Samstag, 23. Januar 2021

What is "a real mensch"?

Am 8. November letzten Jahres starb Alex Trebek, seit 1984 der Moderator von "Jeopardy!", an den Folgen von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Dass wenige Tage zuvor Sean Connery das Zeitliche gesegnet hatte, entbehrte nicht einer gewissen Ironie, die freilich nicht nur mir aufgefallen ist: In den wiederkehrenden "Celebrity Jeopardy"-Sketchen von "Saturday Night Live" war Connery, in der Parodie von Darrell Hammond, die ewige Nemesis Trebeks (Will Ferrell).

Abgesehen von diesen Comedy-Spoofs hatte ich nie einen besonderen Bezug zu der weltbekannten Rateshow, welche – die Älteren erinnern sich – eine Zeitlang auch in Deutschland lief. Erst im Januar 2020 hatte ich zum ersten Mal reingeschaut, als nämlich das mehrtägige Spezial "Greatest of All Time" ausgestrahlt wurde, in dem die drei erfolgreichsten Kandidaten der "Jeopardy!"-Geschichte gegeneinander antraten. Das war äußerst unterhaltsam, rasant und lehrreich, und insbesondere der zu diesem Zeitpunkt bereits 79-jährige Alex Trebek als Spielleiter nahm mich mit seiner ruhigen, professionellen und warmherzigen Art für sich ein. Ich bereue es zutiefst, dass ich nach dem "GOAT"-Special nicht zum regelmäßigen Zuschauer wurde. Es gab halt so viel anderes zu konsumieren!

Als der Tod der TV-Legende verkündet wurde, war ich traurig und nahm mir vor, alle folgenden noch nicht gesendeten Folgen von "Jeopardy!" anzusehen. Derer gab es glücklicherweise 35 Stück, denn die Sendung wird mit einigem Vorlauf blockweise aufgezeichnet, und Trebek war noch bis zum 29. Oktober in der Lage gewesen, seinen Moderationspflichten (sein Vertrag lief bis 2022) nachzukommen. Am 8. Januar 2021 lief sein allerletzter Auftritt – mit überragenden Einschaltquoten – im Fernsehen. Ich habe es bis zur vergangenen Woche aufgeschoben, mir diese Episode anzuschauen. Sie war wunderbar unspektakulär und nur insofern (für mich) außergewöhnlich, als es das einzige dieser letzten 35 Male war, dass ein Kandidat von "Final Jeopardy" ausgeschlossen wurde, weil er am Ende der zweiten Runde im Minus stand. Die Antwort auf die letzte Frage bzw. die Frage zur letzten Antwort war "What is 'isotope'?"; ich hätt's gewusst! (Wenn ich kurz angeben darf: Es ist schon mehr als einmal vorgekommen, dass ich etwas wusste, worauf keine/r der Teilnehmenden gekommen ist.)

Jedenfalls wurde diese gleichzeitig harmlose und spannende Sendung über die letzten drei Monate zu einem lieben Part meiner Morgenroutine, umso mehr, als ich direkt nach dem eindeutigen Wahlgewinn Joe Bidens beschlossen hatte, dass es Zeit für eine Latenight-Show-Pause sei: Was sollten mir Colbert und Meyers noch groß über die so fruchtlosen wie kindischen Aktionen eines scheidenden und so schnell wie möglich einzusperrenden Versager-Präsidenten erzählen? Vergeudete Minuten!

Ich werde auch in Zukunft in unregelmäßigen Abständen bei Ken Jennings vorbeigucken. Der hat nämlich bis auf weiteres die Rolle eines "guest host" übernommen und macht das recht versiert und charmant. Jennings sorgte 2004 für Furore (und ein regelrechtes "Jeopardy!"-Fieber) gesorgt, als er in 74 Partien die Rekordsumme von insgesamt 2.522.700 US-$ erspielte; auch das oben erwähnte "GOAT"-Tournament konnte er für sich entscheiden. Dass mit dem Gamemaster die Qualität einer Quizshow steht und fällt, ist klar. Es gibt bei "Jeopardy!" aber neben der horizonterweiternden Auswahl der Wissensgebiete immer wieder kleine Überraschungen, die für mich den Reiz ausmachen, beispielsweise Außenaufnahmen, in denen Korrespondent(inn)en der Show on location interessante Fragen stellen: in der Weihnachtszeit etwa aus einer Lebkuchenbäckerei in Nürnberg (wovon in der lokalen Presse nichts zu lesen war!).

Apropos Rekorde: Nicht nur hat die Show sage und schreibe 39 Emmys gewonnen, auch wurde ihr inzwischen 92-jähriger Ansager Johnny Gilbert 2017 als Dienstältester in diesem Job ins Guinness-Buch aufgenommen. "Thank you, Johnny!" (Zitat) Und: Thank you, Alex!

Donnerstag, 21. Januar 2021

Sie ist wieder da

Heute konnte ich eine mehr als dreieinhalb Jahre schmerzhaft klaffende Leere in meinem Leben schließen. Puh, das klingt dramatischer, als es ist. Was ich meine, ist allzu banal, muss aber mit einer kurzen Rückblende erklärt werden. Wie ich hier dokumentiert habe, fing die versteinerte Koralle, die ich als Schmuckelement auf meiner Badewanne liegen hatte, 2017 an, sich an mehreren Stellen schwarz zu verfärben. Diese "Krankheit", die ich mir bis heute nur als Schimmel erklären kann, erwies sich als unheilbar und verschlimmerte sich schließlich so stark, dass ich das tote Tier entsorgen musste. Seitdem war ich fieberhaft auf der Suche nach Ersatz, wobei sich die Suche zugegebenermaßen lediglich darauf erstreckte, dass ich bei eBay einen E-Mail-alert für "Hirnkoralle" anlegte, weil ich meinte, um eine solche habe es sich bei meinem Exemplar (von dem ich übrigens gar nicht mehr weiß, wie es in meinen Besitz gelangt war) gehandelt. Eventuell wäre der Suchbegriff "Steinkoralle" fruchtbarer gewesen, doch was weiß ich schon über die verwirrend bunte Klasse der Blumentiere. So oder so dauerte es ewig, bis mir ein fast identisch aussehender und preislich angemessener Artikel vorgeschlagen wurde, nämlich bis vorgestern Abend. Ich schlug zu (Sofortkauf) und konnte "Hirni", wie ich das Fossil nicht nennen werde, keine 48 Stunden später in Empfang nehmen. Im Badezimmer wird es wohl diesmal nicht landen, fürchte ich doch, das permanente Ausgesetztsein von Feuchtigkeit könnte abermals Schimmelbildung begünstigen. Eigentlich absurd, wo das Viech doch sein ganzes Leben unter Wasser verbracht hat!

Dienstag, 19. Januar 2021

Eine Bahnfahrt, die ist lustig

In seinem neuen Roman "Hamster im hinteren Stromgebiet" erzählt Joachim Meyerhoff von Situationen, in denen er unkontrolliert kichern musste:

Durch mein Gelächter kam schon die nächste Begebenheit und die nächste und dann noch eine. Eine Nachricht fiel mir ein. Es war erst wenige Tage her, dass ich sie im Flugzeug gelesen und herausgerissen hatte. Ich musste meine Lektüre mehrmals unterbrechen und aus dem Fenster schauen, um meine Mitreisenden durch meinen Lachkrampf nicht zu stören.

Das kenne ich allzu gut! Nicht nur durch Lektüre (etwa von Meyerhoff-Büchern), sondern auch bei diversen Spoken-word-Hörgenüssen wurde ich schon mehrmals im Zug zu brutalsten Lachattacken provoziert. Ich bin kein Mensch, der viel und gerne lacht, aber wenn es mich erwischt, dann so richtig.

Mein erster größerer Lachanfall auf Schienen ist schon etliche Jahre her und hatte gar nichts mit Medienrezeption zu tun. In Frankfurt-Sachsenhausen gibt es eine deutsch-griechische Gaststätte mit dem so behämmerten wie brillanten Namen "Qualitäts-Eck". In meinem Freundeskreis entwickelte sich im Laufe der Zeit ein regelrechter Kult um dieses Lokal, der nur entzaubert werden konnte, indem wir es schließlich einmal besuchten. Irgendwann fuhr ich mit dem ICE aus dem Frankfurter Südbahnhof heraus und blickte arglos aus dem Fenster, als plötzlich in einem gut versteckten Winkel – das "Qualitäts-Eck" sichtbar wurde. Ich las das Wort, ließ es mir mehrmals durch den Kopf gehen und rastete aus.

(Beim Schreiben dieser Zeilen erinnere ich mich an unseren Besuch dieser Lokalität und einen etwas unangenehmen Vorfall dabei: Während der Essensbestellung stand der Kellner hinter mir – ich ließ mir wie so oft reichlich Zeit mit meiner Entscheidung – und fing auf einmal an, mir eine spaßig gemeinte Schultermassage zu verpassen. Normalerweise reagiere ich auf unerwünschten Körperkontakt mit spitzen Schreien oder indem ich den Übergriffling ausknocke, doch in diesem Fall blieb ich genau so ungerührt wie meine Kollegen.)

Ein ander Mal lauschte ich während der Fahrt der Hörbuch-Version von Heinz Strunks "Junge rettet Freund aus Teich". An der Stelle, wo der Ich-Erzähler fantasiert, dass der übermütig herumspringende Hund der Oma kein Hund ist, sondern in Wahrheit "ein Mensch, den es von einem Moment zum nächsten in einen Dackelkörper verschlagen hat", und der sich nun nicht verständlich machen kann, packte es mich. Tränen liefen mir herunter; peinlich.

Die zwei jüngsten Explosionen ereilten mich nach Inkrafttreten der Hygienebestimmungen, und ich war froh, dass ein Mund-Nase-Schutz mein grinsend verzerrtes Antlitz zum größten Teil verdeckte. Eine Episode von "The Dollop" – einer meiner Lieblings-Podcasts – befasste sich mit dem Leben des britischen Magiers und Komikers Tommy Cooper. Obwohl ich schon das ein oder andere über diesen Exzentriker gewusst hatte, brachte mich eine mir unbekannte Anekdote dann doch zum Durchdrehen: Einmal hätte Cooper um ein Haar im Live-TV die Talkshow-Legende Michael Parkinson enthauptet, wenn nicht eine Bühnenkraft im letzten Moment bemerkt hätte, dass Cooper vergessen hatte, den Sicherheits-Schnapper der Trick-Guillotine umzuschalten. Was für eine Vorstellung! Ich muss gerade schon wieder intensiv feixen. Wenig später erwischte es mich beim Ron-Burgundy-Podcast, aber damit hätte ich nach zwei Staffeln rechnen müssen ... Warum höre ich so was auch in der Öffentlichkeit?!

Sonntag, 17. Januar 2021

Word of the month

Wie ich schon mehr als einmal festgestellt habe, ist das einzig Positive, das ich der nächste Woche endenden Präsidentschaft D. Trumps abgewinnen kann, das Anwachsen meines Englisch-Wortschatzes. Zum Beispiel hätte ich nicht gewusst, wie man das bezeichnen sollte, was kürzlich im Kapitol geschehen ist. Mit der Pistole auf der Brust hätte ich vielleicht "storming" oder "attack" gesagt. Die Vokabel, die sich in amerikanischen Medien durchgesetzt hat, ist jedoch insurrection – "Aufstand, Aufruhr". Das Wort habe ich vorher noch nie bewusst wahrgenommen! Bei weitem nicht so häufig, aber ebenfalls gebraucht wurde das etymologisch und semantisch verwandte Wort insurgence. Hinsichtlich beider habe ich den Restverdacht, ob das möglicherweise nicht etwas euphemistisch war.

Update: Kurz nach Veröffentlichung dieses Beitrags sehe ich, dass der New Yorker das Wort siege benutzt.

Freitag, 15. Januar 2021

Kurz getestet: Schwedenhappen

Chips aus Spanien und Italien tauchten in diesem Blog ja schon auf. Schweden hätte ich mir weiß Gott nicht als Chipsnation träumen lassen, aber här är vi. Dill & Parmesan ist die von mir getestete Geschmacksrichtung der Chips aus dem Hause Gårdschips; sie verbindet damit mein Lieblingskraut mit einem meiner Lieblingskäsesorten. In puncto Flavour und Mundgefühl gibt es nichts auszusetzen. Einen Einwand habe ich jedoch: Mir ist diese Sorte ein wenig zu salzig. Man trinkt zu Knabbergebäck sowieso gewohnheitsmäßig Bier, aber hier wird man tatsächlich besonders durstig. Insgesamt sind aber 7 von 10 Punkten drin.

Mittwoch, 13. Januar 2021

Leiden wie ein Hund

Seit Monaten bietet sich mir fast täglich dasselbe Bild, wenn ich an der Tierarztpraxis, die auf meinem Arbeitsweg liegt, vorbeilaufe: eine Schlange! Nein, keine Schlange als Patientin, sondern eine Schlange aus wartenden, bibbernden Menschen, die wegen der corona-bedingten Abstandsregeln nicht ins Wartezimmer dürfen, sondern mit ihren maladen Schützlingen vor der Tür ausharren müssen, bis sie aufgerufen werden. Mir war vorher gar nicht klar gewesen, dass a) so viele Leute in meiner Nachbarschaft Haustiere halten, und b) dass Letztere ständig krank werden. Dieser bejammernswerte Anblick hat mich jedenfalls darin bestärkt, mir im Erwachsenenalter kein Tierchen mehr zuzulegen. (Der Hauptgrund ist freilich mangelnde Zeit, mich um ein zusätzliches Lebewesen zu kümmern.)

Als Kind und Jugendlicher hatte ich durchaus regelmäßig Haustiere – Wellensittiche und Wüstenrennmäuse –, und sehr wohl bin ich mit der bedrückenden Erfahrung des Tierarztbesuchs vertraut. Nachdem ich das letzte Mal eine Maus einschläfern lassen musste, schwor ich mir, nie wieder "Herrchen" zu werden, so spaßig das mitunter auch sein kann. Meine derzeitige Wohnung bietet ohnehin nicht genug Auslauf für irgendetwas, das größer als ein Käfer ist.

Montag, 11. Januar 2021

Wechsel und Reisende

Fast 40 Jahre alt musste ich werden, um zwei Wörter kennenzulernen, die eigentlich zum deutschen Grundwortschatz gehören. Falsch, das stimmt so nicht. Besser formuliert: Zwei konkrete bzw. Spezialbedeutungen von Lexemen mit sehr allgemeiner Hauptbedeutung wurden mir erst kürzlich geläufig, zumindest einigermaßen.

Das erste Wort ist Wechsel im Finanzzusammenhang. Aus dem Kreuzworträtsel kannte ich zwar seit langem "Wechselbezogener: Trassat", aber Gedanken darüber, was ein "Wechsel" in diesem Falle sei, habe ich mir nie gemacht. Als ich das Wort vor einiger Zeit in einem alten Film, ich glaube "Frau ohne Gewissen", hörte, konsultierte ich dann doch mal Wikipedia. Den umfangreichen Artikel habe ich weder komplett gelesen noch verstanden, und ich bin erleichtert, dass das Wissen um Wechsel keine Allgemeinbildung (mehr) darstellt: "Der Wechsel hat im täglichen Geschäft [...] an Bedeutung verloren und kommt mittlerweile nur noch in sehr geringer Stückzahl bei Nichtbanken vor. Bei Kreditinstituten spielt der Wechsel seit Januar 1999 keine Rolle mehr und ist in der Ausbildung von Bankkaufleuten kein Lehrgegenstand." Entfernt verwandt – das nehme ich zumindest nach ungeduldigem Querlesen mit – scheint das Wechselprinzip mit der Benutzung von Schecks oder auch mit Ordern zu sein.
Wenn man bei eBay unter "Sammeln & Seltenes" nach "Wechsel" sucht, findet man in der Subkategorie "Büro, Papier & Schreiben > Papier & Dokumente" nicht wenige Angebote mit historischen Wechselpapieren, zum Beispiel "Prima-Wechsel", "Einheits-Wechsel", teils auch mit "Wechselmarken" oder "Steuermarken".

In Dorothy Sayers' Kriminalgeschichten um den Weinvertreter und Hobby-Detektiv Montague Egg hat jener stets ein gewisses "Handbuch des Reisenden" bei sich, aus dem er bei jeder passenden Gelegenheit zitiert. Als ich eine Story las, in der ein Kollege Montagues aus der Vertreterzunft wiederholt als Reisender bezeichnet wurde, begann es in meinem Kopf zu rattern: Ist das etwa ein Beruf? Klar!, das "Handbuch des Reisenden" ist kein Universalführer für Touristen, sondern ein Begleiter für Handlungsreisende, weswegen der fiktive Schmöker im Original auch "The Salesman's Handbook" heißt. Reisender ist dabei keine saloppe Kurzform, sondern eine offizielle Postenbezeichnung. Wikipedia: "Ein Reisender ist innerhalb des Vertriebs eines Unternehmens und in der Betriebswirtschaftslehre die Bezeichnung für einen sozialversicherungspflichtig angestellten Handlungsgehilfen im Außendienst. Andererseits kann es sich auch um einen Kleingewerbetreibenden handeln." Das Wort kam Anfang des 19. Jahrhunderts auf und setzte sich Anfang des 20. durch ("Die umgangssprachliche Bezeichnung 'Vertreter' war zunehmend negativ konnotiert"; ibid.).
Wusstet ihr das? Muss ich mich schämen für meine Unkenntnis oder bin ich entschuldigt, weil ich niemandem in diesem Gewerbe kenne?

Sonntag, 10. Januar 2021

Was man über mich wissen sollte

Ich drehe, und das ist nicht übertrieben, komplett durch, wenn jemand am Telefon oder in sonstigen Situationen ein Buchstabieralphabet verwendet. Zum Beispiel so: "Gustav Albert Ida Theodor ..."
"Haaaalt, stop, was was WAS?!?!?", möchte ich schreien. Warum macht man das nicht gleich beim Ansagen von Zahlen so? "1 wie in 117, 9 wie in 9002, 4 wie in 479867557643002 ..."

Freitag, 8. Januar 2021

This Old Spouse

Im Juni 2013 schrieb ich in diesem Blog: "Erst 2008 starb die letzte Witwe eines amerikanischen Bürgerkriegsveteranen." Das war der damalige Erkenntnisstand. Gestern nun erfuhr ich via Snopes.com das Erstaunliche: Die (mutmaßlich) letzte Witwe eines Veteranen des Civil War starb am 16. Dezember 2020 – 155 Jahre nach dem Ende dieses Krieges! Die 1919 geborene Helen Viola Jackson aus Missouri heiratete 1936 den damals bereits 93-jährigen James Bolin, der für die Nordstaaten gekämpft hatte und bereits drei Jahre nach der Eheschließung verschied.

Der Altersunterschied von 76 Jahren lässt einen erst mal schlucken, aber wie zu lesen ist, steckt eine süße Geschichte hinter der ungewöhnlichen Heirat: Die 17-jährige Schülerin half dem pensionierten Ex-Kavalleristen regelmäßig im Haushalt. Um sich zu revanchieren, bot Bolin dem Mädchen an, ihm das Jawort zu geben, auf dass es nach seinem Ableben Ansprüche auf entsprechende Rentenbezüge erhielte; wegen jener beliebten Civil War pension wurden solche Verbindungen gerade während der Wirtschaftskrise tatsächlich nicht selten eingegangen. Sie stimmte dem Deal zu, ohne ihrer Familie davon zu erzählen. Die Ehe wurde nie vollzogen, und einen Antrag auf Kriegswitwenrente stellte Helen dann doch nicht. Erst 2017 weihte die hochbetagte Dame, die nach dem Tod ihres Mannes ehe- und kinderlos geblieben war, den örtlichen Pastor in ihr historisch bemerkenswertes Geheimnis ein.

Die letzte Person, die tatsächlich eine Bürgerkriegsrente bezogen hatte, und gleichzeitig das letzte lebende Kind eines US-Bürgerkriegs-Veteranen, ist übrigens auch 2020 verstorben: Irene Triplett wurde 90 Jahre alt.

Dienstag, 5. Januar 2021

Montag, 4. Januar 2021

Traumprotokoll: Kafka & Mangas

Ich träumte, mir wäre ein Tagebuch Franz Kafkas aus dessen Prager Studienzeit in die Hände gefallen – nicht das Original, sondern eine bislang unveröffentlichte Buch-Edition, aber immerhin. Darin berichtet Kafka mehrmals von seinen Erfahrungen als Pen-and-Paper-Rollenspieler. Was er beschreibt, ist nicht etwa ein Vorläufer von "Dungeons & Dragons" & Co., sondern ein Spiel moderner Prägung, bei dem 20-seitige Würfel für Standardaktionen benutzt werden (Kafka schreibt von "Angriffswürfen mit W20" und so). Ich bin baff: Muss die Geschichte umgeschrieben werden? War Gary Gygax ein Scharlatan?

Ohne Überleitung träumte ich sodann von einer Doppelseite in der FAZ, auf welcher die gesamte Redaktion Mangas empfiehlt. Zu dieser scheint überraschenderweise neuerdings auch Jan Böhmermann zu gehören, denn dessen Empfehlung von "My Hero Academia" ziert großzügig bebildert das obere Viertel der ersten Seite. Fachmann Dath hingegen wird mit einem Fünf-Zeilen-Kasten abgespeist; seinen Lesetipp vergesse ich sofort wieder. 'Wieso interessieren die sich denn auf einmal alle für Mangas?', denke ich verzweifelt. 'Muss ich jetzt auch damit anfangen? Ich habe doch keine Zeit!' Mir wird schwindelig und ich wache auf.

Sonntag, 3. Januar 2021

Serientagebuch 12/20

01.12. Fortitude 3.03
02.12. The Simpsons 32.07
Fortitude 3.04
03.12. Family Guy 19.07
04.12. The Terror 2.10
Norm 3.07
05.12. The Marvelous Mrs. Maisel 3.06
The Marvelous Mrs. Maisel 3.07
07.12. The Simpsons 32.08
08.12. Family Guy 19.08
09.12. The Simpsons 32.09
The Marvelous Mrs. Maisel 3.08
10.12. Fargo 4.01
Fargo 4.02
11.12. The Mandalorian 2.01
The Mandalorian 2.02
12.12. Norm 3.08
The Mandalorian 2.03
Fargo 4.03
14.12. The Simpsons 32.10
Fargo 4.04
15.12. The Mandalorian 2.04
The Mandalorian 2.05
17.12. Fargo 4.05
18.12. Norm 3.09
Family Guy 19.09
19.12. The Mandalorian 2.06
Fargo 4.06
20.12. The Mandalorian 2.07
The Mandalorian 2.08
22.12. Norm 3.10
26.12. Fargo 4.07
Norm 3.11
27.12. Fargo 4.08
28.12. Fargo 4.09
30.12. Years and Years 1.01
31.12. Years and Years 1.02
Years and Years 1.03

Von Fortitude habe ich die erste Staffel schon vor einigen Jahren gesehen. Dass es um eine (fiktive) internationale Kleinstadt in der norwegischen Arktis geht, in der sich zum ersten Mal seit ihrem Bestehen ein Mord ereignet, war das einzige, was ich vorher darüber gewusst hatte. Doch die britische, recht prominent besetzte Produktion entpuppte sich als etwas ganz anderes denn als ein skandinavisch angehauchtes Kriminaldrama. Elemente, die man eher bei "Akte X" verortet hätte, nahmen im Verlauf der ersten zwölf Episoden überhand und vernebelten die Handlung leider ein wenig. Staffel 2 sah ich dann mit einigem Abstand, und die war einfach nur wahnsinnig und vom Gewalt- und Ekelfaktor her noch eine Stufe härter; tatsächlich möchte ich meinen, "Fortitude" enthielt einige der drastischsten Szenen, die ich je in einer Serie gesehen habe. Im Grunde war die Handlung nach den zehn Folgen von Season 2 abgeschlossen, doch entschloss man sich zu einem vierteiligen Epilog, dem ich durchaus das Prädikat "unterhaltsam" geben kann. Das Setting der ganzen Serie ist höchst originell, und man merkt den Darstellern, allen voran Richard Dormer ("Game of Thrones"), permanent ihre Spielfreude an.
Mein Highlight 2020 war definitiv The Mandalorian. Ist diese Serie besser als die letzte Film-Trilogie? Nun, sie befriedigt Fan-Gelüste jedenfalls entschlossener wiewohl eleganter, ja: "beiläufiger" als etwa "Der Aufstieg Skywalkers". Damit meine ich: Ihr gelingt das Kunststück, sowohl Nicht-Star-Wars-Kenner anzusprechen, die diesen Space-Western einfach so mit viel Vergnügen und ohne Verständnisprobleme weggucken können, als auch die Herzen von Hardcore-Fans höher schlagen zu lassen, die noch in jedem Hintergrund-Standbild eine Referenz auf die Kinofilme, auf Bücher, Videospiel-Umsetzungen & Co. entdecken können. Ich persönlich fand es beispielsweise genial, eine zentrale Figur aus der "Clone Wars"-Zeichentrickserie hier für eine Real-life-Rolle zu reaktivieren; und das Finale, welches ich freilich nicht spoilern werde, ist über jeden Zweifel erhaben und verdient sich die abgedroschene Bezeichnung "epic" mit Bravour. Obendrein trägt das ganze Look & Feel dazu bei, dass man sich wie im Kino fühlt. Keine Kosten und Mühen für Masken, Kostüme, Bauten und Effekte wurden gescheut, um "The Mandalorian" in jeder Minuten Star Wars pur atmen zu lassen. Die immer wieder überraschenden Casting-Entscheidungen und Ludwig Göranssons gänzlich John-Williams-untypischer, dabei absolut stimmiger Soundtrack sind das Salz in der Suppe. Jegliche Skepsis, die man gegenüber Disney je gehabt haben mochte, dürften mit "The Mandalorian" verflogen sein. Einzig die Ankündigung von einem gefühlten Dutzend zukünftiger Disney+-Serien aus dem Star-Wars-Universum macht mir ein wenig Angst. Bitte überfüttert uns nicht! Dass man es mit Fan-Service nämlich übertreiben und die Mission, noch jede Lücke im Kanon zu schließen, nach hinten losgehen kann, hat zuletzt "Doctor Who" mit seinen ärgerlichen Retcons, Widersprüchen und Neuinterpretationen allzu schmerzlich bewiesen. 2021 starten sollen ja zunächst nur zwei Produktionen, nämlich die Animationsreihe "The Bad Batch" (die ich wohl nicht schauen werde) sowie "the next chapter" von "The Mandalorian", was, wie man nun weiß, nicht "The Mandalorian" Season 3 sein wird, sondern etwas, das ich ebenfalls nicht spoilern möchte, falls es wer nicht mitbekommen hat.
Auf die Fortsetzung von The Marvelous Mrs. Maisel, deren Dreharbeiten noch nicht mal begonnen haben (!), bin ich nicht minder gespannt und vorfreudig.

Freitag, 1. Januar 2021

Eine Neujahrsgeschichte (2/2)

Franz Schakal öffnete die Startseite des Online-Spiegel. Gott sei Dank, dachte er, das "Bleiwunder" (bzw. "Blei-Wunder", wie es u.a. bei Bild.de hieß) war nicht mehr das Topthema. Stattdessen stand an oberster Stelle ein Artikel mit der Überschrift "Weiße Weihnacht – ein Mythos?". Franz las die Einleitung: "Rodeln, durch den Schnee stapfen, durchweichte Stiefel mit zerknülltem Zeitungspapier ausstopfen: Das waren die Haupttätigkeiten in den Adventstagen unserer Kindheit. So erinnern sich zumindest die meisten von uns an früher. Neue Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes haben jetzt ergeben: In Deutschland hat es noch nie geschneit! Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen ..." Das Schellen der Türklingel riss ihn aus seiner Lektüre. Er legte das Tablet beiseite und ging die Haustür öffnen. "Hahaha", lachte er dem illustren Besuch entgegen, dessen er ansichtig wurde. "Sie sind zu spät. Wir haben ihn eingeschmolzen und aus seiner Materie bewegliche Lettern gegossen. Von welchem Medium sind Sie überhaupt?" Die Kameras und Mikrofone des Teams hinter der Frau auf der Fußmatte waren ebenso unmarkiert wie der Ü-Wagen, den Franz aus dem Augenwinkel erblicken konnte. "Das wollte ich eigentlich von Ihnen wissen", bekam er zur Antwort. "Wir sind nicht wegen Ihrer Wiefelspütz-Statue hier, sondern weil Ihre Adresse gezogen wurde. Meine Sendung heißt 'Erkennen Sie mich?'. Darin besuche ich zufällig ausgewählte Haushalte in der ganzen Republik und frage, ob die dort Lebenden mich erkennen beziehungsweise kennen." Franz legte die Stirn kraus und sagte: "Hm. Tut mir leid, ich habe Sie noch nie gesehen."

Keine drei Minuten nachdem die Sendungsleiterin mit "Okay, das war's dann, Abbruch, tschüs" das Signal zum Einpacken gegeben hatte, war von der TV-Crew nichts mehr zu sehen. Leicht irritiert schlurfte Vater Franz zurück ins Wohnzimmer. Ähnliche Visiten und Überfälle hatten er und die Seinen seit dem Neujahrstag gehäuft ertragen müssen, aber stets war es dabei um das außergewöhnliche Ergebnis des familiären Bleigießens gegangen: Für den lebensgroßen Zufalls-"Abguss" des Politikers und Verwaltungsrichters a.D. Dieter Wiefelspütz hatten sich u.a. die Redaktionen von "Außenseiter-Spitzenreiter", "Das gibt's doch gar nicht!", "Das gibt's sehr wohl!" und "Die Show des Spaßes" interessiert. Reporterinnen und Moderatoren hatten sich 48 Stunden lang die Klinke in die Hand gegeben. Die Klinke war beim Bleigießen 2017 entstanden und auch schon recht beeindruckend, aber freilich löste der verblüffend echte SPD-Mann ungleich größere Faszination aus. Die Schakals genossen die 15 Minuten Ruhm und waren nicht wenig stolz auf ihre Attraktion. Für das eine oder andere Interview gab es sogar kleine Geschenke. Mehr als "Och, das war keine Absicht" oder "Ja, uns allen war sofort klar, wer das ist" konnten die Befragten allerdings kaum zu diesen Interviews beitragen. Irgendwann nervte das ständige Geläute und Getrampel dann nur noch, und der Familienrat beschloss einstimmig, Dr. Wiefelspütz wieder zu verflüssigen und etwaige Presseanfragen fürderhin abzuschmettern.

Franz Schakal berichtete seiner Frau und seinen Kindern von der seltsamen Fernseh-Hausiererei. Lange schwiegen sie danach einander an. "Warum wurden wir bisher noch nicht informiert, wann die Beiträge über uns ausgestrahlt werden?", gab Tochter Frenja zu Bedenken. – "Und wieso sind die Zeitungsberichte voller Fehler?", warf Eins ein, diverse ausgeschnittene Artikel durchgehend. "Hier wird zum Beispiel behauptet, wir hätten einen Hund. Und hier steht, Mama wäre zwei Meter hoch." – "Wahrheitspflicht, quo vadis?", schüttelte Sylphe den Kopf. Die Silvester-Playlist dudelte unterdessen immer noch vor sich hin; zurzeit lief eine dämonisch verfremdete Version von Ilse Werners "Wir machen Musik". Etwas stimmte nicht im Hause Schakal, so viel stand fest.

Frenja grübelte vor sich hin, während sie lustlos ihre Brennnesselsuppe löffelte. "Diese Frau vor der Tür", sagte sie schließlich, "wie genau sah die denn aus?" Ihr Vater überlegte kurz. "Ich kann sie beim besten Willen nicht beschreiben", buchstabierte er und gähnte zum wiederholten Male. Sohn Eins und seine Mutter, die nebenan die ganze Zeit kopflos die Post durchwühlt hatten, betraten das Esszimmer. "Wir haben etwas Komisches gefunden", sagte Eins und zeigte den anderen einen Ausriss aus dem Wochenblatt. "Könnt ihr euch einen Reim darauf machen?"


"Wer zum Teufel ist der Wurm?", wunderte sich Franz angesichts der auffälligen Annonce. Frenja schlug das Offensichtliche vor: "Wir sollten ihn kontaktieren." – "Unbedingt!", pflichtete ihr Bruder ihr bei. "Dank unserer Mobil- und Festnetz-Flatrate kostet uns der Anruf nix!" Die Eltern berieten sich telepathisch, wie es nur lange Verheiratete können, und nickten nachdenklich. "Frenja, du bist die rhetorisch Geschickteste von uns. Du übernimmst das Telefonat", gebot die Mutter. Frenja war einverstanden. Sie begab sich zu dem an der Trennwand zwischen Küche und Esszimmer hängenden Fernsprecher, drehte die Wählscheibe, bis die Dame vom Amt sich meldete, und ließ sich mit der Funknummer des mysteriösen Inserenten verbinden.

"Hier ist der Wurm", ertönte nach gefühlt hundertmaligem Klingeln eine relativ hohe, leicht quäkende Männerstimme. Frenja bedankte sich zunächst für die netten Grüße in der Anzeige und wünschte ein frohes neues Jahr. Dann schilderte sie die Vorkommnisse und Unregelmäßigkeiten, die sich seit dem Silvesterabend 2020 ereignet hatten. Der Wurm hörte sich die Ausführungen in aller Ruhe an, lieferte lediglich hier und da ein ernstes, aber freundliches "Hm-mm" als Feedback. Als Frenja fertig war, räusperte sich der Wurm und sagte: "Es war eine kluge Entscheidung, meine Nummer zu wählen, über die ihr selbstverständlich nicht zufällig gestolpert seid. Ich habe bereits einen Verdacht, aber um ihn zu verifizieren, gib mir bitte deine Mutter oder deinen Vater oder deinen Bruder. Am besten alle drei nacheinander." Das Mädchen tat wie geheißen. In den kommenden 45 Minuten erzählten die übrigen Familienmitglieder das Geschehene aus ihrer Sicht. "Dem Himmel sei Dank für die Flatrate", wiederholte Sohn Eins zwischendurch. Dem Vater, welcher als Letzter sein Statement abgab, stellte der Wurm im Anschluss eine Reihe von Fragen, die Franz mit wachsendem Unverständnis wahrheitsgemäß bejahte, nämlich "Hatten Sie in den vergangenen Tagen Kopf-, Bauch- und/oder Gliederschmerzen? Fühlen Sie sich schwach und/oder orientierungslos? Hat sich Ihre Haut ins Bläulich-Gelbe oder Blass-Graue verfärbt? Leiden Sie unter Appetitlosigkeit?" – "All das und mehr, ja! Es ist die Hölle auf Erden", gestand Schakal senior. "Ich fürchte, wir haben das wegen der ganzen Aufregung total verdrängt. Hätten wir uns Sorgen machen sollen?" Ein Seufzer erklang am anderen Ende der Leitung. "Und ich fürchte", sagte der Wurm, "dass Sie alle vier eine schwere Bleivergiftung erlitten haben und ins Koma gefallen sind. Genauer gesagt stehen Sie an der Schwelle zum Tod, schweben in einer Art Zwischenreich. Ihr kollektives Gedächtnis versucht eine Ersatz-Realität zu konstruieren, doch es gibt Fehler in der Matrix, die Ihnen zum Glück rechtzeitig aufgefallen sind." – "Aber was können wir dagegen tun?", schrie Sylphe im Hintergrund. Der Vater hatte die Lautsprecherfunktion des Fernsprechers aktiviert, so dass die anderen alles mithören konnten.

Wer an diesem 31.12.2020 um 23 Uhr 59 zufällig über das Grundstück der Schakals geflogen wäre, statt wie von den Behörden verordnet in den eigenen vier Wänden zu bleiben, hätte ein sonderbares Schauspiel beobachtet: Vier Menschen unterschiedlichen Alters rollen mit geschlossenen Augen auf ihren Swimming-Pool zu, lassen sich ins Wasser fallen, erwachen aus einem scheinbaren Trance-Zustand, wissen nicht, wie ihnen geschieht, und rudern orientierungslos in dem eisigen Becken herum, bevor sie ihm keuchend entsteigen. Doch genau das hatte der Wurm – der freilich nur in der Zwischenwelt existierte – ihnen in buchstäblich letzter Minute befohlen. Hätten die Limbus-Personae ihre physischen Hüllen nicht aus dieser Traumwelt heraus dazu gebracht, den Anweisungen Folge zu leisten, wären die Schakals für immer dort geblieben, und das hätte bedeutet, sie wären in der echten Welt gestorben!

"Wir hätten schon stutzig werden sollen, als unser heranwachsender Sohn und vor allem unsere minderjährige Tochter den Alt-Politiker Wiefelspütz auf Anhieb erkannten", sinnierte Vater Franz am nächsten Morgen über einer Tasse Metall-Detox-Tee. Mutter Sylphe klopfte ihm auf die Schulter. "Niemandem ist ein Vorwurf zu machen", meinte sie. "Jede vergiftete Familie ist auf ihre eigene Weise vergiftet." Darauf lachten die Schakals hyänenartig wie aus einem Halse. 2021 würden sie auf Quecksilber zurückgreifen.

Donnerstag, 31. Dezember 2020

Eine Silvestergeschichte (1/2)

Familie Schakal war außer Puste. Mutter Sylphe, Vater Franz, Tochter Frenja und Sohn Eins kamen überein, dass es Zeit für eine Pause sei. Seit den frühen Nachmittagsstunden hatten sie geschuftet, allmählich wurde es dunkel. Nun gut, das bedeutete, dass die vier lediglich zwei Stunden gearbeitet hatten, denn langes Ausschlafen war ihnen auch am Silvestertage heilig. Trotzdem war allerhand zu tun gewesen. Um sich an diesem außergewöhnlichen Jahreswechsel ein Quentchen Routine vorzugaukeln und Ablenkung zu schaffen, hatten sich die Schakals vorgenommen, extra viel Mühe in ihre Feier zu stecken.

Die Mutter rollte Mini-Maiskölbchen in Bierschinken ein; der Vater zauberte aus Möhren, Käse, Rosinen und gekochten Eiern essbare "Mäuse"; die Kinder setzten verschiedene Bowlen an (das hatten sie in einer Ausgabe von "Checker Julian" im KiKa gelernt, weil in diesem Jahr war eh alles egal). "Also, 15 Minuten Pause", schnaufte Vater Franz. "In der Zwischenzeit können wir uns überlegen, was alles auf die Playlist soll. Welche Lieder oder Alben fallen euch ein?" – "'Auld Lang Syne' in ganz vielen Versionen!", sagte Sohn Eins. – "Den 'Jurassic Park'-Soundtrack", schlug Mutter vor. – "Alles von Hanne Haller!", warf Frenja ein. – "Fein, fein, fein", freute sich Franz, "und gegen die Chipmunks habt ihr sicher auch nichts?" Da klingelte es an der Tür. Der Vater sprang von seinem Hocker auf und bedeutete seinem Filius, ihm zur Tür zu folgen.

"Lieferung für Schakal!", tönte es vom Grundstückstor bis zur Haustür hinüber, bevor die beiden Letztere geöffnet hatten. Franz lächelte vorfreudig und rief dem Lieferanten zu: "Lassen Sie das Paket ruhig vor dem Tor stehen, mein Sohn und ich tragen es gleich nach hinten in den Garten." – "Das ist nett", sagte der Mann hörbar erleichtert durch seinen Mundschutz hindurch. "Es ist wirklich sehr schwer. Was ist das überhaupt? Halt, sagen Sie's nicht, das geht mich nichts an. Ich liefere bloß pünktlich die Ware aus und stelle keine Fragen. Wird schon seinen Zweck haben, dass Sie heute, an Silvester, so ein monströses Ding erwarten ..." – "Ganz recht, junger Mann", nickte Franz und steckte dem Fahrer zwinkernd einen selbstgebastelten Fantasie-Geldschein zu ("30 Danke-Dollar"). – "Junger Mann?", erwiderte dieser. "Ich bin 67. Heute ist mein letzter Arbeitstag. Ich muss auch schon weiter, eine Europalette mit leicht zerbrechlicher Ware nach Rastatt bringen. Ach, wissen Sie was? Ich glaube, die schneide ich auf. Das interessiert mich jetzt doch, was da drin ist. Ich kann ja später behaupten, die Umverpackung sei beim Transport beschädigt worden. Von einem Marder!" Doch dieser Monolog entging Vater und Sohn bereits, hatten sie doch direkt behände zugepackt und die mysteriöse Lieferung in den Garten gewuchtet. Daher bekamen sie auch nicht mit, wie der Lieferwagen kurz darauf am Horizont in einer schwarzen Rauchwolke aufging (was für die Geschichte aber nicht wichtig ist).

"Es ist tatsächlich angekommen!", jubilierte Sylphe. "Auf ███ ist eben Verlass." – "In der Tat", sekundierte Franz. "███ ist nun mal der landesweit schnellste Versandservice." – "Kein Wunder, dass ███ regelmäßig die Bestnote in der Kategorie Zuverlässigkeit der Zeitschrift Logistik Heute erhält", merkte Eins an. Und Frenja schrie: "Ein Hoch auf ███!" Gemeinsam befreiten sie den massigen Inhalt von seinem Pappmantel. Zum Vorschein kam: ein Block Blei.

"Ab in die Wanne damit", drängte Frenja. Ebenjene Wanne schob Mutter Sylphe sogleich aus dem Geräteschuppen: ein rollbares Metallgefäß ähnlich einer Schubkarre, aber mit mehr Volumen, auf Baustellen zum Sammeln und Transportieren von Schutt oder Ziegeln verwendet. Franz hatte sie von einem befreundeten Polier geliehen, hatte aber nicht vor, sie zurückzugeben. Gemeinsam beförderten die vier den Bleiklumpen in die Wanne und entfachten darunter ein Feuer, um ihn bis spätestens 24 Uhr schmelzen zu lassen. "Klasse Idee, diese sogenannte Gelfeuerstelle", lobte Eins den praktischen Brenntopf aus Edelstahl. "Die Flammen können wir lodern lassen, ohne uns Sorgen machen zu müssen."

Gänzlich unbeaufsichtigt lassen konnten die Schakals die Apparatur freilich nicht. Hin und wieder musste das Blei gewendet bzw. umgerührt werden. Das Ziel dieses Experiments hat die werte Leserin, der werte Leser bestimmt längst erraten: Die Familie hatte vor, das spektakulärste Bleigießen aller Zeiten zu veranstalten. Hintergrund: Im Jahr 2020 hatte die Regierung den Verkauf von Feuerwerkskörpern und das Böllern in der Öffentlichkeit untersagt. Einige Kommunen hatten ihre Einwohner zu mehr oder weniger einfallsreichen Alternativen angeregt: In Kiel sollten alle Haushalte um Punkt 22 Uhr ihre Mikrowelle laufen lassen; in Herne wollten die Einheimischen zu jeder vollen Stunde das Wort "Rakete" aus dem Fenster brüllen. Solche Ersatzrituale waren den Schakals zu doof, und so hatten sie diese Sonderform des Schwermetall-Orakels ersonnen, welches ohnehin eine liebe Tradition in ihrem Hause war.

Die Zeit schritt stracks voran. Man unterhielt sich, spielte Kniffel, das Buffet war um Party-Champignons, Quäse-Pumpernickel und Salami im Blätterteig ergänzt worden und die Playlist um eine längere Screamo-Strecke. Der 18-jährige Sohn und die fünfjährige Tochter gingen abwechselnd alle 15 Minuten ins Freie, um nach dem Blei zu sehen, das sich inzwischen anständig verflüssigt hatte. "Ich glaube, wir können!", verkündete Frenja, als sie von draußen zurückkam. Es war kurz nach halb zwölf. "In Ordnung, lasset uns gießen", bestimmte Mutter Sylphe. "Danach machen wir eine Polonäse."

Man begab sich zu der verheißungsvoll dampfenden Bleiwanne und positionierte sie am Beckenrand des Swimming-Pools. Der Vater zog sich zwei rot-weiß-karierte Ofenhandschuhe an. "Ich werde das flüssige Metall mit einem Ruck ins Wasser gießen. Das Gebilde, das entsteht, wenn sich das Blei verfestigt, soll symbolisch voraussagen, wie unser aller 2021 werden wird. Womöglich sehen wir ein Flugzeug, das steht dann für eine Fernreise. Oder einen Sarg, der unseren sicheren Tod ankündigt ..." – "Mensch Papa", maulte Sohn Eins, "mach hin! Wir wissen, wie Bleigießen funktionert." – "Das war doch nur für die Lesenden, die erst jetzt eingestiegen sind", rechtfertigte sich Franz. "Aber gut. Achtung ... fertig ... hopp!" Das heiße Grau ergoss sich wie ein Lavastrom im Zeitraffer in den Pool. Ein scharfes Zischen begleitete die nahezu augenblickliche Änderung des Aggregatzustands. Sobald es verklungen war, sprangen die vier Schakals in das Schwimmbecken, tauchten auf den Grund und bargen den verhärteten Bleibatzen. Als sie ihn auf die Wiese fallen ließen, trauten sie ihren Augen kaum: Vor ihnen lag eine bleierne Skulptur, die exakt so aussah wie der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Dieter Wiefelspütz.

Fortsetzung folgt.