Sonntag, 26. Februar 2017

Pfennigfuchser auf Reisen

Ich bin gestern viereinhalb Stunden mit dem ICE in der 1. Klasse gefahren und habe dafür dank Bonuspunkte-Upgrade und BahnCard-25-Rabatt nur 21,75 € bezahlt. Dabei ging mir folgende Kalkulation durch den Kopf: Jemand, der gerne mehrere Tageszeitungen liest, legt die Strecke im Grunde kostenlos zurück! Für 1.-Klasse-Reisende liegen nämlich gratis aus: die Süddeutsche (3,40 € am Samstag), die Welt (2,70 € am Samstag) die Bild (0,80 €) und das Handelsblatt (3,40 €). Damit sind wir bei 10,30 Euro, die ein Pressefan womöglich ohnehin ausgegeben hätte. Aber das war's ja noch nicht! Jeder Gast bekam vom Zugbegleiter eine 10-Gramm-Tüte "Haribo Goldbären" und einen "Keks'n Cream Choco" (NEU!) von Leibniz geschenkt. Die Gummibärchen kann man mit 6 Cent veranschlagen, der Doppelkeks kostet circa 15 Cent. Man hätte übrigens auch mehrfach zugreifen können. Die Hälfte des Fahrpreises ist nun schon allein mit Lese- und sonstigem Futter abgedeckt. Weitere fünf Euro sind abzuziehen, weil das Ticket mit der "City"-Option zur Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs im Start- und Zielort berechtigt (bei durchschnittlich 2,50 € für eine Einzelfahrt in einer deutschen Großstadt). So, und die restlichen sechs Euro vertrinkt man halt, öffnet einem das 1.-Klasse-Billett doch die Pforte zur zaubrischen "DB-Lounge", wo man sich an Kaffee und Kaltgetränken gütlich tun kann. Dass es seit einer Weile freies Wlan im ICE gibt, habe ich noch nicht mal berücksichtigt.

Sonntag, 19. Februar 2017

Das müssen wir noch rüben

In einem früheren Blogeintrag hatte ich notiert, dass mir insgesamt drei verschiedene Sorten Zuckerrübensirup bekannt seien: "Grafschafter Goldsaft", "Naschkätzchen" und "Über-Rübe". Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass mir in meinem Leben noch ein vierter begegnen würde. Doch genau dies geschah am gestrigen Tage.


Da es sich um ein ökologisch produziertes Lebensmittel handelt, musste ich etwas tiefer in die Tasche greifen als für seine Konkurrenz, doch seien wir ehrlich, ich würde vermutlich sogar 20 Euro hinlegen, um einen neuen Vertreter des herrlichen Brotaufstrichs Zuckerrübensirup verköstigen zu dürfen. Nun ja, der Preis für das 320-Gramm-Glas liegt immer noch weit unter 3,- Euro. Trotzdem habe ich mich beim heutigen Frühstück geärgert: Weder an "Naschkätzchen" noch an "Über-Rübe", geschweige denn an "Grafschafter Goldsaft" kommt das Produkt der Biozentrale heran. Die Konsistenz geht zwar in Ordnung, aber geschmacklich sticht eine deutliche Blutnote hervor. Das ist leider nix für mich. Immerhin der Serviervorschlag ist originell: Man soll den Sirup in ein Heferl gießen und eine unverarbeitete Zuckerrübe daneben legen.

Freitag, 17. Februar 2017

Wissensvorsprung für Deutschsprechende

Seit der Titel des nächsten Star-Wars-Films – "Episode VIII: The Last Jedi" – bekannt gegeben wurde, rätselten Fans auf der ganzen Welt, ob es darin um einen oder mehrere Jediritter gehen würde, kann the Jedi doch sowohl "der Jedi" als auch "die Jedi" bedeuten. Nun ist es amtlich: Es geht um mehr als einen, denn der deutsche Titel heißt "Die letzten Jedi". Ein bemerkenswerter Vorgang, denn nur dank der Tatsache, dass andere Sprachen verschiedene Artikel für Einzahl und Mehrzahl haben, musste Lucasfilm das große Geheimnis vorzeitig lüften. Hihi! Mal sehen, welche heiteren Vorab-Spekulationen Episode IX aufwerfen wird. Erinnern wir uns an die Verkündung des Titels "The Force Awakens": Man befürchtete fast, dass dieser bei uns albern reimend "Die Macht erwacht" lauten könnte!

Meine erste Interpretation war übrigens die singularische, doch fragte ich mich sogleich, ob die drei mysteriösen Wörter dann eher mit "Die letzte Jedi" zu übersetzen seien, denn für mich war ganz klar Rey, die junge Heldin aus Episode VII, gemeint. Aber offenbar sind Jedi generisch maskulin. Gibt es eigentlich den Forschungszweig der Feministischen Fiktionallinguistik?

Sonntag, 12. Februar 2017

Freitag, 10. Februar 2017

Gestern auf dem Wochenmarkt

Am Stand mit den Antipasti & Co.
Ein Mann beäugt und betatscht sehr kritisch die ausgelegten Knoblauchzwiebeln. 
"Was ist das für Knoblauch?", fragt er. 
Die Händlerin: "Getrockneter."
Der Mann: "Wo ist der her?" 
Händlerin: "Frankreich." 
Mann: "Was kostet einer?" 
Händlerin: "1 Euro 30." 
Mann, nach weiterer gründlicher Begutachtung der Ware: "Der kommt aus dem Ausland, nicht?" 
Händlerin: "Ja." 
Mann: "Aber nicht aus China!" 
Händlerin: "Nein." 
Mann (ab)

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Hinweis in eigener Sache: Nicht auf dem Wochenmarkt, aber auf dem Buchmarkt gibt es seit heute "Akte D - Die Wahrheit über Deutschland". Geschrieben haben es der österreichische Autor / Cartoonist / Fotograf / Radrennfahrer / Biologe / Landschaftsarchitekt Sebastian Klug und ich.

Donnerstag, 9. Februar 2017

Wie mich der Brexit einmal in die Vergangenheit und durch Europa reisen ließ

Als ich heute das Video von den schottischen Abgeordneten sah, die im Britischen Unterhaus die Europahymne pfeifen, erinnerte ich mich an ein Projekt, in das ich aus irgendwelchen ominösen Gründen als Schüler der 4. Klasse involviert war: Im Rahmen eines EU-Awareness-Abends mit Kulturprogramm war unsere Klasse dazu auserkoren, die Eurovisionshymne zu singen. Jawohl, singen! Es gab einen Text zu der sonst nur als Melodie bekannten Melodie, und ich bin mir ziemlich sicher, er begann mit den Worten "Wir reisen durch Europa, von Hamburg bis nach Amsterdam ..." Googelt man diese Zeile, erhält man allerdings nur sechs Treffer. Einer davon ist ein Artikel von "Allgäu Online" aus dem Jahr 2000, in dem es ebenfalls um ein Europaprojekt an einer Grundschule geht; ein anderer die seit sieben Jahren unbeantwortete Frage auf "Yahoo! Clever": "Ich hab vor kurzem nochmal die Eurovision gehört und dabei viel mir text ein den wir in der Schule zu diesem Lied hatten ... kann mir jemand weiterhelfen? Textansatz: Wir reisen durch europa von hamburg bis nach amsterdam ..."

Eingebildet kann ich mir meine kindliche Gesangsperformance also nicht haben. Doch warum gibt es so wenige Zeugnisse von dieser Aktion? Klar, es war die Prä-Internet-Ära, aber immerhin fand die Veranstaltung nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, sondern in einer vollbesetzten Kirche! Warum eigentlich in einer Kirche? Und was waren die anderen Programmpunkte? Meine Grundschulzeit ist übrigens nicht erst, seit ich erwachsen bin, ein einziger Nebel aus verschwommenen Flashbacks – schon seinerzeit hätte ich in einer sagen wir Heimatkundestunde nie sagen können, was wir in der Stunde davor behandelt hatten. Habe ich je Hausaufgaben gemacht? Für eine Arbeit gebüffelt? Wie habe ich Rechnen gelernt? Ich war mit den Gedanken permanent woanders. Und plötzlich stehe ich auf einer Bühne und trällere Völkerverbindungsverse der mittleren Kohl-Jahre. (Sogar ein kleines Solo hatte ich: Dazu musste ich den Namen einer europäischen Stadt deklamieren.) Dann beginnt auch schon die elende Gymnasialzeit und mit ihr der berüchtigte "Ernst des Lebens".

Mittwoch, 8. Februar 2017

Traumprotokoll: Filmkonsum

Ich hatte im Bett noch einen Podcast über wissenschaftliche Berater bei Filmproduktionen gehört, in dem unter anderem der Dinosaurierforscher zu Wort kam, der an der "Jurassic Park"-Reihe mitgearbeitet hat. Kurz vor dem Einschlafen dachte ich bei mir: 'Ich könnte eigentlich mal wieder den dritten Teil gucken, den habe ich bisher nur einmal gesehen.' Im Schlaf, also im Traum, beschloss ich, mit dem Gucken schon mal anzufangen. In der Eröffnungssequenz tobte ein langhalsiger Dino menschenverschlingend durch und um einen städtischen See, welcher mich an das Gewässer vor dem Capitol in Washington, D.C. erinnerte. 'Augenblick mal', dachte mein Traum-Ich wütend, 'diese Szene kam doch ursprünglich überhaupt nicht vor! Ich werde den Film wohl besser anschauen, wenn ich bei vollem Bewusstsein bin.'

Dienstag, 7. Februar 2017

Eine Li-La-Laune der Natur

Ich liebe den Fakt, dass die Firma Milka zu Reklamewecken tatsächlich eine echte Kuh einfach hat anmalen lassen. Wie viele Versuche wohl dafür nötig waren, bevor es den Beteiligten buchstäblich zu bunt wurde? Man kann sich lebhaft vorstellen, wie ein halbes Dutzend violett beschmierter Simmentaler mit Betäubungspfeilen im Rumpf verstört über die Alm hoppelte, bis der Regisseur schließlich brüllte: "Jetzt holt's mir halt vier kräftige Burschen daher, und dann halten die dem Rindsviech die Haxn fest, bis die Farbe trocken is!" Gesagt, getan.
Wenig später klopfte es an der Tür des Mostbacher-Seppls: "Du, Sepp, 's tut mir leid, es geht um deinen Sohn, den Franz. Der hot da mitgeholfen bei so an Werbefuim, und dabei is eine Kuh plötzlich ganz narrisch worden und hat dem Franzl den Huf an d'n Schädel g'haun, und jetzt schaut der so deppert drein und kann nimmer reden ..." Als Entschädigung erhält die Familie Mostbacher bis heute jeden Monat eine kostenlose Europalette Luflée. Die Original-Milka-Kuh starb indessen wenig später an einer Schwermetallvergiftung. Seitdem werden die tierischen Werbeträger mit Videobearbeitungs-Software eingefärbt.

Sonntag, 5. Februar 2017

Spaß mit Synonymen


Slogan dieses ganz sicher herausragend anspruchsvollen Films: "Payback... the best form of revenge."
Auf dem Plakat für den deutschen Markt läse ich gern die Unterzeile "Rache ... die beste Form der Rache".

Donnerstag, 2. Februar 2017

Bekanntmachung

Liebe Leserinnen und Leser,

auch in diesem Monat werdet ihr an dieser Stelle kein einziges Wort über Fernbusse lesen. 

Danke für eure Aufmerksamkeit.
Euer Torsten

Mittwoch, 1. Februar 2017

Webcomics revisited

Es ist wie ein Fluch: Fast immer, wenn ich einen Webcomic empfehle, stellt dieser kurze Zeit später seine Updates ein. Zeit zu fragen: Was kann ich mir denn überhaupt noch ankucken für meine tägliche Dosis Comicspaß?

Endgültig beendet sind oder scheinen zu sein:

Completely Serious Comics
1111 Comics
Thoughtshake Comics
Doghouse Diaries
Gunshow
Abstruse Goose
Maneggs
Last Place Comics
Space Avalanche
Three Word Phrase
For Lack of a Better Comic

Mögen die Links all jene zum Archive-bingen einladen, die diese Serien nicht kennen.


Nur noch sporadisch neue Inhalte gibt es bei:

Amazing Super Powers
Safely Endangered
Two Guys and Guy
The Earth Explodes
Left-Handes Toons
Anyone for Rhubard? (wo es allerdings Anfang des Jahres ein kurzes Aufbäumen in Form der Reihe "Unimportant Moments in History" gab)
Moonbeard (Just heute erschien ein neuer Strip, juchhu!)

Von den Seiten, die ich vor sechseinhalb Jahren hier verlinkt habe, sind mittlerweile gänzlich verschwunden: White Ninja Comics (was SEHR traurig ist; wenigstens ein Buch, das ich einst kaufte, hält die Erinnerung wach), Plastic Brick Automaton (wir ganz Alten kennen es noch als "Lego Robot"), Truck Bearing Kibble.


Zuverlässig frischen Stoff liefern:
Poorly Drawn Lines (Montag, Mittwoch, Freitag)
Optipess (mindestens 1x pro Woche)
xkcd (Montag, Mittwoch, Freitag)
Cyanide & Happiness (täglich)
SMBC (täglich)
The Gentleman's Armchair ("wheneverly")
Extra Fabulous Comics (durchschnittlich 1x pro Woche, seit einiger Zeit übrigens mit "stylistic suck")
Owlturd Comix (mehrmals pro Woche)
Loading Artist (durchschnittlich 1x pro Woche)
Toothpaste for Dinner (täglich)
Invisible Bread ("every Tuesday and Thursday and sometimes Wednesday")
Channelate (mindestens 1x pro Woche)
Buttersafe (Dienstag & Donnerstag)
Chainsawsuit (mehrmals pro Woche)
Mr. Lovenstein (mehrmals pro Woche)

Wer mir weitere Empfehlungen empfehlen mag, möge sie mir via Kommentarfunktion empfehlen!

Sonntag, 29. Januar 2017

This is nuts


Ein weiterer deliziöser Brotaufstrich ist anzuzeigen: der Studentenfutter-Aufstrich von Eisblümerl. Er ist u.a. bei Tegut zu finden und kostet im 250-Gramm-Glas stolze 5,49 €. Es handelt sich um ein sehr "mächtiges", sättigendes und nahrhaftes Produkt, das obendrein vegan und glutenfrei ist. Drin sind Mandeln, Walnüsse, Haselnüsse, Cashewkerne sowie Kokosmark und 39% Sultaninen (was leider einige verschrecken dürfte). Ich fühlte mich kurz an rohen Pfefferkuchenteig erinnert, war aber nach dem Verspeisen froh, dass es nicht ganz so süß war, ja, man kann sogar von einer gewissen Herzhaft-Note sprechen; allerdings ist meine Toleranzgrenze für Süße(s) eh sehr hoch – im Netz finden sich auch divergierende Meinungen. Leute, die so etwas gerne direkt aus dem Glas löffeln, dürften ebenfalls auf ihre Kosten kommen. Ich gebe diesem Erzeugnis 5 von 5 Sternen.


Freitag, 27. Januar 2017

Der Winter unseres Missvergnügens

Neues Hobby: Ich frage Leute, die ungefähr in meinem Alter sind, ob die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten wohl das Schlimmste sei, was unsere Generation bisher miterleben musste. Eine Facebook-Freundin meinte zwar nein, Rainer Brüderles Dirndl-Flirtversuche seien noch traumatischer gewesen, aber der Tenor lautet: Ja, doch, das ist durchaus ein Wendepunkt von singulärer Schrecknis. Trump sei immerhin "unterhaltsam", hört man hier und da, ein schwerlich ernstzunehmender Clown, und die Frisur und die Tweets und die orangefarbene Haut und die Söhne und die Frau undundund, haha, ja, well, ich kann angesichts der Ungeheuerlichkeiten allein in der ersten Woche seiner Amtszeit überhaupt nicht mehr lachen. Meine primäre Reaktion beim Anschauen von Latenight-Shows ist denn auch verzweifeltes Jaulen statt befreites Kichern.

"Pfff, welche Auswirkungen hat der Machtwechsel denn auf dich privilegierten mitteleuropäischen Tunichtgut?", mag man mir jetzt zurufen. Wohl wahr: Unmittelbar geändert hat sich für mich und circa 99% der Deutschen seit dem 20. Januar erst mal nichts. Doch sollte uns das zu einer allseitig indifferenten Haltung verleiten? Ich finde: Sollte es nicht und darf es nicht. Tut es ja auch nicht, wie man zum Beispiel an den Protesten in Berlin gesehen hat. Mein Respekt gilt allen, die sich im Gegensatz zu mir zu derlei aufraffen können!

Man fühlt sich so hilflos – obwohl man mit seiner Meinung nicht alleine dasteht: "Wie bereits vor der Wahl in den USA erhält Trump wenig Zustimmung der Deutschen. Zwei Prozent finden es sehr gut und neun Prozent gut, dass er zum Staatsoberhaupt der USA gewählt wurde. 37 Prozent halten seine Wahl für schlecht und 45 Prozent für sehr schlecht.
Für die repräsentative Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen befragten die Meinungsforscher am 9. November 1017 Wahlberechtigte." (Tagesspiegel) Und ja: Indem ich schreibe "mit seiner Meinung", gebe ich mich natürlich als Opfer der vieldiskutierten Filterblase zu erkennen. In meinem Umfeld gibt es in der Tat niemanden, also absolut null Personen, die Donald Trump irgendetwas abgewinnen können. Wo aber sind die elf Prozent der Deutschen, die derzeit angeblich triumphieren? (Aside: Triumphieren die wirklich? Worauf genau freuen sie sich? Was erwarten sie und die Supporter in Amerika, die es ja Trumps miesem approval rating, dem Nichtgewinn des popular vote und der Überschaubarkeit des Inaugurationspublikums zum Trotz in nicht geringer Zahl gibt? Glauben die an eine sofortige Verbesserung ihrer Lebensumstände, bloß weil da plötzlich jemand an der Spitze steht, der ihre Ressentiments bestätigt und Sündenböcke unterdrückt anstatt das Grundübel, welches für das, sei's imaginierte, sei's tatsächliche "Abgehängtsein" ursächlich ist, zu benennen? Fühlt sich die kleine Frau, der kleine Mann im Ernst von einem weltfremden, selbstverliebten Multimilliardär angemessen vertreten?)

Wo waren wir? Ah ja, die filter bubble. Ein Synonym dafür habe ich in einem Artikel auf Overthinking It gelernt: "echo chamber". In diesem "Hallraum" – wo inzwischen die meisten von uns leben – werden nur die eigenen (vorgefertigten) Ansichten wiederholt und verstärkt, die eigene Ideologie wird zur einzig richtigen erhoben. Dann greift man sich einen möglichst irren Strohmann aus einem fremden Hallraum (= entgegengesetzte Ideologie) heraus und führt diesen zum Ziele der weiteren Selbstbestätigung unreflektiert und gnadenlos vor. Der Autor des verlinkten Textes nennt das Resultat den "Look At This Asshole" Effect: Die eigene Sichtweise muss die korrekte sein, weil die Gegenseite ganz offensichtlich aus komplett Wahnsinnigen besteht. Beispiel: Fundamentale Christen sagen "Haha, Atheisten glauben, dass unsere Urgroßeltern Affen waren!", während Atheisten sagen "Haha, Christen glauben an einen riesigen, bärtigen Mann, der in den Wolken wohnt!" Eine einzige extreme Position (die in der Regel niemand ernsthaft teilt) wird zum Kerninhalt der gegnerischen Weltanschauung erhoben. "Even when a particularly extreme member of the out-group’s views are represented accurately, that person and their view tends to be treated not as a fringe view but as the common, normative, elementary view of the majority of the group." Der typische "Die Ökos wollen uns das Fleisch verbieten!!1!11"-Reflex.

Wie überwindet man diese Unannäherbarkeit (ausgedachtes Wort)? Wie gräbt man einen Tunnel zwischen zwei Filterblasen bzw. echo chambers? Richard Rosenbaum, der Verfasser des Overthinking-It-Beitrags, bleibt die Antwort schuldig, und als er von einem Kommentator darauf angesprochen wird, erwidert er: "Oh, there is no solution. This is just the way things are now. We’re way past that point of no return." Es wäre lustig, wenn's nicht so traurig wäre. Das ist also der Status quo. Jeder vegetiert in seiner Blase vor sich hin und hat die Wahrheit für sich gepachtet. Nun aber ein Denkanstoß von einem links-grün-versifften Denkanstoßer (mir): Existieren womöglich Meinungen, die ganz objektiv und neutral betrachtet, vong Naturrecht her, ein Quentchen besser, schöner, richtiger sind als andere? Liegt derjenige, der "Die Mexikaner sind unser Unglück!" brüllt, vielleicht einen Tacken mehr daneben als einer, der einwendet "Das verfassungsmäßige Recht auf Streben nach Glück sollte für alle gelten"? Noch etwas: Darf man vom "Look At This Asshole" Effect sprechen, wenn der Strohmann gar kein Strohmann ist? Donald Trump ist ja eben kein beliebiger Außenseiter mit exzentrischen Spezialagenden – er ist die Spitze eines wahrhaft tödlichen Eisbergs und der verdammte mächtigste Mann des Planeten! Wenn sich ein Dämon der Unvernunft nebst faschistoidem (yes, I went there!) Kabinett gegen den Großteil der aufgeklärten Zivilisation stellt, darf es kein "Hören wir ihm doch mal zu!" mehr geben. Dann wird, um eine Binse zu bemühen, Widerstand zur Pflicht. Doch wie?

Dirk Jörke und Nils Heisterhagen fragen in der FAZ zunächst mal, wie ES überhaupt passieren konnte. "Die These der 'Dialektik der Moralisierung' wird so begründet: Die Linken und Liberalen hätten sich zu sehr auf eine postmoderne Identitätspolitik versteift und in deren Folge sei die Trump-Wahl als Resultat eines Kulturkampfes zu sehen. Gegen die postmoderne Identitätspolitik sei eine Identitätspolitik von rechts entstanden [...]" Bzw.: "Der Moralismus sei zu viel gewesen und habe eine Antithese erzeugt". Doch diese These erscheint den Autoren verkürzt: "Doch diese These erscheint uns verkürzt, wenn man die Rolle eines im Hintergrund schwelenden Klassenkampfes negiert. [...] Unsere These lautet also: Wegen der Vernachlässigung der sozialen Frage und dem [sic] Anbiedern an den Neoliberalismus im Zuge des Strebens nach einer 'Neuen Mitte' und einem 'postideologischen Zeitalter' hat sich die politische Linke sprachlich wie inhaltlich von ihren Stammwählerschaften entfremdet." Und das wage ich zu bezweifeln. Mangels Wissen und Lebensjahren kann ich es zwar nicht belegen, aber ich glaube kaum, dass heutige AfD-Fans vor zehn, zwanzig, vierzig Jahren links gewählt haben oder hätten. Allenfalls in punkto Gewerkschaften hätte es da Übereinstimmungen gegeben. Ist ja auch egal, denn der Ruhrpott ist nicht der Rust Belt. Davon abgesehen kann es nicht schaden, auf den, wie es so schön heißt, "einfachen Arbeiter" zuzugehen. Allerdings nicht indem man populistische Zugeständnisse à la Wagenknecht macht. Vielmehr müsste es jemandem gelingen, die breite Masse für Menschlichkeit und anti-rechte Werte zu begeistern.

"Es gibt keine demokratische Zivilgesellschaft – es sei denn, wir schaffen sie". So leitet ein anderer kluger Kopf (einer der klügsten), Georg Seeßlen, seinen Taz-Artikel "Was kann uns noch retten?" ein. Er fordert eine demokratische Zivilgesellschaft als "Projekt für ein neues politisches und kulturelles Subjekt", nämlich "als Widerstand gegen die drohende Machtübernahme durch eine neue/alte völkische, antidemokratische Rechte und als radikale Erneuerung des demokratischen Projekts selbst [...]. Sie ist demokratisch nicht als Verteidigung der Restdemokratie, sondern als Projekt des demokratischen Neubeginns; sie ist zivil nicht nur im Sinne einer Entmilitarisierung der Politik und des politischen Jargons, sondern auch im Sinne einer Zivilisierung der Diskurse; sie ist Gesellschaft nicht nur im Sinne einer Alternative der offenen und sich entwickelnden Gesellschaft gegen die geschlossene ideologische, nationalistische, ökonomische und auch religiöse Gemeinschaft, sondern auch im Sinne einer Sozialisierung des Lebens als Suche nach neuen Formen von Solidarisierung und Verantwortung." Das liest sich flott und leuchtet ein, allein: Wer vermag dies auszulösen? Wer betätigt den Zünder? Wer nimmt "uns" an die Hand, wer mobilisiert uns? So sehr mir das Führerprinzip widerstrebt und ich jeglichem Personenkult abhold bin, so sehr wünschte ich mir dann doch eine Art Leitfigur: einen linken Anti-Trump, der dem Hass etwas entgegensetzt. Keinen blasiert-abgehobenen Heiko Maas, keine relativierend-frömmelnde Göring-Eckardt, keinen verkniffen-steifen Trittin. Ich würd's ja machen, aber mir fehlt es an Charisma und Know-how.

Wer bis hierher durchgehalten hat: Herzlichen Glückwunsch! Das waren ein paar lose Gedanken, die ich unbedingt aufschreiben wollte. Zu ungeordnet? Zu wirr? Habe ich das Wort "Naturrecht" falsch gebraucht? Schreibt's in die Comments! ;) ;) ;)

Donnerstag, 26. Januar 2017

Brüder, zu der Sonne, zu der Freiheit

Dinge, die mir nachts um drei durch'n Brägen schwirren.

Es gibt im Deutschen bekanntermaßen die Möglichkeit, Präpositionen und bestimmte Artikel zusammenzuflanschen: zu derzur, in dasins, für dasfürs usw. Aber was heißt hier "Möglichkeit"? Ist die verkürzte Form in einigen Fällen nicht die ausschließlich zu verwendende? Handelt es sich also um viel mehr als um eine Zusammenstauchung aus Bequemlichkeit?

Der Satz "Im Tschad scheint heute die Sonne" lässt sich nämlich keineswegs durch "In dem Tschad scheint heute die Sonne" ersetzen. Warum nicht? Andersherum: Wenn es für die Wortfolge in der die Kurzform *inr gäbe, wäre dann der Satz "In der Schweiz, da schneit's" falsch? Genauso ist in gewissen Phrasen und feststehenden Wendungen wie "ins Kino gehen", "zur Armee gehen", "jemandem aufs Dach steigen" oder "beim Häuten der Zwiebel" die Kurform die einzig mögliche. 

Zu dem Glück, Quatsch: Zum Glück hat sich die Germanistik bereits mit dieser Angelegenheit beschäftigt. Vor allem Damaris Nübling ist hier zu nennen, deren Aufsatz "Von in die über in'n und ins bis im. Die Klitisierung von Präposition und Artikel als 'Grammatikalisierungsbaustelle'" viel Licht ins Dunkel bringt*. Das herrschende Durcheinander begründet sich damit, dass hier ein noch nicht abgeschlossener Prozess, eben eine – "in ihrer Diskontinuität seit Jahrhunderten stagnierende" – "Grammatikalisierungsbaustelle", vorliegt: "Manche Bereiche sind schon fertiggestellt, andere anscheinend nicht einmal konzipiert." Man muss dabei zähneknirschend feststellen, dass wir es mit einem "nur teilweise regelgesteuerten Phänomen" zu tun haben, bei welchem "die Form nicht widerstandslos der Funktion folgt".

Formen wie vorm, durchs etc. gehören zu den sog. Klitika (Grimm nennt sie "präpositionelle Anlehnung", bei Braune/Eggers ist von "Zusammenziehungen" die Rede), wobei der besagte Aufsatz zwischen "einfachen und speziellen Klitika" unterscheidet. Nur die speziellen Klitika sind es, die "nicht mehr mit ihrer Vollform austauschbar" sind. "Entweder führt der Austausch zu ungrammatischen Ausdrücken" (dazu zählt mein obiges Beispiel *in dem Tschad), "oder es ergibt sich eine andere Interpretation" ("in das Kino" gehen wird an der Stelle von "ins Kino gehen" gebraucht, wenn ein bestimmtes Kino gemeint ist, auf das sich auch irgendwo anaphorisch bezogen wird, z.B. "Sie gehen in das Kino, in dem das Popcorn immer versalzen ist."). Bei einfachen Klitika hingegen "lässt sich das Klitikon noch mit seiner Vollform austauschen" ("Ich bin gegens / gegen das Gesetz.").

Zu den Bereichen, in denen nach Nübing Klitisierung obligatorisch ist (wunderschönes Wort: "Verschmelzungszwang"), gehören neben den schon erwähnten Eigennamen und Phraseologismen/Idiomen/Funktionsverbgefügen beispielsweise Zeitpunkte (am Montag, am 4. April), Substantivierungen (er geht zum Schwimmen), Abstrakta und Stoffbezeichnungen (zur Belohnung, im Urlaub) sowie Substantive mit nachgestelltem Genitiv (er kommt vom Geburtstag seiner Schwester) [alle Beispiele a.a.O.]. Extravagant ist die Klitisierung bei einem Sonderfall dessen, was je nach Autor/-in als "generische" oder "spezifische Verwendung" heißt: "Bei die Ausbildung zum Regisseur / zur Journalistin wäre bei Auflösung sogar nur der Indefinitartikel [= unbestimmte Artikel] möglich (zu einem / *dem Regisseur / zu einer / *der Journalistin)."

Die Untersuchung von Textkorpora lässt Rückschlüsse auf die Akzeptanz der Verschmelzungsformen zu. Die Vollformen hinter das und an das etwa dominieren deutlich gegenüber den Kurzformen hinters und ans. (NB: Zugrunde liegt geschriebene Sprache, v.a. Zeitungsartikel.) Nübling: "Auch das Sprachgefühl vermittelt den Sprechern, dass Formen wie fürs oder vorm zwar in gesprochener Sprache durchaus vorkommen, aber nicht den gleichen Status haben wie im oder zur." Meine Prognose: In 100 Jahren wird dieser Statusunterschied aufgehoben sein.

* In: Leuschner, Torsten / Mortelmans, Tanja / De Groodt, Sarah (Hgg.) (2005): Grammatikalisierung im Deutschen. Berlin / New York: de Gruyter. Der Beitrag ist als kostenloser Volltext über den Katalog der Universitätsbibliothek Frankfurt zu bekommen.