Mittwoch, 18. Mai 2022

Kunde null

Bei Manufactum bekam ich es heute mit einem Verkäufer in der Ausbildung zu tun, der offenbar nicht nur seinen ersten Tag, sondern seine erste Minute hatte. Ich wollte meine Ware bar zahlen, was bereits für Unsicherheit sorgte. "Wie ging das noch mal mit den Scheinen?", fragte der Kaufmann in spe seine Kollegin. Die zeigte ihm den entsprechenden Knopf auf der Kasse, der von mir gezahlte Betrag wurde eingegeben, die Wechselgeldlade öffnete sich. Der Azubi händigte mir meine Ware sowie die Quittung aus. Ich hielt inne. "Das Rückgeld noch", soufflierte ihm die Kollegin. Er überreichte mir das Wechselgeld, um Entschuldigung bittend: "Ich bin neu hier." – "Das merkt man. Dann setzen Sie sich mal schön auf den Hosenboden, junger Mann! Lehrjahre sind keine Herrenjahre", ... sagte ich natürlich NICHT. Gänzlich unpikiert gab ich mein Verständnis zum Ausdruck, indem ich meine Miene zu etwas formte, das trotz Mund-Nase-Bedeckung hoffentlich als Lächeln zu erkennen war. Lernenden soll man keine Vorwürfe machen, schon gar nicht für Unwissen oder sympathische Verpeiltheit. Viel tadelnswerter sind doch Lustlosigkeit, Spiegelfechterei und Pampigkeit vonseiten jener, die solche Jobs schon seit Jahrzehnten machen.

Montag, 16. Mai 2022

Noch ein "Lied", das wir sangen

Mein Schulfreund C. schickte mir via Telegram eine Audioaufnahme der "Backfuge" und fragte: "Kennste das noch?" Und ob ich das noch kenne! Nur hatte ich es erfolgreich verdrängt und darum nicht meiner fortlaufenden, meinem sich zunehmend verdüsternden Schulerfahrungs-Gedächtnis abgerungenen Aufzählung von Liedern, die wir im Musikunterricht gesungen haben, hinzugefügt. Die Backfuge (Bachfuge – nach einem Vierteljahrhundert fällt mir das Wortspiel auf!) ist weniger ein Lied im engeren Sinne als eine Art Abzählreim oder Klatsch-Übung, mit der das Rhythmusgefühl geschärft werden soll. 

Das Kochbuch rät:
Nimmt man Birnen, Zwetschgen, Pflaumen, schmeckt dies gut für jeden Gaumen.
Zweieinhalb Pfund Mehl.
Drei Eier, drei Eier und zwei Äpfelchen.
Rühren, schlagen, kneten, wellen und dann einen Wecker stellen.
Ab in die Glut! So ist es gut! Ab in die Glut! So ist es gut!
Rühren, schlagen, rühren, rühren, rühren.
Schmeckt dies gut, schmeckt dies gut? Schmeckt dies? Dies schmeckt!
So geht es noch eine Weile weiter. Von allen Stücken, die unsere Lehrerin uns (bis zum Umfallen!) zu performen gezwungen hat, war dies das allerbehämmertste, noch vor "Miau, miau" und dem "Rollmops". Boah, bin ich jetzt zornig.

Zuvor in diesem Blog:
Lieder, die wir sangen
Maximo Lieder (?)
Cuatro canciones


Samstag, 14. Mai 2022

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Bemerkenswert, dass meine zwei Favoriten in dieser Runde in schwarz-weiß gedreht wurden.

Glass
Während das (tadellose) Multiple-Persönlichkeits-Mystery "Split" auch als Stand-alone-Thriller funktioniert, würde ich empfehlen, "Glass" erst zu schauen, nachdem man sowohl Erstgenanntes als auch "Unbreakable" gesehen hat, bildet es doch das Finale von Shyamalans von ihm so genannter "Eastrail-177-Trilogie". Tatsächlich wurde ja erst in der letzten Szene von "Split" klar, dass da ein Bogen zu "Unbreakable" geschlagen wurde – ein Bogen, den man etwas bemüht finden konnte, dessen Konklusion ich dann aber doch befriedigend fand. Ohne zu viel verraten zu wollen: Es wird nun endlich aufgeklärt, ob etwas Übernatürliches im Spiel ist, ob wir es mit "Superhelden" zu tun haben. Um übermenschliche Charaktere geht es so oder so, und wie ein Comicheft muss man diesen Film denn auch begreifen und konsumieren. Viele der zunächst eigenwillig erscheinenden Kameraeinstellungen sind als "Panels" zu lesen, die teils scheinbar holprigen Dialoge hat man sich in Sprechblasen gelettert vorzustellen. Wenn man so herangeht, kann "Glass" trotz vereinzelter Längen reichlich Spaß machen. Der gelungene Soundtrack tut sein Übriges.

Belfast
Auch in diesem vielfach gelobten und filmpreisnominierten Schmuckstück trägt die Musik (Van Morrison!) zur Gesamtatmosphäre bei. In stimmigem Schwarz-Weiß und durch die Augen eines Kindes entsteht ein period piece, für dessen Glaubwürdigkeit Autor und Regisseur Kenneth Branagh qua eigener Biographie bürgt. Der in Belfast aufwachsende Junge ist eine Version des Filmemachers selbst. Somit gelingt "Belfast" der Spagat zwischen Historiendrama, bei dem man einiges über den Nordirlandkonflikt in den Sechzigern lernt, und Familiengeschichte. Ganz toll übrigens: Ciarán Hinds ("Game of Thrones", "The Terror") als Großvater.

Pig
Was ich erwartete: Nicolas Cage zieht als eine Kreuzung aus John Wick und ... äh, Nicolas Cage in einen Ein-Mann-Kreuzzug und den Entführern seines geliebten Trüffelschweins die Hammelbeine lang. Mit diesem Plot und einer auf den Hauptdarsteller zugeschnittenen Umsetzung wäre ich zu 100 % an Bord gewesen.
Was ich bekam (leichter Spoiler): Nicolas Cage, dessen Trüffelschwein tatsächlich entführt wird, verlässt die Abgeschiedenheit seiner Waldhütte, um seine tierische (sowie beste und einzige) Freundin wieder- und gewissermaßen sich selbst zu finden. Blutige Rache spielt praktisch keine Rolle. "Pig" ist im Kern eine sensible Außenseiter-Fabel, im Fleisch eine Satire über die Auswüchse postmoderner Gastronomie, und nur auf der Hülle trägt es den Schmutz von Survival-Parforce-Ritten wie "The Revenant" und "First Blood". Mit Rambo gemein hat der von Cage verkörperte Einsiedler zumindest die eindrückliche Wortkargheit.
Ein beachtliches Debut (Regisseur und Co-Autor: Michael Sarnoski)!

Picknick mit Bären (OT: A Walk in the Woods)
Ging es bei "Pig" vom Wald in die Zivilisation, ist es bei "A Walk in the Woods" anders herum. Ein in die Jahre gekommener Reiseschriftsteller (Robert Redford) langweilt sich in seinem Ruhesitz in New Hampshire und will es noch einmal wissen. Gemeinsam mit einem Freund, der für dieses Unterfangen noch weniger geeignet scheint (herrlich abgefuckt: Nick Nolte), meistert er den Appalachian Trail und trotzt dabei Witterungen, nervigen Mitwandernden und nicht zuletzt Grizzlys.
Bei dem im Mittelpunkt stehenden Autor handelt es sich übrigens um Bill Bryson, von dem ich schon das ein oder andere Buch gelesen habe, das gleichnamige von 1998, auf dem dieser Abenteuerfilm von 2015 basiert, jedoch nicht. Erwartbar amüsant und mitreißend wird die Geschichte erzählt. "Picknick mit Bären" ist ein perfektes Sonntagnachmittagsvergnügen für die ganze Familie, wobei es hin und wieder verbal etwas derb zur Sache geht.
Inszeniert hat das Ganze Ken Kwapis, den ich von diversen Serien kenne ("The Office", "One Mississippi", "Happyish"). Zu dem namhaften Hauptdarsteller-Duo gesellen sich u.a. Nick Offerman sowie die "The Last Man on Earth"-Schauspielpartnerinnen Kristen Schaal und Mary Steenburgen.

Old
Eine weitere Arbeit von M. Night Shyamalan in dieser Rückschau! Dabei handelt es sich allerdings, so leid es mir tut das zuzugeben, um eine seiner schwächsten. Ich vermag nicht zu sagen, wie viele der zu beanstandenden Punkte – allen voran das wirklichkeitsferne Verhalten der Protagonisten und die verschrobenen Dialoge – auf das Konto der Vorlage gehen, einer Graphic Novel aus der französischen Schweiz. Diese hat der Suspense-Meister allerdings mit anerkennenswertem Gespür gewählt, denn sowohl die Prämisse als auch der durchaus clevere Twist™ könnten genauso gut der Fantasie von Shyamalan himself entsprungen sein. Viel zu oft jedoch haben mir der deplatzierte Humor und das erwähnte erratische Agieren der an einem Strand mit beschleunigtem Zeitablauf Gefangenen die Petersilie verhagelt, zumal die Mimen wie frisch an der Schauspielschule eingeschrieben wirkten; einzig Rufus Sewell ("The Man in the High Castle") brachte ein wenig Professionalität rein, zumindest in jenen Szenen, in denen das Drehbuch ihm keine andere Wahl ließ, als sich wie ein Clown aufzuführen.
Die 5,8 Punkte auf der ansonsten nicht sonderlich gnädigen imdb sind meiner Ansicht nach zu viel. Aber man soll auch loben, wo Lob fällig wird: Der Schauplatz evoziert Fernweh und wohlige Erinnerungen an "Lost", die Auswirkungen des rätselhaften Phänomens werden konsequent durchgespielt, und die Kameraführung ist gewohnt superb.

Der Goldene Handschuh
In der Literaturvorlage, welche einen gleichwohl viel beachteten "Ausreißer" im Strunkschen Gesamtwerk bildet, gibt es exakt eine komische Stelle, Stichwort Hafenrundfahrt. Ein Feuerwerk norddeutschen Schnacks und erbärmlicher Peinlichkeit: Darüber musste ich damals herzhaft kichern und war dankbar über diesen Einschub "zum Runterkommen". Denn klar: Den realen Begebenheiten, die wiederum dem (sorgsam recherchierten) Buch zugrunde liegen, lassen kaum Witz und Alberei zu. Dass es dem ab 18 freigegebenen Spielfilm "Der Goldene Handschuh" gelungen ist, mich mehr als einmal zum Auflachen zu bringen, ist Regisseur Fatih Akin hoch anzurechnen. Mein Lachen war dabei allerdings ein gequältes, eine Übersprungshandlung, ein Reflex, der ausdrückte, dass ich das alles nicht fassen konnte, was dort gezeigt wurde: die durch und durch verrottete Parallelwelt einer Hamburger Siffkneipe der Nachkriegszeit; ein Panoptikum menschlichen Elends; unrettbar gescheitertes Personal – the lowest of the low. (Habe ich schon erzählt, dass auch ich einmal im "Handschuh" gelandet bin? Und ich kann mich nicht mehr daran erinnern! Und Heinzer war dabei. So muss das!)
Was außerhalb der Bar stattfindet, erzeugt noch mehr, regelrecht physisch spürbaren, Ekel und ist überhaupt nicht zum Schmunzeln. An Blut und Körperlichkeit und Misshandlungs-Nachstellung wird nicht gespart. Die abartig zynischen Heile-Welt-Schlager geben einem den Rest. Man überlege sich vorher, ob man sich das antun will. Ich habe es trotzdem nicht bereut. Jonas Dassler als Fritz Honka ist eine Wucht.

Der Alpinist
Strecken(!)weise schwer erträglich ist auch (Ich bin heute in Überleitungs-Laune!) diese Kletter-Doku über den kanadischen Free-Climber Marc-André Leclerc. Wenn man wie ich unvorbereitet an diese Erfahrung geht, erwischt es einen womöglich zweifach. "The Alpinist" hat mir besser gefallen als "Free Solo" (2018) und hat noch beeindruckendere Aufnahmen zu bieten. Warum Menschen ungesichert glatte Felswände hinaufkraxeln oder gar unberechenbare Eisfälle und -formationen bezwingen, will sich mir nicht erschließen.

Der Rausch
Von Mads Mikkelsen wird man nie wirklich enttäuscht. In dieser mehrfach ausgezeichneten Produktion aus seinem Heimatland (Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2021) ist es denn abermals seine einnehmende Aura, die so manche Unzulänglichkeit überspielt. Diese Studie über Alkohol und Midlife-Crisis hätte von mir aus etwas ulkiger sein können. Die Dänen verstehen es doch normalerweise, Tragik und Komik gekonnt zu verquicken. Aber wir wollen nicht jammern! "Druk", so der Originaltitel, der laut Wikipedia "Komasaufen" bedeutet, hat was zu sagen und wartet mit einem starken Ensemble auf.

Nebraska
Bereits 2013 erschien abseits des Mainstreams dieses Roadmovie, in dem Will Forte (demnächst im Serientagebuch: "MacGruber") sich von seiner ernsten Seite zeigt. Als nicht mehr ganz so junger Mann mit mäßig spannendem Leben fährt er seinen tattrigen Vater (Bruce Dern) eher widerwillig von Montana nach Nebraska, weil dieser glaubt, den Hauptpreis aus einem eindeutig als Bauernfängerei zu erkennenden Gewinnspiel abholen zu dürfen.
Die sensible Vater-Sohn-Parabel, bei der übrigens Bob Odenkirk als Dritter im Bunde mitmischt, setzt nicht auf erwartbare Turbulenzen, enthält aber durchaus lustige Momente. Vor allem wird ein gleichermaßen zurückhaltendes wie intimes Portrait des ruralen Amerikas gezeichnet, und das liebe ich ja.

My Son
Improvisation abseits von Comedy betrachte ich mit Argwohn, seit ich einen "Experimental-'Tatort'" gesehen habe, bei dem der Verzicht auf ein Drehbuch sich als überhaupt nicht förderlich erwies. Bei allem Respekt vor dem Beruf: Es gehört nun einmal nicht zur primären Aufgabe oder Kompetenz eines Schauspielers im dramatischen Fach, Zeilen zu erfinden, as the story unfolds.
Bei "My Son" stört das Gimmick nicht, möglicherweise deshalb, weil nur einem Beteiligten das Script vorenthalten wurde, zudem einem recht fähigen, nämlich Hauptdarsteller James McAvoy. "This was done to capture the authentic shock and surprise a parent would experience when dealing with a traumatic event." (imdb) Bei jenem traumatischen Ereignis handelt es sich um eine Kindesentführung, was ausreichend Spannung garantiert. Ein paar Anklänge an die britisch-französische Serie "The Missing", hübsche Farbfilter, Claire Foy als Co-Darstellerin, ansonsten nothing to write home about. (Die Häufung von Anglizismen ist ein zuverlässiger Indikator dafür, dass mein Schreibzentrum allmählich ermüdet. Insofern bin ich froh, dass eine weitere "Zehn Filme"-Ausgabe an dieser Stelle endet.)

Freitag, 13. Mai 2022

Keiner Fliege was zuleide?

Im Abspann der Miniserie "Why Didn't They Ask Evans?" (hier besprochen) fiel mir etwas auf.


In der obligatorischen Beteuerung, dass während des Drehs keine Tiere zu Schaden gekommen sind, wird hier explizit darauf hingewiesen, dass dies auch auf Insekten zutreffe: "No insects or animals were harmed". Die gelegentliche Unterscheidung von Insekten und Tieren in der englischen (Umgangs-)Sprache fand ich schon immer befremdlich. Wie im Deutschen umfasst die Definition von "Tier" = animal selbstverständlich auch die extrem artenreiche Klasse der Insekten, dennoch kommt die Frage "Are insects animals?" regelmäßig auf.

Abgesehen von der eigenwilligen sprachlichen Sonderbehandlung der Kerbtiere finde ich den Disclaimer reichlich großspurig. Es kann mir doch niemand versichern, dass während der gesamten Produktion keine einzige Ameise zerquetscht wurde. Oder ein noch kleineres Tierchen versehentlich getötet wurde. Der Stab wird ja nicht exklusiv aus Jains bestanden haben, die gemäß dem Prinzip der absoluten Gewaltlosigkeit (ahiṃsā) stets einen Handfeger bei sich tragen, um Kleinstlebewesen vom Set zu fegen, auf dass diese nicht zertreten werden.

Da fällt mir ein, dass ich einmal die Möglichkeit hatte, bei den Spezifikationen für die Bordmahlzeit auf einem Langstreckenflug "Jain meal" zu wählen. Davon machte ich Gebrauch. Die Speisevorschriften im Jainismus lauten, kurz: Kein Fleisch, kein Honig, keine Eier und nichts, was unter der Erde wächst (also auch keine Zwiebeln, was ganz in meinem Sinne ist). Über den Grund für Letzteres gibt es verschiedene Aussagen. Manchmal heißt es, weil man beim Herausziehen von Wurzelgemüse und ähnlichem im Boden lebende Tiere verletzen könnte; manchmal, dass eine Wurzel zu essen bedeute, der restlichen Pflanze das Weiterleben zu verunmöglichen; schließlich, dass der Verzehr von Knollen und Wurzeln sich verbiete, weil in diesen besonders viele Seelen leben würden. Wahrscheinlich trifft alles zu. Jegliches Leben ist, wie gesagt, den praktizierenden Jains heilig. Das geht so weit, dass einige von ihnen vermeiden, im Dunkeln zu speisen, weil sie dann nicht sehen, ob Insekten an der Nahrung haften und mitgegessen werden könnten. Auch tragen sie selbst in Nicht-Corona-Zeiten einen Mundschutz, um nicht aus Versehen eine Mücke o.ä. einzuatmen. Am besten gefällt mir die jainistische Untergruppe der Digambaras, der "Luftbekleideten". Anhänger dieser Schule verzichten auf Kleidung, sie sind immer nackt. Aber das hat mit Essen und Käfern nur noch am Rande zu tun, weswegen der Beitrag hier endet.

Dienstag, 10. Mai 2022

Die drei ??? und das Rätsel des Rätsels

Ich möchte eine Absonderlichkeit anzeigen, die mir in meinen gut zwanzig Jahren als passionierter Kreuzwortrater noch nicht untergekommen ist. Im "großen Winterrätsel" des Dresdner Wochenmagazins DAWO! vom 12./13. Februar 2022 sind zwei Fragefelder vertauscht worden. Beim Ausfüllen hatte ich mir den Kopf zerbrochen: Was soll das für ein Verb sein, das auf -gt endet? Und dieses vermeintliche Adjektiv kam mir auch extrem dubios vor ... Beim nochmaligen Durchgehen der gesamten Seite fiel mir der Fehler dann letzte Woche auf.




Wie kann so etwas passieren?

Sonntag, 8. Mai 2022

Die große Knöpfli-Gönnung

Ein ausgesprochener Anhänger der Improvisationsküche werde ich in diesem Leben nicht mehr. Gewiss, nicht an jedes Rezept halte ich mich sklavisch (vgl. die in diesem Blog vorgestellten Gerichte), aber ich vertraue meinen Kochkünsten zu wenig, um mich allzu weit von vorgeschriebenen Pfaden zu entfernen. Außerdem habe ich in den seltensten Fällen genügend Reste und Grundzutaten im Haus, um daraus "was zu zaubern".

Es kommt aber vor, dass ich planlos in den Supermarkt gehe und mich vom Angebot inspirieren lasse.* Und so begab ich mich kürzlich, weil ich die zwei Tage davor aushäusig diniert hatte und zum richtigen Kochen zu faul war, ohne Einkaufszettel zu Tegut. "Irgendwas für ein simples Drei-Komponenten-Mahl werde ich schon entdecken", sagte ich mir. In der "Letzte Chance, alles muss raus!"-Abteilung, die es schönerweise in den meisten Kaufhallen mittlerweile gibt, lagen diverse Produkte, die um 50 % preisreduziert waren, weil ihr Mindesthaltbarkeitsdatum beinahe erreicht war, darunter: Knöpfli von Burger in der 500-Gramm-Packung und veganes Hack von Rügenwalder. Hmmm, könnte man das nicht kombinieren, dachte ich und nahm beides mit. Da traf es sich, dass diese Woche auch noch "Maggi Fix für Tomaten-Bolognese" im Angebot war. Diese Tütenmischungen haben heutzutage einen Nutri-Score von B und enthalten "100 % natürliche Zutaten", können also durchaus ohne schlechtes Gewissen gekauft werden.

Zu Hause schuf ich dann binnen weniger Minuten eine Mahlzeit, die es vom Prädikat "krankhaft geil" her locker mit meinen legendären Hollandaise-Erbs-Fusilli aufzunehmen vermochte. Die "Hackfleisch"-Maggi-Soße dickte ich mit einem Esslöffel Mascarpone, den ich von einer Back-Session übrig hatte, an, peppte sie mit Knoblauch und ein paar Spritzern Chili auf, vermengte die Masse mit den Knöpfli und rieb (nicht zu viel) Appenzeller darüber. Ansehnlich war der Schlonz nicht gerade, weswegen ich euch ein Foto erspare, aber ich schwöre: So ein sättigender Guilty-pleasure-Schmaus ist mir schon lange nicht mehr auf den (tiefen) Teller gekommen! Zwei Tage konnte ich davon schlemmen, eine Portion hat mich nicht einmal 2,- Euro gekostet.

* Im "Jeopardy!"-Thread des Something-Awful-Forums schrieb neulich jemand bezüglich der Frage, mit welchem Fun fact man sich in der Vorstellungsrunde präsentieren würde: "To be honest, I'd probably run with something like 'I plan my grocery shopping around going down Aldi's Aisle of Shame'."

Freitag, 6. Mai 2022

Ausflug ins Kinzigtal

Schon vor ein paar Wochen unternahm ich eine Tagestour in einen mir bis dahin unbekannten Bereich des Spessarts. Zwischen Alsberg, was ein Stadtteil von Bad Soden-Salmünster ist, und jenen beiden Stadtteilen, die der 1974 vereinten Gemeinde ihren Doppelnamen geben, lässt sich's abwechslungsreich wandern: von schroffer Weidelandschaft an Stoppelfeldern vorbei, durch gemütlichen Fichtenwald hin zu "urwaldartiger Vegetation", schließlich nahe dem Klingbachtal zum Naturschutzgebiet Waldweiher. Konkrete Routenvorschläge mag ich nicht geben, die findet man zur Genüge im Netz (ich folgte freilich wieder den unbezahlbaren Tipps Thomas Kleins). Hier ein paar Eindrücke:


Pferde waren regelmäßige Beobachter meiner Unternehmung ...


... aber so gut wie die einzigen, denn ...


Menschen kamen mir angenehmerweise nicht entgegen.


Wohl aber einen Fisch passierte ich.

Das aparte Wallfahrtskirchlein Heilig Kreuz habe ich nicht betreten, aber wenigstens den Friedhof rechts daneben. In Alsfeld habe ich dann auch ein paar Einheimische gesehen. Man befindet sich hier übrigens im Bistum Fulda. 


Das ruhige, dichte Waldstückchen mit dem "Jägers-Heiligen" war der feinste Abschnitt. Was es mit dem Bildstock auf sich hat, erklärt eine am Baum daneben angebrachte lyrische Kostbarkeit (zum Vergrößern Bild klicken):


Auf der Lichtung konnte ich an einem von Bänkchen flankierten Tisch meine Jause einnehmen. Nahe dem beliebten Ausflugsgebiet Hirschbornteiche gab es ein Kneippbecken (natürlich trocken liegend, wie fast immer). 

In den drei Seen selbst hätte ich nicht baden wollen, auch wenn eine Art Sping-Planke dazu einlud:


Ich glaube, das hier ist der größte der Hirschbornteiche:

In dem oben erwähnten Waldweiher liegt zu meiner Freude eine Binneninsel, die auf dem Foto, das ich davon gemacht habe, allerdings nur schlecht zu erkennen ist.

Mittwoch, 4. Mai 2022

Was vom Tiere übrig blieb

Gesetze, und das ist auch gut so, ändern sich, sind stetiger, an sich wandelnde Einstellungen und ungeschriebene Normen ausgerichteter Beurteilung ausgesetzt und müssen gegebenenfalls vor der aktuellen gesellschaftlichen Hintergrundstrahlung neubewertet werden. Das Recht schreitet dabei nicht geradlinig in eine Richtung, es macht leider hier und dort Rückschritte, man schaue nur auf gewisse Weltgegenden mit sich religiös radikalisierenden Regierungen – oder auch bloß in die sogenannte Free World (Stichwort Roe v. Wade).

Bleiben wir in Deutschland. Als ich gestern dem Wikipedia-Artikel des Tages folgte, landete ich irgendwann bei "Tierkörperverwertung" (Rat: Nicht vor dem Frühstück lesen!), dessen Abschnitt "Rechtlicher Hintergrund in Deutschland" ich entnahm, dass seit 2017 die Möglichkeit der Pferdebestattung besteht. Das finde ich aus mehreren Gründen beachtlich. Zum einen streift die historische Praxis, Pferde zu beerdigen, ein Fachgebiet von mir (tatsächlich werde ich im Wiki-Eintrag zu Pferdekult mehrmals zitiert); die präferierte und einzig gangbare Form ist heute allerdings nicht die Erd-, sondern die Feuerbestattung, so dass künftige Generationen keine Skelettreste aus unserer Epoche freilegen und daraus kulturanthropologische Schlüsse werden ziehen können. Zitat: "Stand Anfang 2022 gibt es in Deutschland drei zugelassene Pferdekrematorien mit vier Standorten. Darüber hinaus sind Anbieter aus Frankreich und den Niederlanden aktiv, die auch aus Deutschland in ihre Krematorien im Ausland überführen. Nur die Feuerbestattung im Krematorium ist für Equiden zulässig." (Von Equiden spricht das Tierische Nebenprodukte-Beseitigungsgesetz [TierNebG] und bezieht sich somit nicht nur auf Pferde, sondern auch auf Zebras, Esel usw.)

Zum anderen scheint mir die Vorschrift im Hinblick darauf, was ich in der obigen Einleitung ansprach, bemerkenswert. Warum haben wir plötzlich das Bedürfnis, tote Pferde nicht mehr einfach zu beseitigen, sondern ihnen eine Behandlung wie unseresgleichen angedeihen zu lassen? Versetzt man sich in die Volksseele der westlich-durchindustrialisierten Zivilisation und speziell der deutschen vor sagen wir fünfzig Jahren hinein, muss man sich auf dem Standpunkt wähnen, dass Tiere nichts anderes als Produkte, Werkzeuge, letztlich Glieder einer Verwertungskette sind. Der Mensch lebt nicht neben dem Tier, er hat sich über es erhoben und kennt es nur mehr als Nutz-Wesen. Seit etlichen Jahren erleben wir aber eine Kehrtwende im Denken, wir haben erkannt, dass wir auf Tiere nicht nur wegen ihres Fleisches, ihres Fells etc. angewiesen sind, zudem liefert die Wissenschaft immer neue Erkenntnisse bezüglich der Empfindungen und kognitiven Fähigkeiten tierischer Geschöpfe. Die Folgen sind gesteigerte Empathie und als Konsequenzen der Siegeszug des Vegetarismus, Bewusstsein für Umweltschutz, bessere Behandlung von Vieh und manches mehr, was sich eben auch in Gesetzestexten widerspiegelt. Um das klarzustellen: Ich verstehe das nicht als "Rückschritt", ganz im Gegenteil. Auch darf man den geweiteten Blick auf unsere mehrbeinigen Freunde nicht mit verkitschter Hundeliebe gleichsetzen. Zumal die emotionale Nähe zum (Haus-)Tier ja nicht kontinuierlich abgenommen oder auf niedrigem Niveau stagniert hatte, bevor sie im Post-Industriezeitalter (?) sprunghaft anstieg. Immer wieder hegten Völker und Individuen besondere Verhältnisse zu (domestizierten) Viecherln, davon zeugen nicht zuletzt ehemalige Schindäcker wie der, in dessen Nähe ich wohne. Langer Rede kurzer Sinn: Man sollte sich ruhig mal in den Komplex Tierfriedhöfe & Co. einlesen.

PS: Gestern habe ich "The Northman" im Kino gesehen und mich sehr gefreut, dass darin ein altnordisches Pferdeopfer dargestellt wird.

PPS: Im Zusammenhang mit Tierkörperverwertung lernte ich das schöne Wort Knickei kennen. Das sind Hühnereier mit Rissen oder Bruchstellen in der Schale. "Bis in die 1980er Jahre konnte der Konsument auf Anfrage bei Bauernhöfen, die ihre selbsthergestellten Produkte verkaufen, noch Knickeier erhalten. Diese waren im Preis stets stark reduziert [...]. Bis 2004 unterschied man Eier der Güteklassen B und C. [...] Eier der Güteklasse C [waren] stark beschädigt und nicht für die Lebensmittelindustrie zugelassen [...]. Mit Zusammenführung der Güteklassen B und C dürfen Knickeier derzeit, wie alle anderen Eier der Güteklasse B, nur noch an die Lebensmittelindustrie und zur industriellen Weiterverarbeitung u. a. zu kosmetischen Produkten verkauft werden."

PPPS: Dass ich an anderer Stelle erfuhr, dass Mikrowellen bis 1988 bei der Deutschen Bundespost angemeldet werden mussten, hat zwar nur am Rande mit all dem zu tun, ist aber zu kurios, um es hier nicht zu erwähnen.

Montag, 2. Mai 2022

Serientagebuch 04/22

01.04. This Is Us 6.09
Family Guy 20.16
Doctor Who 13.04
03.04. The Marvelous Mrs. Maisel 4.03
The Marvelous Mrs. Maisel 4.04
04.04.
The Marvelous Mrs. Maisel 4.05
The Marvelous Mrs. Maisel 4.06
05.04. Our House 1.01
Our House 1.02
The Legend of Vox Machina 1.01
06.04. This Is Us 6.10
The Legend of Vox Machina 1.02
07.04. This Is Us 6.11
Our House 1.03
Our House 1.04
08.04. The Cafe 1.01
The Cafe 1.02
The Cafe 1.03
Doctor Who 13.05
11.04. The Simpsons 33.17
The Legend of Vox Machina 1.03
12.04. The Cafe 1.04
13.04. The Legend of Vox Machina 1.04
15.04. Why Didn't They Ask Evans? 1.01
16.04. The Cafe 1.05
17.04. Why Didn't They Ask Evans? 1.02
18.04. Why Didn't They Ask Evans? 1.03
19.04. Doctor Who (Classic) 24.2.1
Doctor Who (Classic) 24.2.2
Doctor Who (Classic) 24.2.3
Doctor Who (Classic) 24.2.4
20.04. The Legend of Vox Machina 1.05
This Is Us 6.12
24.04. The Marvelous Mrs. Maisel 4.07
25.04. The Marvelous Mrs. Maisel 4.08
26.04. The Cafe 1.06
Doctor Who (Classic) 24.3.1
Doctor Who (Classic) 24.3.2
Doctor Who (Classic) 24.3.3
27.04. The Simpsons 33.18
Servant 3.01
Servant 3.02
28.04. This Is Us 6.13
The Cafe 2.01
Doctor Who 13.06
30.04. This Is Us 6.14
The Cafe 2.02
The Legend of Vox Machina 1.06

Eine getrennt von ihrem Mann lebende Frau kommt eines Tages in das noch gemeinsam genutzte Haus heim, nur um zu erleben, wie dieses gerade von einem jungen Paar bezogen wird, Kaufvertrag mit allem Zipp und Zapp liegt vor. Das ist die enigmatische Ausgangssituation des Romans Our House von Louise Candlish, der jetzt als Vierteiler für ITV u.a. mit Martin Compston ("Line of Duty") verfilmt wurde. In Rückblenden wird geschildert, wie es dazu kommen konnte. Es gibt etliche Eskalationen, und man fragt sich bereits in der zweiten Folge, wie sich noch irgendetwas zum Guten wenden könnte. Das so emotionale wie spannende Drama spielt in London, wobei auch jede andere Mittel- oder Großstadt als Kulisse hätte herhalten können.
(PS: Die imdb-Userkritiken sind brutal, wobei der am häufigsten vorgebrachte Einwand lautet "Wie zum Teufel können die sich so eine Hütte mitten in London leisten???", haha.)

An der Küste von Wales wiederum (allerdings teilweise in England gedreht) spielt der Agatha-Christie-Klassiker Why Didn't They Ask Evans?, der in drei Parts von keinem Geringeren als Hugh Laurie neu aufgelegt wurde. Ich bin mit Lauries komödiantischem Schaffen nicht vertraut, kenne ihn wie wohl die meisten hierzulande nur als "Dr. House", aber tatsächlich blitzt in dem auch ansonsten superben Drehbuch der ein oder andere Funke Humor auf. Außerdem überzeugt Laurie in der kleinen Rolle, die er sich selbst gegeben hat, ebenso wie der übrige Cast um den unfreiwilligen Hobby-Detektiv (Will Poulter), darunter Conleth Hill und Morwenna Banks. Am besten gefiel mir Lucy Boynton als mitermittelnde Down-to-earth-Landadelige. Das Kriminalrätsel wird adäquat aufgedröselt, ganz einfach ist es jedoch nicht: Ich musste in der letzten Folge ein paar Mal zurückspulen, um wirklich alles zu begreifen.

Zwei Serials aus der 1987 gelaufenen 24. Classic-Staffel von Doctor Who konnte ich diesen Monat abarbeiten. "Paradise Towers" war das schwächere. Es krankte an einem heillos überfrachteten Cast, einem meist passiven Doktor (Sylvester McCoy), albernen Sprachspielereien, noch alberneren Schauspielereien und wie so oft an Monstern, die jeglicher Bedrohlichkeit entbehren, weil man ihnen realistischerweise durch das Manöver Einen Schritt zur Seite gehen ausweichen könnte. Zu loben ist das Setdesign: Der titelgebende Wohnturm vermittelt ein gefälliges Dystopie-Feeling, wie es für vergleichbare Film-Szenarien aus dieser Ära typisch ist, man denkt des öfteren an "Blade Runner" und "Judge Dredd". Und immerhin werden positive Werte vermittelt; Zusammenhalt sowie Angstakzeptanz und -überwindung führen letztlich zum Sieg des Guten über das Böse.
Der direkt anschließende (in der Folgewoche von ONE ausgestrahlte) Dreiteiler "Delta and the Bannerman" hingegen hat mich durch und durch zufriedengestellt. Ich hatte zu dieser Folge sogar schon eine Podcast-Besprechung gehört und wusste, dass sie nicht unumstritten ist, aber für mich funktioniert in "Delta und die Bannermänner" alles. Zwar gibt es auch hier beinahe zu viele Haupt- und Nebenfiguren, diese sind aber allesamt fein ausgearbeitet, pläsierlich besetzt und haben Aufgaben und Funktionen. Auch der Siebente Doktor bekommt endlich jede Menge zu tun und erreicht zeitweise einen Tatendrang, der an die Quirligkeit eines Patrick Troughton erinnert. Die Schauwerte überzeugen, die Locations sind stimmig (und wechseln einander in einem Tempo ab, dass einem schwindelig wird), der Oberbösewicht darf richtig schurkenhaft agieren (wobei der Bodycount schon fast grenzwertig für diese Serie ausfällt), dazu gibt es einen herrlichen 50er-Jahre-Soundtrack, kurzum: "confident, slick, and hugely enjoyable from beginning to end" (The Doctor Who Discontinuity Guide). Bonus-Erkenntnisgewinn (den ich schon aus dem erwähnten Podcast mitgenommen hatte): Holiday camps wie das hier dargestellte Ferienresort "Shangri-La", für das Barry Island in Wales als Kulisse diente, waren jahrzehntelang tatsächlich ein Ding in Großbritannien.

An der vierten Season von The Marvelous Mrs. Maisel hätte ich allenfalls zu beanstanden, dass zu wenige der zahlreichen offenen Handlungswollknäuel aufgewickelt werden; nach dem letzten Abspann ruft man unweigerlich: "Och Menno, das kann nicht alles gewesen sein, es ist doch noch so viel ungelöst!" Aber klar, für die (hoffentlich 2023 kommende) Finalstaffel muss man sich ja noch etwas aufheben ... Ich hoffe bloß, der angestaute Konfliktballast wird nicht während der Pause kommentarlos über Bord geworfen.
Mit einer Sache, die mir ganz am Anfang gelegentlich sauer aufgestoßen ist, habe ich mich inzwischen arrangiert: dass die Maisel-Welt vollkommen überzeichnet ist. Spätestens mit der jüngsten Einführung eines Bühnenmagiers und dessen fantastischen Tricks haben die Showrunner Amy Sherman-Palladino und Daniel Palladino klargemacht, dass wir es hier nicht mit einem historisch korrekten period piece zu tun haben (wobei es einige interessante Verweise auf reale Geschehnisse und Personen der Zeitgeschichte gibt), sondern eben um eine fabelhafte (marvelous) Nummernrevue mit überbordender Freude an Verspieltheit, Karikaturhaftigkeit und Sich-selbst-nicht-allzu-ernst-nehmen. Menschen reden nicht so druckreif-pointiert, sie gestikulieren nicht so wild, und ein solches bunt schillerndes, gelecktes Nachkriegs-New-York, in dem die stets gut gelaunten und bombig gekleideten Menschen weder Armut noch Rassismus kennen, hat es garantiert nie gegeben. Egal! Das hier ist Varieté, das ist ein Musical ohne Songs, und die Ausstattung und die scharfen Dialoge entschädigen für vieles.

Hinweis: "The Cafe" soll, obschon ich bereits eine Staffel abgeschlossen habe, erst nach dem Ende der zweiten und letzten Staffel als Gesamtwerk beim nächsten Mal besprochen werden. Und auch wenn der "Flux"-Arc von "Doctor Who" bereits geschafft ist, möchte ich die 13. "New Who"-Staffel nicht ohne die zwei bereits gelaufenen Einzel-Specials behandeln. (Ob ich die für Ende des Jahres geplante Regenerations-Folge dann in meinen Season-14-Watch inkludiere, muss ich noch entscheiden.)

Samstag, 30. April 2022

Tag der Ofentür

Es gibt Rezepte, die gleichermaßen einfach und aufwendig sind: Die einzelnen Schritte erfordern keine abgeschlossene Kochlehre, ziehen sich aber in die Länge und ermüden daher Körper und Geist. Das folgende Rezept fällt in diese Kategorie, und insbesondere die anspruchslose Tätigkeit des Zerschnibbelns nimmt hier einen großen Part ein, kann aber auch kontemplativ wirken. Man plane gut und gerne zwei Stunden für die Zubereitung ein. Es handelt sich um ein Rezept der australischen Kochseite taste.com.au, das ich ein wenig abgewandelt habe und das drei normalgroße Portionen ergibt.

Los geht's mit der angesprochenen Fitzelarbeit. Wir zerkleinern vier Frühlingszwiebeln, die Stiele (fein) von einem halben Bund Petersilie sowie die Blätter davon (grob). Außerdem können wir schon mal eine Zucchini in mundgerechte Stückchen würfeln. In einer großen Pfanne erhitzen wir reichlich Olivenöl und geben die Petersilienstiele, die Frühlingszwiebeln sowie zwei zerdrückte Knoblauchzehen hinein. Ein paar Minuten unter lässigem Quirlen weichkochen. Jetzt 1,5 TL gemahlenen Kreuzkümmel, 1 TL gemahlenen Koriander, 1 TL Paprikapulver rosenscharf und 1/4 TL Zimt dazugeben. Für etwas Schärfe habe ich eine Messerspitze einer mir geschenkten selbstgemachten (waffenfähigen) Chilipaste verwendet; gut eignet sich wahrscheinlich auch Harissa, einfach je nach Schmerzgrenze experimentieren. Alles 2 Minuten umrührend weiterkochen. Jetzt die Zucchini reinwerfen und großzügig Öl auffüllen. Abschmecken und bei gelegentlichem Umrühren 10 Minuten köcheln lassen.

In die Pfanne kommen sodann die Petersilienblätter, wobei man ein paar für die Dekoration am Ende aufbewahrt. Das Ganze wird aufgefüllt mit 700 g passierten Tomaten (Passata aus der Flasche) und 400 g Kichererbsen (abgetropft). 1 TL Honig dazu, alles aufkochen lassen und bei reduzierter Hitze abgedeckt circa eine halbe Stunde simmern lassen; immer mal umrühren und die Weichheit des Gemüses überprüfen. Nun den Inhalt der Pfanne in eine Auflaufform umfüllen und mit 250 g Halloumi in dünnen Scheiben bedecken. Die Form in den ("vorgeheizten", aber ihr wisst ja, was ich vom Konzept Vorheizen halte) Ofen geben und 20 Minuten oder länger backen, dabei nach der Hälfte der Zeit über den Käse einen weiteren TL Honig sowie 1-2 TL Sesamsamen verteilen. Hat der Halloumi eine schöne Farbe angenommen, holen wir die Auflaufform aus dem Backofen, garnieren den "Auflauf" (das Originalrezept spricht von einem bake) mit der verbliebenen Petersilie und servieren ihn mit Fladenbrot oder ähnlichem. Möge es munden!

Donnerstag, 28. April 2022

Der Glücksgroschen

Seit einer Weile habe ich keinen kostenlosen Zugang zu einem Multifunktionsdrucker mehr. Habe ich etwas zu scannen, zu kopieren oder auszudrucken (was gottlob selten genug vorkommt), muss ich "mich kümmern", ächz.
Neulich war es soweit, ein paar Textdateien wollten in Papierform gebracht werden. Ich begab mich zu diesem Behufe mit einem USB-Stick in die Stadtteilbibliothek. Die geneigte Leserschaft erwartet nun bestimmt, dass ich in epischer Breite schildere, wie viele technische Hürden dabei zu überwinden waren, aber sorry: Den dortigen Drucker zu überzeugen, das zu tun, was ich wollte, war simpel und sicher. Die einzige potenzielle "Schwierigkeit", die sich auftat, war, dass das Entgelt für diesen Service nur beglichen werden kann, indem man den Kopierer mit Münzen füttert. Ich als notorisch bargeldlos durchs Leben eiernde Person hatte Müh' und Not, das anfallende Kleingeld zusammenzukriegen, doch es ging sich aus – zumindest fast. Am Ende büßte ich zehn Cent ein, weil ich insgesamt einen Euro eingeworfen hatte, aber nur neun A4-Blätter à 0,10 € ausdrucken musste. Oder so ähnlich.
Dies ereignete sich an einem Montag. Am Donnerstag fiel nervigerweise eine neuerliche Print-Mission an. Ich schlenderte also abermals mit den zu materialisierenden digitalen Dokumenten im Gepäck (und diesmal ausreichend Hartgeld) zur Bibliothek. Dort setzte ich mich in den Arbeitsbereich an einen Rechner, schickte dem Drucker meine PDFs, ging dorthin ... und sah, dass die Guthabenanzeige bei einem Betrag von 10 Cent stand! Das war noch der Rest vom Montag! Weil seitdem niemand anders eine das Gerät betreffende Dienstleistung in Anspruch genommen hatte. Leute, was war ich happy!

Dienstag, 26. April 2022

How Much is the Coffee in the Window?

Als ich im Sommer 2019 beinahe einen "neuen Trend" aus dem Umstand ableitete, dass manche Geschäfte, Gastronomiebetriebe und sonstige Dienstleistungseinrichtungen qua Infozettel darauf hinweisen, dass sie dieses oder jenes nicht anbieten ("Bei uns gibt's keinen Kuchen!"), war das gewiss übertrieben. Gerade mal zwei Beispiele vermochte ich aufzuzählen. Aber heute kann ich wenigstens von einem weiteren Fall berichten! Ein chinesisches Teehaus (nicht in China, sondern in Berlin) hatte in Versalien ganz oben auf eine Schiefertafel geschreiben: "Kein Kaffee!" Und warum auch nicht? Die Kundenfrage "Hamse ooch Kaffe?" wird bestimmt trotz schriftlichem Hinweis oft genug fallen.

Sonntag, 24. April 2022

Nomina sunt omina (2)

"Ein Team um die Biologin Melissa Bateson von der britischen Newcastle University brachte Bienen bei, dass sie bei einem bestimmten Geruch mit einer zuckerhaltigen Lösung belohnt und bei einem anderen Geruch mit bitterem Chinin bestraft werden."

[Süddeutsche Zeitung, 14.04.2022; Hervorhebung durch mich]

Freitag, 22. April 2022

Albernes zum Wochenschluss

TV-Werbespot

Ein Kinderzimmer bei Nacht. Zwei Jungs, ca. 8 und 11 Jahre alt, liegen wach in ihren Betten.

Junge 1: Papaaaa! Wir können nicht schlafen!
Vater (erscheint im Türrahmen): Schon wieder nicht? Na, zum Glück habe ich genau das Richtige für euch!

Der Vater holt hinter seinem Rücken eine 2-Liter-Flasche Sprite hervor. Binnen eines Wimpernschlages sind die beiden Kinder aufgesprungen, sie stehen jetzt in ihren Betten.

Jungs: Sprite!

Wir sehen in schnell geschnittenem Wechsel, wie der Vater jeweils ein Glas mit Sprite befüllt, das sodann von einem der beiden Jungen gierig geleert wird. Über diese hektische Montage – Eingießen und Herunterstürzen – legen sich an einem Punkt Zeichentrick-Wasserfälle, auf denen die zwei Jungs (als Trickfilm-Figuren mit Löwenmähnen) surfen. Der Vater steht inzwischen in einem Berg leerer Sprite-Flaschen. Schnitt: Ausgepowert liegen die Jungs im Bett und schnarchen. Schrifteinblendung: SPRITE. Schnitt: Der Vater liegt nun auch im Bett. Im Gegensatz zu seiner neben ihm ruhenden Frau hat er die Augen sorgenvoll geöffnet.

Vater (innere Stimme): Was soll ich nur tun? Ich kann die Hypothek nicht mehr abbezahlen. Oder aufnehmen, oder was immer man mit einer Hypothek macht. 200 Euro für Sprite pro Woche, das stürzt uns in den Ruin. Ich brauche einen Ausweg.

Des Vaters Blick fällt auf ein in den Händen seiner Gattin liegendes Buch: "Hänsel und Gretel". Zoom auf das Vatergesicht, eine Glühbirne erscheint darüber. Montage: Der Vater füllt eine leere Sprite-Flasche mit Wasser, Zitronensaft, einem Sack Zucker (durch einen Trichter) und schließlich einigen Tropfen aus einer Phiole, auf der ein Etikett mit einem stilisierten Totenkopf klebt. Schnitt: Die ganze Familie ist im Korridor.

Vater: Kinder! Geht in den Wald und holt Feuerholz. Hier ist eine Flasche Sprite als Wegzehr!
Jungs (einander high-fivend): Hip hip hurra!

Schnitt:
Der Vater steht in Handschellen vor einem Strafrichter mit Perücke und Richterhammer.

Richter: Ich verurteile Sie zu lebenslanger ... Erfrischung!
Vater (mit Zeichentrick-Mähne in einem Wasserfall aus Sprite stehend): Yeeee-haw!

Mittwoch, 20. April 2022

Aller guten Dinge sind fünf

Wer in einer Stadt mit Straßenbahnverkehr aufgewachsen ist, kennt mit Sicherheit das ein oder andere Gleisdreieck. Allen anderen ist diese oft an Endhaltestellen und sonstigen neuralgischen Punkten zu findende Schienenfahrzeugwende- und Rangierkonstruktion bestimmt auch ein Begriff. Wer aber hat schon mal von einem Gleisfünfeck gehört? Ich bis vor kurzem jedenfalls nicht!

Ein Gleisfünfeck wird dem (äußerst faszinierenden) Wikipedia-Artikel zufolge auch "Wendestern" genannt, hat es doch die Form eines Sterns, konkret eines fünfzackigen. Stella di inversione ist denn auch der italienische Name für diese seltene Gleisfigur, die in der Tat ausschließlich in Italien, vornehmlich in Südtirol, vorzukommen scheint. Warum das Anlegen von "Schienenpentagrammen" örtlich und zeitlich (zwischen den Weltkriegen) begrenzt war, treibt die Eisenbahn-Community um. Zitat: "Über den Grund dieser kompliziert und kurios anmutenden Gleisfigur ist in Eisenbahnzeitschriften wiederholt spekuliert worden. Als unhaltbar hat sich die mehrfach geäußerte These erwiesen, die Gleisfünfecke seien Richtanlagen für Eisenbahngeschütze aus dem Ersten Weltkrieg".

Bahnhof Mals, Endstation der Vinschger Bahn [CC BY-SA 2.0 de]

Montag, 18. April 2022

Das BeNeLux der USA

Es regt mich auf – nein, aufregen ist ein zu starkes Wort: Ich finde es schade, dass die Delmarva-Halbinsel nicht "Delmarvi" heißt. Erklärung: Weil sich diese 274 Kilometer lange Halbinsel über die Gebiete dreier US-Bundesstaaten erstreckt, setzt sich ihr geographischer Name zusammen aus dem "Del" von Delaware, dem "Mar" von Maryland ... und dann eben nicht dem "Vi" von Virginia, sondern dessen Landescode gem. ISO 3166-2:US (VA).
Man hätte nur Buchstaben verwenden sollen, die innerhalb der Staatennamen unmittelbar aufeinanderfolgen. Noch eleganter wäre es freilich gewesen, die jeweils ersten Silben zusammenzuhängen, also "Demavir". Obwohl, das klingt irgendwie nach einem Kunstwort der Pharma-Industrie. (Googelt mal nach "Dermavir"!) Und Benelux heißt ja schließlich auch nicht "Belnelu".

Samstag, 16. April 2022

Awkward Easter dinner. Ein Sketch

Eine verhärmte vierköpfige Familie sitzt an einem tristen, aber immerhin einigermaßen feiertagsgemäß eingedeckten Esstisch. Stumm und gesenkten Hauptes wird gespeist.

Vater (nach einer Weile das Schweigen brechend): Der Braten ist hervorragend gelungen, Mutter!
Mutter: Danken wir dem Herrn, dass Er dir ein Kaninchen vor die Flinte gescheucht hat.
Vater: Amen!
Tochter (mit verengten Augen): Wisst ihr ...
Sohn: Lass gut sein! 
Tochter: Wisst ihr, an was beziehungsweise an wen mich dieser Braten erinnert? AN MEINEN BRUDER.
Vater (den Kopf nach hinten werfend): Here we go again ...
Mutter: Was meinst du bloß, Kind?
Sohn: Bitte! Fang nicht wieder an, Gretel.
Tochter: Ich will's erklären, gute Mutter. Der Braten lässt mich daran denken, wie Hänsel gestern um ein Haar von einer Hexe in den Ofen geschoben worden wäre!
Vater: Wäre. WÄRE!
Sohn (im Essen herumstochernd): Sag mal ... ist das etwa Pfefferkuchensoße?
Mutter: In der Tat! Artig, nicht?
Tochter: Findest du das nicht ein wenig makaber? Braten, Pfefferkuchen ...
Mutter: In dem Haus wohnt doch nun sowieso niemand mehr, da dachte ich, können wir die Bausubstanz doch weiterverwenden.
Vater: Eure Mutter ist eben pragmatisch. Wir müssen rationieren und haushalten, wo wir können, jetzund da wir wieder vier Personen sind.
Tochter: Ach jaaa, weil euer Plan nicht aufgegangen ist, uns IM WALD VERHUNGERN ZU LASSEN.
Vater (haut auf den Tisch): Keineswegs wäret ihr verhungert!
Mutter: Genau! Die Hexe hätte euch doch prächtig gemästet, bevor sie euch geschmort und gefressen hätte. Zumindest dich, Hänsel.
Sohn (stochert weiter in seiner Portion herum): Augenblick, seh' ich richtig? Ist der Braten mit Brotstückchen gefüllt? Sind das etwa die Krumen, die wir im Wald ausgelegt haben, um den Rückweg zu finden?
Mutter (druckst): Nun, also ...
Tochter: Wow. Einfach wow.
Vater: Die hätten sich doch sowieso die Vögel geschnappt.
Sohn (mit ausgestrecktem Finger auf seine Eltern deutend): DAS werde ich euch nie verzeihen!
Vater: Soll ich an dem Finger fühlen, ob du bald fett bist?
(Mutter, Tochter, Sohn schnappen entsetzt nach Luft.)
Vater: Ähem ... Okay, das ... das ging zu weit, Entschuldigung. Ist wohl zu früh für solche Scherze.
Mutter (gekünstelt lachend): Ha, wie wäre es mit Nachtisch? Seht, ich habe eine Lebkuchencreme gehext, mit Spekulatiusbröseln und Zimtsoße.
Sohn (sarkastisch): Ei, immer her damit. Ich habe schließlich kolossalen Hunger. Ihr wisst schon, weil ihr uns doch ZUM STERBEN IN DEN WALD geschickt habt!
Vater (in seinen Bart nuschelnd): Wenn ihr wenigstens ein paar Früchte mitgebracht hättet ...
Sohn: Was war das?!
Vater: Nichts.
Tochter: Ein toller Ostersonntag, wahrlich. Eisekalt ist es obendrein.
Vater: Ich wollte ja heute morgen Feuerholz holen, aber in den scheiß Gruselwald bringen mich keine zehn Pferde, lol.
Sohn: Wieso zieht's denn hier überhaupt so?
Mutter: Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.
(Alle lachen wie aus einem Halse.)

Donnerstag, 14. April 2022

Videospieltipp: Lake

Obwohl ich noch nie einen gespielt habe, kann ich den Appeal und den irrsinnigen Erfolg von Landwirtschafts-, Bus- und anderen Simulatoren durchaus verstehen. Eine klare Aufgabe, eine strikte Zielvorgabe, das planbare Ausführen einer überraschungsarmen, selten hektischen Arbeit: Das ist Zen. Und Menschen, die in den entsprechenden Berufen tatsächlich arbeiten und trotzdem noch in ihrer Freizeit in die (immer realistischer umgesetzten) Software-Versionen eintauchen, sollen ja keine Einzelfälle sein.

"Lake", vom niederländischen Entwickler Gamious, ist nun das, was einem "Postboten-Simulator" am nächsten kommt, und wäre mir dieses Indiespiel im Vorfeld als solcher angepriesen worden, hätte ich dankend abgelehnt. Ich wusste allerdings gar nichts darüber, hatte nur ein paar Screenshots sowie die Gesamtwertung auf Steam ("Sehr positiv") gesehen, und da "Lake" im Xbox-Game-Pass enthalten war, installierte ich es.

Die Ausgangssituation ist in den 1980er-Jahren angelegt und denkbar simpel: Als Programmiererin aus der großen Stadt kehren wir für zwei Wochen in den beschaulichen Ort unserer Kindheit zurück, weil sich unsere Eltern in Florida befinden. Nicht nur hüten wir deren Haus, wir übernehmen auch vertretungsweise den Job unseres Vaters und verteilen Briefe und Pakete. In einem altmodisch kastenförmigen Postauto suchen wir die zu beliefernden Adressen auf und er-fahren die malerisch an einem See gelegene Kleinstadt Providence Oaks. Es macht Spaß, anhand der jederzeit einblendbaren Karte die optimale Route zu planen. Rund ein Dutzend Empfänger ist an einem durchschnittlichen Tag abzuklappern, meistens sind es Privathaushalte, manchmal Geschäfte. Etliche Personen suchen wir im Laufe des Spiels mehrmals auf. Wie ich erst nachträglich gelesen habe, gibt es wohl die Möglichkeit, bereits besuchte Ziele per Autopilot anzusteuern, aber die habe ich nicht vermisst. Wie gesagt, das Ausknobeln der Touren auf eigene Faust ist befriedigend, zumal es kein Zeitlimit gibt – was dazu einlädt, einfach mal auszusteigen, die Natur zu genießen oder die Pfade abseits der Siedlungen entlang zu schlendern.


Hier macht sich dann leider das beschränkte Budget des kleinen Studios bemerkbar. Eine zu endlosem Umherstreifen einladende und mit üppiger Fauna gefüllte Open World darf man nämlich nicht erwarten. Man kann (und muss oft genug) zwar den See vollständig umrunden und auch mal in einen Wald einbiegen oder einen Hügel hinaufstapfen, aber nach wenigen In-game-Tagen werden Erkundungsfreudige die markantesten Ecken erblickt haben. An den Grenzen der Karte wendet unsere Protagonistin den Wagen einfach um 180 Grad, und auch in der mitunter spärlichen Landschaft gibt es unsichtbare Barrieren. Gebäude können bis auf wenige Ausnahmen nicht betreten werden, und die Feierabend-Sequenzen im elterlichen Refugium laufen als leidlich interaktive Cutscenes ab. Apropos Interaktion: In den Gesprächen, die sich hin und wieder ergeben, haben wir meist mehrere Dialogoptionen, je nach Antwort lösen sie sogar so etwas wie Nebenmissionen aus. Diese wenigen "Quests" sind unspektakulär bis banal. Unvorbereitet wie ich war, hatte ich anfangs noch den leisen Verdacht, dass das Spiel irgendwann ins Horrorgenre wechseln oder sich ein tiefschürfendes Drama entspinnen könnte, aber nada. Wir werfen unsere Briefe ein bzw. bringen unsere Päckchen zur richtigen Türschwelle, plaudern gelegentlich, arbeiten an den Beziehungen zu Freundinnen aus der Jugend oder später Hinzugezogenen, aber Plottwists oder zwischenmenschliche Abgründe tun sich nie auf (wobei es immerhin mehr als ein mögliches Ende gibt). Und wisst ihr was? Das mag ich! Durch das an einem bodenständigen Berufsalltag ausgerichtete Gameplay, die seicht dahinplätschernden Charakterentwicklungen und die nie überfordernden Zusatzaufgaben erlangte ich eine Mischung aus Tiefenentspannung und "One more level"-Syndrom.

Es ist insgesamt alles sehr wholesome. Zum Wohlfühlfaktor trägt freilich das Ambiente bei. Look und Klangteppich sind wirkungsvoll und mit spürbarer Liebe erschaffen worden, wenn auch hier technische Unperfektheit anzuzeigen ist: Hie und da matschige Texturen, zu spät aufpoppende Kulissen, plötzlich verschwindende Figuren, Staus ohne ersichtliche Ursache (Unfälle, Fahrzeugschäden oder Kollisionen mit Passanten sind übrigens nicht vorgesehen) und fehlerhafte Lippenbewegungen trüben das Erlebnis ein wenig. Einmal musste ich mich sogar ärgern: als ich in einem Graben neben einer Hütte stecken blieb und der letzte Speicherstand zwei Spieltage zurück lag. Manuelles Speichern sei also empfohlen. Für wen solche Low-Budget-Konsequenzen hinnehmbar und Handlung und Überraschungen nicht die Prioritäten bei einer "Lebenssimulation" sind, der sollte "Lake" unbedingt eine Chance geben.

Dienstag, 12. April 2022

Die drei ??? und der Geisterfinger

Ich mag mein Google-Phone, aber eine Sache wurmt mich, seit ich das Pixel 3a besitze.
Es hat auf der Rückseite einen Fingerabdrucksensor. Über diesen kann ich das Telefon entsperren, sowohl mit dem linken als auch dem rechten Zeigefinger, das habe ich ihm beigebracht. Die Trefferquote, mit der meine Fingerspitze wiedererkannt wird, liegt im Tagesmittel bei ... ich würde sagen 60 Prozent. Sie schwankt nämlich, und zwar geheimnisvollerweise dahingehend, dass die Identifizierung in den Morgenstunden so gut wie gar nicht klappt. Ich wache auf, greife nach dem Handy, drücke eine der zwei möglichen Fingerkuppen auf den Entsperrkreis und scheitere daran, dem Gerät klarzumachen, dass ich ich bin. Nicht nur einmal, sondern oft zweimal und manchmal sogar bis zur Meldung "Zu viele Versuche, bitte später noch einmal versuchen". (An diesem Punkt kann ich immer noch per Musterzeichnung zur Benutzeroberfläche gelangen.)
Woran liegt das? Ich vermute mal, technikseitig ist dem Pixel 3a nichts vorzuwerfen, ja ich hätte gar nicht erwähnen sollen, um was für ein Telefon es sich handelt. Vorstellbar ist weder, dass das Handy nach dem "Schlafen" noch nicht "fit" genug für die User-Identifikation ist, noch dass das Google-System sich aufgrund eines versteckten Firmware-Befehls weigert, mir zu bestimmten Zeiten Zugriff zu gewähren, nach dem Motto: "Es ist noch zu früh für Doomscrolling!"
Daher stelle ich die Hypothese auf, dass menschliche Fingerabdrücke am Morgen noch nicht zu ihren "Normalmustern" zurückgekehrt sind. So wie unsere Füße zum Nachmittag hin "wachsen", verformen sich unsere – Achtung, herrliches Wort: – Fingerbeeren über Nacht vielleicht dergestalt, dass nicht jede Linie, jede Papillarleiste an ihrem vorgesehenen Platz ist.
Wer erforscht's?

Samstag, 9. April 2022

Wochenend-Quiz

Welche Prominenten sind hier als Karikaturen zu sehen?

(Quelle: Abreißkalender)

a) 

b) 

c) 

d) 


Mittwoch, 6. April 2022

Torsten testet Nachahmerprodukte (Doppelausgabe)

Ohne viel Federlesens und -lassens sei die Wertung für die folgenden zwei Produkte vorweggenommen: 7/10 Punkten.

Zum einen braucht sich der simpel benamste Knusperriegel von Ja! mit seinem selbstbewusst neben das Fairtrade-Siegel gesetzten Nutri-Score ("E") nicht hinter dem offensichtlichen Vorbild zu verstecken, i.e. der gegenwärtig in vier Varianten (Nuss, Erdnuss, Dark und Kokos) erhältliche Knoppers-Riegel. Mit diesem 2017 gelaunchten Storck ist Snack, äh: Snack ist Storck der große Wurf gelungen; es gibt in meinen Augen auf dem deutschen Schokoriegel-Markt kaum etwas Famoseres. Manchen sind die damit konkurrierenden Hanuta-Riegel zwar noch lieber, aber das ist eine Glaubensfrage, die für mich längst zugunsten von Knoppers beantwortet ist. Und dann kommt einfach mal das gute alte "Ja!" daher und schleudert für 50 Cent weniger ein Imitat in die Discounter-Regale, das dem nicht übermäßig gehobenen Nuss-Milchcreme-Jieper aufs Lobenswerteste Genüge tut. Chapeau!
Doch weh! Aus den meisten der erwähnten Regale ist der Schmaus inzwischen verschwunden. In "meinen" Rewe-Filialen sind die Knusperriegel jedenfalls zum Zeitpunkt dieser Niederschrift nicht zu finden. Schwelt da etwa ein Markenrechtsstreit?


Auch nicht von der Bettkante zu schubsen und auf dem Schlafzimmerteppich breitzutreten sind die Donut-Ringe von Rewe Beste Wahl. (Nein, ich schreibe nicht "Donut Ringe", sowenig wie ich "Knusper Riegel" schreibe.) Es handelt sich um eine nur in Nuancen, die zu verbalisieren mir schwerfällt, von der Vorlage abweichende Knabberei-Nachahmung oder von mir aus auch Co-Innovation.
"Aber Momentchen!", werden nun einige rufen, die noch einmal meine Rezension der Funny-frisch-Donuts durchgegangen sind. "Wieso bekommen die Rewe-Ringe 7 Punkte, während das Original mit lediglich 6,5 Punkten abgewatscht wurde?" Ganz einfach: Beim Bewerten eines Nachahmerproduktes lege ich das, was nachgeahmt werden soll, zugrunde und teste primär, wie nah es an dieses herankommt, unabhängig davon, wie hoch die Qualität des Vorbildes mir erscheint. Insofern sind diese Tests objektiver als "reine" Lebensmittel-Ersturteile. Tja, und da muss ich eben sagen, dass die "Donut-Ringe" (ist das nicht tautologisch?) ihrem eigenen Anspruch gerecht werden. So regelmäßig kaufen wie beispielsweise Erdnussflips werde ich aber beide nicht.  

 

Montag, 4. April 2022

Demnächst als Direct-to-VHS

The Long Night 2
Das bizarre Wochenende eines wahnsinnigen Paares nimmt eine ruhige Wendung, als eine apokalyptische Sekte und ihr hingebungsvoller Führer kommen, um eine albtraumhafte Prophezeiung zu erfüllen.

The Long Night 3D
Das apokalyptische Wochenende eines ruhigen Paares nimmt eine albtraumhafte Wendung, als eine wahnsinnige Sekte und ihr bizarrer Führer kommen, um eine hingebungsvolle Prophezeiung zu erfüllen.

The Long Ni4ht
Das wahnsinnige Wochenende eines albtraumhaften Paares nimmt eine hingebungsvolle Wendung, als eine ruhige Sekte und ihr apokalyptischer Führer kommen, um eine bizarre Prophezeiung zu erfüllen.

Hausaufgabe: Schreibe weitere Fortsetzungen! Wie viele verschiedene Inhaltsangaben sind möglich?

Samstag, 2. April 2022

Serientagebuch 03/22

01.03. Bodyguard 1.04
Ordinary Joe 1.08
Twelve Monkeys 1.10
02.03. Bodyguard 1.05
Family Guy 20.12
03.03. The Simpsons 32.12
Bodyguard 1.06
04.03. Ordinary Joe 1.09
Person of Interest 2.20
Doctor Who (Classic) 15.2.1
Doctor Who (Classic) 15.2.2
Doctor Who (Classic) 15.2.3
Doctor Who (Classic) 15.2.4
07.03. South Park 25.04
The Simpsons 33.13
Matrjoschka 1.01
Matrjoschka 1.02
Twelve Monkeys 1.11
08.03. Ordinary Joe 1.10
Person of Interest 2.21
Matrjoschka 1.03
12.03. Family Guy 20.13
14.03. South Park 25.05
Person of Interest 2.22
Matrjoschka 1.04
Matrjoschka 1.05
15.03. The Responder 1.01
16.03. This Is Us 6.07
The Simpsons 33.14
The Responder 1.02
Twelve Monkeys 1.12
18.03. Ordinary Joe 1.11
The Responder 1.03
20.03. South Park 25.06
The Responder 1.04
Doctor Who 13.01
22.03. The Responder 1.05
Family Guy 20.14
Twelve Monkeys 1.13
23.03. This Is Us 6.08
Matrjoschka 1.06
Matrjoschka 1.07
Matrjoschka 1.08
24.03. Doctor Who 13.02
25.03. Ordinary Joe 1.12
The Simpsons 33.15
28.03. Family Guy 20.15
29.03. Doctor Who 13.03
30.03. Ordinary Joe 1.13
The Simpsons 33.16

Uff, dann wollen wir mal ... Seht mir nach, dass ich bei der Fülle der Programme nicht bei jedem einzelnen in die Tiefe gehen kann.

Schon jetzt einer der Höhepunkte meines Serienjahres ist Bodyguard, eine Miniserie aus dem Jahr 2018, in der ein Kriegsveteran (Richard "Robb Stark" Madden) als Personenschützer in den Dienst der britischen Innenministerin (Keeley Hawes) eingesetzt wird. Erdacht und geschrieben wurde "Bodyguard" von "Line of Duty"-Schöpfer Jed Mercurio, und das merkt man in jeder Minute. Nicht ganz so vertrackt wie Letztgenanntes, spielen doch auch hier Intrigen und Verschwörungen eine tragende Rolle, und allein die erste Viertelstunde der Pilotfolge durchquirlt gehörig das Adrenalin.

An "Line of Duty" hat mich teilweise auch The Responder erinnert, denn eine (angebliche?) Korruptionsaffäre bei der Polizei (hier: Liverpool) hat dafür gesorgt, dass ein degradierter Bobby zu den undankbarsten, meist nächtlichen Einsätzen am Rande der Gesellschaft geschickt wird. Neben dem nervenzehrenden Dienst plagen den Responder familiäre Sorgen so wie eine aus dem Ruder laufende Drogengeschichte, es geht um falsche Freunde, Dämonen der Vergangenheit, Außenseiter; Verlierer, Vertrauen, Verrat. Harter Stoff. Mit Martin Freeman in der Hauptrolle ist der Fünfteiler prominent besetzt, aber auch der Neben-Cast braucht sich nicht zu verstecken. Eine zweite Staffel wurde für 2023 bestellt.

Erst kurz bevor die 25. (!) Staffel von South Park startete, habe ich gelesen, dass man die vier in unregelmäßigen Abständen gesendeten extra langen Spezialfolgen nachträglich zu einer "Season 24" erklärt hat – ähnlich wie es mit der 5. Staffel von "Futurama" gehandhabt wurde. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich natürlich festgehalten, wann ich die "Pandemic Specials" angeschaut habe, und eine Rezension dazu verfasst.
Die neuen sechs Episoden – welche diese Staffel zur bislang kürzesten machen – haben mich jedenfalls mindestens genau so prächtig amüsiert wie die Spezialfilme, wobei mir die zweite ("The Big Fix") am besten gefallen hat. Dass diesmal endlich wieder auf eine durchgehende Handlung verzichtet wurde, entpuppte sich als Gewinn.

Als Gurke entpuppte sich hingegen die direkt nach Ausstrahlung der ersten Staffel abgesetzte Dramaserie Ordinary Joe, in die ich wegen ihrer Prämisse einige Hoffnung gesetzt hatte. Es geht um einen Highschool-Absolventen, der sich am Tage seiner Abschlussfeier entscheiden muss, welchen Weg er beschreitet: Soll er mit seiner besten Freundin zusammenkommen und unter den Augen ihres Vaters Medizin studieren, soll er in die Fußstapfen seines am 11.9.2001 umgekommenen Vaters treten und Polizist werden, oder soll er eine musikalische Karriere anstreben? In drei "Was wäre, wenn ...?"-Szenarien springen wir nun zehn Jahre in die Zukunft des jungen Mannes, oder besser: in alle drei möglichen Zukünfte.
Was eine spannende Mischung aus "This Is Us" und Paralleluniversums-Spaß hätte werden können, bleibt trotz punktueller Dramatik leider bestenfalls belanglos, oft öde und gipfelt schlimmstenfalls in Fremdschäm-Momenten. (Ich bin zu faul, Beispiele zu liefern.) "Ordinary Joe" wurde entwickelt von Russel Friend und Garrett Lerner, die maßgeblich für "Doctor House" verantwortlich waren. So unrealistisch das Krankenhaus-Treiben bei "House" oft dargestellt wurde*, mit so weltfremdem Blick wird hier das Leben des "kleinen Mannes" gezeichnet, dem die Serie qua Titel sich zu widmen vorgibt. Talk about Hollywood elites! Ich meine: Jeder der drei Joes ist nur zehn Jahre nachdem er die Schule beendet hat, was Anständiges geworden, Arzt, Polizist oder Rockstar, quartum non datur! Zitat dazu aus dem guten Something-Awful-Thread "Media that didn't age well": "I think it's funny that the premise is 'A person's life could branch off in infinite directions and we're going to illustrate that by going with the three most over represented jobs in TV: a cop, a doctor, and an entertainer.'" Und dass der/die durchschnittliche amerikanische Student/in mit einer mindestens fünfstelligen Schuldensumme ins Berufsleben startet, wird auch unter den Tisch gekehrt.
Ugh, was für eine Zeit(achsen)verschwendung!
(* Es wird ja oft geschrieben, dass man die glaubwürdigste Repräsentation von Klinikalltag ausgerechnet in einer Comedyserie findet: bei "Scrubs".)

Noch nicht zu 100 % "abgeholt", wohl aber angefixt hat mich Twelve Monkeys. Die vier Staffeln, die lose die Handlung des gleichnamigen Films von 1995 nacherzählen, sollen nach Expertenmeinung zum Besten gehören, was der Sender SyFy je hervorgebracht hat, oft in einem Atemzug genannt mit "Continuum", für das ich mich allerdings nicht begeistern konnte. Aber da ich Zeitreise-Plots bekanntlich liebe, sehe ich gute Chancen, dass ich dranbleibe. Bis jetzt wurde es noch nicht allzu synapsen-verknotend, dennoch clever, überraschend und kompromisslos. Schauspielerisch darf man hier nicht die erste Liga erwarten (eine wiederkehrende Figur ist regelrecht peinlich), aber die unverbrauchten Gesichter gewinnt man irgendwann lieb.

Neben Paralleluniversen und Zeitmaschinen hat mich diesen Monat noch eine dritte Temporal-Tohuwabohu-Trope beschäftigt. Das gute (und alte, um nicht zu sagen überstrapazierte – ich berichtete) "Murmeltier"-Prinzip wird in Matrjoschka (OT: Russian Doll) auf erfrischende Weise durchgespielt. Die Variation der Zeitschleifen-Falle, die ich, so wie sie im Film "Palm Springs" (zum ersten Mal?) etabliert wurde, habe ich damals wegen Unausgegorenheit und logischer Mängel kritisiert; hier ergibt diese Variation jedoch Sinn. Dazu gesellt sich ein Quentchen Humor, was sich gewiss dem Umstand verdankt, dass Amy Poehler als eine von drei Showrunnerinnen fungiert.
Dank der Knackigkeit (acht Episoden à ca. 30 Minuten) habe ich den Mix aus Mystery und Dramedy genussvoll weggebinget. Minuspunkt: Mir persönlich waren die meisten Figuren herzlich unsympathisch, mit Charlie Barnett (der zufällig auch zum Ensemble von "Ordinary Joe" gehörte) als bemerkenswerte Ausnahme.

Person of Interest werde ich wahrscheinlich umfassend würdigen, wenn ich alle fünf Staffeln beendet habe, also in circa hundert Jahren. Warum ich mir mit dieser Serie so viel Zeit lasse, verstehe ich selbst nicht. Vermutlich sind es die sich verändert habenden Sehgewohnheiten: Solche "Fall der Woche"-Reihen mit über 20 Folgen pro Season und nur Ansätzen eines übergreifenden Handlungsbogens gibt es halt kaum noch. Qualitativ habe ich an dieser bereits 2016 abgeschlossenen Thrillerserie indes nichts auszusetzen, und tatsächlich ist mir der "große" Plot gar nicht so wichtig (Hat hier jemand "Akte-X-Mythology arc" gesagt?). Vieles an diesem Procedural macht einfach Spaß, seien es die distanziert und zugleich wie unsere Busenfreunde wirkenden Hauptfiguren, sei es die Musik von Ramin Djawadi (das Abspann-Thema muss ich mir jedes Mal anhören!), seien es die herrlichen Gastauftritte, die bestimmt zum Teil auf J.J. Abrams' Kappe gehen (Ken "Miles" Leung), sei es die ganze Brisanz des Themas der Totalüberwachung, das anno 2022 freilich wie ein Problem von vorgestern erscheint, der Show aber während ihrer Erstausstrahlung den Eindruck gegeben haben dürfte, ihrer Zeit voraus zu sein.

Nach dem (hervorragenden) Vierteiler "Horror of Fang Rock" war das direkt darauf folgende Doctor Who-Serial erst das zweite mit dem Vierten Doktor, das ich sah. Dabei gilt Tom Baker doch als die Inkarnation des Doktors schlecht hin und war er derjenige, der die Figur am längsten verkörpert hat! "The Invisble Enemy" ist insofern ein kleiner Meilenstein, als es den nicht-menschlichen Companion K9 einführt, und was soll ich sagen? Ich habe mich in den Roboterhund sofort verliebt, was wahrscheinlich seinerzeit vielen Zuschauern so ging, weswegen das Tierchen hier nicht seinen letzten Auftritt hat (klassischer Fall von "Cousin Oliver Syndrome"). Tom Bakers Doktor konnte ich bisher noch nicht vollständig ins Herz schließen – Patrick Troughton bleibt mein Lieblings-Doc der Classic-Ära –, aber ich habe ja auch noch nicht die als Highlights geltenden Folgen "City of Death" und "The Talons of Cheng-Wiang" nachgeholt.
Die Handlung von "The Invisble Enemy" könnte ich, wird mir gerade klar, gar nicht nacherzählen. Damit hat sie etwas mit der 13. Staffel der neuen Serie gemein, aber das soll uns beim nächsten Mal beschäftigen.

Guck an, jetzt ist es doch wieder mehr Text geworden, als ich gedacht hätte ...

Donnerstag, 31. März 2022

Betr.: Tennis-Aus, Horrorautor, Payback, Freund

Die australische Tennisspielerin Ashleigh Barty hängt den Schläger an die Wand. Hinsichtlich ihrer Entscheidung wird die 25-Jährige mit den Worten zitiert: "I know how much work it takes to bring the best out of yourself. It’s just I don’t have that in me anymore." (Hervorhebung durch mich.) Sprich: Sie hat nicht mehr das Zeug dazu, packt es nicht mehr, traut es sich nicht mehr zu, und was dergleichen idiomatischer Umschreibungen mehr sind. Was aber macht eine große deutsche Qualitätszeitung aus dem Satz und druckt's als Oberzeile in ihren Sportteil? "Ich habe das nicht mehr in mir".

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Apropos schlecht übersetzt: Vor einer Weile habe ich mir Stephen Kings es von der Dicke her fast mit "Es" aufnehmen könnenden Roman "Tommyknockers" aus dem Bücherschrank gekrallt und bin letzte Woche auf Seite 355 angekommen. Dort gibt es einen Schmunzler. Denn wie später in "Elevation" und "Mr. Mercedes" (ich berichtete) hat sich der Autor in die im Bundesstaat Maine angelegte Kulisse selbst eingebaut: "Franks Nichte, Bobbi Anderson, wohnte jetzt dort – natürlich betrieb sie keine Landwirtschaft; sie schrieb Bücher. Ev hatte kaum je ein Wort mit Bobbi gewechselt, aber sie hatte einen guten Ruf in der Stadt. Sie bezahlte ihre Rechungen pünktlich, sagten die Leute, und klatschte nicht. Außerdem schrieb sie gute alte Westerngeschichten, die man verschlingen konnte, nichts mit erfundenen Monstern und unanständigen Wörtern wie in den Büchern von diesem Burschen, der in Bangor wohnte."

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Jedes Mal, wenn ich irgendwo meine Payback-Karte einsetze, erhalte ich eine E-Mail, die mir mitteilt, wie viele Bonuspunkte ich für die eben getätigte Transaktion gutgeschrieben bekommen habe.
Am Montag nun habe ich innerhalb kurzer Zeit erst bei Rewe, dann bei dm eingekauft und jeweils mit der Payback-, die zugleich eine Kreditkarte ist, gezahlt. Wieder daheim, wurde mir vermittels meines Maileingangs erstmals klar, was der Unterschied zwischen Rewe und dm ist: Die Betreffzeile zur Mail mit dem Payback-Update von Rewe lautete "Dein neuer Punktestand!", während die der dm-Mail lautete: "Ihr neuer Punktestand!".

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Neulich von einer besonderen Figur im US-amerikanischen Recht gelesen: der des Amicus Curiae. Dieser "Freund des Gerichts" fungiert als eine Art Berichterstatter oder sachverständiger Zeuge in Prozessen mit gesellschaftlicher Relevanz, darf aber parteiisch sein und im Rahmen seiner Stellungnahme, die stets als formales schriftliches "Gutachten" vorzulegen ist, neue Rechtsfragen aufwerfen. Weltweit gesehen ist der anglo-amerikanische Amicus Curiae ziemlich einzigartig, jedoch zum Beispiel auch am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte etabliert.
"Auch wenn der Amicus Curiae in der deutschen Rechtsordnung nicht normativ verankert ist, so treten in der Praxis durchaus Personen in dieser Rolle an die Gerichte heran. [...] Das bis dato prominenteste Beispiel war eine Stellungnahme der Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V., die diese im September 2018 in einem Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht (Urt. v. 29.1.2020, Az. 6 A 1.19 u.a) eingereicht hatte. Darin ging es um die Frage, ob das Vereinsverbot gegen die Betreiber des Internetportals 'linksunten.indymedia.org' rechtmäßig ergangen war". Ein lesenswerter Gastbeitrag in der "Legal Tribune online" (Zitat von dort) ordnet das Rechtsinstitut historisch ein und erklärt, welche Rolle es hierzulande künftig spielen könnte, nachdem die Tesla Manufactoring Brandenburg SE sich letztes Jahr zum Amicus Curiae aufgeschwungen und am OVG Berlin-Brandenburg unbestellt einen interessegeleiteten Schriftsatz zu einem die sog. Gigafactory betreffenden Verfahren eingereicht hat. Bestehendes Prozessrecht müsste freilich angepasst werden. "Als Vorbild innerhalb des kontinentaleuropäischen Rechtskreises könnte Frankreich dienen. Denn jenseits des Rheins ist der Amicus Curiae bereits seit über zehn Jahren im Code de Justice Administrative normiert – wenngleich er praktisch eher selten genutzt wird."

Dienstag, 29. März 2022

Ruinen und Traumata

Wow, das erste "Porno"-Update seit über sieben Jahren ...

1. Auf das Schlagwort Ruin porn als Synonym für Ruinen-Fotografie stieß ich, als ich die fabelhafte Urban-Exploration-Bibel "Access All Areas" des viel zu früh verstorbenen "Infiltration"-Masterminds (und Schöpfer des Begriffs urban exploration) "Ninjalicious" durch hatte und noch mehr zum Thema lesen wollte.

2. In einem Gespräch mit dem Spiegel äußert die afghanische Aktivistin Pashtana Durrani den Satz "Afghanistan war zwei Jahrzehnte lang der Trauma-Porno für die ganze Welt", was in gekürzter Form auch gleich als Überschrift des Interviews Verwendung findet.

Sonntag, 27. März 2022

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Don't Look Up
Wenn morgen Nacht die Oscars verliehen werden, greift womöglich auch "Don't Look Up" die eine oder andere Trophäe ab. Unter anderem nominiert ist, zum dritten Mal in Folge, Adam McKay (erneut auch Regie) für das beste Original-Drehbuch, welches er diesmal gemeinsam mit David Sirota geschrieben hat. Gönnen täte ich es ihm, wobei ich den 2019 in dieser Kategorie leer ausgegangenen "Vice" in Sachen Dialogschärfe und Pointiertheit noch überzeugender fand. Ich fürchte fast, hier liegt ein Fall des Phänomens vor, dass die überbordende Starpower (Meryl Streep, Leonardo DiCaprio, Jennifer Lawrence, Cate Blanchett, Jonah Hill, Timothée Chalamet, to name a lot) die Story unter sich begräbt, zumindest deren Feinheiten durch den Eindruck "Mainstream-Kino mit großen Namen" schwerer herauszufiletieren macht. Nun gut, sonderlich vertrackt ist der satirische Überbau nicht. Dass es clevere Spitzen und Seitenhiebe in alle möglichen Richtungen gibt, hat mich erfreut. Unterm Strich: Vergnügen pur!

Antlers
Indigene Mythologie trifft auf kindliche Ängste. Ein gefälliger Mix, dessen Wirksamkeit sicher auch Produzent Guillermo del Toro zu verdanken ist ("Pans Labyrinth" lässt grüßen). Zum Produktionsteam gehört weiters David S. Goyer (Drehbuch zu "Batman Begins", "Batman v Superman: Dawn of Justice" u.v.m.), am Script beteiligt war Nick Antosca (Creator von "Channel Zero", Schreiber bei "Hannibal" u.a.), Regie führte Scott Cooper, der schon einmal eine "Akte X"-Episode inszeniert hat. An "Akte X" fühlte ich mich wegen des Settings und der Themen mehrmals erinnert (Oregon! Wälder! Monster!), und man muss im Nachhinein staunen, dass es die Kreatur, um die es hier geht, nie in den "X-Files" aufgetaucht ist (wohl aber bei "Supernatural"). Der Grusler fährt somit etliche Pluspunkte ein, bleibt aber letztlich nicht lange im Gedächtnis haften.

Die Abenteuer von Brigsby Bär
Diese Tragikomödie mit meinem derzeitigen Lieblings-SNL-Ensemblemitglied Kyle Mooney in der Hauptrolle (der auch am Buch mitgewirkt hat) ist bereits 2017 auf dem Sundance-Festival aufgeführt worden und bis heute ungerechtfertigterweise wenigen bekannt. Die Prämisse, die im Vorfeld nicht zu kennen den Filmgenuss steigert, weist Parallelen zu "Unbreakable Kimmy Schmidt" auf, hat aber gänzlich andere Entwicklungen als jene zur Folge. Ein Feel-good-Movie mit der richtigen Balance zwischen Melancholie und Lebensbejahung plus ausreichend Albernheit und awkwardness, zudem überraschend geadelt mit Mark Hamill und Claire Danes in Nebenrollen.

The God Committee
Erst letztes Jahr erschienen und ebenfalls – wohl coronabedingt – ziemlich weit unter dem Aufmerksamkeitsradar geflogen ist dieses Drama mit Kelsey Grammer und Janeane Garofalo (zwei Namen, deren Schreibung ich jedes Mal nachschlagen muss). Dabei hätte das ernste Sujet, mit dem es sich auseinandersetzt, durchaus mehr Beachtung verdient, i.e.: Organspende und die moralischen Fragen, denen sich Krankenhäuser zu stellen haben, wenn es um die Priorisierungsreihenfolge von Transplantats-Erwartenden geht. Den Kern der rund 100 Minuten machen denn auch die Diskussionen des Transplantations-Komitees aus. Ein Herz ist zu vergeben, drei potentielle Kandidaten stehen auf der Liste, die Uhr tickt, immer wieder kommen neue Pro-und-Kontra-Argumente und alles veränderne Aspekte auf den Tisch. Als ich las, dass dem Film ein Theaterstück zu Grunde liegt, dachte ich: 'Aha, ja, das macht Sinn!' Auf der Bühne hätte ich das Kammerspiel viel lieber gesehen, die cinematographischen Ausschmückungen wie dramatisierende Kamerafahrten hätte es gar nicht gebraucht.

I Am Chris Farley
Nachdem ich neulich "The Chris Farley Show", die hauptsächlich aus Zeitzeugenaussagen zusammengefügte Biographie von 2008, gelesen habe, bin ich nun fast so etwas wie ein Chris-Farley-Experte. Viel hat der Dokumentarfilm von 2015 nicht hinzuzufügen, aber immerhin ergänzen etliche Film-, Sketch- und Privatvideoschnipsel die O-Ton-Parade, in der zahlreiche Weggefährten, denen man im Buch begegnet ist, zu Wort kommen, wobei einige mehr im Spotlight stehen (Brian Stack, hurra!), während andere auf einen Auftritt verzichtet haben, darunter Farleys Second-City-Kommilitonen Chris Rock und Tim Meadows, die damals, in der 16. Staffel (1990/91), mit ihm zusammen bei "Saturday Night Live" angefangen haben.
Das Bild, das ich von dem jung verstorbenen Schauspieler hatte, wurde durch den Film im Wesentlichen gefestigt: Chris Farley war nicht in allen komödiantischen Fächern, wohl aber in den körperbetonten meisterhaft und ein Timing-Genie. Wer mit ihm persönlich zu tun hatte, schwor, dass es keinen lustigeren Menschen unter der Sonne gab, wusste aber um Farleys Selbstzweifel, seine ständige Angst, ein one trick pony zu sein ("Fatty falls down, everybody laughs"), kannte seine zarte Seite und seinen jahrelangen, letzten Endes tödlichen Kampf gegen die Verlockungen von Alkohol und harten Drogen.

Lamb (OT: Dýrið)
... war, glaube ich, "mein" erster isländischer Film. Ich habe ihn im Original mit Untertiteln gesehen und staunte, dass Noomi Rapace Isländisch spricht. Hat sie die Sprache extra für diese Hauptrolle gelernt, und wenn ja, wie gut ist die Schwedin darin?, fragte ich mich. Stellt sich heraus: Die Schauspielerin hat Teile ihrer Kindheit in Island verbracht und spricht daher fließend Isländisch (sowie übrigens auch Dänisch und Norwegisch).
Das Ende hat mir ausgesprochen gut gefallen, bis dahin muss man allerdings einige Längen durchstehen. "Lamb" ist, in einem Wort, weird, und diesen Anglizismus gebrauche ich nicht nur mangels eines trefferenderen deutschen Ausdrucks, sondern auch im Mark-Fisher'schen Sinne. Er ist aber nicht weird um der weirdness willen, sondern dreht sich im Grunde um zentrale Probleme des Menschseins wie Verdrängung, Ausweglosigkeit, Unumkehrbarkeit von Entscheidungen. Das übernatürliche Element ist nur Trägersubstanz – und wird die meiste Zeit weder erklärt noch hinterfragt. Beim Schauen kam mir der ungarische Grotesken-Regisseur Béla Tarr in den Sinn, und als ich dessen Namen tatsächlich im Abspann unter dem Titel des Ausführenden Produzenten las, rief ich: "Ha!"
Fazit: Eindrucksvoll, aber hätte auch mit 20 Minuten weniger Laufzeit funktioniert.

Stillwater
Noch so ein potentieller Blockbuster, der in der Pandemie untergegangen ist (Premiere: 2021 in Cannes). Matt Damon gibt einen burschikosen Blue-Collar-Daddy, dessen Tochter in Marseille eine Gefängnisstrafe wegen Mordes absitzt. Zu Recht? Oder unschuldig? Der Vater, der schließich in Südfrankreich Wurzeln schlägt und dabei auch die weniger hübschen Facetten dieser Region kennenlernt, versucht jedenfalls, die von Abigail Breslin verkörperte amerikanische Studentin zu exkulpieren und heimzuholen. Das Drama lehnt sich mehr oder weniger offensichtlich an den Fall Amanda Knox an und hinterlässt m.M.n. einen unangenehmen Nachgeschmack.

Der Unsichtbare
Meine Erwartungen weit übertroffen hat diese Neu-Interpretation eines klassischen Universal-Monsters. Wir erinnern uns: Mit der "Mumie", die als Flop endete, hoffte man in den 2010er-Jahren das "Dark Universe" zu etablieren, und "The Invisible Man" war ein gerettetes Überbleibsel dieses Franchise-Versuchs. Dass die Modernisierung der ollen Wells-Geschichte gelungen ist, verdankt sich zum einen der Regie Leigh Whannels ("Saw", "Insidious"), zum anderen dem herausragenden Spiel Elisabeth Moss', die ich bis dahin zugegebenermaßen nie als Qualitäts-Garantin auf dem Schirm hatte.

Der Moment der Wahrheit (OT: Truth)
Elisabeth Moss ist auch Teil des Wahnsinns-Casts in diesem Polit-Thriller von 2015. Cate Blanchett und Robert Redford sind dabei die Hauptakteure in der Story der sog. Killian-Dokumente, die sich um George W. Bushs Wehrdienst-Herumdrückerei und die CBS-Sendung "60 Minutes" mit Dan Rather (Redford) drehten. Ich war mit diesem Skandal kaum vertraut, weil ich mich zu dieser Zeit schon nicht mehr so sehr für US-Politik interessierte wie noch zehn Jahre zuvor, umso dankbarer war ich dafür, dass man der Handlung prima folgen konnte – besser noch als denen von "Die Verlegerin", welchen ich vom Unterhaltungsfaktor mit "Truth" auf ein Niveau stellen würde.

Dr. Who and the Daleks
Zum Schluss etwas höchst Obskures (nur "Whovians" mögen weiterlesen): eine nicht-kanonische "Doctor Who"-Verfilmung aus dem Jahr 1965 mit Peter Cushing, der die Rolle des Doktors ein Jahr später in einem weiteren Film übernommen hat. Nachdem die 1963 angelaufene BBC-Serie sich recht zufriedenstellend entwickelt hatte, wollte man die Figuren einem größeren Publikum in Farbe und im Breitbildformat zeigen, besetzte sie aber mit anderen Schauspielerinnen und Schauspielern. Wäre ich Teil des TV-Ensembles gewesen, hätte ich mich ganz schön übergangen und beleidigt gefühlt! Zumal Cushings Interpretation des titelgebenden Zeitreisenden gegen William Hartnells Ersten Doktor extrem abstinkt: Er ist halt eine durch und durch sanfte Großvaterfigur ohne das mysteriöse Fluidum und die gelegentlich aufscheinende grumpi- und snarkiness, die dem Außerirdischen bereits in seiner ersten Inkarnation Ecken und Kanten verleihen. (By the way: Der Doktor, der hier tatsächlich mit "Doctor Who" angesprochen wird, scheint gar kein Alien, sondern lediglich ein irdischer Hobby-Erfinder im fortgeschrittenen Alter zu sein.) Barbara, die in diesem Film Susans Schwester statt deren Lehrerin ist, bleibt großteils blass, und Ian (hier: Barbaras Freund) verkommt zum bloßen comic relief. Dabei waren es in den ersten Classic-Staffeln doch meistens die beiden Lehrkräfte, die die Handlung vorangetrieben und so manche brenzlige Situation entschärft haben. Gelungen ist dagegen die Charakterisierung von Susan: eine tolle Identifikationsfigur für Kinder, furchtlos, neugierig, belesen und (wie Barbara auch) an Wissenschaft interessiert, mithin für diese Ära ganz schön progressiv!
Wirkungsvoll ist auch die Optik der Daleks, ihre Stimmen und ihre Bedrohlichkeit sowieso. Ich finde, hier sind sie sogar noch perfider als in manchen späteren Geschichten, folgen sie doch nicht nur inhärenter, arbiträrer Bösartigkeit, sondern sie erweisen sich als kalkulierend und trickreich, täuschen Kooperationsbereitschaft vor, um ihr expansionistisches Ziel zu erreichen. Die in der Serie eingeführten Thals kommen auch vor. Die Tardis wiederum (die hier immer "Tardis" ohne Artikel genannt wird) hat zwar das gewohnte Außendesign, ihr Interieur macht aber den Eindruck eines besseren Geräteschuppens.
Insgesamt wurden mir kurzweilige 80 Minuten geboten. Das exaltierte Gehabe des Cushing-Doktors sowie ein paar allzu krampfhafte Humor-Einschübe (darunter einen Türöffnungs-Gag, der mir wie eine Vorwegnahme des viralen "Darth Vader being a jerk"-Cuts vorkam) muss man halt ausblenden.