Montag, 26. September 2022

Jackfruit revisited

Die Fleisch-Ersatzgerichte auf Jackfruit-Basis, die ich 2018 bei Rewe erspähte, sind zwischenzeitlich aus den Regalen verschwunden. Bei dm gibt es zwar Jackfruit-Stückchen von der Eigenmarke, leider aber nur "natur". Bei meinem letzten Penny-Besuch stellte ich erfreut fest, dass dort Jackfruit-Gulasch geführt wird. Mit Geschmack! Curry gab es auch.


Ein YouTuber, der mehrere Penny-Produkte des Food for Future-Labels probiert hat, konnte sich nicht so sehr für den veganen Gulasch erwärmen, your mileage may also vary. Ich glaube, "überwürzt" war eine der Eigenschaften, die er monierte. Ich fand die Würzung aber sehr gelungen und mochte vor allem die leichte Rauchnote. Und einmal mehr ist die beinahe perfekte Nachahmung der Textur und Bissfestigkeit von tierischem Gulasch zu würdigen.



So sieht der Jackfruchtbaum übrigens in freier Wildbahn (Brasilien) aus:

Foto: Scott Hühnercrisp (mit freundlicher Genehmigung)

Samstag, 24. September 2022

Das Omnibus

Vorgestern erschien die 500. Folge meines Lieblings-Podcasts "The Omnibus". Es ist so beachtlich wie beruhigend, dass die Fangemeinde nach wie vor mit zwei neuen Ausgaben pro Woche beglückt wird, selbst nachdem Co-Host Ken Jennings nun hauptberuflich dauerhafter Co-Host von "Jeopardy!" ist. Und sollte der Output irgendwann gedrosselt werden, gibt es immer noch zahlreiche ungehörte Episoden, mit denen ich mir so manche Zugfahrt versüßen kann, indem ich mir von zwei sympathischen mittelalten Dudes mit viel Witz, Klugheit und Eloquenz abseitiges Wissen vermitteln lasse.

Kurz vor dem Jubiläum habe ich mal zielgerichtet den Backkatalog durchstöbert: Ich hatte, glaube ich, in der Vergangenheit schon einmal vermerkt, dass sich mehrere "Omnibusse" mit Kapiteln der deutschen Geschichte befassen. Diese habe ich in einer Liste versammelt, die sich zugleich als potenzieller Einstieg anbietet für alle, die auf der Suche nach einem englischsprachigen Kontrastprogramm zu all dem hierzulande aufgenommenen Kappes sind.

Potsdamer Platz (#461) Selbst als jemand, der sich öfter in Berlin aufhält, hatte ich kaum eine Ahnung davon, wie bewegt die Geschichte des vormaligen "Times Square von Europa" ist. Dabei steht nicht nur die Nachkriegszeit im Fokus, sondern auch die Frühgeschichte Berlins, die Nachwendezeit sowie der Film "Der Himmel über Berlin".
The Town of Bent Necks (#394) Eine meiner Lieblingsfolgen behandelt die Schuhstadt Herzogenaurach, die durch den Bruderzwist der Gründer von Adidas resp. Puma quasi zweigeteilt wurde. "Bent necks" deswegen, weil man einander jahrelang argwöhnisch auf die Füße geschaut hat, um zu sehen, welcher "Kriegspartei" jemand angehörte.
Der Grosser (#424) Um Autos schere ich mich eigentlich nicht, aber die Bedeutung des Mercedes-Benz 600, genannt "Der Große Mercedes", ist schon herausragend, insbesondere in Hinblick auf die Dutzenden Prominenten, darunter nicht wenige Autokraten und Gewaltherrscher, die ein Faible für den Maybach-Vorläufer hatten. Die Sprache kommt auch auf den Buchstaben ß, einen amerikanischen Ersatzteil-Spezialisten und eine vergessene unrühmliche Anekdote aus David Bowies Berliner Jahren.
The Fulda Gap (#380) Womöglich ein wenig unheimlich zu hören in diesen Tagen, wo man wieder Angst vor Atomschlägen haben muss: Was es mit einer bestimmten Talregion in Mitteldeutschland* während des Kalten Krieges auf sich hatte. (* Wenn ich "Mitteldeutschland" schreibe, meine ich die Mitte Deutschlands. Ostdeutschland ist bei mir "Ostdeutschland".)
Potsdam Giants (#401) Gemeint sind natürlich die "Langen Kerls". Es geht um Grenadiere, gezielte Darwinsche Auslese und den Zusammenhang von Körpergröße und Erfolg.
Fanta (#444) Gute Güte, ich hatte ja nicht den blassesten Schimmer! Dass hiesige Kultprodukte mitunter fragwürdige Entstehungsgeschichten haben, ist klar, aber warum und wie Fanta als Coca-Cola-Alternative das Licht der Welt erblickte, könnte glatt Stoff für den "Dollop"-Podcast sein. Der Part über Werbespots für die gelbe Zuckerbrause ist ein willkommener comic relief.
Elizabeth Nietzsche (#313) Die Schwester Friedrich Nietzsches gründet gemeinsam mit ihrem Mann Bernhard Förster Ende des 19. Jahrhunderts in Paraguay die "arische" Kolonie Nueva Germania (deren Nachfolgesiedlung bis heute unter diesem Namen existiert). Hilarity ensues.
Milli Vanilli (#34) Es ist sooo lustig, wie lustig es Amerikaner finden, wenn Deutsche versuchen, amerikanische Popkultur zu emulieren. Der Lipsync-Skandal um die zwei type-gecasteten Models von Milli Vanilli ging um die Welt; etliche Aspekte dieser Achtzigerjahre-Posse waren mir total neu.
The Erika Typewriter (#368) Hier geht es zwar vornehmlich um russische Untergrund- und Widerstandsschriften, aber da die Ursprünge der Schreibmaschine "Erika" in Dresden liegen, habe ich die Folge in diese Liste aufgenommen.
Fritz Stammberger (#193) Ein Name, der den allermeisten fremd sein wird: Es handelte sich um einen Extrem-Bergsteiger, der eine amerikanische TV-Spielshow-Assistentin heiratete und in den 1970er-Jahren in Pakistan verschwand. Oder ließ man ihn verschwinden? Seine Frau stürzte sich auf der Suche nach ihm in immer krudere Verschwörungstheorien. Absolut irre!
German Telegrams (#286) Das war die erste Ausgabe, die ich je gehört habe! Sie fällt etwas trocken aus, aber die gewichtige Rolle, die Telegramme abseits der Emser Depesche in der deutschen Geschichte gespielt haben, wird auf lehrreiche Weise herausgearbeitet.
The Christmas Truce (#112) Der "Weihnachtsfrieden" zwischen britischen und deutschen Truppen im Grabenkrieg 1914 ist freilich ein alter Hut. Doch welchen Anteil hatte die Frauenbewegung daran? Weihnachtsliedgut und Weihnachtsessen werden auch diskutiert.
Alexander von Humboldt (#185) Alles über vergangene Forschungsmethoden, Universalgelehrte, das Zeitalter der Expeditionen und Spekulationen darüber, warum einer der bedeutendsten Köpfe Europas heute beispielsweise in den USA so gut wie unbekannt ist.
The Baader-Meinhof Gang (#310) Ich erinnere mich kaum noch an Details, aber Rekapitulationen des Heißen Herbstes sind ja immer spannend, erst recht aus einer fremdländischen Perspektive.
Rosa Luxemburg's Body (#339) Einiges über Wesen und Entwicklung Rosa Luxemburgs ist zu erfahren, außerdem über ihren Kopf, Spartacus und sein Erbe sowie Michael Tsokos.
Wuppertal Schwebebahn (#374) Auch hier wird mit verblüffenden Fakten überrascht, wer glaubte, schon alles über das Thema gewusst zu haben. Unter anderem lernte ich, dass die Wuppertaler Magnetschwebebahn zur gleichen Zeit entwickelt wurde wie die Schwebebahn in Dresden – vom selben Ingenieur (Carl Eugen Langen)! Elefantendame Tuffi hat selbstverständlich auch ihren Auftritt.
Lisztomania (#441) Wer war Europas erster Superstar? Ein echter Promi, wenn man Königshäuser außen vor lässt? Es war der Klaviervirtuose Franz Liszt, und das Schlagwort für dieses Massenphänomen, "Lisztomanie", schuf kein Geringerer als Heinrich Heine. Ken und John lassen zudem eigene Konzerterlebnisse Revue passieren.
As Slow as Possible (#189) John Cages grenzen- und zeitensprengendes Orgelwerk "ASLSP" kann man nicht besprechen, ohne auf die Halberstädter Sankt-Burchardi-Kirche einzugehen. Aber auch darüber hinaus sehr spaßig.

PS: Die 499. Ausgabe handelt von Exklaven. Ich habe sie noch nicht gehört, könnte mir aber vorstellen, dass darin auch Büsingen am Hochrhein vorkommt.

Donnerstag, 22. September 2022

Photo dump Sommer 2022

Eine Packung Kippen eine Mark. Gute alte Zeit ...

"Wo genau wohnst du?" - "Außerhalb." - [sarkastisch] "Sooo genau wollte ich's nicht wissen!"

Amen!

Na, ob das ein echter ist ... Ausgerechnet im hessischen Egelsbach?

Seltener Anblick: Klopapierhut in freier Wildbahn

Und was, wenn die Eisesser durchs Schaufenster "gucken" wollen, weil sie selbst potenzielle Neukunden sind?

Ich konnte nicht erkennen, wie viel man einwerfen muss, um einmal Saatgut zu erhalten. Im Konkurrenz-Automaten "Blumenwiese to go" kostet eine Kapsel 1,- €. Dafür hat man früher eine Schachtel Zigaretten bekommen!

Vogelliebhaber, check dein Privileg!

Dienstag, 20. September 2022

Videospieltipp: Firewatch

Es gibt Games, bei denen ich nach fünf Minuten weiß: Das ist genau mein Ding, ja, das wird was. "Firewatch" ist ein Paradebeispiel dafür. Ich bin ein Enddreißiger namens Henry und bekomme meine eigene Vergangenheit als "Was bisher geschah"-Text präsentiert, während ich herumlaufe und mich so mit der – recht simplen – Steuerung vertraut mache. Mehr oder weniger einschneidende Ereignisse bestimme ich retroaktiv, indem ich etwa aus zwei vorgegebenen Alternativen wähle, welchen Hund meine Partnerin und ich uns damals angeschafft haben. Die Brocken werden immer dicker, die Schicksalsschläge sitzen tief ... *record scratch* Ich spaziere durch den Shoshone National Forest in Wyoming, um meinen Aushilfsjob als Feuerwächter anzutreten, aus einem inneren Beweggrund, den ich mir ebenfalls aussuchen kann. Waldbrände sind Ende der 1980er Jahre, nicht nur hier, eine ständige Bedrohung, die zu bekämpfen ich durch Erkundungsgänge sowie von meinem exponierten Wachposten aus (ein schweinegemütlicher Ranger-Turm) helfe. Meine einzige Kontaktperson ist meine Vorgesetzte Delilah, die ich nie zu Gesicht bekomme. Über Walkie-Talkie erteilt sie mir Befehle und Ratschläge, wobei das erste Gespräch mit ihr nicht das strahlendste Licht auf sie wirft. Für ihre übergriffige Fluchtirade entschuldigt sie sich am nächsten Morgen, sie hatte wohl zu tief ins Glas geschaut; sieht so aus, dass nicht nur ich mein Ränzlein zu tragen habe. Wir kommen uns durch gemeinsames Seelen-Striptease immer näher, zudem habe ich die Gelegenheit, Delilah über jede Auffälligkeit in der Natur zu unterrichten, genauso gut kann ich das aber bleiben lassen, wie ich mich auch stets in Ton und Wahrheitsgehalt zwischen mehreren Optionen entscheiden darf. Hier ist ein erster kleiner Kritikpunkt anzubringen, denn was ich sage und wie, hat im weiteren Spielverlauf kaum spürbare Konsequenzen. Auch meine anfangs festgelegte Biographie wirkt sich zwar gelegentlich auf die Walkie-Talkie-Talks, nicht aber auf die eigentliche Story aus.

Diese funktioniert so oder so phantastisch. Denn selbstverständlich geschehen schon bald unvorhergesehene, beunruhigende Dinge im Nationalpark. Jeder neue Tag kann eine Überraschung bringen. Genau, "Firewatch" spielt nämlich nicht "am Stück", sondern über mehrere Wochen hinweg. Es gibt Zeitsprünge, und sobald wir eine Tagesmission erfüllt haben oder ein bestimmtes Event getriggert haben, endet das Kapitel. (Das wäre ein zweiter Minuspunkt: Manchmal hätte ich an einem Tag gerne noch mehr erkundet, denn der Park lädt durchaus zum Sandboxing ein, doch dann setzte ich unwillentlich irgendeine Aktion in Gang, die mich in die Zukunft katapultierte.)

Meine wichtigsten Hilfsmittel sind Karte und Kompass. Weil meine Erfahrung mit diesen Werkzeugen sowie mein Orientierungssinn allgemein nicht herausragend sind, fürchtete ich zunächst, mich ständig zu verlaufen, aber man lernt den Umgang mit Karte und Kompass erstaunlich rasch – und somit auch etwas fürs echte Leben. Weitere Items finde ich u.a. in Versorgungsboxen, welche zusätzlich so manches enthalten, was zum Environmental Storytelling beiträgt. Musik und Geräusche werden prima eingesetzt ("The sound design was lauded to have evoked a Hitchcockian sense of fear." Wikipedia).

Ist das 2016er Debut von Campo Santo (die seit 2018 zu Valve gehören) gameplay-technisch eher mau? Das soll jeder für sich entscheiden. Für mich erfüllt "Firewatch" alle Kriterien für ein einnehmendes, lange nachwirkendes Spiel-Erlebnis. Wunderschöne Landschaften durchstromern, einem fesselnden Mysterium auf den Grund gehen, hervorragend vertonte Dialoge führen, und das alles aus der Ego-Perspektive eines lebendigen Charakters mit tragischem Background? Das taugt mir und hat mich bis zum Abspann nach circa fünf Stunden exzeptionell unterhalten. "Firewatch" gehört zum Besten, was ich in den letzten Jahren gespielt habe. 

Sonntag, 18. September 2022

Zauberhafte altdeutsche Rechtssprache (I)

Nachdem es im vorletzten Beitrag um obskure Rätsellösungen und im letzten um eine obskurere Berufsbezeichnung ging, ist es nur folgerichtig, sich erneut mit obskurem Sprachgut zu befassen ... Nein, halt, das ist überhaupt nicht folgerichtig! Das Blog droht monothematisch zu werden, und das ist keineswegs meine Absicht.

Nichtsdestotrotz ist es an der Zeit für eine neue kleine Reihe, in welcher ich lexikographische Stöbereien in einem Lehrbuch betreiben möchte, das ich bereits im August erwähnt habe: Deutsche Rechtsgeschichte von Heinricht Mitteis, erschienen in 3. Auflage 1954 bei C.H. Beck. Ich hatte es in einem Berliner Antiquariat erworben und mit Blick auf das Erscheinungsjahr direkt gedacht: Uiuiui. Denn wenn man sich, wie ich, ein bisschen mit der westdeutschen Nachkriegsgeschichte beschäftigt hat, weiß man, dass jemand, der in dieser Zeit eine höhere Position in der Rechtspflege oder -lehre bekleidete, mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit eine oder mehrere Leichen im Keller hatte. Aufatmen war angesagt, als ich den Wikipedia-Artikel zu H. Mitteis las, denn der in Prag geborene Ordinarius darf nicht nur als unbelastet, sondern sogar als bedingt widerständisch betrachtet werden. Bereits 1933 "verlor er sein Amt als Dekan, weil er gegen die Verunglimpfung jüdischer Kollegen in der nationalsozialistischen Presse Stellung nahm und den Rektor der Heidelberger Universität kritisierte. Obwohl Mitteis nicht der NSDAP beitrat, wurde er 1934 auf den Lehrstuhl für Deutsches Privatrecht, Deutsches Bürgerliches Recht, Handels- und Wechselrecht und Deutsche Rechtsgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. Wegen seiner kritischen Einstellung zum Nationalsozialismus war Mitteis offenen Angriffen von Seiten der nationalsozialistischen Studentenführung ausgesetzt. In einer Vorlesung kam es sogar zu einer Schlägerei zwischen NS-Studenten und Mitteis’ Schülern. [...] 1938 entging Mitteis der Schutzhaft nur, weil seine Familie mit der Frau von Alfred Jodl, dem damaligen Leiter des Wehrmachtführungsamtes, befreundet war. Nach dem 'Anschluss Österreichs' wurde Mitteis von allen Ämtern suspendiert und an die Universität Rostock versetzt."

Mitteis (1889-1952) gilt bis heute als Koryphäe für Rechtsgeschichte. Dementsprechend geht das vorliegende Studienbuch aus der Reihe "Juristische Kurz-Lehrbücher", bei aller Kompaktheit, ganz schön in die Tiefe, ist voraussetzungsreich und anspruchsvoll. Ich habe es dennoch bewältigt, und hier kommt nun die Nacharbeit. Viele der Fachwörter, die oft ohne weitere Erklärung gedroppt werden, sehen kurios aus, scheinen uralt zu sein, sie sind, kurzum, einer näheren Betrachtung wert. Für jede Folge dieser Serie werde ich mir zwei Wörter herausgreifen und unter Zuhilfenahme mir vertrauenswürdig scheinender Drittquellen definieren. Weitergehende Forschungen (bspw. etymologischer Art) sind mir nicht zuzumuten.

Schatzwurf. War wohl eine Form der Freilassung durch den König mit Vollfreiheit als Folge. Aber wie sah dieser Akt konkret aus? Der Klappentext von Ute Maass' Monographie Die Freilassung durch Schatzwurf in den Urkunden der karolingischen, sächsischen und salischen Kaiser und Könige (zugl. Diss. Bochum 2007) fasst es in einem Satz zusammen: "Der Schatzwurf ist eine symbolische Handlung, bei der der freizulassende Unfreie dem Freilasser einen Denar darbietet, den dieser ihm aus der Hand schlägt."
Allgemeiner das Online-Mittelalter-Lexikon, welches auch die althochdeutsche Form (scazuurfun) und die mittellateinische Grundlage für die Lehnübersetzung angibt (excussio denariatio): "Symbolischer Akt bei der Freilassung Leibeigener. Der Freizulassende hielt dabei vor Zeugen seinem Herrn eine Münze hin, die dieser annahm und zu Boden warf (iactante denario), wodurch die Ablehnung des Kopfzinses augenfällig dargestellt war."

Hantgemal. Erscheint in Klammern hinter dem Halbsatz "Später wurde das Schöffenamt mit gewissen Gütern verbunden". Wo ich schon mal das Mittelalter-Lexikon offen habe: Dort wird es definiert als "dinglicher Ausweis für Freiheit und Adel einer Person oder Sippe in Form eines Stamm- oder Erbguts, nach welchem diese ihre Hausmarke führt. Insbesondere das Stammgut ritterbürtiger, schöffenbarer Geschlechter. Das vererblich an das Gut gebundene Zeichen des hantgemals wurde als Unterschrift gesetzt und war nur in männlicher Linie vererbbar."
Da tun sich sogleich Folgefragen auf. Also: "Unter Schöffenbaren haben wir [...] Schöffen und ihre Familienangehörigen zu verstehen. Jedoch war ihre Standesstellung durch ein Anrecht an freies Eigengut, das im Bezirke des betreffenden Schöffengerichtes lag, beschränkt; man nannte dieses Eigen Hantgemal." So steht es bei Aloys Meister, Deutsche Verfassungsgeschichte von den Anfängen bis ins 14. Jahrhundert, 2013. In welcher Gestalt man sich das Zeichen "als Unterschrift" bzw. die "Hausmarke" vorzustellen hat, konnte ich nicht herausfinden, auch nicht bei Wikipedia, die den Begriff als "Handgemahl" führt. (Es gibt verschiedene Formen, von denen die älteste, handmahal, wie man dort erfährt, im altsächsischen Heliand belegt ist.)

Freitag, 16. September 2022

Wort der Woche

Die Stadt Dresden, lese ich auf Twitter, bekommt einen Nachtbürgermeister. Einen was? Wird der von 18 bis 6 Uhr im Dienst sein, um den "Tagesbürgermeister" zu entlasten? Oder ist das eine oppositionelle Figur, eine Art Schattenkanzler gar?
Das "Amt" klingt hochtrabender, als es ist. Der Posten ist hauptsächlich ein kultureller und der oder die ihn Ausübende mit Fragen des Nachtlebens betraut. In anderen deutschen Städten wie Heidelberg, Münster und Wiesbaden (hier als Doppelspitze) gibt es Nachtbürgermeister teilweise schon seit 2018. Innerhalb Europas sind die Niederlande Vorreiter, die bereits 2003 in Rotterdam ein Kollektiv von nachtburgemeesters installieren ließen. Seither findet man Night mayors auch in Tschechien, England und seit 2016 sogar auf anderen Kontinenten.
Aber was genau wird der Dresdner Nachtbürgermeister zu tun haben? "Fehlende Freiräume, Lärm, Müll und Wildpinkler. [...] Wo kann man in Dresden feiern? Wie kann zwischen Feiernden und Anwohnern vermittelt werden?", umreißt die Sächsische Zeitung das Aufgabenspektrum. Klingt nach einer Menge Stress. Kommt mit dem Job auch das ius Pirnae noctis daher? (Sorry.)

Mittwoch, 14. September 2022

26 Kreuzworträtsel-Lösungen mit der Eigenschaft {obskur}

  • aus Flachsabfall: heden 
  • gefälteter Kleiderbesatz: Falbel 
  • veraltet: Maskenball: Redoute 
  • kleines rundes Käppchen: Kalotte 
  • Hetzruf an den Hund bei der Jagd: Hussa 
  • Griff am Sensenstiel: Worbe 
  • Fürstenerlass in islam. Ländern: Ferman 
  • Dampfkesselaufsatz: Dom 
  • thailändisches Getreidemaß: Ban 
  • Abk.: Amerika: Am. 
  • altes süddt. Getreidemaß: Imi 
  • winziges Längenmaß (veraltet): Mikron
  • schwed. Längenmaß (30 cm): Fot 
  • Hauptteppich orient. Festsäle: Khali 
  • arabischer Wüstenbrunnen: Bir 
  • Weinrebenkrankheit: Mauke 
  • norddeutsch: Iltis: Ülk 
  • Erbsen ausschoten: kirnen 
  • Schiffswächter: Lieger 
  • alpine Schafgarbe: Iva 
  • Taster bei Kerbtieren: Palpe 
  • Formgerät der Glasbläser: Marbel 
  • kirchl. Handwaschgefäß: Lavabo 
  • Schafleder für Bucheinbände: Basane 
  • bunt bedrucktes Gewebe: Chintz 
  • Partytrubel: Highlife

Montag, 12. September 2022

Der Film zur Novelle im Roman

Der losen Reihe "Stephen King baut in seine Werke Referenzen auf sich selbst ein" habe ich ein weiteres amüsantes Exempel hinzuzufügen. In dem 2021 erschienenen Roman "Später" steht auf S. 123 der deutschen Ausgabe (Heyne):

Das Frederick Arms war etwa gut zwölf Stockwerke hoch und aus grauem Backstein erbaut. Die Fenster im Erdgeschoss und im ersten Stock waren mit Gitterstäben gesichert. Jemand wie mir, der im Palast der Avenue aufgewachsen ist, kam es eher wie das Gefängnis in Die Verurteilten als wie ein Wohnblock vor.

Nun gut, es kann sein, dass in dieser im New York der 2010er Jahre angesiedelten Parallelwelt das Gefängnisdrama "Die Verurteilten" existiert, ohne auf der literarischen Vorlage eines gewissen Herrn King zu beruhen. Im Übrigen werden hierin auch die Serien "Person of Interest" und "Torchwood" ge-namedropped (bekannt aus diesem Blog!).

Samstag, 10. September 2022

Die haben es in sich!

Dieses leicht umzusetzende Rezept liegt seit 2008 auf meiner Festplatte, also höchste Zeit, es zu teilen. Knusperoliven schmecken so gut, dass man gar nichts als Beilage braucht außer vielleicht einen Salat.


Die Knusprigkeit ergibt sich aus einem Mantel, den wir aus folgendem Teig bilden: 125 g nicht zu weiche Butter, 150 g Mehl, 250 g Reibekäse (z.B. mittelalter Gouda), ggf. etwas PfefferSalz und Paprikapulver. Der gut durchgeknetete Teig sollte eine Stunde im Kühlschrank ruhen, bevor wir aus ihm ca. 5 cm dicke Würstchen rollen, von denen wir sodann pro Olive etwa einen Fingerbreit abschneiden. Es empfehlen sich grüne Oliven aus dem Glas (200 g Abtropfgewicht; ich glaube, am Ende reichte es für ungefähr 30 Oliven), und zwar am besten die mit Paprikastreifen gefüllten. Die Oliven werden möglichst gleichmäßig mit dem Teig umschlossen, auf Backpapier gelegt und dann in den Ofen geschoben.

Nach einer Viertelstunde Backzeit kann man schon mal schauen, ob die Teile eine fischstäbchenartige Farbe angenommen haben, nach 20 Minuten sollten sie gut sein. Auch wenn das sehr läppisch klingt: Ketchup passt hervorragend dazu! Die Kombination bitter-salzig/süß-sauer ist einfach ... *chef kiss*

Donnerstag, 8. September 2022

Die Korrekturen

Beim Tippen der Überschrift des letzten Beitrags musste ich an eine besprechenswerte Erscheinung im vor allem wissenschaftlichen Literaturbetrieb denken: die Korrekturseite(n). Werden nach Redaktionsschluss bzw. nach Druckbeginn noch Fehler entdeckt, werden diese nebst Korrekturen in einem Verzeichnis aufgeführt, welches entweder auf einer der hintersten Seiten im Buch angehängt oder als separater Ausdruck beigelegt wird. Als Beileger kann das Corrigendum eine lose Einzelseite oder auch mehrere (geklammerte) Seiten umfassen. Im Studium hatten wir ein Lehrbuch, das diesbezüglich den Vogel abschoss (wer's genau wissen will: Die 18. Auflage von Adolf Friedrich Stenzlers Elementarbuch der Sanskrit-Sprache, de Gruyter 1995). In ihm befand sich ein Heftchen mit nicht weniger als 141 Errata auf 11 Seiten! Kann das jemand überbieten?


Streber, der ich war, führte ich brav die (teils folgenschweren) Berichtigungen eine nach der anderen aus, bis das selbst mir zu anstrengend wurde.


Lustigerweise habe ich beim gestrigen Durchblättern des Buches einen weiteren, noch unentdeckten Fehler gefunden! Zur Verteidigung muss man sagen, dass diese 142 Schnitzer und Unstimmigkeiten nicht seit der Erstauflage von 1869 mitgeschleppt wurden. Die 18. Auflage stellt nämlich nicht nur eine Fortführung, sondern eine "völlige Überarbeitung" dar, wie im Vorwort dargelegt, wo zudem angekündigt wird, dass die 19. Auflage (welche dann 2003 erschien) nochmals erweitert werden solle. In deren Corrigenda würde ich auch gerne schnuppern.

Worin die feinen Unterschiede zwischen "durchgesehen", "ergänzt", "verbessert", "umgearbeitet" usf. bestehen, wäre übrigens auch mal eine endgültige Klarstellung wert. Und: Wie viel Überarbeitung darf ein Druckwerk erfahren, bis es keine neue Auflage, sondern ein genuin neues ist? Theseus' Schiff, ick hör' dir hupen ...

Dienstag, 6. September 2022

Corrigenda

Es mag schockieren, aber es ist ein Fakt, dass in diesem Blog mitunter Halbgares, Unwahres, Fehlerhaftes veröffentlicht wird. Diesen Fakt offen auszu"sprechen" zeugt von Größe (meinerseits). Tipp- und andere kleinere Fehler korrigiere ich, sobald sie mir auffallen, ohne viel Federlesens – in einem Blog geht das ja angenehm problemlos –, und ein einziges Mal habe ich einen Post, der aufgrund einer irrigen Annahme entstanden war, vollständig gelöscht. Nachdem mir nun kürzlich beim Podcasthören gleich zwei mittelschwere Ausrutscher aus der Vergangenheit klargeworden sind, ist es Zeit für entsprechende Richtigstellungen.

1.) Über M. Night Shyamalans "Old" schrieb ich am 14. Mai dieses Jahres: "[...] zumal die Mimen wie frisch an der Schauspielschule eingeschrieben wirkten; einzig Rufus Sewell ('The Man in the High Castle') brachte ein wenig Professionalität rein, zumindest in jenen Szenen, in denen das Drehbuch ihm keine andere Wahl ließ, als sich wie ein Clown aufzuführen." Ich muss Abbitte leisten für die (über Bande geäußerte) Einschätzung, der Cast dieses Films bestehe fast ausschließlich aus Laien und Unbekannten. In der Besprechung des Cracked Movie Club (dem Kino-Podcast von Cracked.com) wird nämlich mehr als einmal darauf hingewiesen, dass sich das Ensemble aus durchaus erfahrenen und verdienten Schauspielerinnen und Schauspielern zusammensetzt: Den mexikanischen Hauptdarsteller Gael García Bernal hätte ich aus "Babel" oder "Casa de mi Padre" kennen können, zudem hat er in "Mozart in the Jungle" und "Amores Perres" mitgespielt; die Luxemburgerin Vicky Krieps ist international im Geschäft ("Colonia Dignidad", "A Most Wanted Man" u.v.m.); den preisgekrönten Alex Wolff habe ich in "Hereditary", "Boston" und "Pig" gesehen; Abbey Lee war in "Mad Max: Fury Road" und der Serie "Lovecraft Country" dabei; Nikki Amuka-Bird hat in etlichen britischen Produktionen mitgewirkt, nicht zuletzt in "Doctor Who" und "Torchwood"; Embeth Davidtz ist seit 1989 im Geschäft und hat so unterschiedliche Titel wie "Schindlers Liste", "Bridget Jones" und "Armee der Finsternis" in ihrer Filmographie stehen.
Dass ich den Großteil dieser Leute nicht kannte, war also zu gleichen Teilen Ignoranz, Gedächtnislücken und Zufall geschuldet. Und ihr amateurhaftes Spiel ist auf Drehbuch und Regie zurückzuführen.

2.) Hinsichtlich der deutschen Untertitel des 1933 spielenden anglo-kanadischen Films "The Saddest Music in the World" bemäkelte ich, dass "the Great War" darin stets als "Erster Weltkrieg" auftaucht. Ich gehe mit dieser Übersetzung zwar immer noch nicht d'accord, zumal es eine kanadische Publikumszeitschrift war, die zur Verbreitung der Bezeichnung Great War bzw. "Großer Krieg" nicht nur in der englischsprachigen Welt beitrug. Durch die Omnibus-Episode 321, "The War Before This One", erfuhr ich aber, dass man in manchen Kreisen schon vom "Ersten Weltkrieg" gesprochen hat, bevor der zweite überhaupt erahnbar war. Die Ordinalzahl sollte nicht auf eine Position in einer fortlaufenden Liste von Weltkriegen hindeuten, sondern die "Erstmaligkeit", die unprecedentedness dieses singulären Ereignisses ausdrücken, i.S.v. "das ist der erste Krieg, der auf dem ganzen Erdenrund ausgefochten wird".
Desweiteren möchte ich mich für die Formulierung "WK II" in dem verlinkten Beitrag entschuldigen. Ich hätt's besser wissen müssen, schließlich war mir dieser Amerikanismus sogar schon einmal von unserer Geschichtslehrerin in einer Klausur rot unterstrichen worden!

Sonntag, 4. September 2022

Voll der Grade

Es ficht mich an, seit ich mein aktuelles Mobiltelefon besitze, aber nicht genug, als dass ich mich um eine Änderung bemühte: Das sind einfach zu viele Temperaturwerte auf dem Hauptbildschirm!


Freitag, 2. September 2022

Serientagebuch 08/22

01.08. Traces 2.01
Traces 2.02
Better Call Saul 6.09
02.08. Traces 2.03
07.08. Traces 2.04
08.08. Better Call Saul 6.10
Better Call Saul 6.11
09.08. Westworld 4.06
12.08. Traces 2.05
15.08. Traces 2.06
17.08. Better Call Saul 6.11
Better Call Saul 6.12
18.08. Westworld 4.07
19.08. Westworld 4.08
20.08. The Old Man 1.01
The Old Man 1.02
21.08. House of the Dragon 1.01
The Big Bang Theory 12.01
The Big Bang Theory 12.02
23.08. Saxondale 1.01
Saxondale 1.02
Saxondale 1.03
The Old Man 1.03
24.08. Saxondale 1.04
Saxondale 1.05
25.08. Saxondale 1.06
Saxondale 1.07
Torchwood 3.01
Torchwood 3.02
26.08. Torchwood 3.03
The Old Man 1.04
28.08. Torchwood 3.04
The Big Bang Theory 12.03
29.08. House of the Dragon 1.02
Torchwood 3.05
30.08. The Old Man 1.05

Dass ein Prequel einen größeren Umfang erhält, in diesem Fall: exakt eine Episode mehr als die Mutterserie, mag manchem "unrichtig" erscheinen, ich zumindest hatte zunächst die Sorge, hier könnte eine Kuh über die Maßen gemolken werden. Aber! Erstens war Better Call Saul mehr als ein Prequel zu "Breaking Bad", sondern zum Teil eine Parallelerzählung und in den letzten Folgen ja sogar ein Epilog, zweitens setzten bei mir selbst nach fünfeinhalb Staffeln keine Ermüdungserscheinungen ein. Für viele, mit denen ich mich über den Saul-Ableger unterhalten habe, übertraf dieser die Originalreihe qualitativ sogar noch. So weit möchte ich nicht gehen. Die Spannung von "Breaking Bad" hat mich seinerzeit mehr als einmal SCHREIEN lassen und sicherte dieser Serie einen Platz in meiner All-time-Top-3. "Better Call Saul" schafft es aber locker in die Top 10 und wird mir als gediegenes, tonal breiter gefächertes Meisterstück in Erinnerung bleiben, als Drogenkrimi, Anwaltsfarce, Gaunerdrama. Und mit "Breaking Bad" hat es, als Gesamtwerk betrachtet, vor allem eins gemein: ein perfektes Ende.

Ach ja, Westworld ging nach einer gefühlten Ewigkeit auch weiter. Gute Güte, als die dritte Staffel lief, hieß Thandiwe Newton noch "Thandie"! Ob die High-Prestige-Serie nun abgeschlossen ist oder noch eine fünfte, sechste oder zehnte Season spendiert bekommt, ist mir indessen schnuppe. Ich bin durch damit. Hatten die ersten beiden Staffeln wenigstens noch vergnügliche Mindfucks zu bieten (auch wenn diese in 90 % der Fälle auf "Mensch XY war die ganze Zeit ein Host!" hinausliefen) und war die dritte zwar vollkommen bonkers, aber zumindest in ein frisches Szenario verlegt worden, haben mich die letzten acht Episoden immer mehr gelangweilt, und das ist in diesem Genre fatal. Ich möchte nicht ausschließen, dass die Langeweile meiner Begriffsstutzigkeit geschuldet war; ich gebe zu, dass ich diesem auf mehreren Zeit- und Realitätsebenen spielenden Mystery-Western nicht durchgängig folgen konnte, obwohl ich brav sämtliche YouTube-Recaps von "Heavy Spoilers" angeschaut habe (denen ich entnommen habe, dass man sich hier in Hülle und Fülle dreist bei den "Matrix"-Filmen bedient hat).
Was mich von Anfang bis Ende am meisten genervt hat, war die Figurenzeichnung. Mit keinem der Charakter konnte ich irgendwie mitfühlen oder -fiebern, da sie, ob Mensch oder Roboter, allesamt sagenhaft unsympathisch waren. Einige wenige hat man (wegen ihrer Darsteller, Jeffrey Wright zum Beispiel) gern gesehen, aber weil sie so hässlich geschrieben waren, dachte ich permanent nur 'Boah, dann sterbt halt endlich ...'. Keine zwei Personen können sich am Getränkeautomaten begegnen, ohne einander "Fuck you!" ins Gesicht zu schnauzen. Was sagt das über die Autoren aus?
Lob soll allerdings ausgesprochen werden, wo es fällig wird. Die große Stärke von "Westworld" war und ist die Musik von Ramin Djiwadi. Einfach unglaublich, wie hier jede Note passt und sich in einen wahrlich treibenden, beseelten Soundtrack einfügt, den man sich auch hinterher immer wieder (als Arbeitsbegleitung etwa) anhören kann! Mein zweiter Pluspunkt geht an Produktionsdesign und Ausstattung. Die Sets sind schlicht und ergreifend kinoreif, die Wildwest-Stadt schindet ebenso Eindruck wie die futuristische Megacity von Staffel 3f. Man muss vor HBO schon den Cowboyhut ziehen, dass sie derart viel Geld in eine Show stecken, die niemand guckt.

Mit Traces wurde überraschend ein britisches Forensik-Drama fortgesetzt, das ich gar nicht mehr auf dem Schirm hatte. In den ersten zwei Folgen laufen zwei Handlungsstränge nebeneinander her, von denen einer die losen Enden der ersten Staffel aufrollt und dann radikal abschneidet (man verzeihe mir die schiefen Metaphern), inklusive dem Herausschreiben zweier Hauptfiguren. Das wirkte ebenso obstruktiv wie die aufgesetzten persönlichen Konflikte einiger Agierender. Der in Schottland angesiedelte Krimi um Sprengstoffattentate und sog. Incels ist nicht herausragend, aber auch nicht unspannend, zudem mit fähigen Leuten besetzt (Laura Fraser, Martin Compston, Jennifer Spence).

Um im UK-TV zu bleiben, seien ein paar Worte zu meinem obligatorischen Geheimtipp des Monats verloren: Saxondale. Ein paar Worte bloß, weil Oliver Nagel vom Britcoms-Blog bereits 2010 (!) seine Meinung über diese Sitcom von 2006 (!) losgeworden ist. Ich kann sein Urteil nicht unterschreiben, mir hat "Saxondale" getaugt, sowohl hinsichtlich des character-driven Humors als auch der ausgefeilten Dialoge. Allerdings mag meine Begeisterung daher rühren, dass ich mit Steve Coogans Œuvre kaum vertraut bin, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. Außer "Happyish" kenne ich nichts! Im Vergleich zu den Kultstatus erlangt habenden "Alan Partridge"-Serien stinken die Alltagsabenteuer des Tommy Saxondale womöglich gehörig ab.

UK zum Dritten. In Staffel 1 und 2 des "Doctor Who"-Ablegers Torchwood hatte ich nur sporadisch im linearen Fernseh reingeschaut. Was ich sah, empfand ich als kurzweilig, aber keineswegs als Pflichtprogramm. Doch immer wieder las ich Aussagen à la "Wenn du das Beste von 'Torchwood' sehen willst, nimm dir die 3. Staffel vor und lass alles andere weg". Wie gut, dass es ebenjene als Import-DVD in der Frankfurter Zentralbibliothek gab (übrigens genau wie "Saxondale")!
Der Fünfteiler "Children of Earth" ist tatsächlich nicht nur das "Erwachsenste", was das Whoniverse je hervorgebracht hat, sondern überhaupt innerhalb dessen etwas ganz Besonderes.

Mittwoch, 31. August 2022

TITANIC vor zehn Jahren: 9/2012

Heute vor zehn Jahren erschien Heft 395, und anscheinend gab es damals eine Organspende-Debatte:


Ja, hm, mein Lieblingstitel ist das nicht. Merkel erlangte, obwohl es über die Jahre hinweg einige mehr oder weniger bedeutungsfreie Quatschtitel mit ihr gab, nie den Status von Helmut Kohl, der spätestens ab 1992 (elf von zwölf Covern zeigten den Kanzler) zur gänzlich entpolitisierten Blaupause verkommen war: Aktuelles Thema + Kohl = lustiger Titel, das war die simple Titanic-Erfolgsformel, die mit dem Summanden Merkel nicht recht funktionieren wollte – und nachdem Merkel zur ultimativen Hassfigur der Rechten wurde, rückblickend noch schlechter funktioniert. Damit will ich nicht sagen, dass Gags, die mit der menschlichen bzw. tapsig-niedlichen Seite des Machtmenschen Merkel spielen, überhaupt nicht zünden; es folgten noch mehrere sehr gelungene, wie wir in zukünftigen Ausgaben dieser Reihe sehen werden.

Der Aufmacher der September-Ausgabe war eine Telefonaktion, die ich völlig vergessen hatte, obwohl ich daran beteiligt gewesen war. Als gemeinnütziger Verein "Der kleine Finger" riefen wir bei Adeligen und (mutmaßlichen) Millionären im Lande an, um sie für karikative Einsätze zu gewinnen ("Jungkriminelle könnten sich mal auf Ihrem Rittergut einen schönen Tag machen"), als alternatives Angebot zur seinerzeit diskutierten "Reichensteuer". Wie zahlreiche Anruf-Aktionen der Post-Sonneborn-Ära war sie nur mäßig erfolgreich und fiel auch vom Seitenumfang her recht dünn aus.

Ein feiner Spaß hingegen war der selbstgeschossene Fotoroman "Bis(s) zum Scheidungsprozess". Anlass: "Robert Pattinson und seine Freundin Kirsten – Hollywoods schönstes Vampirpaar steht vor dem Pflöckel-Aus!" Die Produktion dieser Fotostory mündete in einem der sehr raren Momente, in denen ich Michael Ziegelwagner wütend erlebt habe: Sich in einem Hundekostüm mit Windel auf einem gut besuchten Kinderspielplatz ablichten zu lassen, war der Demütigung dann doch zu viel.


Die weibliche Hauptrolle spielte unsere Praktikantin Hatun, welche überhaupt in diesem Monat heavily featured wurde und viele tolle Ideen beizusteuern hatte. Unter anderem ersann sie die Doppelseite "Die Parteien aus Sicht der Parteien", die sich in Posterform zu einem veritablen Verkaufsschlager auswuchs.


Den unschätzbaren Wert der Titanic als Chronistin sieht man an vielen Stellen, herausgreifen möchte ich exemplarisch Mark-Stefan Tietzes Artikel über Bubble Tea, allein wegen des sensationellen Visualizings:


Bemerkenswert, dass die Bubble-Blase kurz nach der Hochphase im Sommer 2012 platzte (auch wenn die medial aufgebauschte Erstickungsgefahr dabei nur ein untergeordneter Faktor war), nur um ein paar Jahre später neu aufzusteigen. In den meisten Städten, obschon nicht an jeder Ecke, kriegt man den fernöstlichen Spezialtee heutzutage wieder.

Ein Blick in "55ff" lässt mich lachen, habe ich doch bereits in der gerade mal zweiten Folge die Meta-Schraube gleich dreimal überdreht. Neben einem Editorial, in dem angekündigt wird, dass in dieser Rubrik "ab sofort alles anders" ist, "aber gleichzeitig so gemütlich und ehrlich, wie Sie es von uns gewohnt sind", finden sich auch noch diese Kästen, deren Humor sich bestimmt nicht jedem erschlossen hat:



Apropos Rubrik: "Das neue deutsche Volkslied" feiert Premiere! In der Einleitung heißt es: "Während einer Redaktionswanderung durch den Taunus wurde klar: Kaum einer unserer Jahrgänge kennt noch deutsches Liedgut." Das stimmt! Jene Wanderung unternahmen Leo Fischer, Birgit Staniewski und ich, und bei ebenjenem Gespräch über deutsches Liedgut schlug Birgit vor, ihren alten Freund Simon Borowiak zu fragen, sich doch mal neue Volkslieder auszudenken, die dann exklusiv in Titanic erscheinen könnten. Das tat er, und für die Vertonung konnte er den preisgekrönten Komponisten Moritz Eggert gewinnen. Ja, diese Reihe war was für Genießer.


Weiteres Notierenswertes
- Das war die Phase, in der Kamagurka seine Werke gemeinsam mit Pedro, einem Assistenten oder Zeichenpartner oder was, anfertigte, sie waren mit "von (K) und (P)" überschrieben. Übrigens liefert Kamagurkas Büro die Cartoonvorschläge stets digital und in englischer Sprache an Titanic. (Flämisch sieht zwar ulkiger aus, wird aber von niemandem verstanden.) Nach der Auswahl der Cartoons werden die Texte ins Deutsche übersetzt (zurzeit übernimmt das Chefredakteur Hürtgen, damals fiel diese Aufgabe oft mir zu) und an Kama geschickt, der sie dann neu lettert.
- Ungewöhnlich: Ein Gedicht von Dietmar Dath in der Humorkritik.

Schlussgedanke
Keine legendäre Nummer, aber schön abwechslungsreich und wie immer ein lehrreiches Zeitdokument.

Dienstag, 30. August 2022

Die Kybersetzung-Top-10

Mir war nicht entgangen, dass in der Blogger-Oberfläche die Suchanfragen, die auf mein Blog führen, nicht mehr angezeigt werden. Lediglich "Sonstiges" steht an der entsprechenden Stelle seit einer Weile. Richtig in mein Bewusstsein gedrungen ist mir dieser Umstand erst, als mich Kollege Lugauer darauf ansprach. Schade, denn es war nicht selten ein Quell des Juxes, zu lesen, was die Leute, die hier landen, so alles in ihre Google-Eingabefelder getippt haben. Mit neuen verstörenden Suchbegriffen kann ich also fürderhin nicht mehr dienen, als Kompensation zeige ich hier die Kybersetzung-Top-10: die zehn am häufigsten aufgerufenen Beiträge.

Sonntag, 28. August 2022

Der Sommer unseres Fahrvergnügens

Ausnahmsweise muss ich ein aktuelles Thema behandeln. Es ist mir ein Bedürfnis, für die Nachwelt festzuhalten, dass es vom 1. Juni bis zum 31. August 2022 in Deutschland etwas gab, das man als erfreulich bezeichnen konnte. Ja, in der Tat, es war das erste und einzige Schöne seit circa fünf Jahren: das 9-Euro-Ticket. Man durfte für nur 9,- € im Monat bundesweit den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Was für ein Luxus, eine Erleichterung, ein Gewinn! Nicht nur, dass man die eigene Region mal richtig er-fahren konnte, man konnte auch weiter auseinander liegende Städte mit dem Regionalexpress als Alternative zu IC, ICE & Co. erreichen, sofern man sich etwas Zeit nahm und ein dickes Fell hatte. Dresden-Frankfurt? 8 Stunden, ja mei. Kostenlos auf die Documenta in Kassel fahren? Easy-peasy, hab ich gemacht. Angenehm war es auch, am Zielort aussteigen und einfach mit der örtlichen Tram oder mit dem Bus weiterfahren zu können, ohne sich mit Tarifzonen befassen oder ständig Kleingeld für Fahrkartenautomaten dabei haben zu müssen. Ich fühlte mich an die goldenen zwei Jahre, in denen ich eine BahnCard 100 besaß, zurückversetzt.

Das 9-Euro-Ticket machte Lust aufs Reisen im eigenen Land, es brachte Menschen nach draußen, die sonst kaum Anreize dazu haben, ermöglichte, kurzum, Teilhabe, zudem entlastete es die Umwelt und den Straßenverkehr, stellte einen leichten Puffer angesichts der kriegsbedingten Energiepreisexplosion dar, stieß Diskussionen an, stellte potenzielle Weichen für weitere Elektrifizierungs-Innovationen, die Deutsche Bahn und das Umweltbundesamt zogen eine positive Bilanz ... Unnötig zu erwähnen, dass die Politik das 9-Euro-Ticket nicht verlängern wird. Als Hauptargument wird dabei der – nicht zu verschweigende! – Fakt ins Feld geführt, dass der Zugverkehr in diesem Sommer an seine Grenzen kam. Überfüllte Wagen, Verspätungen und sonstiges Chaos waren permanente Begleiter der Niedrigpreisaktion. Doch daraus ziehen die meisten Regierenden nun nicht den Schluss, dass man halt großzügig (!) Kohle (!) in den Ausbau von Personal und Schienennetz zu stecken hat, so wie es ja auch mir nichts, dir nichts mit der Bundeswehraufrüstung möglich war. Nein: Strohmannargumente werden bemüht ("Menschen, die aufs Auto angewiesen sind, würden ungefragt ein Ticket, das sie nicht nutzen, mitsubventionieren"), freidemokratische Widerlinge sprechen gar von "Gratismentalität", und überhaupt dürfe man das System nicht von heute auf morgen an seine Belastungsgrenze bringen, was übersetzt heißt, dass man weiterhin einen Teil der Gemeinschaft von der regelmäßigen Bahnnutzung ausschließen muss, indem man die Preise mindestens knapp über deren Budget hält. Da kann man froh sein, dass beispielsweise Bildung und Gesundheitsversorgung als Grundrechte gelten, sonst würde man womöglich morgen das kostenlose Studium abschaffen ("damit die Hörsäle nicht überfüllt sind") und übermorgen den freien Zugang zu ärztlicher Behandlung ("damit nicht Hinz und Kunz wegen jedem Wehwehchen die Praxen einrennen"). Notabene: Ältere erinnern sich, dass es eine Weile in Deutschland eine sog. Praxisgebühr gab und in einigen Bundesländern Studiengebühren anfielen. Die rechtlichen Grundlagen dafür müsste ich gesondert nachzuvollziehen versuchen, aber solange derlei möglich ist, dürfte es schwierig sein, aus der Verfassung ein Grundrecht auf Mobilität abzuleiten, egal welche Parteien gerade an der Macht sind.

Aber es gibt Hoffnungsschimmer. Berlin hat eine zunächst dreimonatige Neun-Euro-Fortsetzung ab Oktober angekündigt (wenn auch nur für Berlin). Ein bundesweit geltendes 29-Euro-Angebot ist im Gespräch, was ich ohne zu zögern annehmen würde. Bei 69 Euro, eine weitere oft genannte Summe, wäre ich schon nicht mehr dabei. Was auch immer kommen mag: Die glücklichen Erinnerungen an den Sommer unseres Fahrvergnügens wird uns niemand nehmen können.

Freitag, 26. August 2022

Gesundes aus dem Süden

Hach, die USA: das Land, in dem Pizza als Gemüse zählt und einem Obstsalat in rauen Mengen Fett und Zucker beigefügt werden muss, damit die Vitaminlast ja nicht zu hoch ausfällt. Dumme Klischees? Mag sein. Und dass ich eine tiefe Sympathie für good old American Gönnung hege, sollte eh bekannt sein. Bei meiner Beschäftigung mit klassischer Südstaatenküche bin ich auf ein Rezept gestoßen, das mich gleichzeitig lachen und mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Ich habe mit meiner Bemerkung über Obstsalate keinen Witz gemacht. In diesen Sommersalat kommt Schlagsahne und Schaumzucker rein, dass es eine Art hat, und das Ergebnis ist pure Lust. Aber der Reihe nach!

Wir zerhacken (z.B. mit dem Thermomix) eine Tasse geröstete Pecannüsse. Dann schlagen wir einen Becher Sahne auf. Wörtlich ist von heavy whipping cream die Rede, also Schlagrahm mit einem Fettgehalt von über 35 %; die findet man hierzulande leider ebenso schwer wie Crème double (die ich schon mehr als einmal gebraucht hätte). Die Sahne sollen wir zusammen mit einer Viertel Tasse Zucker schlagen. Ich habe ca. 40 Gramm genommen, würde aber behaupten, wegen der Süße all dessen, was noch kommt, kann man auf den Zucker ganz verzichten. Ist die gewünschte Steifheit erreicht, hebt man einen Becher Sauerrahm unter.

In eine Salatschüssel kommen jetzt: eine Schale Erdbeeren (geviertelt), eine Schale Blaubeeren, zwei Tassen kernlose helle Trauben (halbiert), 1 Tasse Mini-Marshmallows, 1/2 Tasse Kokosraspeln sowie die zerkleinerten Nüsse. Alles vermischen und behutsam die Rahmmasse untermengen. Eine halbe Stunde kaltstellen. Bei den Mengenangaben bin ich bewusst vage geblieben; ich schätze mal, bei mir sind insgesamt etwas über ein Kilogramm Beeren zusammengekommen, man kann da sicher variieren.

Mittwoch, 24. August 2022

Skogens Dyp

Ein Hobby, das man gut alleine ausüben kann, ist auf Konzerte gehen. Ich habe schon mehrmals ohne Begleitung Auftritte von mehr oder weniger obskuren Bands besucht, weil sich einfach niemand gefunden hat, der meinen abseitigen exquisiten Musikgeschmack teilt. (Am Ende dieses Beitrags werde ich auf geniale Weise einen Bogen zu extremer Musik schlagen!)

Was auch gut "geht" als Einzeldisziplin: Wandern. Versteht mich nicht falsch, ich erkunde gerne und regelmäßig in Gesellschaft die heimische Natur, bin kein eigenbrötlerischer Waldschrat, aber Solo-Wandern hat den Vorteil, dass man dabei Podcasts hören und/oder seinen Gedanken einmal freien Lauf lassen kann. Hinzu kommt in meinem Fall, dass ich nicht mit dem besten Orientierungssinn ausgestattet bin. Mehr als einmal schon musste ich meiner Begleitung schamvoll gestehen, dass ich bei der letzten Gabelung die falsche Entscheidung getroffen habe und wir jetzt leider 30 Minuten retour stapfen müssen ... Bin ich allein, kann's mir wurst sein; ich bin nur für mich verantwortlich.

So frustrierend es sein mag, sich zu verlaufen, so folgenlos ist es doch hierzulande in der Regel. Wir sind ja nicht in Amerika, wo man bei Unachtsamkeit durchaus fernab jeglicher Besiedlung und Wegenetze landen kann. Oder wo jährlich massenhaft Menschen in Nationalparks verschwinden. Wo man sich in Todeswüsten, Bärenrevieren oder Hexendickicht verliert. Nicht von ungefähr kommen die unzähligen Filme, in denen der verführerische Ruf der Wildnis zum Verhängnis wird: die Antithese zur Zivilisation, das ungebändigte "Da draußen" als tückische Falle für Erholung und Zerstreuung Suchende. Wer in Deutschland vom Weg abkommt, findet trotzdem zuverlässig irgendeine Straße, bevor die Sonne untergeht ... hatte ich bis zum Februar 2021 zumindest gedacht. Seitdem weiß ich: Sollte es eine Region in Hessen geben, wo getting lost wie im Horrorfilm möglich ist, dann der Burgwald. Behaupte ich einfach mal.


Meine erwähnte miese Orientierung wurde mir angesichts der Wildheit dieses Ortes zum Verhängnis. Okay, "Verhängnis" ist ein dramatisches Wort, aber zwischenzeitlich wurde es mir doch etwas mulmig zumute. Die Hauptschuld an meinem immer fataleren Abdriften von der Route schiebe ich auf die Wegbeschreibung der FAZ, die nicht nur konfus wie gewohnt war, sondern auch einen faktischen Fehler in der beigefügten Karte enthielt: Zu 95 % bin ich mir sicher, dass der zu gehende Pfad an der verkehrten Seite der Wetschaft eingezeichnet war. So landete ich beizeiten an einem Pfad, der vom Forstamt für die Öffentlichkeit gesperrt worden war. Brav kehrte ich um, nahm einen Umweg und stand bald vor einem weiteren "Durchgang verboten"-Schild samt Flatterband. (Dazu ist noch anzumerken, dass die FAZ-Wanderbeschreibung ein paar Jahre alt war. Auf die behördlichen Einschränkungen und die ihnen zugrunde liegenden Gefahren wurde in dem Text folglich nicht eingegangen.) Nun wurde ich zu gleichen Teilen kopflos und übermütig. Ich stieg über die Absperrung und schritt voran, aufpassend, dass ich nicht von einem fallenden Baum erschlagen würde. Nach einer Weile stand ich vor einem Abschnitt, der überschwemmt war, denn das Tauen immenser Schneemassen hatte kurz zuvor eingesetzt.


Ich schlug mich durch eine Böschung, überwand Eis und Schlamm. Während der gesamten Unternehmung traf ich auf keine Menschenseele. Ein Schutzhäuschen namens Wasserberghütte, das ich irgendwann passierte, war verschlossen und strahlte eine so gespenstische Verwaistheit aus, dass ich mich dort keine Minute aufhalten mochte.


Wegweiser zeigten in Richtungen, in die ich gar nicht wollte. Ich wollte nur nach Hause, oder wenigstens in einen der angrenzenden Orte (Münchhausen, Roda)! Ich schien wieder die Frostgrenze überschritten zu haben, als es anfing zu dämmern.


Als dann auch noch meinem MP3-Player der Saft ausging, konnte ich nicht mal mehr mit "Overthinking It" & Co. meine aufsteigende Panik in Zaum halten. Den Akku meines Smartphones wollte ich schonen, zumal ich ohnehin nichts hätte streamen können, da in dem ganzen Gebiet kein Mobilnetz verfügbar ist. Auf Google Maps war ich ein winziger Punkt im Nirgendwo. Es lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wie ich es schließlich nach Münchhausen schaffte. Dort hatte ich jedenfalls wieder genug Internet, um die Abfahrtszeit der nächsten (letzten?) Regionalbahn zu ermitteln: Sie war sehr nah! Wie mit dem Beelzebub im Nacken sprintete ich zum Bahnhof. Ein alter Herr rief mir entgegen: "Naa, immä mit dä Ruh, nur net hetze!" Hechelnd saß ich kurz darauf in einem wärmenden Zug und fuhr durch klirrende, pechschwarze Winterlandschaften nach Frankfurt zurück.

Diese Episode erinnerte mich später an ein außergewöhnliches Buch, das ich mir 2013 bestellte, nachdem es Dietmar Dath in der FAZ besprochen hatte: "Skogtatt" von Ulrike Serowy. Mit stimmungsvollen Illustrationen von Faith Coloccia angereichert, ist diese bibliophile Rarität "der Versuch, extreme Musik in Worte zu kleiden", nämlich Black Metal in eine (zweisprachige) Kurzgeschichte. Und nach diesem Abenteuer im Burgwald konnte ich mich in die Hauptfigur hineinversetzen. "Er fiel", heißt es am Ende. "Blieb liegen Das Gesicht im Schnee So schwer fällt das Atmen Und dann kam die Wärme in ihn". Ja, wie Terje Bakken, der Frontmann von Windir, der 2004 viel zu jung in einem Schneesturm erfroren ist, hätte ich enden können. Ihm sowie allen Verirrten, die in den norwegischen oder anderen Wäldern ihr Leben ließen, ist dieser Beitrag gewidmet.

Montag, 22. August 2022

Von Sachsen- und Wasserspiegeln

In dem antiquarisch erstandenen Lehrbuch Deutsche Rechtsgeschichte von 1954 (das hier in Zukunft noch eine Rolle spielen wird) las ich in Bezug auf den Sachsenspiegel, das wichtigste deutsche Rechtsbuch des Spätmittelalters: "Noch 1933 zitierte ihn das Reichsgericht".

'Oho, sieh an, das ist ja höchst interessant', dachte ich, und direkt darauf: 'Ob es auch noch Gerichtsentscheidungen nach Erscheinen dieses Fachbuches gab, in denen sich auf den Sachsenspiegel berufen wurde?' Im Handumdrehen war herauszufinden, dass es mindestens eine solche gibt, nämlich eine Bundesgerichtshof-Sache von 1989 (Az. III ZR 266/87)! Geklagt hatte damals das Land Schleswig-Holstein gegen die Bundesrepublik Deutschland; geklärt werden sollten "die eigentumsrechtlichen Verhältnisse bestimmter Land- und Wasserflächen im Bereich des Auslaufs der Kossau aus dem Großen Binnensee in die Ostsee (Hohwachter Bucht)". Wer die vertrackte Causa, in der es um Molenausbau, Wasserstraßen und Hafenverkäufe geht, nachzuvollziehen versuchen möchte, kann hier das Urteil einsehen. Ich beschränke mich darauf, den Satz zu zitieren, mit welchem die Stellung der genannten historischen Quelle bekräftigt wird: "Der als Landesrecht mit Vorrang vor dem Gemeinen Recht anzuwendende Sachsenspiegel bestimmt über das Meeresufer nichts". Okay, weitergeholfen hat es offenbar nicht, aber dass der Senat neben der Weimarer Reichsverfassung, dem Staatsvertrag von 1921 und dem preußischen Wassergesetz auch einen Text, der zwischen 1215 und 1235 entstanden ist, konsultiert hat, finde ich faszinierend.

Samstag, 20. August 2022

Das ist ja schleierlingshaft!

Der britische Schriftsteller Nicholas Evans (Der Pferdeflüsterer) ist gestorben, mit 72, an einem Herzinfarkt. Gewiss bedauerlich genug, aber: er hätte auch schon mehr als zehn Jahre tot sein können. "Im September 2008", weiß Wikipedia, "zogen sich Evans und seine Frau durch den Genuss eines Pilzgerichts mit Spitzgebuckelten Rauköpfen schwere Vergiftungen zu. Als Spätfolge wurde ihm 2011 eine Niere seiner Tochter transplantiert."

Der Spitzgebuckelte Raukopf (Cortinarius rubellus) gehört zu den Schleierlingsverwandten, einer Familie, innerhalb derer es mehrere potenziell tödliche Arten gibt. Die Tintling-Herausgeberin Karin Montag widmet ihnen in ihrem monumentalen Pilz-Kompendium "Cook mal Pilze!" ein eigenes Kapitel mit der Überschrift "Der geht einem an die Nieren". Auszug: "In den siebziger Jahren erlitten drei Schottland-Urlauber eine Vergiftung, weil sie [den Spitzgebuckelten] Raukopf mit Pfifferlingen verwechselten. Bei zweien kam es zu einem völligen Versagen der Nierenfunktion, so daß neun Monate nach der Mahlzeit bei beiden Patienten eine Nierentransplantation durchgeführt werden mußte." Auch Nicholas Evans und seine Frau hatten diesen Pilz in Schottland gefunden, der tatsächlich eine äußere Ähnlichkeit mit dem Pfifferling aufweist. Er ist über ganz Europa verbreitet, hierzulande kommt er beispielsweise im Schwarzwald vor. Sein englischer Name ist übrigens Deadly Webcap, während sein französischer Cortinaire très élégant lautet.

Noch gefährlicher als der Spitzgebuckelte ist der Orangefuchsige Raukopf. Wie ersterer enthält dieser, nur in anderer Form, den Giftstoff Orellanin, worauf schon seine lateinische Bezeichnung C. orellanus hinweist. Das von diesem Nephrotoxin ausgelöste Orellanus-Syndrom gilt als "besonders langsam und qualvoll" (Wikipedia). Karin Montag: "Die lange Latenzzeit von 4 - 14 (-17) Tagen macht es oft schwierig, einen Zusammenhang mit einer Pilzmahlzeit herzustellen. [...] Die ersten diffusen Symptome sind unstillbarer Durst mit Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, leichtem Fieber und Schüttelfrost sowie vorübergehende Gelenk- und Muskelschmerzen. [...] Danach treten typische Beschwerden auf, die auf eine Nierenschädigung hindeuten: Übelkeit und durch die Urämie verursachtes Erbrechen, Schmerzen in der Lendengegend bzw. in der Lendenwirbelsäule (in der Nierenloge). [...] Bei Beginn der Nierensymptome über 10 - 14 Tage nach der Pilzmahlzeit sind oft eher milde Verläufe zu konstatieren, von denen sich der Patient vollständig erholen kann. Die Therapie erfolgt symptomatisch nach ständiger Überwachung der Nierenfunktion. In vielen Fällen ist vorübergehend oder zeitlebens Hämodialyse angezeigt bzw. eine Nierentransplantation."

C. orellanus ist ein weiteres Beispiel für einen Fall, in dem ein Pilz bis zu einem gewissen Zeitpunkt (hier: 1952) nicht als giftig, sondern als essbar galt. Da wird es einem angst und bange! Mein Ratschlag wäre: Vor jeder Zubereitung selbstgesammelter Schwammerl deutliche Fotos des gesamten Fundes machen, den Zeitpunkt des Verzehrs notieren und in den folgenden Wochen (!) penibel auf den eigenen Körper hören.

Donnerstag, 18. August 2022

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Beyond the Pole
2010, als das Genre noch nicht so verbraucht war wie heute, lief diese Mockumentary in britischen Kinos – recht erfolgreich, nachdem bereits die Festival-Premiere positive Kritikerstimmen eingeheimst hatte. Dieses Lob mag eine Art von Vorschusslorbeeren gewesen sein, denn dem Film war eine äußerst beliebte Radioreihe der BBC vorausgegangen. Da ich diese nicht kannte, konnte ich mit der Figurenzeichnung und dem Humor nicht ganz so viel anfangen, wie ich gewollt hätte.
Worum geht es? Zwei Freunde (Stephen Mangan, Rhys Thomas) wollen groß rauskommen, indem sie eine Arktis-Expedition unternehmen, die als erste ihrer Art komplett CO2-neutral, vegetarisch und bio sein soll. Mit einer remote arbeitenden Regisseurin (Helen Baxendale) und einem chaotisch betriebenen Ü-Wagen in England an ihrer "Seite" schaffen es die wohlmeinenden, aber komplett unerfahrenen Umwelt-Enthusiasten tatsächlich bis an den Nordpol. Oder doch nicht? Der Dramaturgie einschlägiger Buddykomödien wie auch Über-sich-hinauswachs-Abenteuer folgend, gibt es auf der Reise zermürbende Konflikte, peinliche Überrumpelungen und retardierende Momente. Die Mission zu verfolgen, ist also nicht unspannend (zumal sie tatsächlich im grönländischen Eis gedreht wurde), aber wie gesagt: Ein bisschen mehr Witz hätt's sein dürfen.

The Cursed (aka: Eight for Silver)
Ein in Frankreich gedrehter historischer Werwolf-Grusler des britischen Regisseurs Sean Ellis, der mit einigen modernen Spins aufwartet, der alten "Zigeunerfluch"-Trope etwas Erfrischendes abgewinnt und auch visuell einiges hermacht. Dennoch scheint er mich nur wenig beeindruckt zu haben, immerhin musste ich soeben noch einmal die entsprechenden imdb- und Wikipedia-Seiten durchlesen, um mir die Details ins Gedächtnis zu rufen. Dass Charakterkopf Alistair Petrie trefflich gecastet war, weiß ich noch.

A Most Wanted Man
Philip Seymour Hoffmans letzte Hauptrolle, ach Menno. Man muss leider feststellen, dass diese John-le-Carré-Verfilmung ohne das 2014 verstorbene Jahrhunderttalent bestenfalls Standardkost wäre. Die Handlung – ein sich in Hamburg aufhaltender Tschetschene soll als muslimischer Terrorist überführt werden – lockt einen kaum mehr hinterm Ofen vor, ist aber zumindest aus deutscher Sicht insofern interessant, als ein paar hiesige household names wie Nina Hoss und Rainer Bock in Nebenrollen zu sehen sind.
 

Million Dollar Baby
Zusammen mit dem beim letzten Mal besprochenen "The Mule" war auch Clint Eastwoods vierfacher Oscargewinner von 2004 (über welchen ich erst kürzlich lernte, dass er auf einer Kurzgeschichte basiert) bei Amazon Prime verfügbar, also fasste ich mir ein Herz: Kiekste halt mal einen Boxfilm; immerhin ist das wohl ein moderner Klassiker. Was soll ich sagen? "Million Dollar Baby" weicht, nachdem es sich wie eine klischeesatte rags-to-riches-Fabel angeht, vom erwartbaren Pfad eines Sportdramas ab und nimmt eine Wendung, die einen trifft wie ein wohlplatzierer linker Haken. Neben Hilary Swank und Eastwood ist auf schauspielerischer Seite Margo Martindale zu ehren, in ihrer Paraderolle "Matriarchin in dysfunktionaler Familie".

Mord im Pfarrhaus
Abt. Vergeigte deutsche Verleihtitel: Weder hat diese schwarze Komödie von 2005 etwas mit Agatha Christies gleichnamigem Roman (A Murder at the Vicarage) zu tun, noch ereignet sich während der gesamten 100 Minuten Laufzeit ein einziger Mord im Pfarrhaus. Den Originaltitel halte ich allerdings für noch missglückter, verrät er doch einen überraschenden Umstand, der erst weit nach der Hälfte offenbart wird; weswegen ich ihn ausnahmsweise verschweigen möchte.
"Mord im Pfarrhaus" ist beileibe nicht die originellste Briten-Comedy aller Zeiten, lässt sich aber prima an einem verregneten Samstag zum Fünfuhrtee weggucken. Für einen Film mit FSK-6-Freigabe geht es reichlich naughty und auch in Sachen Gewalt nicht übermäßig gezügelt zu. Gefallen hat mir, Rowan Atkinson in einer seltenen nicht-misterbeanartigen Rolle zu erleben. Maggie Smith ist eh immer toll. 

Infernal Affairs
Zwei Schmunzel-Fakten vorab: 1.) Ich hatte jahrelange geglaubt, der Film hieße "Internal Affairs", weil es ja schließlich um Interna, Insiderwissen und interne Ermittlungen geht. 2.) Die DVD (!) lag damals der Fernsehzeitschrift TV Movie bei und befindet sich seit 2008 in meinem Besitz. Das weiß ich, weil in der nicht skipbaren Trailerschau ein Filmfestival angekündigt wird, das 2008 lief. Neben Teil 1 enthält der Silberling auch noch "Infernal Affairs II". Wann ich mir den anschauen werde, kann ich noch nicht sagen, denn so richtig gepackt hat mich der vielgelobte Mafiathriller nicht. Ich gebe es nur ungern zu – denn ich bin bekanntermaßen kein Fan von Remakes –, aber Martin Scorseses "westliche" Aufbereitung des Stoffs ("The Departed", 2006) fand ich ungleich gelungener. Meine Begeisterung für Letzteren mag sogar den Ausschlag dafür gegeben haben, dass ich mir die TV-Zeitschrift mit Gimmick damals überhaupt kaufte, aus Neugier. Ich bin – eventuell weniger bekanntermaßen – aber auch kein Fan von Hongkong-Action, weswegen ich die Qualität, die dem 2002er Werk von Andrew Lau und Alan Mak einhellig beschieden wird, nicht ein- bzw. wertschätzen kann.

The Ladies Man
Tim Meadows gehört zu meinen All-time-Lieblingsmitgliedern von "Saturday Night Live". Dass er vor ein paar Jahren auf einer "Greatest SNL Cast Members"-Liste (vom Rolling Stone oder was) unter "ferner liefen" geführt wurde, war nur ein Zeichen von vielen dafür, dass dieses Ranking von komplett ahnungslosen Narren erstellt worden war. Von 1991 bis 2000 war Meadows Teil des Ensembles – mit dieser Verpflichtung über zehn Staffeln stellte er damals einen Rekord auf! – und glänzte dabei sowohl als straight man als auch als Wegwerf-Pointenlieferant, der mit einer einzelnen Zeile einen Sketch zu vergolden im Stande war. Doch egal, ob in solchen kleineren Parts oder als Lead, er spielt(e) stets mit 100-prozentiger Hingabe und vor allem ohne jemals aus der Rolle zu fallen. (Heute kommt ja leider keine verdammte SNL-Folge ohne breaking aus.) Bezüglich der angesprochenen Lead-Parts haben von seinen Promi-Parodien (impressions) wohl O.J. Simpson und unter den wiederkehrenden Figuren (characters) der "Ladies Man" den höchsten Bekannt- und Beliebtheitsgrad erreicht.
Im Jahr 2000 entschied man sich, Letzteren ins Kino zu bringen. Wider besseres Wissen, ist man geneigt zu sagen, denn die meisten vorigen Filme mit SNL-Charakteren aus Meadows' Ära (in einigen hatte er sogar mitgespielt) waren peinlichst gefloppt: "It's Pat", "Stuart Saves His Family", "A Night at the Roxbury", "Superstar". Um es kurz zu machen (und verwundern sollte es nicht; ich gehe davon aus, die wenigsten, die das hier lesen, haben je von diesem Film gehört): Der Fluch traf auch "The Ladies Man", Kritiken wie Zuschauerzahlen waren desaströs. Schade, denn es gibt ein paar zündende Gags, tolle Nebendarsteller (Will Ferrell!), und vor allem: Entgegen den Befürchtungen, die man bei einer Komödie aus der Jahrtausendwende über einen lüsternen Sextherapeuten haben könnte, ist sie erstaunlich gut gealtert. Der titelgebende Casanova und Radiomoderator hat das Herz am rechten Fleck und am Ende eine korrekte Botschaft zu verkünden: "Respect women!"

Infinite Storm
... ist mein Highlight in der diesmonatigen, eher mittelmäßigen Auswahl. In einem Satz zusammengefasst, klingt die Prämisse dünn bis altbacken: Eine Frau zieht sich nach einem Schicksalsschlag (der in Rückblenden rekonstruiert wird) in einen Nationalpark zurück, wo sie als freiwillige Rettungskraft arbeitet und eines Tages auf dem Mt. Washington nicht nur einen jungen Mann, sondern auch sich selbst (wieder)finden muss. Aber! Das auf einem Zeitungsartikel basierende Abenteuerdrama der preisgekrönten polnischen Regisseurin Małgorzata Szumowska kann mit zwei überwältigenden Protagonistinnen auftrumpfen: zum einen Naomi Watts (auch Produzentin), die sich schon in "The Impossible" mit einer ungebändigten Naturgewalt konfrontiert sah; zum anderen ebenjene Naturgewalt selbst. Der menschenfeindliche Berg im Schneesturm (gefilmt wurde in Slowenien) ist so eindringlich in Szene gesetzt worden, dass man die Eiseskälte sogar im 27 Grad heißen Wohnzimmer spürt. Danke!

The Nightingale
Noch mehr an die Substanz geht dieser ... ja, was eigentlich? "Rape-and-Revenge-Western"? Er spielt jedenfalls im ausgehenden "Black War" im Umfeld einer tasmanischen Strafkolonie, und inszeniert hat ihn die Australierin Jennifer Kent, die vier Jahre zuvor mit "The Babadook" einen der abgründigsten Gänsehaut-Streifen der 2010er vorgelegt hatte.
Oft moniere ich zu lange Laufzeiten, aber hier sind die fast zweieinhalb Stunden angemessen und verstärken die Intensität.

Vier im roten Kreis (OT: Le cercle rouge)
Es reicht jetzt endgültig. Wie dem deutschen Kino kehre ich hiermit dem französischen Kino ein für alle Mal den Rücken und werde mich nur im absoluten, schlechterdings nicht vorstellbaren Ausnahmefall umkehren.
Ich hatte vor einer Weile schon mal einen anderen Schwarzweißfilm desselben Regisseurs angefangen, weil die Beschreibung mich als Binneninsel-Fan gereizt hatte: "Der Kampf auf der Insel" (1962). Den habe ich nach zehn Minuten abgebrochen, weil ich es einfach nicht aushielt. Durch Jean-Pierre Melvilles "Cercle Rouge" habe ich mich durchgekämpft, allein weil ich verstehen wollte, warum ihn Quentin Tarantino zu seinen Vorbildern und Lieblings-Thrillern zählt. Nun, ich verstehe es genauso wenig, wie mir die Prädikate "wegweisend" oder "bahnbrechend" in Bezug auf "Rififi" und "Fahrstuhl zum Schafott" einleuchten. Es sind objektiv keine akzeptablen Heist-Movies, und ich bin mir sicher, auch ohne sie hätte sich das Genre entwickelt – weiterentwickelt hat es sich außerhalb Frankreichs allemal. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Sobald ein räuberisches Element hinzutritt, büßt der Beutezug an Cleverness ein und ist kein Heist mehr, wie wir ihn lieben. Und entre nous, wenn du während der "großen Nummer" mit einem quälend zähen Kameraschwenk zu unpassender Musik über die Dächer der nächtlichen Stadt vom Geschehen ablenkst, grenzt das an Arbeitsverweigerung.
Als "hart wie Granit, kalt wie Polareis und logisch wie eine mathematische Gleichung" kündigte das deutsche Filmplakat "Vier im roten Kreis" seinerzeit an. Va chier! Es gibt kalte Charaktere, die einen wirklich bibbern lassen, und solche, die einen schlicht kalt lassen, weil sie, wie hier, hohl, leer, flach, hölzern, kurzum: charakterlos sind. Man lässt sie schweigen, weil man zu faul ist, ihnen glaubwürdige Dialoge zu schreiben, und verkauft das als Abgebrühtheit, als definierende Eigenschaft, ja als "Tiefe". Ich erkenne aber bei keinem der Akteure irgendeine Motivation, geschweige denn bin ich bereit, mich in sie hineinzuversetzen oder mit ihnen zu sympathisieren. Entsprechend scheißegal ist es mir, dass die "Antihelden" (nicht mal als solche gehen sie durch) im antiklimaktischen Finale erschossen werden; und dass ich das jetzt gespoilert habe, ist mir ebenso scheißegal.
Ein Beispiel für das Versäumnis, irgendwelche intrinsischen Antriebe darzustellen: Ein Polizist im Ruhestand, der in den verbrecherischen Coup hineingezogen wird, begreift seine Involvierung als Chance, von seiner Alkoholsucht loszukommen. Das habe ich allerdings erst bei Wikipedia nachgelesen. Im Film ist der einzige Hinweis auf ein psychisches Problem des Ex-Ermittlers ein Halluzinationsanfall, in welchem Frösche, Schlangen und andere Untiere durchs Schlafzimmer kreuchen. Von einem Alkoholentzug oder sonstigem struggle sieht man original nichts.
Abstoßender als der eben erwähnte Traum sind nur noch die widerwärtigen Paris-Aufnahmen. Dass uns französische Großstädte als Rattenlöcher verkauft werden, ist mir schon in den zwei oben genannten Filmen sauer aufgestoßen. Was solllll das? Gerade die Hauptstadt hat (und hatte garantiert auch damals schon) mehrere ansehnliche Ecken und reizende Sehenswürdigkeiten zu bieten, wovon ich mich erst neulich überzeugen konnte (Kybersetzung-Leser erinnern sich). Das hat nichts mehr mit "Atmosphäre" und "Noir" zu tun, das ist einfach Negativfärbung und choquer pour choquer.
Zu guter Letzt müssen wir noch den Bechdel-Test machen. Während der 140 (!) Minuten sagt keine Frau auch nur e i n Wort. Der einzige längere Auftritt einer weiblichen Figur besteht darin, dass die Partnerin von einem der Gangster diesen durch eine Tür bei einem Gespräch belauscht. Barbusig. Diese Szene hat keinen Sinn und keine Konsequenzen. Null.
Ich behaupte, ich habe in diesen Beitrag mehr Gedanken investiert, als in das Drehbuch zu "Le cercle rouge" geflossen sind. Tut mir leid, dass er mit so einer bitteren Note endet.