Freitag, 22. Mai 2020

Vom Sachsenwald in die Antarktis

Man muss in Hinblick auf bewohnte gemeindefreie Gebiete streng unterscheiden zwischen tatsächlich bewohnten und solchen, in denen sich lediglich bewohnte Gebiete befinden, die aber zu echten Gemeinden gehören. Letzteres ist der Fall bei den beiden gemeindefreien Gebieten Schleswig-Holsteins: 1.) Im Sachsenwald gibt es zwar sechs Wohnplätze, diese sind jedoch Exklaven von Aumühle (Kreis Herzogtum Lauenburg), 2.) "Die bewohnten Teile des Forstgutsbezirks Buchholz gehören als Exklaven zu den Gemeinden Bark, Hartenholm, Heidmühlen und zur Stadt Wahlstedt." (Wikipedia)
Die zwei in Baden-Württemberg bestehenden gemeindefreien Gebieten sind ihrerseits aus anderen Gründen bemerkenswert: Rheinau im Ortenaukreis ist ein kleines unbewohntes Waldgebiet, das zwar Kfz-Kennzeichen, Gemeindeschlüssel und Postleitzahl von Deutschland zugewiesen bekommen hat, aber rechtsrheinischer Grundbesitz der französischen Gemeinde Rheinau (Rhinau in der Landessprache) ist. Das andere gemeindefreie Gebiet in BaWü ist der Gutsbezirk Münsingen im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Der war bis 2010 sogar noch bewohnt. Der "Ersatz-Bürgermeister" der Gebietskörperschaft wurde im Gegensatz zu seinem hessischen Äquivalent nicht vom Forstamt bestellt, sondern von der Oberfinanzdirektion. Diesem Gutsbezirksvorsteher war wiederum ein sog. Geschätsführer unterstellt, von denen es zwischen 1946 und 2010 gerade mal zwei gab! Amtszeiten von 30 resp. 34 Jahren – ein Träumchen. Die Neuzuordnung der zuletzt 160 Einwohner kann hier genauer nachvollzogen werden. Münsingen (das wie Rheinau kein Wappen führt) liegt übrigens auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz und hat damit eine Gemeinsamkeit mit den einzigen beiden "echten" bewohnten gemeindefreien Gebieten, denen wir uns endlich zuwenden wollen (nach folgendem Absatz).
Auch die unbewohnten gemeindefreien Gebiete in Niedersachsen sind nicht uninteressant, es gibt welche mit Enklaven naher Gemeinden, andere, die ihrerseits Exklaven haben, sowie zwei ostfrieisische Inseln: Lütje Hörn sowie die etwas größere, aber zunehmender Überflutung ausgelieferte Insel Memmert, auf der immerhin Jahrzehnte lang ein Inselvogt obwaltete und bis vor kurzem beinahe permanent Vogelschützer residierten. Heute offizielle Einwohner/-innen gemeindefreier Gebiete sind jene von Lohheide und Osterheide.
Die Nachbarbezirke Lohheide und Osterheide sind 1945 als Nachfolger aus dem 1938 gebildeten "Gutsbezirk Platz Bergen", einem 1935 errichteten Truppenübungsplatz der Wehrmacht, hervorgegangen und dienen heute der NATO als Schießplatz. Loh- und Osterheide verfügen denn auch über einige bedeutende Gedenkstätten, ferner über Sehenswürdigkeiten wie steinzeitliche Gräber und das Schloss Bredebeck, in dem sogar schon die englische Königsfamilie logiert hat. Die Gebiete haben zwar keine Wappen, aber wenigstens "wappenähnliche Logos". Oberhaupt der knapp 2900 Einwohner ist ein Bezirksvorsteher, außerdem gibt es eine gewählte Einwohnervertretung aus elf Mitgliedern. Auf die innere Gliederung der Bezirke in Gemarkungen sei hier nicht näher eingegangen, festzuhalten ist jedoch noch dies: Gemeindefreie Gebiete sind entweder Eigentum des Landes, des Bundes oder der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben; Letzteres ist bei Lohheide und Osterheide der Fall.
Noch gar keinen näheren Blick geworfen habe ich auf die 174 gemeindefreien Gebiete in Bayern ... vielleicht ein ander Mal. Unklar ist mir auch noch, was einwohnermeldemäßig mit jemandem passiert, der in einem solchen Gebiet geboren wird, etwa im Forsthaus in einem Gutsbezirk. Vermutlich steht der gemeindefreie Bezirk ganz normal als Ortsangabe in der Geburtsurkunde. Rechtlich aufregender ist es ohnehin, wenn man in einem Territorium zur Welt kommt, auf das keine oder mehrere Nationen Anspruch erheben. Im Falle von Antarktika ist das bereits achtmal geschehen. Emilio Palma (*1978) – der einzige lebende Mensch der Welt, der von sich sagen kann, der erste auf einem bestimmten Kontinent geborene zu sein – hat de iure das Anrecht, sowohl die chilenische als auch die britische Staatsbürgerschaft zu führen.

Dienstag, 19. Mai 2020

Von Niedersachsen ins Nirgendwo

Gibt es denn auch Gemeinden in Deutschland, die gar kein Wappen haben? Eine Schnellrecherche deutet auf nein, doch hieß es über das bayerische Ried noch 2018, es "war lange Zeit die einzige Gemeinde ohne Wappen" (Augsburger Allgemeine), und als 2009 in Baden-Württemberg die neue Einheitsgemeinde Kleines Wiesental gegründet wurde, vergingen etliche Jahre, Wettbewerbe und Ausschreibungen, bis die Kommune ein Hoheitszeichen bekam.
Was es sehr wohl gibt, sind gemeindefreie Gebiete ohne Wappen, ein Thema, über das zu schreiben ich schon vor langem versprochen habe. Gebiete, die keiner politischen Gebietskörperschaft angehören, gibt es in Deutschland sage und schreibe 207 in sieben Bundesländern (Stand: Mai 2020). Die meisten bestehen aus Wald, einige führen namentlich den historischen Begriff "(Forst-)Gutsbezirk" fort, so etwa der Gutsbezirk Reinhardswald in Nordhessen, der übrigens eines von drei gemeindefreien Gebieten ist, die tatsächlich bewohnt sind. Beziehungsweise: Offiziell hat Reinhardswald null Einwohner, doch sind zwei Gaststättenbetreiber beim Forstamt von Reinhardshagen als im Forstgutsbezirk lebend gemeldet (nach Hessischer Gemeindeordnung fungiert der zuständige Forstbeamte als Gutsvorsteher und nimmt quasi Aufgaben eines Bürgermeisters wahr). Bizarrerweise liegt das von den beiden geleitete Ausflugslokal auch noch nahe der Grenze zu Niedersachsen, weswegen die ihnen zugeteilte Postleitzahl eine von Hann. Münden ist; zu dieser Lösung entschloss man sich Ende 2015, damit dort überhaupt Post zugestellt werden kann (ihr Wahllokal wiederum ist in Reinhardshagen, also Hessen).
Um genau solche verwaltungstechnischen Sperenzchen zu vermeiden, sind die Länder darauf bedacht, bewohnte gemeindefreie Gebiete mittelfristig aufzulösen oder wenigstens gesetzliche Grundlagen zu schaffen, die mit "der vom Grundgesetz garantierten kommunalen Selbstverwaltung und de[m] Demokratieprinzi[p]" konform gehen. Für die anderen zwei gemeindefreien Gebiete mit Einwohnern, beide in Niedersachsen, bedeutet dies, dass angedacht wird, "dass dort Einwohnervertretungen gewählt werden, die aber nur wenige eigene Entscheidungsbefugnisse haben." (Wikipedia) Um diese zwei Gebiete und manches mehr soll es beim nächsten Mal gehen, denn für heute dürfte es genug an hirnverschwurbelndem Input gewesen sein.

Samstag, 16. Mai 2020

Von Nordfries- ins Sauerland

Wir befassen uns noch einmal mit den zuletzt erwähnten Kirchspielen und machen einen Exkurs nach Schleswig-Holstein in die Zeit, als dieses eine preußische Provinz war. Im Rahmen der Einführung der Landgemeinden im Jahr 1867 gingen die Kreise Süder- und Norderdithmarschen sowie der Kreis Husum einen Sonderweg: Weil mit den dortigen eben so (Kirchspiel) genannten Gebietskörperschaften "bereits weltliche Strukturen vorhanden waren" (Wikipedia, wobei nicht erklärt wird, was das genau bedeutete), wurden aus diesen, bei räumlicher Deckungsgleichheit, kurzerhand Kirchspielslandgemeinden statt einfach nur Landgemeinden. Damit gingen bemerkenswerterweise kirchliche Verwaltungseinheiten 1:1 in politische Gemeinden über. 1934 gab es dann Neuaufteilungen und -ordnungen, Auflösungen und Eingliederungen, teilweise wurden auch ohne Gebietsveränderung aus Kirchspielslandgemeinden einfache Landgemeinden. Damit hatte jedoch nicht die letzte Stunde dieses außergewöhnlichen Wortes geschlagen: Als 1948 die Ämter (i.S.v. Bundkörperschaften aus mehreren Gemeinden, die es heute unter dieser Bezeichnung nur in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gibt) gebildet wurden, hießen diese in Dithmarschen und (zum Teil) in Husum wieder "Kirchspielslandgemeinden". Der Kreis Husum gab diese Benennung noch im selben Jahr wieder auf, doch in Dithmarschen gab es bis zur Reform von 1970 noch offiziell Kirchspielslandgemeinden. Und damit war's das immer noch nicht! Obwohl es sich nun offiziell um Ämter handelte, durften die jeweiligen Ortsnamen den vorangestellten Zusatz "Kirchspielslandgemeinde" bis 2007 behalten – und zwei tun das sogar bis heute: das Amt Kirchspielslandgemeinde Heider Umland und das Amt Kirchspielslandgemeinden [sic] Eider. Wer möchte sich das nicht in den Briefkopf schreiben!
Eine Gemeinde, die den Kirchspielbezug bereits 1934 aufgeben musste, ist das nördlich von Husum gelegene Horstedt, welches ich hier ins Feld führe, weil es heraldisch interessant ist. Der Entwurf eines neuen Gemeindewappens spaltete den Ort 2016: Der im unteren Drittel abgebildete Handschlag zweier Hände erinnerte die Bürgerinnen und Bürger an den sozialistischen Händedruck, wie man ihn vom SED-Symbol kannte. Gegen allen Protest wurde das Wappen durchgesetzt. Noch ungewöhnlicher als die zwei Hände, wenn auch nicht so ungewöhnlich wie ein Elefant, ist das, was oben links neben einem Hufeisen abgebildet ist: ein Windrad. Es befremdet mich, weil es in etwas so Altmodischem wie einem Hoheitszeichen irgendwie anachronistisch wirkt. Ein Pferd als Wappentier hätte sich angeboten, steckt doch in dem Ortsnamen Horstedt das mit engl. horse verwandte Wort dafür.
In Schleswig-Holstein gibt es viele für mich noch weiße Flecken. Sobald die Reisebeschränkungen gelockert sind, muss ich dort mal hin. In den Dutzenden Magazin-Artikeln und Online-Strecken der letzten Wochen à la "Urlaub vor der Haustür" oder "So schön ist Deutschland" taucht gerade Nordfriesland immer wieder auf. Im Stern wurde darüber hinaus diese Woche ein Gebiet vorgestellt, das ebenfalls terra incognita für mich ist: das Sauerland. Dass ausgerechnet die Stadt Schmallenberg mit einem großen Teaserfoto als Ausflugsbeispiel herhalten musste, fand ich indes unglücklich: Man sollte nicht vergessen, dass es vor SARS-CoV-2 auch schon furchterregende Viren gab ...

Mittwoch, 13. Mai 2020

Von Oldenburg nach Österreich

Im Wikipedia-Eintrag zum Feldschützen findet sich der Satz "Im Großherzogtum Oldenburg war die Funktion der Feldhüter als untere Polizeibedienstete durch eine Instruktion von 1832 verbindend für alle Kirchspiele geregelt." Kirchspiel – diese geistliche Verwaltungseinheit dürfte heute kaum jemand auf dem Schirm haben, doch begegnete mir das Wort just in Usingen (s. Eintrag vom 7.5.2020), auf dem alten Kriegstotengedenkstein vor der Eschbacher Kirche. Das "-spiel" in Kirchspiel hat nichts mit spielen zu tun, sondern mit dem alten Erbwort mit der Bedeutung "Rede" oder "Erzählung", das noch in Beispiel enthalten ist oder im englischen spell wiederklingt.
Länger gehalten hat sich der ebenfalls sehr schöne Name für ein kirchliches Gebiet, nämlich den Wirkungsbereich eines evangelischen Bischofs: Sprengel. Dessen Etymologie ist gut durchschaubar, der Sprengel war das Gefäß zum Vergießen (vgl. "Sprengen") des Weihwassers, mit dem der Geistliche quasi sein Revier markierte. Wurde der Sprengel im preußischen Geltungsgebiet 1815 durch den Bezirk ersetzt, ist er in Österreich noch unter diesem Namen maßgeblich: Der Zählsprengel etwa ist definiert als "das kleinste Gebiet, für das statistische Daten gesondert erhoben werden".
Unter den weltlichen Verwaltungseinheiten im deutschsprachigen Raum gefällt mir der Flecken sehr gut; einer meiner Lieblingstitel von Wikipedia-Listen ist "Liste der Flecken in Niedersachsen". In Niedersachsen führen nämlich nicht weniger als 50 Gemeinden diesen Zusatz. In Hessen gibt es fünf sog. Marktflecken, also Ortschaften, die zwar kein Stadtrecht, aber Marktrecht besitzen, dabei aber keine Marktgemeinden sind. Das Recht, die Bezeichnung "(Markt-)Flecken" zu führen, erlangten manche Ort(steil)e erst spät, Diesburg in Sachsen-Anhalt etwa 1998, das hessische Villmar 2002. Flecken in Österreich gab ausweislich Google Books früher hier und da, heute findet man nur noch ein Dorf, das Flecken heißt (in Tirol). Was genau ein Weiler ist, werde ich ein ander Mal recherchieren, festzuhalten bleibt alldieweil, dass mich die Unkenntnis darüber neulich arg in die Irre geführt hat ...

Sonntag, 10. Mai 2020

Von Schottland nach Oberrad

Ich habe mir kürzlich vorgenommen, mal einen Blick in das unbekanntere Werk Arthur Conan Doyles (also alles abseits von Sherlock Holmes) zu werfen, und lud mir den Roman "Das Geheimnis von Cloomber-Hall" aufs Kindle. Kostet ja nix. Darin stieß ich heute auf folgende wörtliche Rede: "Meistenteils bin ich besoffen gewesen. Sowie ich meine Pension erhalte, lege ich das Geld in Schnaps an, und so lange wie der aushält, habe ich etwas Ruhe. Wenn's alle ist, verlege ich mich aufs Fechten; teilweise um Geld zum Saufen zu erbetteln, teilweise – um Sie zu suchen."
Hihi, dachte ich, da wurde offenbar das englische fencing, was neben "Fechten" auch "Hehlerei" bedeuten kann, falsch übersetzt! Ich postete diesen Fund auf Twitter und erhielt kurz darauf folgenden Kommentar dazu: "In 'Abenteuer des Schienenstrangs' spricht Jack London auch von 'fechten gehen', wenn er betteln meint. Er bzw. der Übersetzer." Das machte mich stutzig. Ich rief "fechten" auf der Duden-Seite auf, und siehe da! Neben der Kampfsportart kann das Verb "umgangssprachlich veraltend" auch dies meinen: "[von Tür zu Tür, Haus zu Haus o. Ä. gehen und] betteln". Zur Herkunft heißt es: "rotwelsch (17. Jahrhundert), nach den wandernden Handwerksburschen, die für Geld ihre Fechtkünste zeigten". Wenig später stand ich gleich doppelt als Esel da, als ein weiterer User anmerkte, dass im Original gar nicht von fencing die Rede ist: "When I draw my money I lay it out in liquor, and as long as that lasts I get some peace in life. When I'm cleaned out I go upon tramp, partly in the hope of picking up the price of a dram, and partly in order to look for you" (Kursivsetzung von mir).

Es lohnt sich jedenfalls, ungewohnten Formulierungen, gerade in älteren Werken, nachzuspüren. Ins Leere führte meine kurze Recherche zu einer anderen kuriosen Formulierung in "Cloomber-Hall", nämlich "Wir sind keine Klutentrampler, wenn wir auch in dieser abgelegenen Gegend leben." Im Quelltext steht das nicht minder ominöse clodhoppers, was so viel wie "Bauerntölpel" bedeutet (dict.cc). Was aber sind "Klutentrampler" im ursprünglichen Sinne? Könnte es sich um ein altes Amt im Agrarbereich handeln (clod heißt u.a. "Ackerscholle")? Franz Dornseiffs wissenschaftliches Buch Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen (de Gruyter 2013) reiht "Klutentrampler" neben "Knollenfink" und "Stoppelhopser" in der Abteilung "Pflanzenanbau" als "Verwalter" ein. Die sehr wenigen anderen Google-Treffer führen in den westdeutsch-niederländischen Raum und lassen darauf schließen, dass "Klutentrampler" tatsächlich einfach ein Pejorativ à la "Bauerntrampel" ist.
Die Assoziation mit der landwirtschaftlichen Amtsbezeichnung hatte ich, weil mir kurz vorher in Dürrenmatts "Der Richter und sein Henker" (s. Eintrag vom 1.5.2020) das Wort "Bannwart" untergekommen war. Zu diesem Beruf weiß das Netz einiges. "Bannwart ist die im alemannischen Sprachraum verbreitete Bezeichnung für einen Flur-, Wald- oder Rebhüter, also eine offizielle Aufsichtsperson im ländlichen Bereich." (Wikipedia) In vielen deutschsprachigen Gebieten kannte und kennt man Personen in vergleichbaren Positionen, den "Feldhüter" etwa, den "Pfänder", den "Büttel" oder den "Feldschützen". Der Feldschütz war nie wirklich weg – und erlebt gerade in Hessen immer wieder Comebacks. "CDU und Bündnis90/Grüne haben einen gemeinsamen Antrag vorgelegt, der die Einführung des Ehrenamtes des 'Feldschütz' für die Bruchköbeler Gemarkung vorsieht", heißt es in einer Mitteilung von 2007. In Dreieich ist seit 2017 ein Feldschütz unter anderem Umweltsündern auf der Spur. Andere Bundesländer leisten sich eine "Feldstreife", die auf sommerlicher Flur Obstdiebstähle unterbinden soll.
Die jüngste Erwähnung eines Feldschützen in den Medien meiner Region ist gerade mal zwei Tage alt und hat mit der aktuellen Pandemie zu tun. Auf den Feldern des Frankfurter Stadtteils Oberrad (wo die Kräuter für die Grüne Soße angebaut werden) "ist die Hölle los", zitiert die FNP einen Kräutergärtner und fordert: "Ein Feldschütz wird auf den Feldern von Oberrad dringend gebraucht – was schon seit Jahren sonnenklar ist, ist in der Corona-Krise nochmals deutlich geworden. [...] Viele Frankfurter, die wegen der Krise tagsüber in ihrem Heimat-Stadtteil Oberrad blieben, nutzten derzeit die Felder als Naherholungsgebiet." Es kann also sein, dass das schöne (Ehren-)Amt des Schweizer Bannwarts, bzw. seiner hiesigen Entsprechung, schon bald wieder installiert wird, um Kerbel-, Borretsch- und sonstige Trampler fernzuhalten.

Donnerstag, 7. Mai 2020

Vom Taunus ins Weimarer Land

Als ich von den Eschbacher Klippen in den Ort hinab lief, passierte ich den "Landgasthof Eschbacher Katz", der leider aus Gründen geschlossen hatte (aber immerhin Mitnahmeservice anbot, welchen ich allerdings nicht nutzte). Später stieß ich über Umwege, die nur mich etwas angehen, auf die erstrangige Webseite www.ortsnecknamen.de. (Das Wort Neckname ist übrigens nicht mit dem englischen nickname kognat, aber diese etymologische Randnotiz soll ein ander Mal behandelt werden.) Dort sind den Einwohnern von Usingen, von dem Eschbach ein Stadtteil ist, gleich drei Spitznamen zugeordnet: "Katzen" (angeblich wegen eben jenes Lokals), "Buchfinken" ("Usingen ist auch bekannt als Buchfinkenstadt im Buchfinkenland. Das im Jahr 1938 durch Theo Geisel verfasste Buchfinkenlied beschreibt den Heimatbegriff, das Usinger Land im östlichen Hintertaunus"; Wikipedia) sowie "Duckmäuser" (Begründung dunkel).
Verwunderlich ist, dass ausgerechnet in diesem umfangreichen Archiv ein Ort fehlt, der auf der Wikipediaseite "Ortsnecknamen" als Beispiel angeführt ist: Die Bewohner/-innen der thüringischen Landgemeinde Niederroßla werden "Elefantenkitzler" genannt, heißt es dort. Auf ortsnecknamen.de findet sich nicht ein einziger Spitzname, der mit "Elefant-" beginnt, während beispielsweise Namen mit Eselsbezug in sonder Zahl auftauchen. Welche Beziehung soll denn auch ein deutsches Städtchen zu Elefanten haben, fragt man sich und wird erstaunt sein, wenn man auf dem Wappen von Niederroßla dies erblickt: "In Rot ein silberner Elefant, das rechte Vorderbein anhebend, belegt mit einem Schildchen ..." Die dahintersteckende Geschichte ist kurios. 
In Kürze: Zur Faschingszeit im Jahre 1857 kam eine Schaustellergruppe an die Ilm und sollte u.a. eine indische Elefantenkuh zeigen ("Riesen-Elephant Miss Baba"). Einquartiert wurde das Tier für drei Tage in den Stallungen einer Madame Burckhardt, dummerweise in der Nähe einer großen Menge Runkelrüben. An diesen tat sich der Dickhäuter gütlich, was bei ihm zu starken Koliken führte, wodurch die Weiterreise der Wandermenagerie erschwert wurde. Die weiteren Details sind widersprüchlich, fest steht, dass das Tier nahe der Flurgrenze aus seinem Wagen auf die Straße geriet, was eine Menge Schaulustiger anzog, "darunter angetrunkene Mitglieder des örtlichen Gesangsvereins, die von einer Probe kamen und die den Elefanten geärgert und gepiesackt haben sollen". Schnell war man sich darüber klar, dass die Gemeinde, in welcher der stark geschwächte Elefant verenden würde, für die Beseitigung des Kadavers zu zahlen hätte, weswegen der Menschenauflauf versuchte, ihn über die Ortsgrenze zu treiben (oder eben zu "kitzeln"). Das unglückselige Rüsseltier fand dann auch tatsächlich den Tod. Die Folgen: mehrere Rechtsstreitigkeiten, Wappenanpassung, Ehrenbürgerinnenschaft für Miss Baba sowie alle 25 Jahre ein Elefantenfest. Und ich will verdammt sein, wenn ich beim nächsten (2032) nicht live dabei sein werde!

Montag, 4. Mai 2020

Von Hessen nach London

Neulich führte mich eine Wanderung in das hübsche Städtchen Nidderau, wo es einen öffentlichen Bücherschrank gab, in dem nicht nur zufälligerweise* ein "Richter Di"-Taschenbuch lag, sondern auch eine Detektivgeschichtensammlung von Dorothy L. Sayers, der "British Crime Lady", die sich zeitweise in London aufgehalten hat. Jene Autorin wiederum bezeichnete als "very probably the finest detective story ever written" den Roman "The Moonstone" (dt. "Der Monddiamant") von Wilkie Collins, der in London sowohl geboren wurde als auch gestorben ist. Der Blogger von TYWKIWDBI hat vor kurzem sprachliche Besonderheiten in dieser Detektivgeschichte analysiert (wie schon bei John Dickson Carr) und unter anderem ein offenbar kaum bekanntes Getränk aufgestöbert: "... plying her confidentially with a glass of hock." 
Hock ist der englische Name eines Weißweins, der von dem hessischen Ortsnamen Hochheim am Rhein abgeleitet ist. Dass hierzulande die meisten weder von Hock noch von der zugrunde liegenden Bezeichnung "Hochheimer" gehört haben dürften, liegt daran, dass diese "nahezu ausschließlich für Exportweine im niedrigen Preisbereich verwendet" wird (Wikipedia). Doch warum gibt es im englischsprachigen Raum überhaupt ein Wort für ein Riesling-ähnliches Getränk aus dem Rhein-Main-Gebiet? Dazu muss man zwei Jahrhunderte in die Vergangenheit gehen. Keine Geringere als Königin Victoria war großer Fan der Hochheimer Weine und hat diesen zu einiger Popularität im Empire verholfen. 1845 reiste sie nach Hochheim und traf sich dort mit einem Winzer, der die Queen fünf Jahre später um Erlaubnis bat, einen neu aufgeschütteten Weinberg auf seinem Gut nach ihr zu benennen – und deshalb befindet sich dort noch heute der Königin Victoriaberg.
In Hochheim war ich noch nie, gestern jedoch in Usingen, welches mit Ersterem insofern verbunden ist, als Hochheim anno 1803 an das Fürstentum Nassau-Usingen ging. Als berühmtestes Kind der Hochtaunusstadt Usingen gilt der 1845 (!) geborene August Wilhelmj, der nicht nur einen der ungewöhnlichsten Nachnamen trug, die ich je gelesen habe, sondern vor allem als Protegé Franz Liszts und Richard Wagners als Violinist eine sagenhafte Karriere machte. Seine letzte Ruhestätte fand "der deutsche Paganini" in: London.

* erst kürzlich habe ich diese Kriminalreihe in Titanic parodiert

Freitag, 1. Mai 2020

Von Bern ins Erzgebirge

In Dürrenmatts Kriminalnovelle "Der Richter und sein Henker" heißt es über eine zentrale Figur, sie sei "gebürtig aus Pockau in Sachsen". Da ich aus Sachsen stamme, aber noch nie von diesem Ort gehört hatte, überprüfte ich, ob es sich nicht um eine Erfindung handelte. Tut es nicht. Pockau selbst ist seit 2014 keine eigenständige Gemeinde mehr, sondern Teil der Stadt Pockau-Lengefeld, welche trotz ihrer überschaubaren Größe (rund 7600 Einwohner) bis heute nicht unbedeutend ist. Das Erzgebirgsörtchen ist nämlich Hauptsitz der Lorenzianer, einer christlichen Sekte mit dem offiziellen Namen "Gemeinschaft in Christo Jesu", die mit der dortigen Eliasburg ihr Zentralheiligtum hat. Die Vereinigung mit insgesamt ca. 3800 Mitgliedern wurde 1922, also ein Jahr nach Friedrich Dürrenmatts Geburtsjahr, von Hermann Lorenz gegründet, der "sich als Vollender des Erlösungswerkes Christi" sah und dessen 1200 "Offenbarungen", die "in der Eliasburg unter Verschluss gehalten werden [, ...] faktisch einen höheren Rang als die Bibel" haben (Zitate von sekten-sachsen.de). Die Grundlage dieser Bewegung geht allerdings weiter zurück und ist die "eines konsequent eschatologisch-apokalyptischen Biblizismus und prophetischer Offenbarungen" nicht nur von Lorenz, sondern zweier weiterer Männer, die bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewirkt haben (Helmut Obst: Apostel und Propheten der Neuzeit. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2000). Details zu Lehre und Liturgie kann man auf Wikipedia nachlesen.

Mittwoch, 29. April 2020

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Rififi
Dass ich als Heist-Movie-Fan noch nie die Mutter aller Heist-Movies gesehen hatte, lag nur daran, dass an "Rififi" – der in Deutschland zu einer Debatte über Nachahmungskriminalität führte und dessen Titel zum geflügelten Wort geworden ist – lange Zeit schwer heranzukommen war, bis er neulich bei Amazon Prime zur Verfügung stand. Leiderleider muss ich bilanzieren, dass die meisten späteren Epigonenwerke deutlich unterhaltsamer und ausgeklügelter sind als das französische Vorbild von 1955. Zwei essenzielle Gesetze des Genres werden in "Rififi" gebrochen bzw. sind noch gar nicht verabschiedet: 1. Die Gaunerbande muss irgendwie sympathisch sein, und 2. die Durchführung des Coups muss gewaltlos ablaufen. An der Stelle, wo (Spoiler) das über dem Juweliergeschäft lebende Hausmeister-Ehepaar gefesselt und geknebelt wird, gerät der ach so elegante Diebeszug zum Raub (oder zur räuberischen Erpressung?); mit der Ehre von Ocean's Eleven oder der Olsenbande wäre so etwas nicht zu vereinbaren. Dass die Gangster am Ende einander auf brutale Weise erledigen, lässt einen einigermaßen kalt. Im Übrigen sind 115 Minuten zu lang für die Geschichte, auch wenn ich der halbstündigen wortlosen Einbruchsequenz eine gewisse inszenatorische Raffinesse zugestehe.

Room 237
In dieser bereits 2012 erschienenen Dokumentation werden fünf Theorien zu Stanley Kubricks Gruselverfilmung "The Shining" präsentiert, die zwischen krude Verschwörungstheorie und gespenstisch plausibel schwanken. Einige Interpretationen sind wahrlich Musterbeispiele für nerdiges Overthinking, andere nicht von der Hand zu weisen. Begleitet wird die nicht nur für Kenner des Films faszinierende Unterrichtsstunde in Medienanalyse von geradezu hypnotischer Musik.

Midsommar
Nachdem ich schon, wie viele andere, bzgl. "Hereditary" voll des Lobes war, kann ich mitteilen, dass Ari Asters Zweitling* nicht weniger als ein Meisterwerk ist. "Midsommar" ist einer der gelungensten Horrorfilme, die ich je gesehen habe. Je weniger man vorher darüber weiß, desto besser. Gänzlich ohne übernatürlichen Zinnober wird hier mit Versatzstücken aus altgermanischer Folklore und dem psychischen Leid der Hauptfigur (Florence Pugh) geschockt. Dass die grausamsten Vorgänge unter stahlblauem Mittsommerhimmel gezeigt werden, ist ein schlicht geniales Spiel mit unseren Sehgewohnheiten. Ich habe den Director's Cut geschaut, welcher laut Cinema der Kinofassung nicht vorzuziehen sei, aber ich kann mir kaum vorstellen, wie Letztere noch an Qualität gewinnen könnte.
* Gibt es dieses Wort? Als Analogon zu Erstling?

Burning
Nach dem Oscarregen für "Parasite" musste ich natürlich dieses ebenfalls hochgelobte Drama aus Südkorea nachholen. Trotz solidem Spiel (u.a. von "Walking Dead"-Star Steven Yeun in seiner zweiten Arbeit in einer südkoreanischen Produktion) ließ mich die irgendwie ziellose Story kalt. An die literarische Vorlage, Haruki Murakamis Kurzgeschichte "Scheunenabbrennen", konnte ich mich, obwohl ich sie definitiv gelesen habe, kein Stück erinnern, was wohl darauf hindeutet, dass das nicht unbedingt Murakamis eindrücklichstes Stück ist ...

Fahrstuhl zum Schafott
Der zweite französische Krimiklassiker aus den 1950ern in dieser Liste. Ich weiß nicht ... Jedes Mal, wenn ich einen Film aus diesem Land sehe, schießt mir das Attribut einfältig durch den Kopf (bei Komödien noch heftiger). Sie versuchen, clever zu sein, und überheben sich dabei heillos. Ich habe freilich überhaupt keine Ahnung von Nouvelle Vague & Co., aber man darf doch objektiv konstatieren, dass sich Regisseur und Co-Autor Louis Malle einfach zu viel vorgenommen hat: Er will ein perfektes Verbrechen darstellen und stürzt dabei in ein Logikloch nach dem anderen. Von sonstigen haarsträubenden Patzern möchte ich gar nicht erst anfangen. Ich kann mich dabei vom Vorwurf der Überheblichkeit freisprechen, denn auch (zeitgenössische) Kritiker/-innen monier(t)en schlechtes Pacing, beschränkte Mittel und eine "drittklassige Geschichte". Positiv aufgefallen ist mir das stimmungsvolle Spiel von Licht und Schatten, z.B. in bestimmten Fahrstuhlszenen, die so auch nur in Schwarz-Weiß funktionieren. Und wer Jazz mag, wird dank Miles Davis' komplett improvisiertem Score auf seine Kosten kommen.

Knives Out
Äußerst erfreulich und im besten Sinne altmodisch ist Rian Johnsons vielfach ausgezeichnetes Whodunit, das der "Star Wars Ep. VIII"-Regisseur nach eigenem Bekunden bereits 2010 im Sinn hatte und das, so meine Vermutung, dank dem Erfolg des "Orient-Express" (2017) schließlich 2018 realisiert werden konnte. Die Auflösung des Mordrätsels ist überraschend, aber nicht zu vertrackt, der Cast macht Laune – allen voran Daniel Craig als Privatdetektiv mit Südstaatenakzent –, und ein Portiönchen social commentary gibt es obendrein (Rian Johnson halt).

Backcountry
Ein kleiner, fieser Outdoor-Survival-Thriller, den ich genau zur rechten Zeit gesehen habe, nämlich am Beginn des Selbstisolationsgebots: Die Lust auf Waldwanderungen kann einem danach durchaus vergehen.

Nachts, wenn der Teufel kam
Filmland Deutschland: auch so ein Minenfeld. Dass es hin und wieder (wie beim westlichen Nachbarn) Perlen gibt, will ich indes nicht bestreiten. "Nachts, wenn der Teufel kam" von 1957 ist so eine Perle. Lange vor dem Serienmörder-Hype späterer Jahrzehnte dreht sich hier alles um die Figur des krankhaften Massentäters (verkörpert von einem jungen, kaum zu erkennenden Mario Adorf) und dem Umgang von System und Gesellschaft mit ihm, und zwar im Jahr 1944. Man staunt, dass in einer Ära, in der Totschweigen quasi Staatsräson war, so eine entschlossene Abrechnung mit dem NS-Regime möglich war – und sogar von Kritik wie Publikum positiv aufgenommen wurde! Die wahre Geschichte, auf der dieser Schwarz-Weiß-Krimi von Exil-Hollywood-Legende Robert Siodmark (übrigens in Dresden geboren) basiert, hat sich, wie man heute weiß, etwas anders, aber nicht weniger empörend zugetragen.

Border
Als seltener Repräsentant des schwedischen Kinos sei an dieser Stelle allen Fans des Abseitigen zu "Gräns" (OT) geraten. Mir persönlich war dieses ur-skandinavische Außenseiterdrama zu unangenehm, bisweilen unappetitlich und abstoßend. Es geht um eine Zollbeamtin, die über die Gabe verfügt, Schmuggler zu erriechen.

Die Farbe aus dem All
Ich habe noch keine H.P.-Lovecraft-Verfilmung gesehen, die mich überzeugt hat. Vermutlich sind diese Erzählungen, die so sehr auf Subtilität, Beklemmung, innere Unruhe, namenloses Grauen, Andeutungen und die Macht der Worte setzen, wirklich unverfilmbar. Auch "Die Farbe aus dem All" bleibt weit hinter der Vorlage – eine meiner Lieblingsgeschichten von Lovecraft – zurück. Allein dass man die ominöse, außerweltliche, angeblich unbeschreibliche Farbe als Eighties-Popästhetik remineszierendes Pink tatsächlich sieht, schmälert den Schauerfaktor immens. Zu dem aus "Poltergeist", "Amityville Horror" etc. bekannten Grundthema des Eindringens einer fremden Macht in das traute Heim einer amerikanischen Familie gesellt sich immerhin einigermaßen innovativer Body-Horror. Der eindeutige Selling Point ist aber Nicolas Cage, der als durchdrehender Vater neue Nicolas-Cage-Maßstäbe setzt und selbst in normalen Situationen den Wahnsinn zelebriert und irre Sätze ausstößt, wie nur er es kann. Einmal schmeißt er Pfirsiche in einen Mülleimer, ein ander Mal melkt er Alpakas! Allein das hat mich dann doch milde gestimmt.

Dienstag, 28. April 2020

Eine Schale Obst (ohne Schale)

Nach sehr langer Zeit war ich heute mal wieder bei Lidl. Dort entdeckte ich dies:


Kolumbianische Kapstachelbeeren ohne ihre charakteristischen papierartigen Kelche! "Physalisbeeren" steht denn auch auf dem Etikett. Ich nahm das Schälchen mit, um es zu Hause fotografieren zu können (und natürlich, um die Früchte zu snacken), ohne mich über diese neuartige (?) Auslieferungsform aufzuregen. Dass nach dem Verzehr keine Berge von Blätterhüllen zu entsorgen sind, heiße ich gut.

Montag, 27. April 2020

Kurz notiert: Wiki-Nekrolog

Am 4. April 2020 umfasste die Rubrik "Kürzlich Verstorbene" auf der Wikipedia-Startseite zum ersten Mal (nach meiner Beobachtung) sechs statt fünf Einträge. Weil ich das für eine notierenswerte Ausnahme hielt, notierte ich es mir. Doch auch am folgenden Tag waren in jenem Kasten sechs Tote aufgeführt, sowie am nächsten und jedem weiteren Tag. Heute, mehr als drei Wochen später, tauchen erstmals wieder fünf Namen auf. Ob dieses Mehr an Todesfall-Erwähnungen mit einer steigenden Promi-Sterberate korrespondiert, habe ich nicht überprüft, aber der Verdacht liegt nahe. Nicht nur hat sich, wie ich bereits vor einer Weile bemerkte, 2020 in dieser Hinsicht als neues 2016 etabliert, auch die Corona-Pandemie trägt ihr Scherflein dazu bei, denn natürlich sind auch unter Personen des öffentlichen Lebens immer wieder Covid-19-Opfer zu beklagen. (Rätselhafterweise gab es besonders unter Jazz-Musikern auffallend viele Infektionen mit Todesfolge.) Ich werde den täglichen Nekrolog weiter im Auge behalten.

Donnerstag, 23. April 2020

Das pasta mir nicht

In aller Kürze möchte ich von einem Produkt abraten, das mir vor einiger Zeit im Asiashop ins Auge sprang und mir Hoffnung auf ein unvergleichliches Geschmackserlebnis machte. Tja, unvergleichlich ist der Geschmack von Süßkartoffel-Nudeln in der Tat, aber nicht im positiven Sinne! Überraschend, denn Nudeln aus Erbsen oder aus Linsen, ja selbst Zoodles finde ich durchaus gelungen, und Süßkartoffeln enttäuschen in der Regel nie. Bei dieser chinesischen Bei- bzw. Einlage jedoch muss man schon sehr tolerant sein. Allein der Geruch, der sich beim Aufkochen breitmacht ... Die Konsistenz ist auch äußerst anstrengend, vergleichbar mit besonders hartnäckig klebenden und glitschigen Glasnudeln.

Diese Tüte werde ich wohl nicht mehr leeren. Wer sie haben möchte, kriegt sie von mir geschenkt (Selbstabholung).

Dienstag, 21. April 2020

Meine Vokabel der Woche

Neues englisches Wort gelernt: burgomaster, was die anglizierte Form unseres Wortes Bürgermeister ist und auf historische Titel bezogen wird, die sich mit mayor nicht akkurat wiedergeben lassen. Mir kam diese Amtsbezeichnung in einem englischsprachigen Buch über Hexenverfolgung unter, in einer Passage über Johannes Junius, den Bamberger Bürgermeister und Ratsherrn, der 1628 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde und einen Brief an seine Tochter hinterlassen hat, welcher heute "als zentrales Dokument der Bamberger Hexenprozesse" gilt (Staatsbibliothek Bamberg).

Montag, 20. April 2020

Werbeprospekte in der Pandemie

Eine Corona-Folge, die meines Wissens noch niemand angesprochen hat, ist die Verknappung der ausgelieferten Wochenprospekte. Wurde ich in normalen Zeiten mit bis zu 13 Werbeflyern und -Heftchen beglückt, waren es am vergangenen Wochenende gerade einmal drei Druck-Erzeugnisse: Tegut- und Toom-Prospekt sowie "Einkauf aktuell". (Vorletztes Mal gab es immerhin neue Coupons für Bäcker Eifler.) Dass selbst dieses mickrige Bündel in der umstrittenen Plastik-Umverpackung ankam, stellt ein zusätzliches Ärgernis dar. 

Worauf soll man sich denn überhaupt noch freuen?

Sonntag, 19. April 2020

Keinen Zacken aus der Krone gebrochen

Neulich las ich einen Artikel über Crown Shyness. Dabei handelt es sich um das Phänomen, dass das Kronengeäst benachbarter Bäume nicht ineinander wuchert, sondern respektvoll, aber relativ knapp Abstand hält. So ergeben sich einzigartige Muster, durch die man von unten in den Himmel schauen kann (zum Beispiel mit Hilfe der Google-Bildersuche).
Was aber steckt hinter der "Kronen-Schüchternheit"? "Manche Forscher vermuten, dass der Baum an den Enden der äußeren Zweige sein Wachstum einstellt, sobald er sich zu weit den äußeren Blättern seiner Nachbarn nähert – um eine Verschattung zu verhindern. Andere glauben, bei dem luftigen Grenzstreifen könne es sich um eine Abwehrmaßnahme gegen fressende Insektenlarven handeln." (geo.de) So oder so muss man den Bäumen, ohne gleich Peter-Wohlleben-Romantik zu beschwören, eine besondere Art, ja: intelligenten Verhaltens zuschreiben. Kommunikation zwischen Pflanzen bzw. von Pflanzen mit Tieren, das scheint mir ein unbedingt weiter zu erforschendes Gebiet zu sein. Man denke an Gewächse, die in der Lage sind, die Farbe oder gar die Geschmacksintensität ihrer Früchte zu regulieren, um sie für samenvertilgende und -verbreitende Waldbewohner mehr oder weniger attraktiv zu machen.
In diesem Zusammenhang muss noch einmal das dem ersten Teil von Clemens J. Setz' Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" vorangestellte Zitat wiedergegeben werden, welches leider ebenso fiktiv ist wie der Mann, dem es zugeschrieben wird:

Ich hab's für bare Münze genommen.