Sonntag, 22. September 2019

The Greatest Generation

Noch einmal müssen wir in meine Schulzeit zurückreisen. Kurz vor dem Abitur zog eine Lehrerin, die uns eine Zeitlang in Chemie vertreten hatte, bezüglich unseres Jahrgangs ein Resümee, das fast wortwörtlich so lautete: "Wenn ich mir Sie so anschaue und wie ich Sie so erlebe, sehe ich ernsthaft schwarz für die Zukunft." Über diese objektiv unverschämte Äußerung konnten wir, nach Jahren permanenter Erniedrigung, freilich nur feixen. Inzwischen jedoch ist mir klar geworden, dass diese Lehrkraft recht hatte.

Möglicherweise galt das ja nur für unsere Schule, aber wir waren wirklich ein peinlicher Haufen: unpolitisch, desinteressiert, albern, sorglos, verwöhnt. (Einzig beim Ausbruch des Kosovokrieges wurde von ein paar unserer an zwei Händen abzuzählenden christlichen Schülerinnen in Kooperation mit der Reli-Lehrerin ein "Friedensraum" oder so was eingerichtet.) Niemals wären wir auf die Idee gekommen, für oder gegen etwas zu demonstrieren. Unseren Eltern ging es doch gut, warum sollte es uns irgendwann schlecht gehen? Und was focht uns die Erde an? Wir hatten ja unsere Computer. Laut den meisten unserer Lehrerinnen und Lehrer waren wir eh zu dumm, um etwas zu bewegen.

Wenn ich mir heute anschaue, wie junge Menschen versuchen, das zu retten, was die Generationen vor ihnen verbockt haben (und was meine Generation einfach hat schleifen lassen), wird mir warm ums Herz. Millionen gehen auf die Straße, weil sie erkannt haben, dass sie ihren 40. Geburtstag nicht erleben werden, sofern sich nicht sofort etwas ändert. Schwarz für die Zukunft sehe ich trotzdem, denn höchstwahrscheinlich bringen noch so viele Klimastreiks und Freitagsproteste gar nichts mehr. Aber ich freue mich über dieses neuartige, furiose Engagement.

Als Versuch einer Ehrenrettung möchte ich noch vermerken, dass mehrere meiner ehemaligen Mitschüler, die mittlerweile selbst Kinder im Grundschulalter haben, diese beim letzten "Friday for Future" unterstützend begleitet haben. Das habe ich in einer WhatsApp-Freundesgruppe gesehen, und auch darüber habe ich mich gefreut.

PS: Ursprünglich wollte ich dieses Textlein mit "The kids are alright" betiteln, aber den Satz habe ich in den vergangenen Tagen so oft gelesen, dass ich ihn als des Kybersetzung-Originalitäts-Versprechens nicht würdig erachtete.

Dienstag, 17. September 2019

Scharlachrote Buchstabe (= r)

Erinnerung an die Schulzeit, es muss in der 9. oder 10. Klasse gewesen sein. Unsere Physiklehrerin schreibt das Thema der Stunde an die Tafel: "Elektrische Widerstand". Einige Schüler, darunter ich, monieren, dass es "Elektrischer Widerstand" heißen müsse. Das sieht die Lehrkraft nicht ein und blafft uns an, es heiße schließlich "Der elektrische Widerstand", ohne -r. Wir versuchen sie zu überzeugen, dass sie dann auch den Artikel mit hinschreiben müsse. Leider werde ich erst ein paar Jahre später vom Phänomen der Gemischten Deklination erfahren, so dass ich unsere Einwände nicht mit harten Fakten untermauern kann. Die krumme Überschrift "Elektrische Widerstand" bleibt für den Rest der Stunde stehen.

Letzte Woche nun entdeckte ich bei Rewe diesen Brotaufstrich:


Er ist sehr lecker, aber auch hier stört mich das falsch gebeugte Adjektiv ungemein. Die Auseinanderschreibung von "Karottenaufstrich" ist da nur die Spitze des Eisbergs. Man könnte versuchen, die zwei Zeilen "Würzige Karotten Aufstrich" als separat stehend zu interpretieren, also etwa "Würzige Karotten: ein Aufstrich", aber würzige Karotten soll mir erst mal jemand zeigen. Karotten sind von Natur aus reichlich fad, und nur mit weiteren Zutaten (in diesem Fall u.a. Ingwer, Petersilie und Knoblauch) lässt sich aus ihnen ein würziger Aufstrich herstellen.

Vom elektrischen Widerstand habe ich weder vor zwei Jahrzehnten noch späterhin irgendwas verstanden, aber im Gegensatz zu Sprache und Lebensmitteln spielt er in meinem Leben auch keine Rolle mehr.

Samstag, 14. September 2019

Rebellion der Tabellenkalkulationen

Am Ende waren es doch keine Killerroboter, keine Y2K-Bugs, keine Geister in der Maschine, die das Aussterben der Menschheit entscheidend vorantrieben, sondern eines der am weitesten verbreiteten Programme der Welt: Excel. Weil dieses "viele Namen von Genen in Tabellen standardmäßig zu Datumsangaben" konvertiert, sind schätzungsweise 20 Prozent aller Genetik-Studien verfälscht (futurezone.at). Das hat eine bereits 2016 im Magazin Genome Biology veröffentlichte Studie von Mark Ziemann, Yotam Eren und Assam El-Osta ergeben. Beispielsweise existieren Gensymbole namens SEPT2 oder MARCH1, und diese werden automatisch als 2. September resp. 1. März interpretiert und in den Tabellen entsprechend umgewandelt. (Ich selbst werde regelmäßig Opfer dieser Mechanismen.) Eine Microsoft-Anwendung sorgt also dafür, dass die Erforschung unseres Erbguts auf der Stelle tritt, behindert sie sogar aktiv.
Für mich die Science-Enthüllung des Jahres!

Donnerstag, 12. September 2019

Brausemädchenrechnung

Eine Cola light bei Burger King hat nur 1 Kilokalorie. Und zwar in jeder Größe! 'Das geht doch gar nicht', denkt ihr? Geht wohl – mit Runden! Angenommen, eine kleine Cola light (0,25 l) hat 0,6 KCal (offizielle Angabe), dann hat eine große das Doppelte: 1,2 KCal, was abgerundet immer noch 1,0 ist. Aber wen interessiert das schon, wenn man dazu einen Triple Whopper frisst, der gleich mal mit mehr als 1200 Kilokalorien zu Buche schlägt?

Dienstag, 10. September 2019

Torsten Neunmalklug schlägt wieder zu

Im April 2017 habe ich behauptet, ich hätte an den Spiegel "den ersten Leserbrief meines Lebens" geschickt. Diese Behauptung ist unwahr, wie ich beim Durchsehen meines Privatarchivs neulich bemerkte. Zum Glück schreibe ich alles auf! Ich hatte ganz vergessen, dass ich bereits im August 2008 einen Leserbrief an die P.M. gemailt habe.

Damaliger Anlass: ein Artikel mit dem reißerischen Titel "Der große Krieg um die Zahlen". Darin wurde das römische Zahlensystem als kompliziert verdammt, es wurde gar spekuliert, ob es am Untergang des Weltreiches Schuld trug! In den 50er Jahren, so der Verfasser, mussten sich deutsche Schüler mit dem ach so unlogischen System rumplagen. Dabei waren römische Zahlen auch bei uns (in den 90ern!) Unterrichtsstoff, und niemand ist daran zerbrochen! Dies schrieb ich dem Autor und merkte an, dass das jeweilige Zahlensystem – wie auch die Schrift – nur eine Sache der Gewöhnung sei. Und dass das indisch-arabische auch nicht optimal für z.B. Französischsprechende ist: Die schreiben zwar 98 als Zehner-Einer-Kombination, aber sagen "4 mal 20 plus 10 plus 8". Zudem ist die Zeichen-Zahl-Zuordnung völlig arbiträr, und im Alten Rom musste man sich immerhin nur sieben Zeichen merken (die man ja eh schon, als Buchstaben, kannte). Und MM ist ja beispielsweise nur halb so lang wie 2000.

Als Antwort erhielt ich dies: ".... danke für das Feedback! Sie mögen nicht Unrecht haben mit Ihrem Beweisargument, dennoch ist die zugrunde liegende These dieses Beitrags über Ethnomathematik, dass der Fortschritt des Menschen mit der Vereinfachung der Rechensysteme gekoppelt ist. Schöne Grüße [...]" – Ja, das ist mir schon klar, dass das die These war! Nur: sie stimmt nicht! Kann das mal bitte jemand zur Kenntnis nehmen? Halloooo??!!

Freitag, 6. September 2019

Brain Droppings 2000

Irgendeine Zigarettenmarke wirbt gerade sinngemäß damit, dass Rauchen cool ist. Das gefällt mir schon wieder.

Irgendwie süß, dass Klaus & Klaus offenbar zusammen wohnen.
("Klaus, geh mal zur Tür, es hat gebimmelt!"; Da steht ein Pferd auf'm Flur)

Filmidee "1 Dalmatiner - Wie alles begann"

Was ist denn das für ein Gemüse hier? Ständig müst jemand. Können die nicht woanders müsen?

[Erwachsener, der zum ersten Mal ein Kind sieht] Was in drei Teufels Namen ...?!?!

Bücherschrank, aber als belesener Bodybuilder

Jeder Zoo ist ein Streichelzoo, wenn du dich traust!

Okay, beste Idee aller Zeiten:
- - seid ihr ready? - -
Pfeffermühlen als abschraubbare Bettpfosten!
Ist da vor mir noch niemand drauf gekommen? 
Das Design könnte man direkt übernehmen, und einen Slogan zur Vermarktung hätte ich auch schon: "... bringt Würze in Ihr Schlafzimmer."

Existieren Klaus & Klaus und Torfrock im selben Serienuniversum?

Wäre ich Supermarktkassiererin und ein Kunde legte eine extra-große Familienpackung Toilettenpapier aufs Band, würde ich ihm anerkennend zurufen: "Na, nun könn'Se aber scheißen, wa!?"

Das gehört zum Freibadbesuch einfach dazu: ein dampfender Teller Grützwurst mit Kartoffelstampf (Apernmauke).

Sind Gurkenflieger der Höhepunkt oder der Tiefpunkt der menschlichen Entwicklung?

Es gibt in unserer Stadt eine Pizzeria mit dem Namen "Da Nene". Ich möchte daneben ein Native-American Diner eröffnen und es "Na Dene" nennen.
Versteht ihr - wegen der nordamerikanischen Na-Dené-Sprachfamilie, hahahahaha-- *wird diskret nach draußen geführt*

Die berühmte Szene aus "The Sixth Sense", aber statt "Ich sehe tote Menschen" sagt der Junge "Da steht ein Pferd auf'm Flur!"

Sonntag, 1. September 2019

Kurz getestet: Knuspererbsen


Die Enjoy Knuspererbsen in der Geschmacksrichtung Sweet Chili von Kühne kamen bei mir nicht sonderlich gut an. Der Teigmantel wurde von weiteren Testpersonen als "fast schon süß" beschrieben, wobei nach einer Weile eine gewisse Schärfe zutage tritt, die aber schnell einer Fadheit weicht. Es will sich kein Suchtgefühl einstellen. Der Preis liegt mit 1,99 € pro 100 Gramm (Rewe) relativ hoch. Nicht zuletzt waren einige Erbsen in meiner Packung schlicht zu hart, was besonders Menschen mit lockeren Zahnfüllungen zu schaffen machen könnte. Immerhin verzichten die Sorten (es gibt noch "Paprika" und "Meersalz") auf Geschmacksverstärker, Farbstoffe und Aromen, und sie sind vegan und fettarm. 4/10

Freitag, 30. August 2019

Noch mehr Rumliegendes

Dies ist eine Fortsetzung des Beitrags "Rumliegendes" von 2012. Rotliegendes war mir, siehe ebd., ein Begriff, aber ich staunte kürzlich in einem Museum nicht schlecht, als ich dort mehrere wie folgt gelabelte Gesteinsbrocken erblickte:


Was für ein dramatischer Name für ein Mineral! "Von dem Todtliegenden unterscheidet man graues, weisses und rothes Todtliegendes", informiert uns Franz H. Walchners Buch Der practische Naturforscher: ein unentbehrliches Hand- und Hülfsbuch für Freunde der Naturwissenschaften von 1843. "Jenes folgt häufig zunächst unter dem Kupferschiefer und ruht auf dem rothen Todtliegenden, oder es bedeckt auch in Gegenden, wo diese letztere Felsart fehlt, das graue Todtliegende diese und jene abnormen Felsgebilde."
Versteh ich nicht, bin aber entzückt. Bei "rothem Todtliegenden" scheint es sich um nichts anderes als Rotliegendes zu handeln. Wikipedia kennt dieses Synonym nicht mehr.

Mittwoch, 28. August 2019

Videospieltipp: Black The Fall

Dieser gecrowdfundete Puzzle-Plattformer ist das erste Spiel aus dem Sand Sailor Studio und kann sich durchaus sehen lassen. In einer über-industrialisierten Dystopie flüchten wir in der Haut eines gesichtslosen Rabota vor Wachleuten, Lasern und automatischen Geschützen, wir umgehen Lichtkegel, legen Schalter um, setzen Maschinen in Gang oder außer Betrieb, klettern, springen, hangeln, benutzen Aufzüge, treten in Pedale, tasten uns durch dunkle Abwasserkanäle und kontrollieren zeitweise sogar einen "tierischen" Begleiter. Dabei sind Geschick, Kombinationsgabe und ein kühler Kopf gefragt, an drei Stellen musste ich sogar ein Walkthrough-Video konsultieren (u.a. an der im Foto gezeigten). Die Steuerung ist simpel und geht am besten mit dem Gamepad von der Hand. (Ich habe auf der Xbox One gespielt.)
Setting, Rätseldesign und Graphik lassen erkennen, dass hier "Inside" als Vorbild diente – was nicht das schlechteste ist! Ein wenig befremdend ist der offensichtliche Anti-Kommunismus, für den die Macher, wie einem beim Abspann klar wird, aber durchaus Gründe haben.
Ich bin in den circa fünf Stunden, die das Durchspielen gedauert hat, sehr oft gestorben, habe mich erschreckt und fasziniert, hatte Angst und Triumphgefühle und habe sogar etliche Achievements freigeschaltet.


Montag, 26. August 2019

Humorperlen aus dem Abreißkalender (68)

"Herr Prütz – haben Sie eventuell schon darüber nachgedacht Politiker zu werden?"
(Auf dem Haus im Hintergrund steht "Prütz. Brennholz-Verleih".)

Samstag, 24. August 2019

Hübsche Flaggen untergegangener Staaten: Königreich der Idrisiden


Marokko konnte in seiner Geschichte schon so manche ungewöhnliche Flagge vorweisen. Die älteste überlieferte Form (11.-13. Jh.) zeigte ein Schachbrett auf rotem Hintergrund; vom 17. bis zum 19. Jahrhundert war eine Schere auf der Flagge abgebildet; die Kriegsflagge von 1848 war blau und hatte einen Arm, der ein Schwert hält, auf der linken Seite; im 18. Jahrhundert reaktivierten einige Stämme den aus zwei übereinander gelegten Quadraten gebildeten Stern der Mariniden-Dynastie; unter den Alawiden ab dem 17. Jahrhundert wurde die rein rote Flagge geführt, die bis zur Ablösung durch die moderne Version mit dem Pentagramm anno 1915 die offizielle Flagge Marokkos war. (Heute gibt es keine einzige einfarbige Nationalflagge mehr; bis zum Fall Gaddafis hatte Libyen ein grünes Rechteck.)

Minimalistisch ging es auch auf dem Boden des heutigen Marokko zur Zeit der Idrisiden, also der von den muslimischen Prinzen Idris I. und II. begründeten Dynastie, zu. Ein weißes Seidenbanner wurde gehisst, in späterer Abwandlung durch die Almoraviden erweitert um den Spruch "Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet." (Weil der Hintergrund dieses Blogs weiß ist, wurde die Farbe auf dieser eher untypischen geometrischen Figur ein wenig eingedunkelt.)

Donnerstag, 22. August 2019

Kurz getestet: Buttermilchbrötchen

Sehr, sehr fein sind die (ich glaube neuen) Buttermilch-Brötchen von Knack & Back. Sie sind einfachst aufzubacken, schmecken köstlich und verströmen tatsächliche einen leichten Buttermilchduft. Ich würde am liebsten 10 Punkte vergeben, aber das käme einem Verrat an den Original-Sonntagsbrötchen gleich, die ich als unübertroffen und -treffbar eingestuft habe. Deshalb: 9/10