Mittwoch, 21. November 2018

Aus der Mitte entspringt ein Land

Nachdem ich bereits vor einer Weile im Rahmen der Ausführungen zu dem kuriosen Streit um die Insel Hans den Begriff des Kondominiums eingeführt habe, möchte ich heute ein solches vorstellen, und zwar eines, das sich mitten in Europa befindet. Es handelt sich nicht um Andorra; das Kofürstentum Andorra war zwar nach allgemeiner Auffassung bis 1993 ein solches, seit der Verfassungsänderung gilt es aber lediglich als souveräner Staat mit zwei (fremdländischen!) Staatsoberhäuptern, nämlich dem Bischoff von Urgell (Spanien) und dem Präsidenten Frankreichs (in Nachfolge des Grafen von Foix).

Die Rede ist vom gemeinschaftlichen deutsch-luxemburgischen Hoheitsgebiet. Dieses umfasst im Wesentlichen die ca. 128 km lange Gewässergrenze zwischen Deutschland und Luxemburg, welche aus der Our, der Sauer und der Mosel besteht, wobei erstere in zweitere und zweitere in drittere mündet. Das heißt in der Theorie: Fahre ich beispielsweise auf der Höhe Perl (Saarland) mit einem Floß über die (bis zu >100 Meter breite) Mosel, befinde ich mich, wenn ich vom deutschen Ufer losgefahren bin, solange in Deutschland, bis ich das luxemburgische Ufer erreicht habe, und umgekehrt. Die Grenze dieses Gebiets ist dabei nicht einfach "das Ufer", sondern streng definiert als "Schnittlinie der Wasseroberfläche mit der Landoberfläche, die sich bei Mittelwasserstand frei fließend, in Staubereichen durch den hydrodynamischen Stauspiegel bildet".

Die Zone, über welche die beiden Nachbarländer gemeinsam herrschen, beinhaltet auch explizit den Luftraum oberhalb des Flusssystems sowie den Untergrund (Wortlaut im Vertrag von 1984: "die Luftsäule oberhalb sowie den Erdsockel unterhalb der Wasserfläche innerhalb seiner seitlichen Begrenzung"). Sie besteht übrigens – und jetzt wird's spannend – nicht nur aus den Grenzflüssen selbst: Von den 700,92 Hektar fallen 2,58 auf zwei kleine namenlose Inseln in der Sauer und in der Mosel; auf der Nordhälfte der Moselinsel liegt sogar ein halber Hektar Wald. Und dann gibt es natürlich noch Brücken, nicht weniger als 29, davon eine Eisenbahnbrücke und 21 für Kraftfahrzeuge. Die letzte, für Fußgänger und Radfahrer, wurde erst kürzlich bei Ralingen-Wintersdorf errichtet. Bau-, Sanierungs- und Unterhaltskosten für alle Brückenabschnitte, die im Kondominium liegen, stemmen die Bundesrepublik und das Großherzogtum zu je 50 Prozent. "Die Moselschleusen Grevenmacher und Stadtbredimus sind explizit vom Kondominium ausgenommen." (Wikipedia)

Eine weitere Besonderheit ist, dass das gesamte deutsch-luxemburgische Territorium ein gemeindefreies Gebiet darstellt. Was es mit dieser verwaltungsrechtlichen Sonderform auf sich hat, erkläre ich in einem separaten Beitrag.

Montag, 19. November 2018

Just dough it

Über die Berliner Bar, die rohen Keksteig (minus die Eier) als quasi Speiseeis-Alternative feilbietet, wurde bereits genug geschrieben, weswegen ich mich im Folgenden einigermaßen kurz fasse. Keksteig naschen ohne das lästige Backprozedere davor, das klingt erst mal nach dem ultimativen Kindheitstraum. Und natürlich wollte ich mir diesen Traum erfüllen, seit ich zum ersten Mal von jenem "Café" (es ist ein wirklich sehr kleines Geschäft mit gerade mal vier Sitzplätzen am Rand) las. Letztes Wochenende habe ich ihn mir nun erfüllt.

Aus den acht verschienden Sorten wählte ich "Caramel Overload" und "Brownie Peanut Crunch". Letztere war sogar vegan, was man an der fehlenden Butterigkeit durchaus schmeckte. Auf Toppings verzichtete ich, obwohl diese zum Teil auch sehr verlockend klangen (Streuselteigstückchen, Butterscotch-Soße). Das war weise. Noch weiser wäre es gewesen, sich auf eine einzige "Kugel" zu beschränken. Denn my-oh-my, hat man das Zeug schnell über! Nach dem Leeren meines Becherchens war ich jedenfalls nicht nur pappsatt, ich fühlte mich regelrecht mies und einfach nur voll. Unlecker sind die gut löffelbaren Massen keineswegs, aber das Gesamterlebnis tritt weit hinter der liebgewonnenen Erfahrung des Schüsselauskratzens zurück. "Das ist halt so eine Idee, die man spontan für genial hält, und dann setzt man es einfach um und es stellt sich heraus, dass es gar nicht sooo geil ist", fasste einer meiner Begleiter diese vermeintlich revolutionäre Süßspeisen-Innovation zusammen. Der Besucherflow scheint trotzdem konstant hoch zu bleiben. Man muss es eben einmal erlebt haben, werden sich die meisten sagen; dass sie wegen der Ernüchterung bzw. der sich einstellenden Selbsthassanfälle kein zweites Mal kommen, tut dem Erfolg keinen Abbruch. In einer Stadt wie Berlin hält genug auswärtige Laufkundschaft den Laden am Brummen. Zumal es zusätzlich eine Filiale in Stuttgart gibt und der Keksteig neuerdings auch für Zuhause erworben werden kann, sogar in ausgewählten Supermarktketten – wohlgemerkt nicht fertig, sondern als Mischung zum Selberanrühren ("Margarine oder Butter mit etwas Wasser oder Milch zur Cookie-Mischung geben und im Handumdrehen ist das cremig-köstliche Teigvergnügen fertig!"). Das werde ich aber nicht auch noch testen. Da kann man doch gleich richtig backen!

Mittwoch, 14. November 2018

Kurz verlinkt: Schuss-Wortwahl

Das BildBlog nimmt sich des Themas "deutschsprachige Berichterstattung bei schusswaffenbasierten Verbrechen in Amerika" an und kritisiert dabei vor allem die Übersetzung von shooting mit "Schießerei", die fast immer ungenau und meistens voreilig ist. Anlass ist der Massenmord von Thousand Oaks. Solange die Situation unklar ist, mag es sich anbieten, lediglich von "Schüssen" zu sprechen, da hier sowohl offen ist, wie viele Menschen geschossen haben als auch, ob jemand getroffen worden ist.
Mein Fazit: Solange wir nicht das englische Wort shooting samt seinem Bedeutungsspektrum entlehnen, bleibt die Situation kompliziert.

(Dies ist ein Update zu "Den Schuss nicht gehört".)

Dienstag, 13. November 2018

Wie seed das denn aus?!


Wenn ich so etwas im Regal eines Supermarktes (in diesem Fall: Tegut) stehen sehe, kann ich einfach nicht vorbeilaufen, ohne es mitzunehmen! Und 1,95 € zahle ich natürlich gern für ein Getränk, in dem etwas schwimmt, das aussieht wie Chiasamen. Es handelt sich allerdings um Basilikumsamen, basil seeds, und die werden auf einschlägigen Blogs bereits als "die neuen Chiasamen" gehandelt. Supergesund sollen sie sein und ein ähnliches Quellvermögen wie jene aufweisen, weshalb sie nicht nur ähnlich ausschauen, sondern auch vom Mundgefühl her nicht von Chia zu unterscheiden sind. 

Abgesehen von Basilikum, der in seiner Samenform übrigens nicht im Geringsten wie Basilikum schmeckt, steckt in dieser 290-ml-Flasche: Honig (steht ja auch drauf: "Honey Drink"), Zucker, Wasser, Gellangummi (E418; "gilt als völlig harmlos", lebensmittel-warenkunde.de), Zitronen- und Ascorbinsäure. Der unter der Marke "American Drinks" vertriebene Drink ist süß. Sehr süß. So honig-zuckrig, dass er frappant an ostasiatische Dosengetränke erinnert. So verwundert es denn auch kaum, dass dieser "Saft", den es übrigens noch in der Variante "Ananas" gab, in Vietnam hergestellt wird. Ordentlich gekühlt lässt er sich gut wegschlürfen. Leider kann ich unterm Strich nur 6/10 Punkten vergeben. Einen Punkt muss ich abziehen, weil die Flasche mit einem eigenartigen Kronkorkenmechanismus gesichert ist, von welchem mir beim Versuch, sie zu öffnen, die Lasche abriss und -- ach, es war eine Schinderei sondergleichen!


Dienstag, 6. November 2018

YFood – Why?

Einmal mehr begab es sich, dass in einem Supermarkt etwas rumstand, das ich noch nicht kannte und das darum sofort von mir gekauft werden musste.


"This is Food" aus dem Hause YFood (München) behauptet von sich nicht nur, Nahrung (wörtlich: eine "ausgewogene Trinkmahlzeit") zu sein, sondern preist sich gar als "Ernährung der neuen Generation" an. Erhältlich war es bei Rewe in 500-ml-Flaschen zu je 2,69 € und in den Sorten "Alpine Chocolate", "Fresh Berry" und "Smooth Vanilla". Ich entschied mich für letztere. Der Geschmack ist tatsächlich vanillern, die Konsistenz liegt irgendwo zwischen Milch und Shake. Ein ganz leicht pulverig-sandiges Mundgefühl stellt sich ein, alles schreit geradezu "Vollwert-Fitness-Protein-Drink". Insgesamt aber durchaus genießbar. 
Nun die entscheidende Frage: Ersetzt der Flüssigmisch tatsächlich ein vollwertiges Essen? Laut Verpackungsaufdruck deckt der Inhalt 25% des Tagesbedarfs an Energie, 31% an Fett, 67% an Eiweiß. In absoluter Zahl sind es exakt 500 Kilokalorien, die man sich in den Korpus schüttet. Man sollte mithin für ein paar Stunden gut gesättigt sein, right? Weit gefehlt! Offensichtlich sind 500 kCal für mich entschieden zu wenig, denn bereits um 15 Uhr – zwei Stunden nach Einnahme des Getränks – hatte ich schon wieder Hunger und musste mir im hervorragenden, nahe meinem Arbeitsplatz gelegenen Laden "Wurst - Backwaren - Milch" ("WuBaMi") ein Schälchen Nudelsalat holen.
Ungesund ist "This is Food" keineswegs. Neben allerlei Vitaminen enthält das (glutenfreie) Produkt eine ordentliche Schippe an Mineralien, darunter sogar Selen, Mangan und Molybdän! Die die Basis bildende Milch (Fettgehalt 1,5%) ist laktosefrei, zudem wird auf Zuckerzusatz verzichtet. Als Süßungsmittel kommen Acesulfam-K und Sucralose zum Einsatz, wobei die Mengenangaben fehlen – leider: Denn während Zweiteres einhellig als unbedenklich gilt, möchte ich von Ersterem ungern mehr als 15 mg konsumieren (Blogleser/innen wissen mehr).
Fazit: Als eine Art "mächtigeres" Dessert taugt dieser Trunk allemal. Eine der drei Hauptmahlzeiten des Tages damit zu ersetzen, kann ich mir allerdings beim besten Willen nicht vorstellen. Ich vergebe 5/10 Punkten.
Übrigens lädt das deutsche Start-up auf seiner Homepage "Influencer" dazu ein, es "zu unterstützen", also vermutlich, sich für ein paar Gratisflaschen YFood-verherrlichend auf Instagram zu inszenieren. Igitt.

Sonntag, 4. November 2018

2x13 obskure Kreuzworträtsel-Lösungen

  • Geburtsvorgang beim Schaf: Lammen
  • Eckbronzen an alten Möbeln: Chute
  • Orgelregister: Jeu
  • gotisches Türmchen: Fiale
  • warmer Saharawind: Leste
  • Löcher in einer Eisdecke: Waken
  • livländischer Kümmellikör: Allasch
  • altes Rundholzmaß: Palm
  • Getreideschober: Seim
  • Paket aus Geldrollen: Grupp
  • Zielgerät: Diopter
  • Schiffsfracht: Fret
  • Dachform: Shed
  • europ. Affenart: Magot
  • osteurop. Gewicht (400 g): Funt
  • Giftpflanze: Germer
  • Stufe des alpinen Trias: Nor
  • eine Edelsteinfassung: Pave
  • heißer Saharawind: Harmattan
  • kleinasiat. Gebetsteppich: Melas
  • staatl. Dienstflagge (Auto): Stander
  • alte Kreidestufe (geolog.): Gault
  • sandalenartiger Schuh: Opanke
  • Abart des Quarzes: Mocha
  • Kirchenlesepult: Ambo
  • Feingehaltsstempel für Gold: Repunze

Freitag, 2. November 2018

RoSS-Post

Eine Premiere in meinem Spamordner: die erste Mail aus dem Südsudan (amtlich: Republic of South Sudan [RoSS])!


Nun gut, wie man unschwer erkennen kann, wurde die Nachricht von einer portugiesischen Adresse versendet. Trotzdem freue ich mich, mal was anderes als Werbung für Gartenschläuche und Antischnarchmittel vorzufinden.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Der letzte Schrei

Zum heutigen Halloween-Tag soll es nicht, auch wenn's passend wäre, um Scream-Queen Jamie Lee Curtis gehen, sondern um Scream-Princes(ses), i.e. Kinder (für die der beliebte westliche "Feiertag" ja auch da ist). Ich möchte keineswegs den Pfad eines Altherrenkolumnisten einschlagen, aber ab und an muss ein kritisches Wort bezüglich unseres Nachwuchses erlaubt sein. Sollten those goddamn kids heute Abend an meiner Tür schellen, werde ich ihnen nicht eher Süßigkeiten in den Eimer werfen, bevor sie mir diese Frage beantworten: Warum schreit ihr immer so??? Nein, Quatsch, selbstverständlich werde ich den Blagen gar nicht erst öffnen. Trotzdem wüsste ich gern, was mit denen los ist. Mein Arbeitsplatz befindet sich direkt neben einer Grundschule, die sich selbst als "Schule aller Kinder" bezeichnet, weswegen ich davon ausgehe, dass die dort aufbewahrten Schüler/innen exemplarisch für ihre Alterskohorte sind – und damit auch deren liebste Beschäftigung: Brüllen wie am Spieß. In jeder Hofpause hört man sie gellen, und damit meine ich nicht, dass sie sich besonders hochamplitudig unterhalten würden, nein, sie geben einfach nur unartikulierte Laute von sich. Sie quieken, kreischen, plärren, und ich habe weder eine Ahnung, was sie währenddessen treiben (ich kann ja nicht wie ein Creep über die Schulmauer lugen), noch wie ihre zierlichen Lungen und Zwerchfelle derartige akustische Meisterleistungen zu vollbringen in der Lage sind. Andererseits: Soll man sie daran hindern, sich ein paar Mal am Tag für wenige Minuten richtig auszuleben, sich abzureagieren? Den armen Rackern wird in ihrem Leben gewiss noch oft genug der Mund verboten werden.

Montag, 29. Oktober 2018

Was ich mir verkniffen habe

Ich war gestern als Wahlhelfer im Einsatz, und jedes Mal, wenn eine Wählerin oder ein Wähler aus der Kreuznacher Straße im Wahllokal aufschlug, hätte ich am liebsten gesagt: "Ah, kein Wunder, dass Sie vorbeikommen, schließlich wohnen Sie in der Kreuzmacherstraße!" Da ich meinem Ehrenamt den nötigen Respekt entgegenbringen wollte, habe ich allerdings darauf verzichtet und reiche den Witz an dieser Stelle nach. Gut, gell?

Samstag, 27. Oktober 2018

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Black Butterfly: Der Mörder in mir
Relativ neuer, bis dahin an mir vorbeigegangener Psychothriller, in dem Antonio Banderas das Klischee des zurückgezogenen Schriftstellers verkörpert, der es in seiner abgelegenen Hütte mit aufdringlichen und zunehmend bedrohlichen Fremden zu tun bekommt. Man ahnt sehr schnell, dass alles auf einen bösen Twist hinausläuft. Der kommt dann auch, und manch einer wird dabei leichte Unglaubwürdigkeit monieren. Wer aber beispielsweise "Das geheime Fenster" oder "Killing Season" mochte, wird die anderthalb Stunden nicht als absolute Zeitverschwendung bewerten.

The King's Speech
Diesen Oscar-Liebling habe ich in der deutschen Synchronisation nachgeholt, welche eingedenk dessen, dass hier das Thema (Aus-)Sprache im Mittelpunkt steht, sagenhaft gut gelungen ist. Darüber hinaus habe ich mich nicht nur am lebendigen und ergreifenden Spiel erfreut, sondern auch einiges über die delikaten Umstände der Krönung Königs Georg VI. und der Abdankung seines Bruders gelernt.

Jurassic World: Das gefallene Königreich
Konnte man dem ersten Teil des Reboots noch ein gewisses Potenzial zur Nostalgiebefriedigung zugestehen, sehe ich bei der Fortsetzung überhaupt keine Existenzberechtigung. Ja, es sieht alles makellos aus, und Chris Pratt und Bryce Dallas Howard sind nach wie vor gut gecastete Sympathieträger, aber als Nebenfiguren dienen lachhafte Karikaturen (ängstlicher Nerd, sassy Jungwissenschaftlerin, gewitzte Göre, schleimiger Erbschleicher), und der neue Super-Hybrid-Dino kann dem ollen T-Rex einfach nicht das Wasser reichen. Zudem ist der Kniff, die Monsterhatz mit allerlei dramaturgischem Aufwand und inszenatorischem Budenzauber aufs Festland zu verlegen, recht sinnlos, da sich die Action im letzten Drittel auf ein abgestecktes Areal (Anwesen im Wald plus Umgebung) konzentriert, womit die Bedrohung für die gesamte Welt – die ja auch ausweislich der Post-Credits-Szene das zentrale Sujet sein soll – kaum rüberkommt. Die Erforschungs- und Evakuierungssequenzen auf Isla Nubla sind somit das Spannendste an dem 3D-Kracher, und trotzdem zahnloser als weite Strecken von "Jurassic Park" 1 & 2. Und wie überflüssig und krampfig war bitte der Gnaden-Auftritt von Jeff Goldblum?

The Bye Bye Man
An diesen deutlich sich am Slenderman-Hype abarbeitenden Horrorstreifen kann ich mich kaum noch erinnern. Besonders miserabel war er, glaube ich, aber nicht.

Die Jagd (OT: Jagten)
Beklemmendes dänisches Drama um einen einer Ungeheuerlichkeit verdächtigen Erzieher (Mads Mikkelsen), das päzise und schonungslos die Mechanismen von kleineren bis mittelgroßen Menschengruppen aufzeigt; vermutlich sogar eine Lehrstunde in der Soziologie des Dorfes (nicht zu verwechseln mit dem "Soziologischen Dorf", wovon ich aber auch nix verstehe).

Die drei Tage des Condor
Warum dieser "Klassiker" als solcher gilt, mag sich mir nicht erschließen, vermutlich weil ich zu spät geboren bin. "Der Film", weiß Wikipedia, "verstieß gegen übliche Genre-Konventionen und dekonstruierte den klassischen Thriller, in dem Staatsdiener gegen negative Gesetzesbrecher kämpfen. Hier wurden staatliche Autoritäten infrage gestellt, sodass dieser Film dem 'New Hollywood' zuzurechnen ist." Im Jahr 2018 hat man derlei natürlich schon zigfach gesehen – und wurde jene fiktionale Paranoia bzw. paranoide Fiktion nicht eh längst von der Realität eingeholt, NSA-Skandalen & Co. sei dank? Befremdlich auch das Filmplakat: In dessen Mitte prangt als still der Kuss zwischen Robert Redford und Faye Dunaway, dabei ist dieser Liebesplot sowohl völlig nebensächlich als auch extrem unmotiviert und aufgesetzt. Naja, andere Zeiten ...

München
Reichlich unterschätzt hingegen ist Steven Spielbergs rendition des Olympia-Terrors von 1972 und der Reaktion darauf. Man sollte sich allerdings Zeit dafür nehmen, ein wenig mit den Hintergründen vertraut sein und sein Augenmerk auch auf Aspekte wie Soundmischung und Kameraführung lenken, um dieses Werk von 2005 voll goûtieren zu können.

A Quiet Place
Seit einigen Jahren werden Horrorfans geradezu verwöhnt. Sicher, ich habe in diesem Blog schon jede Menge Schrott aus diesem Genre rezensiert, aber auf fünf "Jigsaws" kommt heutzutage ein "The Ritual", und "A Quiet Place" hat das Zeug zum modernen Klassiker. Es ist schön zu sehen, wie John Krasinskis Karriere nach dem Ende von "The Office" Fahrt aufgenommen hat; möge er noch weitere tolle und viel geachtete Regieleistungen erbringen! Hier mimen er und seine Real-Life-Frau Emily Blunt ein Ehepaar, das seine Kinder in einer postapokalyptischen Welt vor menschenfressenden Monstern schützen muss, die ausschließlich auf Schall reagieren. Konsequenterweise handelt es sich um einen sehr stillen, fast dialogfreien Schocker. Was für eine Idee! Für 2020 ist ein Sequel angekündigt.

Gladiator
Noch ein Beispiel von "Muss man wohl mal gesehen haben". Kurzfazit: Selbst für die Generation "Game of Thrones" noch sehenswert, und Hans Zimmers zeitlos stimmiger Score erzeugt Gänsehaut.

#Zeitgeist (OT: Men, Women & Children)
Komischer deutscher Titel, der allerdings insoweit zutrifft, als dieses episodische Drama sehr mode- und zeitgebunden ist. Bereits vier Jahre nach Release zeigen sich die ersten Alterungserscheinungen. Außerdem stört mich, dass es der gute Jason Reitman zu sehr auf Belehrung einerseits und Versöhnlichkeit andererseits anlegt. Abermals ist die Synchronfassung zu loben: Alle Texte, die auf Displays erscheinen oder über die Szenerie laufen, wurden 1:1 durch die jeweilige Übersetzung ausgetauscht, so dass es wirkt, man schaue auf deutsches Rohmaterial. Professionell!

Dienstag, 23. Oktober 2018

Wie süß ist das denn?! (Teil 7)

Heute soll es nun endlich um Zusatzstoffe gehen, die nicht zugelassen sind, sei es weltweit, in der EU oder in Deutschland. Eine Auswahl.

1. Mabinlin
Vier Proteine mit den Namen Mabinlin I (oder Mabinlin-1) bis IV (-4) stecken in den Samen der chinesischen Pflanze Capparis masaikai, weswegen diese Samen seit jeher von Einheimischen in der Provinz Yunnan verwendet werden, auch in der traditionellen Medizin. Die Süße soll nach dem Kauen langanhaltend sein, die Süßkraft liegt im Vergleich zu Saccharose beim Faktor 10 (I) bis 375 (II). Nachteile sind eine stopfende Wirkung und ein bitterer Nachgeschmack. Die Hitzebeständigkeit schwankt je nach Protein (II ist am stabilsten). Seit seiner Entdeckung Anfang der 1980er Jahre ist keines der Mabinline je kommerziell hergestellt und vertrieben worden.

2. Miraculin
Dieses Glycoprotein ist kein Geschmacksstoff per se, sondern ein Geschmackswandler oder -veränderer, der eigentlich saure Lösungen auf der Zunge süß wirken lässt. Genau dieser Effekt gab dem Miraculin und den Früchten, in welchen es vorkommt (Wunderbeere), seinen bzw. ihren Namen. Miraculin könnte als Zuckeralternative in Softdrinks dienen und vor allem für Diabetes-Patienten ein Segen sein. Zwei Probleme verhindern jedoch im Moment noch eine massenweise Produktion. Erstens löst sich Miraculin in Säure mit der Zeit auf. Man kann es Cola & Co. also nicht einfach zusetzen. Zudem hält der "Umwandlungszauber" einige Stunden an – man müsste sich nach jedem Zitronenlimogenuss den Mundraum mit einer speziellen Lösung ausspülen. Zweitens ist die Herstellung sehr teuer. Dazu Wikipedia: "Versuche, Miraculin auf gentechnischer Basis herzustellen, könnten der Herstellung eines neuen zuckerfreien Süßungsmittels dienen. Japanische Wissenschaftler waren beispielsweise erfolgreich mit der Erzeugung genveränderter Pflanzen wie dem Gartensalat, die Miraculin produzieren. Auch Ansätze zur Produktion mittels gentechnisch veränderter Bakterien (Escherichia coli) wurden bereits beschrieben."

3. Nitroaniline
... sind giftige, schwer wasserlösliche Verbindungen, von denen für uns nur 3-Nitroanilin (auch m-Nitroanilin) interessant ist. Dessen Derivat 1-Propoxy-2-amino-4-nitrobenzol war eine Zeitlang als Süßstoff im Einsatz und trug wegen seiner hohen Süßkraft von 4100 den coolen Namen Ultrasüß P-4000 (nicht zu verwechseln mit dem Ultrasüß aus Teil 5; dabei handelte es sich um ein Anilinderivat). Es hat aber "aus toxikologischen Gründen keine Bedeutung mehr" (Wikipedia).

4. Osladin
Dieser Stoff kommt im Rhizom der auch als "Engelsüß" bekannten Spezies Gewöhnlicher Tüpfelfarn vor. Nach dem tschechischen Wort für den Tüpfelfarn (osladič < osladit "süßen") ist dieses Glycosid denn auch benannt. Man kennt diesen Farn in den USA auch als licorice fern und nutzt ihn laut S. Maries und J.R. Piggotts Handbook of Sweeteners (Springer) bereits seit langer Zeit im pazifischen Nordwesten. Der markante Lakritz-Beigeschmack, die Schwerlöslichkeit in Wasser sowie die generelle Toxizität von Saponinen (= Glycoside von Steroiden) führen dazu, dass Osladin "not at all commercially viable as sweeteners" ist (Marie/Piggott). Der anfänglich mit 5000 angegebene Wert seiner Süßkraft wurde in den 1990ern auf 500 herunterkorrigiert.

5. Phyllodulcin
Außerhalb Japans "nicht in Gebrauch" (Wikipedia) ist diese Substanz aus den Blättern einer japanischen Varietät der Gartenhortensie, die Amacha ("süßer Tee") geheißen wird. Der Süßkraftfaktor schwankt je nach Quelle zwischen 200-300, 400 und 600-800 im Vergleich zu normalem Zucker. Bereits 1916 synthetisiert, ist dieses Derivat schlecht wasserlöslich und beschränkt stabil. Es entfaltet seine Süße nur zögerlich, der Nachgeschmack bleibt zu lange. In Bezug auf Gefährlichkeit für den Menschen scheint es (noch) keine Einstufung zu geben.