Montag, 27. Januar 2020

Keine Experimente (in Sachen Kondensmilch)!

Die neulich erwähnte russische Karamell-Kondensmilch ist geschmacklich in Ordnung, konsistenzmäßig aber mangelhaft: Sie ist nicht so schön zähflüssig-cremig wie verwandte Produkte à la Milchmädchen oder Piknik, sondern stichfest-brockig wie Obstgelee. Ob dieser Zustand von Haus aus vorliegt oder durch zu lange Lagerung eingetreten ist, kann ich nicht einschätzen.

Beweisstück A: Nichts fließt mehr

Heute kam mir die Idee, das Produkt zu erhitzen. Vielleicht könnte ich ja so die klassische Süßkondensmilch-Sämigkeit (wieder)herstellen.


Ich tat zwei große Esslöffel in einen Topf und erhöhte unter ständigem Rühren peu à peu die Temperatur. Nach einer Weile konnte ich die Masse zwar ein wenig entklumpen, der wahre Jakob ist das Enderegbnis aber nicht. Nächstes Mal bediene ich mich wieder bei Milchmädchen oder Piknik.

Freitag, 24. Januar 2020

Geldbeutelfund im Gesinnungsraster

Du spazierst durch einen Park und siehst, wie ein Jogger sein Portemonnaie verliert.
Was tust du?


Rechtschaffen gut: Du machst den Jogger augenblicklich mit Rufen und Gesten auf sein Missgeschick aufmerksam. Etwaige Belohnungsangebote lehnst du höflich ab.

Rechtschaffen neutral: Du schaffst das Portemonnaie ins nächste Fundbüro.

Rechtschaffen böse: Bevor du das Portemonnaie zur Polizei bringst, begutachtest du gründlichst den Inhalt und suchst nach Beweisen für eventuelle Unredlichkeiten des Besitzers; illegale Pillen beispielsweise würdest du den Behörden melden. Überhaupt fertigst du eine genaue Liste aller Dinge aus der Geldbörse und deren Wert an. Die dir zustehenden 5 % Finderlohn wirst du notfalls einklagen.

Neutral gut: Du nimmst das Portemonnaie an dich und verfolgst den Jogger bis zu dessen Haus. Dann klingelst du bei ihm, gibst ihm das Fundstück und – je nachdem, unter welchen Umständen er wohnt – verlangst "ein kleines Dankeschön für meine Mühe" oder auch nicht.

Neutral: Du gehst einfach weiter deines Weges.

Neutral böse: Du behältst alles, was dir wertvoll und nützlich erscheint, den Rest legst du gut sichtbar auf einer Parkbank ab.

Chaotisch gut: Du nimmst das Portemonnaie in deinen Besitz und gibst eine anonyme Annonce auf: "Portemonnaie gefunden" etc. Falls sich innerhalb eines halben Jahres niemand meldet, betrachtest du den Fund als dein Eigentum.

Chaotisch neutral: Du entnimmst den Inhalt des Geldfaches, zerschneidest sämtliche Ausweise und Karten und verbrennst das Portemonnaie.


Chaotisch böse: Du passt den Jogger in einem unbeobachteten Teil des Parks ab, überfällst ihn und nimmst ihm auch noch das Handy ab.

Donnerstag, 23. Januar 2020

An den britischen Kalenden

Kleiner Nachtrag zum Jahr 2020. Dieser feine Monatskalender hängt heuer über meinem Bett: "English Travel Posters".


Man findet ja sowohl in sämtlichen Kaufhäusern als auch Buchhandlungen Wandkalender en masse; wer etwas Besonderes abseits von niedlichen Tieren, altmeisterlichen Gemälden und Traumstränden sucht (wobei, nichts gegen niedliche Tiere, altmeisterliche Gemälde und Traumstrände!), wird aber eher bei Amazon fündig (Suchwort: "wall calender"). 
Hier noch vier ausgewählt nette Kalender, die meine Wohnung in den vergangenen Jahren zierten:


Links oben der hier vorgestellte "The Nib"-Kalender, rechts oben zwölf Zeichnungen Edward Goreys, den ich – wie auch Stephen Gammell und Maurice Sendak  als Illustrator morbider Kinderbücher schätze; unten Katz & Goldt (geht immer, auch wenn einige Blätter selbst mir und meinen Kollegen völlig unverständlich geblieben sind) und eine Auswahl von Vintage-Trash-, Horror- und SciFi-Filmpostern. Mal sehen, was das nächste Jahr bringt!

Montag, 20. Januar 2020

Let's eat ... alberne Luxus-Chips


Wenn es von den sehr guten britischen Kettle-Chips eine Limited Edition "Trüffelkäse und Schaumwein" gibt, muss ich natürlich zuschlagen. Die 135 Gramm enthalten neben den gewohnten hochwertigen lokalen Zutaten "getrockneten Weißwein" sowie "getrockneten englischen Schaumwein (0,1 %)" vom "award-winning" Winbirri Weingut in Norfolk und "schwarzes Trüffelextrakt". Ich habe den Trüffel sehr gut herausgeschmeckt (und verachte mich für diesen Satz), irgendwelche Sekt-Noten konnte ich indes nicht ausmachen. Dennoch: eine nicht alltägliche Premiumknabberei! 8/10

Samstag, 18. Januar 2020

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

King of Comedy
Bevor ich den "Joker" sah, der sich ja mehr als offensichtlich davon hat inspirieren lassen, wollte ich mir diese Tragikomödie von 1982 zu Gemüte führen. Wie ich später sehen würde, sind die Parallelen schon recht offensichtlich, was "King of Comedy" aber nicht weniger lohnenswert macht. Robert De Niros Performance erzeugt ein Gefühl, das permanent zwischen Angst, Fremdscham und Mitleid oszilliert. Jerry Lewis als Late-Night-Host ist gänzlich un-jerrylewis'sch und gibt den abgebrühten, bisweilen stoischen, fast zynischen Routinier. Die Mischung aus Außenseiterdrama und Mediensatire funktioniert auch nach fast 40 Jahren noch blendend.

Bob Roberts
Fast gar nicht mehr funktioniert dagegen "Bob Roberts". In Zeiten von D. Trump kann man schlichtweg keine sozialkritischen Mockumentaries über vermeintliche Self-made-men, die mit fragwürdigen Methoden in der US-Politik aufsteigen, mehr sehen, vor allem, wenn sie aus dem Jahr 1992 sind (das war ja sogar noch vor Clintons Impeachment). Die Realität hat, um eine abgedroschene Phrase zu bemühen, die Satire überholt.
Als solche mag sie bei ihrem Erscheinen überrascht, provoziert und unterhalten haben – heute wirkt sie fad. Dabei gibt es an Script und Hauptdarsteller (beides: Tim Robbins) nichts zu bemäkeln, und in den Nebenrollen überraschen Giancarlo Esposito und Alan Rickman.

Wir (OT: Us)
Lange nicht so packend und fresh wie "Get Out", aber immer noch besserer Durchschnitt im Horrorfeld. Die Prämisse ist interessant, bei der Ausführung ergeben sich dann aber doch Inkonsequenzen und Logikpatzer.

Die Verlegerin (OT: The Post)
"The Post" steht für die Washington Post, deren Verlegerin (Meryl Streep) eine folgenschwere Entscheidung im Zuge der Affäre um die "Pentagon Papers" treffen muss. Über diese Vorgänge im Jahr 1971 wusste ich praktisch nichts, doch Steven Spielberg erzählt sie meisterhaft nach, so dass man, erhöhte Aufmerksamkeit vorausgesetzt, einiges lernen kann. Der 2017/18 vielfach nominierte, hochkarätig besetzte Politthriller wird in seinen fast zwei Stunden an keiner Stelle langweilig.

Joker
In seiner werweißwievielten Spielwoche hatten wir uns dann doch dazu entschlossen, diesen Oscar-Liebling auf der großen Leinwand zu begutachten. Ich war im Vorfeld sehr skeptisch: Wozu braucht es nach dem Joker in "The Dark Knight", der darin sowohl unübertrefflich verkörpert wurde als auch Ansätze einer ernsten ("serious") Hintergrundstory bekommen hat, noch eine filmische Charakterstudie über Batmans Lieblingsfeind?
Tja, wozu braucht man schon irgendwas? Fakt ist, dass Joaquin Phoenix dem im doppelten Sinne ausgezeichneten Heath Ledger das Spritzblumenwasser durchaus reichen kann. Der dreckige Look von Gotham City zieht einen angemessen runter, die Gewaltexzesse sind wuchtig, die Musik ist überwältigend (Hildur Guðnadóttir sollte man spätestens seit "Chernobyl" im Auge Ohr behalten), und trotz aller Nicht-Comichaftigkeit und der Losgelöstheit vom DC-Kanon gibt es dann doch einen bemerkenswerten Twist bezüglich des Verhältnisses zwischen Arthur Fleck und dem Dunklen Ritter.

Robin Williams: Come Inside My Mind
Mit Robin Williams konnte ich nie viel anfangen, genauer gesagt mit seinen Filmen, denn aus denen kannte man den Extremkomiker in Deutschland ja fast ausschließlich. Sicher, es gab "Good Will Hunting" und "Club der toten Dichter", aber das waren keine Komödien. Die Streifen, in denen Williams sein humoristisches Talent entfaltete ("Mrs. Doubtfire", "Jumanji", "Popeye"), ließen mich eher kalt. Mir war natürlich klar, dass Williams viel mehr war als der Grimassenschneider in diesen Massengeschmack-Comedys; in den wenigen Talkshow-Auftritten, die ich sah, erkannte ich in Ansätzen, was die Menschheit an diesem begnadeten Improvisations-, Slapstick- und Schnellfeuergag-Genie hatte.
Diese Dokumentation von 2018 beleuchtet den Oscar-Preisträger in all seinen Facetten (er konnte sowohl mit albernen Possen Kinder als auch mit derbsten Schweinigeleien Erwachsene zum Bersten bringen), zeigt allerlei Ausschnitte und Behind-the-scenes-Material und lässt Weggefährten zu Wort kommen. Man erfährt auch viel Wissenswertes zu den ziemlich irrwitzigen Umständen, die zum Durchbruch dieses Inbegriffs des traurigen Clowns geführt haben, Stichwort "Mork & Mindy". Am Ende hat man feuchte Augen.

When Jeff Tried to Save the World
Ein später, nämlich 2017 herausgekommener Vertreter des Mumblecore-Genres, der mit dem Prädikat "ganz nett" hinreichend beschrieben ist. Jon "Napoleon Dynamite" Heder versucht ein Bowling-Center zu retten.

Dredd
Ein 2012er Remake des Stallone-Klassikers (der übrigens 1995 in die Kinos kam; ich hätte ihn viel älter geschätzt), der mich wegen der Bierdeckel-Handlung und der unnötig überzogenen Gewaltdarstellung (FSK: 18) eher "Uff" stöhnen ließ, aber dank Lena Headey und kompakter Laufzeit nicht über die Maßen ärgerte. Und nach all dem schweren Stoff davor musste es einfach mal etwas zum Hirnausknipsen sein.

Star Wars: Episode IX - Der Aufstieg Skywalkers
Plotholes, Fan service, JJ Abrams Syndrome, blablablubb ... Wie bei allen Teilen der neuen Trilogie habe ich mich köstlich unterhalten gefühlt. Mehr ist dazu nicht zu anzumerken.

Das Geheimnis von Marrowbone
Die jungen Shooting-Stars George MacKay und Anya Taylor-Joy überzeugen in diesem leicht mysteriösen Familiendrama, das zwar zeitweise an "The Others" erinnert, aber eigentlich (Never trust a trailer!) nichts mit übernatürlichen Vorkommnissen zu tun hat. Oder doch? Es ist jedenfalls ziemlich traurig.

Dienstag, 14. Januar 2020

A Series of Unfortunate Events

Es soll ja Leute geben, die mir nicht auf Instagram folgen. Auch diese haben ein Recht darauf zu erfahren, wie ich neulich indischen Frischkäse herstellte, um daraus Panir Makhani zu machen. Mjamm. Aber halt! Es soll nicht immer nur um Lebensmittel gehen, weswegen ich lieber den holprigen Weg nachzeichne, der zum (letztlich glücklichen) Ausgang dieses Kochexperiments führte.

Am Vorabend der Käse-Session war ich noch mit Kollegen/Freunden essen. Ich hatte angekündigt, höchstens bis 21 Uhr bleiben zu können, da mein Rewe-Markt, in dem ich die restlichen Zutaten zu besorgen gedachte, nur bis 22 Uhr geöffnet ist. Wie zu erwarten, wurde ich überredet, doch noch "auf ein Bierchen" zu bleiben. So wurde es dann nach zehn, und ich musste auf den – weiter weg gelegenen – Rewe, der bis Mitternacht auf hat, ausweichen. Dort dann die große Enttäuschung: Es gab keine laktosefreie Frischmilch mehr! Zwar kehrte ich nicht mit leeren Händen heim, doch war ein weiterer Rewe-Besuch am kommenden Morgen unumgänglich. Ich also direkt vor Arbeitsbeginn zu meiner Filiale, Milch holen, bei der Gelegenheit Pfand wegbringen und ... nicht wie geplant ins Büro, sondern zurück nach Hause, denn ich hatte den zur Gerinnung des Panirs einzusetzenden Zitronensaft vergessen. Wieso ich den mit ins Büro nehmen musste? Nun, ich hatte diesen Arbeitsschritt dorthin verlegt, damit der Käse fertig sein würde, wenn ich am Abend das vollständige Gericht zaubere. Genau dafür benötigte ich außerdem noch Ghee (konsequenterweise müsste ich statt der englischen Transliteration ghī schreiben). Dass ich dieses nicht in einem gewöhnlichen Supermarkt finden würde, war mir klar, weshalb ich für den Nachmittag einen zusätzlichen Trip zu einem in der Nähe befindlichen indischen Spezialitätenshop terminiert hatte. Diesen Weg wollte ich ferner mit dem Zurückbringen zweier Medien in die Stadtteilbibliothek verbinden. Folgendes muss man noch wissen: Ich hatte nach dem Rewe-Besuch nur mehr ca. 6,30 Euro in bar bei mir; ungewöhnlicherweise hatte ich dort nicht mit Karte bezahlt. Außerdem hatte ich vergessen, an der Kasse den Pfandbon in Höhe von 42 Cent vorzulegen. Meine Nachmittagstour sollte nun jedenfalls so ablaufen: Bibliothek, Ghee kaufen, Geld abheben; denn dass der kleine Indienladen keine Kartenzahlung akzeptiert, wusste ich, aber mein verbliebenes Bargeld sollte ja wohl für eine Packung Butterschmalz ausreichen. Von wegen! Die 500 Gramm-Dose kostete sage und schreibe 6,70 Euro – mithin fehlte mir genau jener Betrag, den ich mir aus Verpeiltheitsgründen nicht im Rewe hatte auszahlen lassen! Also: erst zur Volksbank, dann wieder zum Ghee-Händler, dann ins Büro zurück. Ächz. Und der Zwischenstopp in der Bibliothek? Der war komplett sinnlos, denn die Bibliothek musste an jenem Tag wegen eines Heizungsausfalls geschlossen bleiben.

Konkret kochbezogen waren mir auch noch zwei Pännchen/Irrtümchen unterlaufen, die sich allerdings als unerheblich herausstellten: Für Panir verwendet man idealerweise erstens frisch gepressten Zitronensaft (ich hatte welchen in der Flasche besorgt), zweitens Frischmilch mit höherem Fettgehalt (es gab nur welche mit 1,5 %). Auch wenn es lediglich minor setbacks waren, die ich innerhalb dieser 24 Stunden zu erleiden hatte, nervten sie in der Summe doch recht arg. Naja, ich tröstete mich damit, dass das Endergebnis einigermaßen schmackofatz ausfiel und ich so wenigstens ein bisschen Bewegung hatte.

Sonntag, 12. Januar 2020

Das interessiert mich die Bohne!

Eine weitere Entdeckung: Bohnenpasta.


Die Entdeckung wurde nicht von mir gemacht, sondern von denen, die sie mir geschenkt haben, weswegen ich leider keine Angaben zu Preis und Verkaufsstellen sagen kann. Es handelt sich um vegane Bio-Fettuccine auf Edamame- und Mungbohnenbasis. Tatsächlich führt die Zutatenliste nichts als diese beiden Bohnen auf, im Verhältnis 8:2.


Ich mag diese Nudeln der mir bislang unbekannten Marke Explore Cuisine sehr! Sie haben ein tolles Mundgefühl und einen angenehmen Eigengeschmack, zudem lassen sie sich gut aufwickeln und bergen kaum die Gefahr des Zerkochens. Dazu aß ich ein Steinpilzpesto. 9/10

Freitag, 10. Januar 2020

Albernes zum Wochenschluss

Dinge in der Natur mit PERL:
  • Perlhuhn
  • Perlpilz
  • Perlzwiebeln
  • Perlgraupen
  • Perlmutt
  • Perlwein ("eine Perle der Natur")
  • Perlmeni
  • Perlwurm (Wirbelloser auf der Insel Pellworm)
  • Sissi Perlinger
  • das Gimperl (bair. für "kleiner Gimpel")

Dienstag, 7. Januar 2020

Das schaf ich nicht

Schafskäse: gern. Um andere Produkte aus Schafsmilch hatte ich hingegen immer einen Bogen gemacht. Doch das neue Jahrzehnt soll Anlass sein, Schranken einzureißen, Regeln zu brechen, unentdeckte Pfade zu betreten ... Und da in "meinem" Rewe kürzlich Schafsjoghurt aus regionaler Produktion im Angebot war ("nur" 1,80 Euro für 180 Gramm), kaufte ich eine Portion des ungewöhnlichen Nachtischs. Ich entschied mich für die Sorte Haselnuss, denn bei Himbeer hatte ich den Verdacht, dass das Fruchtaroma die Schafigkeit zu sehr überlagern würde. Genau diese Schafigkeit reizte mich aber! Jedoch, was soll ich sagen: Meine Leibspeise wird das eher nicht werden. Der Stall-Goût war einfach zu intensiv.


Was da für bernsteinfarbenes Gallertgeklump drin schwimmt, fragt ihr euch? Ich will's verraten: Es ist russische gezuckerte Karamell-Kondensmilch, die ich mir im Sommer aus Armenien mitgebracht hatte. Damit konnte ich das Hornviehdessert geschmacklich ein wenig aufpeppen; woher der ungewohnte Aggregatzustand rührt, möchte ich lieber gar nicht wissen.


Sonntag, 5. Januar 2020

Die spannende Welt der Semantik

Verweilen wir noch ein wenig im Themenfeld missverständliche Zeitangaben. Ein paar Stunden nachdem ich den Beitrag zu den Zwanzigerjahren geschrieben hatte, kam nämlich im Freundeskreis, ohne dass ich das Gespräch dahin gelenkt hätte, abermals die Frage auf, ob das laufende Jahrtausend denn nun am 1.1.2000 oder 2001 angefangen habe. Ein anwesender Rechtsanwalt wusste diesbezüglich zu berichten, dass damals die Neue Juristische Wochenschrift im Editorial eine scheinbar kloßbrühenklare Alternativ-Erklärung auftischte: Wenn Sie im Begriff sind, drei Weinkisten à zehn Flaschen zu trinken, dann ist die zweite Kiste selbstverständlich mit der zehnten Flasche aufgebraucht, und mit der Leerung der dritten beginnen Sie, sobald Sie die erste Flasche aus dieser herausnehmen. Grrr ...

Die Wurzel allen Übels liegt darin, dass es kein historisches Jahr 0 gegeben hat; die ersten Zehnerjahre unserer Zeitrechnung begannen mit dem Jahr 1, nicht mit 0. Leicht verkompliziert wird die Chose freilich durch die sog. astronomische Zählweise, welche dem Jahr 1 n. Chr. tatsächlich ein Jahr null vorausgehen lässt und diesem -1 und diesem -2 usw. Caesars Todesjahr beispielsweise ist nach astronomischer Zählung -43. Haben 43 und 44, genauer: |-43| und 44, hier also dieselbe Bedeutung? Zumindest haben sie dasselbe Referenzobjekt.

Dass gerade so etwas definitiv Festgelegtes wie Zahlen und Daten uneindeutig sein kann, empfinde ich, der Sprache eher naturwissenschaftlich als philosophisch betrachtet, als zutiefst beunruhigende Störung im System. Und das Beispiel mit den vorchristlichen Jahreszahlen ist kein Einzelfall. In bestimmten Regionen des deutschen Sprachraums, auch da, wo ich aufgewachsen bin, hört man (vor allem ältere) Menschen von "heute in acht Tagen" sprechen, wenn sie "in einer Woche", i.e. "in sieben Tagen" meinen. Hier "bedeutet" 7 somit dasselbe wie 8. Auch an dieser Formulierung sind die alten Römer schuld, denn mangels des Konzepts null versah man den Tag, an dem man sich befand, stets mit dem Wert 1, wenn man auf Tage in der Zukunft verwies. (Eine schöne Darstellung der Problematik gibt es auf der Seite fichtelgebirge-oberfranken.de)

Zum Glück brachten die Inder die Null ins Spiel. Apropos Indien: Im Hindi gibt es eigene Wörtchen für Brüche wie "eineinhalb" (ḍeṛh) und "zweieinhalb" (ḍhāī), und diese werden auch bei Zeitangaben benutzt, man sagt z.B. "eineinhalb Uhr" für "1 Uhr 30", so wie man nicht "zweitausendfünfhundert", sondern wörtlich "zweieinhalb tausend" (ḍhāī lākh) für 2500 sagt. (Es existiert übrigens extra für 10 Millionen ein kompaktes Zahlwort: karoṛ.) In diesem Zusammenhang fällt mir auch die Sitte im britischen Englisch ein, half past two (2 Uhr 30 bzw. 14 Uhr 30) zu half two zu verkürzen. Auf deutsch eingestellte Gehirne könnten half two als "halb zwei" = 1 Uhr 30 bzw. 13 Uhr 30 interpretieren. In dieser Phrase bedeutet "zwei" also "drei". Wer soll da bitte nicht durchdrehen?

Noch irrer wird es, wenn Wörter ihr eigenes Gegenteil meinen. Ein Klassiker des Deutschen ist das Verb anhalten, aber bleiben wir beim (britischen) Englisch: Einmal unterhielt ich mich mit ein paar etwa gleichaltrigen Engländern und Engländerinnen, und gleich zwei von denen erinnerten sich daran, in der Schule eine hochbetagte Lehrerin gehabt zu haben, die ihre Zöglinge mit dem Ruf "Sit!" zum Aufstehen aufforderte. Noch einmal kurz zum Hindi zurückgekehrt: Das Adverb kal kann sowohl mit "morgen" als auch mit "gestern" übersetzt werden, die konkrete Bedeutung lässt sich aber in der Regel aus dem Satzkontext (Zeitform des Verbs) erschließen. Beenden möchte ich diesen Diskurs mit einem Zitat aus Folge 2 von Michael Ziegelwagners "Natur – Der Kanon":

"Allerdings bezeichnen auch die Wörter 'genervt' / 'entnervt' trotz ihrer offenkundigen Polarität etwas Ähnliches, wie auch 'belohnen' / 'entlohnen', und da beschwert sich auch niemand. Hufeisentheorie der Sprache? Vexierbild Buchstabensalat? Die Apparate, von denen man seine U-Bahn-Fahrkarte stempeln lässt, tragen in Wien den deutschsprachigen Hinweis 'Entwerter', auf englisch: 'Ticket Validator'; je nach Muttersprache wird man hier einmal zum Wertlosmachen, einmal zum Gültigmachen angeleitet". (Titanic 12/2019)

Freitag, 3. Januar 2020

Zwanzig, zwanziger, am zwanzigsten

Wir befinden uns nun also in den Zwanzigern, da beißt die Maus keinen Faden ab. Nichtsdestotrotz gab es im Vorfeld wieder genügend Schlauberger und Klugscheißer, die behaupteten, das neue Jahrzehnt beginne erst mit dem Neujahrstag 2021. Das erinnerte mich an vergleichbare Stimmen, die im Zuge der Jahrtausendwende laut wurden. Diese konnten damals natürlich mit Hilfe von Argumentationsketten wo nicht zum Verstummen gebracht, so wenigstens übertönt werden; am saubersten in der unvergessenen ZDF-Gerichtsshow "Streit um drei". Dort hatte ein neunmalkluges Rentnerehepaar versucht, von einem Reiseveranstalter die Kosten für einen "Millenniums-Trip" o.s.ä. zurückerstattet zu bekommen, weil es der Ansicht war, die Reise hätte erst ein Jahr später stattfinden müssen. Kult-Richter Guido Neumann wies die Klage sowohl mit Verweis auf Lebensnähe und allgemeines Empfinden als auch mit einer genialen Analogie zum Bürgerlichen Gesetzbuch ab: Das Ende der Minderjährigkeit ist in § 2 BGB geregelt mit dem Wortlaut "Die Volljährigkeit tritt mit der Vollendung des 18. Lebensjahres ein." Nun weiß jeder, dass man volljährig ist, sobald man nicht mehr 17 ist. Wenn also 17 ist, wer sich lt. Gesetz im 18. Lebensjahr befindet, dann befindet sich im ersten Lebensjahr, wer null Jahre alt ist (auch wenn man im Alltag das Alter von Kleinkindern eher mit der Zahl der Wochen oder Monate angibt). Conclusio: Das erste Jahr eines Jahrtausends ist das Jahr '00; es ist am 31.12. vollendet.

In Hinblick auf die Zwanziger könnte man sich auf den Umstand berufen, dass man dieses Jahrzehnt, als Ziffern-Buchstaben-Kombination, gemeinhin "die 20er" schreibt. Hier ist das Jahr '20 ja deutlich zu erkennen! Den besten Einwand hat allerdings der xkcd-Comic vom letzten Mittwoch gebracht: Die Dekade beginnt mit der auf -0 endenden Jahreszahl, weil MC Hammers Hit "U Can't Touch This" von 1990 in der VH1-Sendung "I love the '90s" präsentiert wurde und nicht in "I love the '80s". Akte geschlossen.