Samstag, 20. Juli 2024

Aus der Satirewerkstatt

Dieser Bericht entstand nicht nur mit Billigung, sondern nach ausdrücklicher Anregung von Michael Ziegelwagner.

In der Titanic-Redaktion ist es meine Aufgabe, die Rubrik "Das politische Gedicht" zu füllen. Dazu bestelle ich jeden Monat in der ersten oder zweiten Woche bei einem verdienten Heftlyriker meiner Wahl, i.d.R. ohne Themenvorgabe, einen knackigen Mehrzeiler; notfalls muss ich, wie im Juni geschehen, selbst zur Feder greifen.

Am 9. Juli fragte ich ebendeswegen in Wien bei M. Ziegelwagner an. Schon am Abend des 11.7. kam die Lieferung, in nicht weniger als "drei Versionen, einmal formal locker, einmal formal streng, einmal ein Kompromiß". Und so ging es:

Prinzip Hoffart

Abgesagt: Le Pens Triumphmarsch.
Abgewählt: der Tory-Staat.
Im Iran verliert der Dumpfarsch
geg’n den Mann, der moderat*).

Staunend reibt man sich die Augen:
Weil die Hoffnung Nahrung kriegt,
dass die Umfragen nicht taugen.
Dass am End’ Vernunft obsiegt.

Dass am End’ auch in Amer’ka
Rechtsstaat (Biden) triumphiert!
Und dass Trump, dieser Berserker,
am Wahltag einem Atten-
tat zum Opfer fällt, auf der 5th
Avenue angeschossen, im Staub liegengelassen, plattgetrampelt,
von einem streunenden Puma beschnuppert, geschändet, mit sechs verschiedenen venerischen Krankheiten infiziert,
nach vielen Stunden Röchelns, Kotzens, Blutverlustes,
überrollt von zwölf Dampfwalzen,
aufgeschaufelt,
von einem Trommelhäcksler zerhäckselt,
zu Viehfutter verarbeitet,
wieder herausgeschissen, als Dünger für ein Baumwollfeld verwendet
und somit als Präsident
verhindert
wird.

M.Ziegelwagner, Ernst-Bloch-Lehrstuhl für Democracy, Kalamazoo County

*) Mossad Peschesskian (oder so)
In der als formal strenger angekündigten Fassung stellte sich die dritte Strophe wie folgt dar:
Dass am End’ auch in Amer’ka 
Rechtsstaat (Biden) triumphiert! 
Und dass Trump, diesen Berserker, 
einer abknallt und ihn röchelnd  
auf der Straße liegenlässt, wo-
rauf ein tollwütiger Puma 
ihn beschnuppert, ableckt, schändet, 
und mit Dutzenden Geschlechtskrank-
heiten infiziert, wodurch die 
Sau nach vielen Stunden Leidens, 
Zeterns, Kotzens, Blutverlustes, 
überrollt von sechs Dampfwalzen, 
plattgetrampelt, aufgeschaufelt,
und von einem Trommelhäcksler 
fein zerhäckselt, als Viehfutter 
dienend, aufgefressen, ausge-
schissen, düngend ein Baumwollfeld
als Präsident 
verhin-
dert 
wird.
... während die Kompromiss-Version so auslief:
Dass am End’ auch in Amer’ka 
Rechtsstaat (Biden) triumphiert! 
Und dass Trump, diesen Berserker, 
einer abknallt und ihn röchelnd 
auf der Straße liegenlässt, worauf ein 
streunender Puma ihn be-
schnuppert, ableckt, schändet, 
und mit Dutzenden venerischen Krank-
heiten infiziert, wodurch die 
Sau nach vielen Stunden Leidens, 
Zeterns, Kotzens, Blutverlustes, 
überrollt von sechs Dampfwalzen 
plattgetrampelt, aufgeschaufelt 
und von einem Trommelhäcksler 
fein zerhäckselt, als Viehfutter 
verwendet, aufgefressen, wieder ausge-
schissen und ein Baumwollfeld düngend 
als Präsident ver-
hindert 
wird. 
Alles sehr schön, befand ich, und nahm die erste ab. Am folgenden Sonntagmorgen erfuhr das noch schläfrige Mitteleuropa, dass D. Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung von einem Attentäter angeschossen worden war. Ein paar Stunden später – ich befand mich gerade wandernd im Taunus – erreichte mich eine SMS von Michael: "Hm, jetzt wirkt mein politisches Gedicht irgendwie merkwürdig." Dem stimmten am Montag Chefredakteurin Julia Mateus und ich zu. Es wurde beschlossen, ein Ersatz-Poem abzudrucken.

Das ursprüngliche Werk dem Giftschrank zu überantworten, hätte ich nun aber doof gefunden. Ich schlug Michael vor, er solle es wenigstens (samt Einordnung) auf Facebook veröffentlichen, worauf er meinte, nee, wenn, dann lieber auf deinem (also meinem) Blog! Und hier isses nun. Was aber wird im Augustheft der Titanic zu finden sein? Das, liebe Leserinnen und Leser, erfahrt ihr am 27. Juli.

Donnerstag, 18. Juli 2024

What's that(')s?

Letzte Woche bin ich im Something-Awful-Forum über folgenden Satz gestolpert:

One could almost say that Ozymandias is an inscription that's message has been rendered ironic by the passage of time and history...

"Muss es nicht 'an inscription whose message' heißen?", dachte ich. Bisher war mir that's ausschließlich als Kurzform von that is begegnet, noch nie als Possessivpronomen. Bzw. genauer: als relative possessive. Man braucht nicht tief zu graben, um Erklärungen zu Tage zu fördern: Auf der Seite der Uni Yale findet sich ein anschaulicher, konziser und leicht verständlicher Abriss des Phänomens. Kurzum: "Some English speakers", nämlich in den USA, Teilen Kanadas, in England, Schottland und Australien, akzeptieren und verwenden that's anstelle von whose.

Ich möchte hier nicht alle Unterpunkte hineinkopieren, festhaltenswert erscheint mir vor allem:
1. dass das Wort mitunter, analog zu its, als thats verschriftlicht wird;
2. dass Experimenten zufolge Kinder eher bereit sind, that(')s mit Substantiven zu verbinden, die Unbelebtes bezeichnen, als mit solchen, die Belebtes bezeichnen. "The children's preference for inanimate nouns might be related to the presence of an animacy distinction in the relative pronouns in English who (for animates) vs. which (for inanimates), since which does not have a possessive form". Das scheint Englisch-Frischlingen generell so zu gehen, oder? Mir jedenfalls kam whose in Bezug auf Dinge/Gegenstände sehr lange irgendwie unnatürlich vor (so wie mir auch that als Relativpronomen-Alternative zu who komisch vorkam).
3. dass that's historisch aus that his hervorgegangen ist, wie anhand des inhaltlich unerfreulichen Beispiels "dhe maan ut hiz bairn deed" = "the man that his child died" gezeigt wird. "The idea is that the ’s on that’s started out as a weakened form of his. Then the use of that’s was extended to feminine and neuter nouns as well".

Martinez, Randi and Jim Wood. 2023. Relative possessive that's. Yale Grammatical Diversity Project: English in North America. (Available online at http://ygdp.yale.edu/phenomena/. Accessed on 2024-07-17

Dienstag, 16. Juli 2024

Neues Altes (Mai-Juli 2024)

Ich habe wieder jede Menge für euch ausgegraben ... Also, nicht ich, aber ... seht selbst.
  • Archäologen entdecken Fresken mit Bildern zum Trojanischen Krieg ("Spiegel online", 11. April; in der letzten Ausgabe durchgerutscht) Der "schwarze Raum" hat eine Fläche von 15 mal 6 Metern und wird so genannt, weil seine Wände schwarz gestrichen wurden, wohl zwecks Unkenntlichmachung von Öllampenruß. Er "ist mit einem Mosaikboden versehen und befindet sich demnach in einem ehemaligen Privathaus in der Via di Nola, der längsten Straße des antiken Pompeji." Bei den Motiven handelt es sich um Szenen aus der Ilias.
  • Der pazifistische Springer (Süddeutsche Zeitung, 4. Juni) Unter einer mittelalterlichen Befestigungsanlage im Landkreis Reutlingen wurde eine fast 1000 Jahre alte Schachfigur gefunden, ein aus Horn geschnitztes Pferd.
  • Vermutlich größte Felsgravuren der Welt entdeckt (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juni) An Felswänden in Venezuela und Kolumbien sind prähistorische Petroglyphen von Dutzenden Metern Länge entdeckt worden. Sie zeigen menschliche und Tierfiguren, darunter viele Schlangen. "Nach Ansicht der Forschenden handelt es sich bei der Darstellung einer Riesenschlange um die weltweit größte einzelne Felsgravur, die bislang erfasst wurde."
  • 1600 Jahre altes Buch mit Bibel-Texten in London versteigert (Rheinische Post, 11. Juni) Das älteste Buch im Privatbesitz, der sog. Crosby-Schøyen-Kodex, wurde bei Christie's für umgerechnet 3,63 Millionen Euro versteigert. Die 52 Papyrusseiten enthalten eine Abschrift des Buches Jona und des ersten Petrusbriefes in einem koptischen Dialekt. Mehr auch bei geo.de.
  • Doppeltes Menschenopfer: In blutigen Zeremonien töteten die Maya bewusst Zwillingsjungen (geo.de, 13. Juni) Ein Team des Max-Planck-Instituts hat "die Überreste von 64 rituell
bestatteten Kindern aus einer 1967 entdeckten unterirdischen Kammer" in Chichén Itzá untersucht: "Zusammengenommen
 deuten die Ergebnisse den Forschenden zufolge darauf hin, dass verwandte männliche Kinder wahrscheinlich paarweise für Rituale ausgewählt wurden. Zwillinge nähmen in den Schöpfungsmythen und im spirituellen Leben 
der damaligen Maya einen besonderen Platz ein, hieß es zur Erläuterung. Im 'Buch des Rates' (Popol Vuh) der Quiché-Maya seien Zwillingsopfer ein wiederkehrendes Thema."
  • Ältester Weißwein in Urne gefunden – zusammen mit menschlichen Überresten ("Spiegel online", 18. Juni) Bereits 2019 wurden im spanischen Carmona in einem versunkenen Grab aus römischer Zeit etwa fünf Liter eines "sherryähnlichen Weins" gefunden, "zusammen mit verbrannten Knochenresten" sowie einer "Kristallflasche [...], die ein 2000 Jahre altes römisches Parfüm mit Patchouli-Duft enthielt". Mit ebenfalls rund 2000 Jahren handelt es sich bei dem Hauptfund um "den wohl ältesten in flüssiger Form erhaltenen Wein".
  • Archäologen stoßen auf jahrhundertealte Flaschen mit eingelegten Kirschen ("Spiegel online", 19. Juni) 35 Flaschen mit großteils gut erhaltenem eingekochten Obst wurden im Vorratskeller des ersten US-Präsidenten auf dem Anwesen Mount Vernon, Virginia, zu Tage gefördert. "George Washington übernahm die Villa im Jahr 1761. Die Vorratsgruben, in denen die Flaschen lagerten, wurden wahrscheinlich zwischen den 1750er- und 1770er-Jahren genutzt."
  • Israel findet mehr als 3000 Jahre altes Schiffswrack (FAZ, 20. Juni) Ein vor der Küste Israels auf dem Meeresgrund liegendes spätbronzezeitliches Schiff enthielt Hunderte intakte Amphoren, in denen von den Kanaanitern u.a. Öl, Wein und Obst aufbewahrt worden war. "Die große Menge der Amphoren an Bord eines einzigen Schiffs ist laut dem Direktor der Abteilung für Meeresarchäologie, Jacob Sharvit, ein Beleg für die bedeutenden Handelsbeziehungen mit den altorientalischen Ländern an der Mittelmeerküste. [...] Die Entdeckung ist laut der Behörde auch ein Beweis dafür, dass die Seefahrer damals das Meer durchquerten, ohne dabei die Küste sehen zu können."
  • Älteste gegenständliche Höhlenmalerei auf Sulawesi gefunden (Frankfurter Rundschau, 3. Juli) Die Felsmalerei in einer Höhle im indonesischen Karstgebiet Maros Pangkep wurde mit Hilfe eines alternativen radiometrischen Verfahrens "auf mindestens 51.200 Jahre datiert. Einer Studie zufolge handelt es sich um die weltweit älteste gegenständliche Malerei, die bisher bekannt ist. Abgebildet sind nach Forscherangaben drei menschenähnliche Figuren, die mit einem Wildschwein interagieren."
  • Pest könnte das Steinzeitvolk Nordeuropas ausgelöscht haben ("Spiegel online", 12. Juli) DNA-Analysen legen nahe, dass es Krankheiten, allen voran die Pest, waren, die vor ca. 5000 Jahren den neolithischen Niedergang auslösten und für den Zusammenbruch der nordeuropäischen Bauerngemeinschaften hauptverantwortlich waren. "Die Bevölkerungen Skandinaviens und Nordwesteuropas verschwanden schließlich vollständig und wurden später durch ein Volk namens Jamnaja ersetzt, das aus einer Steppenregion um Teile der heutigen Ukraine einwanderte."

Sonntag, 14. Juli 2024

Lasst mich nicht zappeln!

Dies ist ein Update zum Beitrag "Zwar und Zimmermann". In einem Beitrag auf der Rechts-Seite der FAZ wurde neulich der Vogel abgeschossen:


So weit kann, soll, darf man "zwar" und "aber" bzw. in diesem Fall "doch" doch nicht auseinander stellen. Ich war kurz vorm Hyperventilieren, Leute!

Freitag, 12. Juli 2024

Albernes zum Wochenschluss

Wenn ich Fußballtrainer wäre, würde ich bei jeder Begegnung versuchen, zwölf Spieler auf den Platz zu schicken. Wer weiß, irgendwann fällt es vielleicht niemandem auf.

Als Schiedsrichter würde ich jedes Match exakt zur 90. Minute abpfeifen. Damit der Ball bloß nicht noch weiter gekickt wird, würde ich auf ihn zurennen und mit einem Schuss aus einer Pistole, die ich stets bei mir führen würde, die Luft aus ihm lassen.

Wenn ich als Ersatzbankhüter überraschend eingewechselt würde, würde ich mit der Theatralik eines "Der Preis ist heiß"-Kandidaten aufs Spielfeld hüpfen: Mitspieler abklatschen, wie verrückt winken, mit Luftküssen um mich werfen, perplexe "Was? Iiiich?!"-Gesten machen ...

Als Kapitän hätte ich immer einen Feuerwerkskörper unterm Trikot versteckt, den ich im geeigneten Moment zünden und in die Fantribüne schleudern würde.

Wäre ich die Person, die die Einlaufkinder auswählt, würde ich den Spielern der Abwechslung halber einmal Einlauf-Erwachsene zuordnen, die sie an die Hand nehmen müssten.

Wäre ich hingegen selbst ein Einlaufkind, würde ich darauf achten, dass meine Hände so richtig schön klebrig sind.

Gehörte mir ein Fußballverein, würde ich nicht mit möglichst viel Geld möglichst gute Spieler kaufen, sondern so viele Spieler wie möglich (also die billigsten, die zu haben sind), so dass ich irgendwann den größten Kader der Liga hätte. Damit alle Spieler ungefähr gleich lang im Einsatz sind, würde ich den Trainer anhalten, innerhalb einer Begegnung entsprechend oft auszuwechseln (90 Spieler, 90 Minuten = ca. jede Minute eine Auswechslung).

Als Ältester in einer Elf wäre ich darauf bedacht, mich regelmäßig aus der laufenden Partie auszuklinken: kurz hinsetzen, am Spielfeldrand eine rauchen, kopfschüttelnd die Bandenwerbung studieren ...

Wenn ich Torwart wäre, würde ich, sobald es einigermaßen sicher ist, nonchalant aus dem Torbereich tänzeln, "Schieß doch"-Handbewegungen machen und die Stürmer der gegnerischen Mannschaft anderweitig provozieren.

Mittwoch, 10. Juli 2024

Was birst denn da?

Zu meinem Wohnhaus führt ein kurzes Stück Fußweg, das von großen Kastanienbäumen bestanden ist. Als ich diesen Weg gestern entlangging, wurde ich Zeuge (und beinahe Opfer) eines unheilvollen Naturschauspiels. Offenbar als Reaktion auf die brütende Hitze – es hatte um 18 Uhr noch weit über 30 Grad – warfen die Bäume unter lautem Ächzen ihre Rinde ab! Schnalzend, knackend, splatternd explodierten die Stämme regelrecht, mehr als einmal ging nur wenige Meter vor mir eines dieser knochentrockenen Rindenstücke nieder. Heute Morgen sah es dann so aus:


Als würde es nicht reichen, dass man herbstens Angst haben muss, von herabfallenden Kastanien in stacheligen Hüllen getroffen zu werden! Mir kann doch niemand sagen, dass früher so was gang und gäbe war.

Montag, 8. Juli 2024

Hier sind Brennstäbe!

Ungemein spannend ist der Komplex Atomsemiotik. Der Online-Auftritt des ORF hat eine tolle Einführung in die Problematik aufbereitet, und auch der Wikipedia-Eintrag ist ergiebig. Atomsemiotik als Zweig der Zeichentheorie beschäftigt sich, kurz gesagt, mit der Frage, wie man den Menschen der Zukunft (konkret: den in 10.000 Jahren lebenden) begreiflich machen soll, sich von Atommüll und sonstigen radioaktiven Hinterlassenschaften fernzuhalten. Zu den teils sehr schönen Ideen gehören (alle zitiert nach orf.at):

- "Es müssten Warnschilder aufgestellt werden, die je nach Entwicklung mit anderen Sprachen ergänzt werden."
- "Wenn nicht das eine Zeichen, das noch in 10.000 Jahren vor Atommüll warnt, gefunden werden kann, muss ein kultureller Kontext geschaffen werden, der die Zeit überdauert. [Der Semiotiker Thomas Sebeok] sprach sich für eine 'atomare Priesterschaft' aus, die mit Hilfe von Legenden und Ritualen Fremde von atomaren Lagerstätten fernhält."
- "Eine Studie aus der Schweiz empfahl, ein Endlager mit Millionen von Tonscherben zu markieren, die zu Symbolen wie Totenschädeln angeordnet werden."
- "Zwei Forscher wollten etwa Katzen genetisch so manipulieren, dass sich ihr Fell verfärbt, wenn sie radioaktiver Strahlung ausgesetzt werden." (Anm.: Diese "Strahlenkatzen" hat kein Geringerer als Stanisław Lem erdacht.)

Als ich zum ersten Mal mit diesem weiten Feld konfrontiert wurde, meldete sich sogleich der Zyniker in mir: Pff, als ob wir in 10.000 Jahren nicht eh ausgestorben sind ... Aber, dachte ich weiter, sollten wir nicht wenigstens etwaige Außerirdische, die nach uns auf der Erde siedeln, davon abhalten, sich gefährlicher Strahlung unnötig auszusetzen? Nun gut, die sind womöglich resistent gegen ionisierende Strahlen und haben ohnehin diverse genetische und technische Vorteile entwickelt, wenn sie in der Lage sind, sich auf fernen Welten niederzulassen. Hm, und was ist mit Tieren, etwa unseren nächsten Verwandten, die bis dahin so weit auf der evolutionären Leiter nach oben geklettert sein werden, dass sie Symbole deuten können und entsprechend handeln? Ihr merkt schon, man verliert sich recht bald in Spinnereien, wenn man in das Thema einsteigt.

Setzen wir einfach mal voraus, dass unsere Spezies in 10.000 Jahren noch existiert. Wie kommunizieren wir mit unseren Erben? Das Naheliegendste sind Schilder mit schriftlichen Hinweisen. Ebenso naheliegend ist leider, dass diese irgendwann entweder nicht mehr verstanden werden oder schlicht nicht ernst genommen werden, wie es mit den Tsunami-Steinen der alten Japaner geschehen ist ("Baut nicht unterhalb dieses Punktes!"). Bei jeder Sprachstufe eine neue Übersetzung und ein paar zusätzliche Ausrufezeichen oder sonstige Dringlichkeitsmarker eingravieren? Kann man machen, aber wer weiß schon, ob nicht die überübernächste Stufe beispielsweise des Deutschen ("Spätneohochdeutsch" oder so) die letzte ist? Sprachen sterben aus.

Und selbst scheinbar universelle Zeichen mögen verblassen. Die Person, die den Diskos von Phaistos gestempelt hat, dachte sich bestimmt auch: "Das ist was für die Ewigkeit!" Das von der Internationalen Atomenergieorganisation für verständlich gehaltene Warnschild nach der ISO-Norm 21482 sieht seit 2007 so aus:


Das rennende Männchen halte ich für einigermaßen nachhaltig begreiflich. Zwei Beine, zwei Arme, Kopf, das wird auch noch in ein paar tausend Jahren dem Phänotyp des Homo sapiens entsprechen. Die Beine sind in Bewegung, dazu ein Pfeil, Fluchtverhalten, klar. Mit einem Toten(!)schädel auf drohenden Tod zu verweisen, macht ebenfalls Sinn, wobei ich da an den alten Witz von Jack Handey denken muss: "The tired and thirsty prospector threw himself down at the edge of the watering hole and started to drink. But then he looked around and saw skulls and bones everywhere. 'Uh-oh,' he thought. 'This watering hole is reserved for skeletons.'" Das Strahlenwarnzeichen in Kombination mit abfallenden Wellen ist heutzutage freilich einleuchtend (hehe), ist aber das für Bedeutungsverblassung anfälligste Element von allen. Zuletzt: Wie kann sichergestellt werden, "dass es sich überhaupt um eine Mitteilung handelt" (Wikipedia)?

Den Vorschlag mit der mündlichen Tradierung, auch wenn er belächelt worden ist, finde ich tatsächlich attraktiv. Verwandte, die eine Generation voneinander entfernt sind, werden immer einander verstehen. Ein Vater erzählt seiner Tochter einmal im Jahr, möglichst in den immerselben Worten, vielleicht sogar gereimt, das Märchen vom glühenden Fass. Die Tochter gibt es später an ihre Kinder weiter und so fort. Auch hier besteht die Gefahr, dass die Sprache ausstirbt, weil das sie verwendende Volk ausstirbt; bzw. die Familienlinie endet, oder Änderungen in der Sprache werden nicht berücksichtigt, so dass Teile des Textes nicht mehr kapiert werden, aber trotzdem stur weitergegeben werden. Oder, oder, oder. Dennoch: Ohne dass ich mich je eingehender mit Oral History beschäftigt hätte, weiß ich, dass Überlieferungen in Kulturen ohne Schriftlichkeit stabiler sind als der Laie denkt. Und mitunter wertvoller als schriftliche Überlieferung, wie schon Platon erkannte:

Wer also glaubt, eine Kunst in Schriften zu hinterlassen, und wieder, wer sie annimmt, als ob aus Buchstaben etwas Deutliches und Zuverlässiges entnommen werden könnte, der wird wohl einfältig genug sein und in der Tat den Wahrspruch des Ammon nicht kennen, indem er glaubt, geschriebene Reden seien etwas mehr als eine Gedächtnishilfe für den, der das schon weiß, wovon das Geschriebene handelt. [...] Dieses Mißliche nämlich, o Phaidros, hat doch die Schrift, und sie ist darin der Malerei gleich. Denn die Werke auch dieser stehen wie lebendig da, wenn du sie aber etwas fragst, schweigen sie sehr vornehm.
(Sokrates im Phaidros-Dialog)

Einen "Zukunftsrat" einzurichten, scheint mir auch etwas blauäugig. Jede Organisation kann sich wegen irgendwelcher Umstände von heute auf morgen auflösen. Gehen wir zum Schluss auf das Konzept der "feindlichen Architektur" ein. Meterhohe Granitsäulen wie am Waste Isolation Pilot Plant in New Mexico, dornenbewehrte Mauern oder "Verbietungsblöcke" machen nur neugierig. "Eingewendet wurde bei diesen Warnsystemen, dass diese Hochsicherheitsmaßnahmen die Nachfahren dazu verleiten könnten, erst recht nach 'Schätzen' zu graben." (ORF) Eben! Hat denn niemand von denen, die so was anregen, "Riptide" von Preston/Child gelesen? Ich kenne doch die Menschen. Eine bombensichere Lösung, sie vor Gift und Verderben zu bewahren, habe ich derzeit leider auch nicht.

Samstag, 6. Juli 2024

Hörtipp in eigener Sache

Man verzeihe mir die shameless self-promotion, aber ganz ungehört soll sie ja nicht bleiben, die zweite Folge des Bücherschrank-Podcasts "Seitenstraße", die seit gestern auf Soundcloud verfügbar ist. Viel Spaß!

Donnerstag, 4. Juli 2024

Torsten testet Nachahmerprodukte: Kokostraum

Choceur Kokostraum ist eine relativ neue Raffaello-Alternative von Aldi:


Ich habe die ausgepackte Praline nicht fotografiert, denn sie sah, das kann ich versichern, exakt so aus wie das Original. Stellt euch also einfach ein Raffaello vor. Auch geschmacklich sind weder mir noch meiner Mitverkosterin Abweichungen aufgefallen. Da ich die Kokoskugel geschenkt bekommen hatte, musste ich ein paar Details recherchieren. Ich schaute mir das Testvideo eines Junkfood-Bloggers an und erfuhr, dass die Aldi-Version weniger knusprig als das Ferrero-Produkt sei, dafür aber mit ein wenig weißer Schokolade angereichert sei. Dass Raffaelo mit dem Slogan "Vollkommen ... ohne Schokolade" beworben wird und "[d]ie Betonung der Tatsache, dass Raffaello keine Kakaobestandteile enthält, [...] konstitutiv für das Image des Produkts" ist (Wikipedia), wusste ich nicht! Neu war mir auch, dass die "Saisons", in denen bestimmte Ferrero-Süßigkeiten ausschließlich verfügbar sind, kein alljährlicher Marketing-Stunt qua künstlicher Verknappung sind. "Als im ersten – und heißen – Sommer nach der Mon Chéri-Einführung im Jahr 1957 einige Pralinen nicht mehr so appetitlich in der Schachtel lagen, wie man es von Ferrero-Produkten erwarten darf, haben wir die Sommerpause eingeführt und seither beibehalten. Denn Hitze und Mon Chéri passen nicht zusammen. So wurde Mon Chéri übrigens zum Vorreiter für andere besonders wärmeempfindliche Marken."

Das Aldi-Raffaello scheint jedenfalls auch jetzt im Sommer zu haben zu sein. (Moment! Auf die Schnelle finde ich gar keine Hinweise darauf, dass Raffaello nicht ganzjährig vertrieben wird. Erinnere ich mich falsch an dahingehende Werbeaussagen?) Abzüge gibt es allerdings für den Preis: Das Nachahmerprodukt kostet fast genau so viel wie the real deal. Wozu also die Kopie kaufen? Trotzdem vergebe ich 8/10 Punkten, denn wer Raffaello mag (was ich tue), wird mit Choceur Kokostraum glücklich.

Dienstag, 2. Juli 2024

Serientagebuch 06/24

02.06. Jury Duty 1.03
Jury Duty 1.04
03.06. Gotham 4.10
04.06. Doctor Who 14.04
Jury Duty 1.05
05.05. Gotham 4.11
06.05. Jury Duty 1.06
07.06. The Responder 2.01
09.06. 3 Body Problem 1.07
10.06. The Responder 2.02
Doctor Who 14.05
11.06. Jury Duty 1.07
13.06. Jury Duty 1.08
The Responder 2.03
Gotham 4.12
15.06. 3 Body Problem 1.08
17.06. Doctor Who 14.06
Doctor Who 14.07
House of the Dragon 2.01
18.06. The Responder 2.04
The Responder 2.05
19.06. Evil 2.01
Evil 2.02
24.06. Doctor Who 14.08
25.06. Evil 2.03
House of the Dragon 2.02
26.06. The Jack and Triumph Show 1.01
The Cockfields 2.00
27.06. The Jack and Triumph Show 1.02
The Jack and Triumph Show 1.03
Gotham 4.13
28.06. The Jack and Triumph Show 1.04
The Cockfields 2.01
30.06. Eric 1.01
Eric 1.02

Die für den nicht werbefreien Amazon-Kanal Freevee produzierte Mockumentary Jury Duty hat ein Konzept, das mir noch nie in einer Serie begegnet ist. Die Zuschreibung "Mockumentary" trifft es noch nicht mal: Zu sehen ist eine Sitcom über die Arbeit einer Jury in einem amerikanischen Zivilprozess, wobei alle "Geschworenen" sowie der Richter und sämtliche sonstigen Beteiligten Schauspieler/innen sind (wohlgemerkt Laiendarsteller, bis auf eine Ausnahme: James Marsden spielt eine fiktionalisierte Version von sich selbst; auch Hollywoodgrößen können zum Jurorendienst verpflichtet werden!). Nur eine einzige Person ist kein Schauspieler, sondern ein uneingeweihter angeblicher Teilnehmer einer TV-Dokumentation: Er wähnt sich tatsächlich in einem Gerichtsverfahren und reagiert ungefiltert, live und spontan auf die immer absurderen Situationen in seinem Umfeld.
Allein für die Idee dieses Hybriden aus Sitcom und Fake-Reality-Show war ich dankbar! Wann bekommt man heutzutage schon neuartige Stoffe und unverbrauchte Genres serviert? Und es bleibt nicht nur bei dem erfrischenden Ansatz: Die acht halbstündigen Episoden sind mit famosen Gags, beeindruckenden Improvisationsleistungen und pfiffigen Wendungen gefüllt. Zudem wurde dieses einmalige Experiment unter erschwerten Bedingungen, nämlich während einer Corona-Hochphase, realisiert. Hut ab vor 
Lee Eisenberg und Gene Stupnitsky ("The Office" US) und ihr Team!

Schon vor Jahren hatte ich mir Liu Cixins "Drei Sonnen" von einer zwielichtigen Hörbuch-Plattform als Audiobuch heruntergeladen, nachdem u.a. Dietmar Dath davon geschwärmt hatte, doch waren die Tracks nicht richtig getaggt, so dass ich mir die Reihenfolge der Kapitel durch wildes Hin- und Herskippen selbst erschließen musste, was bei einem solch anspruchsvollen und Konzentration erfordernden Werk reichlich mühsam ist. Kurzum: Ich brach das Hörbuch ab und war umso erfreuter, als Netflix eine Serienadaptation ankündigte, die mit David Benioff und D.B. Weiss obendrein in fähigen Händen zu liegen versprach.
Dass 3 Body Problem von den "Game of Thrones"-Showrunnern produziert wird (die auch die Hälfte der acht Folgen geschrieben haben), schlägt sich in der Musik (abermals glänzende Arbeit von Ramin Djawadi) wie in der Besetzung nieder: Gleich drei "GoT"-Granden übernehmen tragende Rollen. Wem dabei das Herz höher schlägt, der sei gewarnt, denn hier wie da gilt: Jeder Charakter kann jederzeit das Zeitliche segnen ...
Auch die sonstige Besetzung geht klar. Gefreut habe ich mich, dass es mit Benedict Wong jemand, den ich als Co-Star in einer kruden Independent-Britcom kennengelernt habe ("15 Storeys High", s. Serientagebuch 09/21 und 07/22), in eine High-Prestige-Hollywood-Serie geschafft hat.
"3 Body Problem" ist packend, emotional und überraschend, ich hätte es mir indes angesichts des Rufs, welcher der als einer der wegweisendsten Science-Fiction-Romane des Jahrtausends gehandelten Vorlage anhaftet, im guten Sinne verkopfter, unzugänglicher, gleichermaßen hart wissenschaftlicher und esoterischer vorgestellt. Fans, die "dumbing down" und Massentauglichkeit monieren, bevorzugen, wie ich höre, eh die 30(!)-teilige chinesische Umsetzung. Aber wem kann man es schon recht machen? Ich fiebere jedenfalls der zweiten Staffel entgegen.

Schon die erste Staffel des BBC-Polizeidramas The Responder, das der ehemalige Liverpooler Polizist Tony Schumacher auf Grundlage seiner Erfahrungen kreiert und geschrieben hat, empfand ich als "harten Stoff". Bedrückend geht es weiter: Alle Figuren, großteils aus den ersten fünf Folgen bekannt, haben nicht nur, wie man so schön sagt, ihr Päckchen zu tragen, sondern jeweils einen gigantischen Rucksack von Problemen mit sich herumzuschleppen. Jede setzt sich aus unterschiedlichsten Motiven und Schwächen (Abhängigkeit, Bestechlichkeit, Zorn) einem eigenen Mahlstrom des Verderbens aus, allen voran Hauptfigur Chris (Martin Freeman, auch Produzent), dem es nicht oft gelingt, den Zuschauer für sich einzunehmen.
Adelayo Adedayo als seine Partnerin wirkt schauspielerisch noch gefestigter und liefert eine Gänsehaut-Performance ab. Bittersüß war es, den kürzlich verstorbenen Bernard Hill (der einzige Schauspieler, der in zweien der drei Filme mitgespielt hat, die jeweils elf Oscars gewonnen haben: "Titanic" und "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs"; Quelle: Wikipedia) in seiner letzten Rolle, als Chris' Vater, zu erleben.

Viel Spaß gemacht hat die "erste" (nein, ich bleibe dabei: die vierzehnte) Staffel von Doctor Who. Insbesondere der Mittelteil, inklusive des Comebacks von Steven Moffat als Autor, hat wieder richtiges Who-Feeling erzeugt, ohne dass ich dieses Gefühl richtig zu definieren in der Lage wäre. Ncuti Gatwa taugt mir als 15. Doktor, und selbst die zwei "Doctor light"-Folgen, in denen er wegen anderer Drehverpflichtungen reduzierte Screentime hatte, atmeten seine überdreht-emotionale Aura und funkionierten ihrerseits trotzdem als klassische, munter wegzuguckende RTD-Abenteuer, wie überhaupt die Stand-alone-Geschichten runder ausfielen als der staffelübergreifende Handlungsbogen (der mir ehrlich gesagt nur half-arsed aufgelöst schien).