Sonntag, 31. Mai 2020

Von Braunschweig ins Commonwealth

Bei meinen Nachforschungen zum deutschen Verwaltungsaufbau habe ich nur an der Oberfläche gekratzt, aber mir ist dabei klarer als zuvor geworden, dass der Föderalismus nicht von heute auf morgen und ohne finanzielles wie rechtliches Superschwergewichtheben abzuschaffen ist. Und das ist auch gut so! Bei allen Makeln ist es doch bei einem flächenmäßig nicht eben zwergenhaften Gebilde wie Deutschland ganz klug, gewisse Dinge in die Hände von Untereinheiten zu legen; und dass die Länder administrativ eigene Süppchen kochen, macht die Küche umso abwechslungsreicher. In Hessen zum Beispiel gibt es sieben sog. Sonderstatusstädte (bspw. Wetzlar und Bad Homburg v.d. Höhe), die teilweise Aufgaben des Landkreises übernehmen. Vergleichbar sind sie mit den sieben "großen selbständigen Städten" in Niedersachsen (Celle, Cuxhaven u.a.).
Rasch muss auch noch der Begriff "Weichbild" für eine Art Bezirk eingeführt werden, der zwar heute keine politische oder sonstige Bedeutung mehr hat, aber zum Beispiel im Städteaufbau Braunschweigs fortlebt: "Die Braunschweiger Weichbilde tragen noch immer ihre alten Namen: Altewiek, Altstadt, Hagen, Neustadt und Sack. Jedes von ihnen verfügte über ein eigenes Rathaus, einen eigenen Rat, eine eigene Pfarrkirche und eine unterschiedliche Bevölkerungsstruktur." Ein Weichbild entsprach in einigen Regionen einer größeren Gemeinde mit (abgespeckten) Stadtrechten, ähnlich einer Minderstadt. Das Wort hat weder etwas mit Weichheit noch mit Bildern zu tun, aber das steht ja alles auf Wikipedia.
In den Vereinigten Staaten von Amerika gibt es bekanntermaßen auch bedeutende Unterschiede, was Gliederung, Jurisdiktion & Co. angeht. So war ich neulich bass erstaunt darüber, dass in dem im Großraum Boston spielenden Kriminaldrama "Defending Jacob" (Apple+) die Staatsanwaltschaft immer vom "Commonwealth" spricht, wenn sie sich selbst bezeichnet (im Sinne von "the state"). Stellt sich heraus, dass vier US-Staaten sich so nennen: Kentucky, Pennsylvania, Virginia und eben Massachusetts. Da spiegelt sich noch die ehemalige britische Besitzung wider, wie sich ja auch in vielen Gesetzen und Institutionen das englische common law erhalten hat (während in Louisiana bis heute Einflüsse des Code Napoléon sowie spanischen Rechts erkennbar sind). Darüber hinaus tragen die Territorien Puerto Rico und die Nördlichen Marianen den vorangestellten Namenszusatz "Commonwealth of".
Mit dem Monat Mai endet auch mein kleiner Assoziations- und Wissens-Rundgang. Ich hoffe, dieses Experiment mit etwas aufwändiger recherchierten Schwerpunktbeiträgen im Drei-Tages-Rhythmus hat euch gefallen. Im Juni geht's dann wieder weiter mit Junkfood und Todesanzeigen.

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