Sonntag, 30. Oktober 2022

Cinema Para-(Annoyed Grunt)-so

Die "Simpsons" können hin und wieder doch noch positiv überraschen. Die Episode mit dem banal klingenden und irreführenden Titel "Lisa the Boy Scout" (34x03) artet nach wenigen Minuten zu einer der freidrehendsten wie auch komischsten aus: Die reguläre Handlung wird von zwei an Anonymous angelehnten Hackern unterbrochen, die mit der Veröffentlichung nie ausgestrahlter, weil unsendbarer "Simpsons"-Schnipsel drohen, sollte ihnen nicht eine gewisse Summe an Bitcoins ausgezahlt werden. Natürlich bekommen wir dann eine Clip-Show dieser peinlichen bis rufschädigend depperten Storylines zu sehen, darunter ulkigerweise einige echte Ausschnitte vergangener Folgen.

Wegen einer speziellen Sequenz schreibe ich diesen Blogbeitrag überhaupt, bestätigte sie doch eine Vermutung, die ich vor circa drei Jahren getätigt habe: dass nämlich regelmäßig Geschichten nur entstehen, weil die Autoren auf ein entsprechendes popkulturelles Wortspiel gekommen sind. Angekündigt wurde die Montage mit den Worten "… as stunning as this list of abandoned episodes that started as clever titles and went nowhere!" Sodann waren folgende Episodentitel nebst die Handlung zusammenfassenden Standbildern zu sehen:

- For Whom the Mel Bowls < "For Whom the Bell Tolls", dt. "Wem die Stunde schlägt" (Sideshow Mel spielt Bowling)
- Finding Blinky < "Finding Nemo" (mit Spingfields dreiäugigem Fisch als Nemo)
- Sideshow Bob Ross (Sideshow Bob als TV-Zeichenlehrer)
- Guest Stu's Coming to Skinner < "Guess Who's Coming to Dinner", dt. "Rat mal, wer zum Essen kommt" (Disco Stu zu Gast bei Rektor Skinner)
- Dis-Homer-able Dis-Marge (Homer und Marge werden unehrenhaft [dishonorably] aus der Armee entlassen [discharged])
- C.H.U.M. Kind of Wonderful (Diese Anspielung verstehe ich nicht; man sieht Martin Prince und eine Roboter-Cheerleaderin)
- Otto's Erotic Grass Fixation < auto-erotic asphyxiation (Otto hält eine Bong, die einer nackten Frau nachempfunden ist)
- Grimes and Misdemeanors < crimes and misdemeanors (Frank Grimes begeht Ordnungswidrigkeiten [misdemeanors])
- Snake on a Plane < "Snakes on a Plane" (mit dem Gangster Snake)
- Washy-Mon < "Rashomon" (Marge öffnet eine Packung "Mr. Sparkle")
- Once Upon a Time in a Vest (dürfte klar sein; Nelson Muntz im Wilden Westen)
- Wild Wild Vest (dito)
- Vest Side Story ("West Side Story" mit, genau, Nelson)
- So You Frink You Can France? < "So You Think You Can Dance" (Prof. Frink in Paris)
- Moe Money, Moe Prom-Blems < "Mo Money Mo Problems" (Moe auf einem Abschlussball [prom])
- Kang, Kang, Kang Went the Trolley < "Clang, clang, clang went the trolley" (Das musste ich erst recherchieren: Es ist der sog "Trolley Song" aus dem Judy-Garland-Film "Meet Me in St. Louis")

Freitag, 28. Oktober 2022

Es ist Deutschland hier

Weil kürzlich der Wortvogel "Fake Germany" zum Thema hatte: Auf meiner Festplatte lagen noch zwei Screenshots, die ich von der HBO-Serie "The Staircase" (dazu demnächst mehr) gemacht hatte. Einmal mehr musste auch ich mich darüber wundern, dass selbst High-prestige-Produktionen regelmäßig auf eine realistische Darstellung Deutschlands pfeifen.


Dass es keine eigenständige Gemeinde namens Graefenhausen (sic) auf deutschem Boden gibt: geschenkt. Aber dass man nicht mal einen unterbezahlten Praktikanten ein paar Minuten googeln lassen kann, wie deutsche Autokennzeichen funktionieren, ist schwach. Und ganz ehrlich: Gibt es Häuser, wie wir sie auf den obigen Fotos sehen, irgendwo in Deutschland? Ich kann es mir nicht vorstellen; die Architektur, die Anordnung, sie wirken schlichtweg falsch.

Das dumpfe Gefühl der Falschheit beschlich mich auch in einer Folge von "Person of Interest", als nämlich in einer in Berlin spielenden Szene ein einzelner Streifenpolizist durch einen Bahnhof patrouillierte. Zwar weiß Wikipedia: "Eine Streife kann allein oder zu mehreren (bis zur Zug- oder Gruppenstärke) erfolgen, wobei die häufigste Form der Streifengang zu zweit ist", doch wann hat man bitte zuletzt einen unbegleiteten Schutzmann ABV-mäßig durch den öffentlichen Raum wandeln sehen? Fehlte nur noch, dass der Cop pfeifend seinen Schlagstock am Handgelenk schwingen ließ. Unnötig zu erwähnen, dass die Uniform aus reiner Fantasiekleidung bestand.

Mittwoch, 26. Oktober 2022

TITANIC vor zehn Jahren: 11/2012


Ich habe nicht mehr die leiseste Ahnung, welche Plagiatsaffäre im Herbst 2012 das Topthema in Deutschland war. Im Heft selbst konnte ich auch keine Hinweise finden. Guttenberg kann es nicht gewesen sein, das war ein Jahr vorher. Wie auch immer, man sehnt sich die Zeiten zurück, in denen solch peinliches Klein-Klein für unterhaltsame Schlagzeilen sorgte – und für entsprechende satirische Reaktionen.

Aufmacherlieferant in der Novemberausgabe war indes Peer Steinbrück, dessen Kanzlerkandidatur die SPD soeben verkündet hatte. Mit Mark-Stefan Tietze und Stephan Rürup durfte ich ein "Heft im Heft" zusammenstellen, das den Bewerber dem Volk näherbringen sollte, u.a. mit einem Freundschaftsbuch ("Der Kandidat von seiner menschlichen Seite!") und einer Rede-Honorar-Tabelle ("Transparenz total! [Wg. Kritik]").


Erinnert sich noch jemand an Peers Kult-Aussage vom "jemanden hinter die Fichte führen"? Egal. Höhepunkt des kompakten Wimmelartikels ist jedenfalls die Humor-Rückseite, die einmal mehr beweist, was für ein stilistischer Tausendsassa Rürup war bzw. ist (ebenso wie sein Nachfolger Leo Riegel):


Aufmacherwürdig wäre auch das Presse-Spezial "Traumberuf Journalist" von Fischer/Wolff/Ziegelwagner (S. 36-43) gewesen. Für verlässliche Lachsalven bei Live-Lesungen sorgte insbesondere der Leitfaden "Mach mehr draus", in dem es darum ging, auf welche Art verschiedene Medien eine Agenturmeldung verwandeln. Auszug:


Die Rubrik "Sagen Sie jetzt nichts" im Zeit-Magazin lädt seit je zum Persiflieren ein, und Titanic ist mehr als einmal darauf angesprungen, darunter in der vorliegenden Ausgabe auf S. 48f.:


In die Kategorie "Dinge, die man nur in Titanic bringen kann" fällt auch meine Parodie der SZ-Magazin-Kolumne "Hotel Europa", die ich in der (zugegeben ansonsten nicht sonderlich herausragenden) vierten Ausgabe von "55ff" unterbringen konnte. Dass sich das vermutlich nur einem Dutzend Leuten erschlossen hat, von dem es auch höchstens die Hälfte komisch fand, hat mich nicht davon abgehalten, Jahre später auch noch das "Sprachlabor" der Süddeutschen zu parodieren.
 

Und apropos "Nischenhumor für Kenner": Moritz Eggert hat sich bei der Vertonung von Simon Borowiaks Beitrag "Herbstlied" in der Reihe "Das neue deutsche Volkslied" wieder einmal aufs Herrlichste ausgetobt.


Massentauglicher und dabei gleichfalls dem Herbstthema verpflichtet war das herausnehmbare "KastaniSutra" in der Heftmitte, für das die Herren Hintner und Rürup tagelang wie (frühreife) Kindergartenkinder Kastanienmännchen gebastelt haben. <3


Weiteres Notierenswertes
- Die zwei Monate zuvor als Praktikantin tätig gewesene Hatun D. (Nachname von mir abgekürzt, denn womöglich schämt sie sich heute dafür) hatte eine kurzlebige Kolumne titels "Mit den Augen einer Islamistin", deren erste Folge hier auf Seite 54 zu lesen ist. Ich weiß noch, wie begeistert wir in der damals noch arg homogenen Redaktion waren angesichts der Aussicht, eine junge Frau, zumal mit Migrationshintergrund, ans Heft zu binden, doch schlug die talentierte Autorin alsbald andere Wege ein.
- Treu blieb uns immerhin Ex-Praktikant V. Witt (Vorname von mir abgekürzt, einfach so), der mit einem Aufsatz über Männerbrüste seinen Ruf als Experte für Unappetitlichkeiten (später allzu oft Fäkales) festigte. Die verstörende Fotomontage erspare ich euch an dieser Stelle.
- Praktikanten zum Dritten: Wer als Fotomodell in der (von mir erdachten) Aboanzeige auf Seite 17 zu sehen ist, vermag ich überhaupt nicht mehr zu sagen. Es muss einer jener Schülerpraktikanten (häufiger sind und waren sie weiblich) gewesen sein, die gelegentlich für zwei Wochen in der Redaktion "arbeiten", aber nie namentlich in Erscheinung treten. Was aus denen allen so geworden ist, täte mich ja schon interessieren.
- Nicht weniger als ein Klassiker findet sich auf den Seiten 24 bis 25. Dessen Relevanz und Bekanntheit hat die darin Behandelte um einiges überdauert: Autor Leo Fischer hat die Polemik über Fee Katrin Kanzler jahrelang bei jedem seiner Auftritte vor zu Recht mitgerissenen Zuhörenden vorgetragen, während die portraitierte Schriftstellerin ("Die Schüchternheit der Pflaume") nahezu in Vergessenheit geraten ist.
- Ha, beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses komme ich doch noch drauf, gegen wen damals Plagiatsvorwürfe laut geworden waren: Annette Schavan! Die ist nämlich als Autorin der Rubrik "Vom Fachmann für Kenner" aufgeführt. (Ein Running Gag: Weil der "Fachmann" nicht von einer einzelnen Person verfasst wird, aber irgendetwas in der Autorenspalte stehen muss, taucht dort stets ein/e "Versager/in des Monats" auf.) 

Schlussgedanke
Viele Ein- und Zweiseiter fügen sich (mit einem sensationellen Achtseiter) kurzweilig zu einem Spätjahres-Glanzlicht zusammen. Auch meine eigenen Beiträge sind heute noch vertretbar und maßvoll amüsant.

Sonntag, 23. Oktober 2022

Des Landes Oberhaupt

Neulich lief, weil es sich halt manchmal nicht vermeiden lässt, der Fernseher, und in einer sich als seriöses Format gebenden Sendung fiel die Formulierung "Ukraines Präsident". Huh? Hatte ich mich verhört? "Ukraines Präsident": Ob das wohl schon mal jemandem rausgerutscht ist? Ich googelte und fand erschreckend viele Belege für diese Wortfolge, darunter in der FAZ, beim Stern, auf zdf.de, im Hamburger Abendblatt und beim BR.

Es ist doch nicht sonderlich kompliziert. Das Land heißt die Ukraine. Genitiv: der Ukraine. Wer Präsident dieses Landes ist, ist "der Präsident der Ukraine" oder, will man das Substantiv vermeiden, "der ukrainische Präsident". Man sagt doch auch nicht "Mongoleis Präsident", "Schweiz' Ständerat" oder "Walacheis Täler". Oder "Türkeis Präsident" (bzw. schon, zumindest bei RTL, in der Welt, beim Tagesspiegel u.v.a.m.).

Die Motivation hinter dem Fehlerchen ist freilich klar: Man behandelt den geographischen Namen so, als hätte er keinen Artikel, und dann kann man, analog zur Personennamen-Deklination ("Käthes Opa"), ein -s auch an den femininen Genitiv hängen. Ich sehe allerdings überhaupt keine Tendenz, dass der Ländername die Ukraine ihren Artikel verliert, wie es bei(m) Iran oder Jemen seit einigen Jahren in der Berichterstattung der Fall ist. Nun ja, mehr fällt mir dazu auch nicht ein, außer vielleicht noch dies: Manche Ländernamen haben im Deutschen einen Artikel und im Englischen keinen, andere haben im Englischen einen und im Deutschen nicht (Gambia vs. The Gambia; die Slowakei vs. Slovakia).

PS: Bei Zweifelsfällen bzgl. Namen von Orten in der Ukraine konsultiere man die Website des hier schon einmal gewürdigten Ständigen Ausschusses für Geographische Namen, der 2021 eine handliche Tabelle erstellt hat.

Freitag, 21. Oktober 2022

Ergebnisse der Knofi-Konfi

(Offenlegung: Zuerst war dieser Beitrag überschrieben mit "In memoriam Knofi Annan".)

(Transparenzerklärung: Fast alle Beiträge, die ihr diesen Monat lest / gelesen habt / gelesen haben werdet, wurden voreingestellt. In der Zeit zwischen Niederschrift und Veröffentlichung dieses Tests mag das getestete Produkt schon wieder aus den Regalen verschwunden sein.)


Ich musste sie natürlich mitnehmen, zumal sie für den Sonderpreis von 99 Cent bei Rewe auslag: die "Limited Edition" Fiesta Aioli Style von Crunchips. Im Gegensatz zu Zwiebeln mag ich Knoblauch sehr ... Augenblick, der Satz liest sich ja so, als wollte ich aussagen: Zwiebeln mögen keinen Knoblauch, aber ich. Nein: Ich mag keine Zwiebeln, aber Knoblauch mag ich. Aioli habe ich sogar schon mal selber gemacht. Doch reicht das Attribut "knoblauchig" für eine Chipssorte aus? Fehlt da nicht eine zweite Komponente? 

Wir reißen die Tüte auf. Aha, hm, kein aufdringlicher Geruch. Auch der Geschmack ist nicht vordergründig aioli-zentriert. Das bleibende Knoblauch-"Erlebnis" stellt sich verzögert ein, als Nachgeschmack, der leider auch durch Zähneputzen nicht vollständig zu beseitigen ist. Von einer "Knoblauchfahne" möchte ich nicht sprechen, aber direkt angenehm ist das nicht. Beim Knabbern (zu Bier) hatte ich noch eine Wertung von 6 von 10 Punkten im Sinn, später im Bett lege ich mich auf 4/10 fest. Zutaten: Kartoffeln, Sonnenblumenöl (33 %), Salz, Knoblauchpulver, Zucker, natürliches Aroma, Hefeextrakt, Säuerungsmittel Citronensäure.

Speaking of things die ich EIGENTLICH mag: Rosinen. Das Früchtemüsli von ja! hat einen Fruchtanteil von 32 %, was echt lobenswert ist bei 1,99 € für den 1000-Gramm-Beutel. Der Anteil an Sultaninen beträgt allerdings 25 Prozent, und das ist selbst mir zu viel. "Warum kaufst du das dann?", könnte man jetzt fragen. Tja, meine Go-to-Müslis von Kölln und Vitalis sind um fast 100 % im Preis gestiegen. Die noch zu kaufen, sehe ich nicht ein!!!

Mittwoch, 19. Oktober 2022

Die wilden 2000er

Habe nun, *lach*, Philosophie, Juristerei etc. XD --- @nichtschubsen (Twitter)
Letzte Woche habe ich bei "Jeopardy!" zum wiederholten Male die Frage zur "Final Jeopardy"-Antwort gewusst, während die drei Kandidaten falsch lagen. Das wollte ich schon triumphierend twittern, doch dann dachte ich: 'Was bringt's?' Was bringt es überhaupt, irgendwas zu wissen, wenn man nicht selbst hinter einem Quizshow-Podium steht? Bildung ist heutzutage kein Kapital im engeren noch im weiteren Sinne. Wobei es einen gewissen sozialen Wert hat: Je mehr man weiß, desto leichter fällt einem Smalltalk, und man kann sich als geschätzter Gesprächspartner einen Namen machen. Meine Titanic-Kollegin Julia Mateus sagte neulich in die Runde: "Ich wünsche mir eine Spielshow im Fernsehen, die nur daraus besteht, dass jemand ein beliebiges Stichwort nennt und Torsten liefert dazu einen Fun fact!" 

Außerdem bereitet es mir Freude, Neues zu erfahren und zu lernen, auch unbrauchbares Fachwissen. So bereue ich es nicht, ein gutes Jahrzehnt lang ein supernischiges Orchideenfach studiert zu haben. Das wäre allgemein mein einziger Rat an junge Leute: Lernt und studiert nur das, was euch interessiert und Spaß macht! Wenn ihr für den Stoff brennt, verkommt das Büffeln, Schreiben und Recherchieren selten zur Qual, ihr werdet im Gegenteil Leidenschaft dabei empfinden und zufrieden feststellen, dass euch (fast) alles zufällt. Der konkrete Mehrwert ("Einkommen") stellt sich schon irgendwann von alleine ein.

Wenn das Studium keine Last ist, die man permanent auf den Schultern trägt, bleibt zudem Zeit für sonstige Erlebnisse. Und damit zurück zu mir. Es ist nämlich keineswegs so, dass ich die gesamten Nullerjahre ausschließlich im Hörsaal, in der Bibliothek und im Internet verbracht habe. Oft war ich auch in der Mensa oder im Café. Und mehr! Zum Glück halte ich seit 20 Jahren jeden Tag fest, was ich unternommen habe, und es stellt sich heraus, dass ich gar nicht ein so trauriges und einsames Uni-Dasein fristete, wie ich es gelegentlich (auch mir selbst gegenüber) darstelle.

Beispielhaft der Sommer 2009. Am 29. August endete eine 13-tägige Ägyptenreise, die ich mit drei Freunden unternommen hatte. Bevor wir um 15.45 Uhr von Kairo via Frankfurt nach Dresden zurückflogen, hatten wir noch die Zitadelle von Saladin, die Sultan-Hasan-Moschee und die Ibn-Tulun-Moschee besichtigt. Keine 24 Stunden später saß ich anlässlich der Landtagswahl in einem Briefwahlvorstand im Rathaus. Und noch am selben Abend, vermutlich direkt im Anschluss, ging ich zum gemeinsamen Biertrinken in die Neustadt. Eine Woche danach wiederum war ich auf der Berliner Funkausstellung. (Ich hatte, glaube ich, schon einmal erwähnt, dass der Besuch der IFA eine lange gepflegte Familientradition war.) Nicht minder ereignisreich war die Woche vor dem Urlaub: Laut meinem Wochenplaner war ich am Montag Blut spenden, am Dienstag bei einem psychologischen Computerexperiment, am Mittwoch beim Friseur und abends im Biergarten, am Donnerstag bei einem Freund grillen und am Freitag auf einer Hochzeitsfeier!

"Psychologisches Computerexperiment"? Oh ja! Mich der psychologischen Fakultät als Versuchsperson zur Verfügung zu stellen, war ein veritabler Nebenjob von mir. Darüber wird in einem gesonderten Blogpost zu erzählen sein. Seid gespannt!

Montag, 17. Oktober 2022

Kurz notiert: Vampirische Shows

Sehe ich das richtig, dass in den letzten Wochen nicht weniger als vier Serien angelaufen sind, in denen es um Vampire geht? Nämlich:
- Reginald the Vampire (SYFY)
- Vampire Academy (Peacock)
- Interview with the Vampire (AMC)
- Let the Right One In (Showtime)
Nun, ich werde keine davon anschauen, denn ich mag nichts, wo Vampire drin vorkommen. Verklagt mich doch!

Samstag, 15. Oktober 2022

Bockch auf Bildung

Vor kurzem fiel mir die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik (Band 89) in die Hände. 'Was man so alles erforschen kann!', dachte ich mit Blick auf den Aufmacherbeitrag von Andrin Büchler et al.:


Wer sich unter "k-Affrizierung" nichts vorstellen kann: Das ist das schweizerdeutsche Phänomen, in der gesprochenen Sprache Silben auf -k einen Hintergaumen-Reibelaut anzuhängen, also "Glückch", "Sackch" usw. zu sagen. Aus Zeitgründen habe ich den Artikel nur überflogen, hier ist ein Teil der Zusammenfassung:


Ich will nicht angeben, aber ich hätte durch bloßes Nachdenken ähnliche Schlüsse gezogen. Mit bloßem Nachdenken betreibt man jedoch keine Wissenschaft, sondern mit Empirie! Ein Sample von 16 Gewährspersonen ist natürlich nicht besonders aussagekräftig, aber es wird im Fazit angekündigt, noch weitere Untersuchungen folgen zu lassen.

Meine private (nicht ganz ernst gemeinte) Theorie zur Berner -k-Aussprache ist ja, dass diese vom jahrelangen Toblerone-Konsum herrührt: Der harte Gaumen (Palatum) wird durch die Schokodreiecke zerstört und artikulatorisch unbrauchbar gemacht, so dass sich alles nach hinten verschiebt.

Donnerstag, 13. Oktober 2022

Denkt an die Kinder!

Wenn man früher in Ländern mit höheren Lebensmittelkosten als in Deutschland zu Gast war, etwa in Norwegen oder in der Schweiz, dachte man sich beim forschenden Gang durch die Supermärkte: 'Himmel, die armen Menschen, die hier leben! Wie kommen die nur über die Runden?' Es dauerte dann einen bis zwei Gedankensprünge, bis einem klar wurde, dass dort die Reallöhne und die Kaufkraft ebenfalls höher waren. Im Herbst 2022 haben die Preise in unseren Kaufhallen beinahe skandinavisches Niveau erreicht, ohne dass die Haushaltseinkommen gestiegen wären. Als wären die Sorgen, die seit gut fünf Jahren von diversen Katastrophen und Krisen verursacht werden, nicht genug, muss ein großer Teil der deutschen Bevölkerung nun auch noch unter Existenzängsten leiden. Es ist gerade wirklich nicht schön, auf der Welt zu sein, vor allem wenn man in der Blüte seines Lebens steht und die vage Hoffnung hatte, sich "etwas aufbauen" zu können. Aber ich will gar nicht jammern! Sondern sachte zum eigentlichen Punkt kommen.

Ich habe seit mindestens zehn Jahren keine politische TV-Talkshow geschaut, aber Anfang bis Mitte der Nullerjahre zappte ich regelmäßig und mit Vergnügen zu "Hart aber fair", zum Beispiel während ich Hausaufgaben machte. Jede Woche hatte dabei ein Gast die Rolle des Buhmanns einzunehmen, eine Person mit einer Meinung, die allzu offensichtlich vom Konsens der Talkrunde abwich und nur dazu diente, Zunder in das Format und selbst Moderator Frank Plasberg gelegentlich aus der Contencance zu bringen. Sollte dieses Spiel noch immer so gespielt werden, würde ich gerne mal jemanden in einem Panel sitzen (oder stehen) sehen, der Folgendes vorträgt:

Deutschland ist immer noch ein reiches Land. Das Gebot der Stunde ist Umverteilung. Und dann fängt man erst mal bei den oberen Hundert an. Niemand muss Milliardär sein, heißt es doch immer. Klar. Aber dann sollten wir uns auch die finanziell zweitstärkste Bevölkerungsgruppe vornehmen. Ich sag' Ihnen, wer das ist: Schulkinder. Na-, nein, ja lassen Sie mich bitte ausreden! Wenn ich mittags zu Rewe gehe ... ach so, ja, sicher, es gibt auch noch Edeka, Nahkauf und Norma. Wenn ich jedenfalls zufällig in der Mittagszeit in meinen Stamm-Rewe gehe, was glauben Sie, was da los ist? Der Laden bricht aus allen Nähten, weil er gefüllt ist mit Schulkindern. Da sehen Sie Mädchen und Jungs im Alter von, ich sag' mal neun bis sechzehn Jahren, die stehen allesamt mit vollen Händen an der Kasse. Energydrinks, Chipstüten, Backwaren, Instant-Ramennudeln, Süßigkeiten. Und so geht das jeden Tag. Das ist notabene das Einzugsgebiet ... Wie? Ach so, ja, "wohlgemerkt", danke, Herr Plasberg. Das sind wohlgemerkt hauptsächlich Kinder aus einer integrierenden Gesamtschule, "Problemschule" hätte man früher gesagt, also wo man denkt, da ist das Taschengeld begrenzt. Aber nein, das ist einfach da, fünf, sechs Euro täglich für Junkfood, vermutlich nach dem Unterricht noch einmal. Und das ist nicht nur ein Phänomen in meinem Wohnort, in einer anderen deutschen Großstadt kann ich das ebenfalls beobachten. Wir hatten ... Ich will jetzt nicht den Opa mit dem erhobenen Zeigefinger geben, aber womöglich erinnern Sie sich auch an Ihre Schulzeit, meine Damen und Herren. Da hatte man eine Brotbüchse – Brotkapsel hieß es bei uns auch – mit belegtem Brot, das man von zu Hause mitgebracht hat. Klar, manche von uns sind auch mal in der großen Pause zu Netto gegangen; "ins Netto" haben wir komischerweise immer gesagt ... Hm? Äh, genau, es gibt auch noch Lidl, Aldi oder Penny ... Aber da hat man sich maximal ein Käsebrötchen geholt. Die Gesellschaft müsste eben nicht nur einfach ein Bewusstsein schaffen, man müsste das Konzept Brotdose wieder einführen, davon ab, dass gesunde Ernährung ... Wenn ich das kurz zu Ende führen darf? Das ist ... selbstverständlich wieder eine andere Baustelle, schön, dass wir uns da einig sind. Worauf ich hinaus will: Hier muss der Staat die Schere ansetzen ... Nein. Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich will Familien mit Kindern keineswegs etwas streichen. Jetzt werden Sie unsachlich. Um Bemessungsgrenzen geht es, um Entlastung für hart arbeitende Menschen. Umverteilung eben.

Ob der, der hier spricht, ein Avatar von mir ist oder nur ein Strohmann, verrate ich nicht.

Dienstag, 11. Oktober 2022

Syn-los!

Im Kreuzworträtsel wurde neulich nach "Fremdwortteil: mit, zusammen" gefragt, und als Lösung ergab sich "syl". Einspruch! Die Vorsilbe heißt syn-, und die ändert sich nur im Zusammen(!)spiel mit dem darauffolgenden Glied je nach dessen Anlaut zu syl- (Syllogismus), sym- (Symphonie) oder, seltener, zu syr- (syrréō- "zusammenfließen, -strömen"), sy- (syzáō- "mit-, zusammen leben") oder gar syn- [syŋ] als συγ- geschrieben (συγχωρέω- "zusammengehen"). Sonst könnte man ja auch das deutsche emp- als eigenständige Vorsilbe behandeln, dabei entstand diese aus ent- (*ent-fehlen > empfehlen). Man nennt es Assimilation. Kreisch! Das Wort Assimilation ist ja selbst ein Beispiel für Assimilation.

Sonntag, 9. Oktober 2022

Über den Woken

Patton Oswalts neues Stand-up-Special "We All Scream" kommt nicht ganz an frühere Programme ran, wartet aber im letzten Viertel mit einem wahren Glanzstück auf. Es geht um das leidige Thema Wokeness.

I'm woke … I think. But you know what? I won't be some day. And so will all of you. Be woke, be open-minded, just don't pet yourself on the back. 'Cause that will bite you in the ass. […] Progress will always fucking steamroll over you.

Ja, ja, dreimal ja! Ich bin bereit, das meiste, wofür die "woke army" (lieb gemeint) einsteht, gutzuheißen, ich bin Fan von Toleranz, Respekt, Gleichberechtigung, Sichtbarmachung und Antitoxizität, falls es dieses Wort gibt. Ich klicke auch mal auf "Gefällt mir", wenn jemand Ungerechtigkeit und Diskriminierung outcallt. Worüber ich mich aber innerlich maßlos ärgere, ist die trügerische Einschätzung gewisser Gruppen, an der moralischen Spitze zu stehen; die felsenfeste Überzeugung, dass nach "uns" keinerlei Weiterentwicklung mehr stattfinden könne, weil "wir" den Gipfel menschlicher Erkenntnis erreicht hätten. Woher nimmt man so ein Selbstbewusstsein? Man muss doch in der Lage sein, gesellschaftliche Entwicklungen zu antizipieren – gewiss nicht, welcher Art diese sein werden, aber dass sie stattfinden, wird einem schwanen, wenn man eine Weile auf diesem Planeten verbracht hat. Klar kannst du in einem halbstündigen Video-Essay aufdröseln, warum der Hollywood-Klassiker von 1983 "problematisch" ist, aber sei gefälligst darauf gefasst, dass in 25 Jahren ein aufgeweckter Teenie auf QuippQuapp (erfundener TikTok-Nachfolger) darlegt, weshalb die Lieblingsserie deiner Kindheit oder ein von dir verehrter Influencer zu beanstanden sei. (Das Wort "canceln" pflege ich zu vermeiden, denn einen glasklaren Fall von popkultureller Total-Vernichtung möge man mir noch vorlegen.) Im Jahr 2040 sind es womöglich "Peppa Pig" oder Billie Eilish, die "gar nicht mehr gehen", aus Gründen, die wir zurzeit nicht mal erahnen. Der Satz "Was heute falsch ist, war auch damals falsch" sagt sich nämlich so leichtfertig daher wie "Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein". Hm, das ist ein missglückter Vergleich, Entschuldigung! Lassen wir lieber Patton Oswalt zu Wort kommen, der sich ein ulkiges Beispiel aus seinem Metier zusammenspinnt:
I'll be doing comedy when I'm 70 and I will let slip something that I won't be able to keep up with. I'll be like, "I don't think people should fuck their clones!" – "Boooo!" […] Then I'll double down: "So, when I grew up, you didn't jerk off in a test tube and fuck whatever came out of it. If that makes me the bad guy, I'm sorry!" – "Boo!"

Irgendwann sind wir alle Boomer. Das sollten wir uns durch den Kopf gehen lassen, bevor wir uns zur unfehlbaren Werte- und Geschmacksinstanz erheben. Mit ein paar zeitlosen Tugenden könnten wir sogar die Jauchengrube Facebook zu einem erträglichen Ort machen. Einfühlungsvermögen, Gelassenheit, Empathie. Mit sich selbst streng und kritisch sein. Sich eingestehen, dass man nicht perfekt ist. Am besten gar nicht erst aufs hohe Ross steigen, sonst kommt man später allzu schwer wieder herunter.

Freitag, 7. Oktober 2022

Albernes zum Wochenschluss

Drogen vor Gericht 

Rollen: Sprecher, Richterin, Angeklagter (rotzig, vorlaut), (verzerrte) Stimme am Telefon

{dramatische Musik}
Sprecher: Drogen vor Gericht. Heute: Der 20jährige Julius Becker soll vor dem Gelände seiner ehemaligen Schule mit Amphetamin gedealt haben. Die Beweislast ist erdrückend. 

{leichter Hall wie in einem Gerichtssaal}
Richterin: Herr Becker, Sie haben gehört, was die Staatsanwaltschaft Ihnen vorwirft: Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge. Was sagen Sie dazu?

Angeklagter: Mir doch egal. Ich war das nich'. Ist doch eh alles gelogen. 

Richterin: Sie meinen also, die Zeugenaussagen sind erfunden? Zum Beispiel die von der Lehrerin, die Sie identifiziert hat?

Angeklagter: Ja klar, Mann. Die Alte labert nur Schwachsinn. Gucken Sie sich die mal an! Wie die schon aussieht – die hat voll die Scheißfrisur!

Richterin: Und was ist mit dem Zeugen Mielke, der bei Ihnen am 3. März eine sogenannte Speedbombe gekauft hat?

Angeklagter: Den könn'Se doch gar nicht ernst nehmen. Die Frisur von dem ist sooo scheiße, da muss ich lachen, ey!

Richterin: Schließlich wurden Sie ja auch von der Polizei auf frischer Tat ertappt … 

Angeklagter: Ja ja, die Bullen.

Richterin: "Polizisten".

Angeklagter: Whatever … Die hatten mega beschissene Frisuren.

Richterin: Zu etwas anderem: Sie sind ja einschlägig vorbestraft. 2017 sollen Sie einem Klassenkameraden 15 Gramm Marihuana gegeben haben, damit er für Sie einen Aufsatz über "Kabale und Liebe" schreibt.

Angeklagter: Das ist so lächerlich! Der Typ hatte damals 'ne Scheißfrisur und hat heute 'ne Scheißfrisur. Und Friedrich Schiller hatte auch 'ne Scheißfrisur.

Richterin: Jedenfalls wurden Sie dafür zu einer Woche Dauerarrest verurteilt.

Angeklagter: Boah, das war so räudig. Die hatten dort voll die ekligen Scheißfrisuren.

Richterin: Herr Becker, Sie haben vor dem Untersuchungsrichter ein Teilgeständnis abgelegt. 

Angeklagter: Ja, Alter, der hatte halt 'ne Scheiß-Frise! Und du auch!

Richterin: Sie duzen mich nicht!

Angeklagter: Whateveeeer. "Sie" …

Richterin: Was ist mit mir?

Angeklagter: Sie ham 'ne Scheißfrisur.

Richterin: So, das reicht. Ich unterbreche die Verhandlung, bis Sie sich beruhigt haben! {Stühlerücken, Schritte, Türenknallen}

Richterin {jetzt allein in einem Raum, in dem es nicht hallt} {murmelt} Das gibt’s doch nicht, so eine Unverschämtheit. {Telefontippen und -tuten} {Am anderen Ende geht jemand ran, der aber nur als ununterbrochene "Mickey-Mouse-Stimme" wie in altmodischen Filmkomödien zu hören ist} Ja, hallo Gundula, ich bin's. Du, ich muss dich mal was fragen, und ich möchte dich bitten, ganz ehrlich mit mir zu sein: Habe ich eine Scheißfrisur? … Hm-hm …. Aha …. Ja … {immer gereizter werdend} Nein … Wieso? … Nein, wir tragen keine Perücken bei Gericht! … Na, das ist ja interessant! Ich dachte, du wärst meine beste Freundin! … Ja, du auch. Tschüss! {knallt den Hörer auf die Gabel} Manchmal werde ich in meinem Beruf auf eine harte Probe gestellt. So viel Belastung und Stress hält man schwer aus. Zum Glück gibt es jetzt: Laudanum light plus – die mild-bekömmliche Opiumtinktur für zwischendurch aus dem Hause Bayer. Hmmmmmm. 

Sprecher: Laudanum light plus kann sich negativ auf Kontur und Volumen der Kopfbehaarung auswirken. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker oder Dealer oder Friseur.

(geschrieben im Juli 2019 für den Titanic-Podcast)

Donnerstag, 6. Oktober 2022

Lins mal wieder!

Wenn es früher bei uns daheim oder bei den Großeltern Linseneintopf gab, gehörte es dazu, neben Besteck und Geschirr drei zusätzliche Dinge auf dem Esstisch zu platzieren. Egal wie gut der Eintopf bereits abgeschmeckt und durchgezogen war, man musste in seinen gefüllten Teller stets noch drei Prisen Salz, einen halben Teelöffel Zucker und einen halben Esslöffel Essig geben. Das waren die Tüpfelchen auf dem iii, so kitzelte man das ultimative Aroma hervor. Ich habe mir kürzlich vegetarische Linsen in der Dose von dm-Bio geholt: Kann man durchaus essen, aber der richtige Nostalgie-Schmackofatz-Faktor stellte sich erst nach Zugabe von drei Prisen Salz, einem halben Teelöffel Zucker und einem halben Esslöffel Essig ein.

Witzig ist, dass man Linseneintopf in Österreich Linsengericht nennt. Man könnte entweder das "-gericht" weglassen oder mit einem Endglied definieren, um was für eine Art von Gericht es sich handelt, aber nein: Linsengericht. Das erste Mal stieß ich auf diesen Ausdruck in einem der lustigsten Listenbücher aller Zeiten, "Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen" von Jörg Metes und Tex Rubinowitz, auf Seite 58: "16 Gründe dieses Linsengericht zu essen"; zu sehen ist ein Teller Linsen, in dem 16 Linsen mit Strichen durchnummeriert sind.

Dienstag, 4. Oktober 2022

Mein rechter, rechter Spruch ist frei

Vergangene Woche hat das Bundesverteidigungsministerium erklärt, dass die Feldjäger-Abteilung der Bundeswehr ihren Wahlspruch beibehalten werde. Zuvor hatte der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus in einem Schreiben an die Ministerin eine Änderung angeregt. Das Motto lautet nämlich seit 1955 Suum cuique, "Jedem das Seine". Und wird es auch weiterhin lauten.

Ich finde das grundfalsch. Egal ob auf Lateinisch oder auf Deutsch, die Wortfolge ist verbrannt, belastet, vergiftet. Sie zu lesen, egal ob auf einem Barrett oder über einem Gitterzaun, erzeugt gewiss nicht nur bei mir ein ganz flaues Gefühl im Magen. Da nützt es auch nichts, dass Ministerin Lambrecht (SPD) "einen aus der Antike überlieferten Rechtsgrundsatz" bemüht und sich auf eine "meritokratische Bedeutung" beruft, welche das entsprechende Emblem als "wertegebundene[s] Identitätssymbol" heraufbeschwöre (zitiert nach "Welt online"). Selbstverständlich kann man "Jedem das Seine" so deuten: Wer immer strebend sich bemüht etc.; ja, neutral gelesen à la "Jedem Tierchen sein Plaisierchen" könnte der Spruch sogar sympathisch liberal wirken. Aber in Buchenwald bedeuteten die Worte nun mal das glatte zynische Gegenteil: Du bist hier, weil du es verdient hast.

Noch einmal: Es mag sein, dass der Stern der Feldjäger und die Wahl von "Suum cuique" "einen bewussten Bruch mit der Militärpolizei im 'Dritten Reich'" (die ihre Plakette ja als "Feldgendarmerie" bzw. "Feldjägerkorps" auswies) darstellen und vielmehr eine "preußische Überlieferung" wiederaufnehmen sollte (welche im Übrigen auch mal zu hinterfragen wäre), aber mit derselben Argumentation könnte man den Olympischen Gruß wieder salonfähig machen, weil der ja auch vor der NS-Zeit und ohne faschistische Bezüge erfunden wurde. Da halte ich es mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden Josef Schuster, für den das Symbol "unauslöschlich mit dem nationalsozialistischen Massenmord verbunden" ist (zit. n. welt.de).

Eins noch muss so deutlich wie nötig und so vorsichtig wie möglich festgehalten werden: Es gibt unter den Feldjägern eine Zahl von Mitgliedern größer null, die der Zeit der Lager mindestens unkritisch gegenüber stehen. Mit welch eklem Stolz und barbarischer Berufung tragen die das Sprüchlein wohl durch die Gegend?

Sonntag, 2. Oktober 2022

Serientagebuch 09/22

05.09. MacGruber 1.01
The Old Man 1.06
House of the Dragon 1.03
06.09. I'm Alan Partridge 1.01
MacGruber 1.02
08.09. I'm Alan Partridge 1.02
The Old Man 1.07
MacGruber 1.03
10.09. I'm Alan Partridge 1.03
I'm Alan Partridge 1.04
Mr. Robot 4.01
11.09. The Staircase 1.01
The Staircase 1.02
12.09. I'm Alan Partridge 1.05
I'm Alan Partridge 1.06
House of the Dragon 1.04
The Big Bang Theory 12.04
13.09. The Big Bang Theory 12.05
14.09. Mr. Robot 4.02
15.09. MacGruber 1.04
The Staircase 1.03
The Staircase 1.04
19.09. I'm Alan Partridge 2.01
20.09. I'm Alan Partridge 2.02
House of the Dragon 1.05
21.09. I'm Alan Partridge 2.03
22.09. I'm Alan Partridge 2.04
24.09. I'm Alan Partridge 2.05
26.09. The Staircase 1.05
I'm Alan Partridge 2.06
Family Guy 21.01
28.09. Mr. Robot 4.03
The Staircase 1.06
The Simpsons 34.01
29.09. MacGruber 1.05
MacGruber 1.06
House of the Dragon 1.06
The Big Bang Theory 12.06
30.09. Mr. Robot 4.04

The Old Man ist eine Serie, die sich Zeit lässt. Viel Zeit, für alles; selbst Kampfszenen werden ins schier Einschläfernde ausgedehnt. Ich heiße es gut, wenn man nicht durch die Handlung hetzt, um "Dichte" herzustellen. Jedoch kann die Pacing-Waage auch ins andere Extrem umschlagen, indem man nämlich zu viel Tempo rausnimmt, und das ist hier geschehen. Muss man aus einem Roman von 352 Seiten (Orginalausgabe 2017; Autor: Thomas Perry) einen Siebenteiler machen, bei dem obendrein jede Folge eine knappe Stunde Laufzeit hat? Ein zweistündiger Film wäre hier m.M.n. die bessere Umsetzungsform gewesen. Fesselnd ist der Katz-und-Maus-Thriller um einen gealterten CIA-Haudegen und dessen Aktivitäten im sowjetisch-afghanischen Krieg streckenweise schon (Spoiler: Mit dem "alten Mann" ist jemand anders gemeint, als man anfangs glaubt!), und den Gegenspielern Jeff Bridges / John Lithgow sieht man so gerne zu wie dem Duo Harrison Ford / Tommy Lee Jones. Inszenatorisch gibt es bis auf die angesprochenen Längen auch nix zu bemängeln, Regie führte u.a. Greg Yaitanes, der sich zurzeit in "House of the Dragon" die Ehre gibt. Am Ende habe ich leider den Faden verloren. Eine zweite Staffel wurde angedeutet, aber da bin ich dann wohl raus.

Letztes Mal hatte ich geäußert, mit Steve Coogan und seinen Figuren kaum vertraut zu sein, und nachdem ich von "Saxondale" so begeistert war, stürzte ich mich nun endlich ins "Partridge-verse". Ich hätte nicht gedacht, dass I'm Alan Partridge sooo lustig ist! Vor allem muss man sich vor Augen halten, dass die erste Staffel 1997 gesendet wurde, also Jahre bevor Cringe-Comedy zum weltweiten Serienphänomen wurde (zumal "Knowing Me, Knowing You... With Alan Partridge" bereits 1994 seine TV-Premiere hatte). Sogar David Brent wirkt neben dem peinlichen Radiomoderator bisweilen wie ein Abklatsch desselben (wobei man "The Office" zugute halten muss, dass mit ihm das Format Mockumentary salonfähig wurde). Die Witze sowohl in der ersten als auch in der fünf Jahre später (!) gelaufenen zweiten und letzten Staffel zünden bis auf wenige Ausnahmen auch noch in den 2020er Jahren. Alle zwölf Drehbücher verfasste Coogan gemeinsam mit Peter Baynham (langjähriger Sacha-Baron-Cohen-Schreibpartner) und Armando Iannucci ... and it shows!