Freitag, 19. April 2024

Zuerst die gute Nachricht ...

Stellt euch vor, ihr bekommt die Aufgabe, eine Minigolfanlage aufzuwerten. Wie bewerkstelligt ihr das? Mit hoher Wahrscheinlichkeit dadurch, dass ihr aufregende Features einbaut, neue Bahnen anlegen lasst, Hindernisse erweitert, kurz: indem ihr Dinge hinzufügt – auch wenn euch explizit erlaubt worden ist, Dinge zu entfernen, etwa "einen Sandbunker (eine 'Falle', aus der man den Ball nur schlecht wieder herausspielen kann)". Diese Neigung des Menschen zum Hinzufügen wird als addition bias bezeichnet und seit kurzem wissenschaftlich untersucht. Die Minigolf-Aufgabe wurde tatsächlich mit Versuchspersonen durchgespielt, das Ergebnisse 2021 in Nature veröffentlicht:

Die Teilnehmenden sollten alle ihre Ideen auflisten, wie man die Bahn verbessern könnte. Dabei wurden sie auch darum gebeten, auf die Kosten ihrer vorgeschlagenen Änderungen zu achten. Trotz dieses Hinweises generierten nur 28% aller Teilnehmenden zumindest eine einzige Idee, die das Entfernen eines Elements betraf. Und selbst von jenen Teilnehmenden, die nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen wurden, dass sie etwas [...] auch entfernen können, generierten nur 43% zumindest einen Vorschlag, bei dem ein Element entfernt würde.

Der menschliche Instinkt, Verbesserung durch "additive Transformation" erreichen zu wollen, sprich: der Gedanke "Mehr ist besser", scheint sich auch in der (deutschen) Sprache niederzuschlagen. Das legt die jüngere linguistische Forschung nahe. S. Wolfer / A. Koplenig / M. Kupietz / C. Müller-Spitzer vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache Mannheim legen ihre diesbezüglichen Erkenntnisse in Ausgabe 1/2014 des Sprachreport nieder. (Daraus auch obige Zitate, den Nature-Artikel von Adams et al. 2021 betreffend.) Das Team bediente sich eines neuen Datensatzes zu Worthäufigkeiten namens DeReKoGram, basierend auf dem DeReKo, dem riesigen Deutschen Referenzkorpus. "Gram" nimmt dabei Bezug auf sog. n-Gramme, also Einzelwörter (Unigramme), Zweiwortverbindungen (Bigramme) usf., deren Frequenz ermittelt werden soll; aus diesem Blog bekannt ist womöglich der Google Ngam Viewer.

Es stellt sich heraus: Nicht nur sprechen und schreiben wir häufiger vom Hinzufügen als vom Wegnehmen, auch geben wir, wenn von beidem die Rede ist, der Addition den Vorrang. Und nicht nur beim Dualismus Mehr/Weniger macht sich der Additionsbias bemerkbar, auch bei anderen Bereichen, "die einer gewissen Polarität unterworfen sind", scheint sich eine Bevorzugung von "positiv polarisierten Wörtern" niederzuschlagen. Beispiele für solche Gegenstandsbereiche sind Progression (mit Partnerwörtern wie vorwärts und rückwärts), Wertigkeit (z.B. nützlich vs. nutzlos), Höhe (hinauf vs. hinab usw.) und sogar Reichtum. In letzteren fallen allerdings und interessanterweise zwei der vier Paare von Wörtern, bei denen das negativ polarisierte häufiger auftrat.

Für die beiden Paare [wohlhabend vs. bedürftig und finanzstark vs. finanzschwach] liegt keine unmittelbare Erklärung auf der Hand (wobei es Ausdruck einer Präferenz in Zeitungstexten sein könnte, eher finanzschwache als finanzstarke Gesellschaftsschichten zu fokussieren).

Hier betreten wir ein interdisziplinäres Feld zwischen Soziologie, Politik, Kommunikations- und Sprachwissenschaft! Wer bisher mit Korpuslinguistik auf Kriegsfuß stand (wie ich, zugegebenermaßen), möge sich von dem achtseitigen Sprachreport-Beitrag wider jedes Vorurteil bezaubern lassen. Wer den Datensatz-Overload als zu trocken und mathematisch empfindet und die Analyse überspringen will, für den gebe ich das Entscheidende wieder: "Wir können daraus schließen, dass in der deutschen Sprache – zumindest in den untersuchten Gegenstandsbereichen und für unsere Wortauswahl – in der Tat eine Neigung besteht, positiv polarisierte Wörter häufiger zu verwenden als negativ polarisierte." Und als Parallelbefund lässt sich festhalten, "dass in der (über DeReKoGram erfassten) deutschen Sprache in der Tat positiv polarisierte Wörter in Paarnennungen mit und und oder eher als erstes genannt werden."

Der addition bias ist übrigens so unbeackert, dass er in der doppelseitigen Sammlung unbewusster Denkschemata, die im Wissensteil der Süddeutschen Zeitung vom 28./29. Mai 2022 abgedruckt wurde und die ich wohlweislich aufgehoben habe, nicht auftaucht.


Nicht weniger als 184 Fehlschlüsse, Heuristiken und Reflexe sind darin aufgelistet, darunter Klassiker wie der Dunning-Kruger-Effekt und die Überlegenheitsillusion, aber auch Putziges wie der Bias-Bias ("Möglichkeit, dass Denkfehler zu oft diagnostiziert werden"). Das ist sooo geil! Wer eine höherauflösende Ansicht haben möchte, kann mich gerne kontaktieren.

PS in eigener Sache, das nix mit diesem Beitrag zu tun hat: Am Schwerpunktteil der heutigen Ausgabe des "ZDF Magazin Royale" habe ich tatkräftig mitgewirkt. Schaltet doch mal ein!

Mittwoch, 17. April 2024

Leicht* übertrieben

Ich bin nicht Fan des Kult-Knäckebrots FinnCrisp, auch greife ich gelegentlich zu Leicht & Cross, so etwa diese Woche, wo es "Mein Knusperbrot" (Eigenbezeichnung) für 99 Cent bei Tegut gab. Als ich meinen Blick über die Verpackungsbeschriftung streifen ließ, fiel mir auf, dass diese Trockenflachbrote nicht einfach "Leicht & Cross" heißen, sondern "Leicht* & Cross". Das Sternchen verweist auf eine Fußnote mit folgendem Disclaimer: "LEICHT nimmt auf die luftige Beschaffenheit Bezug, die Produkte sind nicht energiereduziert."


Was dieser Notwendigkeit wohl vorausgegangen ist? Gab es Verbraucherschutz-Beschwerden? Hat Foodwatch Einspruch erhoben? Mir erscheint das etwas albern. Ein Lebensmittel von so geringer Masse kann doch per se nicht so energiereich und hochkalorisch sein, als dass man nicht von "leicht" im landläufigen Verständnis des Begriffs sprechen könnte. Es liegt mir fern, mich zum Lebensmittelexperten oder zum Unternehmensanwalt aufzuschwingen, aber ich habe eine Zeit miterlebt, als Süßigkeiten mitunter als regelrecht gesund verkauft wurden. Ich sehe es noch klar vor mir: Tennisspielerinnen teilen sich nach dem Training eine Yogurette (gesungener Slogan: "Die schmeckt so himmlisch joghurt-leicht!"), eine Joggerin stärkt sich in der Laufpause mit einer Milchschnitte, Büroangestellte beugen mit schaumig geschlagenem Gervais Obstgarten bedenklicher Gewichtszunahme vor. Geschickt in einen Kontext von Vitalität und Fitness gesetzt, wirkten in den Neunzigern, dem goldenen Jahrzehnt der TV-Werbung, selbst reine Zucker-Fett-Sahne-Klumpen sportiv und kaum sündhaft. Insofern lege ich marktschreierische Attribute wie "leicht" niemals auf die Goldwaage. Und hey, Leicht & Cross hat Nutri-Score A!

Montag, 15. April 2024

Teufel Mehrfachbedeutung!

Falschübersetzungen in Videospielen sind, das ist mir kürzlich klar geworden, nicht zwangsläufig den Übersetzern anzukreiden. Die ganzen Strukturen und Abläufe in der Lokalisierung von Games scheinen mir inhärent störungsanfällig zu sein. Offenbar bekommen die übersetzenden Personen (Maschinen und "KI"s würden erst recht scheitern!) lediglich das im Spiel verwendete Textmaterial ohne die dazugehörigen Bilder vorgelegt. Und dann sollen sie, etwa bei Item-Beschreibungen und Objektnamen, ins Blaue hinein raten und sich aus einer Vielzahl von deutschen Entsprechungen für eine entscheiden. Da passiert es schon mal, wie im Adventure "Open Roads", dass man einen Einweg-Becher "Tasse" nennt und einen glaslosen Hängeschrank "Vitrine" – weil die englischen Ausgangswörter cup resp. cabinet die (fast) primäre, aber eben nicht ausschließliche Bedeutung "Tasse" resp. "Vitrine" haben. Seufz.



Andererseits ist "Rezept" für receipt ("Quittung, Kassenzettel" etc.) in keinem Kontext akzeptabel ...

Samstag, 13. April 2024

Motordroschken und Nächstenliebe

Die Leute werden immer ruppiger, rüpelhafter, rotziger, behandeln einander ohne Rücksicht und Respekt? Hilfsbereitschaft ist ein Fremdwort geworden? "We live in a society!" Ach, na ja. Hin und wieder erlebe ich, wie selbst Großstadtmenschen geradezu rührende Nettigkeit und Fürsorge an den Tag legen. Einmal wurde ich mitten in der Nacht Zeuge, wie ein ungesund alkoholisierter Fahrradfahrer auf den Asphalt stürzte, und binnen Sekunden waren gleich drei Personen (darunter ich) zur Stelle, dem desorientierten, aber unversehrten Mann auf die Beine zu helfen.

Von drei Fällen unerwarteten Entgegenkommens, die mir selbst widerfuhren, möchte ich erzählen: Bemerkenswerterweise hatten sie alle drei mit Taxis zu tun.

1.) Nach einer Ausstellungseröffnung im Frankfurter Caricatura-Museum mit anschließendem Abhängen (i.S.v. geselligem Beisammensein, nicht Herunternehmen von Gemälden) war es sehr spät geworden. Ich lallte in die Runde: "Mist, jetzt fährt keine U-Bahn mehr, und ich habe kein Geld für ein Taxi dabei." (Das war in einer Zeit, bevor sich Kreditkarten und Apps als alternative Zahlungsmittel in Taxis durchsetzten.) "Muss ich halt laufen." Da steckte mir der anwesende Kabarettist Wilfried Schmickler einen 20-Euro-Schein zu und beschwor mich, ein Taxi zu rufen. Einfach so! Leicht beschämt, aber dankbar nahm ich die Spende an und gönnte mir eine komfortable Heimfahrt.

2.) Ebenfalls in Frankfurt am Main und ebenfalls zu später Stunde musste ich nach einer Pen-&-Paper-Session vom in jeder Hinsicht abgehängten Stadtteil Fechenheim nach Bockenheim kommen und hatte die Wahl zwischen einem zweistündigen "Spaziergang" und einer Taxifahrt. Für letztere Option entschied ich mich. Ich war noch etwa einen Kilometer von meinem Zuhause entfernt, als ich mit bangem Blick aufs Taxameter extrapolierte, dass mein Portemonnaie-Inhalt nicht bis zum Ziel reichen würde. (Nicht genügend Bargeld bei mir zu führen ist eine leidige Konstante in meinem Leben.) "Können Sie mich schon hier rauslassen? Den Rest gehe ich zu Fuß", bedeutete ich dem Fahrer. Der entgegnete im sanftesten, verständnisvollsten Tonfall: "Aaaach, das passt schon. Es ist ja nicht mehr weit. Außerdem wurden neulich erst die Tarife erhöht, da müssen sich die Kunden erst mal dran gewöhnen." Und chauffierte mich bis zur Haustür.

3.) Auf der koreanischen Insel Jeju war ich darauf angewiesen, dass mich ein möglichst schnelles Fahrzeug von meinem Hotel zum Airport bringen würde, wo ich meinen Rückflug nach Seoul anzutreten hatte. Es war früh am Morgen, auf den Straßen so gut wie nix los. An der Straßenseite, wo ich auf ein zufällig nahendes Taxi hoffte, stand etwa hundert Meter entgegen der Verkehrsflussrichtung eine junge Geschäftsreisende, die offensichtlich auch auf ein Taxi wartete. 'Wenn jetzt eins vorbeifährt, schnappt sie sich das, und wer weiß, wann das nächste kommt', dachte ich, der ich unter einigem Zeitdruck stand. (Warum hatte ich nicht am Vorabend die Rezeption konsultiert?) Da fasste ich mir ein Herz und sprach die Frau an: Ob wir das nächste Taxi gemeinsam nehmen und uns die Kosten teilen wollen? Sie tippte etwas in ihr Smartphone und zeigte es mir: "We share a cab and split fare?" – "Yes!", nickte ich begeistert. Als endlich ein Taxi anhielt, stiegen wir beide ein, die Einheimische übernahm die Kommunikation, und wir wurden zum Flughafen gebracht. Ich zückte meine Geldbörse, um die Hälfte des angezeigten Endpreises in den Hut zu werfen, doch meine temporäre Gefährtin – zahlte alles! Ich erinnerte sie an unseren Deal, doch sie bestand darauf, die volle Summe zu übernehmen.

Soeben fällt mir ein, dass ich auch schon mal – 2011 muss es gewesen sein – eine mir fremde Person nach einer Party in "meinem" Taxi mitgenommen und auf das Einfordern finanzieller Beteiligung verzichtet habe. Taxis: Sie erden uns, sie kitzeln das Humane aus uns hervor.

Donnerstag, 11. April 2024

Traumprotokoll: Ärger im Kino

Eine neue Star-Wars-Episode kam in die Kinos. Den musste ich natürlich sehen, also ging ich mit ein paar Freunden in ein angemessen protziges Multiplex-Haus. Jene feinen Freunde waren allerdings ewig nicht aus dem Quark gekommen, so dass wir den Kinosaal betraten, als nicht nur die Trailerschau schon vorbei war, sondern auch der Film bereits begonnen hatte. Wir hatten den opening crawl verpasst! Einen Star-Wars-Film nicht vollständig, von der ersten bis zur letzten Sekunde, zu sehen, kommt für mich nicht infrage, weswegen ich ernsthaft in Erwägung zog, die Eintrittskarte verfallen zu lassen und zu einer späteren Vorstellung wiederzukommen, doch überredete man mich zu bleiben. Ich wusste gar nicht, was die Ausgangssituation des Films ist, wo, wann und warum das passierte, was sich auf der Leinwand abspielte. Mein Groll wurde schließlich dadurch gesteigert, dass vor der ersten Reihe eine Gruppe mittelalter Männer mehrere Grills aufgebaut hatte und lautstark plappernd und brutzelnd eine Barbecue-Party veranstaltete. Mein Traum-Ich wunderte sich zwar nicht über diese offenbar heutzutage zu Kinobesuchen dazugehörende (Un-)Sitte, erzürnt wurde es dennoch in ungesundem Maße. Nach ein paar Minuten reichte es mir: Ich erhob mich von meinem Platz, gestikulierte in Richtung Projektorkabuff und schrie "Aufhören, anhalten!" Bevor die Situation vollends eskalierte, wachte ich auf.

Sonntag, 7. April 2024

Go-to to go

Ein Vorteil der Großstadt ist die hohe Dichte an Schnellrestaurants, Imbissbuden und Streetfood-Lokalen. Gut ist's, wenn man in Laufnähe einen Laden hat, bei dem man ein Stammessen hat: das eine zuverlässig solide Gericht, das man ohne zu überlegen jedes Mal bestellen kann und das konstant gut schmeckt, idealerweise bei gleichbleibendem Preis.

Für den Fall, dass ich zu faul zum Kochen bin, nichts eingekauft habe und mir nicht nach gastronomischen Experimenten zumute ist, hält meine hood gleich zwei Optionen bereit. In einem Bistro mit chinesischer Karte ist mein Stammessen ein vorzügliches Gung Bao (dessen Geheimnis Kollege Mark-Stefan Tietze einst in der Taz gelüftet hat) mit Gemüse und Tofu; in einer Thai-Gaststätte wiederum bestelle ich mir regelmäßig zum Abholen ein Pad Thai, das nicht nur göttlich mundet, sondern auch in so riesigen Portionen daherkommt, dass zwei Personen es sich teilen können oder eine Person zwei Tage hintereinander davon essen kann.

Damit dieser Beitrag nicht zu kurz wird, nutze ich ihn, um ein "Erlebnis", das ich vor über zehn Jahren gemacht habe, neu einzuordnen. Es folgt ein Update zu dieser Notiz:
Alte Anekdote ohne Pointe: Im Dönerladen. Die Kundin vor mir bestellt Börek zum Mitnehmen. Als der Verkäufer fragt, ob es noch etwas sein darf, antwortet die Kundin, als sei es das Normalste auf der Welt: "Ja, ein Stück Zitrone noch, bitte!" ... worauf der Dönermann – wiederum als sei es das Allerselbstverständlichste – eine achtel Zitrone in Silberpapier wickelt und der Frau überreicht.
Wie wenig weltläufig ich früher noch war! Was ich da mit Ungläubigkeit wahrgenommen hatte, war tatsächlich das Normalste auf der Welt: Börek & Co. werden nämlich traditionell mit Zitrone genossen. Lernen tat ich Döspaddel das indes erst Ende 2023, als ich in Köln in einer Cigköfte-Filiale veganes Lahmacun bestellte und dazu einen Zitronenschnitz überreicht bekam. 'Ach, das muss so!', schoss es mir sofort durch den Kopf. 'Deswegen hat die Frau damals danach gefragt.'

Freitag, 5. April 2024

The Anarchist Plant Book

Hier kommt ein Tipp für eine Lektüre, die mir als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt wurde.

Der 1939 in Graz geborene Biologe, Psychologe und Philosoph (diese Kombination spielt eine Rolle, zu der ich gleich komme) Helmut Eisendle hat in den Siebzigerjahren im Eigenverlag das Unikatbuch "Tod und Flora" veröffentlicht, das schließlich 2009, sechs Jahre nach dem Tod des Autors, erstmals von Jung und Jung "richtig" aufbereitet und aufgelegt wurde. Nun erschien in dem Salzburger Verlag eine Neuedition von "Tod & Flora".


Wer sich prima facie ein gewöhnliches Pflanzenbestimmungsbuch vorstellt, sei eines Besseren belehrt. Das Besondere an Eisendles kompaktem Werk ist nicht nur, dass es sich, wie der Titel erahnen lässt, auf tödliche Pflanzen konzentriert: Neben den Angaben zu Aussehen, Blütezeit und Fundort wird zu jeder der 33 heimischen Giftgewächse vermerkt, wie sie wirkt und vor allem welche Menge nötig ist, um die beschriebenen Effekte hervorzurufen.

Beispielsweise lesen wir im Eintrag über die Meerzwiebel (Scilla maritima) unter "Eigenschaften und Wirkungen": "Der Geschmack der Zwiebel ist stechend, treibt die Tränen in die Augen, erregt Niesen und Husten. Ihr Saft bringt auf der Haut kleine Blasen, Rötungen verbunden mit Brennen hervor. Eingenommen, wirkt er auf den Harndrang, die Schleimhäute der Atmungsorgane, erzeugt heftige Schmerzen im Unterleib, Durchfall, Gedärmentzündungen und in seltenen Fällen den Tod." Und unter "Dosis minimalis/letalis": "Drei Scheiben des Zwiebels [sic] bewirken einen Tränenausbruch, Brennen im Hals, Niesen und andere Beschwerden. Der Saft der Pflanze kann, in Speisen gemischt, über Darmentzündungen den Tod verursachen."

So kann das Glossar nicht nur als Anleitung zum Morden und Verletzen dienen, das soll es sogar. In einem kurzen Vorwort leitet der Autor philosophisch fundiert her, warum das Auslöschen gewisser Personen mit Giftgabe ethisch nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar notwendig sei. Im Wesentlichen geht es um das Korrigieren von Machtverhältnissen, um sthenische vs. asthenische Gruppen, um das Erreichen der "Überwindung [der] Glücklosigkeit und Armut" einer unterdrückten Mehrheit in der "gegebenen Situation des Lebens", i.e. der auf Gewalt und Ungerechtigkeit basierenden Gesellschaft. "In unserem komplexen Leben gibt es eine Vielzahl personeller und sozialpsychologischer Probleme, die radikale Lösungen fordern, da sonst sowohl der persönliche Friede als auch ein vertretbares Zusammenleben ganzer Bevölkerungssysteme nicht mehr gewährleistet ist." Der Aspekt des puren Lustgewinns wird darüber hinaus nicht verschwiegen. Als Eckpfeiler seiner Handreichung stellt Eisendle vier "strategische Grundsätze" auf, nämlich "Wissen ist Macht", "Hass bedingt Motivation", "Motivation bedingt Destruktion" und "Sicherheit bedingt Heimtücke".


Das Ganze ist sehr, sehr österreichisch, entbehrt in seiner lakonischen Sachlichkeit nicht eines gewissen schwarzen Humors. Hätte so ein Kompendium auch in Deutschland – etwa in der "Naturkunden"-Reihe von Matthes & Seitz – erscheinen können? Oder würde sich die Staatsanwaltschaft einschalten? Ich denke da direkt an die Tatbestände "Anleitung zu Straftaten" (§ 130a StGB) und "Belohnung und Billigung von Straftaten" (§ 140 StGB), aber ich bin ja kein Jurist. Es muss zudem betont werden, dass sich nirgends konkrete Schritt-für-Schritt-Instruktionen für Giftanschläge finden. Stattdessen gibt es Kasus, "Fallbeispiele dazu, wie die Pflanzen zum Einsatz gekommen sein könnten" (Astrid Wintersberger im Nachwort).


Ein makabres und erst recht lehrreiches Vergnügen; ich wusste beispielsweise nicht, dass es bereits schädlich sein kann, sich unter einer Eibe längere Zeit nur aufzuhalten! "Tod & Flora" umfasst 174 Seiten und kostet 25 Euro.

Mittwoch, 3. April 2024

Der österreich-liechtensteinische Gebietstausch

Fast unbemerkt von der (deutschen) Öffentlichkeit steht nicht mal ein Jahr nach der letzten innereuropäischen Grenzverschiebung die nächste Grenzkorrektur kurz bevor: Im künstlichen Egelsee nahe der Vorarlbeger Stadt Feldkirch soll die nicht mehr nachvollziehbare Linie zwischen Österreich und Liechtenstein begradigt werden. Bevor der entsprechende Staatsvertrag geschlossen werden kann, muss noch der Bundestag von Vorarlberg darüber beraten. Territorialen Verlust macht dabei keines der Länder: Die rund 250 Quadratmeter, die das eine verliert, bekommt es vom anderen wieder. Und umgekehrt. Es ist im Grunde ein Gebietstausch zu niemandes Lasten. Die Kleine Zeitung weiß mehr.

Montag, 1. April 2024

Serientagebuch 03/24

02.03. Poorly Drawn Lines 1.01
Poorly Drawn Lines 1.02
04.03. Curb Your Enthusiasm 12.04
07.03. Mrs. Davis 1.04
Family Guy 22.10
Will Trent 1.04
11.03. Curb Your Enthusiasm 12.05
12.03. Mrs. Davis 1.05
13.03. Poorly Drawn Lines 1.03
Poorly Drawn Lines 1.04
Will Trent 1.05
14.03. Mrs. Davis 1.06
Family Guy 22.11
Mrs. Davis 1.07
15.03. Poorly Drawn Lines 1.05
Mrs. Davis 1.08
24.03. Curb Your Enthusiasm 12.06
Will Trent 1.06
25.03. Poorly Drawn Lines 1.06
Poorly Drawn Lines 1.07
Poorly Drawn Lines 1.08
26.03. Gotham 4.01
28.03. Family Guy 22.12
Poorly Drawn Lines 1.09
Poorly Drawn Lines 1.10
31.03. The Simpsons 35.13

Wem "The Leftovers" (2014-2017) und "Watchmen" (2019) noch nicht abgefahren genug waren, dem sei Damon Lindelofs neuester Sehgewohnheiten unterlaufender und Genrekonventionen auf den Kopf stellender Streich Mrs. Davis wärmstens empfohlen. Mit kleiner Einschränkung: Wer mit Ton und Setting der Pilotfolge nichts anfangen kann, braucht nicht weiterzuschauen, denn andere Saiten schlagen die folgenden sieben Episoden nicht an. Den Stoff hat Lindelof zusammen mit Tara Hernandez (langjährige Autorin bei "The Big Bang Theory" und dessen Spin-off "Young Sheldon") entwickelt, zudem ist Comic-Weirdo Jonny "Jomny" Sun ("BoJack Horseman") als Executive Story Editor mit von der Partie; und ja: Das schwungvolle Abenteuer um eine KI-Gottheit und den Heiligen Gral ist mehr Comedy denn Mystery-Action – zwei, drei Stellen waren selbst mir zu klamaukig –, trotzdem gibt's viel zu staunen und zu rätseln. Darüber hinaus überzeugt der Spaß mit einem originellen Look und einem größtenteils unverbrauchten Cast mit feinem komödiantischen Gespür.

Skurril geht es auch bei Poorly Drawn Lines zu. Ganz genau: Die seit vielen Jahren laufende Webcomic-Reihe hat vor einer Weile eine zehnteilige Bewegtbild-Umsetzung bekommen, die in der von Reza Farazmand geschaffenen kleinen Welt um die Figuren Tanya, Vogel Kevin, Bär Ernesto und Schildkröte Turt spielt. Humor und Tonfall der Vorlage werden angemessen übersetzt, stilistisch sowieso. Weil eine Handvoll Panels, die ohnehin meistens nur aus einem kurzen Dialog bestehen, selbst eingedenk der knackigen Länge von nur zehneinhalb Minuten schlechterdings kaum genug Stoff für eine ganze Episode bieten, kommt es jedes Mal zu relativ komplexen Handlungsbögen: Unsere Helden sehen sich fantastischen Ereignissen und übernatürlichen Gefahren ausgesetzt, was nicht selten an "Aqua Teen Hunger Force" erinnert. ("Master Shake"-Sprecher Dana Snyder, eine meiner allerliebsten Cartoon-Stimmen, hat sogar einen wiederkehrenden Gastauftritt als Katze!) Schade, dass diese rasch weggeguckte Erwachsenen-Animation nicht fortgesetzt wurde.

Samstag, 30. März 2024

Was geht, Google?

Im Oktober 2023 traf mich wie ein Hammerschlag die Mitteilung von der baldigen Einstellung meiner geliebten Google-Podcasts-App. Zwischenzeitlich wurde der Termin des unausweichlichen Endes mit "irgendwann im März" präzisiert. Während ich dies tippe, ist der 29.3., und noch läuft Google Podcasts wie eh und je auf meinem Google-Phone. Hatte der Konzert ein Einsehen und pflegt seine so komfortable wie schlanke Applikation mit Stolz und Sorgfalt noch ein paar Jährchen weiter? Oder wurde die Abschaltung schlicht vergessen? Warten wir es ab.

Neu bei Youtube ist wiederum dies: Wenn man ein Video hochlädt, muss man angeben, ob dieses Deep Fakes oder andere die Wahrheit verzerrende Elemente enthält.


Hm, ob das Untergrund-Propagandisten, feindseligen KI-Hexern und internationalen Troll-Armeen Einhalt gebietet?

Donnerstag, 28. März 2024

TITANIC vor zehn Jahren: 4/2014

Die Duplizität der Ereignisse, sie grenzt ans Unheimliche. Vor ein paar Tagen wurde der russische Präsident im Amt bestätigt und ist ohnehin wegen seines Krieges gegen die Ukraine das neben Trump am stärksten die Nachrichten dominierende (Ex-)Staatsoberhaupt; vor zehn Jahren wiederum schaute alle Welt im Zuge des Vorspiels davon auf Putin, auch Titanic:


Mehrmals im Heft geht es um die Krim-Besetzung und ihre Folgen wie die daraus resultierende Furcht vor Eskalation bis hin zum Weltkrieg. Rürups Startcartoon (S. 3) greift das Thema Gasboykott auf, Gärtners Essay (S. 18/21) ordnet dies und das ein, die neue Folge von "Miss Merkle: Macht ist ihr Hobby" (S. 33) heißt "Mord im Krim-Expreß", Michael Ziegelwagner und ich zeigen auf S. 47 den Stammbaum der Klitschkos ("Die unbekannten Klitschko-Brüder", darunter "Kitsch, Klitsch und Klatsch"), Ernst Kahl kommentiert in einem ungewohnt tagespolitischen Gemälde den damaligen Schalke-Sponsor Gazprom.

Und für den Aufmacher (S. 12-17) reisten wir nach – Baden-Baden: "Schließlich wohnen und entspannen sich hier seit Jahrhunderten Russen, konsumieren feinste Juwelen und Maultäschle mit Kaviar und wandeln auf den Spuren Fjodor Dostojewskis, der beim nichtrussischen Roulette im berühmten Kasino so viele Rubel ließ, daß er zur Refinanzierung den 'Spieler' schreiben mußte."


Ich erinnere mich gern an diese Aktion zurück, vor allem an den Umstand, dass uns die Einheimischen durchweg unsere mit albernen Klischee-Kostümen vorgegaukelte Identität ("Interrussischer Warn-, Auslands- und Nachrichtendienst", kurz I.W.A.N.) abnahm!

Als wäre dieser Ausflug nicht schon aufwendig genug gewesen, fabrizierte das Team Tietze/Wolff/Hintner als Zweit-Aufmacher einen nicht weniger als sieben Seiten fassenden Fotoroman, wie es ihn meines Wissens zuvor noch nicht gegeben hatte und auch danach nie wieder geben sollte: Die Nacherzählung der Affäre um einen SPD-Politiker erfolgte mit ... Lego:


Für die Doppelseite "Mampftrend Mischfutter" (Rürup/Tietze) in der Heftmitte war noch mehr Bastelei nötig. Nach 13 Jahren in der Redaktion weiß ich nicht mehr, wie oft wir für irgendwelche Food-Artikel Quatsch mit Lebensmitteln gemacht haben, aber die Hybrid-Produkte von "Cevapciccio" bis "Müsli di Mare" schossen wirklich den Vogel ab.


Holy macaroni!, auch in den folgenden Beitrag floss eine Menge Zeit und Energie. Moritz Hürtgen und ich hatten, inspiriert vom jüngsten Ableger der "Paranormal Activity"-Reihe, den Einfall, eine Nacht in den Redaktionsräumen (inkl. Keller!) zu verbringen, uns bei abgeschaltetem Licht Spuk-Ereignisse herbei zu imaginieren und daraus ein Horror-Logbuch mit stimmungsvollen Found-Footage-Bildern zu spinnen. Beim Schießen der Fotos überkam uns tatsächlich ein wenig Gänsehaut, im Großen und Ganzen überwog aber die Gaudi. Jetzt kann ich's ja verraten: Wir haben nicht wirklich die ganze Nacht durchgehalten. Laut Google-Zeitachse habe ich die Redaktion um 2 Uhr 20 verlassen. (Dass ich zehn Jahre später noch meine Arbeitszeiten bis auf die Minute genau rekonstruieren kann, ist der wahre Grusel.)


Weiteres Notierenswertes
- Dass Kollege Hürtgen die Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II. protokolliert hat (S. 54), hatte ich in meiner Notiz zu jenem Bizarro-Ereignis zu erwähnen vergessen. Lektüre bitte nachholen!
- Gerhard Henschel in seinem Hausbesuch bei Bushido (S. 58f.): "Schon erstaunlich, daß es dafür [für die nicht zitierfähigen Lyrics; T.G.] einen Bambi gegeben hat. Aber auch wieder folgerichtig, wenn man bedenkt, daß das Verlagshaus Burda als Schirmherr der Bambi-Verleihungen seinerseits Leichenfledderer beschäftigt, die für das Lifestyle-Magazin Bunte die Totenflecken am Mund eines im Jagdschloß des Prinzen Ernst August von Hannover verstorbenen Prominenten nachgezählt haben."
- Weitere Nervgestalten (von denen man heute gottlob nur noch wenig mitkriegt, z.T. wg. tot) in dieser Ausgabe: Thilo Sarrazin (Aboanzeige, U1), Sibylle Lewitscharoff ("Der letzte Halbmensch", Leo Fischer, S. 66), Jasper von Altenbockum ("Jasper me softly", Heiko Werning, S. 24f.)
- Sehr hübsch auch M. Ziegelwagners Abrechnung mit den ausgenudeltsten Kommerzklassik-Melodien ("Unsterbliche Zombie-Klänge", S. 42f.): "Laßt den Wohltemperierten Fahrstuhl abstürzen! Nie wieder 'La donna è mobile'! Nie wieder die 'Kleine Nachtmusik'! [...] Schlimmer und ubiquitärer ist nur noch der Pizza-Jingle von Giuseppe Verdi."

Schlussgedanke
Eine Wundertüte erster Kajüte! Es ist diese Formenvielfalt, die meine Freude am re-visiting der Ära Wolff besonders hebt.

Mittwoch, 27. März 2024

Onkel Dagoberts Erbe

Ich frage mich, ob der österreichische Signa-Gesellschafter Hans Peter Haselsteiner der letzte prominente Träger eines Kneifers ist.


In Österreich sagt man wohl eher Stecher, wobei mir auch die Bezeichnungen Zwicker und Pincenez (aus der Sherlock-Holmes-Geschichte "Das goldene Pincenez") geläufig sind. Welche Klemmbrillen-Unterart der Herr, dessen Foto ich Anfang des Jahres aus einer Tageszeitung abfotografiert habe, genau trägt, kann, wer Zeit und Lust hat, anhand des entsprechenden Wikipedia-Artikels bestimmen.

Montag, 25. März 2024

Verfälschte Staatsbürgerschaften

Schon einmal habe ich editorische Patzer in den Film-Sammelkarten der Zeitschrift Cinema moniert. Zwei Fehler aus dem Bereich der Länderkunde haben mich seitdem besonders gnatzig gemacht:


Wie ich im oben verlinkten Beitrag schrieb: Der Staat hieß in den 1980er-Jahren DDR, Anklam lag in Matthias Schweighöfers und meinem Geburtsjahr nicht in "Deutschland".


Zugegeben: Der Status von Jersey und den anderen Kanalinseln ist nicht unkompliziert, aber dass sie kein Teil von Großbritannien sind, könnte man wissen. Als Kronbesitzungen gehören sie streng genommen nicht einmal zum Vereinigten Königreich, doch hätte ich über die Angabe "Jersey/UK" ggf. hinweggesehen.

Samstag, 23. März 2024

Die Schildfrage

In der Süddeutschen Zeitung gab es neulich einen launigen Artikel (online nur hinter der Bezahlschranke) über "touristische Unterrichtungstafeln", jene braunen Schilder an Autobahnen, die auf nahegelegene points of interest hinweisen oder die Besonderheit des jeweiligen Ortes herausstellen: "Sportstadt Riesa", "Königliches Puppenstuben-Museum Laubach", "Umspannwerk Recklinghausen" und viele andere mehr, insgesamt rund 3600.

Doch ach!, die zwei Tafeln, die um Kilometer 530 herum auf beiden Seiten der A3 den Zoo Straubing bewerben, könnten bald Geschichte sein: "Die 2001 aufgestellten Schilder müssen der Autobahn GmbH zufolge ausgetauscht werden, weil sie im Laufe der Jahre verblasst sind und nicht mehr den Vorschriften entsprechen. Die Folie auf den Schildern sei insbesondere in der Nacht nicht mehr gut lesbar [...]. Falls Durchreisende nachts spontan die Tiger im Straubinger Zoo besuchen möchten, könnten sie die Tafel also übersehen." Joah, warum tauscht man die Tafeln dann nicht aus?, könnte man jetzt fragen. Hier kommt der Knackpunkt: "Die Kosten für zwei neue Zoo-Schilder belaufen sich allerdings auf 83 000 Euro. Kosten für deren Entfernung: 10 000 Euro. Der Stadtrat entschied sich für den Abriss."

Wem soeben angesichts dieser Zahlen aus Niederbayern schwindelig geworden ist, der möge sich darauf einstellen, gleich ohnmächtig zu werden, denn diese sind noch zu toppen: "Im Oktober 2023 hatte der Bund der Steuerzahler in seinem Schwarzbuch auf einen ähnlichen Fall in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) hingewiesen. Dort werben Schilder an der A38 für das Europa-Rosarium [...]. Für zwei neue Schilder soll die Stadt Sangerhausen 181 000 Euro zahlen."

Ich bin jemand, den "Kostenexplosionen", "Steuerverschwendung" und "Behördenirrsinn" kaum noch schocken können. Man steigt ja als kleines Licht eh nicht dahinter. Wenn irgendwo von den Ausgaben für, sagen wir, eine neue Brücke die Rede ist, dann nehme ich eine Kostenangabe von 5 Millionen Euro so stoisch hin wie eine von 50 Millionen oder 150 Millionen oder 500.000. Nur: Wieso das Herausrupfen zweier zwei mal drei Meter großer Schilder 10.000 Euro verschlingt, möge man mir mal auseinanderklamüsern. Von märchenhaften Summen von beinahe oder gar mehr als 100.000 Euro für den Austausch ganz zu schweigen. "Es ist ja keine Weltraummission. Es geht um zwei Schilder", zitiert die SZ den Bürgermeister von Passau, wo es ebenfalls um die Erneuerung von Tierpark-Tafeln ging. "Das müsste eigentlich für 15 000 bis 20 000 Euro machbar sein". Wenn überhaupt!

Bei Rechnungen, die irgend mit Straßenverkehr zu tun haben, schlackern einem regelmäßig die Ohren. Einmal, es mag auch schon wieder 20 Jahre her sein, hörte ich einen Experten behaupten, dass die Unterhaltung eines einzigen Verkehrsschildes die Stadt (in diesem Fall: Dresden) 2000 Euro pro Jahr koste. Das darf doch nicht wahr sein! Kann man nicht jemandem einmal im Quartal 'nen Hunderter, einen Lappen und einen Eimer warmes Wasser in die Hand drücken und gut ist's? Oder werden einfach so viele Verkehrszeichen beschädigt/zerstört, dass die ständigen und verständlicherweise teure(re)n Ersetzungen die Durchschnittsaufwendungen in die Höhe schnellen lassen? Selbst wenn, erklärt das nicht, wieso die Her- und Aufstellung einer touristischen Unterrichtungstafel so kostspielig ist wie ... Ach, was reg' ich mich auf.