L. Sayers stand, der "British Crime Lady", die sich zeitweise in London aufgehalten hat. Jene Autorin wiederum bezeichnete als "very probably the finest detective story ever written" den Roman "The Moonstone" (dt. "Der Monddiamant") von Wilkie Collins, der in London sowohl geboren wurde als auch gestorben ist. Der Blogger von TYWKIWDBI hat vor kurzem sprachliche Besonderheiten in dieser Detektivgeschichte analysiert (wie schon bei John Dickson Carr) und unter anderem ein offenbar kaum bekanntes Getränk aufgestöbert: "... plying her confidentially with a glass of hock." 
Hock ist der englische Name eines Weißweins, der von dem hessischen Ortsnamen Hochheim am Rhein abgeleitet ist. Dass hierzulande die meisten weder von Hock noch von der zugrunde liegenden Bezeichnung "Hochheimer" gehört haben dürften, liegt daran, dass diese "nahezu ausschließlich für Exportweine im niedrigen Preisbereich verwendet" wird (Wikipedia). Doch warum gibt es im englischsprachigen Raum überhaupt ein Wort für ein Riesling-ähnliches Getränk aus dem Rhein-Main-Gebiet? Dazu muss man zwei Jahrhunderte in die Vergangenheit gehen. Keine Geringere als Königin Victoria war großer Fan der Hochheimer Weine und hat diesen zu einiger Popularität im Empire verholfen. 1845 reiste sie nach Hochheim und traf sich dort mit einem Winzer, der die Queen fünf Jahre später um Erlaubnis bat, einen neu aufgeschütteten Weinberg auf seinem Gut nach ihr zu benennen – und deshalb befindet sich dort noch heute der Königin Victoriaberg.
In Hochheim war ich noch nie, gestern jedoch in Usingen, welches mit Ersterem insofern verbunden ist, als Hochheim anno 1803 an das Fürstentum Nassau-Usingen ging. Als berühmtestes Kind der Hochtaunusstadt Usingen gilt der 1845 (!) geborene August Wilhelmj, der nicht nur einen der ungewöhnlichsten Nachnamen trug, die ich je gelesen habe, sondern vor allem als Protegé Franz Liszts und Richard Wagners als Violinist eine sagenhafte Karriere machte. Seine letzte Ruhestätte fand "der deutsche Paganini" in: London.

* erst kürzlich habe ich diese Kriminalreihe in Titanic parodiert

Freitag, 1. Mai 2020

Von Bern ins Erzgebirge

In Dürrenmatts Kriminalnovelle "Der Richter und sein Henker" heißt es über eine zentrale Figur, sie sei "gebürtig aus Pockau in Sachsen". Da ich aus Sachsen stamme, aber noch nie von diesem Ort gehört hatte, überprüfte ich, ob es sich nicht um eine Erfindung handelte. Tut es nicht. Pockau selbst ist seit 2014 keine eigenständige Gemeinde mehr, sondern Teil der Stadt Pockau-Lengefeld, welche trotz ihrer überschaubaren Größe (rund 7600 Einwohner) bis heute nicht unbedeutend ist. Das Erzgebirgsörtchen ist nämlich Hauptsitz der Lorenzianer, einer christlichen Sekte mit dem offiziellen Namen "Gemeinschaft in Christo Jesu", die mit der dortigen Eliasburg ihr Zentralheiligtum hat. Die Vereinigung mit insgesamt ca. 3800 Mitgliedern wurde 1922, also ein Jahr nach Friedrich Dürrenmatts Geburtsjahr, von Hermann Lorenz gegründet, der "sich als Vollender des Erlösungswerkes Christi" sah und dessen 1200 "Offenbarungen", die "in der Eliasburg unter Verschluss gehalten werden [, ...] faktisch einen höheren Rang als die Bibel" haben (Zitate von sekten-sachsen.de). Die Grundlage dieser Bewegung geht allerdings weiter zurück und ist die "eines konsequent eschatologisch-apokalyptischen Biblizismus und prophetischer Offenbarungen" nicht nur von Lorenz, sondern zweier weiterer Männer, die bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewirkt haben (Helmut Obst: Apostel und Propheten der Neuzeit. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2000). Details zu Lehre und Liturgie kann man auf Wikipedia nachlesen.

Mittwoch, 29. April 2020

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Rififi
Dass ich als Heist-Movie-Fan noch nie die Mutter aller Heist-Movies gesehen hatte, lag nur daran, dass an "Rififi" – der in Deutschland zu einer Debatte über Nachahmungskriminalität führte und dessen Titel zum geflügelten Wort geworden ist – lange Zeit schwer heranzukommen war, bis er neulich bei Amazon Prime zur Verfügung stand. Leiderleider muss ich bilanzieren, dass die meisten späteren Epigonenwerke deutlich unterhaltsamer und ausgeklügelter sind als das französische Vorbild von 1955. Zwei essenzielle Gesetze des Genres werden in "Rififi" gebrochen bzw. sind noch gar nicht verabschiedet: 1. Die Gaunerbande muss irgendwie sympathisch sein, und 2. die Durchführung des Coups muss gewaltlos ablaufen. An der Stelle, wo (Spoiler) das über dem Juweliergeschäft lebende Hausmeister-Ehepaar gefesselt und geknebelt wird, gerät der ach so elegante Diebeszug zum Raub (oder zur räuberischen Erpressung?); mit der Ehre von Ocean's Eleven oder der Olsenbande wäre so etwas nicht zu vereinbaren. Dass die Gangster am Ende einander auf brutale Weise erledigen, lässt einen einigermaßen kalt. Im Übrigen sind 115 Minuten zu lang für die Geschichte, auch wenn ich der halbstündigen wortlosen Einbruchsequenz eine gewisse inszenatorische Raffinesse zugestehe.

Room 237
In dieser bereits 2012 erschienenen Dokumentation werden fünf Theorien zu Stanley Kubricks Gruselverfilmung "The Shining" präsentiert, die zwischen krude Verschwörungstheorie und gespenstisch plausibel schwanken. Einige Interpretationen sind wahrlich Musterbeispiele für nerdiges Overthinking, andere nicht von der Hand zu weisen. Begleitet wird die nicht nur für Kenner des Films faszinierende Unterrichtsstunde in Medienanalyse von geradezu hypnotischer Musik.

Midsommar
Nachdem ich schon, wie viele andere, bzgl. "Hereditary" voll des Lobes war, kann ich mitteilen, dass Ari Asters Zweitling* nicht weniger als ein Meisterwerk ist. "Midsommar" ist einer der gelungensten Horrorfilme, die ich je gesehen habe. Je weniger man vorher darüber weiß, desto besser. Gänzlich ohne übernatürlichen Zinnober wird hier mit Versatzstücken aus altgermanischer Folklore und dem psychischen Leid der Hauptfigur (Florence Pugh) geschockt. Dass die grausamsten Vorgänge unter stahlblauem Mittsommerhimmel gezeigt werden, ist ein schlicht geniales Spiel mit unseren Sehgewohnheiten. Ich habe den Director's Cut geschaut, welcher laut Cinema der Kinofassung nicht vorzuziehen sei, aber ich kann mir kaum vorstellen, wie Letztere noch an Qualität gewinnen könnte.
* Gibt es dieses Wort? Als Analogon zu Erstling?

Burning
Nach dem Oscarregen für "Parasite" musste ich natürlich dieses ebenfalls hochgelobte Drama aus Südkorea nachholen. Trotz solidem Spiel (u.a. von "Walking Dead"-Star Steven Yeun in seiner zweiten Arbeit in einer südkoreanischen Produktion) ließ mich die irgendwie ziellose Story kalt. An die literarische Vorlage, Haruki Murakamis Kurzgeschichte "Scheunenabbrennen", konnte ich mich, obwohl ich sie definitiv gelesen habe, kein Stück erinnern, was wohl darauf hindeutet, dass das nicht unbedingt Murakamis eindrücklichstes Stück ist ...

Fahrstuhl zum Schafott
Der zweite französische Krimiklassiker aus den 1950ern in dieser Liste. Ich weiß nicht ... Jedes Mal, wenn ich einen Film aus diesem Land sehe, schießt mir das Attribut einfältig durch den Kopf (bei Komödien noch heftiger). Sie versuchen, clever zu sein, und überheben sich dabei heillos. Ich habe freilich überhaupt keine Ahnung von Nouvelle Vague & Co., aber man darf doch objektiv konstatieren, dass sich Regisseur und Co-Autor Louis Malle einfach zu viel vorgenommen hat: Er will ein perfektes Verbrechen darstellen und stürzt dabei in ein Logikloch nach dem anderen. Von sonstigen haarsträubenden Patzern möchte ich gar nicht erst anfangen. Ich kann mich dabei vom Vorwurf der Überheblichkeit freisprechen, denn auch (zeitgenössische) Kritiker/-innen monier(t)en schlechtes Pacing, beschränkte Mittel und eine "drittklassige Geschichte". Positiv aufgefallen ist mir das stimmungsvolle Spiel von Licht und Schatten, z.B. in bestimmten Fahrstuhlszenen, die so auch nur in Schwarz-Weiß funktionieren. Und wer Jazz mag, wird dank Miles Davis' komplett improvisiertem Score auf seine Kosten kommen.

Knives Out
Äußerst erfreulich und im besten Sinne altmodisch ist Rian Johnsons vielfach ausgezeichnetes Whodunit, das der "Star Wars Ep. VIII"-Regisseur nach eigenem Bekunden bereits 2010 im Sinn hatte und das, so meine Vermutung, dank dem Erfolg des "Orient-Express" (2017) schließlich 2018 realisiert werden konnte. Die Auflösung des Mordrätsels ist überraschend, aber nicht zu vertrackt, der Cast macht Laune – allen voran Daniel Craig als Privatdetektiv mit Südstaatenakzent –, und ein Portiönchen social commentary gibt es obendrein (Rian Johnson halt).

Backcountry
Ein kleiner, fieser Outdoor-Survival-Thriller, den ich genau zur rechten Zeit gesehen habe, nämlich am Beginn des Selbstisolationsgebots: Die Lust auf Waldwanderungen kann einem danach durchaus vergehen.

Nachts, wenn der Teufel kam
Filmland Deutschland: auch so ein Minenfeld. Dass es hin und wieder (wie beim westlichen Nachbarn) Perlen gibt, will ich indes nicht bestreiten. "Nachts, wenn der Teufel kam" von 1957 ist so eine Perle. Lange vor dem Serienmörder-Hype späterer Jahrzehnte dreht sich hier alles um die Figur des krankhaften Massentäters (verkörpert von einem jungen, kaum zu erkennenden Mario Adorf) und dem Umgang von System und Gesellschaft mit ihm, und zwar im Jahr 1944. Man staunt, dass in einer Ära, in der Totschweigen quasi Staatsräson war, so eine entschlossene Abrechnung mit dem NS-Regime möglich war – und sogar von Kritik wie Publikum positiv aufgenommen wurde! Die wahre Geschichte, auf der dieser Schwarz-Weiß-Krimi von Exil-Hollywood-Legende Robert Siodmark (übrigens in Dresden geboren) basiert, hat sich, wie man heute weiß, etwas anders, aber nicht weniger empörend zugetragen.

Border
Als seltener Repräsentant des schwedischen Kinos sei an dieser Stelle allen Fans des Abseitigen zu "Gräns" (OT) geraten. Mir persönlich war dieses ur-skandinavische Außenseiterdrama zu unangenehm, bisweilen unappetitlich und abstoßend. Es geht um eine Zollbeamtin, die über die Gabe verfügt, Schmuggler zu erriechen.

Die Farbe aus dem All
Ich habe noch keine H.P.-Lovecraft-Verfilmung gesehen, die mich überzeugt hat. Vermutlich sind diese Erzählungen, die so sehr auf Subtilität, Beklemmung, innere Unruhe, namenloses Grauen, Andeutungen und die Macht der Worte setzen, wirklich unverfilmbar. Auch "Die Farbe aus dem All" bleibt weit hinter der Vorlage – eine meiner Lieblingsgeschichten von Lovecraft – zurück. Allein dass man die ominöse, außerweltliche, angeblich unbeschreibliche Farbe als Eighties-Popästhetik remineszierendes Pink tatsächlich sieht, schmälert den Schauerfaktor immens. Zu dem aus "Poltergeist", "Amityville Horror" etc. bekannten Grundthema des Eindringens einer fremden Macht in das traute Heim einer amerikanischen Familie gesellt sich immerhin einigermaßen innovativer Body-Horror. Der eindeutige Selling Point ist aber Nicolas Cage, der als durchdrehender Vater neue Nicolas-Cage-Maßstäbe setzt und selbst in normalen Situationen den Wahnsinn zelebriert und irre Sätze ausstößt, wie nur er es kann. Einmal schmeißt er Pfirsiche in einen Mülleimer, ein ander Mal melkt er Alpakas! Allein das hat mich dann doch milde gestimmt.

Dienstag, 28. April 2020

Eine Schale Obst (ohne Schale)

Nach sehr langer Zeit war ich heute mal wieder bei Lidl. Dort entdeckte ich dies:


Kolumbianische Kapstachelbeeren ohne ihre charakteristischen papierartigen Kelche! "Physalisbeeren" steht denn auch auf dem Etikett. Ich nahm das Schälchen mit, um es zu Hause fotografieren zu können (und natürlich, um die Früchte zu snacken), ohne mich über diese neuartige (?) Auslieferungsform aufzuregen. Dass nach dem Verzehr keine Berge von Blätterhüllen zu entsorgen sind, heiße ich gut.

Montag, 27. April 2020

Kurz notiert: Wiki-Nekrolog

Am 4. April 2020 umfasste die Rubrik "Kürzlich Verstorbene" auf der Wikipedia-Startseite zum ersten Mal (nach meiner Beobachtung) sechs statt fünf Einträge. Weil ich das für eine notierenswerte Ausnahme hielt, notierte ich es mir. Doch auch am folgenden Tag waren in jenem Kasten sechs Tote aufgeführt, sowie am nächsten und jedem weiteren Tag. Heute, mehr als drei Wochen später, tauchen erstmals wieder fünf Namen auf. Ob dieses Mehr an Todesfall-Erwähnungen mit einer steigenden Promi-Sterberate korrespondiert, habe ich nicht überprüft, aber der Verdacht liegt nahe. Nicht nur hat sich, wie ich bereits vor einer Weile bemerkte, 2020 in dieser Hinsicht als neues 2016 etabliert, auch die Corona-Pandemie trägt ihr Scherflein dazu bei, denn natürlich sind auch unter Personen des öffentlichen Lebens immer wieder Covid-19-Opfer zu beklagen. (Rätselhafterweise gab es besonders unter Jazz-Musikern auffallend viele Infektionen mit Todesfolge.) Ich werde den täglichen Nekrolog weiter im Auge behalten.

Donnerstag, 23. April 2020

Das pasta mir nicht

In aller Kürze möchte ich von einem Produkt abraten, das mir vor einiger Zeit im Asiashop ins Auge sprang und mir Hoffnung auf ein unvergleichliches Geschmackserlebnis machte. Tja, unvergleichlich ist der Geschmack von Süßkartoffel-Nudeln in der Tat, aber nicht im positiven Sinne! Überraschend, denn Nudeln aus Erbsen oder aus Linsen, ja selbst Zoodles finde ich durchaus gelungen, und Süßkartoffeln enttäuschen in der Regel nie. Bei dieser chinesischen Bei- bzw. Einlage jedoch muss man schon sehr tolerant sein. Allein der Geruch, der sich beim Aufkochen breitmacht ... Die Konsistenz ist auch äußerst anstrengend, vergleichbar mit besonders hartnäckig klebenden und glitschigen Glasnudeln.

Diese Tüte werde ich wohl nicht mehr leeren. Wer sie haben möchte, kriegt sie von mir geschenkt (Selbstabholung).

Dienstag, 21. April 2020

Meine Vokabel der Woche

Neues englisches Wort gelernt: burgomaster, was die anglizierte Form unseres Wortes Bürgermeister ist und auf historische Titel bezogen wird, die sich mit mayor nicht akkurat wiedergeben lassen. Mir kam diese Amtsbezeichnung in einem englischsprachigen Buch über Hexenverfolgung unter, in einer Passage über Johannes Junius, den Bamberger Bürgermeister und Ratsherrn, der 1628 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde und einen Brief an seine Tochter hinterlassen hat, welcher heute "als zentrales Dokument der Bamberger Hexenprozesse" gilt (Staatsbibliothek Bamberg).

Montag, 20. April 2020

Werbeprospekte in der Pandemie

Eine Corona-Folge, die meines Wissens noch niemand angesprochen hat, ist die Verknappung der ausgelieferten Wochenprospekte. Wurde ich in normalen Zeiten mit bis zu 13 Werbeflyern und -Heftchen beglückt, waren es am vergangenen Wochenende gerade einmal drei Druck-Erzeugnisse: Tegut- und Toom-Prospekt sowie "Einkauf aktuell". (Vorletztes Mal gab es immerhin neue Coupons für Bäcker Eifler.) Dass selbst dieses mickrige Bündel in der umstrittenen Plastik-Umverpackung ankam, stellt ein zusätzliches Ärgernis dar. 

Worauf soll man sich denn überhaupt noch freuen?

Sonntag, 19. April 2020

Keinen Zacken aus der Krone gebrochen

Neulich las ich einen Artikel über Crown Shyness. Dabei handelt es sich um das Phänomen, dass das Kronengeäst benachbarter Bäume nicht ineinander wuchert, sondern respektvoll, aber relativ knapp Abstand hält. So ergeben sich einzigartige Muster, durch die man von unten in den Himmel schauen kann (zum Beispiel mit Hilfe der Google-Bildersuche).
Was aber steckt hinter der "Kronen-Schüchternheit"? "Manche Forscher vermuten, dass der Baum an den Enden der äußeren Zweige sein Wachstum einstellt, sobald er sich zu weit den äußeren Blättern seiner Nachbarn nähert – um eine Verschattung zu verhindern. Andere glauben, bei dem luftigen Grenzstreifen könne es sich um eine Abwehrmaßnahme gegen fressende Insektenlarven handeln." (geo.de) So oder so muss man den Bäumen, ohne gleich Peter-Wohlleben-Romantik zu beschwören, eine besondere Art, ja: intelligenten Verhaltens zuschreiben. Kommunikation zwischen Pflanzen bzw. von Pflanzen mit Tieren, das scheint mir ein unbedingt weiter zu erforschendes Gebiet zu sein. Man denke an Gewächse, die in der Lage sind, die Farbe oder gar die Geschmacksintensität ihrer Früchte zu regulieren, um sie für samenvertilgende und -verbreitende Waldbewohner mehr oder weniger attraktiv zu machen.
In diesem Zusammenhang muss noch einmal das dem ersten Teil von Clemens J. Setz' Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" vorangestellte Zitat wiedergegeben werden, welches leider ebenso fiktiv ist wie der Mann, dem es zugeschrieben wird:

Ich hab's für bare Münze genommen.