Freitag, 1. Januar 2021

Eine Neujahrsgeschichte (2/2)

Franz Schakal öffnete die Startseite des Online-Spiegel. Gott sei Dank, dachte er, das "Bleiwunder" (bzw. "Blei-Wunder", wie es u.a. bei Bild.de hieß) war nicht mehr das Topthema. Stattdessen stand an oberster Stelle ein Artikel mit der Überschrift "Weiße Weihnacht – ein Mythos?". Franz las die Einleitung: "Rodeln, durch den Schnee stapfen, durchweichte Stiefel mit zerknülltem Zeitungspapier ausstopfen: Das waren die Haupttätigkeiten in den Adventstagen unserer Kindheit. So erinnern sich zumindest die meisten von uns an früher. Neue Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes haben jetzt ergeben: In Deutschland hat es noch nie geschneit! Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen ..." Das Schellen der Türklingel riss ihn aus seiner Lektüre. Er legte das Tablet beiseite und ging die Haustür öffnen. "Hahaha", lachte er dem illustren Besuch entgegen, dessen er ansichtig wurde. "Sie sind zu spät. Wir haben ihn eingeschmolzen und aus seiner Materie bewegliche Lettern gegossen. Von welchem Medium sind Sie überhaupt?" Die Kameras und Mikrofone des Teams hinter der Frau auf der Fußmatte waren ebenso unmarkiert wie der Ü-Wagen, den Franz aus dem Augenwinkel erblicken konnte. "Das wollte ich eigentlich von Ihnen wissen", bekam er zur Antwort. "Wir sind nicht wegen Ihrer Wiefelspütz-Statue hier, sondern weil Ihre Adresse gezogen wurde. Meine Sendung heißt 'Erkennen Sie mich?'. Darin besuche ich zufällig ausgewählte Haushalte in der ganzen Republik und frage, ob die dort Lebenden mich erkennen beziehungsweise kennen." Franz legte die Stirn kraus und sagte: "Hm. Tut mir leid, ich habe Sie noch nie gesehen."

Keine drei Minuten nachdem die Sendungsleiterin mit "Okay, das war's dann, Abbruch, tschüs" das Signal zum Einpacken gegeben hatte, war von der TV-Crew nichts mehr zu sehen. Leicht irritiert schlurfte Vater Franz zurück ins Wohnzimmer. Ähnliche Visiten und Überfälle hatten er und die Seinen seit dem Neujahrstag gehäuft ertragen müssen, aber stets war es dabei um das außergewöhnliche Ergebnis des familiären Bleigießens gegangen: Für den lebensgroßen Zufalls-"Abguss" des Politikers und Verwaltungsrichters a.D. Dieter Wiefelspütz hatten sich u.a. die Redaktionen von "Außenseiter-Spitzenreiter", "Das gibt's doch gar nicht!", "Das gibt's sehr wohl!" und "Die Show des Spaßes" interessiert. Reporterinnen und Moderatoren hatten sich 48 Stunden lang die Klinke in die Hand gegeben. Die Klinke war beim Bleigießen 2017 entstanden und auch schon recht beeindruckend, aber freilich löste der verblüffend echte SPD-Mann ungleich größere Faszination aus. Die Schakals genossen die 15 Minuten Ruhm und waren nicht wenig stolz auf ihre Attraktion. Für das eine oder andere Interview gab es sogar kleine Geschenke. Mehr als "Och, das war keine Absicht" oder "Ja, uns allen war sofort klar, wer das ist" konnten die Befragten allerdings kaum zu diesen Interviews beitragen. Irgendwann nervte das ständige Geläute und Getrampel dann nur noch, und der Familienrat beschloss einstimmig, Dr. Wiefelspütz wieder zu verflüssigen und etwaige Presseanfragen fürderhin abzuschmettern.

Franz Schakal berichtete seiner Frau und seinen Kindern von der seltsamen Fernseh-Hausiererei. Lange schwiegen sie danach einander an. "Warum wurden wir bisher noch nicht informiert, wann die Beiträge über uns ausgestrahlt werden?", gab Tochter Frenja zu Bedenken. – "Und wieso sind die Zeitungsberichte voller Fehler?", warf Eins ein, diverse ausgeschnittene Artikel durchgehend. "Hier wird zum Beispiel behauptet, wir hätten einen Hund. Und hier steht, Mama wäre zwei Meter hoch." – "Wahrheitspflicht, quo vadis?", schüttelte Sylphe den Kopf. Die Silvester-Playlist dudelte unterdessen immer noch vor sich hin; zurzeit lief eine dämonisch verfremdete Version von Ilse Werners "Wir machen Musik". Etwas stimmte nicht im Hause Schakal, so viel stand fest.

Frenja grübelte vor sich hin, während sie lustlos ihre Brennnesselsuppe löffelte. "Diese Frau vor der Tür", sagte sie schließlich, "wie genau sah die denn aus?" Ihr Vater überlegte kurz. "Ich kann sie beim besten Willen nicht beschreiben", buchstabierte er und gähnte zum wiederholten Male. Sohn Eins und seine Mutter, die nebenan die ganze Zeit kopflos die Post durchwühlt hatten, betraten das Esszimmer. "Wir haben etwas Komisches gefunden", sagte Eins und zeigte den anderen einen Ausriss aus dem Wochenblatt. "Könnt ihr euch einen Reim darauf machen?"


"Wer zum Teufel ist der Wurm?", wunderte sich Franz angesichts der auffälligen Annonce. Frenja schlug das Offensichtliche vor: "Wir sollten ihn kontaktieren." – "Unbedingt!", pflichtete ihr Bruder ihr bei. "Dank unserer Mobil- und Festnetz-Flatrate kostet uns der Anruf nix!" Die Eltern berieten sich telepathisch, wie es nur lange Verheiratete können, und nickten nachdenklich. "Frenja, du bist die rhetorisch Geschickteste von uns. Du übernimmst das Telefonat", gebot die Mutter. Frenja war einverstanden. Sie begab sich zu dem an der Trennwand zwischen Küche und Esszimmer hängenden Fernsprecher, drehte die Wählscheibe, bis die Dame vom Amt sich meldete, und ließ sich mit der Funknummer des mysteriösen Inserenten verbinden.

"Hier ist der Wurm", ertönte nach gefühlt hundertmaligem Klingeln eine relativ hohe, leicht quäkende Männerstimme. Frenja bedankte sich zunächst für die netten Grüße in der Anzeige und wünschte ein frohes neues Jahr. Dann schilderte sie die Vorkommnisse und Unregelmäßigkeiten, die sich seit dem Silvesterabend 2020 ereignet hatten. Der Wurm hörte sich die Ausführungen in aller Ruhe an, lieferte lediglich hier und da ein ernstes, aber freundliches "Hm-mm" als Feedback. Als Frenja fertig war, räusperte sich der Wurm und sagte: "Es war eine kluge Entscheidung, meine Nummer zu wählen, über die ihr selbstverständlich nicht zufällig gestolpert seid. Ich habe bereits einen Verdacht, aber um ihn zu verifizieren, gib mir bitte deine Mutter oder deinen Vater oder deinen Bruder. Am besten alle drei nacheinander." Das Mädchen tat wie geheißen. In den kommenden 45 Minuten erzählten die übrigen Familienmitglieder das Geschehene aus ihrer Sicht. "Dem Himmel sei Dank für die Flatrate", wiederholte Sohn Eins zwischendurch. Dem Vater, welcher als Letzter sein Statement abgab, stellte der Wurm im Anschluss eine Reihe von Fragen, die Franz mit wachsendem Unverständnis wahrheitsgemäß bejahte, nämlich "Hatten Sie in den vergangenen Tagen Kopf-, Bauch- und/oder Gliederschmerzen? Fühlen Sie sich schwach und/oder orientierungslos? Hat sich Ihre Haut ins Bläulich-Gelbe oder Blass-Graue verfärbt? Leiden Sie unter Appetitlosigkeit?" – "All das und mehr, ja! Es ist die Hölle auf Erden", gestand Schakal senior. "Ich fürchte, wir haben das wegen der ganzen Aufregung total verdrängt. Hätten wir uns Sorgen machen sollen?" Ein Seufzer erklang am anderen Ende der Leitung. "Und ich fürchte", sagte der Wurm, "dass Sie alle vier eine schwere Bleivergiftung erlitten haben und ins Koma gefallen sind. Genauer gesagt stehen Sie an der Schwelle zum Tod, schweben in einer Art Zwischenreich. Ihr kollektives Gedächtnis versucht eine Ersatz-Realität zu konstruieren, doch es gibt Fehler in der Matrix, die Ihnen zum Glück rechtzeitig aufgefallen sind." – "Aber was können wir dagegen tun?", schrie Sylphe im Hintergrund. Der Vater hatte die Lautsprecherfunktion des Fernsprechers aktiviert, so dass die anderen alles mithören konnten.

Wer an diesem 31.12.2020 um 23 Uhr 59 zufällig über das Grundstück der Schakals geflogen wäre, statt wie von den Behörden verordnet in den eigenen vier Wänden zu bleiben, hätte ein sonderbares Schauspiel beobachtet: Vier Menschen unterschiedlichen Alters rollen mit geschlossenen Augen auf ihren Swimming-Pool zu, lassen sich ins Wasser fallen, erwachen aus einem scheinbaren Trance-Zustand, wissen nicht, wie ihnen geschieht, und rudern orientierungslos in dem eisigen Becken herum, bevor sie ihm keuchend entsteigen. Doch genau das hatte der Wurm – der freilich nur in der Zwischenwelt existierte – ihnen in buchstäblich letzter Minute befohlen. Hätten die Limbus-Personae ihre physischen Hüllen nicht aus dieser Traumwelt heraus dazu gebracht, den Anweisungen Folge zu leisten, wären die Schakals für immer dort geblieben, und das hätte bedeutet, sie wären in der echten Welt gestorben!

"Wir hätten schon stutzig werden sollen, als unser heranwachsender Sohn und vor allem unsere minderjährige Tochter den Alt-Politiker Wiefelspütz auf Anhieb erkannten", sinnierte Vater Franz am nächsten Morgen über einer Tasse Metall-Detox-Tee. Mutter Sylphe klopfte ihm auf die Schulter. "Niemandem ist ein Vorwurf zu machen", meinte sie. "Jede vergiftete Familie ist auf ihre eigene Weise vergiftet." Darauf lachten die Schakals hyänenartig wie aus einem Halse. 2021 würden sie auf Quecksilber zurückgreifen.

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