Dienstag, 7. Dezember 2021

Kelten in Übersee (2)

Das, was ich in Teil 1 "keltische Spuren in der Neuen Welt" genannt habe, lässt sich in verschiedener Gestalt ausmachen, nämlich a) in Ortsnamen und Nationalsymbolen und b) in Gemeinschaften, die sich als keltischstämmig identifizieren und/oder einen keltischen Dialekt sprechen; das sind dann freilich mehr als bloße "Spuren". Manchmal fällt beides zusammen, was ich als Kategorie c) labeln möchte.

Aus der Kategorie a) war es vor allem der geographische Name Neukaledonien, der mich überhaupt zum Schreiben dieses Beitrag getrieben hat. Wie kommt es, dass eine französische Überseegemeinschaft im Pazifik den lateinischen Namen Schottlands (Caledonia) trägt? Antwort: James Cook fühlte sich bei seiner Entdeckung der Hauptinsel an Schottland erinnert. Seitdem heißt der Archipel auf englisch New Caledonia und in älterer deutschsprachiger Literatur sogar "Neuschottland". Was ist mit New South Wales / Neusüdwales? Dasselbe: Cook erkannte in der Beschaffenheit des späteren australischen Bundesstaates Ähnlichkeiten mit dem Süden von Wales.

Aber bleiben wir bei Neuschottland, allerdings nicht in der Südsee, sondern in Amerika: Die kanadische Provinz Nova Scotia ist nämlich nicht nur dem Namen nach die Fortsetzung einer tatsächlichen schottischen Kolonie! Wie ich in meiner Einleitung festhielt, war Schottland bis zum Jahr 1707 ein unabhängiges Königreich, und als solches hat es bis dahin immer wieder versucht, im Spiel der europäischen Übersee-Eroberungen mitzumischen. Die englischsprachige Wikipedia hat diese Versuche, von denen ich zuvor ebenso wenig wie von der kurzlebigen Company of Scotland je gehört hatte, in einem eigenen Artikel zusammengefasst. Die Besiedlung des vormals französischen Territoriums (Akadien) kann jedenfalls als der einzige Erfolg in dieser Richtung verbucht werden, und noch heute finden wir den Schottlandbezug in der Provinzflagge:



Und nicht nur da, denn wir haben hier ein schönes Beispiel der Kategorie c). Je nach Quelle 300 bis 1000 Menschen in Nova Scotia geben an, sog. Canadian Gaelic zu sprechen. Sie nennen die Provinz Alba Nuadh. Eine Häufung von native speakers dieses schottisch-gälischen Dialekts gibt es auf Cape Breton Island, deren keltischer Ortsnamenbezug indes wohl eher willkürlich gewählt ist. In ganz Kanada gibt es schätzungsweise knapp 4000 Sprecher/innen irgendeiner Form des Gälischen.

Weniger stark als die Highlander konnten die Waliser dem nordamerikanischen Land ihren Stempel aufdrücken. Zwar gelangte der Kapitän Thomas Button 1612 im Auftrag der Royal Navy an die Westküste der Hudsonbai und taufte diese in Reverenz an seine Heimat "New Wales", aber wie wir wissen, setzte sich diese Bezeichnung nicht durch. Wesentlich erfolgreicher verlief die Verbreitung walisischer Kultur später weiter im Süden, nämlich im Zuge der walisischen Besiedlung (Y Wladfa) der heutigen argentinischen Provinz Chubut ab 1865. In zahlreichen Orten mit Namen wie Gaiman, Rawson oder Dolavon stößt man auf walisische Teehäuser, Heimatmuseen, Kirchen, sieht walisische Tänze, erlebt authentische Eisteddfodau und kann gleich zwei Zeitungen in kymrischer Sprache erwerben. Apropos: Die Sprache der Immigrantennachfahren wird "Patagonian Welsh" (Cymraeg y wladfa) genannt und ist äußerst lebendig. Insgesamt soll es in Argentinien 25.000 Walisisch-Sprechende geben, 5000 davon in der Diaspora von Chubut. Nebenbei gibt es in Argentinien auch eine beachtliche schottische Minderheit und damit einen weiteren Vertreter der Kategorie b).

Nachdem von Schottland und Wales die Rede war, kommen wir zur dritten "großen" der keltischen Nationen. An dieser Stelle kann ich verraten, dass (Neo-)Kornisch, Manx und Bretonisch außerhalb Europas, ja selbst außerhalb ihrer angestammten Region keinen Fuß fassen konnten. Das schmälert nicht die Bedeutung dieser Sprachen und der Traditionen ihrer Sprecher, und über die "Größe" sagt es auch nicht viel aus: 3 Millionen Walisern stehen 4 Millionen Bretonen gegenüber, nur besitzen von Ersteren nach aktuellen Angaben 750.000 Walisisch-Kenntnisse, womit das Kymrische die am weitesten verbreitete der keltischen Sprachen ist und die einzige nicht vom Aussterben bedrohte. Verfolgt man nun die Spur reisender Iren, landet man an vertrauten Orten, in Kanada (etwa in Neufundland oder auf Prince Edward Island, das 1770 "New Ireland" genannt werden sollte – mit dem Ziel, irische Siedler überhaupt erst anzulocken), in Argentinien (rund 20.000 ließen sich im 19. Jahrhundert hier nieder), aber auch in Papua-Neuguinea: Als Australien die Insel Neumecklenburg im Bismarck-Archipel nach dem Ersten Weltkrieg in "New Ireland" umbenannte, knüpfte es an die Namensgebung "Nova Hibernia" durch den britischen Seefahrer Philipp Carteret im Jahr 1767 an (analog dazu wurde Neupommern zu Neubritannien). Nun gut, die beiden "Neuirlands" fallen freilich abermals lediglich in Kategorie a).

Jetzt aber eine knifflige Quizfrage, die ich vor ein paar Monaten auch noch nicht hätte beantworten können: Auf welche Flagge und welches Wappen außerhalb Europas hat es sogar eine typisch keltische Allegorie nebst Nationalsymbol geschafft? Auflösung: Montserrat.


Was bitte hat Erin mit der irischen Harfe auf der Flagge eines britischen Überseegebiets mit spanischem Namen zu suchen? 1. Der Name der Karibikinsel geht auf Kolumbus zurück, der das Kloster Montserrat bei Barcelona darin verewigte. 2. Im Rahmen des auch in die West Indies ausgetragenen Englischen Bürgerkriegs (1642-1649) wurden irischstämmige Einwohner/innen von dem benachbarten Eiland St. Kitts hierher umgesiedelt, solche aus den amerikanischen Kolonien folgten nach. Wikipedia: "Noch heute ist ein großer Teil der europäischstämmigen Bewohner irischer Abstammung." Wie groß der gegenwärtige Anteil derer ist, die Neuirisch zumindest als Zweitsprache beherrschen, konnte ich nicht in Erfahrung bringen; er dürfte verschwindend gering bis nicht vorhanden sein.

Und damit endet unsere Rundfahrt um die Welt auf den Spuren der alten wie modernen Keltinnen und Kelten. Mit Sicherheit habe ich den ein oder anderen Schauplatz übersehen, einiges musste ich aus Ökonomiegründen außen vor lassen. Wer Nachlässigkeiten oder Falschbehauptungen entdeckt oder sonstige fruchtbringende Anmerkungen hat, möge die Kommentarfunktion nutzen.

Sonntag, 5. Dezember 2021

Kelten in Übersee (1)

Dieser erste von zwei Teilen ist im Grunde nur einleitendes Vorgeplänkel, das für den übermorgen folgenden Hauptbeitrag zwar notwendig ist, von Ungeduldigen aber gerne übersprungen werden darf. Ich möchte jedoch gleich darauf hinweisen, dass ich den Komplex "Kelten im präkolumbischen Amerika" diskret ausgeklammern werde.

Ich fragte mich neulich, ob es auch in der Neuzeit erfolgreiche Expansionen keltischer Nationen gab. Ich schreibe "auch", weil die historischen Kelten – wobei es "die" Kelten genauso wenig gab wie "die" Germanen – ihr Siedlungsgebiet über große Teile der Alten Welt hinweg ausbauten; im Osten reichte es bis in die heutige Türkei: Istanbuls Stadtteil Galata (und der Name des bekannten Fußballclubs Galatasaray Istanbul) erinnern noch heute an den Stamm der Galater, die ihre Sprache, das leider nur in Bruchstücken überlieferte Galatisch, in das kleinasiatische Königreich Galatien trugen.

Aber was meine ich überhaupt mit "keltischen Nationen"? Klar, im nationalstaatlichen Sinne konnte während der Hoch-Zeit des Kolonialismus keine Rede davon sein. Wales war bereits 1283 von Edward I. erobert worden, Schottland vereinigte sich mit England zum Königreich Großbritannien (allerdings erst 1707; das wird noch eine Rolle spielen), die Republik Irland bzw. deren Vorgänger ist keine hundert Jahre alt. Cornwall ist ein hübscher kleiner Sonderfall, konnte lange eine Art "Souveränität" bewahren und erklärte sich im 19. Jahrhundert bei mindestens einer Gelegenheit als "Pfalzstaat" gegenüber der Krone. Tja, und völkerrechtlich folgenlos geblieben sind die mal mehr, mal weniger energischen Unabhängigkeitsbestrebungen der Bretagne, welche ja letztlich auch nur eine "zweite Heimat" der Waliser ist (nicht abwertend gemeint!), weshalb das – immerhin erfolgreich wiederbelebte – Bretonisch auch zum inselkeltischen Sprachzweig gezählt wird. Fehlt noch die Isle of Man: Deren Staatsoberhaupt ist, nach einer wechselhaften englisch-schottisch-normannischen Geschichte, die u.a. den schon erwähnten Eduard I. involviert, seit 1765 der/die britische König/in mit dem Titel "Lord of Mann", der so übrigens auch lautet, wenn der Monarch, wie derzeit, weiblich ist. Der Status der Insel Man als sog. Kronbesitzung ist interessant (auf Näheres einzugehen würde zu weit führen) und gewährt eine relative Autonomie, die begünstigt haben mag, dass die Manx ihr kulturelles und sprachliches Erbe hochhalten und sich heute als eine der Sechs Nationen neben den Kornen, Bretonen, Iren, Schotten und Walisern verstehen. Solch eine Liga ist für die Identitätsstiftung so wichtig wie die ohnehin stark gefährdeten verbliebenen keltischen Sprachen, denn, und damit komme ich zum Ausgangspunkt zurück: Über vollständig souveräne Territorien verfügen diese Nationen eben nicht, sieht man von Irland (ohne den Norden wohlgemerkt) ab. Demzufolge gab es nie eine "Welsh East India Company" oder ähnliches.

Wie kommt es also, dass man nach längerem Nachdenken oder Recherchieren immer wieder auf keltische Spuren in der Neuen Welt stößt? Die Reise beginnt in Teil 2 (und endet dort).

Freitag, 3. Dezember 2021

US Food Test 2021 (6): Pop Tarts

Wie ich in diesem Post von 2016 andeutete, war ich früher ein eingefleischter Pop-Tarts-Fan. Während meiner Studentenzeit habe ich mich durch das nahezu gesamte Sortiment gefuttert. Meine übersättigungshalber zwangsläufig irgendwann eingetretene Pop-Tart-Abstinenz habe ich nun gebrochen, denn die Sorte Pretzel Salted Caramel war 1. beim US-Food-Ausverkauf stark reduziert und sprach 2. mein Genusszentrum an. Salzkaramell ist eine mir absolut einleuchtende Erfindung des laufenden Jahrtausends, eine die These von den sich anziehenden Gegensätzen bestätigende Kreation, bei der allerdings die Gefahren bestehen, erst süchtig zu werden und – noch verhängnisvoller! – nach einer Weile die Lust daran zu verlieren. Es gibt ja mittlerweile alles mit Salzkaramell.


Ich könnte mir vorstellen, dass der Hype sich in absehbarer Zeit ausschleicht und damit auch Produkte wie das hier abgebildete vom Markt verschwinden. Cool, dass ich dabei gewesen bin!, werde ich späterhin sagen können. 
Und wie sind die Pop-Tarts nun? Eine neuerliche Leidenschaft haben sie in mir jedenfalls nicht auszulösen vermocht. Im Vergleich mit allen anderen je von mir verzehrten Sorten kann ich "Pretzel Salted Caramel" im oberen Viertel einreihen, vielleicht sogar in den Top 5. Jaaa, die schmecken keinesfalls schlecht, es ist jedoch objektiv zu konstatieren, dass dieses Toaster-Futter insgesamt nichts wahnsinnig Hochwertiges darstellt. Wie konnte ich nur jahrelang derart begeistert davon sein?
Für 5 von 10 Punkten reicht's unterm Strich doch.
PS: Während ich das vorletzte Pop-Tart der Packung zum Frühstück aß, schaute ich ein YouTube-Video, in dem aus dem Nichts ein eben solches aufploppte. Gruuuselig!

Mittwoch, 1. Dezember 2021

Serientagebuch 11/21

01.11. The Simpsons 33.01
The Simpsons 33.02
The Simpsons 33.03
Spuk in Hill House 1.08
04.11. Spuk in Hill House 1.09
05.11. Family Guy 20.01
06.11. Person of Interest 2.10
Family Guy 20.02
07.11. Spuk in Hill House 1.10
Squid Game 1.09
The Expanse 3.01
09.11. American Rust 1.01
American Rust 1.02
Doctor Who (Classic) 19.3.1
Doctor Who (Classic) 19.3.2
Doctor Who (Classic) 19.3.3
Doctor Who (Classic) 19.3.4
10.11. Family Guy 20.03
Person of Interest 2.11
11.11. The Expanse 3.02
13.11. The Simpsons 33.04
14.11. Squid Game 1.09
15.11. American Rust 1.03
16.11. Family Guy 20.04
17.11. Person of Interest 2.12
18.11. The Expanse 3.03
19.11. The Simpsons 33.05
American Rust 1.04
20.11. The Simpsons 33.06
24.11. The Simpsons 33.07
25.11. Family Guy 20.05
American Rust 1.05
The Expanse 3.04
28.11. Person of Interest 2.13
29.11. American Rust 1.06
Family Guy 20.06
30.11. Doctor Who (Classic) 19.6.1
Doctor Who (Classic) 19.6.2
Doctor Who (Classic) 19.6.3
Doctor Who (Classic) 19.6.4

Ein unerklärlicher Trend ist zu beobachten: Serienstaffeln mit neun Episoden. "The Terror: Infamy" umfasste diese krumme Zahl an Folgen ebenso wie "American Horror Story" im letzten Monat, "American Rust" (wird momentan geschaut) und die neue Serie "Ordinary Joe" (wird demnächst geschaut). Bei Squid Game war es auch so. Nicht dass es mir besonders aufgefallen geschweige denn -gestoßen wäre: Die Dramaturgie, der Handlungs- und der Spannungsbogen sind elegant angelegt, und die Episoden enden stets an der richtigen Stelle (mit dem Musterbeispiel eines Cliffhangers in Ep. 4). Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass das koreanische "Battle Royale"-Drama in manchem Aspekt allzu sehr vertraute Muster aufgreift – was wohl den enormen internationalen Erfolg miterklärt. Man verstehe mich nicht falsch: Vieles ist überraschend, schockierend und nachhaltig verstörend, und ich habe bis zum (völlig okayen) Ende mitgefiebert. Es darf aber nicht verschwiegen werden, dass einem als erfahrenen Filmkonsumenten gewisse Parallelen zu Produktionen mit vergleichbaren Tropen auffallen, ich denke da etwa an "Hostel", "Cube" oder "Chosen". Auch die visuellen Gimmicks kamen mir ein bisschen arg kalkuliert vor. All das nimmt man in Kauf, wird man doch oft genug durch ambivalente Figuren, provozierende Gewalt-Eskalationen und das typisch koreanische "Wir haben uns alle versündigt und verdienen dafür schlimmstmögliche Bestrafung"-Mindset herausgefordert.

Spuk in Hill House (OT: The Haunting of Hill House) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Shirley Jackson, wurde aber in ein modernes Setting transponiert, was die Gothic-Atmosphäre indes nicht schmälert. Ganz nach meinem Geschmack halten sich die Jumpscares zugunsten unterschwelligen Gänsehaut-Aufbaus in Grenzen (zweimal wurde ich trotzdem eiskalt erwischt). Das titelgebende Gebäude ist anders als erwartet nicht "der wahre Star" der Geschichte; das Scheinwerferlicht legt sich (zu gleichen Teilen) auf die einzelnen Familienmitglieder, die übrigens überwiegend von mir unbekannten Schauspieler(inne)n verkörpert werden: Lediglich Michiel Huisman ("Game of Thrones") und Timothy Hutton ("Leverage") sowie Annabeth Gish ("Akte X") waren mir vertraut. Im Ergebnis ist der Zehnteiler von Mike Flanagan zu 50 % eine psychologisch elaborierte Familientragödie und zu 50 % ein viktorianischer Geistergrusler. Die Frage, ob die paranormalen Manifestationen oder innere Dämonen der wahre Horror sind, ist das unter die Haut gehende Leitmotiv.

Zwei Geschichten mit dem fünften Doktor konnte ich auch wieder "mitnehmen". Zuerst "Kinda": Mit der Wertung meines Doctor-Who-Taschenbuch-Guides (10 von 10 Punkten) kann ich leider nicht d'accord gehen. Trotz fantasievoller Kostüme, dem nach wie vor soliden Peter Davison und der erstaunlich progressiven Verhandlung von Themen wie Kolonialismus und Umweltzerstörung* scheint mir das Serial zu offensichtlich ein Kind(a) seiner Zeit zu sein: Das im Ansatz reizvolle Dschungel-Setting ist zu spartanisch, zu reduziert, fast wie eine Theaterkulisse, die Innenaufnahmen wirken lieblos. Zudem hatte ich bereits nach dem ersten Drittel meine liebe Mühe, der verworrenen Story zu folgen – fast wurde ich an die Hyperkomplexität der Moffat-Ära erinnert.
Überzeugender fand ich da "Earthshock". Nach einer in Sachen Setting und Personal vom Rest total verschiedenen Auftaktfolge kriegt man einen düsteren Weltraum-Thriller mit durchgängig bedrückender Stimmung vorgesetzt. Enervierende Sound-Effekte, lange Gefechtsszenen mit hohem body count und eine wirklich gruselige Cyberman-Belagerung lassen einen wissen: Das hier ist kein Wohlfühl-Abenteuer. Wir befinden uns mittlerweile im Jahr 1982, im 19. Jahr des Sci-Fi-Dauerbrenners, und man wagt sich aus der Komfortzone heraus. Es gibt unschöne Differenzen zwischen den Hauptfiguren, Konflikte und schwierige Entscheidungen, die (Spoiler) im tragischen Tod eines Companions münden – mit anschließenden silent credits. Wow.
* "This serial was examined closely in the 1983 media studies volume Doctor Who: The Unfolding Text by John Tulloch and Manuel Alvarado. This was the first major scholarly work dedicated to Doctor Who." (Wikipedia)

Montag, 29. November 2021

Wort des Tages

Viel zu spät, nämlich erst heute, habe ich eine famose neue Vokabel gelernt: Mockbuster. Damit bezeichnet man einen Film, der vom Hype eines aktuellen Blockbusters zu profitieren trachtet, indem er sich in Genre und Anmutung, vor allem aber über den Titel und das Filmplakat an diesen anlehnt. Man setzt auf den Verwechslungsfaktor. Um es mit Wikipedia zu formulieren: "Den Herstellern solcher Mockbuster wird vorgeworfen, die Unwissenheit über einen neuen Blockbuster auszunutzen, um so noch vor oder während des Erscheinens des Originals dessen Werbung und allgemeine Aufmerksamkeit auszunutzen, um eine Billigkopie mit einem zum Verwechseln ähnlich klingenden Namen und gleicher Aufmachung erfolgreich zu verkaufen." Solche Trittbrettfahrer-Produktionen haben mit gewöhnlichem Direct-to-DVD-Trash die extrem billige Inszenierung und das schlechte Schauspiel gemein sowie, als Folge davon, in der Regel eine beeindruckend niedrige imdb-Wertung. Die einzige erkennbare "Mühe" fließt wie gesagt in das Ranwanzen an Trends, das Auf-den-Zug-Springen, in den Versuch, oberflächig eine Erfolgsformel zu kopieren.

Das jüngste Beispiel, auf das ich heute per Zufall gestoßen bin und das mich überhaupt erst zu dem Wort "Mockbuster" geführt hat, kann sich auf imdb im Moment mit 1,9 von 10 Punkten schmücken.

Hinweis für Nachgeborene: Denis Villeneuves "Dune"-Verfilmung erfuhr 2021 weltweite Beachtung und zog Menschen ansehnlicher Zahl in die Kinosäle.

Samstag, 27. November 2021

Nova Prospekt

Es ist Samstagmittag und die Post ist noch nicht gekommen, damit auch nicht die Wochenprospekte. Letzte Woche kam der Werbepacken bereits am Freitag. Gut möglich, dass der Briefträger heute gar nicht mehr erscheint oder aber zwar erscheint, aber ohne Werbepacken. Ich durchschaue das System nicht.

"Was hast du bloß immer mit deinen Prospekten?", möge man mich augenrollend fragen. Die Sache ist die: Kaufhallenprospekte sind für mich in erster Linie eine Inspirationsquelle. Wenn ich beim wochenendlichen Blättern ein Lebensmittel entdecke, das ich lange nicht mehr im Hause hatte und/oder als Kochzutat verwendet habe, und es obendrein preisreduziert ist, freue ich mich doppelt. Der Sparfaktor wird, fürchte ich, angesichts der drohenden Inflation zukünftig an Bedeutung gewinnen. In letzter Zeit erwische ich mich denn auch immer häufiger dabei, auf Vorrat zu kaufen. Mein Speiseplan für die gesamte kommende Woche steht praktisch schon, denn ich habe bei einigen haltbaren Dingen zugeschlagen ... HA, in diesem Moment klingelt der Postbote! Augenblick ...

Wie ich geahnt habe: Keine Werbeprospekte. Lediglich ein Zusatzkartenbeantragungs-Anreiz-Flyer von American Express sowie der Rundbrief der DKMS lagen im Briefkasten. Die Krux ist: Der mir nächstgelegene Rewe, mein Stamm-Supermarkt, weist in seinem Geschäft nicht auf aktuelle Rabatte hin; die haben dort keine Prozentzeichen-Schildchen! Woran also soll ich reduzierte Waren erkennen?

Related "problem": Neulich habe ich auch mal den Prospekt von Penny studiert und stieß darin auf zwei neue Aufstriche von Grafschafter, nämlich Salzkaramell-Sirup und "Winterzauber Apfel-Kirsche mit Zimt und Vanille". Die musste ich haben! Doch bei Penny gab es sie nicht. Auch nicht bei Rewe. Etwas Ähnliches war mir schon einmal passiert, also dass bei Penny etwas Sensationelles angekündigt wurde, dann jedoch schon weg oder überhaupt nie dagewesen war. Es ist alles nicht einfach.

Donnerstag, 25. November 2021

Blattmacher und Glattmacher

In der FAZ erschien heute diese Anzeige:


Als ich das sah, hatte ich Fragen. Na, eigentlich nur eine Frage: Warum? Was bewegt den Weltkonzern Amazon dazu, an prominenter Stelle, nämlich auf Seite 5 des Wirtschaftsteils, für 80.410 Euro* darauf aufmerksam zu machen, dass man beim Kauf eines verdammten Glätteisens diese Woche 20 Prozent sparen kann? Richtigerweise ja "bis zu 20 %", also nicht einmal sensationell viel. Warum keine Collage mit mehreren Hammer-Schnäppchen zeigen, warum statt einer Auswahl an technischen Geräten dieses eine spezielle Produkt vorstellen? Hat man sich tatsächlich zusammengesetzt und entschieden: "Wir müssen unsere Black-Friday-Aktion bewerben, denn es haben noch nicht genügend Leute mitbekommen, dass wir diese Woche ohne Ende Rabatte gewähren. Einen richtigen Burner brauchen wir, ein Zugpferd, für das die garantiert überdurchschnittlich hairstyling-affine Leserschaft der FAZ sofort ihre Lektüre unterbrechen und bei uns vorbeisurfen wird!"? Bei der Besprechung in der Marketingabteilung hätte ich gerne Mäuschen gespielt. Oder war es die alleinige Entscheidung einer Einzelperson? In diesem Falle: Glückwunsch!

* Das ist indes nicht der teuerste Werbeplatz. Eine ganzseitige Anzeige auf S. 3 im Wirtschafts- oder S. 5 des Politikteils der Samstagsausgabe schlägt mit 88.760 € zu Buche.

Dienstag, 23. November 2021

US Food Test 2021 (5): Two cereals

Als erste von zwei Packungen aus diesem Segment öffnete ich Chips Ahoy!. Viel gibt es über dieses schon lange existierende Frühstücksmahl nicht zu sagen. Kekse. Es sind Kekse. Sie schwimmen in Milch, schmecken nicht übermäßig schokoladig und eignen sich am ehesten als Ergänzung zu anderen Schüssel-Zugaben. Ich verleihe faire 6 von 10 Punkten.


Sowohl schokoladiger als auch insgesamt spannender waren da schon die Lucky Charms mit Marshmallow-Stückchen. Solche Stückchen, wie ich sie schon in der Eiskremsorte "Rocky Road" als peppigen Gewinn liebgewonnen habe, machen die kultigen Cerealien mit dem berühmten Iren-Stereotyp-Maskottchen zu einem sündhaft albernen Tagesanbruchsvergnügen. Dafür gibt es von mir 8 von 10 Punkten.

Sonntag, 21. November 2021

Kurz notiert: Gladiolen

Habt ihr auch ein bestimmtes Wort oder einen bestimmten Namen, das/den ihr euch nie merken könnt? Bestimmt! Ich zum Beispiel kann mir nie den Namen des Schauspielers Woody Harrelson merken, obwohl ich mir sein Gesicht und die wichtigsten seiner Rollen nach Belieben ins Gedächtnis rufen kann. Kommt in einer Konversation aber ein Film zur Sprache, in dem Woody Harrelson mitgespielt hat, fällt mir meist nichts Gehaltvolleres ein als "Ah, da spielt doch der Dings mit ... der eine da, na? Äh, der Kiffer. 'True Detective', ihr wisst schon".

Zum Glück muss man den Namen von Mirliegtsaufderzunge nicht zu jeder Gelegenheit parat haben. Das trifft in noch stärkerem Maße auf ein Wort zu, das ich erst sehr spät in meinem Leben überhaupt kennengelernt habe: Gabione. Jeder hat sie schon mal gesehen: Gabionen sind jene meist grauen Drahtverschläge, die mit Steinen gefüllt sind und, z.B. in freudlosen Reihenhaussiedlungen, Hecken ersetzen. Sitze ich in einem Auto, das an einer dieser brutalistischen Grundstücksbegrenzungslösungen vorbeikommt, kann ich nicht schweigen und rufe etwaigen Mitinsassen zu: "Guckt mal, Gambiolen! Nee, wie heißt das?" Es will merr net in mein Kopp enei!

Als alter Dungeons-&-Dragons-Fan weiß ich aber immerhin, was ein Cambion ist.

Freitag, 19. November 2021

Ich möchte Teil einer Kaubewegung sein

Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr gar so oft über Knabbergebäck zu schreiben, aber das, was Funny-frisch derzeit veranstaltet, ist zu bedeutend, um in meine bescheidene fortlaufende Chronik nicht Eingang zu finden. Der selten enttäuschende Chips-Riese hat drei neue Sorten in die Regale gebracht, von denen eine dauerhaft im Sortiment bleiben soll. Und wir, die Konsumentinnen und Konsumenten, dürfen entscheiden, welche! "Chips-Tester 2021" heißt die noch bis Ende des Monats laufende Aktion (bewusst nicht verlinkt, weil die URL früher oder später tot sein wird).

Als erstes nahm ich diese Sorte mit nach Hause: Tom Yum Thai Style. Das Asia-Versprechen bleibt nicht unerfüllt, diese Dinger schmecken wirklich nach authentischer Thaiküche, fast schon zu sehr. Damit meine ich nicht, dass sie unangenehm überwürzt wären, auch ähneln sie in keiner Weise klassischen Krabbenchips, die hierzulande nicht jedermanns Sache sind; nur tritt das Ursprünglich-Kartoffelige, das meine Zunge nach wie vor erwartet, zu weit in den Hintergrund. Insbesondere die Zitronengrasnote ist wahnsinnig dominant. Zu ihr gesellen sich in milderer Konzentration Extrakte von Koriander, Kreuzkümmel, Limette, "Zitrusfrucht" (?) sowie Petersilie, was den "scharf-sauren Geschmack" (Packungstext) einerseits abfedert, andererseits schön rund macht. Wer sich mit der Schärfe thailändischer Gerichte normalerweise schwer tut, braucht keine Angst zu haben. Unterm Strich ein außergewöhnliches Produkt, das mir aber für Massentauglichkeit zu over the top erscheint. Damit kann ich vorwegnehmen, dass ich dieser Sorte den Vorzug gegenüber Kandidatin #2 geben würde, welche ich kurze Zeit später testete:


Hot Chili Mayo Style enthält u.a. Frischkäse-, Tomaten-, Chili- und Honigpulver (was es alles gibt!), schafft es aber ebenfalls nicht in die Top 5 der schärfsten Snacks, die ich je gegessen habe. Überhaupt würde ich sagen, dass die Betonung eher auf Mayo als auf Chili liegt, womit Reminiszenzen an einen anderen kartoffelbasierten Mayonnaise-Träger-Klassiker, i.e. Fritten, heraufbeschworen werden, die bei der Käuferschaft durchaus auf Anklang stoßen könnten. Da ich aber nicht der größte Mayo-Fan bin, würde ich wie gesagt mein Kreuz eher woanders setzen. (Trotzdem hab ich die Packung in zwei Sitzungen verschlungen.)

Tja, und Nummer 3? Zu Smoky BBQ Style kann ich leider nichts schreiben, denn bevor ich sie mir vornehmen konnte, waren sämtliche Spezial-Tüten aus meinem Stamm-Supermarkt verschwunden. Ausverkauft? Zurückgerufen? Eingestampft mangels Nachfrage? Auch anderswo konnte ich die mysteriöse dritte Sorte – von der ich vermute, dass sie das Rennen machen wird – nicht ergattern. An der offiziellen Online-Wahl teilzunehmen kann ich mir daher nicht anmaßen, meine Kurzeinschätzungen zu zwei Dritteln des Sondersortiments mögen genügen. Vielleicht liest ja jemand von Funny-frisch hier mit.

Mittwoch, 17. November 2021

Allez les (trop) bleus

Letzte Woche befasste ich mich kurz mit Seekriegsflaggen und stieß dabei auch auf die französische. 


Zweierlei machte mich stutzig. Zum einen die Asymmetrie: Warum ist der linke Streifen schmaler als die anderen zwei? Rasch war herausgefunden, dass tatsächlich alle drei Streifen unterschiedlich breit sind, das Verhältnis ist 30:33:37. Wikipedia erklärt diese 1853 getroffene Designentscheidung damit, dass die Streifenbreiten ebenmäßig wirken, wenn die im Seewind wehende Fahne aus einer gewissen Distanz erspäht wird. Außerdem solle die leicht übertriebene Breite des roten Balkens die Sichtbarkeit erhöhen, was mir irgendwie im Widerspruch zu erster Erklärung zu stehen scheint.

Zum anderen fiel mir natürlich der enorm dunkle Ton des Blaus auf. Stellt sich heraus: Dieses satte Marineblau ist das ursprüngliche! Präsident Valéry Giscard d'Estaing hatte die hellere Variante auf der Tricolore erst im Jahr 1976 als Annäherung zum Blau der EU-Flagge eingeführt, wobei von da an beide Versionen in relativ freier Verwendung nebeneinander existierten. Und jetzt kommt's! Gestern schickte mir ein Freund den Link zu einem Artikel mit der Überschrift "Macron dreht das Blau dunkler". Ohne offizielle Ankündigung und größeres Echo ist Präsident Emmanuel Macron nämlich Mitte 2020 wieder zum maritimen Blau der Revolutionszeit zurückgekehrt, indem er zunächst die Flagge auf dem Élysée-Palast austauschen ließ, auf der, nebenbei bemerkt, nun auch das Rot ein My dunkler ausfällt. Da die Verfassung von 1958 die Farben der Nationalflagge lediglich als "blau, weiß, rot" angibt, kann das amtierende Staatsoberhaupt offenbar nach Lust und Laune die Helligkeit justieren.

Unabhängig von politischen Assoziationen gefällt mir persönlich die dunklere Tricolore besser. Aber hätte Macron nicht wenigstens die paar Monate bis zum Tod seines hochbetagten Vorvorvorvorvorgängers warten können? Apropos: Giscard d'Estaing erblickte das Licht der Welt in Koblenz zur Zeit der Rheinlandbesetzung. Das lernte ich, als ich ebendort einen Gedenkstein sah, der am einstigen Ort des Geburtshauses des großen Europäers steht. Lernen ist toll!

PS: Seit meinem letzten Beitrag mit dem Label Flaggen sind zwei weitere notierenswerte Änderungen in Sachen Hoheitszeichen eingetreten. 1.) Die finnische Luftwaffe hat im vergangenen Jahr das immer noch gebräuchliche Hakenkreuz aus all ihren Emblemen entfernen lassen. 2.) In Afghanistan hängt seit der Machtergreifung der Taliban nun wieder überall die international nicht anerkannte weiße Emiratsflagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis, was den nunmehr 25. Flaggenwechsel seit 1880 darstellt. (Übrigens soll das erste schwarz-rot-grüne Modell 1928 von der Deutschlandfahne inspiriert worden sein.)

Montag, 15. November 2021

Metabuch

Herbst 2021: Facebook heißt jetzt "Meta". So verkürzt wurde der Sachverhalt zumindest von etlichen Nachrichtenmedien verschlagzeilt, er ist aber etwas komplizierter und für diesen Beitrag nebensächlich (er wurde dankbarerweise von Kollege C. Oettle in der Taz-"Wahrheit" völlig korrekt dargestellt). Das soziale Netzwerk wird jedenfalls seinen etablierten Namen behalten, und besonders ulknudelige Deutsche dürfen weiterhin vom "Fratzenbuch" sprechen.

Was aber ist oder war ein facebook? Die Frage impliziert bereits, dass das Wort eben kein reines Kunstwort ist, auch wenn der überwiegende Teil der Welt bei "Facebook" zuerst an social media denkt. Im Juni 2010 lernte ich durch eine (zu diesem Zeitpunkt auch schon ein paar Jahre alte) Folge von "Saturday Night Live", dass in den USA mit facebook ursprünglich Bücher bezeichnet wurden, in denen höhere Bildungseinrichtungen alle ihre Schüler/Studenten eines Jahrgangs mit Portraitfotos und ausgesuchten persönlichen Angaben aufführten bzw. aufführen; womöglich gibt es diese Jahrbücher vereinzelt noch. Tatsächlich erwuchs Mark Zuckerbergs Webseite ja aus dem (erfolgreichen) Versuch, dem echten Online-facebook der Uni Harvard etwas eigenes, Besseres entgegenzusetzen, was man wohl auch in David Finchers "The Social Network" geschildert bekommt, mir aber entgangen sein muss, als ich den Film – ebenfalls 2010 – im Kino sah.

Samstag, 13. November 2021

Im Märzen der Brauer

Neulich süffelte ich eine Flasche schmackhaften Märzenbieres von Hösl aus dem oberpfälzischen Mitterteich. Märzen trinke ich eher selten, und die Frage, woher die Bezeichnung kommt, hatte ich mir bis dahin nie gestellt. Das rückseitige Etikett versucht sie zu beantworten:


'Mooooment', dachte ich, 'wenn man will, dass das Bier bis zum Sommer hält, kann man es doch einfach später brauen! Beziehungsweise könnte man ja bereits im Februar ein noch stärkeres ansetzen und hätte seine Ruh.' Der Hersteller verschweigt hier freilich einen wesentlichen – in Süddeutschland womöglich allseits bekannten – Fakt: Bier durfte gemäß der bayerischen Brauordnung nur zwischen 29. September und 23. April gebraut werden. Aber weshalb? War das ein pseudo-bibelexegetisch begründetes Willkür-Dekret, wie man es von dem erzkatholischen Albrecht V. nicht anders erwarten würde? Weit gefehlt! Wikipedia: "Grund war die in den Sommermonaten erhöhte Brandgefahr beim Biersieden. Hinzu kam, dass die Herstellung des in Bayern beliebten untergärigen Biers Temperaturen von unter zehn Grad erfordert."

Na, zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Aber auch ein Glück, dass uns das Märzenbier erhalten geblieben ist. Prost!

Donnerstag, 11. November 2021

Albern sei der Mensch

Ich will ehrlich sein: Auch wenn ich schon zwei, drei Mal für ein (unbedeutendes) politisches Amt kandidiert habe, bin ich froh, den Beruf des Politikers nicht ausüben zu müssen. Zum einen würde ich mich mit Entscheidungen aller Art schwer tun, und seien sie von noch so geringer Tragweite. Zum anderen würde mir die nötige Gravitas und Ernsthaftigkeit fehlen. Mir ist klar, dass man als politischer Akteur genau das ist: ein Akteur, der eine gewisse Rolle spielt. Schauspielen kann man üben. Aber wie lange würde es mir gelingen, die Maskerade aufrechtzuerhalten?

Nicht lange, schätze ich. Ich "leide" nämlich an einer leichten Form von Witzelsucht. Es mag sein, dass ich für flüchtig mir Begegnende den Eindruck eines No-nonsense-Zeitgenossen mache, die Wahrheit ist aber, dass ich kaum ein Gespräch zu überdauern imstande bin, ohne einen Witz zu reißen. Mir fällt halt ständig irgendwas Komisches ein! Ganz schlimm wird es, wenn ich mich in einer Gruppe von Gleichgesinnten bzw. -veranlagten befinde. Ich erinnere mich an Redaktionskonferenzen bei der Titanic, in denen ich mit Stephan Rürup und Michael Ziegelwagner minutenlang um die Wette kalauerte. Wir schaukelten einander regelrecht hoch; es war ein Wortspiel-Schlagabtausch, der für Außenstehende nach einer Weile unerträglich gewesen sein muss. 

Säße ich nun als Staatssekretär oder was in einer Talkrunde, könnte ich mich wahrscheinlich nicht beherrschen und würde in einer Tour beliebige Phrasen der Mitdiskutierenden abwandeln, verfälschen, schütteln, parodieren, verzerren. Darüber hinaus könnte ich mir vorstellen, auf allzu eselige Fragen der Moderatorinnen oder von Interviewern allgemein ironisch bis sarkastisch, wenn nicht gar giftig reagieren. Nun mag man als gewandter Rhetoriker, der auch mal Paroli gibt, noch irgendwie durchkommen, ja sogar "Kultstatus" genießen als jemand, der sich nicht vor den Karren des medialen Nullsprech spannen lässt. Ich fürchtete allerdings, dass es in meinem Fall nicht bei verbalen Possen bleiben würde. Früher oder später ließe ich mich zu etwas hinreißen, aufgrund dessen die Presse und die Allgemeinheit mich für unzurechnungsfähig erklären würde: Vielleicht schnitte ich eine Grimasse, plusterte die Backen auf, machte den Daumen-verschiebe-Trick, kullerte mich auf dem Boden, vollführte einen "Ägyptertanz", ahmte Vögel nach oder fabrizierte sonstige nichtmenschliche Laute. In einem unpassenden Moment selbstverständlich. Na ja, das Volk wäre wenigstens anständig unterhalten. Also, ich würde mich wählen! "Mut zur Albernheit", das läse ich gerne als Wahlkampfmotto.

Dienstag, 9. November 2021

US Food Test 2021 (4): SpaghettiOs

Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich zum letzten Mal Nudeln in Tomatensoße aus der Dose gegessen habe. Was ich aber noch weiß, ist, dass ich nach dem Verzehr jener Notmahlzeit nicht unbedingt einen Nachschlag brauchte. Diese Aussage dürfte die wenigsten überraschen. Überrascht im positiven Sinne war ich von der aus unzähligen Filmen und Serien bekannten US-Variation SpaghettiOs. Ja, das sind bloß Nudeln in Tomatensoße, aber halt! Zum einen ist die Form ein witziger Hingucker (Spaghettis in O-Form!), zum anderen ist die – sogar mit Käse angereicherte – Soße, in welcher die glitschige Pasta ertränkt wird, keineswegs abstoßend. Man kann wohl davon ausgehen, dass alles, wo Campbell's drauf steht, eine gewisse Mindestqualität erfüllt. Ratz-fatz war der Teller leer!


Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass ich mir jemals wieder so ein Dosengericht warm machen werde, bereue diese geradezu unvermeidbare Erfahrung allerdings nicht und vergebe 7/10 Punkten.

Sonntag, 7. November 2021

Skurrile Sammlungen: Mini-Plattencover

Im Jahr 1993 pappte eine Zeitlang auf jeder Coca-Cola-Flasche eins von 40 verschiedenen Covern klassischer Pop-Alben im Miniaturformat. Man konnte die Bilder ausschneiden und jeweils in einen speziellen Platz (über einem kurzen Begleittext) auf einem dazugehörigen Poster kleben. (Die Details zu dem ganzen Spaß habe ich dem "Online-Fremdfigurenkatalog" entnommen.) Jenes Poster habe ich offenbar nicht besessen. Stattdessen ordnete ich die Cover auf zwei gewöhnlichen A4-Blättern an – die ich gestern in einer Krimskrams-Mappe wiederentdeckt habe.


Wie lange habe ich für den Aufbau dieser Sammlung gebraucht? Habe ich mit anderen Kindern getauscht? Oder gezielt im Supermarkt gesucht? Haben meine Eltern mir (und meinem Bruder) tatsächlich erlaubt, innerhalb eines Jahres mindestens 24 Flaschen Cola zu saufen? Wahrscheinlich ja. Kein Wunder, dass ich heute an das Zeug nicht mehr ran kann. Auf eBay werden die Sonderetiketten teils im Konvolut, teils für 2,50 € das Stück separat angeboten. Über das Auktionshaus bin ich auch soeben auf die Information gestoßen, dass fehlende Cover sowie das Poster gegen 5,- DM* in Briefmarken nachbestellt werden konnten. Wer wie ich eine unvollständige Sammlung hat und diese zu komplettieren wünscht, versuche sein Glück unter
Coca-Cola "Cover Collection"
Postfach
4150 Krefeld** 500***
* Währung und Wert ggf. anpassen
** Firmensitz nicht mehr vorhanden
*** Postleitzahl inzwischen ungültig****
**** Eine heiße Spur: Da die fünfstelligen Postleitzahlen zum 1. Juli 1993 eingeführt wurden, muss die Aktion im ersten Halbjahr '93 gestartet sein!

Freitag, 5. November 2021

Hochstapelei

In Cochem an der Mosel sah ich jüngst etwas, das ich noch nicht kannte: eine Pizzakartonsammelstelle. Die zu stapelnden Kartons werden im Grunde lediglich von vier metallenen "Tischbeinen" eingefasst.


Erklärung für "Futurelings": Als während der pandemiebedingten Restaurantsperrungen das To-go-Essen zum Volkssport wurde, ging mit der wegen ihrer Praktikabilität besonders gestiegenen Beliebtheit von Pizza ein sichtbares Müllproblem einher: Allüberall ließen die Draußenfressenden die fettigen Schachteln liegen. Mit dieser so simplen wie genialen Konstruktion wollte man dem entgegenwirken.

Mittwoch, 3. November 2021

US Food Test 2021 (3): Potato Skins

Etwas zum Knabbern musste natürlich auch dabei sein, denn im Fernsehsnacksegment sind die USA eine grande nation. Aus dem Hause TGI Fridays, von dem ich gar nicht wusste, dass die eigene Lebensmittel vertreiben, gab es Potato Skins, was ja nicht nur lecker, sondern auch irgendwie natürlich-gesund klingt. Die Sorte, die mich am meisten anlachte, war Jalapeño Cheddar. "Na los, hit me with flavor and Schärfe!", dachte ich.


Am Pfefferfaktor kann man tatsächlich nichts bemäkeln: Das knallt ordentlich, ohne einem die Geschmacksknospen zu veröden. Die Chips selbst fühlen sich weniger "typisch kartoffelig" an, eher urwüchsig, rustikal, möglicherweise sind sie auch weniger fettig. Vom Cheddar kommt bedauerlicherweise nicht viel rüber, auch bleibt ein leichter Nachgeschmack, der mit "muffig" zu charakterisieren ist. Daher reicht es ganz knapp nicht zur 7. Wertung: 6/10.

Montag, 1. November 2021

Serientagebuch 10/21

04.10. Spuk in Hill House 1.01
09.10. American Horror Story 9.01
American Horror Story 9.02
10.10. Spuk in Hill House 1.02
Spuk in Hill House 1.03
12.10. American Horror Story 9.03
18.10. Spuk in Hill House 1.04
American Horror Story 9.04
American Horror Story 9.05
20.10. Squid Game 1.01
21.10. Squid Game 1.02
24.10. Squid Game 1.03
Squid Game 1.04
Squid Game 1.05
26.10. Spuk in Hill House 1.05
American Horror Story 9.06
Doctor Who (Classic) 19.1.1
Doctor Who (Classic) 19.1.2
Doctor Who (Classic) 19.1.3
Doctor Who (Classic) 19.1.4
28.10. Spuk in Hill House 1.06
Spuk in Hill House 1.07
29.10. American Horror Story 9.07
American Horror Story 9.08
30.10. Squid Game 1.06
Squid Game 1.07
31.10. American Horror Story 9.09

Erstmals habe ich versucht, einen Monat ("Spooktober"!) einem Konzept zu unterwerfen. Ich wollte ausschließlich Horrorserien schauen. Bis auf Doctor Who ist es mir gelungen (das musste ich einschieben, weil der Spartensender ONE halt eine Classic-Story erstausgestrahlt hat, die ich nicht verpassen durfte). Squid Game ist zwar nicht im engeren Sinne Horror, fällt aber m.M.n. sehr wohl in das Genre Psychothriller; es ist etwas, das auch auf dem Fantasy Filmfest gezeigt würde, wenn dabei nicht Filme, sondern Serien im Mittelpunkt stünden, so meine Rechtfertigung. Eine Auswertung erfolgt im nächsten Monat, wenn ich damit durch bin.

Zu dem "Who"-Classic kann ich Folgendes sagen: "Castrovalva" war die erste Folge mit dem fünften Doktor, die ich gesehen habe, und wie bei allen anderen Regenerationen, die ich als langjähriger Fan miterlebt habe, konnte ich mich fix an den neuen Schauspieler gewöhnen, wobei Peter Davison hier noch relativ konturlos bleibt. Er hat kaum Möglichkeiten, seine persona zu entwickeln und darzustellen, weil der Doktor wegen ebenjener frischen Regeneration noch geschwächt und verwirrt ist. Die Handlungstragenden sind denn hier auch seine zwei Begleiterinnen Tegan und Nyssa, die nicht nur den Bechdel-Test mit Sternchen bestehen, sondern als mitdenkende, starke Frauenfiguren präsentiert werden, die besonders im Zusammenspiel miteinander besser funktionieren als vergleichbare Figuren der 2005er-Ära. Weniger gut gealtert sind der Look, die Effekte und die Präsentation ganz allgemein – ein Problem, das ich auch schon mit Serials der Doktoren 4 und 6 hatte (den siebten und den Film-Doktor durfte ich noch nicht erleben). Wir befinden uns bereits in den Achtzigerjahren, und doch wirkt die Darbietung "billiger" als das liebevolle, auf zaubrisch-gruselige Weise "organische" Setdesign der Schwarz-Weiß-Tage. Ich wage zu behaupten, dass die Serie exakt so, wenn nicht noch besser ausgesehen hätte, wäre sie zur selben Zeit in der DDR produziert worden. Erzählerisch und dramaturgisch bewegt sich der Vierteiler "Castrovalva" leider auch nur im mittleren Bereich. Wegen diverser netter Einfälle und der für mich neuen Helden war es trotzdem eine Seh-Erfahrung, die ich nicht bereue.

Die Anthologiereihe American Horror Story fällt seit langem in die Kategorie "hopp oder top". Ihre Ausgangsideen überzeugen regelmäßig auf dem Papier, aber ob die Prämisse über neun bis 13 Folgen trägt, bleibt jedes Mal die große Frage. Im Fall von "1984" lautet die Antwort: Jepp, es funktioniert! Einige der chronischen AHS-Krankheiten sind zwar auch diesmal ausgebrochen, werden aber einigermaßen in Zaum gehalten. So gibt es wie so oft kaum Charaktere, die als Empathieträger taugen. Für wen soll man rooten, wenn jede und jeder verachtenswert ist? Das Clevere in Staffel 9 ist, dass die Figurenentwicklung einem fröhlichen Hin und Her unterliegt: Als liebenswert eingeführte Personen bekommen durch einen Flashback eine düstere Note, Monster werden rückwirkend reingewaschen, gefallene Seelen leisten Abbitte. In "Apocalypse" (dem absoluten Tiefpunkt der Serie) handeln ja einfach alle durch und durch amoralisch, und die Untaten werden dadurch gerechtfertigt, dass die Agierenden entweder selbst unendliches Leid erfahren haben (was wir abermals in Rückblenden, welche allzu oft den Storybogen mehr zerfasern als begradigen, aufgetischt kriegen) oder dabei halt stylish und sexy aussehen (eine ekelhafte Marotte, die ich Ryan Murphy ankreide). Wie bei "Freakshow" muss es bei "1984" aber zum ultimativen (kollektiven) Sündenfall kommen, der die redemption ermöglicht, gleichzeitig aber eine Einbahnstraße ins desperate Nirgendwo asphaltiert. Ohne zu viel zu verraten: Die Zeit, in der die Serie spielt, ist quasi eine weitere Figur, ein Jahrzehnt wird zur Allegorie, örtliche Grenzen werden zu zeitlichen. Etwas krampfig – damit zurück zu den wiederkehrenden Minuspunkten – erscheint mir der Kniff, im letzten Drittel noch ein-zwei bekannte Gesichter aus vorangegangenen Staffeln durch den Vorhang zu schieben. Stört aber kaum.
Immer mal wieder gibt es Gelegenheiten für kleine satirische Spitzen (jedoch nicht in einem Maße wie im übrigens gänzlich ohne Supernaturalia auskommenden "Cult", wo ich sie allerdings sehr willkommen fand), die sich entgegen allen Erwartungen nicht in billigen "Hey, remember the eighties?"-Popkulturgags erschöpfen. Sicher, es gibt Frisurenwitze, man macht sich über Aerobic lustig, es werden "Scream"-artige selbstreferenzielle Horrorklischees bedient, jedoch ist das Gesamtpaket überzeugend und glaubwürdig. "AHS: 1984" ist eine formvollendete Mischung aus Drama, Slasherspaß und Bubblegum-Nostalgie. Absolut stimmig und die Laune hebend ist der Soundtrack. Es gab schon verdammt tolle Hits in den 80ern! Und dann erst das Intro: Der ohnehin stets hochwertige Vorspann ist visuell wie musikalisch genau das, was ich mir erhofft hatte. Herrlich! "Double Feature" (das nunmehr zehnte installment!) wird aber auf 2022 verschoben.

Samstag, 30. Oktober 2021

US Food Test 2021 (2): Campbell's Tomato Soup

Es ist eine Schande, dass ich so lange gewartet habe, bis ich zum ersten Mal Campbell's berühmte, in die Kunstgeschichte eingegangene Tomatensuppe probiert habe. Schon beim Öffnen war ich angetan: Der Wohlgeruch! Die satte Farbe! Die Sämigkeit!

Beim Verzehr fragte ich mich dann, ob die Konsistenz nicht ein wenig zu dicklich sei. Es handelte sich ja fast um Püree. Erst dann las ich auf dem Etikett, dass man die Tomatenmasse vor dem Aufwärmen mit derselben Menge Wasser strecken soll. It's official: Torsten ist zu blöd, eine Dosensuppe zuzubereiten. Ohne die Zugabe der verdünnenden Flüssigkeit fiel die Portion denn auch relativ klein aus. Geschmacklich war die höhere Konzentration natürlich ein Gewinn. Bestimmt gibt es da draußen "Puristen", die Campbell's-Suppen eh nur so genießen. Und der Sattmacheffekt? Hält sich in Grenzen. Ein Baguette oder wenigstens eine Scheibe Toast hätte ich dazu schon verzehren sollen, um nicht nach zwei Stunden wieder Hunger zu verspüren. Für die (wenn auch "verfälschte") Gesamterfahrung gebe ich nicht weniger als 7/10 Punkten.

Donnerstag, 28. Oktober 2021

Ausflugstipp (nebst kleinem sprachwissenschaftlichen Exkurs)

Noch bis zum 31. Oktober kann man im Dom von Merseburg die zum UNESCO-Weltdokumentenerbe gehörenden Merseburger Zaubersprüche im Original anschauen. Anlässlich des tausendjährigen (!) Jubiläums der Domweihe wurde die Schrift aus dem Archiv geholt und wird als Teil der Sonderschau "Jahr1000Schätze" ausgestellt. Als ich davon in der Zeitung las, plante ich sogleich einen Stop-over, den ich auf eine anstehende gleisgebundene Ost-West-Reise legte. Ich möchte allerdings Entwarnung geben: Der Anblick könnte ein wenig underwhelming sein, handelt es sich bei den Sprüchen doch nur um einen unauffälligen (und schließlich erst 1841 entdeckten) Zusatzeintrag in einer Sammelhandschrift, die aufgeschlagen in einem Glaskasten liegt. Zwei der ältesten Zeugnisse der deutschen Sprachgeschichte, zumal welche von so singulärem Inhalt, in natura zu sehen, hat trotzdem etwas fürwahr Magisches; wer aber vorhat, die karolingischen Minuskeln aus wenigen Zentimetern Entfernung zu studieren, ist besser damit beraten, eine der vier digitalen, mit hervorragendem Erklärungsmaterial ausgestatteten Digitalversionen im nahen Multimediasaal aufzusuchen.

Die echte Handschrift durfte man nicht fotografieren.

Davon abgesehen ist der ganze sachsen-anhaltinische Ort an der Saale unbedingt einen Besuch wert. Neben dem imponierenden Dom gebietet die geschichtsträchtige ehemalige Bischofsstadt auch noch über ein gleichermaßen beeindruckendes Renaissanceschloss mit eigenem Museum. Kurzum: Die drei Stunden, die mir zur Verfügung standen, reichten kaum aus, um Merseburg in seiner vollen Pracht zu erkunden.

Zurück zu den Zaubersprüchen (ab hier brauchen im Grunde nur Nerds weiterzulesen). Sie sind für Merseburg derart identitätsstiftend, dass man sie groß auf eine Wand im Bahnhofsgebäude gepinselt hat:


Mir sind die "MZ" (gern benutzte Abkürzung) zum ersten Mal im Deutschunterricht der Sekundarstufe I begegnet, ich weiß noch, wie sie als bedeutender Punkt in einer Übersicht der deutschen Literaturgeschichte erwähnt wurden. Später an der Uni haben wir sie dann im Althochdeutsch-Seminar übersetzt, und auf Spruch Nummer 2 bin ich in meiner 2010 vorgelegten Dissertation, die sich mit dem Pferd bei den Indogermanen beschäftigt, eingegangen. Ich darf mich zitieren: 

"Im 2. Merseburger Zauberspruch (9./10. Jh. n. Chr.) spielt Balders Fohlen eine zentrale Rolle: Phol ende uuodan uuorun zi holza. Du uuart demo balderes uolon sin uuoz birenkit. ('Phol? und Odin fuhren in den Wald. Da verrenkte sich Balders Fohlen den Fuß.') Es ist nicht ganz klar, ob Odin auf Balders Fohlen reitet oder Odin und Balder auf ihren jeweiligen Pferden unterwegs sind. Entscheidend ist das Wort Phol, das entweder für nhd. Fohlen steht oder ein Synonym des Gottes Balder ist. Für letzteres spricht die Tatsache, dass der altenglische Ortsname Polesléah auch als Balderes lêg bekannt war ('Hain des Phol/Balder'). Als sich das Fohlen den Fuß verrenkt, wird es von Sinthgunt und Frija besprochen, doch erst Odin vermag das Tier kraft seiner Worte zu heilen:
Sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki: ben zi bena, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sose gelimida sin.
Sei es Knochenverrenkung, sei es Blutverrenkung, sei es Gliederverrenkung: Knochen zu Knochen, Blut zu Blut, Glied zu Glied, so seien sie 'geleimt' (verbunden).
Ein identisches Schema taucht in einem Zauberspruch des Atharvaveda auf (s. Kap. 4.2.3.1), und auch im Germanischen gibt es weitere Parallelen. Der altsächsische Wurmsegen (1227 n. Chr.) soll den Wurm 'aus dem Mark in den Knochen, vom Knochen ins Fleisch, vom Fleisch in die Haut und von der Haut in den Pfeil' treiben, wobei mit 'Pfeil' (altsächsisch strala) vielleicht der pfeilförmige Hufstrahl des Pferdes gemeint ist. Aus derselben Zeit wie der 2. Merseburger Zauberspruch stammt der sog. 2. Trierer Spruch, dessen Anfang wie folgt lautet: 'Es kam Christus und St. Stephan zur Burg zu Salonae. Da ward St. Stephans Pferd verfangen. Wie Christus dem Pferde St. Stephans das Verfangensein heilte, so heile ich es mit Christi Hilfe diesem Pferde.' Es ist das exakte Muster wie beim 2. Merseburger Zauberspruch, nur mit christlichem Überbau. Ähnlich liest sich auch eine spätere schwedische Formel: 'Fylli ritt den Berg hinab. Das Pferd verrenkte seinen linken Fuß. Da begegnete er Freya. - Ich will dein Pferd heilen und das verstauchte Gelenk wieder einrenken!'"

Zum altindischen Atharvaveda habe ich dann dies geschrieben:

"Der im Hinblick auf das Thema 'indogermanische Dichtersprache' beachtenswerteste Spruch ist AVŚ 4.12 über eine Pflanze namens arundhatī, mit der man Knochenbrüche kurieren kann. Die formelhaften Wendungen nach dem Muster 'Haar zu Haar, Körperglied zu Körperglied' erinnern stark an germanische Texte, insbesondere den 2. Merseburger Zauberspruch, der die Heilung eines verletzten Pferdes zum Inhalt hat (vgl. Kapitel 8.2.1). AVŚ 4.12 bezieht sich zwar nicht auf Pferde, doch gibt es immerhin einen Vergleich zum Wagen: 'run forth, (as) a chariot with sound wheels' (4.12.6), 'may he fit him together, joint to joint, as the wagoner the parts of the chariot!'"

Die Einordnung der MZ in das große Ganze unter der Lupe der vergleichenden Sprachwissenschaft habe ich in der Ausstellung tatsächlich ein wenig vermisst. Ansonsten war ich erstaunt darüber, wie viele offene Fragen die umfangreiche Forschungsarbeit zu den Zaubersprüchen noch immer nicht schließen konnte. Einen erschöpfenden ersten Überblick bietet übrigens die Wikipediaseite zum Thema.

Dienstag, 26. Oktober 2021

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

The Guilty
Dieses dänische (Beinahe-)Einpersonenstück von 2018 spielt ausschließlich in der Telefonzentrale einer Polizeiwache und erinnert dadurch zunächst an "The Call", ist aber wesentlich "intimer" und intensiver und wartet zudem mit einem brutalen Twist auf. Was das kürzlich erschienene US-amerikanische Remake dem hinzuzufügen haben könnte, habe ich nicht vor herauszufinden. Mir erscheint das ganze Unterfangen, das eindringliche Entführungsdrama neu mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle aufzulegen, sinnlos (Drehbuch immerhin: Nic Pizzolatto); es ist ja nicht so, als müsste man das Szenario für ein internationales Publikum "übersetzen" oder an amerikanische Sehgewohnheiten anpassen. 

I Want Someone to Eat Cheese With
Bereits 2006 erstaufgeführt wurde dieses Independent-Kleinod von und mit Jeff Garlin, das die New York Times "laid back and affectionate" genannt hat. In den flott weggeguckten 80 Minuten hat sich vor allem der Impro-Szenen-Fan in mir gefreut, ist die Hauptfigur doch Ensemble-Mitglied der legendären Chicagoer Truppe "Second City", aus welcher sich zahlreiche Veteranen in kleinen Nebenrollen die Ehre geben. Beglückend wie immer ist auch Co-Star Sarah Silverman.

Ein Ticket für zwei (OT: Planes, Trains & Automobiles)
Zum ersten Mal in dieser meiner Reihe findet ein Mann Erwähnung, der als Regisseur und/oder Autor hinter nicht wenigen Filmen steckt, die – vor allem, aber nicht nur, in den USA – Kultstatus erlangt haben: "Kevin – Allein zu Haus", "The Breakfast Club", "Ferris Bueller's Day Off", "Die schrillen Vier auf Achse", to name a few. Mit "Planes, Trains & Automobiles" hat John Hughes 1987 einen Klassiker vorgelegt, den gesehen zu haben mich schon deshalb befriedigt hat, weil eine Szene aus "The Office" nun endlich Sinn ergibt (die Belegschaft macht einen Ausflug und singt im Reisebus lauthals den "Flintstones"-Titelsong). Steve Martin und John Candy (mein Gott, der ist auch schon fast 30 Jahre tot!) harmonieren glanzvoll und sorgen dafür, dass die allzu lehrbuchmäßige Dramaturgie eines Roadmovies der Figurenentwicklung nie im Wege steht. Natürlich, besonders fresh wirkt diese Komödie nach all den Jahren nicht mehr, aber gerade im Vergleich mit dem letztes Mal rezensierten, ebenfalls als "Kult" firmierenden Genrevertreter "Animal House" verdient sich "Ein Ticket für zwei" das Prädikat "zeitlos amüsant".

Cash Truck (OT: Wrath of Man)
Zuerst habe ich mich über den "deutschen" Titel ein wenig aufgeregt, aber im Laufe des Films habe ich mich damit versöhnt, denn das Wort cash truck, also "Geldtransporter", kommt auch im Original mehrmals vor. Ist ja auch nebensächlich. Festzuhalten ist, dass Guy Ritchie endgültig wieder auf seine Spur gefunden hat. Ganz so stark wie "The Gentlemen" (s. hier) ist dieser mehr action-orientierte Revenge-Reißer zwar nicht, verzichtet auf Komik und verbale Schlagaustausche, überzeugt mich aber in seiner trockenen Geradlinigkeit und der Art, wie die Zwiebelhäutchen der Verbrecherstory nach und nach entblättert werden. Und niemand anderen als einen No-nonsense Jason Statham möchte man in der Hauptrolle sehen.

Und täglich grüßt die Liebe (OT: Long Story Short)
Dieser deutsche Verleihtitel hingegen ist unglücklich gewählt. Er möchte verraten, dass hier eine Abart des "Groundhog Day"-Prinzips durchgespielt wird, führt aber insofern in die Irre, als der Protagonist dieser romantischen Dramedy eben nicht Tag für Tag dasselbe erlebt, sondern immer nach ein paar Minuten eines bestimmten Tages (dem Tag nach seiner Hochzeit bzw. dem Jubliäum desselben) je ein Jahr in die Zukunft katapultiert wird. Das hat mich als erfrischendes Konzept sofort überzeugt (nun ja, "Click" kommt einem in den Sinn), ist aber leider wenig durchdacht und in der Durchführung unsauber. Beispielsweise ist mir nicht klar, wie das "Zeitspringen" für Außenstehende erlebt wird und unter welchen Bedingungen die Ortswechsel damit einhergehen; wie wird entschieden, wo sich der Typ nach einem Jahr materialisiert? Da er normal altert und seine Kleidung wechselt, wäre das Phänomen eher zu beschreiben als "365-Tage-Blackout".
Am Ende dieser auch nicht herausragend gespielten und irgendwie billig produziert wirkenden Seichtigkeit hatte ich jedenfalls kaum noch Interesse an der Auflösung. (Wird der Fluch aufgehoben / rückgängig gemacht? Man kann sich's eh denken ...)

Sully
Gering waren auch meine Erwartungshaltungen bezüglich des Ausgangs von "Sully", denn wir wissen ja alle, wie die spektakuläre Notwasserung des Captain Sullenberger im Januar 2009 ausgegangen ist (glücklich). Zum spannungsbildenden Dreh- und Angelpunkt wird denn hier auch nicht die Landung des Flugzeugs im Hudson River gemacht (die obschon packend inszenierten real-life events lassen sich halt auch nicht beliebig strecken), sondern das Nachspiel: die Frage, ob Sullys Manöver naheliegend und alternativlos war. Deren Aufarbeitung ist freilich ebenfalls klar, bis heute gilt der Pilot als Nationalheiligtum. Nett übrigens, dass auch der von Aaron Eckhart verkörperte Co-Pilot eine Würdigung erfährt.
Im sich aufdrängenden Vergleich mit "Captain Phillips" ist "Sully" unterm Strich die weniger aufpeitschende, nahegehende Heldenverfilmung. Verteidigend muss man sagen, dass Tom Hanks für solche Rollen geboren wurde und dass Regisseur Clint Eastwood 2016 auch nicht mehr der Jüngste war.

Frau Rettich, die Czerni und ich
Meine Meinung hierzu möchte ich für mich behalten, da ich Personen kenne/kannte, die direkt oder indirekt damit zu tun hatten. 

Flatliners - Heute ist ein schöner Tag zum Sterben
Ach stimmt, "Flatliners" hat ja vor ein paar Jahren auch ein Remake spendiert bekommen ("Rotten Tomatoes"-approval rating von 4 %)! Werde ich mir sparen. Das stargespickte Original von Nineties-Regie-Ikone Joel Schumacher taugt mir jedenfalls. Die schwächeren Parts sind jene, wo es ins Esoterisch-Traumhafte abdriftet, aber der ganze Themenkreis Nahtoderfahrungen, Selbstversuche und Grenzen der Wissenschaft sorgt für Gänsehaut und Faszination.

Der Regenmacher
Nach der dritten John-Grisham-Verfilmung komme ich allmählich mit den Plots durcheinander ... Was war noch mal "Der Klient" und was "Die Jury"? Egal! Beim "Rainmaker" (im Juristenslang ein Anwalt, der geübt darin ist, lukrative Fälle – die das Geld "regnen" lassen – an Land zu ziehen) sieht man von Anfang bis Ende klar, die Akte (so heißt ja ein weiterer Grisham!) werden sauber aufgezogen, die Storylines sind ordentlich gearbeitet. Nicht weniger erwarte ich von einem Francis Ford Coppola.
Was ich mitgenommen habe, ist: 1.) Danny DeVito ist kaum zu überschätzen! 2.) Noch gestörter als das amerikanische Rechts- ist das dortige Gesundheits(versicherungs)system. 

Batman v Superman: Dawn of Justice (Ultimate Edition)
Ich deutete neulich bereits an, dass ich mit dem Marvel Cinematic Universe vorerst gebrochen habe. Die Gelegenheit, "Batman v Superman" bei Amazon Prime zu sehen, nahm ich zum Anlass, tiefer in das mir ungleich sympathischere DCEU einzutauchen. Als Fazit kann ich vorwegnehmen, dass mir der Dreistunden-Actioner von 2016 als zweischneidiges Schwert erschien. Einige lose Gedanken. Ben Affleck ist der mit Abstand farbloseste Dunkle Ritter, den es je gab. Gähn! Ebenso fehlbesetzt ist Jeremy Irons als Alfred. Sorry, an Michael Caine kommt einfach niemand ran (wobei auch Sean Pertwee in der "Gotham"-Serie in Ordnung geht). Oh, wie ich Jesse Eisenberg hasse! Hier versucht er vergeblich, als völlig erratisch angelegter Lex Luthor sämtliche Joker-Inkarnationen seit Heath Ledger zu channeln. Dafür, dass ich einst der Mainstream-Meinung aufgesessen bin, Eisenberg sei leicht mit dem herzensguten, talentierten Michael Cera zu verwechseln, möchte ich tausendfach Abbitte leisten. Henry Cavill als Clark Kent dagegen überzeugt durchaus. Ja, das ist Superman! Auch Amy Adams ist als Lois Lane passabel besetzt. Hans Zimmers Musik erfüllt bestenfalls ihre Pflicht, positiv heraus sticht allenfalls das Superman-Theme. Die Einführung von Wonder Woman (Gal Gadot) ist als ebensolche gar zu deutlich zu erkennen: Schaut her, die wird noch mal wichtig! Das ist unelegant bis holzhammermäßig. Tja, und zu guter Letzt sind sämtliche Batman-gegen-Superman-Kämpfe, mithin die Essenz dessen, was der Filmtitel verheißt, überflüssig (und m.M.n. zudem ermüdend), weil die beiden Heroen gegeneinander aufgehetzt wurden und sich im Finale, das böse Spiel durchschaut habend, sich ohnehin verbünden. Zach Snyders Regiearbeit ist seine bisher "mainstreamigste", mir ist das alles zu geleckt und dem MCU-Geist hinterher hechelnd.
Bei all der Krittelei ist es mir wichtig zu betonen, dass ich mich alles andere als gelangweilt habe! Als nächstes werde ich mir mit "Suicide Squad" die direkte Fortsetzung vornehmen (die im Gegensatz zu James Gunns "The Suicide Squad" eher mau sein soll).

Freitag, 22. Oktober 2021

*sport*

Ich habe ein neues Verb gelernt:

dufen
ich dufe
du dufst
er/sie/es duft
wir dufen
ihr duft
sie dufen

Zuerst begegnet ist es mir im dm auf einer Duschgelflasche.


Ich habe das Produkt trotz des blödsinnigen Namens "Invincible Sport" dann auch gekauft, aber (ich schwöre!) nicht nur, um es zu Hause abzufotografieren, sondern auch, weil ich daran interessiert war, wie Kampher riecht. Wann pflegt man sich schon mal mit Kampher, ja: Wozu wird Kampher eigentlich sonst so verwendet? Wikipedia schreibt: "Campher wird in Feuerwerkskörpern, teilweise in Sprenggelatine und in Mottenabwehrmitteln verwendet." Herrlich!

Die "fruchtig-orientalische Note", die der Aufdruck auf der Rückseite verspricht, kann ich bestätigen; ganz leicht wurde ich an Ingwer erinnert. Wie hoch der Anteil an K/Campher ist, wird leider geheimgehalten. Hoffentlich nicht zu hoch, denn: "Campher wirkt auf das zentrale Nervensystem und die Niere, in höheren Dosen auch (analeptisch) auf das Atemzentrum. Er ist durchblutungsfördernd und schleimlösend, kann aber auch zu Übelkeit, Angst, Atemnot und Aufgeregtheit führen. In Überdosis oral eingenommen, kommt es zu Verwirrtheits- und Dämmerzuständen, Depersonalisation, extremen Déjà-vu-Erlebnissen, Panik und akuten tiefgreifenden Störungen des Kurzzeitgedächtnisses bis hin zu Amnesie und epileptischen Anfällen. Die tödliche Dosis für einen Erwachsenen liegt bei 0,1 g/kg Körpermasse." Aber ich bin bisher eh noch nicht in Versuchung gekommen, das Zeug zu trinken.

Mittwoch, 20. Oktober 2021

US Food Test 2021 (1): Cookie Dough Bites

Los geht das fröhliche Verkosten! Sowohl Klassisches als auch Neuartiges, Unbekanntes steht auf dem Speiseplan, von Trash bis Gourmetessen (na ja, Zweiteres nicht wirklich).

Den Anfang machen Cookie Dough Bites. Dabei scheint es sich um eine etablierte Süßigkeit zu handeln, die es in zahlreichen Varianten gibt. Birthday Cake ist eine der neueren. Was erst einmal ziemlich genial und suchtfördernd klingt, entpuppt sich leider als Enttäuschung, so wie Geburtstagstorten halt auch meistens optisch mehr versprechen, als sie geschmacklich zu halten vermögen. Die Konsistenz ist zwar nicht uninteressant, hat aber mit Keksteig so wenig zu tun wie der Geschmack, der mich an irgendetwas erinnert hat, auf das ich jedoch meine Zunge nicht legen kann. Viel Chemie steckt in den Bällchen, deren Anblick Bilder vom Gelege extraterrestrischer Wasserlebewesen heraufbeschwört. Das laut Website des deutschen Zusatzstoffmuseums "nicht empfehlenswerte" Allurarot (E 129) steckt ebenso drin wie Erythrosin (E 127), welches "wegen seiner ungeklärten Nebenwirkungen auf die Schilddrüse widerrufen werden" sollte (ibid.). Das ist zwar in den hier vorliegenden Anteilen nichts, wovor man sich bei moderatem Genuss fürchten müsste, das mit maximal 4/10 Punkten zu bewertende Gesamtergebnis rechtfertigt es aber nicht.

Mittwoch, 13. Oktober 2021

US Food Test 2021 (Teaser) // Blogpause

Als neulich bei einem großen, auf amerikanische Lebensmittel spezialisierten Importhändler ein Online-Ausverkauf stattfand, habe ich eine Bestellung aufgegeben, deren sämtliche Einzelposten ich in den kommenden Wochen zu rezensieren gedenke. Hier schon mal eine Vorschau:


Bei der Dose "Spaghetti & Meatballs" handelt es sich um eine Fehlsendung. Der gewünschte Artikel ist inzwischen eingetroffen und von mir verspeist worden.

Bis meine Erfahrungsberichte zu lesen sein werden, muss ich allerdings (leider!) um ein wenig Geduld bitten. Nach circa einer Woche Funkstille geht es hier im gewohnten Posting-Turnus weiter.

Montag, 11. Oktober 2021

Marketing gone wild

In den 1980er Jahren rief die Gastronomiekette Pizza Hut in Amerika folgende Aktion ins Leben. Wer den Satz "Make it large for medium charge" auf einen Zettel schrieb und diesen beim nächsten Pizza-Hut-Besuch vorzeigte, bekam ebendies: eine große Pizza (bzw. einen pizza pie, wovon ich immer noch nicht genau weiß, was das ist) zum Preis einer bzw. eines normalen. Das Prozedere wurde in TV-Werbespots erklärt, womit schon mal ein Teil der potentiellen Kundschaft ausgeschlossen wurde (Haushalte ohne Fernseher), was den Konzern letztlich weniger kostete. Auch dass bei diesem Promo-Stunt Druck- und Distributionskosten gespart werden konnten, weil die Speisenden ja quasi ihre eigenen "Coupons" anfertigten, kann nur clever genannt werden.

Woher ich von dieser ungewöhnlichen Kampagne weiß? Ich habe davon in der jüngsten Episode von "That Week in SNL" erfahren (#80: Madonna/Simple Minds). In diesem Podcast werden ausgewählte Folgen von "Saturday Night Live" besprochen, und in jener Ausgabe, welche den Season-Opener der berüchtigten 11. Staffel auseinandernahm, widmeten sich die Moderatoren eben auch den damals ausgestrahlten Werbeunterbrechungen und spielten die Spots in ganzer Länge ein. Zuerst dachte ich "Das geht jetzt aber doch ein bisschen zu weit!", aber spätestens bei dem genannten Pizza-Hut-commercial war ich absolut begeistert. Was für eine unschätzbare, faszinierende Zeitreise! Der Sound, die Theatralik, die Stimmen des Jahres 1985 sind unnachahmlich und kommen nie mehr wieder. Ich wünschte, ich hätte während dieser einzigartigen Ära in den USA gelebt! Bei der "Make it large"-Aktion hätte ich garantiert auch mitgemacht. 

Samstag, 9. Oktober 2021

Die lockere Schraube

Die schönste Korrektur, die ich seit langem in einer Tageszeitung gelesen habe, stand diese Woche in der FAZ:

Die Schraube, die wir in unserer Samstagsausgabe auf Seite 1 abgebildet haben, gibt es so nicht: Die Agentur Action Press hat uns ein spiegelverkehrtes Bild geliefert, sodass der Eindruck einer linksdrehenden Spax-Schraube entstand. Was von vielen Lesern als Kommentar zum Grünen-Vorsitzenden Habeck und der politischen Richtung der Sondierungen gedeutet wurde, war ein Versehen. 

Darunter das Foto, so wie es sein sollte, mit der Bildunterschrift "Zurückgespiegelt: Jetzt rechtsrum". Die Leserschaft der Frankfurter Allgemeinen wäre ohnehin tiefgehende Studien wert.

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Einmal Mäuschen spielen (und nie wieder)

Was passiert eigentlich zu Hause bei Deutschlands Intellektuellen – oder denen, die als solche gelten? In der Süddeutschen Zeitung konnte man es kurz nach der Bundestagswahl ausschnittweise erfahren. Unter vielen anderen wurde Maxim Biller gebeten, seinen Wahlabend zu schildern, was er auch tat. "Zuerst gab es Kaviar, dann zwei Teller Borschtsch, und dann saßen wir noch ziemlich lange auf dem Balkon ...", und so weiter, bis schließlich: "'Marine Le Pen hätte in Deutschland keine Chance', sagte Anna plötzlich ernst. 'Und Matteo Salvini?', sagte ich. 'Höchstens als abgewrackter Ex-Politiker im Dschungelcamp.' 'Und Putin?' 'Der würde ganz schnell im Knast landen – als Mafiaboss.'"
So was hört man also bei unseren Top-Geistesmenschen: Dialoge wie unter Vierzehnjährigen, die ihre politische Bildung ausschließlich aus satirischen Fernsehsendungen speisen, und unhinterfragte Thesen, die jede/r Außenstehende selbst im Krimsekt-Rausch vom Balkontisch wischen könnte.
Am Ende gab's noch "einen letzten Teller Borschtsch".

Dienstag, 5. Oktober 2021

Wissen macht *gähn*

Was mich, nun ja, "aufregt" wäre ein zu starkes Wort ... Was mich die Augen rollen lässt, ist, wenn ein uraltes Mysterium der Natur aufgeklärt wird und die Lösung geradezu trivial, um nicht zu sagen banal ausfällt. Beispiel: der "singende Sand". Wüstendünen geben unheimliche Geräusche von sich, die seit Jahrhunderten wahlweise als Brummen oder Dröhnen beschrieben werden, während die Ursache(n) im Trüben blieben. Ich hatte wiederholt von diesem Phänomen gelesen; meine Enttäuschung, als 2004 die Erklärung geliefert wurde, kann man sich vorstellen: "Französische Forscher der Université Paris 7 haben das Geheimnis nun gelöst. 'Die mysteriösen akustischen Signale stammen aus Lawinen, in denen Sandkörner aufeinander prallen und elastische Wellen auf der Dünenoberfläche erzeugen'." ("Spiegel online")

Ein zweites recht bekanntes Wüstenrätsel war das der scheinbar wandernden Steine im Death Valley. Im kalifornischen Wüstensand fanden sich immer wieder von Felsbrocken hinterlassene Schleifspuren, deren Zustandekommen aber nie jemand hatte beobachten können. 2013 dann wurde eine der zahlreichen im Laufe der Jahrzehnte aufgestellten Thesen bestätigt. "Eines Nachts passierte es: "Nachdem es geregnet hatte, bildete sich ein flacher See auf der Hochebene, er gefror. Millimeterdünnes Eis umschloss die Steine. Im Tauwetter am Morgen zerbrach es in Abertausende Schollen, die vom Wind getrieben wurden. Eingekeilt im Eis nahmen auch die Steine Fahrt auf. Die Forscher entdeckten frische Schleifspuren hinter vielen Brocken." (Nochmals "Spiegel online") Das ist schon leidlich interessanter; ernüchternd und gleichzeitig ulkig ist dabei aber, dass die These nur deshalb ewig nicht verifiziert werden konnte, weil Aufnahmen mit fest installierten Kameras im Tal des Todes nicht erlaubt sind.

Auf welt.de las ich nun heute etwas, das mich sofort an diese Art von Entzauberung erinnerte: "Geheimnis der schwebenden Steine ist gelöst". Es geht um jene flachen Steine, die häufig beispielsweise auf dem gefrorenen Baikalsee vorzufinden sind und lediglich von einer dünnen Eissäule getragen werden. Die Physik dahinter ist allerdings komplexer, als ich zuerst befürchtete, und ich möchte den Artikel gerne weiterempfehlen.

(Mit Dank an Sebastian S.!)

Montag, 4. Oktober 2021

Kurz notiert: Januswörter

Via TYWKIWDBI habe ich eine englischsprachige Bezeichnung für "Wörter, die (auch) ihr eigenes Gegenteil bedeuten", kennen gelernt: Janus words. In dem verlinkten Artikel werden ein paar schöne Beispiele angeführt, über die ich bisher nie nachgedacht hatte. Das Verb to scan etwa heißt wahlweise "etwas gründlich mit den Augen abtasten" oder "etwas überfliegen" (Beispielsätze a.a.O.). Wem schöne deutsche Januswörter einfallen, der möge sie in die Kommentare schreiben. (Ich selbst bin in diesem Beitrag kurz auf das Phänomen eingegangen.)

Samstag, 2. Oktober 2021

Serientagebuch 09/21

01.09. Person of Interest 2.06
Come Home 1.03
02.09. The Leftovers 3.01 (RW)
03.09. 15 Storeys High 1.01
04.09. Person of Interest 2.07
Master of None 1.08
Master of None 1.09
Master of None 1.10
05.09. Patriot 1.09
06.09. 15 Storeys High 1.02
The Leftovers 3.02 (RW)
08.09. Patriot 1.10
10.09. 15 Storeys High 1.03
19.09. The Leftovers 3.03 (RW)
21.09. 15 Storeys High 1.04
The Leftovers 3.04 (RW)
22.09. 15 Storeys High 1.05
Stephen 1.01
23.09. Stephen 1.02
24.09. The Leftovers 3.05 (RW)
The Leftovers 3.06 (RW)
25.09. Person of Interest 2.09
26.09. Person of Interest 2.08
Stephen 1.03
27.09. The Leftovers 3.07 (RW)
28.09. The Leftovers 3.08 (RW)
29.09. 15 Storeys High 1.06

Ja, ich habe einen Rewatch (RW) der dritten Staffel von The Leftovers gemacht. Das war mehr als sinnvoll, denn beim ersten Durchlauf waren mir ein paar Details entgangen. Nicht nur deswegen weiß ich die Abschluss-Staffel jetzt noch mehr zu schätzen: Hatte ich beim ersten Schauen noch den Eindruck, dass einige Handlungsstränge etwas gedrängt wirkten (aus Budget-Gründen gab es nur acht Episoden statt der zehn, die sich die Macher gewünscht hätten, um wirklich alle Geschichten zu Ende zu erzählen), fand ich den zeitlichen wie inhaltlichen Umfang nun vollauf angemessen, und ich war zufrieden damit, wie die Schicksalsfäden diverser Nebenfiguren aufgedröselt (statt abgeschnitten!) wurden. Nach wie vor bin ich auch der Meinung, dass dieser Geniestreich von Damon Lindelof und seinem Team eines der befriedigendsten Enden in der Geschichte des linearen Fernsehens hat. Season 3 ist definitiv die wahnsinnigste und dabei trotzdem so aufwühlend, mysteriös, dramatisch, traurig und komisch wie die ersten beiden. Eine der intensivsten Erfahrungen meiner TV-Biographie.
Weinen kann man auch bei Come Home, einer nordirischen BBC-Produktion, in der Christopher Eccleston wie schon in "The Leftovers" seinen Akzent dem Handlungsort anpasst, was ihm, wie ich las, wohl auch ganz passabel gelingt. (Seine Co-Darstellerin Paula Malcolmson hat übrigens in der "Watchmen"-Serie mitgespielt, womit sich der Kreis zu Damon Lindelof schließt.) Tja, viel fällt mir nicht ein, was ich über diesen Dreiteiler, in dem eine Familienmutter (warum klingt dieses Wort viel weniger vertraut als "Familienvater"?) von heute auf morgen ihren Mann und ihre Kinder verlässt, sagen könnte. Gut geschrieben und gespielt, mit einem, wie ich fand, versöhnlichen Schluss, der aber offenbar etlichen Zusehern sauer aufgestoßen ist.
Bleiben wir im Vereinigten Königreich: Der frühe Tod des Komikers und Gameshow-Panelists ("8 Out Of 10 Cats Does Countdown"!) Sean Lock hat mich sehr betrübt. Umso froher war ich, kurz darauf auf ein Sitcom-Kleinod gestoßen zu sein, das in zwei Staffeln von 2003 bis 2004 lief und von ihm selbst entwickelt und geschrieben wurde. In 15 Storeys High spielt Lock einen Bademeister, der sich zusammen mit Benedict Wong eine Wohnung in einem Londoner Plattenbau teilt. Die Storys sind teils banal, teils aberwitzig, in jedem Fall von erkennbar Lock'scher Absurdität. Es gibt auch immer wieder kurze Sequenzen aus den diversen flats des Hochhauses, so dass mitunter die Anmutung einer Sketchparade aufkommt. Ein wenig befremdet hat mich, dass in Episode 6 auf einmal Lacher vom Band eingesetzt werden. Dabei war ich auch ohne solche wiederholt zum Gickern gereizt worden. Das (in britischen Filmen selten genug zu sehende) Setting macht andererseits auf Dauer etwas depressiv.
UK zum Dritten: Stephen ist nach "Des" (s. 02/21) und "The Pembrokeshire Murders" (s. 03/21) eine weitere True-Crime-Miniserie von ITV, die sich weniger an den Ausführungen eines Gewaltverbrechens (hier: die Tötung des schwarzen Teenagers Stephen Lawrence 1993) ergötzt, sondern die untersuchungstechnischen und juristischen Umstände und Konsequenzen in den Mittelpunkt rückt. In diesem Fall geht es um die Frage, wie und mit welchen Schwierigkeiten eine Anklage einzuleiten ist, wenn die betreffende Straftat fast zwei Jahrzehnte zurückliegt. Der eigentliche Mord, das ist recht innovativ, wird lediglich in Form eines polizeilichen re-enactments gezeigt. Den Ermittler, der den alten Fall wieder aufrollt, spielt übrigens Steve Coogan, was irritieren mag, sofern man Coogan nur aus Comedyformaten kennt; aber er macht seinen Job anständig und ist nie "fehl am Platze".
Immer wieder waren mir Elogen auf Patriot begegnet, insbesondere im "Something Awful"-Forum wurde die Amazon-Produktion als sowohl hochwertig als auch binge-worthy angepriesen, also habe ich die erste (von zwei) Staffeln nun endlich geschaut. Auch wenn sich die Geschichte um die CIA, das iranische Atomprogramm und Auftragsmorde dreht, darf man keinen Polit-Thriller à la "Homeland" erwarten. Im Zentrum steht ohnehin nicht so sehr die leidlich komplexe Handlung, sondern der Protagonist als Mensch, ein melancholischer, nicht durchweg liebenswerter Undercover-Agent/Singer-Songwriter, der sich permanent in Situationen wiederfindet, in denen er sich sichtlich unwohl fühlt. Als "Groteske [...], die die Sensibilität eines Wes-Anderson-Films mit burlesken Quentin-Tarantino-Szenen zusammenzwingt", hat die FAZ die Serie gelobt, und wer möchte da widersprechen? Manchmal verhebt sich die Regie meiner Meinung nach mit den kunstvoll arrangierten Szenenbildern, etwa wenn in perfektem Timing nacheinander fünf aus verschiedenen Richtungen antrottende Gesprächspartner an einem Ort eintreffen, um mit der dort passiv kauernden Hauptfigur zu interagieren. Andere Experimente wie ein gefühlt mehrere Minuten währendes Schnick-Schnack-Schnuck-Duell gelingen. Die gelegentlichen Längen sind ebenso verzeihlich wie die (zumindest in der deutschen Synchro) nicht immer sitzenden Dialoge. Ach ja, und es wird für meinen Geschmack zu viel uriniert. Heimlicher Star ist im Übrigen das hübsche, im Mainstream-Kino sträflich vernachlässigte Luxemburg als Schauplatz, außerdem habe ich mich gefreut, Terry O'Quinn mal wieder zu sehen. 
Aziz Ansaris semi-autobiographische Dramedy Master of None ist hervorragend geeignet, wenn man mal flugs eine halbe Stunde rumkriegen muss. Dabei fallen die meisten Folgen gar nicht mal besonders rasant oder bemüht kurzweilig aus, es wird sich sogar oft viel Zeit genommen. Es werden humoreske Slice-of-life-Geschichten auf so locker-beschwingte wie zurückhaltende Art erzählt, dass sie einen einfach mitreißen. Ernste Themen, teils dem Alltag, teils der Welt des Showbusiness entnommen, werden nicht umgangen, auch wenn mir die gesellschaftskritischen Töne, die Ansari und sein Schreibpartner Alan Yang (zu Recht) anzuschlagen haben, manchmal ein wenig shoehorned erscheinen. Wird auf jeden Fall fortgesetzt!