Sonntag, 18. Februar 2018

O Tannenschaum

Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit muss ich mich dem Thema "Lieder, die dieselbe Melodie wie andere Lieder haben" widmen.

Es geht um den State Song des US-Bundesstaates Maryland. Dieser hat es nämlich in sich. Er beginnt mit "The despot’s heel is on thy shore, Maryland! His torch is at thy temple door, Maryland!" (gemeint ist Abraham Lincoln) und endet mit "She is not dead, nor deaf, or dumb — Huzza! She spurns the Northern scum! She breathes! she burns! she'll come! she'll come! Maryland! My Maryland!" Insbesondere wegen der Passage mit dem "Abschaum aus dem Norden" soll "Maryland, My Maryland" noch dieses Jahr einen aktualisierten Text erhalten oder durch etwas ganz Neues ersetzt werden; darüber wird im Moment konstruktiv diskutiert. Eine längst überfällige Reform und gerade unter Trump und "nach Charlottesville" mehr als ein symbolischer Akt (n.b.: Noch bis zum Jahr 2000 wehte die Konföderiertenflagge über dem State House von South Carolina).

Was mich beim Lesen eines Artikels über diese Angelegenheit am meisten überraschte, war, dass die auf dem Prüfstand stehende Hymne nach der Melodie von "O Tannenbaum" gesungen wird! Und nicht nur diese, sondern auch die Hymnen von Florida, Iowa und Michigan sowie der Stadtsong von Albany und einiges mehr. Sicher, wir alle erinnern uns an die Simpsons-Folge "Das Schlangennest", wo ein Schulchor die Ode "O Whacking Day" zu ebenjener Melodie intoniert, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass damit u.a. traditionelles Liedgut der Pfadfinder parodiert wird.

Freitag, 16. Februar 2018

Kollektivschuld

Als ich den deutschen Trailer für "Mission: Impossible 6" sah, musste ich an einer Stelle stutzen.

Alec Baldwin: "Aber sein Team wäre tot."
Angela Bassett: "Ja, wären sie."

"Sein Team wären tot"? Kann man das sagen? Da stimmt doch was nicht!

Im Originaldialog heißt es "Yes, they would", wobei sich "they" auf "his team" bezieht, und das ist selbstverständlich korrekt. Sogenannte collective nouns wie group, staff, police und eben team sorgen im englischen Sprachraum für notorische Verwirrung. Benutzt man den Singular oder den Plural eines Verbs (ggf. nebst entsprechendem Pronomen), wenn ein Substantiv in der Einzahl eine Gruppe von mehreren Individuen/Items bezeichnet? Wie das "Oxford Dictionaries"-Blog 2011 festgehalten hat, gibt es (oder gab es zumindest anno 2011) dabei leichte Unterschiede zwischen British und American English. In den Staaten tendiert man wohl eher dazu, den Singular der finiten Verbform zu verwenden, was grammatisch am "konsequentesten" ist, während im Britischen Englisch "it’s absolutely fine to treat most collective nouns as either singular or plural". Einige wenige Wörter wie police verlangen laut dem verlinkten Blogeintrag ausschließlich den Plural, doch schon in der Zeit der Niederschrift schien diese Vorschrift im Aufweichen begriffen zu sein. Langer Rede kurzer Sinn: Das Wort team pluralisch zu interpretieren und zu behandeln, ist vollkommen legitim.

Das Übersetzungsteam haben hat das nun aufs Deutsche übertragen. Diese Inkongruenz liegt ehrlich gesagt außerhalb meiner persönlichen sprachlichen Komfortzone*, aber in Stein gemeißelt ist das Gesetz, wonach einem Nomen im Singular ein Verb im Singular zu folgen hat, keineswegs. Die Formulierungen "Die schätzungsweise große Anzahl von Menschen arbeiten in den Schattenbereichen des Berliner Arbeitsmarktes und gehören zu den schwächsten Gruppen" und "Ein Teil der Umsätze werden bereits jetzt mit internationalen Aufträgen erwirtschaftet" sind in offiziellen politischen Verlautbarungen getätigt worden, und kaum jemand stört sich daran außer Sprachkolumnistinnen wie Brigitte Grunert, die am Ende ihrer darauf Bezug nehmenden Tagesspiegel-Glosse vom 14.7.2007 jedoch einräumen muss, dass selbst der Duden anmerkt: "Oft wird aber nach dem Sinn konstruiert und das Verb in den Plural gesetzt."

Klarheit schafft eine Handreichung des Instituts für Germanistik der Uni Wien:
"a) Wenn das Subjekt im Singular steht und dennoch eine Mehrzahl bezeichnet, oder das Subjekt aus mehreren Teilen besteht kann es zu Konflikten bezüglich der Kongruenz im Numerus kommen.
Eine Reihe von Leuten hat (auch: haben) sich beschwert.
Ein Kilogramm Erbsen wurde (auch: wurden) gekocht.
Das Gelächter, die Heiterkeit klangen (auch: klang) aufgesetzt.
→ Die finite Verbform kann in diesen Fällen sowohl im Singular als auch im Plural stehen. Eine feste Regel gibt es nicht.
b) Wenn einem Mengenbegriff im Singular wie Anzahl, Gruppe, Hälfte, Hand voll, Haufen, Heer etc. das Gezählte im Plural folgt, dann steht das Verb überwiegend im Singular:
Eine Menge faule Äpfel lag unter dem Baum.
Es war wie immer eine Menge Leute da."

Auch bei Maß- und Mengenangaben sowie Brüchen und Prozentangaben im Plural ist es nicht unüblich, das Prädikat in den Singular zu setzen, und umgekehrt:
"Zwei Liter Bier reichen (auch: reicht) nicht aus, um mich betrunken zu machen.
Drei LKW Sand sind (auch: ist) genug für unsere Zwecke.
Hundert Gramm Zucker sind (auch: ist) zu schon zu viel.
[...]
Drei Fünftel Strom wird (auch: werden) atomar erzeugt.
50% Zucker wird (auch: werden) dem Produkt entzogen." (Beispiele von der Uni Wien)

Jedenfalls freue ich mich auf den neuen "Mission Impossible".

* Der Fairness halber muss man sagen, dass das beanstandete Zitat aus dem Filmtrailer kein einzelner Satz war, sondern es sich um zwei Sätze handelte und der zweite auf den ersten referierte. "Sein Team wären tot" hätten die Übersetzer/-innen vermutlich dann doch nicht ins Dialogbuch geschrieben.

Mittwoch, 14. Februar 2018

Der Jokus ist schlecht

Es folgt ein Nachtrag zur "Eliten"-Schelte der Bild am vergangenen Samstag. Was davon zu halten ist, hat das "BildBlog" bereits klargestellt; ich möchte mich allein auf den Witz konzentrieren, mit dem jener Meinungskasten aufmachte:


Ich finde den Vergleich unpassend. Meiner Erfahrung nach hat Joghurt eine verhältnismäßig lange Haltbarkeit entgegen dem, was man von einem Milcherzeugnis erwarten würde. Oft ist Joghurt noch Wochen nach dem angegebenen Datum genießbar, und Schimmel bildet sich viel später als bei manchem Obst, bei Brot, bei einigen Marmeladen oder bei Antipasti vom Markt, um einige Beispiele zu nennen, die mir spontan einfallen. 
Da wäre mehr drin gewesen, vielleicht irgendwas mit "links- und rechtsdrehenden Kulturen" oder mit "sauer" oder "Quark"?

Montag, 12. Februar 2018

Karneval-Stars, die es tatsächlich gibt (V)

  • Der Brautvater
  • Zwaa Batschkappe
  • Rumpeltruppe Cali
  • Die Bierhähne
  • Bauer Zitzele
  • Die Rasende Seniorin
  • Fräulein Baumann
  • Kuhl un de Gäng
  • Rotkäppchen Blech-Bänd
  • Betzi Boys 
  • Mike "der Bademeister" Haldorn
  • HüperBel
  • Faschingsgilde Timelkam
  • Tanzgruppe Kniebachschiffer
  • Orsinger Schnatterquintett
  • Ne Weinselige
  • Ne ärme Deuvel
  • De Noggeler
  • De Frau Kühne
  • Der Bruder von Trump
  • Kapelle Kamelle
  • Bass & Bässer

Donnerstag, 8. Februar 2018

Vom Pferd erzählt

Im aktuellen Focus schreibt Helmut Markwort in seinem "Tagebuch":
Überall ist zu lesen, dass das Bundeskriminalamt (BKA) quasi staatliche Trojaner in Handys schmuggelt, um Mitteilungen zu überwachen. In Wahrheit waren die Trojaner die Opfer, und die Griechen waren die Täuscher, die Betrüger. Es ist der größte Propagandaerfolg der listenreichen Griechen, dass die reingelegten, ausgerotteten Trojaner auch zum Symbol für Täuscher werden. Niemand wird je schreiben, das BKA setzt Griechen zur Überwachung ein.
Und warum wohl wird das niemand schreiben, auch der Focus nicht? Weil sonst kein Leser verstehen würde, worum es geht. Mensch, Markwort! "Trojaner" ist einfach eine Verkürzung von "Trojanisches Pferd", das nennt man Sprachökonomie. Die Griechen selbst haben mit dieser Entwicklung nichts zu tun; von "Propaganda" zu reden ist mithin Propaganda.

Dienstag, 6. Februar 2018

Videospieltipp: What Remains of Edith Finch

Ausnahmsweise habe ich mir dieses Erkundungsspiel nicht über Steam, sondern für die Xbox One heruntergeladen, und ich bin über die Maßen froh über diese Entscheidung! Nicht nur konnte ich das Spiel so auf dem großen Bildschirm in voller Pracht genießen (mit meinem angestaubten Laptop hätte ich sicher heftige Abstriche in Sachen Graphik machen müssen), auch gibt es regelmäßig immersionsverstärkendes Vibrationsfeedback über den Controller. 

Wie in "Gone Home" kehren wir in "Edith Finch" in die Stätte unserer Kindheit und frühen Jugend zurück und erforschen ein phantastisch verwinkeltes, mit allerlei Verstecken, Geheimgängen und liebevollen Details ausgestattetes Anwesen. Dabei kommen wir, als jüngster Abkömmling der Finch-Familie, dem Schicksal unserer zahlreichen, allesamt auf tragische Weise ums Leben gekommenen Geschwister und Vorfahren auf die Schliche. Diese Rückblicke erfolgen in Form außergewöhnlicher Minigames und gehören in Sachen Storytelling zum Cleversten, was ich in den letzten Jahren erleben durfte. 

Dem ubiquitären Lob (Metacritic-Wertung 88) schließe ich mich an. Präsentation, Steuerung, Spielzeit (angenehm kurz!) und Geschichte haben dafür gesorgt, dass ich mich noch lange daran erinnern werde. Wer morbide-melancholischen Adventures irgendetwas abgewinnen kann, muss "What Remains of Edith Finch" spielen!

(vom Fernseher abfotografiert, daher kommt die tatsächliche Qualität nicht zu 100% rüber)

Sonntag, 4. Februar 2018

Wochenbuch KW 5

Ich habe lange nichts über D. Trump geschrieben. Und warum auch? Man kann den Mann ja einfach ignorieren; in den Dritten Weltkrieg hat er unseren Planeten immerhin noch nicht geritten. Trotzdem sei hier für die Nachwelt kurz notiert, wie der Stand der Dinge ist. Im Februar 2017 war die allgemeine Stimmung ungefähr diese: Jaaaa, es ist schon sehr schlimm, aber warten wir's mal ab, in einem Jahr sieht's bestimmt ganz anders aus, es wird sich alles irgendwie normalisieren und einpegeln, denn kein Mensch schafft es, jeden einzelnen Tag für einen Aufreger zu sorgen! [Schnitt ins Hier und Jetzt] Tja, man hat's nicht für möglich gehalten, doch die Aufreger, Ausrutscher, Unverschämtheiten, Peinlichkeiten und Eklats kommen tatsächlich im Tagestakt – zumindest durchschnittlich: Wenn mal zwei Tage Ruhe geherrscht hat, gibt es dafür an einem Tag drei präsidiale Entgleisungen, wie neulich, als gleichzeitig 1) die "shithole countries", 2) die "Call of Duty"-Kampfjets und 3) die Absage des London-Besuchs wegen des "Peanuts"-Botschaftsgebäudes in den Medien waren. (Liebe Menschen der Zukunft: Wenn euch diese Stichworte nichts mehr sagen – seid froh!) Man stelle sich vor, während der Amtszeit irgendeines Trump-Vorgängers wäre ans Licht gekommen, dass 130.000 $ aus der Wahlkampfkasse als Schweigegeld an eine Pornodarstellerin gezahlt worden sind, von welcher sich der Präsident mit einer Ausgabe des Forbes-Magazins (mit IHM auf dem Cover) hat verhauen lassen. Es wäre der Skandal des Jahrzehnts gewesen, Rücktritt oder Impeachment die Folge. Aber im "new normal" anno 2018 stellt das gerade mal eine kuriose Begebenheit am Rande dar. Was für ein Wahnsinn.


Dämlich ist's, wenn man für ein Rezept eine winzige Menge einer Zutat benötigt, deren übliche Handelsgröße jedoch unpraktisch hoch ist. Ich brauchte letztens für ein Gericht exakt 10 Gramm Speisestärke und musste dafür eine 400-Gramm-Packung kaufen. Was mache ich nun mit den restlichen 385* Gramm? (* Ein bisschen habe ich verschüttet.)

Apropos Zutaten: Wie herrlich ist bitteschön das Wort "Kaiser-Natron"? Fast so herrlich wie die Wörter "Kaiserwetter" und "Kaisergemüse"!

Derzeitige Top 4 meiner Hass-Journalisten:
1. Don Alphonso
2. Julian Reichelt
3. Ulf Poschardt
4. Moritz von Uslar
(Warum nur vier? Ja, warum müssen es denn immer fünf sein?! Außerdem steckt in den vier infamen Schraten gut und gerne das Empörungspotenzial von zehn mittelschlimmen Journis.)

Hin und wieder stößt man in der Presse auf Erfreuliches:
Mir war gar nicht klar, dass Bingo auch in hiesigen Altenheimen eine große Nummer ist. Bisher kannte ich dieses Klischee nur aus amerikanischen Serien und Filmen.

Erfahrung der Woche: Altglas in einen frisch geleerten Container zu werfen! Die sind unten mit einer Art Filz gepolstert, so dass das Flaschen- und Gläserhineinschmeißen fast gar keine Geräusche verursacht.

Peinlich-Moment der Woche: Wir saßen im höher gelegenen, über etliche Stufen zu erreichenden Teil einer Gaststätte. Als die Kellnerin die Bestellung aufnahm, sagte ich: "Ich habe vergessen, was auf der Tafel mit den Tagesspezialitäten stand. Können Sie die bitte noch mal aufzählen?" Die nette Frau hatte sie allerdings nicht im Kopf und machte sich extra die Mühe, hinunterzulaufen, das Tagesangebot auf einem Zettel zu notieren und mir vorzulesen. Doch leider musste ich kleinlaut zugeben, dass mir keines der vier Gerichte zusagte. Auch meine Begleiter bestellten allesamt von der regulären Karte. Die Kellnerin nahm's mit Humor.

Enttäuschung der Woche: die Teesorte "Balance Zimt, Kardamom & Wacholder" von StickLembke. Das darin enthaltene Süßholz übertönt die schönen übrigen Bestandteile. Immer wieder hole ich mir versehentlich Tee mit Süßholz, weil ich mir nicht die Mühe mache, im Laden die Inhaltsangaben auf der Packung zu studieren, und immer wieder merke ich, dass ich Süßholz gar nicht mag.

Now playing: Nobuo Uematsu - Distant Worlds: Music from Final Fantasy (Album)

Freitag, 2. Februar 2018

Vokabel der Woche

Mit dem Zitat "Mich stören Bauchnabeldebatten" ist das Interview mit Niedersachsens Präsident Stephan Weil im aktuellen Spiegel überschrieben. "Mich stören nicht enden wollende Bauchnabeldebatten", geht der genaue Wortlaut, aber was genau Bauchnabeldebatten sind, wird nicht erklärt. Heutzutage sind Journalisten rasch dabei, mit "Wie bitte?" oder Repliken à la "Nicht enden wollende waaaaas?" zu kontern, wenn sie über einen unbekannten Ausdruck stolpern, aber die beiden Spiegel-Interviewer scheinen sich an der Formulierung des SPD-Mannes nicht zu stören, ja sie halten das Wort "Bauchnabeldebatte" sogar für so verbreitet bzw. aussagekräftig, dass sie es in die Überschrift packen.

Die Neologismen-Sammelseite "Die Wortwarte" hat das Kompositum am 25.8.2014 entdeckt: Cem Özdemir benutzte es in einem Tagesspiegel-Gespräch im Zusammenhang mit der Bekämpfung des IS (bzw. der IS, wie man damals interessanterweise noch sagte). Der ergooglebare Erstbeleg datiert allerdings auf den 30.8.2010, als Günther Nonnenmacher in der FAZ das mystische Wort in Bezug auf die Bundeswehrreform verwendete. Auch hier findet sich leider keine brauchbare Definition.

Apropos: Die "Lackschuh-Indianer" sind mir seit dem März 2017 nie wieder begegnet.

Mittwoch, 31. Januar 2018

Der perfekte Tweet


Dies ist für mich das prototypische Beispiel für die optimale Nutzung von Twitter als Witzerzeugungs-Tool. Ins klassische Witzformat übertragen, würde der Kurztext von @DanMentos weder geschrieben noch gesprochen so funktionieren wie auf dieser Plattform:

Ein Zauberer gewährte mir, mit einer beliebigen historischen Figur zu Abend zu essen. Ich entschied mich für Beethoven. Enttäuscht musste ich beim Dinner feststellen, dass ich die Hundeleckerli umsonst mitgebracht hatte.

Sofort merkt man zuungunsten des komischen Effekts, wie konstruiert diese Kurzgeschichte ist. Der erste Kniff des Twitterers besteht nun darin, den Ich-Erzähler zuerst etwas sagen zu lassen, und zwar lediglich eine Ellipse: "Irgendeine historische Figur?" Ohne Kontext wissen wir an dieser Stelle noch nicht, worauf sich die (Gegen-)Frage bezieht. Unsere Neugier ist geweckt. Erst die zweite und die dritte Zeile verschaffen Klarheit: Ein Zauberer sagt "So ist es", worauf die Regieanweisung "Später beim Dinner" den finalen Hinweis gibt und zugleich einen Szenenwechsel einläutet. In nur zehn(einhalb) Wörtern werden nicht nur zwei Protagonisten eingeführt, es wird auch etwas aufgebaut, das wir mithilfe unseres kulturellen Wissens bzw. unseres Erfahrungsschatzes als ziemlich komplexe Witzprämisse entschlüsseln: Ein Zauberer stellt einem sterblichen Menschen die abgedroschene Frage, mit welcher Person der Weltgeschichte er gerne einmal gemeinsam dinieren würde, als nicht-hypothetische, sondern als qua Magie realisierbare. In der vierten Zeile lernen wir den dritten Akteur kennen: Beethoven. Das war also die Antwort auf die (uns nur implizit bekannte) Frage nach der historischen Figur! "Sie wirken enttäuscht", fragt das herbeigezauberte Dinnerdate, und wir glauben natürlich, dass der Ich-Erzähler tatsächlich enttäuscht ist. Warum, lernen wir in der fünften und letzten Zeile: weil er sich nicht den Komponisten Beethoven gewünscht hat, sondern den Hund namens Beethoven aus dem Film "Ein Hund namens Beethoven". Diese Auflösung hätte uns abermals sehr direkt präsentiert werden können, etwa mit dem Satz "Ich hatte mir eigentlich den Hund aus diesem Film gewünscht ..." Stattdessen wird mit der beschreibenden Phrase "versteckt Hundeleckerli" das ganze Ausmaß der Verwechslung deutlich; der Ich-Erzähler hat zu der Verabredung mit dem vermeintlichen Hollywood-Köter sogar Belohnungs-Naschereien mitgebracht. Dass die Pointe nicht das Allerletzte ist, das wir lesen, sehe ich als zusätzlichen Pluspunkt. Dank des lakonischen "Schon okay" lachen wir nicht nur über die negative Erfahrung der kindlich-naiven Hauptfigur und deren Versuch, die offensichtliche Enttäuschung zu verbergen, wir fühlen auch mit ihr mit – aber nicht so stark, wie wenn der letzte Satz "yes, I am" oder ähnlich lauten würde. Außerdem macht das "It's fine" die Zeilen 4 und 5 erst zu einem richtigen Dialog und den gesamten Tweet zu einem Dramolett, das schlicht genial zu nennen ist. Was ich hiermit hoffentlich bewiesen habe.

Montag, 29. Januar 2018

Mehr Mühe beim Müllmailen, bitte!

Es spamt wieder gewaltig in meinem web.de-Postfach. Einige Betreffzeilen der letzten Wochen:

"Trete [sic!] dem Bit coin code bei"
"Gewinnen Sie das Mittagessen für ein Jahr" (Absender: "Burger King")
"knacke das Ei knacke"
"Gutschei"
"Re: Bauchfett"
"Eine Affaire hat noch nie geschadet"
"HOLEN SIE SICH DIE WIMPERN, DIE SIE VERDIENEN"
"Wie klingt 7k fur Sie?"
"Begleiten Sie unsere glueckliche Haendlerfamilie"

Wirklich originelle Betrugsversuche bleiben derzeit aus. Fast schon enttäuscht bin ich, dass noch nie versucht worden ist, den wohl unverschämtesten Scam aller Zeiten bei mir durchzuziehen. Der geht so: Ein vermeintlicher Auftragskiller schickt dir eine Email, in der er behauptet, er hätte die Anweisung, dich umzubringen. Gegen Zahlung einer horrenden Summe deinerseits könne der Auftrag jedoch stillschweigend storniert werden. Diese Masche ist nun auch schon über zehn Jahre alt. Weiterentwickelt wurde sie nicht, soweit ich weiß.

Samstag, 27. Januar 2018

Ich habe starke Meinungen zum Thema Wäschewaschen

Hier sind sie.

- Man sollte immer die Textilpflegesymbole beachten und vor allem die empfohlene Waschtemperatur einhalten.
- 90°-Waschgänge sind kein Relikt aus der Schwarzweiß-Ära, sondern im Fall von Handtüchern das einzig Sinnvolle. Da muss man sich eben mal drei Stunden am Wochenende freihalten.
- Ja zum Weichspüler.
- Seit einiger Zeit erfreut sich Wäscheparfüm großer Beliebtheit, auch bei mir. Man sollte dabei zu Markenprodukten greifen, denn die billigen Parfümperlen lösen sich schlecht bis gar nicht auf.
- Flüssigvollwaschmittel ist Mist, denn es riecht nicht gut (zumindest jene zwei Sorten, die ich bisher getestet habe). Pulver ist vorzuziehen.
- Insgesamt gilt: Je mehr Zeug man in die Maschine gibt, umso besser. Waschpulver, Weichspüler, Wäscheparfüm und (hin und wieder) Anti-Kalk-Tabs – das bedeutet vierfache Wohltat!
- Wer die Möglichkeit zur Trocknung an der frischen Luft hat, sollte sie gelegentlich nutzen.
- Socken müssen immer als zusammengehöriges Paar nebeneinander aufgehängt werden!
- Bettwäsche alle zwei Wochen wechseln reicht.

Donnerstag, 25. Januar 2018

Zwei Audiohappen

"3000 Jahre Humor" ("Ernst", Berlin, 24.01.2018)

"Was wird aus Borcherts Grab?" ("Ernst", Berlin, 24.01.2018)

Montag, 22. Januar 2018

Gleichklängchen, klingelingeling

"Einige bekannte Volks- und Kinderlieder verwenden die gleiche Melodie, was man vielleicht erst dann bemerkt, wenn man deswegen im Text verrutscht", schrieb die Süddeutsche Zeitung in ihrer Wochenendausgabe vom 5. Januar im Rahmen der Auflösung des alljährlichen Weihnachtsrätsels. Gleich "drei solcher Zwillingspaare" waren darin gesucht worden. Nun ist mir zwar, wie kürzlich festgehalten, schon früher aufgefallen, dass die Metren von "Alle Vögel sind schon da" und "Morgen kommt der Weihnachtsmann" ähnlich genug sind, dass man den Text des einen Liedes zur Melodie des jeweils anderen singen kann; neu waren mir aber die Informationen der SZ, dass
1. das Wort "Jäger" in "... sonst wird dich der Jäger holen" ("Fuchs, du hast die Gans gestohlen") und die Phrase "bist du" in "Armes Häschen, bist du krank" ("Häschen in der Grube") auf den exakt gleichen Noten liegen,
2. "Die Blümelein, sie schlafen" melodisch nahezu identisch mit dem mir leider unbekannten Weihnachtslied "Zu Bethlehem geboren" ist,
3. die folgenden kursiv gesetzten Stellen aus zwei berühmten Kinderweisen denselben Notenwert innehaben: "Die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt" -- "Die Mutter schüttelt's Bäumelein, da fällt herab ein Träumelein". Faszinierend!

Anlässlich dieses Fundes habe ich endlich meinem lang gehegten Verdacht nachgespürt, dass eine gewisse Passage in der amerikanischen Nationalhymne verdächtig dem Anfang eines englischen Traditionals ähnelt, und siehe:


Mir schwant, dass ich nicht der erste sein kann, dem dies aufgefallen ist. Aber vielleicht ja doch. Manchmal braucht es einfach ein paar Jährchen, bis jemand auf das Offensichtliche stößt:


Sonntag, 21. Januar 2018

Kurz notiert: Slalom

Dass sich die Redaktion meines Stamm-Tageskalenders auf dem Gebiet der Wortherkunft noch nie mit Ruhm bekleckert hat, ist bekannt. Dennoch wird die Rubrik "Wörter unter der Lupe" munter und selbstbewusst fortgeführt, und ich muss mich dann über solche Sachen ärgern: "Im Unterschied zu den Disziplinen Skilanglauf und Skispringen ist der Slalom nicht in Skandinavien, sondern in Österreich erfunden worden. Das Wort setzt sich zusammen aus 'sla' und 'lam', was 'steiler Abhang' und 'Skispur' bedeutet."
Der erste Satz suggeriert, dass das Wort wie die Sache eben nicht skandinavischen Ursprungs ist, doch aus welcher Sprache Slalom entlehnt ist, erfahren wir keineswegs ("Österreichisch"?). Wie man jedoch kinderleicht herausfinden kann, entstammt das Wort sehr wohl einer skandinavischen Sprache, nämlich dem Norwegischen. Die Bedeutungsangaben der Elemente scheinen sogar einigermaßen zu stimmen (wobei der zweite Bestandteil korrekt låm lautet).