Sonntag, 31. Januar 2021

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

21 Bridges
Der vorvorletzte Filmauftritt des viel zu jung verstorbenen Chadwick Boseman war ganz anders als erwartet. Ich hatte mir vorgestellt, wie ein Bulle einen Häftling über die 21 Brücken jagt, die von Manhattan wegführen. (Fun fact: Zählt man die Broadway Bridge, welche zwei Stadtteile innerhalb des Boroughs verbindet, mit, kommt man auf 22 Brücken.) Aber der raue Actioner hat doch etwas mehr Substanz und erzählt wendungsreich die Aufdeckung einer Polizeiverschwörung. Ja, doch, kann man gucken.

Der Schrecken vom Amazonas (OT: Creature from the Black Lagoon)
Ein Meilenstein des Latexmonster-Kinos (Regie: Jack Arnold), der freilich in vielen Aspekten überholt ist, aber mit seinen kaum 80 Minuten Länge Kurzweil und einen kompakten Spannungsaufbau bietet. Zudem habe ich immer wieder gelesen, dass dieser Schwarz-weiß-Film letztlich eine Inspiration für den 2018er Oscar-Abräumer "The Shape of Water" gewesen sein soll. Ich versuche, das so bald wie möglich zu überprüfen. Ich glaube auch mich zu erinnern, in Stephen Kings Danse Macabre einen längeren Abschnitt über diesen Creature-Horror gelesen zu haben, wovon leider nichts hängen geblieben ist. Wissenswert ist, dass der Schauspieler des Kiemenmannes – der Taucher und "Flipper"-Miterfinder Ricou Browning (* 1930) – später bei den Unterwasserszenen in zwei James-Bond-Teilen Regie führte. Tatsächlich sind die Unterwasseraufnahmen noch heute recht beeindruckend.

A Crooked Somebody
Dieser Thriller um einen in die Klemme geratenen Halunken (nämlich ein betrügerisches "Medium") ist eine echte Perle, bei der man mit zwei Antihelden mitfiebert und am Ende, sanft und leicht schalkhaft, die erwartete Moral präsentiert bekommt. Mit Ed Harris in einer verschenkten Nebenrolle.

Elf
Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich diesen mutmaßlich kindischsten aller Will-Ferrell-Filme sehen musste, und diese Zeit war Weihnachten. Ein bisschen mehr Subversion und schwarzen Humor hätte ich mir von "Buddy, der Weihnachtself" dann doch versprochen, zumal auch andere moderne Christmas Classics, von "Kevin allein zu Haus" bis "Schöne Bescherung", bei aller Familientauglichkeit vor Derbheiten nicht zurückschrecken. Ferrell spielt wie immer mit vollem Einsatz, und immerhin ein bisschen wahnsinnig wird es in den Stop-Motion-Sequenzen, in denen übrigens Ray Harryhausen eine Sprechrolle hat! Überhaupt ist die Besetzung der Nebenrollen für zahlreiche hübsche Überraschungen gut. Und dass Jon Favreau Regie führte, erfuhr ich auch erst durch die Credits. Unterm Strich ein harmlos-harmonisches Feiertagsvergnügen.
Wann ich mich wohl dazu aufraffe, "Verliebt in eine Hexe" (2005) zu sehen?

Unbreakable
Gleich der nächste Kandidat aus der Abteilung "lange Aufgeschobenes von/mit Filmschaffenden, von/mit denen ich ansonsten alles konsumiere": M. Night Shyamalans düsteres Comic-Drama von 2000, das damals, kurz nach dem Erfolg von "The Sixth Sense", mit allseitiger Hochspannung erwartet wurde, mich aber so gar nicht reizte. Zu deprimierend erschien mir die Prämisse, zu ermattend wirkte die im Trailer zu erheischende Farbgebung. Als zwei Jahrzehnte später mit "Glass" das Finale einer Quasi-Trilogie angekündigt wurde, begann ich mich schließlich für "Unbreakable" zu interessieren, hatte mir der Vorgänger "Split" doch überaus gut gefallen. Und auch "Unbreakable" mochte ich mehr, als ich es in meiner Jugend getan hätte. Gespannt bin ich nun auf das Ende der Schicksale des "Unzerbrechlichen" (Bruce Willis), des dissoziativ Identitätsgestörten (James McAvoy) und des glasknochenkranken Comicverkäufers (Samuel L. Jackson).

Haus aus Sand und Nebel
Aus demselben Jahr wie "Elf" (2003) stammt diese Romanverfilmung, in der Ben Kingsley, Jennifer Connelly und Shohreh Aghdashloo (die UN-Vorsitzende in "The Expanse") brillieren. Der in einer unermesslichen Tragödie kulminierende Streit um ein Haus an der Küste Kaliforniens nimmt einen ganz schön mit und zeigt, wie unvorhersehbar im Grunde banale Auseinandersetzungen eskalieren können, auch wenn die dargestellten pfandrechtlichen Vorgänge um Grundstücksbelastungen & Co. in der Realität offenbar so viel anders ablaufen, dass dies sogar einen "Goofs"-Eintrag bei imdb zur Folge hat. Aber das macht mir, der ich das Prinzip des suspension of disbelief über viele Jahre hinweg verinnerlicht habe, auch rückblickend nix aus.

The Gift - Die dunkle Gabe
Ebenfalls 20 Jahre lang nicht auf dem Schirm hatte ich dieses Südstaaten-Kriminaldrama mit übernatürlichen Elementen. Große Namen entdeckt man hier! Regie: Sam Raimi, Co-Autor: Billy Bob Thornton, und den erstrangigen Cast aufzuführen, würde glatt den Rahmen sprengen. Meiner Meinung nach überzeugt "The Gift" mehr als Whodunit denn als Hellseher-Mystery (damals kursierte halt das "Sixth Sense"-Fieber), aber gerade auch dank der sorgsam ausgearbeiteten Figuren vergisst man diesen soliden Southern Gothic so schnell nicht.

The Boy
Als relativ spannungsarm entpuppte (ha!) sich dieses Geisterhausdrama von 2016, zu dem es mittlerweile eine Fortsetzung gibt. Zwar kann der Twist das ganze Szenario einigermaßen retten, doch hat die Apple+-Serie "Servant" (dazu ein ander Mal) aus einer vergleichbaren Ausgangssituation viel mehr gemacht. Zudem konnte ich einfach nicht ausblenden, was für ein bescheuerter Vor(!)name "Brahms" ist, egal ob für eine Puppe oder für einen Knaben aus Fleisch und Blut.

Max Richter's Sleep
Dokumentation über ein Projekt des von mir verehrten Komponisten Max Richter, nämlich ein "Live lullaby", ein Schlafkonzert, dem das Publikum acht Stunden lang liegenderweise folgt. Für mich wäre das ja nichts, aber die zahlreichen O-Töne begründen, warum das Experiment, das sogar in Berlin stattgefunden hat, für die Teilnehmenden eine Bereicherung war. Somit ist diese musikalische Reise mehr als ein bloßes Making-of.

Gods and Monsters
Zuletzt in dieser Runde ein weiterer Oldie. Auf dieses Biopic von 1998 hat mich die Cinema in einem Beitrag über die goldene Ära der Universal-Monster aufmerksam gemacht. Ian McKellen, der mich hier an seine Rolle in "Mr. Holmes" erinnerte, mimt den gealterten homosexuellen Regisseur von "Frankenstein" und "Der Unsichtbare". James Whales eigenbrötlerisches Ruhestandsleben und die bisweilen ungesunde Beziehung zu seinem jungen Gärtner (Brendan Fraser) werden intensiv und ungeschönt dargestellt. Ich hätte mir bloß mehr Rückblenden ins alte Studio-Hollywood gewünscht.

Freitag, 29. Januar 2021

Betr.: Doppelrahm, Gift, Heftchen, Begriff!

Schon zweimal hätte ich für ein Rezept sogenannte Crème double gebraucht, darunter einmal für ein indisches Curry. Davon hatte ich zuvor noch nie gehört! Ein Blick auf die schöne Wikipedia-Übersichtsgraphik der Milchprodukte, welche jahrelang neben meinem Büroschreibtisch hing, klärte mich auf, dass Crème double unter den Rahmprodukten das mit dem höchsten Fettgehalt ist (Mascarpone ist zwar fettiger, zählt aber zu den Käsen). Da ich diese der englischen Clotted Cream ähnliche Zutat in keinem Lebensmittelladen finden konnte, benutzte ich ersatzweise Crème fraîche. Das funktionierte beide Male recht gut, aber ich konnte beim Essen nicht ausblenden, dass das jeweilige Gericht noch cremiger hätte sein können.
Daher: Wer mir, for future reference, verraten kann, wo es Crème double ohne größeren Aufwand zu kaufen gibt, darf sich meines ewigen Dankes sicher sein. Angeblich hat sogar Dr. Oetker welche im Sortiment.

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Neulich hatte ich hier die Wunderwurzel der Zichorie und ihre Jahrhunderte alte Verwendung als Ersatzkaffee-Grundlage vorgestellt. Aus Leonhard Horowskis Historienwälzer Das Europa der Könige erfuhr ich nun, dass die frühesten Zichorienaufgüsse 1.) nicht ausschließlich heiß genossen wurden und 2.) als nicht gänzlich harmlos galten: "1670 starb die erst sechsundzwanzigjährige 'erste' Madame, Henrietta von England; zwei Günstlinge ihres Mannes wurden so stark verdächtigt, sie mit Zichorie-Limonade vergiftet zu haben, dass der König beide für mehrere Jahre ins Exil schickte."

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Nie hatte ich mir größere Gedanken darüber gemacht, was es mit dem Titel der von mir nicht beachteten Fernsehserie "Penny Dreadful" auf sich habe. Der Spitzname einer weiblichen Person wird das sein, dachte ich mir, so was wie "Calamity Jane". Aber nein! Penny Dreadfuls waren im England des 19. Jahrhunderts das, was im deutschen Sprachraum "Groschenromane" sind. Auch sie waren ausgesprochen billig (1 Penny halt) und galten wegen ihrer reißerischen Inhalte als "furchtbar" (dreadful), wurden synonym auch penny awfuls oder penny horribles genannt. Sie haben als erstes Medium das klischeebeladene, historisch kaum haltbare Bild des Piraten geprägt, das später durch Filme, Computerspiele und Vergnügungsparks perpetuiert wurde, so dass wir, wenn wir heute "Seeräuber" oder "Freibeuter" hören, uns jemanden wie Jack Sparrow oder Guybrush Threepwood vorstellen. Tatsächlich verdanke ich dieses Wissen dem 30. Geburtstag von "Monkey Island", dem die Zeitschrift GameStar vor einer Weile einen Hintergrundbeitrag widmete.

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Ebenfalls der GameStar ist zu verdanken, dass ich jetzt endlich wieder weiß, welches Spiel eine der missglücktesten Übersetzungen aller Zeiten beinhaltete. In der deutschen Version von "No One Lives Forever", welches kürzlich 20 Jahre alt wurde, prangt auf einem Warnschild die Botschaft: "Begriff – kein Trespassing". Diese Zeile hatte ich mir gemerkt, konnte sie aber irgendwann nicht mehr der Quelle mehr zuordnen. Ich weiß jedenfalls noch, dass dieser Patzer nichts daran änderte, dass ich "NOLF" äußerst kurzweilig und stylish fand.

Mittwoch, 27. Januar 2021

Dreieinhalb Kilogramm Kino

Sammelkarten haben schon immer einen Reiz auf mich ausgeübt. Kein Wunder also, dass ich die Filmsteckbrief-Karten, von denen monatlich acht der Cinema beigelegt sind, aufbewahre, seit ich vor plusminus 15 Jahren ein Studentenabo von dieser Zeitschrift abgeschlossen habe. Bevor ich Abonnent wurde, habe ich mir das Heft regelmäßig von der Stadtbibliothek mit nach Hause genommen, und wenn ich Glück hatte, war ich Erstentleiher und die Sammelkarten waren noch drin, so dass ich diese herausnehmen und einbehalten konnte (wie ich es auch mit den "Power Tips"-Einlegern der Power Play getan habe). Nach zwei Jahrzehnten des Sammelns musste ich kürzlich das inzwischen vierte Plastik-Beweismitteltütchen anbrechen:


Als komplett sinnlos erachte ich diese Sammlung nicht, haben die Kärtchen doch mitunter einen gewissen zeitdokumentarischen Wert. Im Steckbrief zu dem amerikanischen Horrorstreifen "What Lies Below" findet sich etwa diese Angabe:

"'Zweiter Lockdown'? Hmm ... ach stimmt, da war ja was", wird man sich erinnern, wenn man den betreffenden Film schon längst vergessen hat.

Leider werden die Sammelkarten redaktionell etwas nachlässig betreut, immer wieder stößt man auf Stilblüten und Tippfehler, auch auf Schnitzer wie diesen:


Dresden gehörte 1987 nicht zu "Deutschland", sondern lag in der DDR, was ich unter anderem darum weiß, weil ich dort (noch vor Cornelia Gröschel) geboren wurde und aufgewachsen bin. In einem gesamtdeutschen 1987er Dresden hätte es die Cinema bestimmt auch schon in der Bücherei gegeben, so dass man direkt mit dem Sammeln der Filmplakatkarten hätte anfangen können, denn im März jenes Jahres wurde das Gimmick eingeführt. Das habe ich dem Blog "Kinogucker" entnommen, wo auch vermerkt ist, dass sich die Karten "nicht in allen" Ausgaben des Magazins befanden. Das kann ich bestätigen! Im November 2007 notierte ich in meinem alten Blog: "[... E]s gibt keine Sammelkarten mehr! Im Heft: keine Entschuldigung oder sonst irgendeine Erklärung. Im Internet: nada. Und nun? Das Leben muss weiter gehen. Meine Sammlung bringt immerhin schon 950 Gramm auf die Waage." Am 12.12.07 jedoch: "In der neuen Ausgabe der Cinema sind wieder Film-Sammelkarten drin!" Verblüffendes hielt ich am 17. Januar 2008 fest: "Gestern erschien die neue CINEMA. Wie als hätten die Heft-Verschicker meinen Eintrag vom 18.11.2007 gelesen, lagen meinem Exemplar gleich zwei Sammelkarten-Sets bei! Versehen oder kalkulierte Abonnentenbindung?" Am 17.04.08 dann: "Ich stelle erbost fest, dass die Sammelkarten in der aktuellen Ausgabe der CINEMA nun schon zum zweiten Mal in Folge fehlen. Wurde das beliebte Gimmick ganz rausgenommen? Das Internet weiß darauf keine Antwort. Grmpf!"

Seit der letzten Wiederaufnahme der Zugabe ging es, soweit ich mich erinnere, dann ordnungsgemäß und kontinuierlich weiter mit der Tradition.

Montag, 25. Januar 2021

Unbekannte Weltwunder


Hier zu sehen, von mir letzte Woche fotografiert, ist ein Rekordbauwerk, nämlich der schiefste Turm der Welt. Mit einer Neigung von 5,22 Grad, was einer Lotabweichung von über 2 Metern entspricht, toppt der Schiefe Turm von Dausenau seinen berühmten Vetter in Pisa deutlich. Im letzten Jahrhundert hat man den ursprünglich stattliche 25 Meter hohen Turm auf heute 16,39 m abgetragen, um ein drohendes Umkippen zu verhindern.

Für den Fall, dass die Schrägheit nicht so zur Geltung kommt, wie sie sollte, ist hier eine Aufnahme aus einer anderen Position, von wo aus man die Eigenheit besser erkennt:

Vermutlich werden die meisten Menschen in diesem Land noch nie von dieser unfreiwilligen architektonischen Skurrilität gehört haben. Ein Ausflug an die Lohn lahnt, äh: Lahn lohnt sich allemal, denn nicht nur wird man in Dausenau von depperten Touristen verschont, die sich für ihre "kreativen" Erinnerungsfotos verrenken, nein, das Nassauer Land lockt zudem mit einer netten Landschaft und weiteren points of interest. Gegenüber dem Schiefen Turm beispielsweise steht eine alte Eiche, in deren Stamm ein Gitter mit dem metallenen Schriftzug "1000 Jahre" eingearbeitet wurde.

Samstag, 23. Januar 2021

What is "a real mensch"?

Am 8. November letzten Jahres starb Alex Trebek, seit 1984 der Moderator von "Jeopardy!", an den Folgen von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Dass wenige Tage zuvor Sean Connery das Zeitliche gesegnet hatte, entbehrte nicht einer gewissen Ironie, die freilich nicht nur mir aufgefallen ist: In den wiederkehrenden "Celebrity Jeopardy"-Sketchen von "Saturday Night Live" war Connery, in der Parodie von Darrell Hammond, die ewige Nemesis Trebeks (Will Ferrell).

Abgesehen von diesen Comedy-Spoofs hatte ich nie einen besonderen Bezug zu der weltbekannten Rateshow, welche – die Älteren erinnern sich – eine Zeitlang auch in Deutschland lief. Erst im Januar 2020 hatte ich zum ersten Mal reingeschaut, als nämlich das mehrtägige Spezial "Greatest of All Time" ausgestrahlt wurde, in dem die drei erfolgreichsten Kandidaten der "Jeopardy!"-Geschichte gegeneinander antraten. Das war äußerst unterhaltsam, rasant und lehrreich, und insbesondere der zu diesem Zeitpunkt bereits 79-jährige Alex Trebek als Spielleiter nahm mich mit seiner ruhigen, professionellen und warmherzigen Art für sich ein. Ich bereue es zutiefst, dass ich nach dem "GOAT"-Special nicht zum regelmäßigen Zuschauer wurde. Es gab halt so viel anderes zu konsumieren!

Als der Tod der TV-Legende verkündet wurde, war ich traurig und nahm mir vor, alle folgenden noch nicht gesendeten Folgen von "Jeopardy!" anzusehen. Derer gab es glücklicherweise 35 Stück, denn die Sendung wird mit einigem Vorlauf blockweise aufgezeichnet, und Trebek war noch bis zum 29. Oktober in der Lage gewesen, seinen Moderationspflichten (sein Vertrag lief bis 2022) nachzukommen. Am 8. Januar 2021 lief sein allerletzter Auftritt – mit überragenden Einschaltquoten – im Fernsehen. Ich habe es bis zur vergangenen Woche aufgeschoben, mir diese Episode anzuschauen. Sie war wunderbar unspektakulär und nur insofern (für mich) außergewöhnlich, als es das einzige dieser letzten 35 Male war, dass ein Kandidat von "Final Jeopardy" ausgeschlossen wurde, weil er am Ende der zweiten Runde im Minus stand. Die Antwort auf die letzte Frage bzw. die Frage zur letzten Antwort war "What is 'isotope'?"; ich hätt's gewusst! (Wenn ich kurz angeben darf: Es ist schon mehr als einmal vorgekommen, dass ich etwas wusste, worauf keine/r der Teilnehmenden gekommen ist.)

Jedenfalls wurde diese gleichzeitig harmlose und spannende Sendung über die letzten drei Monate zu einem lieben Part meiner Morgenroutine, umso mehr, als ich direkt nach dem eindeutigen Wahlgewinn Joe Bidens beschlossen hatte, dass es Zeit für eine Latenight-Show-Pause sei: Was sollten mir Colbert und Meyers noch groß über die so fruchtlosen wie kindischen Aktionen eines scheidenden und so schnell wie möglich einzusperrenden Versager-Präsidenten erzählen? Vergeudete Minuten!

Ich werde auch in Zukunft in unregelmäßigen Abständen bei Ken Jennings vorbeigucken. Der hat nämlich bis auf weiteres die Rolle eines "guest host" übernommen und macht das recht versiert und charmant. Jennings sorgte 2004 für Furore (und ein regelrechtes "Jeopardy!"-Fieber) gesorgt, als er in 74 Partien die Rekordsumme von insgesamt 2.522.700 US-$ erspielte; auch das oben erwähnte "GOAT"-Tournament konnte er für sich entscheiden. Dass mit dem Gamemaster die Qualität einer Quizshow steht und fällt, ist klar. Es gibt bei "Jeopardy!" aber neben der horizonterweiternden Auswahl der Wissensgebiete immer wieder kleine Überraschungen, die für mich den Reiz ausmachen, beispielsweise Außenaufnahmen, in denen Korrespondent(inn)en der Show on location interessante Fragen stellen: in der Weihnachtszeit etwa aus einer Lebkuchenbäckerei in Nürnberg (wovon in der lokalen Presse nichts zu lesen war!).

Apropos Rekorde: Nicht nur hat die Show sage und schreibe 39 Emmys gewonnen, auch wurde ihr inzwischen 92-jähriger Ansager Johnny Gilbert 2017 als Dienstältester in diesem Job ins Guinness-Buch aufgenommen. "Thank you, Johnny!" (Zitat) Und: Thank you, Alex!

Donnerstag, 21. Januar 2021

Sie ist wieder da

Heute konnte ich eine mehr als dreieinhalb Jahre schmerzhaft klaffende Leere in meinem Leben schließen. Puh, das klingt dramatischer, als es ist. Was ich meine, ist allzu banal, muss aber mit einer kurzen Rückblende erklärt werden. Wie ich hier dokumentiert habe, fing die versteinerte Koralle, die ich als Schmuckelement auf meiner Badewanne liegen hatte, 2017 an, sich an mehreren Stellen schwarz zu verfärben. Diese "Krankheit", die ich mir bis heute nur als Schimmel erklären kann, erwies sich als unheilbar und verschlimmerte sich schließlich so stark, dass ich das tote Tier entsorgen musste. Seitdem war ich fieberhaft auf der Suche nach Ersatz, wobei sich die Suche zugegebenermaßen lediglich darauf erstreckte, dass ich bei eBay einen E-Mail-alert für "Hirnkoralle" anlegte, weil ich meinte, um eine solche habe es sich bei meinem Exemplar (von dem ich übrigens gar nicht mehr weiß, wie es in meinen Besitz gelangt war) gehandelt. Eventuell wäre der Suchbegriff "Steinkoralle" fruchtbarer gewesen, doch was weiß ich schon über die verwirrend bunte Klasse der Blumentiere. So oder so dauerte es ewig, bis mir ein fast identisch aussehender und preislich angemessener Artikel vorgeschlagen wurde, nämlich bis vorgestern Abend. Ich schlug zu (Sofortkauf) und konnte "Hirni", wie ich das Fossil nicht nennen werde, keine 48 Stunden später in Empfang nehmen. Im Badezimmer wird es wohl diesmal nicht landen, fürchte ich doch, das permanente Ausgesetztsein von Feuchtigkeit könnte abermals Schimmelbildung begünstigen. Eigentlich absurd, wo das Viech doch sein ganzes Leben unter Wasser verbracht hat!

Dienstag, 19. Januar 2021

Eine Bahnfahrt, die ist lustig

In seinem neuen Roman "Hamster im hinteren Stromgebiet" erzählt Joachim Meyerhoff von Situationen, in denen er unkontrolliert kichern musste:

Durch mein Gelächter kam schon die nächste Begebenheit und die nächste und dann noch eine. Eine Nachricht fiel mir ein. Es war erst wenige Tage her, dass ich sie im Flugzeug gelesen und herausgerissen hatte. Ich musste meine Lektüre mehrmals unterbrechen und aus dem Fenster schauen, um meine Mitreisenden durch meinen Lachkrampf nicht zu stören.

Das kenne ich allzu gut! Nicht nur durch Lektüre (etwa von Meyerhoff-Büchern), sondern auch bei diversen Spoken-word-Hörgenüssen wurde ich schon mehrmals im Zug zu brutalsten Lachattacken provoziert. Ich bin kein Mensch, der viel und gerne lacht, aber wenn es mich erwischt, dann so richtig.

Mein erster größerer Lachanfall auf Schienen ist schon etliche Jahre her und hatte gar nichts mit Medienrezeption zu tun. In Frankfurt-Sachsenhausen gibt es eine deutsch-griechische Gaststätte mit dem so behämmerten wie brillanten Namen "Qualitäts-Eck". In meinem Freundeskreis entwickelte sich im Laufe der Zeit ein regelrechter Kult um dieses Lokal, der nur entzaubert werden konnte, indem wir es schließlich einmal besuchten. Irgendwann fuhr ich mit dem ICE aus dem Frankfurter Südbahnhof heraus und blickte arglos aus dem Fenster, als plötzlich in einem gut versteckten Winkel – das "Qualitäts-Eck" sichtbar wurde. Ich las das Wort, ließ es mir mehrmals durch den Kopf gehen und rastete aus.

(Beim Schreiben dieser Zeilen erinnere ich mich an unseren Besuch dieser Lokalität und einen etwas unangenehmen Vorfall dabei: Während der Essensbestellung stand der Kellner hinter mir – ich ließ mir wie so oft reichlich Zeit mit meiner Entscheidung – und fing auf einmal an, mir eine spaßig gemeinte Schultermassage zu verpassen. Normalerweise reagiere ich auf unerwünschten Körperkontakt mit spitzen Schreien oder indem ich den Übergriffling ausknocke, doch in diesem Fall blieb ich genau so ungerührt wie meine Kollegen.)

Ein ander Mal lauschte ich während der Fahrt der Hörbuch-Version von Heinz Strunks "Junge rettet Freund aus Teich". An der Stelle, wo der Ich-Erzähler fantasiert, dass der übermütig herumspringende Hund der Oma kein Hund ist, sondern in Wahrheit "ein Mensch, den es von einem Moment zum nächsten in einen Dackelkörper verschlagen hat", und der sich nun nicht verständlich machen kann, packte es mich. Tränen liefen mir herunter; peinlich.

Die zwei jüngsten Explosionen ereilten mich nach Inkrafttreten der Hygienebestimmungen, und ich war froh, dass ein Mund-Nase-Schutz mein grinsend verzerrtes Antlitz zum größten Teil verdeckte. Eine Episode von "The Dollop" – einer meiner Lieblings-Podcasts – befasste sich mit dem Leben des britischen Magiers und Komikers Tommy Cooper. Obwohl ich schon das ein oder andere über diesen Exzentriker gewusst hatte, brachte mich eine mir unbekannte Anekdote dann doch zum Durchdrehen: Einmal hätte Cooper um ein Haar im Live-TV die Talkshow-Legende Michael Parkinson enthauptet, wenn nicht eine Bühnenkraft im letzten Moment bemerkt hätte, dass Cooper vergessen hatte, den Sicherheits-Schnapper der Trick-Guillotine umzuschalten. Was für eine Vorstellung! Ich muss gerade schon wieder intensiv feixen. Wenig später erwischte es mich beim Ron-Burgundy-Podcast, aber damit hätte ich nach zwei Staffeln rechnen müssen ... Warum höre ich so was auch in der Öffentlichkeit?!

Sonntag, 17. Januar 2021

Word of the month

Wie ich schon mehr als einmal festgestellt habe, ist das einzig Positive, das ich der nächste Woche endenden Präsidentschaft D. Trumps abgewinnen kann, das Anwachsen meines Englisch-Wortschatzes. Zum Beispiel hätte ich nicht gewusst, wie man das bezeichnen sollte, was kürzlich im Kapitol geschehen ist. Mit der Pistole auf der Brust hätte ich vielleicht "storming" oder "attack" gesagt. Die Vokabel, die sich in amerikanischen Medien durchgesetzt hat, ist jedoch insurrection – "Aufstand, Aufruhr". Das Wort habe ich vorher noch nie bewusst wahrgenommen! Bei weitem nicht so häufig, aber ebenfalls gebraucht wurde das etymologisch und semantisch verwandte Wort insurgence. Hinsichtlich beider habe ich den Restverdacht, ob das möglicherweise nicht etwas euphemistisch war.

Update: Kurz nach Veröffentlichung dieses Beitrags sehe ich, dass der New Yorker das Wort siege benutzt.

Freitag, 15. Januar 2021

Kurz getestet: Schwedenhappen

Chips aus Spanien und Italien tauchten in diesem Blog ja schon auf. Schweden hätte ich mir weiß Gott nicht als Chipsnation träumen lassen, aber här är vi. Dill & Parmesan ist die von mir getestete Geschmacksrichtung der Chips aus dem Hause Gårdschips; sie verbindet damit mein Lieblingskraut mit einem meiner Lieblingskäsesorten. In puncto Flavour und Mundgefühl gibt es nichts auszusetzen. Einen Einwand habe ich jedoch: Mir ist diese Sorte ein wenig zu salzig. Man trinkt zu Knabbergebäck sowieso gewohnheitsmäßig Bier, aber hier wird man tatsächlich besonders durstig. Insgesamt sind aber 7 von 10 Punkten drin.

Mittwoch, 13. Januar 2021

Leiden wie ein Hund

Seit Monaten bietet sich mir fast täglich dasselbe Bild, wenn ich an der Tierarztpraxis, die auf meinem Arbeitsweg liegt, vorbeilaufe: eine Schlange! Nein, keine Schlange als Patientin, sondern eine Schlange aus wartenden, bibbernden Menschen, die wegen der corona-bedingten Abstandsregeln nicht ins Wartezimmer dürfen, sondern mit ihren maladen Schützlingen vor der Tür ausharren müssen, bis sie aufgerufen werden. Mir war vorher gar nicht klar gewesen, dass a) so viele Leute in meiner Nachbarschaft Haustiere halten, und b) dass Letztere ständig krank werden. Dieser bejammernswerte Anblick hat mich jedenfalls darin bestärkt, mir im Erwachsenenalter kein Tierchen mehr zuzulegen. (Der Hauptgrund ist freilich mangelnde Zeit, mich um ein zusätzliches Lebewesen zu kümmern.)

Als Kind und Jugendlicher hatte ich durchaus regelmäßig Haustiere – Wellensittiche und Wüstenrennmäuse –, und sehr wohl bin ich mit der bedrückenden Erfahrung des Tierarztbesuchs vertraut. Nachdem ich das letzte Mal eine Maus einschläfern lassen musste, schwor ich mir, nie wieder "Herrchen" zu werden, so spaßig das mitunter auch sein kann. Meine derzeitige Wohnung bietet ohnehin nicht genug Auslauf für irgendetwas, das größer als ein Käfer ist.

Montag, 11. Januar 2021

Wechsel und Reisende

Fast 40 Jahre alt musste ich werden, um zwei Wörter kennenzulernen, die eigentlich zum deutschen Grundwortschatz gehören. Falsch, das stimmt so nicht. Besser formuliert: Zwei konkrete bzw. Spezialbedeutungen von Lexemen mit sehr allgemeiner Hauptbedeutung wurden mir erst kürzlich geläufig, zumindest einigermaßen.

Das erste Wort ist Wechsel im Finanzzusammenhang. Aus dem Kreuzworträtsel kannte ich zwar seit langem "Wechselbezogener: Trassat", aber Gedanken darüber, was ein "Wechsel" in diesem Falle sei, habe ich mir nie gemacht. Als ich das Wort vor einiger Zeit in einem alten Film, ich glaube "Frau ohne Gewissen", hörte, konsultierte ich dann doch mal Wikipedia. Den umfangreichen Artikel habe ich weder komplett gelesen noch verstanden, und ich bin erleichtert, dass das Wissen um Wechsel keine Allgemeinbildung (mehr) darstellt: "Der Wechsel hat im täglichen Geschäft [...] an Bedeutung verloren und kommt mittlerweile nur noch in sehr geringer Stückzahl bei Nichtbanken vor. Bei Kreditinstituten spielt der Wechsel seit Januar 1999 keine Rolle mehr und ist in der Ausbildung von Bankkaufleuten kein Lehrgegenstand." Entfernt verwandt – das nehme ich zumindest nach ungeduldigem Querlesen mit – scheint das Wechselprinzip mit der Benutzung von Schecks oder auch mit Ordern zu sein.
Wenn man bei eBay unter "Sammeln & Seltenes" nach "Wechsel" sucht, findet man in der Subkategorie "Büro, Papier & Schreiben > Papier & Dokumente" nicht wenige Angebote mit historischen Wechselpapieren, zum Beispiel "Prima-Wechsel", "Einheits-Wechsel", teils auch mit "Wechselmarken" oder "Steuermarken".

In Dorothy Sayers' Kriminalgeschichten um den Weinvertreter und Hobby-Detektiv Montague Egg hat jener stets ein gewisses "Handbuch des Reisenden" bei sich, aus dem er bei jeder passenden Gelegenheit zitiert. Als ich eine Story las, in der ein Kollege Montagues aus der Vertreterzunft wiederholt als Reisender bezeichnet wurde, begann es in meinem Kopf zu rattern: Ist das etwa ein Beruf? Klar!, das "Handbuch des Reisenden" ist kein Universalführer für Touristen, sondern ein Begleiter für Handlungsreisende, weswegen der fiktive Schmöker im Original auch "The Salesman's Handbook" heißt. Reisender ist dabei keine saloppe Kurzform, sondern eine offizielle Postenbezeichnung. Wikipedia: "Ein Reisender ist innerhalb des Vertriebs eines Unternehmens und in der Betriebswirtschaftslehre die Bezeichnung für einen sozialversicherungspflichtig angestellten Handlungsgehilfen im Außendienst. Andererseits kann es sich auch um einen Kleingewerbetreibenden handeln." Das Wort kam Anfang des 19. Jahrhunderts auf und setzte sich Anfang des 20. durch ("Die umgangssprachliche Bezeichnung 'Vertreter' war zunehmend negativ konnotiert"; ibid.).
Wusstet ihr das? Muss ich mich schämen für meine Unkenntnis oder bin ich entschuldigt, weil ich niemandem in diesem Gewerbe kenne?

Sonntag, 10. Januar 2021

Was man über mich wissen sollte

Ich drehe, und das ist nicht übertrieben, komplett durch, wenn jemand am Telefon oder in sonstigen Situationen ein Buchstabieralphabet verwendet. Zum Beispiel so: "Gustav Albert Ida Theodor ..."
"Haaaalt, stop, was was WAS?!?!?", möchte ich schreien. Warum macht man das nicht gleich beim Ansagen von Zahlen so? "1 wie in 117, 9 wie in 9002, 4 wie in 479867557643002 ..."

Freitag, 8. Januar 2021

This Old Spouse

Im Juni 2013 schrieb ich in diesem Blog: "Erst 2008 starb die letzte Witwe eines amerikanischen Bürgerkriegsveteranen." Das war der damalige Erkenntnisstand. Gestern nun erfuhr ich via Snopes.com das Erstaunliche: Die (mutmaßlich) letzte Witwe eines Veteranen des Civil War starb am 16. Dezember 2020 – 155 Jahre nach dem Ende dieses Krieges! Die 1919 geborene Helen Viola Jackson aus Missouri heiratete 1936 den damals bereits 93-jährigen James Bolin, der für die Nordstaaten gekämpft hatte und bereits drei Jahre nach der Eheschließung verschied.

Der Altersunterschied von 76 Jahren lässt einen erst mal schlucken, aber wie zu lesen ist, steckt eine süße Geschichte hinter der ungewöhnlichen Heirat: Die 17-jährige Schülerin half dem pensionierten Ex-Kavalleristen regelmäßig im Haushalt. Um sich zu revanchieren, bot Bolin dem Mädchen an, ihm das Jawort zu geben, auf dass es nach seinem Ableben Ansprüche auf entsprechende Rentenbezüge erhielte; wegen jener beliebten Civil War pension wurden solche Verbindungen gerade während der Wirtschaftskrise tatsächlich nicht selten eingegangen. Sie stimmte dem Deal zu, ohne ihrer Familie davon zu erzählen. Die Ehe wurde nie vollzogen, und einen Antrag auf Kriegswitwenrente stellte Helen dann doch nicht. Erst 2017 weihte die hochbetagte Dame, die nach dem Tod ihres Mannes ehe- und kinderlos geblieben war, den örtlichen Pastor in ihr historisch bemerkenswertes Geheimnis ein.

Die letzte Person, die tatsächlich eine Bürgerkriegsrente bezogen hatte, und gleichzeitig das letzte lebende Kind eines US-Bürgerkriegs-Veteranen, ist übrigens auch 2020 verstorben: Irene Triplett wurde 90 Jahre alt.

Dienstag, 5. Januar 2021

Montag, 4. Januar 2021

Traumprotokoll: Kafka & Mangas

Ich träumte, mir wäre ein Tagebuch Franz Kafkas aus dessen Prager Studienzeit in die Hände gefallen – nicht das Original, sondern eine bislang unveröffentlichte Buch-Edition, aber immerhin. Darin berichtet Kafka mehrmals von seinen Erfahrungen als Pen-and-Paper-Rollenspieler. Was er beschreibt, ist nicht etwa ein Vorläufer von "Dungeons & Dragons" & Co., sondern ein Spiel moderner Prägung, bei dem 20-seitige Würfel für Standardaktionen benutzt werden (Kafka schreibt von "Angriffswürfen mit W20" und so). Ich bin baff: Muss die Geschichte umgeschrieben werden? War Gary Gygax ein Scharlatan?

Ohne Überleitung träumte ich sodann von einer Doppelseite in der FAZ, auf welcher die gesamte Redaktion Mangas empfiehlt. Zu dieser scheint überraschenderweise neuerdings auch Jan Böhmermann zu gehören, denn dessen Empfehlung von "My Hero Academia" ziert großzügig bebildert das obere Viertel der ersten Seite. Fachmann Dath hingegen wird mit einem Fünf-Zeilen-Kasten abgespeist; seinen Lesetipp vergesse ich sofort wieder. 'Wieso interessieren die sich denn auf einmal alle für Mangas?', denke ich verzweifelt. 'Muss ich jetzt auch damit anfangen? Ich habe doch keine Zeit!' Mir wird schwindelig und ich wache auf.

Sonntag, 3. Januar 2021

Serientagebuch 12/20

01.12. Fortitude 3.03
02.12. The Simpsons 32.07
Fortitude 3.04
03.12. Family Guy 19.07
04.12. The Terror 2.10
Norm 3.07
05.12. The Marvelous Mrs. Maisel 3.06
The Marvelous Mrs. Maisel 3.07
07.12. The Simpsons 32.08
08.12. Family Guy 19.08
09.12. The Simpsons 32.09
The Marvelous Mrs. Maisel 3.08
10.12. Fargo 4.01
Fargo 4.02
11.12. The Mandalorian 2.01
The Mandalorian 2.02
12.12. Norm 3.08
The Mandalorian 2.03
Fargo 4.03
14.12. The Simpsons 32.10
Fargo 4.04
15.12. The Mandalorian 2.04
The Mandalorian 2.05
17.12. Fargo 4.05
18.12. Norm 3.09
Family Guy 19.09
19.12. The Mandalorian 2.06
Fargo 4.06
20.12. The Mandalorian 2.07
The Mandalorian 2.08
22.12. Norm 3.10
26.12. Fargo 4.07
Norm 3.11
27.12. Fargo 4.08
28.12. Fargo 4.09
30.12. Years and Years 1.01
31.12. Years and Years 1.02
Years and Years 1.03

Von Fortitude habe ich die erste Staffel schon vor einigen Jahren gesehen. Dass es um eine (fiktive) internationale Kleinstadt in der norwegischen Arktis geht, in der sich zum ersten Mal seit ihrem Bestehen ein Mord ereignet, war das einzige, was ich vorher darüber gewusst hatte. Doch die britische, recht prominent besetzte Produktion entpuppte sich als etwas ganz anderes denn als ein skandinavisch angehauchtes Kriminaldrama. Elemente, die man eher bei "Akte X" verortet hätte, nahmen im Verlauf der ersten zwölf Episoden überhand und vernebelten die Handlung leider ein wenig. Staffel 2 sah ich dann mit einigem Abstand, und die war einfach nur wahnsinnig und vom Gewalt- und Ekelfaktor her noch eine Stufe härter; tatsächlich möchte ich meinen, "Fortitude" enthielt einige der drastischsten Szenen, die ich je in einer Serie gesehen habe. Im Grunde war die Handlung nach den zehn Folgen von Season 2 abgeschlossen, doch entschloss man sich zu einem vierteiligen Epilog, dem ich durchaus das Prädikat "unterhaltsam" geben kann. Das Setting der ganzen Serie ist höchst originell, und man merkt den Darstellern, allen voran Richard Dormer ("Game of Thrones"), permanent ihre Spielfreude an.
Mein Highlight 2020 war definitiv The Mandalorian. Ist diese Serie besser als die letzte Film-Trilogie? Nun, sie befriedigt Fan-Gelüste jedenfalls entschlossener wiewohl eleganter, ja: "beiläufiger" als etwa "Der Aufstieg Skywalkers". Damit meine ich: Ihr gelingt das Kunststück, sowohl Nicht-Star-Wars-Kenner anzusprechen, die diesen Space-Western einfach so mit viel Vergnügen und ohne Verständnisprobleme weggucken können, als auch die Herzen von Hardcore-Fans höher schlagen zu lassen, die noch in jedem Hintergrund-Standbild eine Referenz auf die Kinofilme, auf Bücher, Videospiel-Umsetzungen & Co. entdecken können. Ich persönlich fand es beispielsweise genial, eine zentrale Figur aus der "Clone Wars"-Zeichentrickserie hier für eine Real-life-Rolle zu reaktivieren; und das Finale, welches ich freilich nicht spoilern werde, ist über jeden Zweifel erhaben und verdient sich die abgedroschene Bezeichnung "epic" mit Bravour. Obendrein trägt das ganze Look & Feel dazu bei, dass man sich wie im Kino fühlt. Keine Kosten und Mühen für Masken, Kostüme, Bauten und Effekte wurden gescheut, um "The Mandalorian" in jeder Minuten Star Wars pur atmen zu lassen. Die immer wieder überraschenden Casting-Entscheidungen und Ludwig Göranssons gänzlich John-Williams-untypischer, dabei absolut stimmiger Soundtrack sind das Salz in der Suppe. Jegliche Skepsis, die man gegenüber Disney je gehabt haben mochte, dürften mit "The Mandalorian" verflogen sein. Einzig die Ankündigung von einem gefühlten Dutzend zukünftiger Disney+-Serien aus dem Star-Wars-Universum macht mir ein wenig Angst. Bitte überfüttert uns nicht! Dass man es mit Fan-Service nämlich übertreiben und die Mission, noch jede Lücke im Kanon zu schließen, nach hinten losgehen kann, hat zuletzt "Doctor Who" mit seinen ärgerlichen Retcons, Widersprüchen und Neuinterpretationen allzu schmerzlich bewiesen. 2021 starten sollen ja zunächst nur zwei Produktionen, nämlich die Animationsreihe "The Bad Batch" (die ich wohl nicht schauen werde) sowie "the next chapter" von "The Mandalorian", was, wie man nun weiß, nicht "The Mandalorian" Season 3 sein wird, sondern etwas, das ich ebenfalls nicht spoilern möchte, falls es wer nicht mitbekommen hat.
Auf die Fortsetzung von The Marvelous Mrs. Maisel, deren Dreharbeiten noch nicht mal begonnen haben (!), bin ich nicht minder gespannt und vorfreudig.

Freitag, 1. Januar 2021

Eine Neujahrsgeschichte (2/2)

Franz Schakal öffnete die Startseite des Online-Spiegel. Gott sei Dank, dachte er, das "Bleiwunder" (bzw. "Blei-Wunder", wie es u.a. bei Bild.de hieß) war nicht mehr das Topthema. Stattdessen stand an oberster Stelle ein Artikel mit der Überschrift "Weiße Weihnacht – ein Mythos?". Franz las die Einleitung: "Rodeln, durch den Schnee stapfen, durchweichte Stiefel mit zerknülltem Zeitungspapier ausstopfen: Das waren die Haupttätigkeiten in den Adventstagen unserer Kindheit. So erinnern sich zumindest die meisten von uns an früher. Neue Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes haben jetzt ergeben: In Deutschland hat es noch nie geschneit! Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen ..." Das Schellen der Türklingel riss ihn aus seiner Lektüre. Er legte das Tablet beiseite und ging die Haustür öffnen. "Hahaha", lachte er dem illustren Besuch entgegen, dessen er ansichtig wurde. "Sie sind zu spät. Wir haben ihn eingeschmolzen und aus seiner Materie bewegliche Lettern gegossen. Von welchem Medium sind Sie überhaupt?" Die Kameras und Mikrofone des Teams hinter der Frau auf der Fußmatte waren ebenso unmarkiert wie der Ü-Wagen, den Franz aus dem Augenwinkel erblicken konnte. "Das wollte ich eigentlich von Ihnen wissen", bekam er zur Antwort. "Wir sind nicht wegen Ihrer Wiefelspütz-Statue hier, sondern weil Ihre Adresse gezogen wurde. Meine Sendung heißt 'Erkennen Sie mich?'. Darin besuche ich zufällig ausgewählte Haushalte in der ganzen Republik und frage, ob die dort Lebenden mich erkennen beziehungsweise kennen." Franz legte die Stirn kraus und sagte: "Hm. Tut mir leid, ich habe Sie noch nie gesehen."

Keine drei Minuten nachdem die Sendungsleiterin mit "Okay, das war's dann, Abbruch, tschüs" das Signal zum Einpacken gegeben hatte, war von der TV-Crew nichts mehr zu sehen. Leicht irritiert schlurfte Vater Franz zurück ins Wohnzimmer. Ähnliche Visiten und Überfälle hatten er und die Seinen seit dem Neujahrstag gehäuft ertragen müssen, aber stets war es dabei um das außergewöhnliche Ergebnis des familiären Bleigießens gegangen: Für den lebensgroßen Zufalls-"Abguss" des Politikers und Verwaltungsrichters a.D. Dieter Wiefelspütz hatten sich u.a. die Redaktionen von "Außenseiter-Spitzenreiter", "Das gibt's doch gar nicht!", "Das gibt's sehr wohl!" und "Die Show des Spaßes" interessiert. Reporterinnen und Moderatoren hatten sich 48 Stunden lang die Klinke in die Hand gegeben. Die Klinke war beim Bleigießen 2017 entstanden und auch schon recht beeindruckend, aber freilich löste der verblüffend echte SPD-Mann ungleich größere Faszination aus. Die Schakals genossen die 15 Minuten Ruhm und waren nicht wenig stolz auf ihre Attraktion. Für das eine oder andere Interview gab es sogar kleine Geschenke. Mehr als "Och, das war keine Absicht" oder "Ja, uns allen war sofort klar, wer das ist" konnten die Befragten allerdings kaum zu diesen Interviews beitragen. Irgendwann nervte das ständige Geläute und Getrampel dann nur noch, und der Familienrat beschloss einstimmig, Dr. Wiefelspütz wieder zu verflüssigen und etwaige Presseanfragen fürderhin abzuschmettern.

Franz Schakal berichtete seiner Frau und seinen Kindern von der seltsamen Fernseh-Hausiererei. Lange schwiegen sie danach einander an. "Warum wurden wir bisher noch nicht informiert, wann die Beiträge über uns ausgestrahlt werden?", gab Tochter Frenja zu Bedenken. – "Und wieso sind die Zeitungsberichte voller Fehler?", warf Eins ein, diverse ausgeschnittene Artikel durchgehend. "Hier wird zum Beispiel behauptet, wir hätten einen Hund. Und hier steht, Mama wäre zwei Meter hoch." – "Wahrheitspflicht, quo vadis?", schüttelte Sylphe den Kopf. Die Silvester-Playlist dudelte unterdessen immer noch vor sich hin; zurzeit lief eine dämonisch verfremdete Version von Ilse Werners "Wir machen Musik". Etwas stimmte nicht im Hause Schakal, so viel stand fest.

Frenja grübelte vor sich hin, während sie lustlos ihre Brennnesselsuppe löffelte. "Diese Frau vor der Tür", sagte sie schließlich, "wie genau sah die denn aus?" Ihr Vater überlegte kurz. "Ich kann sie beim besten Willen nicht beschreiben", buchstabierte er und gähnte zum wiederholten Male. Sohn Eins und seine Mutter, die nebenan die ganze Zeit kopflos die Post durchwühlt hatten, betraten das Esszimmer. "Wir haben etwas Komisches gefunden", sagte Eins und zeigte den anderen einen Ausriss aus dem Wochenblatt. "Könnt ihr euch einen Reim darauf machen?"


"Wer zum Teufel ist der Wurm?", wunderte sich Franz angesichts der auffälligen Annonce. Frenja schlug das Offensichtliche vor: "Wir sollten ihn kontaktieren." – "Unbedingt!", pflichtete ihr Bruder ihr bei. "Dank unserer Mobil- und Festnetz-Flatrate kostet uns der Anruf nix!" Die Eltern berieten sich telepathisch, wie es nur lange Verheiratete können, und nickten nachdenklich. "Frenja, du bist die rhetorisch Geschickteste von uns. Du übernimmst das Telefonat", gebot die Mutter. Frenja war einverstanden. Sie begab sich zu dem an der Trennwand zwischen Küche und Esszimmer hängenden Fernsprecher, drehte die Wählscheibe, bis die Dame vom Amt sich meldete, und ließ sich mit der Funknummer des mysteriösen Inserenten verbinden.

"Hier ist der Wurm", ertönte nach gefühlt hundertmaligem Klingeln eine relativ hohe, leicht quäkende Männerstimme. Frenja bedankte sich zunächst für die netten Grüße in der Anzeige und wünschte ein frohes neues Jahr. Dann schilderte sie die Vorkommnisse und Unregelmäßigkeiten, die sich seit dem Silvesterabend 2020 ereignet hatten. Der Wurm hörte sich die Ausführungen in aller Ruhe an, lieferte lediglich hier und da ein ernstes, aber freundliches "Hm-mm" als Feedback. Als Frenja fertig war, räusperte sich der Wurm und sagte: "Es war eine kluge Entscheidung, meine Nummer zu wählen, über die ihr selbstverständlich nicht zufällig gestolpert seid. Ich habe bereits einen Verdacht, aber um ihn zu verifizieren, gib mir bitte deine Mutter oder deinen Vater oder deinen Bruder. Am besten alle drei nacheinander." Das Mädchen tat wie geheißen. In den kommenden 45 Minuten erzählten die übrigen Familienmitglieder das Geschehene aus ihrer Sicht. "Dem Himmel sei Dank für die Flatrate", wiederholte Sohn Eins zwischendurch. Dem Vater, welcher als Letzter sein Statement abgab, stellte der Wurm im Anschluss eine Reihe von Fragen, die Franz mit wachsendem Unverständnis wahrheitsgemäß bejahte, nämlich "Hatten Sie in den vergangenen Tagen Kopf-, Bauch- und/oder Gliederschmerzen? Fühlen Sie sich schwach und/oder orientierungslos? Hat sich Ihre Haut ins Bläulich-Gelbe oder Blass-Graue verfärbt? Leiden Sie unter Appetitlosigkeit?" – "All das und mehr, ja! Es ist die Hölle auf Erden", gestand Schakal senior. "Ich fürchte, wir haben das wegen der ganzen Aufregung total verdrängt. Hätten wir uns Sorgen machen sollen?" Ein Seufzer erklang am anderen Ende der Leitung. "Und ich fürchte", sagte der Wurm, "dass Sie alle vier eine schwere Bleivergiftung erlitten haben und ins Koma gefallen sind. Genauer gesagt stehen Sie an der Schwelle zum Tod, schweben in einer Art Zwischenreich. Ihr kollektives Gedächtnis versucht eine Ersatz-Realität zu konstruieren, doch es gibt Fehler in der Matrix, die Ihnen zum Glück rechtzeitig aufgefallen sind." – "Aber was können wir dagegen tun?", schrie Sylphe im Hintergrund. Der Vater hatte die Lautsprecherfunktion des Fernsprechers aktiviert, so dass die anderen alles mithören konnten.

Wer an diesem 31.12.2020 um 23 Uhr 59 zufällig über das Grundstück der Schakals geflogen wäre, statt wie von den Behörden verordnet in den eigenen vier Wänden zu bleiben, hätte ein sonderbares Schauspiel beobachtet: Vier Menschen unterschiedlichen Alters rollen mit geschlossenen Augen auf ihren Swimming-Pool zu, lassen sich ins Wasser fallen, erwachen aus einem scheinbaren Trance-Zustand, wissen nicht, wie ihnen geschieht, und rudern orientierungslos in dem eisigen Becken herum, bevor sie ihm keuchend entsteigen. Doch genau das hatte der Wurm – der freilich nur in der Zwischenwelt existierte – ihnen in buchstäblich letzter Minute befohlen. Hätten die Limbus-Personae ihre physischen Hüllen nicht aus dieser Traumwelt heraus dazu gebracht, den Anweisungen Folge zu leisten, wären die Schakals für immer dort geblieben, und das hätte bedeutet, sie wären in der echten Welt gestorben!

"Wir hätten schon stutzig werden sollen, als unser heranwachsender Sohn und vor allem unsere minderjährige Tochter den Alt-Politiker Wiefelspütz auf Anhieb erkannten", sinnierte Vater Franz am nächsten Morgen über einer Tasse Metall-Detox-Tee. Mutter Sylphe klopfte ihm auf die Schulter. "Niemandem ist ein Vorwurf zu machen", meinte sie. "Jede vergiftete Familie ist auf ihre eigene Weise vergiftet." Darauf lachten die Schakals hyänenartig wie aus einem Halse. 2021 würden sie auf Quecksilber zurückgreifen.