Montag, 4. Mai 2020

Von Hessen nach London

Neulich führte mich eine Wanderung in das hübsche Städtchen Nidderau, wo es einen öffentlichen Bücherschrank gab, in dem nicht nur zufälligerweise* ein "Richter Di"-Taschenbuch lag, sondern auch eine Detektivgeschichtensammlung von Dorothy L. Sayers, der "British Crime Lady", die sich zeitweise in London aufgehalten hat. Jene Autorin wiederum bezeichnete als "very probably the finest detective story ever written" den Roman "The Moonstone" (dt. "Der Monddiamant") von Wilkie Collins, der in London sowohl geboren wurde als auch gestorben ist. Der Blogger von TYWKIWDBI hat vor kurzem sprachliche Besonderheiten in dieser Detektivgeschichte analysiert (wie schon bei John Dickson Carr) und unter anderem ein offenbar kaum bekanntes Getränk aufgestöbert: "... plying her confidentially with a glass of hock." 
Hock ist der englische Name eines Weißweins, der von dem hessischen Ortsnamen Hochheim am Rhein abgeleitet ist. Dass hierzulande die meisten weder von Hock noch von der zugrunde liegenden Bezeichnung "Hochheimer" gehört haben dürften, liegt daran, dass diese "nahezu ausschließlich für Exportweine im niedrigen Preisbereich verwendet" wird (Wikipedia). Doch warum gibt es im englischsprachigen Raum überhaupt ein Wort für ein Riesling-ähnliches Getränk aus dem Rhein-Main-Gebiet? Dazu muss man zwei Jahrhunderte in die Vergangenheit gehen. Keine Geringere als Königin Victoria war großer Fan der Hochheimer Weine und hat diesen zu einiger Popularität im Empire verholfen. 1845 reiste sie nach Hochheim und traf sich dort mit einem Winzer, der die Queen fünf Jahre später um Erlaubnis bat, einen neu aufgeschütteten Weinberg auf seinem Gut nach ihr zu benennen – und deshalb befindet sich dort noch heute der Königin Victoriaberg.
In Hochheim war ich noch nie, gestern jedoch in Usingen, welches mit Ersterem insofern verbunden ist, als Hochheim anno 1803 an das Fürstentum Nassau-Usingen ging. Als berühmtestes Kind der Hochtaunusstadt Usingen gilt der 1845 (!) geborene August Wilhelmj, der nicht nur einen der ungewöhnlichsten Nachnamen trug, die ich je gelesen habe, sondern vor allem als Protegé Franz Liszts und Richard Wagners als Violinist eine sagenhafte Karriere machte. Seine letzte Ruhestätte fand "der deutsche Paganini" in: London.

* erst kürzlich habe ich diese Kriminalreihe in Titanic parodiert

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen