Sonntag, 31. Mai 2020

Von Braunschweig ins Commonwealth

Bei meinen Nachforschungen zum deutschen Verwaltungsaufbau habe ich nur an der Oberfläche gekratzt, aber mir ist dabei klarer als zuvor geworden, dass der Föderalismus nicht von heute auf morgen und ohne finanzielles wie rechtliches Superschwergewichtheben abzuschaffen ist. Und das ist auch gut so! Bei allen Makeln ist es doch bei einem flächenmäßig nicht eben zwergenhaften Gebilde wie Deutschland ganz klug, gewisse Dinge in die Hände von Untereinheiten zu legen; und dass die Länder administrativ eigene Süppchen kochen, macht die Küche umso abwechslungsreicher. In Hessen zum Beispiel gibt es sieben sog. Sonderstatusstädte (bspw. Wetzlar und Bad Homburg v.d. Höhe), die teilweise Aufgaben des Landkreises übernehmen. Vergleichbar sind sie mit den sieben "großen selbständigen Städten" in Niedersachsen (Celle, Cuxhaven u.a.).
Rasch muss auch noch der Begriff "Weichbild" für eine Art Bezirk eingeführt werden, der zwar heute keine politische oder sonstige Bedeutung mehr hat, aber zum Beispiel im Städteaufbau Braunschweigs fortlebt: "Die Braunschweiger Weichbilde tragen noch immer ihre alten Namen: Altewiek, Altstadt, Hagen, Neustadt und Sack. Jedes von ihnen verfügte über ein eigenes Rathaus, einen eigenen Rat, eine eigene Pfarrkirche und eine unterschiedliche Bevölkerungsstruktur." Ein Weichbild entsprach in einigen Regionen einer größeren Gemeinde mit (abgespeckten) Stadtrechten, ähnlich einer Minderstadt. Das Wort hat weder etwas mit Weichheit noch mit Bildern zu tun, aber das steht ja alles auf Wikipedia.
In den Vereinigten Staaten von Amerika gibt es bekanntermaßen auch bedeutende Unterschiede, was Gliederung, Jurisdiktion & Co. angeht. So war ich neulich bass erstaunt darüber, dass in dem im Großraum Boston spielenden Kriminaldrama "Defending Jacob" (Apple+) die Staatsanwaltschaft immer vom "Commonwealth" spricht, wenn sie sich selbst bezeichnet (im Sinne von "the state"). Stellt sich heraus, dass vier US-Staaten sich so nennen: Kentucky, Pennsylvania, Virginia und eben Massachusetts. Da spiegelt sich noch die ehemalige britische Besitzung wider, wie sich ja auch in vielen Gesetzen und Institutionen das englische common law erhalten hat (während in Louisiana bis heute Einflüsse des Code Napoléon sowie spanischen Rechts erkennbar sind). Darüber hinaus tragen die Territorien Puerto Rico und die Nördlichen Marianen den vorangestellten Namenszusatz "Commonwealth of".
Mit dem Monat Mai endet auch mein kleiner Assoziations- und Wissens-Rundgang. Ich hoffe, dieses Experiment mit etwas aufwändiger recherchierten Schwerpunktbeiträgen im Drei-Tages-Rhythmus hat euch gefallen. Im Juni geht's dann wieder weiter mit Junkfood und Todesanzeigen.

Donnerstag, 28. Mai 2020

Von Flughafen zu Flughafen

Ähnlich mystische Unorte wie gemeindefreie Gebiete sind Transitbereiche von Flughäfen (so wie Flughäfen überhaupt! Lektüretipp: Flughafenwandern von Aleks Scholz). Kürzlich berichtete "Spiegel online" von einem Mann aus Deutschland, der knapp zwei Monate in der Transitzone des Delhi Airport festhing – allerdings freiwillig: Sein Weiterflug nach Istanbul sei zwar corona-bedingt gestrichen worden, doch hätte er die Möglichkeit gehabt, sich in seine Heimat zurückfliegen zu lassen, was er aber ablehnte, da "er in Deutschland eine strafrechtliche Verfolgung befürchtet". Ganz so irre wie in dem Tom-Hanks-Film "Terminal" ist die Geschichte also nicht.
Mir wiederum wurde mal ein längerer Aufenthalt im "Indira Gandhi International" untersagt. Und das kam so: Ich war am Ende einer Indienreise angelangt, und mein Rückflug von Delhi sollte seeehr früh gehen. Ha!, überlegte ich mir, da schlafe ich doch gleich auf dem Flughafen, bevor ich mir ein Hotelzimmer nehme, das ich dann doch bloß für eine halbe Nacht okkupiere. Ich also am späten Vorabend mit meinem ganzen Gepäck zum Airport ... an dessen Eingang mich ein Polizist zum Vorzeigen meines Flugtickets aufforderte. Dem kam ich bedenkenlos nach. "Nein, Sie dürfen noch nicht rein, Sie fliegen ja erst morgen früh", sagte der Schutzmann. Waswiewarum, wollte ich wissen. Wegen akuter Terrorgefahr dürfe sich niemand länger als nötig im Flughafeninneren aufhalten, erklärte man mir, ich solle zwei bis drei Stunden vor Abflug wiederkommen. Verärgert ließ ich mich zu einem beliebigen, überteuerten, moskitoverseuchten Hotel bringen (an spontane Recherche und Preisvergleiche war mangels Smartphone nicht zu denken, denn es war 2008), in dem ich dann noch vier Stunden dumm rumlag. Zusätzliches Ärgernis: Der Taxifahrer, dem ich meine Misere schilderte, bot mir an, mich am nächsten Tag wieder zum Flughafen zu fahren  für einen guten Preis, den ich sogleich entrichtete. Aber der Gauner ließ sich nie wieder blicken; der Rezeptionist wusste bei meinem Check-out von nichts und musste erst ein neues Taxi herbeirufen, so dass ich beinahe noch verspätet am DEL angekommen wäre!
Ein paar Wochen danach kam es dann zu den Anschlägen auf das "Taj Mahal Palace" in Mumbai. In einem Hotel in Mumbai war es auch, wo ich aus dem Fernsehen von der Lehman-Brothers-Pleite erfuhr, deren Berichterstattung eine Stimmung wie bei einem drohenden Weltuntergang begleitete. (Dass diese Krise dann doch nicht die Welt hat untergehen lassen, macht mich einigermaßen zuversichtlich, dass wir auch die laufende Pandemie überstehen könnten, und sei es mit zwei dunkelblauen Augen.) 
Einige Jahre später befand ich mich, moralisch und in Sachen Menschenkenntnis gestärkt, im Flughafen von Dublin oder einem in London und hatte dort einen Moment, den ich wahrhaftig heroisch nennen möchte. Die Reisenden waren, offenbar vollzählig, am Gate versammelt, als ein respekteinflößender Mitarbeiter mit militärischem Habitus seine Stimme erhob: Wir mögen unsere Reisepässe hervorholen, er werde sie jetzt kontrollieren. Das aber machte ich nicht mit! Sollen die sich doch beim Boarding meinen Pass vorlegen lassen, dachte ich, aber nicht so! Außerdem kann in dieser Situation, in diesem Menschenwirrwarr, niemals sichergestellt werden, dass jede einzelne Person überprüft wird. Und so kam es dann auch: Mit verschränkten Armen stierte ich selbstbewusst in alle Richtungen, und der Typ übersah (oder überging) mich einfach. Hätte er mich angesprochen, wäre ich stur geblieben, ja hätte sogar versucht, potenzielle Kampfgenossen zu mobilisieren und einen Aufstand anzuzetteln, wovon ich mir mit Blick auf die sich schafsartig Fügenden allerdings wenig Erfolg versprach. Als dann beim Einsteigevorgang wie erwartet eine abermalige Dokumentenprüfung erforderlich wurde, war ich schon ein bisschen stolz auf meine stille Rebellion.
Wieder ein anderes Mal, bereits an Bord, hätte ich mich beinahe mit einer Mitpassagierin angelegt. Ich hatte einen herrlich gehässigen, aber zu 100 % gerechtfertigten Wortschwall vorbereitet, musste dann aber an die Komödie "Die Wutprobe" denken und beherrschte mich. Weswegen der Auslöser für meine Erregung hier auch verschwiegen werden kann.

Montag, 25. Mai 2020

Von Grimsby nach Waterloo

Nach dem ausführlichen und für viele sicher ermüdenden Exkurs in die Welt der g.G. (eigene Abk.) möchte ich heute nur einige Zeilen zum leicht verdaulichen Thema Kriminalliteratur dalassen; auch weil ich nach einem mit Mühsal und abermaligem Computer-Ärger beladenen Tag allenfalls durchschnittlich starke Schreiblust verspüre.
Also: Das Fischer-Taschenbuch mit den Kriminalgeschichten von Dorothy Sayers, das ich aus dem Nidderauer Bücherschrank gezogen hatte, bereitete mir vergnügliche Lesestunden. Dabei fing es gar nicht gut an: Die erste Geschichte, "In vino veritas", war so dröge, dass ich sie nach wenigen Seiten abbrach. Zum Glück zwang ich mich zum Durchhalten, denn der zweite Fall, "Das Drachenhaupt", erinnerte an frühe "Drei Fragezeichen"-Erzählungen und sprühte vor blumiger Sprache und Lebendigkeit der Charaktere. Numero 3 ("Die verräterischen Schritte") erwies sich als handwerklich befriedigendes, aber aus heutiger Sicht arg konventionelles Whodunit, dessen Lösung ich leider beizeiten erriet. Der vierte Fall, "Die Leopardendame", war für mich der makabre Höhepunkt und stach mit seiner wickedness heraus wie Shirley Jacksons herrlich-fiese Short story "The Witch". Die fünfte und letzte Geschichte drehte sich um einen "Verdacht", der sich dem Leser schneller aufdrängt als der Hauptfigur, aber am Ende mit einem netten Dreh aufwartet. Nebenbei geht es dann um die Stadt Grimsby, die ich bisher nur aus der Sacha-Baron-Cohen-Komödie kannte.
Grimsby als Ortsnamen gibt es auch in Kanada und den USA und ist damit lange nicht so verbreitet wie Waterloo, das nicht nur der inoffizielle russische Name (Ватерлоо) der antarktischen King George Island, sondern auch in Neuseeland, Sierra Leone und Australien zu finden ist. In Letzterem sogar mehrfach, und in keinem davon, sondern in einem fiktiven "Waterloo" spielt der Krimi "Leiser Tod" von 2013 (auf deutsch erst 2018 erschienen). Es ist der erste Roman von Garry Disher, den ich lese, was ich nicht nur tue, weil das Feuilleton vergangenes Jahr bzgl. "Kaltes Licht" voll des Lobes war. Der Amazon-User "Manni Möllers" hat mich letztlich mit seiner Rezension "Buch" überzeugt: "ok"; 5 Sterne.

Freitag, 22. Mai 2020

Vom Sachsenwald in die Antarktis

Man muss in Hinblick auf bewohnte gemeindefreie Gebiete streng unterscheiden zwischen tatsächlich bewohnten und solchen, in denen sich lediglich bewohnte Gebiete befinden, die aber zu echten Gemeinden gehören. Letzteres ist der Fall bei den beiden gemeindefreien Gebieten Schleswig-Holsteins: 1.) Im Sachsenwald gibt es zwar sechs Wohnplätze, diese sind jedoch Exklaven von Aumühle (Kreis Herzogtum Lauenburg), 2.) "Die bewohnten Teile des Forstgutsbezirks Buchholz gehören als Exklaven zu den Gemeinden Bark, Hartenholm, Heidmühlen und zur Stadt Wahlstedt." (Wikipedia)
Die zwei in Baden-Württemberg bestehenden gemeindefreien Gebieten sind ihrerseits aus anderen Gründen bemerkenswert: Rheinau im Ortenaukreis ist ein kleines unbewohntes Waldgebiet, das zwar Kfz-Kennzeichen, Gemeindeschlüssel und Postleitzahl von Deutschland zugewiesen bekommen hat, aber rechtsrheinischer Grundbesitz der französischen Gemeinde Rheinau (Rhinau in der Landessprache) ist. Das andere gemeindefreie Gebiet in BaWü ist der Gutsbezirk Münsingen im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Der war bis 2010 sogar noch bewohnt. Der "Ersatz-Bürgermeister" der Gebietskörperschaft wurde im Gegensatz zu seinem hessischen Äquivalent nicht vom Forstamt bestellt, sondern von der Oberfinanzdirektion. Diesem Gutsbezirksvorsteher war wiederum ein sog. Geschätsführer unterstellt, von denen es zwischen 1946 und 2010 gerade mal zwei gab! Amtszeiten von 30 resp. 34 Jahren – ein Träumchen. Die Neuzuordnung der zuletzt 160 Einwohner kann hier genauer nachvollzogen werden. Münsingen (das wie Rheinau kein Wappen führt) liegt übrigens auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz und hat damit eine Gemeinsamkeit mit den einzigen beiden "echten" bewohnten gemeindefreien Gebieten, denen wir uns endlich zuwenden wollen (nach folgendem Absatz).
Auch die unbewohnten gemeindefreien Gebiete in Niedersachsen sind nicht uninteressant, es gibt welche mit Enklaven naher Gemeinden, andere, die ihrerseits Exklaven haben, sowie zwei ostfrieisische Inseln: Lütje Hörn sowie die etwas größere, aber zunehmender Überflutung ausgelieferte Insel Memmert, auf der immerhin Jahrzehnte lang ein Inselvogt obwaltete und bis vor kurzem beinahe permanent Vogelschützer residierten. Heute offizielle Einwohner/-innen gemeindefreier Gebiete sind jene von Lohheide und Osterheide.
Die Nachbarbezirke Lohheide und Osterheide sind 1945 als Nachfolger aus dem 1938 gebildeten "Gutsbezirk Platz Bergen", einem 1935 errichteten Truppenübungsplatz der Wehrmacht, hervorgegangen und dienen heute der NATO als Schießplatz. Loh- und Osterheide verfügen denn auch über einige bedeutende Gedenkstätten, ferner über Sehenswürdigkeiten wie steinzeitliche Gräber und das Schloss Bredebeck, in dem sogar schon die englische Königsfamilie logiert hat. Die Gebiete haben zwar keine Wappen, aber wenigstens "wappenähnliche Logos". Oberhaupt der knapp 2900 Einwohner ist ein Bezirksvorsteher, außerdem gibt es eine gewählte Einwohnervertretung aus elf Mitgliedern. Auf die innere Gliederung der Bezirke in Gemarkungen sei hier nicht näher eingegangen, festzuhalten ist jedoch noch dies: Gemeindefreie Gebiete sind entweder Eigentum des Landes, des Bundes oder der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben; Letzteres ist bei Lohheide und Osterheide der Fall.
Noch gar keinen näheren Blick geworfen habe ich auf die 174 gemeindefreien Gebiete in Bayern ... vielleicht ein ander Mal. Unklar ist mir auch noch, was einwohnermeldemäßig mit jemandem passiert, der in einem solchen Gebiet geboren wird, etwa im Forsthaus in einem Gutsbezirk. Vermutlich steht der gemeindefreie Bezirk ganz normal als Ortsangabe in der Geburtsurkunde. Rechtlich aufregender ist es ohnehin, wenn man in einem Territorium zur Welt kommt, auf das keine oder mehrere Nationen Anspruch erheben. Im Falle von Antarktika ist das bereits achtmal geschehen. Emilio Palma (*1978) – der einzige lebende Mensch der Welt, der von sich sagen kann, der erste auf einem bestimmten Kontinent geborene zu sein – hat de iure das Anrecht, sowohl die chilenische als auch die britische Staatsbürgerschaft zu führen.

Dienstag, 19. Mai 2020

Von Niedersachsen ins Nirgendwo

Gibt es denn auch Gemeinden in Deutschland, die gar kein Wappen haben? Eine Schnellrecherche deutet auf nein, doch hieß es über das bayerische Ried noch 2018, es "war lange Zeit die einzige Gemeinde ohne Wappen" (Augsburger Allgemeine), und als 2009 in Baden-Württemberg die neue Einheitsgemeinde Kleines Wiesental gegründet wurde, vergingen etliche Jahre, Wettbewerbe und Ausschreibungen, bis die Kommune ein Hoheitszeichen bekam.
Was es sehr wohl gibt, sind gemeindefreie Gebiete ohne Wappen, ein Thema, über das zu schreiben ich schon vor langem versprochen habe. Gebiete, die keiner politischen Gebietskörperschaft angehören, gibt es in Deutschland sage und schreibe 207 in sieben Bundesländern (Stand: Mai 2020). Die meisten bestehen aus Wald, einige führen namentlich den historischen Begriff "(Forst-)Gutsbezirk" fort, so etwa der Gutsbezirk Reinhardswald in Nordhessen, der übrigens eines von drei gemeindefreien Gebieten ist, die tatsächlich bewohnt sind. Beziehungsweise: Offiziell hat Reinhardswald null Einwohner, doch sind zwei Gaststättenbetreiber beim Forstamt von Reinhardshagen als im Forstgutsbezirk lebend gemeldet (nach Hessischer Gemeindeordnung fungiert der zuständige Forstbeamte als Gutsvorsteher und nimmt quasi Aufgaben eines Bürgermeisters wahr). Bizarrerweise liegt das von den beiden geleitete Ausflugslokal auch noch nahe der Grenze zu Niedersachsen, weswegen die ihnen zugeteilte Postleitzahl eine von Hann. Münden ist; zu dieser Lösung entschloss man sich Ende 2015, damit dort überhaupt Post zugestellt werden kann (ihr Wahllokal wiederum ist in Reinhardshagen, also Hessen).
Um genau solche verwaltungstechnischen Sperenzchen zu vermeiden, sind die Länder darauf bedacht, bewohnte gemeindefreie Gebiete mittelfristig aufzulösen oder wenigstens gesetzliche Grundlagen zu schaffen, die mit "der vom Grundgesetz garantierten kommunalen Selbstverwaltung und de[m] Demokratieprinzi[p]" konform gehen. Für die anderen zwei gemeindefreien Gebiete mit Einwohnern, beide in Niedersachsen, bedeutet dies, dass angedacht wird, "dass dort Einwohnervertretungen gewählt werden, die aber nur wenige eigene Entscheidungsbefugnisse haben." (Wikipedia) Um diese zwei Gebiete und manches mehr soll es beim nächsten Mal gehen, denn für heute dürfte es genug an hirnverschwurbelndem Input gewesen sein.

Samstag, 16. Mai 2020

Von Nordfries- ins Sauerland

Wir befassen uns noch einmal mit den zuletzt erwähnten Kirchspielen und machen einen Exkurs nach Schleswig-Holstein in die Zeit, als dieses eine preußische Provinz war. Im Rahmen der Einführung der Landgemeinden im Jahr 1867 gingen die Kreise Süder- und Norderdithmarschen sowie der Kreis Husum einen Sonderweg: Weil mit den dortigen eben so (Kirchspiel) genannten Gebietskörperschaften "bereits weltliche Strukturen vorhanden waren" (Wikipedia, wobei nicht erklärt wird, was das genau bedeutete), wurden aus diesen, bei räumlicher Deckungsgleichheit, kurzerhand Kirchspielslandgemeinden statt einfach nur Landgemeinden. Damit gingen bemerkenswerterweise kirchliche Verwaltungseinheiten 1:1 in politische Gemeinden über. 1934 gab es dann Neuaufteilungen und -ordnungen, Auflösungen und Eingliederungen, teilweise wurden auch ohne Gebietsveränderung aus Kirchspielslandgemeinden einfache Landgemeinden. Damit hatte jedoch nicht die letzte Stunde dieses außergewöhnlichen Wortes geschlagen: Als 1948 die Ämter (i.S.v. Bundkörperschaften aus mehreren Gemeinden, die es heute unter dieser Bezeichnung nur in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gibt) gebildet wurden, hießen diese in Dithmarschen und (zum Teil) in Husum wieder "Kirchspielslandgemeinden". Der Kreis Husum gab diese Benennung noch im selben Jahr wieder auf, doch in Dithmarschen gab es bis zur Reform von 1970 noch offiziell Kirchspielslandgemeinden. Und damit war's das immer noch nicht! Obwohl es sich nun offiziell um Ämter handelte, durften die jeweiligen Ortsnamen den vorangestellten Zusatz "Kirchspielslandgemeinde" bis 2007 behalten – und zwei tun das sogar bis heute: das Amt Kirchspielslandgemeinde Heider Umland und das Amt Kirchspielslandgemeinden [sic] Eider. Wer möchte sich das nicht in den Briefkopf schreiben!
Eine Gemeinde, die den Kirchspielbezug bereits 1934 aufgeben musste, ist das nördlich von Husum gelegene Horstedt, welches ich hier ins Feld führe, weil es heraldisch interessant ist. Der Entwurf eines neuen Gemeindewappens spaltete den Ort 2016: Der im unteren Drittel abgebildete Handschlag zweier Hände erinnerte die Bürgerinnen und Bürger an den sozialistischen Händedruck, wie man ihn vom SED-Symbol kannte. Gegen allen Protest wurde das Wappen durchgesetzt. Noch ungewöhnlicher als die zwei Hände, wenn auch nicht so ungewöhnlich wie ein Elefant, ist das, was oben links neben einem Hufeisen abgebildet ist: ein Windrad. Es befremdet mich, weil es in etwas so Altmodischem wie einem Hoheitszeichen irgendwie anachronistisch wirkt. Ein Pferd als Wappentier hätte sich angeboten, steckt doch in dem Ortsnamen Horstedt das mit engl. horse verwandte Wort dafür.
In Schleswig-Holstein gibt es viele für mich noch weiße Flecken. Sobald die Reisebeschränkungen gelockert sind, muss ich dort mal hin. In den Dutzenden Magazin-Artikeln und Online-Strecken der letzten Wochen à la "Urlaub vor der Haustür" oder "So schön ist Deutschland" taucht gerade Nordfriesland immer wieder auf. Im Stern wurde darüber hinaus diese Woche ein Gebiet vorgestellt, das ebenfalls terra incognita für mich ist: das Sauerland. Dass ausgerechnet die Stadt Schmallenberg mit einem großen Teaserfoto als Ausflugsbeispiel herhalten musste, fand ich indes unglücklich: Man sollte nicht vergessen, dass es vor SARS-CoV-2 auch schon furchterregende Viren gab ...

Mittwoch, 13. Mai 2020

Von Oldenburg nach Österreich

Im Wikipedia-Eintrag zum Feldschützen findet sich der Satz "Im Großherzogtum Oldenburg war die Funktion der Feldhüter als untere Polizeibedienstete durch eine Instruktion von 1832 verbindend für alle Kirchspiele geregelt." Kirchspiel – diese geistliche Verwaltungseinheit dürfte heute kaum jemand auf dem Schirm haben, doch begegnete mir das Wort just in Usingen (s. Eintrag vom 7.5.2020), auf dem alten Kriegstotengedenkstein vor der Eschbacher Kirche. Das "-spiel" in Kirchspiel hat nichts mit spielen zu tun, sondern mit dem alten Erbwort mit der Bedeutung "Rede" oder "Erzählung", das noch in Beispiel enthalten ist oder im englischen spell wiederklingt.
Länger gehalten hat sich der ebenfalls sehr schöne Name für ein kirchliches Gebiet, nämlich den Wirkungsbereich eines evangelischen Bischofs: Sprengel. Dessen Etymologie ist gut durchschaubar, der Sprengel war das Gefäß zum Vergießen (vgl. "Sprengen") des Weihwassers, mit dem der Geistliche quasi sein Revier markierte. Wurde der Sprengel im preußischen Geltungsgebiet 1815 durch den Bezirk ersetzt, ist er in Österreich noch unter diesem Namen maßgeblich: Der Zählsprengel etwa ist definiert als "das kleinste Gebiet, für das statistische Daten gesondert erhoben werden".
Unter den weltlichen Verwaltungseinheiten im deutschsprachigen Raum gefällt mir der Flecken sehr gut; einer meiner Lieblingstitel von Wikipedia-Listen ist "Liste der Flecken in Niedersachsen". In Niedersachsen führen nämlich nicht weniger als 50 Gemeinden diesen Zusatz. In Hessen gibt es fünf sog. Marktflecken, also Ortschaften, die zwar kein Stadtrecht, aber Marktrecht besitzen, dabei aber keine Marktgemeinden sind. Das Recht, die Bezeichnung "(Markt-)Flecken" zu führen, erlangten manche Ort(steil)e erst spät, Diesburg in Sachsen-Anhalt etwa 1998, das hessische Villmar 2002. Flecken in Österreich gab ausweislich Google Books früher hier und da, heute findet man nur noch ein Dorf, das Flecken heißt (in Tirol). Was genau ein Weiler ist, werde ich ein ander Mal recherchieren, festzuhalten bleibt alldieweil, dass mich die Unkenntnis darüber neulich arg in die Irre geführt hat ...

Sonntag, 10. Mai 2020

Von Schottland nach Oberrad

Ich habe mir kürzlich vorgenommen, mal einen Blick in das unbekanntere Werk Arthur Conan Doyles (also alles abseits von Sherlock Holmes) zu werfen, und lud mir den Roman "Das Geheimnis von Cloomber-Hall" aufs Kindle. Kostet ja nix. Darin stieß ich heute auf folgende wörtliche Rede: "Meistenteils bin ich besoffen gewesen. Sowie ich meine Pension erhalte, lege ich das Geld in Schnaps an, und so lange wie der aushält, habe ich etwas Ruhe. Wenn's alle ist, verlege ich mich aufs Fechten; teilweise um Geld zum Saufen zu erbetteln, teilweise – um Sie zu suchen."
Hihi, dachte ich, da wurde offenbar das englische fencing, was neben "Fechten" auch "Hehlerei" bedeuten kann, falsch übersetzt! Ich postete diesen Fund auf Twitter und erhielt kurz darauf folgenden Kommentar dazu: "In 'Abenteuer des Schienenstrangs' spricht Jack London auch von 'fechten gehen', wenn er betteln meint. Er bzw. der Übersetzer." Das machte mich stutzig. Ich rief "fechten" auf der Duden-Seite auf, und siehe da! Neben der Kampfsportart kann das Verb "umgangssprachlich veraltend" auch dies meinen: "[von Tür zu Tür, Haus zu Haus o. Ä. gehen und] betteln". Zur Herkunft heißt es: "rotwelsch (17. Jahrhundert), nach den wandernden Handwerksburschen, die für Geld ihre Fechtkünste zeigten". Wenig später stand ich gleich doppelt als Esel da, als ein weiterer User anmerkte, dass im Original gar nicht von fencing die Rede ist: "When I draw my money I lay it out in liquor, and as long as that lasts I get some peace in life. When I'm cleaned out I go upon tramp, partly in the hope of picking up the price of a dram, and partly in order to look for you" (Kursivsetzung von mir).

Es lohnt sich jedenfalls, ungewohnten Formulierungen, gerade in älteren Werken, nachzuspüren. Ins Leere führte meine kurze Recherche zu einer anderen kuriosen Formulierung in "Cloomber-Hall", nämlich "Wir sind keine Klutentrampler, wenn wir auch in dieser abgelegenen Gegend leben." Im Quelltext steht das nicht minder ominöse clodhoppers, was so viel wie "Bauerntölpel" bedeutet (dict.cc). Was aber sind "Klutentrampler" im ursprünglichen Sinne? Könnte es sich um ein altes Amt im Agrarbereich handeln (clod heißt u.a. "Ackerscholle")? Franz Dornseiffs wissenschaftliches Buch Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen (de Gruyter 2013) reiht "Klutentrampler" neben "Knollenfink" und "Stoppelhopser" in der Abteilung "Pflanzenanbau" als "Verwalter" ein. Die sehr wenigen anderen Google-Treffer führen in den westdeutsch-niederländischen Raum und lassen darauf schließen, dass "Klutentrampler" tatsächlich einfach ein Pejorativ à la "Bauerntrampel" ist.
Die Assoziation mit der landwirtschaftlichen Amtsbezeichnung hatte ich, weil mir kurz vorher in Dürrenmatts "Der Richter und sein Henker" (s. Eintrag vom 1.5.2020) das Wort "Bannwart" untergekommen war. Zu diesem Beruf weiß das Netz einiges. "Bannwart ist die im alemannischen Sprachraum verbreitete Bezeichnung für einen Flur-, Wald- oder Rebhüter, also eine offizielle Aufsichtsperson im ländlichen Bereich." (Wikipedia) In vielen deutschsprachigen Gebieten kannte und kennt man Personen in vergleichbaren Positionen, den "Feldhüter" etwa, den "Pfänder", den "Büttel" oder den "Feldschützen". Der Feldschütz war nie wirklich weg – und erlebt gerade in Hessen immer wieder Comebacks. "CDU und Bündnis90/Grüne haben einen gemeinsamen Antrag vorgelegt, der die Einführung des Ehrenamtes des 'Feldschütz' für die Bruchköbeler Gemarkung vorsieht", heißt es in einer Mitteilung von 2007. In Dreieich ist seit 2017 ein Feldschütz unter anderem Umweltsündern auf der Spur. Andere Bundesländer leisten sich eine "Feldstreife", die auf sommerlicher Flur Obstdiebstähle unterbinden soll.
Die jüngste Erwähnung eines Feldschützen in den Medien meiner Region ist gerade mal zwei Tage alt und hat mit der aktuellen Pandemie zu tun. Auf den Feldern des Frankfurter Stadtteils Oberrad (wo die Kräuter für die Grüne Soße angebaut werden) "ist die Hölle los", zitiert die FNP einen Kräutergärtner und fordert: "Ein Feldschütz wird auf den Feldern von Oberrad dringend gebraucht – was schon seit Jahren sonnenklar ist, ist in der Corona-Krise nochmals deutlich geworden. [...] Viele Frankfurter, die wegen der Krise tagsüber in ihrem Heimat-Stadtteil Oberrad blieben, nutzten derzeit die Felder als Naherholungsgebiet." Es kann also sein, dass das schöne (Ehren-)Amt des Schweizer Bannwarts, bzw. seiner hiesigen Entsprechung, schon bald wieder installiert wird, um Kerbel-, Borretsch- und sonstige Trampler fernzuhalten.

Donnerstag, 7. Mai 2020

Vom Taunus ins Weimarer Land

Als ich von den Eschbacher Klippen in den Ort hinab lief, passierte ich den "Landgasthof Eschbacher Katz", der leider aus Gründen geschlossen hatte (aber immerhin Mitnahmeservice anbot, welchen ich allerdings nicht nutzte). Später stieß ich über Umwege, die nur mich etwas angehen, auf die erstrangige Webseite www.ortsnecknamen.de. (Das Wort Neckname ist übrigens nicht mit dem englischen nickname kognat, aber diese etymologische Randnotiz soll ein ander Mal behandelt werden.) Dort sind den Einwohnern von Usingen, von dem Eschbach ein Stadtteil ist, gleich drei Spitznamen zugeordnet: "Katzen" (angeblich wegen eben jenes Lokals), "Buchfinken" ("Usingen ist auch bekannt als Buchfinkenstadt im Buchfinkenland. Das im Jahr 1938 durch Theo Geisel verfasste Buchfinkenlied beschreibt den Heimatbegriff, das Usinger Land im östlichen Hintertaunus"; Wikipedia) sowie "Duckmäuser" (Begründung dunkel).
Verwunderlich ist, dass ausgerechnet in diesem umfangreichen Archiv ein Ort fehlt, der auf der Wikipediaseite "Ortsnecknamen" als Beispiel angeführt ist: Die Bewohner/-innen der thüringischen Landgemeinde Niederroßla werden "Elefantenkitzler" genannt, heißt es dort. Auf ortsnecknamen.de findet sich nicht ein einziger Spitzname, der mit "Elefant-" beginnt, während beispielsweise Namen mit Eselsbezug in sonder Zahl auftauchen. Welche Beziehung soll denn auch ein deutsches Städtchen zu Elefanten haben, fragt man sich und wird erstaunt sein, wenn man auf dem Wappen von Niederroßla dies erblickt: "In Rot ein silberner Elefant, das rechte Vorderbein anhebend, belegt mit einem Schildchen ..." Die dahintersteckende Geschichte ist kurios. 
In Kürze: Zur Faschingszeit im Jahre 1857 kam eine Schaustellergruppe an die Ilm und sollte u.a. eine indische Elefantenkuh zeigen ("Riesen-Elephant Miss Baba"). Einquartiert wurde das Tier für drei Tage in den Stallungen einer Madame Burckhardt, dummerweise in der Nähe einer großen Menge Runkelrüben. An diesen tat sich der Dickhäuter gütlich, was bei ihm zu starken Koliken führte, wodurch die Weiterreise der Wandermenagerie erschwert wurde. Die weiteren Details sind widersprüchlich, fest steht, dass das Tier nahe der Flurgrenze aus seinem Wagen auf die Straße geriet, was eine Menge Schaulustiger anzog, "darunter angetrunkene Mitglieder des örtlichen Gesangsvereins, die von einer Probe kamen und die den Elefanten geärgert und gepiesackt haben sollen". Schnell war man sich darüber klar, dass die Gemeinde, in welcher der stark geschwächte Elefant verenden würde, für die Beseitigung des Kadavers zu zahlen hätte, weswegen der Menschenauflauf versuchte, ihn über die Ortsgrenze zu treiben (oder eben zu "kitzeln"). Das unglückselige Rüsseltier fand dann auch tatsächlich den Tod. Die Folgen: mehrere Rechtsstreitigkeiten, Wappenanpassung, Ehrenbürgerinnenschaft für Miss Baba sowie alle 25 Jahre ein Elefantenfest. Und ich will verdammt sein, wenn ich beim nächsten (2032) nicht live dabei sein werde!

Montag, 4. Mai 2020

Von Hessen nach London

Neulich führte mich eine Wanderung in das hübsche Städtchen Nidderau, wo es einen öffentlichen Bücherschrank gab, in dem nicht nur zufälligerweise* ein "Richter Di"-Taschenbuch lag, sondern auch eine Detektivgeschichtensammlung von Dorothy L. Sayers stand, der "British Crime Lady", die sich zeitweise in London aufgehalten hat. Jene Autorin wiederum bezeichnete als "very probably the finest detective story ever written" den Roman "The Moonstone" (dt. "Der Monddiamant") von Wilkie Collins, der in London sowohl geboren wurde als auch gestorben ist. Der Blogger von TYWKIWDBI hat vor kurzem sprachliche Besonderheiten in dieser Detektivgeschichte analysiert (wie schon bei John Dickson Carr) und unter anderem ein offenbar kaum bekanntes Getränk aufgestöbert: "... plying her confidentially with a glass of hock." 
Hock ist der englische Name eines Weißweins, der von dem hessischen Ortsnamen Hochheim am Rhein abgeleitet ist. Dass hierzulande die meisten weder von Hock noch von der zugrunde liegenden Bezeichnung "Hochheimer" gehört haben dürften, liegt daran, dass diese "nahezu ausschließlich für Exportweine im niedrigen Preisbereich verwendet" wird (Wikipedia). Doch warum gibt es im englischsprachigen Raum überhaupt ein Wort für ein Riesling-ähnliches Getränk aus dem Rhein-Main-Gebiet? Dazu muss man zwei Jahrhunderte in die Vergangenheit gehen. Keine Geringere als Königin Victoria war großer Fan der Hochheimer Weine und hat diesen zu einiger Popularität im Empire verholfen. 1845 reiste sie nach Hochheim und traf sich dort mit einem Winzer, der die Queen fünf Jahre später um Erlaubnis bat, einen neu aufgeschütteten Weinberg auf seinem Gut nach ihr zu benennen – und deshalb befindet sich dort noch heute der Königin Victoriaberg.
In Hochheim war ich noch nie, gestern jedoch in Usingen, welches mit Ersterem insofern verbunden ist, als Hochheim anno 1803 an das Fürstentum Nassau-Usingen ging. Als berühmtestes Kind der Hochtaunusstadt Usingen gilt der 1845 (!) geborene August Wilhelmj, der nicht nur einen der ungewöhnlichsten Nachnamen trug, die ich je gelesen habe, sondern vor allem als Protegé Franz Liszts und Richard Wagners als Violinist eine sagenhafte Karriere machte. Seine letzte Ruhestätte fand "der deutsche Paganini" in: London.

* erst kürzlich habe ich diese Kriminalreihe in Titanic parodiert

Freitag, 1. Mai 2020

Von Bern ins Erzgebirge

In Dürrenmatts Kriminalnovelle "Der Richter und sein Henker" heißt es über eine zentrale Figur, sie sei "gebürtig aus Pockau in Sachsen". Da ich aus Sachsen stamme, aber noch nie von diesem Ort gehört hatte, überprüfte ich, ob es sich nicht um eine Erfindung handelte. Tut es nicht. Pockau selbst ist seit 2014 keine eigenständige Gemeinde mehr, sondern Teil der Stadt Pockau-Lengefeld, welche trotz ihrer überschaubaren Größe (rund 7600 Einwohner) bis heute nicht unbedeutend ist. Das Erzgebirgsörtchen ist nämlich Hauptsitz der Lorenzianer, einer christlichen Sekte mit dem offiziellen Namen "Gemeinschaft in Christo Jesu", die mit der dortigen Eliasburg ihr Zentralheiligtum hat. Die Vereinigung mit insgesamt ca. 3800 Mitgliedern wurde 1922, also ein Jahr nach Friedrich Dürrenmatts Geburtsjahr, von Hermann Lorenz gegründet, der "sich als Vollender des Erlösungswerkes Christi" sah und dessen 1200 "Offenbarungen", die "in der Eliasburg unter Verschluss gehalten werden [, ...] faktisch einen höheren Rang als die Bibel" haben (Zitate von sekten-sachsen.de). Die Grundlage dieser Bewegung geht allerdings weiter zurück und ist die "eines konsequent eschatologisch-apokalyptischen Biblizismus und prophetischer Offenbarungen" nicht nur von Lorenz, sondern zweier weiterer Männer, die bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewirkt haben (Helmut Obst: Apostel und Propheten der Neuzeit. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2000). Details zu Lehre und Liturgie kann man auf Wikipedia nachlesen.