Freitag, 22. März 2019

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

The World's End
Der vorerst letzte und leider deutlich schwächste Teil der sog. Cornetto- oder auch Blood-and-Ice-Cream-Trilogie. Von mir aus braucht keine Quadrologie daraus zu werden. Altvertraute Tropes und Themen werden immer wieder verhandelt und persifliert, nett war allein das Ende.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 1
Als ich den letzten Harry-Potter-Teil gesehen habe, gab es noch nicht mal diese Reihe in meinem Blog. Tja, was soll ich sagen? Zum Fan werde ich in diesem Leben nicht mehr, die Figuren sind mir kaum ans Herz gewachsen, auch wenn ich vom Schluss dieser Episode durchaus ergriffen war. Kamera und Ausstattung sind gelungen.

Wunder
Ein einfach nur liebes, überwiegend positives und lebensbejahendes Drama, bei dem man auch mal "ein Tränchen verdrücken" kann. Der Wechsel der Erzählperspektiven macht es interessant.

Fahrenheit 11/9
Michael Moores bislang pessimistischstes Werk. Gab es in den Vorgängern immer noch einen Rest von (liberalem) Patriotismus, lautet des Filmemachers Bilanz hier an einer Stelle: "Why save this America? The America I want to save is the America we've never had." Aber auch: "It didn't need end up like this, and it still doesn't." 
Es ist denn auch gar nicht sein Anliegen, Trump als ein überfallartig aus dem Nichts auf Amerika gekommenes Bizarro-Phänomen darzustellen, sondern als etwas, mit dem seit langem zu rechnen war und für das die vorherige(n) Regierung(en) sowie die Gesellschaft das Fundament gelegt haben. Zudem wird noch einmal säuberlich gezeigt, dass seit buchstäblich Jahrzehnten bekannt war, was Donald Trump für einer ist; Zeitungsschlagzeilen, O-Töne, Videoschnipsel zeichnen das Bild eines offen sexistischen, rassistischen, antiintellektuellen, größenwahnsinnigen Scharlatans. Dass sich das Schwein überhaupt zur Wahl aufgestellt hat, ist letztlich die Schuld von Gwen Stefani (das ist nur halb witzig gemeint; schaut den Film, um zu verstehen, warum). Geld, Beziehungen und Verstrickungen (teils mafiöse) sowie ein ungerechtes und defektives Wahlsystem taten ihr Übriges. Wie immer kann man Moore vorwerfen, nur das zu beweisen, was seine Fans eh schon zu wissen glauben. Und ja, einige Passagen wie die über die Parallelen zu Hitler sind gewohnt plakativ (an einer Stelle werden Audiomitschnitte von I.C.E.-Kids zu Bildmaterial aus einem KZ eingespielt), aber es ist halt alles sehr überzeugend, hieb- und stichfest.
Da kommen einem direkt wieder die Tränen!

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2
Hier versuchte man sich dann sogar an einer Massenschlachtszene, aber als Herr-der-Ringe- und Game-of-Thrones-geschulter Zuseher konnte ich darüber nur müde lächeln. Insgesamt ein würdiger Abschluss, und die "Tierwesen"-Prequels gucke ich mir gern an, wenn sich die Gelegenheit bietet.

Downsizing
Lange habe ich gezögert, ob ich über zwei Stunden Lebenszeit in diese "Komödie" über das Schrumpfen von Menschen als Weltrettungsmaßnahme investieren soll – 2,5 Sterne auf Amazon sind wahrlich kein Anreiz. Dass ich "Komödie" in Anführungszeichen schreibe, ist Absicht, denn genau das ist die Crux: "Downsizing" ist ein Paradebeispiel für die Weisheit "Never Trust a Trailer"; es wird als whacky SciFi-Farce mit einem Winzlings-Matt-Damon beworben, hat aber großzügig gezählt nur drei bis vier Lacher. Wenn man akzeptiert, dass einen, anders als vom Trailer aus welchen Gründen auch immer suggeriert, eben keine Comedy, sondern ein Gesellschaftsdrama mit satirischem Anstrich erwartet, hat man durchaus seine Freude daran. Außerdem spielt Kristen Wiig mit!

Mid90s
Auch ein Film, den man, liest man die Inhaltsangabe, für humorvoller halten könnte als er ist. Nein, Jonah Hills Regiedebut ist kein krampfhafter Nostalgiespaß, der in jeder Sekunde "Hey, wisst ihr noch?" schreit, sondern ein in der Skateboard-Szene angesiedeltes Coming-of-Age-Rührstück mit (nicht nur sportlich) überzeugenden Laiendarstellern. Für meinen Geschmack wird darin zu viel geflucht, aber so war das wohl ~damals in den Neunzigern~.

Free State of Jones
Noch ein US-amerikanisches No nonsense period piece, diesmal im Bürgerkrieg angesiedelt und mit Flashforwards ins Jahr 1948 gespickt. Die lehrreiche Geschichte über ein wenig bekanntes Kapitel des Civil War ist mit Matthew McConaughey, Gugu Mbatha-Raw und Mahershala Ali super besetzt (ja, alle drei Namen musste ich nachschlagen), leider schaut der Film irgendwie billig aus und ist für meinen Geschmack zu lang geraten.

Free Solo
Wer eine absolut packende Bergsteiger-Doku sehen will, greife zu "Meru" von 2015. Warum "Free Solo" in den Himmel (!) gelobt wird und sogar einen Oscar abgestaubt hat, kapiere ich nicht. Zugegeben, über die wahnsinnige Klettertechnik des "Soloing" wusste ich bis dahin wenig, und die Freihand-Besteigung des El Capitan ist eine staunenswerte Leistung, aber irgendwie ist mir dieser Alex Honnold unsympathisch, und die wenigen spektakulären Aufnahmen werden durch jede Menge Blablabla ihrer Wucht beraubt.

Bad Times at the El Royale
Ich mag das Gesamtwerk Drew Goddards, und auch dieser stylishe Late-Sixties-Neo-noir-Hotel-Stand-off macht viel Spaß. Mich ließ leider das Gefühl nicht los, dass hier einer allzu sehr Tarantino nacheifern wollte, aber ich möchte nix Böses unterstellen. Starker Soundtrack auch!

Mittwoch, 20. März 2019

We were promised Jetpacks

Viel wurde und wird sich hierzulande über das Flugtaxi lustig gemacht, und auch ich gebe zu, 'Ist die übergeschnappt?' gedacht zu haben, als Digitalministerin Bär zum ersten Mal davon sprach. Doch mittlerweile kann ich die bundesweite Einführung dieser Mini-Helikopter kaum erwarten, auch wenn sich das Warten lange hinziehen wird. Mit bis zu 120 km/h und vier Personen an Bord soll sich der "City-Airbus" ab 2025 über deutsche Städte hinweg bewegen, schreibt diese Woche der Focus. "Und das zum Taxipreis." Ich halte dies fest, damit man im Jahr 2025 sagen kann: Haha, 2019 hat es geheißen, die ersten Flugtaxis könnten bereits 2025 im Einsatz sein!

Ich bin skeptisch. Die Grenzen der Ingenieurskunst bereiten mir dabei gar keine Sorgen, wohl aber die vermaledeiten Gesetze. Die Mobilität betreffende Regelungen zu ändern, ist bekanntlich ein Ding der Unmöglichkeit. Man könnte schon so viel weiter sein, aber das bestehende Recht ist scheint's in Asphalt gemeißelt. Focus: "In den Städten und auf dem Land entstehen Shuttle-Dienste, die dank Digitalisierung effizienter denn je funktionieren – könnten. In der Praxis verhindern die alten Paragrafen aber beispielsweise, dass neue Pendeldienste von Tür zu Tür fahren dürfen. So muss der Shuttle-Dienst Ioki, eine Tochter der Deutschen Bahn, derzeit in Hamburg virtuelle Haltestellen ansteuern. Alle 200 Meter gibt es eine. Dort können die Fahrgäste ein- und aussteigen. Ein direkter Tür-zu-Tür-Verkehr ist nicht erlaubt. [...] Auch Fahrdienstfirmen drängen auf eine Gesetzesänderung: Bis jetzt müssen ihre Fahrer, die Personen befördern möchten, nach jeder Tour an ihren Betriebssitz zurückkehren. Diese Bestimmung schützt das Taxigewerbe, verhindert aber auch Wettbewerb."

Und hier reden wir nur von dem, was sich am Boden abspielt. Urbaner Luftverkehr ist, wie die Kopflosigkeit in puncto privater Drohnenbetrieb gezeigt hat, noch mal ein ganz anderes Kaliber. Flugtaxi-Begeisterte werden also erst einmal in die ansonsten mir enorm dröge vorkommende Pionierstadt Dubai pilgern müssen: Hier sollen schon ab 2020 deutsche Velocopter Passagiere befördern.

Montag, 18. März 2019

Abgeschlossen, ausgeschlossen

Als Freund klassischer Whodunits von Autoren wie G.K. Chesterton, Robert van Gulik und natürlich Arthur Conan Doyle sehne ich mich schon seit geraumer Zeit danach, endlich in die Welt des John Dickson Carr einzutauchen. Dieser amerikanische Kriminalautor perfektionierte in Dutzenden Romanen und Kurzgeschichten das Genre des Rätselkrimis und gilt als Meister des Locked Room Mysterys. Insbesondere seine unter dem Pseudonym Carter Dickson verfassten Erzählungen um den Detektiv Henry Merrivale würde ich zu gerne lesen, doch die wenigen ins Deutsche übersetzten Werke sind kaum in die Finger zu kriegen, und die Originalfassungen weisen ein so exzentrisches bis nahezu unverständliches Vokabular auf, dass ich mir die Lektüre schlicht nicht zutraue. Woher ich das wissen will? Durch eine Beitragsserie auf dem hervorragenden Blog TYWKIWDBI, in welcher der Autor sprachliche Eigentümlichkeiten in den Henry-Merrivale-Mysteries bespricht. Diese Eigentümlichkeiten sind zumeist antiquierte oder heutzutage gänzlich anders gebrauchte Wörter, manche davon durch den Kontext erschließbar, andere muss man nachschlagen, und mehr als einmal stößt der Blogger – immerhin ein Muttersprachler – an seine Grenzen: "'... like one of those nature-study motion pictures where they show a flower coming up whingo overnight.' I found nothing on this..." Zu Einzelwort-Kuriositäten gesellen sich Phrasen wie "to play the rip", "tight as an owl" oder "needs must when the devil drives", so dass ich zu den unübersetzten Herren Carr-Dickson vorerst Abstand halte. Vielleicht intensiviere ich erst mal meine Suche nach einer der deutschsprachigen Ausgaben.

Samstag, 16. März 2019

Oida!

In einem Wikipedia-Artikel zu einem Indien-spezifischen Thema wurde das Wort, um das es ging, ganz oben in verschiedenen Sprachen aufgeführt, so wie es halt üblich ist. Nach Hindi, Urdu, Nepali, Sanskrit und Marathi stand dort: Odia. Hä, wunderte ich mich, warum habe ich noch nie von dieser Sprache gehört? Das darf nicht sein! Nun gut, in Indien werden über 100 Sprachen gesprochen, aber wenn eine so prominent in einem Artikel auftaucht, sollte ich sie doch kennen.

Des Rätsels Lösung: Odia ist eine Alternative zu Oriya als Transliteration von ଓଡ଼ିଆ und seit der Verabschiedung eines Verfassungszusatzes im Jahr 2011 die offizielle Schreibweise. Analog wurde auch der Name des Staates, in welchem diese Sprache am weitesten verbreitet ist, von Orissa zu Odisha geändert. Ich habe natürlich gleich versucht herauszufinden, woher dieses -r- in den alten Bezeichnungen kommt, und es scheint sich um einen sog. stimmhaften retroflexen Flap als intervokalisches Allophon von -ḍ- zu handeln, grob vergleichbar mit dem "alveolaren Tap" im amerikanischen Englisch, dem r-Sound in der Mitte von better bei einigen Dialekten.

Festzuhalten ist jedenfalls, dass sich nicht nur Sprachen ändern, sondern auch Namen von Sprachen. Man sollte immer die Augen offen halten.

Donnerstag, 14. März 2019

Mein persönlicher (Quasi-)Brexit

Dies ist ein Update zum Beitrag "Mein schottischer Notgroschen". Nachdem das Online-Banking der Bank of Scotland nämlich wiederholt meine Antworten auf Sicherheitsabfragen (Haustiername, Großvatergeburtstag etc.) nicht akzeptiert hatte, ich sogar einmal mein Login via nervigen Briefwechsel resetten musste, wurde es mir letzte Woche zu bunt: Als ich beim Einloggen zwecks Kontostand-Abfrage erneut grundlos gesperrt wurde, verlangte ich in drei impulsiv getippten Zeilen die Stilllegung meines Accounts. Ein Interesse daran, mich als Kunden zu behalten, hatte man offenbar nicht: Ohne vorausgeschickte Worte gingen heute 137,72 Euro auf dem Referenzkonto meiner Hausbank ein, Betreff: "Kontoauflösung". Wie man sieht, waren die Zinserträge inzwischen um weitere 93 Cent angewachsen. Davon hole ich mir ein schönes Gebäckstück.

PS: Aus Angst vor unangenehmen Brexit-Folgen hätte ich nicht gekündigt. "Die Situation für Kunden der Bank of Scotland ist nicht ganz so angespannt. Die Bank of Scotland ist in Deutschland Mitglied im Bundesverband deutscher Banken. Die Einlagen sind bis zu einer Höhe von 250.000 Euro abgesichert." (tagesgeldvergleich.net)

Montag, 11. März 2019

Bizarre Serviervorschläge (VIII)


Ich habe nach "smallest coconut" gegoogelt und bin neben einigen verblüffenden Fotos auch auf eine in Chile heimische Frucht namens Coquito nut gestoßen. Diese vielfältig einsetzbare Miniatur-Kokosnuss hat tatsächlich ungefähr die Größe und das Aussehen der hier in Bruchstücken zu sehenden Beilage. Außerhalb Chiles sind Coquito-Nüsse offenbar lediglich über einen kalifornischen Onlinehandel namens Melissa's zu bekommen. Ein bisschen viel Aufwand, um eine mäßig exotische Hanuta-Spielart aufzutischen (oder soll ich sagen: aufzutafeln?).


Der riesige Holzlöffel ist uns schon das ein oder andere Mal begegnet. Hier soll er dazu dienen, eine üppige Menge Müsli in unser Maul zu befördern. Allein darüber, wie wir die dazugehörige Milch bzw. den Joghurt zu uns nehmen sollen, schweigt sich die Verpackung aus. Oder wird das "Land-Müsli Schoko Trio" ausschließlich zur Trockeneinnahme empfohlen?


Der heutige Kreativitätspokal geht an Rewes "Beste Wahl"-Linie. Ich bin ja der scheinbar unintuitiven Brotbelegung nicht abgeneigt, aber Mandarinenstückchen, Erbsen und Basilikumblätter mit Frisch- oder Hüttenkäse als Trägersubstanz auf Mehrkorn-Toastbrötchen – da wäre ich in tausend Jahren nicht drauf gekommen.

Dienstag, 5. März 2019

Gestorben wird immer (häufiger)

Auf Twitter warf neulich jemand anlässlich eines Prominentenablebens die rhetorische Frage in den Raum, ob 2019 das neue 2016 sei, und ich bin geneigt, ähnliche Vermutungen anzustellen. Wir erinnern uns: 2016 verging gefühlt keine Woche, in der nicht mindestens eine bekannte und/oder beliebte Persönlichkeit abtrat, und heuer führt der Nekrolog bereits Anfang März eine stattliche Zahl Verstorbener von herausragender Prominenz. Ich halte ein paar von ihnen hier fest, damit man beim späteren Wiederlesen sagen kann: "Ach ja, der/die auch!" Reif bis hochbetagt und also nicht allzu überraschend verließen uns bis jetzt u.a. Rosamunde Pilcher, Karl Lagerfeld, Arnulf Baring, Jörg Schönbohm, Rudi Assauer, Theo Adam, Bob Einstein, Klaus Kinkel und Bruno Ganz; unvorbereiteter trafen uns die Tode der in der Blüte des Lebens Stehenden Keith Flint, Franziska Pigulla und Luke Perry.

Übrigens hat man sich Ende 2016 dann auch in mehreren Medien gefragt, warum ausgerechnet in jenem Jahr so viele Promis von uns gegangen seien – was menschlich war, aber auch ein bisschen einfältig. Dümmer war dann bloß die häufig gegebene Antwort, dass viele "unserer" Idole inzwischen ein Alter erreicht hätten, in dem die Sterbewahrscheinlichkeit halt sehr hoch ist, was freilich Quatsch war, denn es starben eben auch verhältnismäßig viele jüngere VIPs. Nun also eine weitere Welle. Das kann ja noch was werden!

Sonntag, 3. März 2019

Ein ganz besonderes Audiohäppchen

Hier erlebt ihr mich bei etwas, das mir bis jetzt erst zweimal passiert ist: Ich lerne auf die harte Tour, was passiert, wenn man einen vorzutragenden Text vor dem Auftritt nicht noch einmal liest. ("Café Koz", Frankfurt, 18.02.2019)

Freitag, 1. März 2019

Mein grüner kleiner Kaktus

Neulich sah ich in Berlin ein Restaurant, auf dessen Fenster stand: "Koreanische traditionelle Gerichte". Müsste es nicht – analog zu "Traditionelle Chinesische Medizin" – korrekt "Traditionelle koreanische Gerichte" heißen?, fragte ich mich und dachte sodann an die saudumme und kreuzgefährliche "Germanische Neue Medizin", deren Name ebenso schief klingt, weswegen er von vielen, die darüber schreiben, unbewusst zu "Neue Germanische Medizin" korrigiert wird (14.100 Google-Treffer).

Warum erscheint uns "koreanische traditionelle Gerichte" falsch? Im Englischen gibt es eine feste Regel, in welcher Reihenfolge attributive Adjektive angeordnet werden, jedes Schulkind kann sie runterbeten:
1 opinion
2 size
3 physical quality
4 shape
5 age
6 colour
7 origin
8 material
9 type
10 purpose
Beispielsatz: "She was a (1) beautiful, (2) tall, (3) thin, (5) young, (6) black-haired, (7) Scottish woman." (Ich beziehe mich hier auf das Cambridge Dictionary; daneben existieren dezente Variationen bezüglich Benennung und word order.)

Der derzeit kursierende "Green New Deal" (6 vor 5!) verstößt freilich nur scheinbar gegen diese Norm, denn der "New Deal" ist ein feststehender, von Franklin D. Roosevelt geprägter Term, den die neuen Reformer aufgegriffen und, weil es um ökologische Maßnahmen geht, mit dem Attribut "grün" versehen und damit spezifiziert/abgewandelt haben, und der, wie Wikipedia weiß, sogar noch tiefer im Lexikon verwurzelt ist: "New Deal ist eine Redewendung der englischen Sprache und bedeutet so viel wie 'Neuverteilung der Karten'. Roosevelt verwandte die Redewendung im Präsidentschaftswahlkampf von 1932 zunächst nur als suggestiven Slogan. New Deal setzte sich dann in der Folgezeit als Begriff zur Bezeichnung der Wirtschafts- und Sozialreformen durch."

Nun stellt sich die Frage, wie diese Reihenfolge zu begründen ist. Handelt es sich um eine natürliche Abfolge, mithin um eine sprachliche Universalie? Und gibt es auch für das Deutsche entsprechende Regeln? Die Problematik streift Bereiche der Funktionalen Grammatik und übersteigt meine Kompetenz. Einen erhellenden Aufsatz zur ersten Übersicht habe ich immerhin im Netz gefunden, nämlich Ludwig Eichinger: Ganz natürlich - aber im Rahmen bleiben. Zur Reihenfolge gestufter Adjektivattribute. In: Deutsche Sprache 4/1991. Denn selbstverständlich hat sich die Germanistik des Themas bereits angenommen! Es gibt mehrere Konzepte (sogar eins von der Duden-Grammatik), wobei die Elemente der Nominalcluster mal semantisch, mal syntaktisch analysiert werden.

Drei von zehn Klassifikationsversuchen (Stand 1991); zum Vergrößern klicken

Mit den ganzen Feinheiten betreffend "Klammerstrukturen", "Artikelähnlichkeit" usw. möchte ich euch verschonen, zumal ich selbst nicht alles verstanden habe. Eichinger schlägt eine Dreiereinteilung vor und operiert mit folgenden Begriffen:


Innerhalb der Nominalklassifikatoren ordnen Descriptiva "äußere Merkmale" zu und Classificativa sind "bereichsangebend", woraus sich dann beispielsweise "quadratische graue metallene skandinavische Türen" ergeben. Ganz so fein gegliedert und streng hierarchisch wie im Englischen geht es also nicht zwangsläufig zu. Interessant ist die Anmerkung "häufig sind insbesondere Kombinationen von 'Länderadjektiven' u.ä. an zweiter Stelle vor dem Nomen mit Bereichsadjektiven, die durch von häufig deverbalen oder sonstwie relationalen Substantiven ausgehende Relationen enger an diese Substantive gebunden sind - bis hin zu (pseudo)terminologischen Doppelformeln", wofür der Verfasser das Beispiel "die amerikanische linguistische Forschung" gibt. Daran lässt sich dann wiederum die "Germanische Neue Medizin" anschließen, und so wollen es diese verbrecherischen Schwachköpfe sicher auch verstanden wissen: eine "Neue Medizin" als globale Bewegung, deren Vorreiterin Germania ist. Klingt trotzdem schräg.

Dienstag, 26. Februar 2019

Screenshots und Ausrisse

Aber dann wäre der Staat doch selber superreich!

Aus der Reihe "Buzzfeed-Quizze, die fehlen"

Ich fänd's lustig, wenn man den zweiten Satz weggelassen hätte.

Was für ein gemeiner Spitzname!

Warum scheut Wikipedia die Benutzung des Adjektivs "simbabwisch"?

In der "Spiegel online"-Redaktion war es spät geworden.

[schlägt den Monitor ein] WARUM NICHT "DER BRIT-STIFT"?!

Hm, wird die Aufklärung der "Causa Seehofer" gefordert oder dass Herr Seehofer selbst aufgeklärt wird ("Lieber Horst, wenn sich zwei Menschen ganz doll lieb haben ...")?

"Und damit werden wir bei Jens Spahn die längst fällige Lobotomie durchführen."

Nicht umsonst komponierte er die Prankenburgischen Konzerte.

"Och Leute, wir sind das doch durchgegangen: Der Regler für die Körperfunktionen muss immer auf 'not bleeding' gestellt werden!"

Samstag, 23. Februar 2019

Drei Kurztests

1. Veríval Porridge Kokos-Aprikose


Ausweislich dieses Blogs habe ich schon einmal ein Porridge von Veríval gegessen – warum habe ich es damals nicht ausführlicher besprochen? Auch frage ich mich, was ich mit "Umschütten in die Müslischüssel" gemeint habe: Ich erwärme die Milch standardmäßig in der Schüssel in der Mikrowelle und schütte dann die Mischung hinein. Das oben zu sehen seiende Hafer-Frühstück ist jedenfalls sehr bekömmlich, wohlschmeckend und gesund. Es enthält neben 12% Kokosraspeln und 12% gehackten Aprikosen auch noch 12% Sultaninen sowie Dattelgranulat. Gegen eine Aufpeppung mit Nüssen und/oder weiteren Trockenfrüchten spricht nichts. 7 von 10 Punkten.
Was ich übrigens noch nie probiert habe: "Overnight oats". Vielleicht wage ich mich demnächst mal daran.

2. AdeZ Pflanzenbasierter Fruchtmix


Diese bei Rewe erhältlichen veganen Milchmischgetränk-Alternativen sorgen dank zugesetztem Magnesium für Bonus-Erfrischung. Außer dem natürlichen enthalten die Drinks keinen Zucker, dafür aber Stevia, welches in meinen Augen Geschmacksknospen immer etwas übers Süßungsziel hinaus schießt. Zwei Sorten hatte ich bisher, nämlich "Happy Hafer" und "Magic Mandel". Mandelmilch fand ich schon immer spannender als Hafermilch, aber hier kommt es auf die Grundflüssigkeit gar nicht an, denn das Obst tritt in den Vordergrund: Beim Hafererzeugnis sind es 6% Bananenpüree und 0,5% Erdbeerpüreekonzentrat (könnte ruhig ein wenig mehr sein), bei "Magic Mandel" werden Fruchtsaftkonzentrate, nämlich 6,9% Traube, 3,2% Mangopüree und 1,1% Passionsfrucht, verarbeitet. Die Firma AdeZ (Wie spricht man das aus: wie AIDS?) gehört irgendwie zu Coca-Cola, zumindest steht "Mit Genehmigung von The Coca-Cola Company" auf der Flasche. Punktabzug gibt es für den Preis, den ich zwar vergessen, aber als für einen Viertelliter leicht übertrieben abgespeichert habe. 7,5/10

3. Alnatura Chips Chili-Mango


Es ist auffällig, wie oft bei Lebensmitteltests, etwa in der Süddeutschen Zeitung am Samstag, Eigenprodukte von Alnatura mies abschneiden. Bio ist eben nicht automatisch gut. Diese Chips ("von Hand gerührt, kross gebacken") überzeugen jedoch. Die südostasiatisch inspirierte Würzmischung (u.a. Nelke, Knoblauch, Ingwer, Tomate) ist interessant, auch Knusprigkeit und Mundgefühl gehen klar.
Die Kesselchips haben eine Eigenschaft, die ich als "umgekehrten Nachgeschmack" bezeichnen möchte: Ihr mildes, schmackhaftes Grundaroma löst sich nämlich beim Zerbeißen rasch auf, bis man nur noch auf stinknormalen Kartoffelcrackerkrümeln herumkaut. Was mir allerdings allemal lieber ist als ein ewig anhaltender, aufdringlicher Nachgeschmack. 7/10 Punkten.

Dienstag, 19. Februar 2019

Italien – keine Chipsnation

Schon wieder gab es bei Rewe besondere Kartoffelchips, diesmal Amica Chips von Eldorada. Weil mir die anderen zwei vorrätigen Sorten langweilig erschienen (plain und Olivenöl), nahm ich "Salsa Barbecue" mit, und auch das nur um des Testens willen, denn BBQ-Chips sind, wie bereits zuvor angemerkt, meine Sache grundsätzlich nicht.

"Senza Glutine" sind diese Chips, auch enthalten sie "-30 % di grassi". Statt (viel) Fett und Gluten stecken in ihnen allerdings gleich drei Es, nämlich der im Wesentlichen unbedenkliche Farbstoff E160c (Paprikaextrakt), der Geschmacksverstärker E635 sowie der umstrittene Zusatzstoff schlechthin, Mononatriumglutamat (E621). Lag es an letzterem, dass ich nach dem abendlichen Verzehr der halben Tüte (Gesamtinhalt: 130 Gramm) bis in den folgenden Vormittag hinein von Magenkrämpfen geplagt wurde? 

Schon der Verzehr ist höchstens mittelangenehm: Die Knackigkeit geht noch in Ordnung, aber der Nachgeschmack hält lange an und erinnert an das Aroma billiger Fertigpastasoßen. Auch angesichts des Preises (1,49 €) kann ich nicht mehr als 3/10 Punkten vergeben.


Sonntag, 17. Februar 2019

Freitag, 15. Februar 2019

Mein Wort der Woche

Darauf bin ich in Adam Nevills Roman "Under a Watchful Eye" gestoßen: potboiler. Dieses Wort wird darin verächtlich verwendet für Bücher, die ohne großen künstlerischen Wert sind und einzig geschrieben worden sind, um den Lebensunterhalt des Autors zu sichern. Potboilers können alle möglichen Werke sein; sie sorgen dafür, den Kochtopf (pot) der/des Kunstschaffenden am Kochen (boil) zu halten. Die englische Sprache ist toll.

Montag, 11. Februar 2019

Gefragt, geplagt

Interviewtechniken, zumindest Techniken für Schriftmedien geführter Interviews, waren in diesem Blog schon mehrmals Thema. Ein Trend der letzten Jahre ist auffällig: Der oder die Interviewer/in tritt nicht mehr als neutrale Fragestellungsinstanz zurück, sondern begreift sich als Teil eines lebhaften Gesprächs, drängt sich teilweise sogar in den Vordergrund. Exemplarisches aus dem aktuellen Stern:


Das ist vermutlich nicht einmal der vorläufige Höhepunkt solcher Entwicklungen, ich widme mich diesem Genre nur selten; aber gute Güte! Da will jemand krampfhaft seine Gelehrsamkeit demonstrieren, streut jedoch geschickt Unterlegenheitsbekundungen ein ("Ich kann Ihnen nicht mehr ganz folgen"), um zu zeigen, dass er mit dem Interviewten (hier: Christoph Waltz) auf Augenhöhe schwätzt.

Ich verstehe die Intention hinter dieser "Schlagabtauschisierung" von Promi-Interviews durchaus. Man möchte einer Textsorte neues Leben einhauchen, nachdem der Leser die tausendfach abgespulten Standardfragen und -antworten mittlerweile auswendig kennt. Einfach nur ermüdend sind zum Beispiel die Interviews in der Cinema. Immerimmerimmer wieder derselbe Schmus:
- "Wie war es für Sie, mit Regisseur XY zu drehen?"
- "Es war eine riesige Ehre und eine unglaubliche Erfahrung. XY weiß genau, wie eine Szene ablaufen muss, er ist extrem präzise und strikt, gleichzeitig gibt er dir das Gefühl, die einzige Person im Raum zu sein, die ihm etwas bedeutet."
- "Sie sind selbst Mutter von zwei Söhnen, jetzt spielen Sie eine Kindsmörderin. Haben Sie gezögert, als man Ihnen die Rolle angeboten hat?"
- "Klar, zuerst musste ich schlucken, aber nachdem ich die ersten Seiten des Drehbuchs gelesen hatte, war mir klar: Das musst du einfach machen, so eine Chance bekommst du nicht jeden Tag. Es war sagenhaft intensiv, und ich bereue die Entscheidung nicht."
- "Wird man Sie jetzt öfter in solchen schweren Rollen sehen?"
- "Das kann ich so pauschal nicht sagen. Wenn es passt, dann passt es. Comedy macht mir immer noch wahnsinnigen Spaß, aber ich möchte mich auf lange Sicht nicht in einer Sparte festfahren und gerne was Neues ausprobieren. Die Leute sollen sehen, dass ich mehr kann als die ewige Ulknudel zu geben."
- "Kann man den Schauspielberuf auch nutzen, um seine dunklen Seiten auszuleben?"
- "Ich denke, jeder Mensch hat eine dunkle Seite. Ich finde es herausfordernd, aber auch unheimlich faszinierend, mich in abseitige Charaktere hineinzuversetzen."
- "Haben Sie eine geheime Facette, die Sie gerne mal auf der Leinwand präsentieren würden?"
- "Selbstverständlich, aber die verrate ich nicht. (lacht)"
Überschrift des Interviews: "Jeder Mensch hat eine dunkle Seite". Erkenntnisgewinn: nicht vorhanden.

Samstag, 9. Februar 2019

Nichtigkeiten des deutschen Literaturbetriebs

Titanic 06/2008, "Briefe an die Leser":
Berlin Verlag!
Für Jonathan Littells Roman »Die Wohlgesinnten« wirbst Du mit einem Zitat des Literaturkritikers Denis Scheck: »Nichts weniger als ein Meisterwerk!« Wenn aber dieser Roman nichts weniger ist als ein Meisterwerk, dann kann er alles mögliche sein, aber eins am allerwenigsten: ein Meisterwerk. Und das sollen die ­Leser als Lob verstehen? Und zu ­einem Roman greifen, der nichts ­weniger ist als ein Meisterwerk?
Diese Kundenfangtechnik ist wahrlich nichts weniger als eine Mei­­­­ster­leistung Deiner Werbeabteilung. Wir sind sehr gespannt, wie lange es noch dauern wird, bis Du merkst, welche Panne Dir da unterlaufen ist.
Mit nichtsdestoweniger schönen Grüßen:
Titanic
Magazinanzeige, Februar 2019:


Nun könnte es freilich sein, dass dieser Wälzer von etwas handelt, das alles mögliche ist, nur kein Wunder. Aber das bezweifle ich doch mal ganz stark.

Donnerstag, 7. Februar 2019

Gaudi mit Gaul

Ich habe heute auf dem Wochenmarkt ein Kind mit einem STECKENPFERD gesehen! Ein Stock mit einem Rosskopf dran. Nun gut, nicht direkt – das Steckenpferd war am Buggy des Kindes befestigt, welches neben seiner Mutter herlief –, doch ich konnte mir sofort lebhaft vorstellen, wie der kleine Julius Balthasar auf diesem archaischen Spielzeug über das Parkett einer riesigen Westend-Altbauwohnung hoppelt, dass es nur so eine Art hat. "Steckenpferd" ist ein schönes Beispiel für ein Wort, das im Alltag häufiger in seiner übertragenen als in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendet wird. (Wie das englische hobby ja auch eine Verkürzung von hobby horse ist. Wer mehr über Etymologie und Kulturgeschichte wissen will, konsultiere die einschlägige wissenschaftliche Literatur [von mir].) Andere Beispiele sind "Marionette" und "Steigbügel". Die alte Bedeutung ist dabei jeweils noch bekannt, sie lebt im Dunkeln fort, und manchmal eben auch im Hellen. "Das Reiten auf dem Steckenpferd war mein Steckenpferd." Ein Satz, der, in 50 Jahren geäußert, völlig korrekt und verständlich ist.

Dienstag, 5. Februar 2019

The Golden Age of Innocent Laughter

Nachdem ich neulich in einem Nebensatz die in Wisconsin beliebten Käsehüte erwähnt hatte, spürte ich diesem Modegag auf Wikipedia nach und landete alsbald auf der herrlichen Seite "Category: Novelty items". Obwohl die meisten dieser Scherzartikel in Deutschland nie oder kaum Verbreitung gefunden haben, dürften sie vielen von uns bekannt sein, Popkultur sei dank. Allein aus den "Simpsons" und anderen amerikanischen Zeichentrickfilmen sowie aus klassischen Lucas-Arts-Computerspielen kenne ich: 
- die Chinesische Fingerfalle
- die Uhr mit der Katze, deren Augen sich im Sekundentakt nach links und rechts bewegen
- Wachslippen
- Mexikanische Springbohnen
- die Seifenblasenpfeife
- den Magic 8-Ball
- Soap on a rope
- den Trinkvogel
Natürlich gab es hierzulande das YPS-Magazin mit seinen "Gimmicks", aber in meiner Vorstellung sind novelty items prototypische Kindheitsbestandteile der USA, die ihre Hoch-Zeit in den 1950ern bis 70ern hatten und gern auf der letzten Seite von Comicheften beworden wurden, wo man sie auch gleich per ausschneidbarem Bestellschein für ein paar Quarters ordern konnte.
Ich las dann auch, dass die offenbar Kultstatus erlangt habende Quatschproduktreihe "BunaB" mehrmals in der "Garry Moore Show" vorgestellt wurde. Nebenbei gelernt: Zu deren Ensemble gehörte von 1959 bis 1962 die Variety-Legende Carol Burnett, die ich skandalöserweise schon für tot gehalten hatte, dabei hat sie erst 2018 die Netflix-Kinderpanelsendung "A Little Help with Carol Burnett" moderiert. Ich hatte sie mit der 2017 verstorbenen Mary Tyler Moore verwechselt. Ebenfalls noch am Leben sind Dick Van Dyke, der Star – neben Mary Tyler Moore (die später ihre eigene Sitcom, "The Mary Tyler Moore Show", hatte) – der "Dick Van Dyke Show", sowie deren Erfinder Carl Reiner. Über die Sitte, Comedyserien nach ihren Hauptdarsteller(inne)n zu benennen, auch wenn die verkörperte Figur ganz anders heißt (vgl. "The Cosby Show"), müsste man auch mal was schreiben.
Jedenfalls sind und waren diese TV-Größen die letzten Relikte einer anderen Zeit. Der Zeit einer Form von harmloser Gute-Laune-Unterhaltung, die gewiss auch dazu da war, von Missständen abzulenken, die aber heute wieder – in Dosen – guttun würde. Jedes Comedyformat im US-Fernsehen ist heute hochpolitisch. Selbstverständlich, die Lage ist, um es milde auszudrücken, angespannt, die Ära Trump schreit nach Satire, und es ist ja begrüßenswert, wenn politische Aufklärung mit humoristischen Mitteln erfolgt. Was die Rechten "Propaganda" oder parteiische Erfüllung einer "liberal agenda" nennen, ist (zugegeben: mitunter staatstragend daherkommend) als gesellschaftliches Korrektiv nötig, wenn die Umstände schon längst nicht mehr zum Lachen sind. 
Und doch wünsche ich mir manchmal, ich könnte irgendwas einschalten, um abzuschalten. Um mich einfach mit zahnlosem, aber geistreichem Nonsense, unpolitischen Sketchen und Scherzartikeltests zu zerstreuen. Vielleicht liegen ja auf archive.org ein paar Episoden der "Garry Moore Show" rum?

Sonntag, 3. Februar 2019

Kurz gestrichen


Das ohnehin niemals enttäuschende "Samt"-Sortiment der Firma Schwartau – gemeinsamer Nenner: keine Stücke – wurde um eine Limited Edition erweitert: "Stockholm: Aprikose à la Zimtschnecke". Ich befürchtete erst, dass die ohnehin für Marillenerzeugnisse jeglicher Art charakteristische Süße durch die Zugabe von Zimt und Gebäckgeschmack ins kaum noch Erträgliche gesteigert würde, doch meine Sorgen waren rasch weggefegt. Was an diesem Fruchtaufstrich für Schweden und/oder dessen Hauptstadt typisch sein soll, war mir nicht klar, bis ich auf dem Etikett den kleingedruckten Satz "Sie lässt uns von schwedischen 'Kanelbullar' träumen" las, und dabei handelt es sich um ein, ganz genau: skandinavisches Hefeteilchen, om-nom-nom. 8/10

Samstag, 2. Februar 2019

Stochern im Nebel

Seit vielen Jahren trage ich sämtliche Ereignisse und Aktivitäten, die ich nicht zu den alltäglichen Verrichtungen à la Einkaufen, Arbeiten, Wäschewaschen zähle, in meinen Tagesplaner ein. Jeder Kneipen- und Arztbesuch, jeder Behördengang landet in meinem Tageskalender. Unternehme ich eine mehrtägige Reise, packe ich allerdings ein Extra-Notizbuch ein, in welchem ich vermerke, was ich wann gemacht habe, und übertrage, sobald ich wieder daheim bin, ein Destillat der mir am "wichtigsten" erscheinenden Notizen in den Kalender.

Letzte Woche wollte ich eine Erinnerung, die einen Urlaub im Jahre 2015 betraf, überprüfen und schlug dazu meinen 2015er-Planer auf. Zu meinem Erstaunen waren die entsprechenden Tage jedoch leer. Ich hatte das Übertragen damals schlicht vergessen! Als ich im Extra-Notizbuch nachsah, erstaunte ich erneut, denn die Einträge waren extrem knapp, ja geradezu kümmerlich und nichtssagend angesichts der spektakulären Reise. Hinter ein Datum hatte ich zum Beispiel lediglich das Wort "Nebel" geschrieben. Der Rest besteht hauptsächlich aus Ortsnamen und kontextlosen Abkürzungen. Ein Kürzel, der Name eines Fährunternehmens, konnte ich sogar entschlüsseln, aber was habe ich mit "TWD" und "XF" gemeint?

Das macht mich wütend und traurig. Wütend, weil ich so nachlässig gewesen bin, traurig, weil mein Gedächtnis, auf das ich zeit meines Lebens große Stücke gehalten hatte, anscheinend doch nicht (mehr) so tadellos funktioniert. Natürlich sind die Bilder, die Eindrücke immer noch greifbar, aber eben nicht mehr 100%ig zuordenbar. Ich werde künftige Abenteuer noch präziser und eineindeutiger festhalten. Und ich kann jedem nur empfehlen, es mir gleichzutun.

Mittwoch, 30. Januar 2019

Yo dawg, I heard you like trailers

Ein nerviger Trend, der euch vermutlich auch schon aufgefallen ist (und euch möglicherweise auch nervt): Film- oder Serientrailer, die mit einem Teaser beginnen. Da wird am Anfang schon mal in anderthalb Sekunden zusammengefasst, was jetzt gleich in anderthalb Minuten zu sehen sein wird. Eine Vorschau auf eine Vorschau! Besser kann man das Zeitalter der Aufmerksamkeitsdefizite nicht symbolisieren.

Ich möchte aber keineswegs den Kulturpessimisten raushängen lassen: Trailer, Teaser, Teaser-Trailer sehe ich mir immer noch gerne an, halt nur keine Trailer-Teaser. Nächsten Monat (und damit gleite ich ungewohnt unelegant zum eigentlichen Thema über) laufen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen TV-Adaptationen über Comic-Superhelden "der etwas anderen Art" an. Können sie die Wartezeit auf die von mir mit einiger Spannung erwartete HBO-Serien-Umsetzung von "Watchmen" (created by Damon Lindelof!) verkürzen? Der Trailer zu "The Umbrella Academy" (Netflix; Dark Horse Comics) hat mich trotz Ellen Page leider überhaupt nicht gepackt. Für Begründungen bin ich zu faul. Vielversprechender und den Flavor der Vorlage gut widerspiegelnd scheint mir anhand der launigen Teaser "Doom Patrol" zu sein. Den ersten Band dieser Reihe habe ich tatsächlich gelesen, doch hielten mich Zeitmangel und allgemeine Graphic-Novel-Unlust davon ab, das Schicksal der "super-powered misfits" weiter zu verfolgen. Insofern bin ich ausnahmsweise dankbar dafür, dass heutzutage wirklich jeder Stoff fürs Fernsehen (Streaming- oder lineares) verwurstet wird. Und DC vermag halt mit Franchises aufzuwarten, die dem Marvel-Kosmos haushoch überlegen sind, meiner bescheidenen Meinung nach.

Samstag, 26. Januar 2019

Word of the week

Um mich selbst zu zitieren: "Positiv an der Ära Trump ist ja, dass man auch als deutschsprachiger Beobachter kontinuierlich und en passant seinen Wortschatz erweitert." Jetzt also das Wort chyron, das mir bis vor ein paar Tagen noch nie begegnet war.

Der ehemalige Weiße-Haus-Mitarbeiter Cliff Sims verrät in seinem Buch "Team of Vipers", dass Donald Trump geradezu besessen ist von jenen Bannern, Kästen und Streifen, die bei TV-Übertragungen auf dem unteren Bildschirmrand eingeblendet werden. Angeblich hat der Präsident wiederholt seinen Stab angewiesen, Screenshots von allen Inserts zu machen, die bei Reden und Auftritten von ihm in diversen Newskanälen aufpoppen.

Auf Englisch heißen diese Einblendungen lower thirds, weil sie im unteren Drittel des Bildes erscheinen, und in Nordamerika werden sie eben auch chyrons genannt, nach der Chyron Corporation, dessen Schriftgenerator "Chiron I" seit den Siebzigern für solche graphischen Elemente eingesetzt wurde. Als deutsche Entsprechung kenne ich aus meiner Zeit beim Fernsehen den Terminus "Bauchbinde", der sich allerdings strikt auf Informationen (Name, Beruf usw.) zu der gerade sprechenden Person bezieht.

Donnerstag, 24. Januar 2019

Throwback Thursday: Indiana Jones

Auf Amazon Prime gibt's die Indiana-Jones-Tetralogie, und ich kann schwer der Versuchung widerstehen, einen Rewatch zu beginnen, im Vertrauen, dass die ersten drei Teile immer noch so großartig sind wie in meiner Erinnerung. Teil 4 war unterm Strich auch nicht sooo vergeigt, wie es Fans und Kritiker sich selbst und einander weismachen woll(t)en: Abgesehen von der in der Tat lächerlichen Kühlschrank-Szene kamen durchgängig das Feeling und der Geist der alten Trilogie auf, der Kristallschädel funktionierte als mythischer MacGuffin hervorragend – und passt ein (Spoiler!) aus dem Dschungel emporsteigendes Raumschiff weniger gut ins Indy-Universum als eine mit tödlichen Geistern gefüllte Bundeslade? Find' ich nicht! Die Filmdatenbank imdb führt ein für 2021 angekündigtes "Untitled Indiana Jones Project", abermals mit dem dann 78jährigen (!) Harrison Ford in der Hauptrolle; Regie: Steven Spielberg, Drehbuch: Jonathan Kasdan, der schon mit seinem Vater Lawrence, Autor von "Jäger des verlorenen Schatzes", zusammen das Script für den Han-Solo-Film verfasst hat. Also ich bin mega-hyped!

Mein erster Kontakt mit dem peitschenschwingenden Archäologen kam übrigens über die Computerspiel-Umsetzung von "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" zustande. Ich wusste zum Zeitpunkt des Spielens gar nicht, dass es sich um eine Filmadaptation handelte. Als ich Jahre später zufällig "Indiana Jones 3" im Fernsehen sah, merkte ich, dass ich die Handlung ja schon kannte, und bei einigen Szenen, die im Spiel besonders treu wiedergegeben worden waren, kreischte ich auf vor Staunen und Vergnügen! "The Last Crusade" war außerdem das erste Adventure, das ich je gespielt habe, und zwar auf dem Amiga 500. Es war eine so magische Erfahrung, dass ich noch heute Gänsehaut bekomme, wenn ich irgendwo das Lucasarts- bzw. LucasFilm Games-Logo sehe. Es gab teils alternative Lösungswege, es gab Humor und Easter Eggs (z.B. die Plaketten an den Bücherregalen, s. Foto), und man konnte Hitler aufs Maul hauen.

"Ah, Venedig!"

Ein-, zweimal bedurfte ich dann aber doch einer Lösungshilfe (das Internet von heute lag noch in ferner Zukunft), und die besorgte ein Klassenkamerad in Form von Kopien aus dem "LucasFilm Games Buch", das er werweißwo aufgetrieben hatte. Noch genialer war dann der Nachfolger "Indiana Jones and the Fate of Atlantis", was meiner Meinung nach ebenfalls ein gelungener vierter Serienteil gewesen wäre. Er kam für den Amiga auf zehn Disketten daher ("Indy 3" nur auf dreien). 

Unerlässlich wie Henrys Gralstagebuch

Aber das Franchise umfasst noch mehr Abenteuer, von denen ich teilweise erst beim Recherchieren zu diesem Beitrag erfahren habe. Beispielsweise erschienen etliche Comics, und für den deutschen Markt hat der Star-Autor Wolfgang Hohlbein mehrere Indiana-Jones-Romane geschrieben. Ganz dunkel ist mir auch eine bei RTL (?) ausgestrahlte Fernsehreihe "Die Abenteuer des jungen Indiana Jones" (OT: "The Young Indiana Jones Chronicles") im Gedächtnis geblieben, wobei ich keine einzige Episode zusammenfassen könnte. Offensichtlich hat es sich bei dem zwei Staffeln und vier TV-Filme umfassenden Programm keineswegs um Trash gehandelt: Namhafte Stars, darunter Christopher Lee, Catherine Zeta-Jones und Harrison Ford höchstselbst, hatten Gastauftritte, von George Lucas stammten die meisten Storyvorlagen, Carrie Fisher steuerte ein Drehbuch bei, Monty Python Terry Jones inszenierte eine Folge, und auch Frank Darabont ("Die Verurteilten", "The Walking Dead") war mit von der Partie.

Puh, jetzt habe ich beim Schreiben dermaßen starke nostalgische Anwandlungen entwickelt, dass ich just bei eBay auf gleich vier Indiana-Jones-Comichefte geboten habe ...

Mittwoch, 23. Januar 2019

Die Käskopp-WM

Nach langer Zeit hat es mich diese Woche mal wieder zu Aldi verschlagen. Dort wurde – zum Spottpreis und offenbar nur für kurze Zeit – ein österreichischer Käse mit dem schillernden Namen "Erzherzog Johann" feilgeboten. Den Ausschlag dafür, dass ich ihn mitnahm, gab letztlich der aufgedruckte Hinweis, dass dieses obersteirische Molkerei-Erzeugnis 2014 zum "Käseweltmeister" in der Kategorie Hartkäse beim "World Championship Cheese Contest" gekürt wurde. Dieses Event findet seit 1997 in den USA statt, naheliegenderweise im Käsestaat Nr. 1, Wisconsin, "America's Dairyland", wo Sportfans, etwa des Footballteams Green Bay Packers oder der Baseballmannschaft Milwaukee Brewers, traditionell mit Käsehüten ins Stadion einrücken und deshalb, wie auch der Wisconsinite an sich "Cheeseheads" genannt werden.

Ich habe auf der offiziellen WCCC-Seite nachgeschaut: Der Erzherzog wurde in der "Open Class: Hard Cheeses" prämiert; die einzige Konkurrenz aus Deutschland in dieser Klasse war damals die Kreation "Belsagio" der Sachsenmilch GmbH im sächsischen Leppersdorf. Diese Kategorie (62) war nur eine von insgesamt 90 (!) – bei der letztjährigen Meisterschaft ist die Zahl sogar auf 121 angewachsen, wobei es in der Sparte "Fettarmer Joghurt aus Kuhmilch" aus irgendwelchen Gründen keinen Sieger gab. Eine österreichische Käserei konnte sich übrigens auch 2018 wieder empfehlen: Zweitplatzierter wurde der "Arzberger Ursteirer". Deutsche Kombattanten habe ich vergeblich gesucht.

Cheese Classes 2018 (Auszug)

Ach ja: Der Erzherzog Johann ist sehr schmackhaft. Ich sollte öfter zu Aldi gehen. Auch Lidl ist, wie mir in der Vergangenheit wiederholt aufgefallen ist, in Sachen Käse deutlich abwechslungsreicher bestückt als mein Stammsupermarkt Rewe. Am liebsten hole ich mir Käse allerdings auf dem Wochenmarkt.

Apropos Käselisten: Einer der (englischsprachigen) Artikel, deretwegen ich Wikipedia so liebe, ist der über Monty Pythons "Cheese Shop sketch", sind darin doch penibelst sämtliche genannte Sorten aufgelistet ("in order of appearance, the reason given as to why they are unavailable to be purchased, as well as the source [...] in which that cheese was mentioned").

Dienstag, 22. Januar 2019

Zwei kurze Tests vom Frühstückstisch


Von den im Schwarzwald beheimateten "3 Bears", die mir bis vor kurzem unbekannt waren, gibt es mehrere Sorten Porridge. Ich habe mir "Mohnige Banane" gekauft und fand sie nicht schlecht, aber auch nicht unbedingt suchterzeugend. Die Porridges von MyMüsli haben es mir mehr angetan. Die 3 Bären sind für meinen Geschmack etwas fad, gerade was den Bananenpart engeht, punkten dafür aber mit den Eigenschaften "vegan", "kalorienarm" und "ohne Zuckerzusatz", falls einem das wichtig ist. 7/10


Bei diesem biologischen Brotaufstrich fällt es mir schwer, eine objektive Wertung auszusprechen, denn der Genuss steht und fällt mit der persönlichen Zuneigung zu Matcha. Ich selbst bin kein ausgesprochener Verehrer von Matcha-Tee, trinke ihn aber hin und wieder mit einer gewissen Faszination, wenn er mir angeboten wird. In dieser Creme beträgt der Anteil an Teepulver 5%, was sich ziemlich stark auf den Gesamtgeschmack (und die Farbe; s. Foto) auswirkt. Doch wird die Weiße-Schokolade-Note nicht gänzlich in den Hintergrund gedrängt, und die 10 Prozent Mandelcreme sorgen für eine angenehme Konsistenz und vertraute Nussigkeit; zusätzlich bescheren blanchierte Mandelstückchen einen netten Knusperfaktor. Ein Hauch Bourbon-Vanilleextrakt rundet das Ganze ab. 7,5/10

Sonntag, 20. Januar 2019

Donnerstag, 17. Januar 2019

Überhetzung

Heute habe ich das neue Sachbuchprogramm des S.-Fischer-Verlags durchgeblättert. Der kommende 600-Seiten-Wälzer von Jared Diamond, "Krise" (OT: "Upheaval"), wird darin unter anderem so beworben: "Zeitgleiches Erscheinen mit der amerikanischen Originalausgabe". Was für ein Wahnsinn, dachte ich, und mein Mitgefühl galt Susanne Warmuth und Sebastian Vogel, die damit betraut worden sind, den Schmöker bis zum Mai ins Deutsche zu übertragen.

Wenig später schlug ich die Süddeutsche Zeitung auf, in der es heute zufällig auf einer ganzen Feuilletonseite genau darum ging: "Sieben Übersetzerinnen und Übersetzer erzählen aus ihrer Werkstatt". Die Problematik des Zeitdrucks wird mehrmals thematisiert. Karin Krieger, u.a. Übersetzerin von Elena Ferrante: "Ein Buch hat seine eigene Zeit. Es steht im Regal, bis jemand es zur Hand nimmt, vielleicht erst nach Jahren. Dann ist es egal, ob es irgendwann einmal drei Kalenderwochen früher oder später erschienen war. [...] Doch wenn dem Buch diese drei Wochen Sorgfalt fehlen, fehlen sie ihm für immer." Patricia Klobusiczky (übersetzt aus dem Französischen und Englischen): "Im Schnellverfahren lassen sich nur selten alle inhaltlichen Nuancen und stilistischen Feinheiten eines literarischen Textes erfassen, geschweige denn übertragen. [...] Was vor 25 Jahren noch Ausnahme war, droht heute zur Regel zu werden, Übersetzungen sollen über Nacht vollendet sein". Der Grund ist, surprise!, ein wirtschaftlicher. Heutzutage besteht "die Angst davor", vermutet Frank Heibert (engl. & frz.), "dass zu viele Leser und Leserinnen womöglich gleich das Original kaufen, was aber höchstens beim Englischen greift (weil ja 'alle' Englisch können), und bei Karin Slaughter vielleicht eher als bei Thomas Pynchon." Hinzu kommt: "Agenturen wollen gern bald das nächste Buch vermitteln, keine Halde von noch nicht erschienenen Titeln vor sich herschieben, Verlage wollen nach dem Erwerb der deutschen Rechte möglichst bald Umsatz machen [...] als würden die Fans den nächsten Band nicht mehr kaufen, wenn er ein halbes Jahr später erschiene."

Neben dem ungeheuren Termindruck sind Irrwitzigkeiten wie diese gang und gäbe: "Neuerdings kommen die Originaltexte immer öfter als verschlüsseltes PDF, vor allem bei potenziellen Blockbustern aus den USA. Und wehe, wenn das Passwort 'hakt'! [...] Man kriegt einen Auftrag, der so extra very secret ist, dass man auf gar keinen Fall auf einem Computer mit Netzzugang arbeiten darf. Stichwort: Hacker, womöglich Geheimdienste. Also arbeitet man an zwei Computern, Wörterbücher und Recherchequellen sind nun mal online." (Pieke Biermann, engl. & ital.) Es könne auch passieren, dass die Fassung, an der man seit Wochen sitzt, sich als die nicht endgültige herausstellt, weil zwischendurch noch ein paar "allerletzte Änderungen" rübergeschickt werden, was lange und mühsame Abgleicherei nach sich zieht. Oder man bekommt wegen des großen Umfangs einen (bis dahin unbekannten) Kollegen als Co-Übersetzer zugeteilt. 

Wie man sich denken kann, wird diese Plackerei alles andere als fair vergütet. Hinrich Schmidt-Henkel (frz., norw.) nennt Zahlen: Eine Normseite von ca. 1500 Zeichen bringe im (seltenen) Höchstfall 25, im Schnitt 15 Euro. "Laut Künstlersozialkasse lag im Jahre 2018 das Durchschnittseinkommen von Literaturübersetzenden bei 1500 Euro im Monat. Das bei 15 Euro pro Seite erzielen zu wollen, verlangt einen Output von 200 Seiten pro Monat." Natürlich gibt es auch – wie bei Schreibenden üblich – eine Verkaufsbeteiligung, doch die ist mit 0,4% des Nettoladenpreises (ab dem 5000. Exemplar) vernachlässigbar.

Was lernen wir, die wir den neuesten Diamond wie selbstverständlich am US-Verkaufstag in den Händen halten und uns sogar noch ob des ein oder anderen Flüchtigkeitsfehlers echauffieren, daraus? Das Übersetzen ist eine hohe Kunst, die zu achten ist. Gott weiß, sie wird häufig genug öffentlich honoriert, aber eben nicht finanziell, und so lebt sich's oft wie von manch anderer Kunst auch: prekär.

Dienstag, 15. Januar 2019

Muss ich denn alles selber machen?!

Vor einer Weile habe ich, nachdem ich im vorigen Jahr mit großem Vergnügen das Buch zum xkcd-Spinoff "What if?" gelesen habe, auch mal eine Frage an Randall Munroe geschickt. Leider scheint die Rubrik nicht mehr aktualisiert zu werden, und so blieb meine (clevere, wenn auch naheliegende) hypothetische Frage unbeantwortet. Sie lautete: Wie viele Tüten Wackelpudding-Pulver muss man in den Bodensee schütten, damit ein Mensch auf der Oberfläche laufen kann?

Es handelt sich streng genommen um mehrere Teil-Rätsel, von denen das erste am einfachsten zu lösen ist. Der Bodensee hat ein Volumen von 48 km³, also 48 Billiarden Milliliter. Legt man Instantpulverpackungen für je 500 ml Wackelpudding zu Grunde, kommt man darauf, dass 96 Billionen Stück benötigt werden. Das sind 9,6 Milliarden Tonnen Pulver, also fast eine Million Mal der Eiffelturm; das ist schon einigermaßen unvorstellbar und schwer zu glauben.

Gesetzt den Fall, die Firma Dr. Oetker würde es je schaffen, so viel Wackelpuddingpulver zu produzieren (der Gesamtkaufpreis betrüge, sofern man praktische Achterpacks der Sorte Waldmeister bei Amazon bestellt, 95.040.000.000.000,- Euro, ein gutes Stück weniger als das weltweite Bruttoinlandsprodukt): Wie schaffen wir es, den Bodensee zu erhitzen? Dr.-Oetker-Wackelpudding braucht nicht gekocht zu werden, doch muss man das Pulver in zu erwärmendes Wasser einrühren. (Das Rührproblem lassen wir mal außen vor; eventuell müsste man ein tausendköpfiges, mit Quirlen ausgestattetes Tauchteam in Thermoanzüge stecken und durch den See schwimmen lassen.) Wir sollten die Vorteile des Klimawandels nutzen und das Experiment im Hochsommer durchführen. In Ufernähe wurden im Bodensee in den letzten Jahren Temperaturen von bis zu 28° C gemessen! Gehen wir von einer Durchschnittstemperatur von 22 Grad aus, die wir auf sagenwamal 90 Grad erhöhen wollen, beträgt unsere gewünschte Wärmeenergie 13.643.520.000.000.000.000 Joule oder kurz 13.643.520 Terajoule. Das ist gerade mal ein Tausendstel des jährlichen Gesamtenergiebedarfs der Bundesrepublik Deutschland. Dennoch sind, um diese Energie zu erzeugen, 65 Exemplare der stärksten jemals gezündeten Wasserstoffbombe, der sowjetischen "Zar-Bombe", nötig. Und ich glaube gerade, an irgendeiner Stelle habe ich mich verrechnet. (Auf Dominica gibt es übrigens eine überflutete Fumerole, die als "boiling lake" eine Touristenattraktion darstellt. Darin könnte man den Versuch im kleinen Maßstab proben.)

Als nächstes gilt es, den Bodensee tüchtig abzukühlen. Das fertig gerührte heiße Dessert muss nämlich noch zwei Stunden im Kühlschrank stehen, um seine typische Festigkeit zu erlangen. Ich habe allerdings keine Energie (!) mehr für weitere Rechenspiele. Nehmt's halt Antimaterie oder was.

Der wichtigste Punkt kommt ohnehin zuletzt ins Spiel: Reicht die Oberflächenspannung von Wackelpudding, wie wir ihn kennen, überhaupt aus, um einen ausgewachsenen, normalschweren stehenden Menschen zu tragen? Ich habe mehrere englischsprachige Diskussionsthreads gefunden, in denen es um das amerikanische Pendant Jell-o geht; ähnliche Beschaffenheit wie bei unserem Wackelpeter vorausgesetzt, scheint mir die Haupt-Kniffligkeit darin zu bestehen, dass gelatinöse Speisen inhomogen und viskoelastisch sind. Kurioserweise wird häufiger die Frage behandelt, ob man in Jell-o schwimmen könne. Eine befriedigende, aber unbelegte Antwort auf Google Questions lautet: "[I]f the Jello is so concentrated that it behaves as a solid, the best you can do is to dig your way
across. You'd NOT fall to the bottom!" Der Konsens ist offenbar: Es kommt auf die Dichte des Puddings an. Zur Sicherheit sollte man also ein paar Tütchen mehr in den See schütten.

Ich denke, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich voraussage, dass die Menschheit sich niemals zu diesem potenziell sehr spaßigen Experiment durchringen wird. Bleibt also die graue Theorie, doch wer mag sie beherrschen außer Randall Munroe, der anscheinend Wichtigeres zu tun hat? Vielleicht sollten manche irdischen Rätsel ja auch nie gelöst werden – nicht umsonst spricht man von Götterspeise ...

Samstag, 12. Januar 2019

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Logan Lucky
Ein klamaukiges Gangsterstück, "Ocean's Eleven" als Redneck-Posse, mit Daniel Craig in herrlicher Selbstironisierungslaune. Der heist hätte nach meinem Geschmack etwas ausgeklügelter und die Laufzeit etwas kürzer sein können.

Das Böse unter der Sonne
Ein Agatha-Christie-Krimi muss natürlich auch wieder dabei sein in meiner Filmliste. "Stereotyp und spannungslos inszeniert" urteilt das Lexikon des Internationalen Films. Den ersten Teil unterschreibe ich – die Figurenzeichnung ist nicht sonderlich ausgeklügelt, und Handlungsaufbau und Setting sind exakt wie bei allen anderen Poirot-Filmen –, doch "spannungslos" ist das auf einer pittoresken Mittelmeerinsel spielende High-Society-Murder-Mystery keineswegs, die Auflösung äußerst clever. Kuriosum am Rande: "'Das Böse unter der Sonne' ist einer von nur sieben Filmen in rund 50 Jahren, in denen sich, anders als im vier Jahre zuvor gedrehten Hercule-Poirot-Krimi Tod auf dem Nil, der sehr gut Deutsch sprechende Peter Ustinov selbst auf Deutsch synchronisierte und dazu noch einen französischen Akzent simulierte." (Wikipedia)

Beasts of the Southern Wild
Ob die mit Lob überschüttete Hauptdarstellerin Quvenzhané Wallis wirklich "eine Wucht" ist, wie man so oft gelesen hat, kann ich nicht beurteilen. (Gibt es Kinderdarsteller/innen, die die Presse nicht überwältigen, die gar als talentlos gescholten werden?) Obwohl, doch: Für eine Zehnjährige in ihrer allerersten Rolle ist sie schon einigermaßen hin- und mitreißend. Ist das Südstaaten-(Fantasy-)Drama auch insgesamt eine Wucht? Hm, ich bin unentschieden. Einerseits: neben Wallis' eindrucksvoller Performance als "Hushpuppy" tolle Bilder, die im Gedächtnis bleiben. Andererseits schaue ich mir bei oscar-nominierten, unisono abgefeierten Werken gerne die negativen Stimmen an. Und die meisten von bell hooks' Kritikpunkten leuchten mir ein: "It is a major mystery that moviegoers adore this film and find it deeply moving and entertaining. Amid many real life tragedies of adult violation of children (i.e. Penn State,) violations that subject small children to verbal abuse, physical and psychological violence’ sexual assault, it is truly a surreal imagination that can look past the traumatic abuse Hushpuppy endures and be mesmerized and entertained by Beasts of the Southern Wild. Ultimately this film expresses a conservative agenda. Before audiences had a clue about its content, the notion that it was somehow a radical response to Katrina circulated. But there is nothing radical about the age-old politics of domination the movie espouses – insisting that only the strong survive, that disease weeds out the weak (i.e. the slaughter of Native Americans), that nature chooses excluding and including."

Solo: A Star Wars Story
Auch hier fällt meine Bewertung gegenteilig zur Mehrheitsmeinung aus: Ich fand den großartig! Die lineare, dennoch turbulente und nicht überraschungsfreie Handlung macht einfach Spaß. (Was gibt's an "Linearität" im Zusammenhang mit Star-Wars-Geschichten überhaupt zu bemäkeln?!) Ist Alden Ehrenreich als Han Solo wirklich so blass, wie alle monieren? Pff, und wenn schon: Innerhalb des wirklich netten Ensembles funktioniert seine Performance wunderbar.
Bis jetzt mag ich die "Zwischen"-Installments deutlich mehr als die neue Trilogie.

Manchester by the Sea
Noch ein Drama, von dem mir gesagt wurde: Das musst du sehen! Ich war nicht begeistert. Das mag zum einen daran gelegen haben, dass ich eine in England spielende Geschichte erwartet hatte (wegen Manchester), zum anderen, weil der Grundton einfach zu trist ist; nichts gegen schwere Stoffe, aber das hier ist nicht mal von einer Traurigkeit, wie ich sie schätze, sondern grau in grau und runterziehend im unangenehmsten Sinne. Aber ich freue mich für die Amazon Studios, dass sie sich mit mit dieser Produktion als ernstzunehmende Unterhaltungsschmiede empfohlen haben.

The Limehouse Golem
Düsteres Ausstattungsstück mit dezenten Blutspritzern und historischen Bezügen. Für Fans von "From Hell", erreicht aber nicht dessen Atmosphäre. Weniger viktorianisches Whodunit als aufklärerische Parabel über Geschlechterrollen und die Philosophie des Erzählens. Mit Olivia Cooke aus "Bates Motel"!

Wind River
Einmal mehr Beklemmung und Trostlosigkeit, diesmal in Form eines auf Realitätsnähe erpichten Tragikthrillers, angesiedelt in einem Indianerreservat in Wyoming. Wer Jeremy Renner mag (ich hab nichts gegen ihn), folgt der Aufklärung des schlimmen Todesfalls gebannt bis zum (nicht unkontroversen) Schluss.

Time Trap
Es dürfte bekannt sein, dass ich an Zeitreisestorys einen Narren gefressen habe. "Time Trap" zu sehen war mithin unausweichlich. Mein Lieblingsvertreter des Genres wird es jedoch nicht werden, zu wenig ausgeklügelt ist diese unausgegorene Melange allzu vertrauter Versatzstücke. Ein bisschen "Die Zeitmaschine" und "Reise zum Mittelpunkt der Erde", ein wenig Classic-"Doctor Who", eine Prise "Goonies" ... und doch schrammt das auf imdb immerhin mit 6,6 bewertete Sci-Fi-Abenteuer knapp am Trash vorbei. Vereinzelte visuelle Effekte sind echt schmuck, die Musik macht was her, die Dialoge sind nicht völlig panne. Doch doch, guckt sich flott weg.

Im Zweifel glücklich (OT: Brad's Status)
Noch eine Amazon-Produktion. Ben Stiller sieht man immer wieder gern, und wie schon in "Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" (2013) spielt er hier einen im Alltagstrott gefangenen Träumer, der sich dauernd in Phantasien verliert, die hier allerdings nicht so aberwitzig wie in genanntem Film ausfallen. Ein rundum sehenswertes Feel-good-Movie mit einer Moral, die gottlob nicht unter Zuhilfenahme von Holzhammern vermittelt wird.

Der Vorname
Das bekannte Theaterstück wurde komplett auf ein deutsches Publikum umgeschneidert: Alle frankreich-spezifischen Anspielungen wurden durch hiesige ersetzt, auch wurde die Handlung zeitlich angepasst, sprich vorverlegt. Durch Nahaufnahmen des Mienenspiels und zusätzliche Außendrehs hat man außerdem die Vorteile der Gattung Film perfekt genutzt, sodass sich das Anschauen auch lohnt, wenn man das schwarzhumorige Kammerspiel schon kennt (wie ich). Christoph Maria Herbst ist wie immer über jeden Zweifel erhaben.