Sonntag, 24. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (5.2)

Heute: "Joggen auf LSD" (Fortsetzung) von Paulina Stulin

Das Heimkehren stellte mich vor eine neue Herausforderung, denn nun musste ich mehr machen als atmen und nach vorne laufen. Ich musste meine Zeit gestalten. Nach kurzen Erwägungen war klar, dass es das Beste sein würde, erst mal Musik von James Blake anzumachen und auf dem Boden herumzurollen.

Ich fühlte mich schon wieder wie so ein Racker, der es faustdick hinter den Ohren hat und sich einen Spaß nach dem anderen erlaubt, während alle anderen sich mit langweiligem Quatsch herumplagen.

Nachdem ich mich eine Weile in alle Richtungen gebogen und gedehnt hatte, schnibbelte ich mir zwei Kohlrabis zurecht und begann, snackend in einem Comic zu schmökern.

Als der letzte Bissen wegschnabuliert war, wurde ich auf die Probe gestellt. Würde ich es schaffen, meinen frisch gewonnenen Erkenntnissen Taten folgen zu lassen und nicht wie ferngesteuert zum Kühlschrank zu gehen und mir die nächste Portion zu holen?

Ich wollte so gerne hier und jetzt eine Zäsur setzen, eine neue Normalität etablieren, indem ich der Gewohnheit widerstand, die mich mit aller Kraft auf alten Kurs lenken wollte.

Ich wollte einer dieser Leute werden, für die Essen gar kein Thema ist, die intuitiv essen, die sogar Mahlzeiten ausfallen lassen, weil sie sie schlicht vergessen. Die nach einer halben Pizza aufhören, weil sie schon genug haben.

Aber alles in mir schrie nach MEHR! Ich ergab mich dem Drang, spachtelte mir noch zwei vegane Steaks rein und schob noch zwei Kohlrabis hinterher, aber ich wurde und wurde einfach nicht satt.

Dann kam mir eine gute Idee: Duschen. Ich setzte mich in meine Badewanne und quoll über vor Entzücken, als ich genau die richtige Wassertemperatur fand und daraufhin schön ausgedehnt die Brause auf mich niederprasseln ließ. Leibliches Wohl in Reinform. Wasser schon wieder, ey.

Frisch gewaschen und erschöpft legte ich mich ins Bett. Ich sagte mir: Du musst jetzt nichts machen, außer einfach nur daliegen. Das Simpelste auf der Welt.

Doch ich konnte keine Ruhe finden. Es war inzwischen früher Nachmittag und das Geballertsein weiterhin sehr stark. Kurz verfiel ich ins Quengeln darüber, dass die Wirkung jetzt endlich mal aufhören und alles wieder normal werden sollte. Doch im nächsten Moment verstand ich, dass ich mich besser damit abfinde, was ist, statt in Widerstand gegen etwas zu gehen, was ich eh nicht beeinflussen kann.

Ich entschied mich dazu, zu schreiben. Genau das Richtige, genau das, was ich gerade brauchte. Die Worte flossen nur so aus mir heraus, ich amüsierte mich köstlich über mein Treiben und kam mir wieder vor wie so ein rotzfrecher Witzbold, der einen Unfug nach dem anderen anstellt, ohne nach Erlaubnis zu fragen.

Irgendwann war dann das Drängendste in die Tastatur hineingeblutet, und ich empfing das innere Signal, dass es jetzt mit etwas anderem weitergehen müsse.

Doch was?

Sofort ploppten mir Fantasien von Burgern, Eiscreme und Sushi in den Sinn. Ich spürte, dass ich aus dieser Situation raus musste, war vom Joggen jedoch körperlich schon total ausgezehrt. Ich wälzte mich unter quälender Anspannung hin und her, erst auf dem Boden, dann auf dem Bett, dann wieder auf dem Boden, schaltete den Computer ein und wieder aus, suchte das richtige Hörbuch für meine Stimmung und fand es nicht. Ich wollte irgendwas, und zwar viel davon.

Mein Herz wummerte auf Hochtouren, und gleichzeitig hatte ich kaum Energie, um aufzustehen. Ich ließ mich noch etwa eine halbe Stunde von meinen inneren Widersprüchen foltern, bis ich es nicht mehr aushielt und mich trotz der Schwäche hinausscheuchte, um nicht mehr mit diesen unsichtbaren Monstern allein zu Hause eingesperrt zu sein.

Ich setzte mich auf mein Fahrrad und trat angestrengt in die Pedale, befürchtend, dass ich mir in meinem Zustand vielleicht doch zu viel zumutete, doch siehe da, mit jedem Meter wurde mein Leiden ein bisschen erträglicher, und der verbissene Drang, die ganze Welt aufzuessen, erstarb.

Ich fuhr wieder in den Wald, stöpselte mir ein Hörbuch ins Ohr, stapfte los und zählte meine Atemzüge von zehn rückwärts. Plötzlich galoppierte eine Wildschweinfamilie nur wenige Meter an mir vorbei. Die Mutter blieb stehen, musterte mich ein paar Sekunden und zog dann unbeeindruckt weiter. Der Schreck wich aus mir wie Luft aus einem Luftballon, der gerade fast geplatzt wäre.

Die Wirkung begann abzuklingen. Ich surfte zwar immer noch auf einer kleinen Welle des Highseins, spürte aber immer mehr den Schalk aus meinem Nacken weichen. Die Dinge wurden immer selbstverständlicher.

Die letzten Schritte, bevor ich wieder bei meinem Fahrrad ankam, taten richtig weh, meine Hüfte hatte gar keinen Bock mehr und auch nervlich war ich total am Ende.

Ich war froh, es aus meiner inneren Hölle herausgeschafft zu haben, doch ich hatte nicht den Eindruck, der Bewältigung dessen, was mich da zu Hause gepeinigt hatte, näher gekommen zu sein. Rauszugehen war definitiv besser, als mich weiter zu überfressen, aber irgendwie dann doch bloß eine andere Art Ablenkung. Ich kann nicht vor meinen Problemen wegspazieren.

Inzwischen knacknüchtern im kühlen Abendsonnenschein nach Hause zu radeln war sehr erfrischend und lüftete mein verspultes Gemüt gut durch.

Ich kehrte gesättigt an Eindrücken heim und fraß mich zum Abendessen wie gewohnt voll.

Freitag, 22. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (5.1)

Heute: "Joggen auf LSD" von Paulina Stulin

3.4.2021
Wie schon in den letzten Wochen gab es auch diesen Freitag eine kleine Portion LSD zum Frühstück. Es war heute ein anderes Präparat, nicht die Minipillen von Anja, sondern eine klassische Pappe, die ich mir aus dem Internet bestellt hatte.

Ich schnitt per Augenmaß mit einer Nagelschere fünf gleich große Kerben in das Papier hinein, um mir meine gewohnte Dosis, also ca. 10 Milligramm, einzuverleiben. Während ich den knapp 2 mm breiten Streifen abschnitt, überkam mich eine draufgängerische Laune. Ich scherte noch ein bisschen zur Seite aus, zupfte den größer als geplanten Fitzel ab und schluckte ihn, ohne zweimal darüber nachzudenken.

Ich setzte mich an den Computer und verlor mich in Schreibarbeit, bis ich etwa eine halbe Stunde später von der ersten Schummerigkeitswelle erfasst wurde. Ich war überrascht, wie intensiv schon die ersten Anklänge zu spüren waren, hieß die herangaloppierende Crazyness jedoch willkommen, machte den PC aus und bereitete mich auf meine Joggingrunde vor.

Die Wirkung durchströmte mich immer heftiger. Ich erwartete jeden Moment, dass das erste Aufbranden abebben würde, doch es wurde nur noch stärker.

Ich machte ein paar Aufwärmübungen, zog meine Schuhe an, nahm den Schlüssel mit und ging nach draußen.

Als ich auf die Straße trat, war ich schon veritabel high und trippelte frohgemut los. Doch Meter für Meter wurde alles intensiver. Ich bekam Schiss, dass ich gleich vollkommen vom Rausch überwältigt werde und mit Schaum vor dem Mund in aller Öffentlichkeit kollabiere.

Ich spielte mit dem Gedanken, nach Hause zurückzukehren, entschied mich jedoch, dem Drang, mich zu verkriechen, nicht nachzugeben, sondern mich unbeirrt vor den Augen der Welt dem zu stellen, was auch immer da kommen möge.

Ich besann mich auf den Rat meines Aikidotrainers, mich in Situationen, in denen ich mich unsicher fühlte, auf mein Zentrum, also meine Körpermitte, zu konzentrieren. Ich gab mir Mühe, entspannt zu atmen, und versuchte, die Panik abklingen zu lassen, die die immer unbestreitbarere Tatsache in mir auslöste, dass ich inzwischen total druff war.

Es war alles durch und durch unnormal. Ich geriet mehrfach an den Rand meiner Wahnsinnstoleranz und schaffte es gerade so, nicht auszurasten und tapfer weiterzulaufen. »Joggen auf LSD, das ist also jetzt mein Lifestyle«, dachte ich.

Erinnerungen des Vortages spulten sich vor meinem inneren Auge ab und wurden alle paar Minuten zerrissen durch das immer wieder aufs Neue hereinbrechende Hier und Jetzt.

Als ich eine halbe Stunde später aus einer besonders tiefen Vergangenheitstrance erwachte, fand ich mich mitten im Wald wieder und hieß mich mit einem beschwingten »Welcome back« in der Gegenwart willkommen, als wäre ich gerade aus der Werbepause zu einer Gameshow zurückgekehrt.

Zwischendrin bekam ich immer wieder Besuch von der Angst. Sie schnürte mir die Brust zu, vergiftete meine Laune und machte mich steif. Sie ließ mich Horrorszenarien spinnen, in denen plötzlich eine lebensbedrohliche Katastrophe über mich hereinbrach und mit einem Schlag Schluss mit lustig war. Ich spürte die Angst tief in meinen Knochen und konnte sie mit keiner noch so wohlwollenden Interpretation meiner Lage wegdenken.

Mein Verstand war sich absolut im Klaren darüber, dass diese, lass es 30 mg LSD sein, mich mit Sicherheit in keine irgendwie gefährliche Lage gebracht haben konnten, und doch inszenierte meine Fantasie eine Situation nach der anderen, in der ich völlig außer Rand und Band geriet und zusammenbrach.

Und plötzlich gelang es mir, dieses Szenario gelassen zu Ende zu denken. Aufgescheuchte Rentner, die meinen leblosen Körper beim Gassigehen entdecken und den Notarzt rufen, tatütata, Blaulichtsirene, oh Schreck, der Tod, alles vorbei. Game over. Ei ja, dann sei es so. Sterben ist okay.

Der Rausch entwickelte sich weiter. Ich war inzwischen bei Minute 45 angelangt, mein Kreislauf lief auf Hochtouren, und ich rannte mit voller Kraft voraus, schwitzend und in meinem eigenen Rhythmus angekommen, den Weg an der Fasaneriemauer hoch.

Kurz vor dem Oberfeld sah ich den Obdachlosen, der seit ein paar Wochen sein Lager in einer Überdachung am Straßenrand aufgeschlagen hatte, und grüßte ihn. Kurz erwog ich, ihm einen prächtigen Frühlingstag zu wünschen, nahm mich dann aber zurück und sagte mir, dass ich aufpassen muss, die Leute mit meiner Art nicht zu überfordern.

Ich kriegte es immer besser hin, einen der Situation gemäßen Humor zuzulassen. Ich dachte an den Moment von vor etwa eineinhalb Stunden zurück, als ich mit der Nagelschere absichtlich schräg in die Pappe hineingerutscht war, und betrachtete die Auswirkung dieser Tat, die sich da nun am Entfalten war, immer noch leicht eingeschüchtert, aber dabei gleichzeitig mit einem diebischen Grinsen auf den Backen.

Ich versenkte mich in meine Umgebung und empfand die mannigfaltigen Ausprägungen des Lebens, das sich aus dem Boden – dem Zentrum! – in alle Richtungen verzweigte und hineinwand, als Ausdehnungen meines eigenen Leibes.

Die Menschen, die mir entgegenkamen, bewegten sich so unterschiedlich. Einer sauste schnurstracks an mir vorbei wie ein Pfeil, gerade, spitz und klar, in perfekter Präzision. Ein anderer schleppte sich schnaufend vorwärts wie ein Sack Flöhe, mit völlig ausgefransten Bewegungen. Ein Mädchen, das ich mal betreut hatte, kam mir mit seiner Mutter entgegen, und ich sagte einen Tick zu grell: »Hi!«

Ich hatte das Gefühl, in einem sehr formbaren Zustand zu sein, allgemein in meiner aktuellen Lebenslage, aber auch ganz besonders jetzt in diesem Moment, in dem die sonst so harten Fakten außergewöhnlich aufgeweicht schienen.

Nichts war fix, alles flexibel. Ich sah die Gegenwart als Kante einer Klippe, an der ein kontinuierlich nach vorne preschender Fluss sich in einen rauschenden Wasserfall verwandelt.

Oh, Wasser. Sind seine vielgestaltigen Erscheinungsformen nicht das einzige Metaphernrepertoire, das man braucht, um die ganze Welt zu beschreiben? Wie es im Ruhezustand seine Umgebung spiegelt, mal dahinplätschert, mal in gewaltigen Wellen alles mit sich reißt, mal rhythmisch tropft oder sich als weicher Sprühregen mit der Luft vermischt. Und dann gibt’s ja noch Hagelkörner und Gletscher und Nebel und Wolken! Ach, ach, Wasser macht so wunderbar anschaulich, dass eigentlich alles dasselbe ist, nur in einem anderen Zustand.

Ich bemerkte, dass ich gerade gar keinen Appetit hatte. Ungewöhnlich. Sonst denke ich beim Joggen ständig daran, was ich alles essen würde, sobald ich wieder daheim bin.

Ich dissoziierte, nahm mich wie eine Spielfigur wahr, die ich spielte, sah mich von außen, wie ich mich jeden Abend vollfraß, und blickte mit schonungsloser Klarheit auf diese und meine anderen Obsessionen.

Mir wurde bewusst, dass mein Binge-Eating eine Taktik dafür ist, mir die Tatsache vom Leibe zu halten, dass alles in stetigem Wandel ist. Dass kein Stein auf dem anderen bleibt und dass all das, was ich heute für unverrückbar und gesetzt halte, morgen schon ganz anders sein könnte. Dass nichts sicher ist.

Dass überhaupt all meine eingeschliffenen Routinen, Denkfiguren und Glaubenssätze bloß alberne kleine Bemühungen sind, mir vorzugaukeln, dass ich nicht völlig ahnungslos in einem gleichgültigen Universum umherirre.

Es ekelte mich an, wie automatisch ich in meine Mechanismen verfalle, sobald mir das Bewusstsein darüber zu nah auf die Pelle rückt. Ich dachte: »Du Trottel, denkst du wirklich, mit deinen einstudierten Choreografien kannst du dem alles verschlingenden Chaos entkommen? Was für eine peinliche Illusion! Wie so ein religiöser Fanatiker, der glaubt, sich vor der Hölle zu bewahren, indem er brav seine zehn Ave Marias herunterbetet.«

Die Stimme meiner Therapeutin schaltete sich in mein Selbstgespräch ein und ermunterte mich, nicht so unhöflich zu mir zu sein. Ich bin halt ein Mensch. Menschen machen so was. Wir brauchen Anhaltspunkte, Struktur und Rhythmus, um nicht durchzudrehen. Ich hab meinen Knall und die anderen ihren.

Zuversicht keimte in mir auf und gab mir Rückenwind. Ich war beseelt von der Hoffnung, dass ich es eines Tages hinkriegen könnte, mich mit der Tatsache anzufreunden, dass ich total lost in space bin, und es schaffe, nicht bei jedem Anklang von Verstörung in meine gebetsmühlenartige Zwanghaftigkeit zu fliehen. Dass es mir gelingt, die Vergänglichkeit der schönen und trostreichen Dinge zu akzeptieren, anstatt gierig an ihnen zu klammern und jeden Genuss zu einer Sucht zu pervertieren.

Ich war in der Lage, mir Möglichkeiten auszumalen, die mein Alltagsbewusstsein gar nicht zulassen würde. Ich konnte mir lebendig vorstellen, wie ein gesünderes, stimmigeres und vernünftigeres Essverhalten aussehen könnte, und die Möglichkeit, es von nun an zu praktizieren, erschien mir greifbarer denn je.

Ach was, wie könnte ich im Lichte dieser Einsicht überhaupt jemals wieder zu meiner früheren, unwissenderen Version zurückkehren. Ich hab’s gecheckt! Die Angelegenheit ist abgehakt. Nächstes Problem!

»Yeah«, dachte ich, »das ist diese Neuroplastizität, von der sie immer reden«. Psychedelika schaffen es echt, den Blick auf die Gewohnheiten aufzufrischen, eingestampfte Trampelpfade zu verlassen und neue Wege zu sehen, für die man vorher blind war.

Ich rannte und rannte, und immer noch war kein Abklingen der Wirkung in Sicht. Es war alles sehr wobbeldy-gobbeldy.

Im letzten Kilometer schwoll dann exzellenter Premiumstolz in mir hoch. Ich konnte kaum glauben, dass ich gleich die ganzen 10 km geschafft haben würde, eine gefühlte Weltreise, und klopfte mir auf die Schulter dafür, dass ich es während dieses frivolen Unterfangens bei allem Übermut doch die ganze Zeit geschafft hatte, wachsam zu bleiben und mich nicht zu verletzen oder kopflos vor ein Auto zu laufen.

Fortsetzung folgt

Mittwoch, 20. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (4)

Heute: "Der Grüß-August ist tot, es lebe der Grüß-August"

Eine über Kulturgrenzen hinweg immer wiederkehrende menschliche Handlung ist das gegenseitige Grüßen. Abgestuft nach Grüßen von sehr nahe stehenden Bekannten und Verwandten, dann lose Bekannten und dann völlig fremden Leuten. Erste Gruppe ist klar. Mann kennt sich und respektiert sich gegebenenfalls. Hallo, geliebter Sowieso, wie geht's, wie steht's? Und in Erinnerung die Oma, die einem noch ewig nachwinkt, wenn man wieder nach Hause fährt. Also keine Ungewöhnlichkeit. Dann gibt es die lose Corona von Leuten, die man grüßt. Die Nachbarin Frau Siemank aus dem 3. Stock oder der Arbeitskollege aus dem Nachbarzimmer. Das hatte die Mutter einem früh eingeimpft: Die lose bekannten Leute aus dem Haus werden gegrüßt. Gegenfrage als Kind, warum. Das macht man halt so. Schluss aus, Micky Maus. Dieses Verhalten bricht nun gesellschaftlich hierzulande auf, seit die Teletubbies erwachsen geworden sind. Da wird nicht stumpf "Guten Morgen" durchs Büro gegrölt. Awareness. Man könnte den/die noch nicht offiziell als ASS diagnostizierte/n Arbeitskollegen oder -kollegin beim Nachdenkprozess unterbrechen. Daher stilles Schweigen und Sich-Schleichen. Auch Nachbarn grüßen mich manchmal nur, wenn sie ihr DHL-Päckchen ausgehändigt bekommen wollen. Geschenkt. Ich muss ja nicht mit jedem besoffen vom Tresen kippen, um mich meines Menschseins zu vergewissern. Bin ja auch schon etwas älter (Mitte 40, für mein Kind bin ich aber der "alte weiße Mann"). Gleichgültig akzeptiere ich hierbei die Umbrüche.

Der dritte Dunstkreis ist das Grüßen völlig fremder Menschen. Bestes Beispiel ist das Wandern. Je abgelegener der Wanderpfad, desto grußwahrscheinlicher die eventuelle Begegnung. Im Sinne von: Ach, hat es dich auch aus der Zivilisation hierhergespült? Sieh an. Fein. Gleiche Wellenlänge usw. Macht man aber nie in der U-Bahn, wildfremde Leute grüßen. Außer man hat einen an der Murmel (Berlin, ohne Worte ...). Oder man kommt "aufs Dorf". Überlicherweise ist da sonst nur Dorfgemeinschaft, die sich kennt und hilft und grüßt. Folglich werden Fremde als potentieller Besuch eines anderen Dörflers wahrgenommen und werden brav gegrüßt. Macht man halt so. Auch wenn man, mit Fahrradklamotten verziert, nicht aussieht, als ob man diesem Dorf weitere Aufmerksamkeit schenken würde, sondern gleich wieder wegradelt.

Stichtwort radeln. Da habe ich seit kurzem eine fragwürdige Ausuferung des Leutegrüßens wahrgenommen, die mir bisher unbekannt war. Unbekannt, bevor ich ein modernes Gravelrad erstand. Alter weißer Mann, midlife crisis, Gravelrad. Logischer Kanon. Erkennbar sind diese Art Räder ja an den schön gebogenenen Lenkern, also ähnlich/gleich dem Rennradlenker. Die erkennt jeder halbwegs aufmerksame Radler schon von weitem als solche. Über die letzten Jahrzehnte fuhr ich ausschließlich "gerade" Lenker, also klassisch ne Stange, um das Vorderrad in eine gewünschte Richtung zu drehen. Der Gruß ist zumeist subtil eine Art Peace-Zeichen zur Fahrbahninnenseite / dem entgegenkommenden Rad zugewendet hin. Jetzt dachte ich, das ist so'n neuer Tiktok-Trend, dass man sich als Radfahrer nun gegenseitig grüßt, ähnlich wie beim Wandern. Nun werde ich aber ausschließlich so gegrüßt, wenn ich selber mein Gravelrad nutze. Also gehörnter Lenker. Und nur von anderen Rennradlern. Nehme ich mein herkömmliches Trekkingrad, fällt der Gruß flach. Das ist mir sehr unangenehm, das hat eine ausgrenzende Note. Wie, als ob man sich diesen Gruß verdienen muss. Du fährst nur zur Arbeit oder zum Einkauf? Armer Willi. Du treibst bewusst Sport und zeigst deine schicken Aero-Socken? Hoch die Tassen! Vielleicht sehen wir uns auf nen leckeren Espresso in 40 km, und dann lass uns mal connecten. Wo ist denn da die Awareness? Sind Nicht-Graveler ausschließlich unsportliche, arme Leute, zu besoffen zum Autofahren? Ich gucke seitdem vermehrt zum rechten Straßenrand hin. Entweder es werden alle gegrüßt oder keiner. Darüber hinaus schmeckt Kaffee mit Fäkalbakterien und Schweiß aus dem Oberlippenbart vermengt doch sicherlich auch nicht so, wie es angedacht ist.

Clemens Müller

Montag, 18. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (3)

Heute: "Pillion" von Martin Knepper

Vor ein paar Wochen habe ich den Film ‚Pillion‘ gesehen, laut Kritik eine „RomCom im schwulen BDSM-Milieu“. Und ja, die Geschichte um einen dominanten Biker Ende 30 und das sexuelle Erwachen eines submissiven Achtzehnjährigen, sie war gut zu schauen. Wobei der junge Mann von einem mittlerweile 35jährigen ehemaligen Harry-Potter-Darsteller (Harry Melling als Cousin Dudley) gespielt wurde; fast scheint es, als müssten sich alle ehemaligen Kinderdarsteller dieser Filmreihe mit einem wider den Stachel der Erwartung löckenden Film freischwimmen: Vor ein paar Jahren sah ich einen befremdlichen Film, in dem Daniel Ratcliffe, also Harry himself, eine Leiche mit Blähungen spielte. „Warum auch nicht.“ (Max Goldt)

‚Pillion‘ jedenfalls hatte tatsächlich einiges an schwulem BDSM zu bieten, irgendwie Rom war er auch und Com, nun, zuweilen, aber ich sag mal, ein Angriff auf die Lachmuskeln war er nicht. Was mich im Nachgang zu der Frage brachte, weshalb im Film Sexualität und Humor meist auf getrennten Bühnen spielen. Und nein, die unzähligen dümmlichen Sexkomödien der 60er und 70er Jahre, die das Nachtprogramm zweitklassiger Fernsehsender auffüllen, sie sind kein Gegenbeispiel; eher schon ein Beleg für die weitgehende Humorfreiheit in der deutschen Filmwirtschaft. Gut, John Waters und Bruce LaBruce haben einiges für den Brückenschlag zwischen Zwerchfell und Schritt getan, doch ansonsten scheint so etwas wie ein Humortabu zu existieren in jenem Filmgenre, welches man früher in Videotheken (you remember?) durch einen muffigen Vorhang abtrennte, der einem beim Durchschreiten wie eine mahnende unkeusche Berührung über Gesicht und Körper fuhr: Eine animalische Ernsthaftigkeit, die jene berühmte Strohszene eines masketragenden Handwerkers zum Gral aller Pornokomik erhebt.

Der Grund für den wechselseitigen Ausschluss von genitaler Aktivität und befreiendem Lachen ist meines Erachtens in der Verwandtschaft von Witz und Orgasmus zu suchen, und es ließe sich als ein Drittes noch das Niesen hinzuzählen. Denn diese Trinität entspannender Körperreflexe sind allesamt durch ihnen explosiven Charakter gekennzeichnet und markieren einen Point of no Return, eine kathartische Klimax, blindwaltende Verschwisterung von Nervenblitz und Muskelkontraktion. Und wo das eine ist, da hat das andere sein Recht verloren, denn die Kapazität zum neuronalen Feuerwerk, sie ist uns nur begrenzt verliehen. Und aus diesem Grunde ist die Pollenallergie bis heute ein hic sunt leones der angewandten Pornographie.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (1)

Heute: "Hallo!"

Von Max Goldt gibt es den bekannten Satz, er schmeiße Briefe (oder Werbebriefe?), die mit „Hallo“ begönnen, sofort ungelesen weg, oder doch fast ungelesen, denn bis zum ersten Wort wäre er ja immerhin gekommen. Ob Sie also noch „an Bord“ sind oder schon weitergescrollt haben, ist Ihre Sache; falls Letzteres, haben Sie den Konjunktiv „begönnen“ verpasst, der dem Seiteninhaber Torsten Gaitzsch möglicherweise ähnlich gut gefällt wie „schmölze“ und „würbe“. Und auch den etwas langweiligeren Konjunktiv II „wäre“, der meines Ermessens in obigem Eingangssatz korrekt ist, weil ich ja nicht mehr Max Goldt zitiere, sondern zu einem eigenen Gedanken abbiege. Ob ich damit recht habe? Das soll Konjunktiv-Fex Gaitzsch entscheiden.

Halt, mögen Sie sich nun fragen: Wie kommt es, dass ich vom Seiteninhaber in der dritten Person spreche? Nun: Ich bin nicht Torsten Gaitzsch. Ich schreibe als Vertretung. Mein Name tut dabei nichts zur Sache. (Das wollte ich schon immer mal sagen!)

Wäre ich Torsten Gaitzsch, würde ich die Wortfolge „Torsten Gaitzsch“ nur sehr sparsam verwenden. Menschen, die von sich selbst in der dritten Person sprechen, berühren mich nämlich unangenehm. „Jeder weiß, auf den ehrlichen Minister XY ist Verlass“ – schon klar, Minister XY, du möchtest die Berichterstattung kontrollieren und ein objektiv klingendes Soundbit in die Welt setzen. „Warte, die Oma hilft dir da“ – ich weiß durchaus um deine innerfamiliäre Funktionsbezeichnung, Großmutter; aber schön, dass du mir hilfst! „The lady’s not for turning“ – huch, Mrs. Thatcher, wo kommen Sie denn her?
Es sind dies Menschen, die sich selbst zur Marke machen wollen, aus Eitelkeit oder skrupellosem Karrierestreben oder beidem. (Außer Oma.) Nur scheinbar schafft diese sprachliche Strategie Distanz; in Wirklichkeit brutale, unverlangte Nähe.

Eine andere Methode, im Marketing durch Distanzierung Interesse zu wecken, ist die Publikumsschmähung. Vollauf begeistert war ich kürzlich von einem Entrümpelungs-Ratgeber aus einem etwas ominösen Schweizer Verlag, der mir als Werbung angezeigt wurde. Titel: „KEINER WILL DEINEN SCHEI*. Wie du ausmistet, bevor du stirbst“. Fabelhaft: Erst den Hausrat des potentiellen Käufers beleidigen und dann rüde dessen Tod thematisieren! Wäre statt des prüden Sternchens noch ein scharfes scharfes ß im Titel vorgekommen, ich hätte fünf von fünf Punkten vergeben.

Eben lese ich, dass sich Margaret Thatcher ihre berühmte Thatchphrase, nein: Catchphrase „The lady’s not for turning“ von einem parteibefreundeten Bühnenautor hatte schreiben lassen. (Parteibefreundet? Beparteifreundet?) Der Satz, auf einem wichtigen Parteitag gesprochen, spielt auf ein Nachkriegstheaterstück namens „The Lady’s Not for Burning“ an, „although Thatcher missed the reference herself“ (Wikipedia), und das fand ich lustig, weil Thatcher einst in einer anderen Rede die konkurrierende Liberaldemokratische Partei totsagte, indem sie ausführlich den Dead-Parrot-Sketch von Monty Python paraphrasierte – und auch in diesem Fall vermutlich überhaupt nicht wusste, worauf sie anspielt.

Liebe Redenschreiber, bitte füttert den tumben Friedrich Merz vor dem nächsten Parteitag mit einer mitreißend lustigen SPD- und Linken-Beschimpfung, die aus „South Park“-Zitaten montiert ist! Die Vorstellung, wie der deutsche Bundeskanzler ahnungslos „Oh my god, they killed Umfrageergebnisse“ trötet oder „Klingbeil, du essen my Scheiße“, ist wunderbar.
Aber dann bitte „Scheiße“, nicht „Schei*e“. M’kay?

Michael Ziegelwagner

Dienstag, 12. Mai 2026

Kybersetzung presents: Vertretungsstunden 2026

Ab Mittwoch werde ich für eine Weile von meiner Blogbefüllunsmaschine getrennt sein, und weil ich weder Lust auf einen weiteren Entschuldigung-fürs-Nichtbloggen-Sermon mit anschließender Veröffentlichungspause noch die Zeit habe, ein halbes Dutzend Beiträge vorzuproduzieren, habe ich mir etwas Spektakuläres einfallen lassen: Zum ersten Mal wird diese Plattform von fremden Händen bespielt werden!

Ich habe ein paar Freundinnen und Freunde, deren Kreativität und Begabung ich schätze, gefragt, ob sie Lust hätten, einen Gastbeitrag für Kybersetzung beizusteuern. Rührenderweise haben nicht nur alle (bis auf zwei, die sehr gute Ausreden hatten) zugesagt, es fiel in den Rückmeldungen auch mehrmals die Phrase "wäre mir eine Ehre". Freut euch also auf Special-Guest-Content, der ab Donnerstag alle zwei Tage an dieser Stelle erscheint, bis am Ende des Monats wieder ich das Ruder übernehme. Versprechen kann ich schon jetzt eine Themen- und Formenvielfalt, die sich gewaschen hat. Dranbleiben lohnt sich also!

Sonntag, 10. Mai 2026

Vorteil Schreibmaschine?

Diese Woche habe ich Gerhard Henschels "Großstadtroman" und damit alle rund 6800 bisher erschienenen Seiten der Martin-Schlosser-Reihe abgeschlossen. Das Besondere an diesem nunmehr zwölften Teil ist, dass darin der erste Teil der autobiographischen Saga entsteht, was ein rechter Krampf gewesen sein muss: Ende 2001 beendet Henschel/Schlosser das Manuskript, 2004 erst erscheint der "Kindheitsroman". Auf dem Endspurt ereignet sich dann noch ein Malheur, und diese Stelle ließ mein Herz heftiger pochen als sämtliche anderen dramatischen Geschehnisse, die dem Autor in jener Zeitspanne (1998-2002) widerfahren:
Im Kindheitsroman war ich auf den letzten Metern angelangt. Unten links zeigte mein Bildschirm mir an, daß ich mich auf Seite 678 von insgesamt 688 Seiten befand. Die restlichen zehn enthielten das verbliebene Rohmaterial.
Als ich zwischendurch eine andere Datei öffnen wollte, erschien der Hinweis:
Freier Arbeitsspeicher des Computers zu klein.
Und unten links stand auf einmal nicht mehr "678/688", sondern "1/0". Das bereitete mir Unbehagen. Ich gab den Befehl zum Speichern, aber mein antiker PC versagte mir den Gehorsam: Er tat überhaupt nichts mehr. Der Cursor stand still und ignorierte alle Bewegungen der Maus.
In meiner Not drückte ich auf den Reset-Knopf, und als ich die Kindheitsromandatei danach wieder öffnete, war sie leer. Alles weg. 688 Seiten ausgelöscht.
Doch ich hatte ja noch die Sicherheitskopie auf einer Diskette. Aber wo war die hin?
Ich konnte sie nicht finden.
Hunderttausend heulende und jaulende Höllenhunde!

Spoiler: Es geht alles gut aus. Doch erinnerte mich diese Episode allzu brutal an eine eigene Erfahrung. Eines Abends, während ich an meiner Magisterarbeit schrieb, kippte ich aus Versehen ein halbes Glas Tee über meinen Laptop. Ich war geistesgegenwärtig genug, schnell einen USB-Stick in das Gerät zu stecken und eine Sicherheitskopie des Dokuments darauf abzulegen, bevor das Notebook sich verabschiedete. Selbstverständlich hatte ich die Arbeit in einem (nicht viel) älteren Zustand noch woanders abgelegt; ich achtete stets darauf, immer mindestens zwei halbwegs aktuelle Sicherheitskopien vorrätig zu halten. Ein ganz in meiner Nähe wohnender, IT-begabter Freund erklärte sich spontan bereit, rüberzukommen und die Katastrophe zu begutachten: "Klar, dann machen wir eine schöne Freitagabend-Notebook-Schraub-Session!" In seine Einzelteile zerlegt, offenbarte mein Klapprechner den erlittenen Schaden, der sich tatsächlich auf den Zustand "nass sein" beschränkte. Durchgeschmort oder anderweitig unbrauchbar geworden war dem ersten Anschein nach nichts. Mehr als föhnen, tupfen und abwarten (ohne Tee) konnten wir nicht tun, und brauchten wir auch nicht zu tun. Am nächsten Tag konnte der Schlepptop zusammengesetzt und wieder in Betrieb genommen werden. Puh! Hätte ich statt erkalteten Tee, was weiß ich, einen klebrigen Milchshake oder Schwefelsäure getrunken, hätte die Sache womöglich ganz anders ausgesehen. Auch während ich diesen Beitrag tippe, steht ein Glas Tee neben dem Rechenknecht. Ich bin aber ganz vorsichtig!

Freitag, 8. Mai 2026

Ende (Te)gut?

Ich werde sie vermissen, die Supermarktkette Tegut, die sich in nur fünf deutschen Bundesländern verbreitet hat, mit den meisten Filialen in Hessen. Wie in den letzten Wochen bekannt wurde, zieht sich der Schweizer Mutterkonzern Migros zurück, Rewe und Edeka rücken nach, indem sie sich ganze "Pakete" sichern. Und ein mir bis vor kurzem noch gar nicht bekannter Player hat die Bühne betreten! Der Betreiber "Tante Enso" will in Hessen bis zu 36 Teguts (Tegüter?) übernehmen. Das Konzept dieses Mini-Marktes ist ein hybrides: Man kann rund um die Uhr ("vierundzwanzig-sieben", wie man heutzutage leider immer öfter hört) darin einkaufen, zu bestimmten Zeiten kassieren dort aber echte Menschen ab. Tegut hatte ja zuletzt etwas Ähnliches etabliert: kleine, das Nötigste zu leicht erhöhten Preisen führende Buden namens "teo" ("Dein digitales Einkaufserlebnis"), wo man sich selbst am Sonntag versorgen konnte, was eine Zeitlang die hessischen Gerichte beschäftigte. Am Hanauer Hauptbahnhof habe ich so ein Lädchen zum ersten Mal gesehen. I for one welcome our Enso overlords. Dennoch wird mir Tegut, wie gesagt, fehlen. Generell war es dort etwas teurer, aber jede Woche gab es zwei, drei Angebote, die preislich schlicht unschlagbar waren. Und wo bekomme ich künftig die gute Reichenhof-Mitternachtssuppe her?

Donnerstag, 7. Mai 2026

Tausend tolle Trading-Tipps

Nein, es gibt eigentlich nur einen einzigen Tipp, den ich in Sachen Wertanlagen und Wachstumssparen für euch habe: KEINE PANIK! Der Bedeutsamkeit dieses Mantras wurde ich mir letztes Jahr bewusst, und seit ein paar Tagen glaube ich fest an die Prinzipien der Erholung, der Selbstregulierung und des Börsenzyklus. Das hier ist die Wertentwicklung des ETFs, in den ich jeden Monat einen festen Betrag einzahle:


Der Einbruch im April '24 – das waren DIE ZÖLLE, und ich würde lügen, behauptete ich, dass mir da kein bisschen die Muffe gegangen wäre. Doch blieb ich geduldig und besonnen. Heute steht der Kurs im Schatten von Iran-Krieg, Ölkrise, US-Truppenabzügen und neuerlichen Zolldrohungen bei +35,59 Prozent: Rekord! Wenn die Medien anlässlich irgendwelchen Trump'schen Geblubbers also mal wieder die Pferde scheu machen, denke ich mir: Lass sie reden. The boy who cried wolf ... Ich brauche hier weder den absoluten Wert noch den Namen meines ETFs zu nennen, ist er doch ein aussagekräftiges und zuverlässiges Wirtschaftsbarometer; mein Aktiendepot (in dem ich allerdings nur mit ein bisschen Spielgeld experimentiere) macht derzeit vergleichbar große Sprünge.

Ob ich im Falle eines richtig krassen Crashs auch so cool und überheblich bleibe? Klar! Dann rauschen wir schließlich alle gemeinsam in den Abgrund. Bis dahin gilt: Nicht die Nerven verlieren, nicht alle Eier in einen Korb legen und (beispielsweise) die Ratschläge in diesem t-online-Artikel beherzigen.

Dienstag, 5. Mai 2026

Wort des Tages

Kokushobi (japanisch): "Es lässt sich mit 'brutal heiß' übersetzen und soll in Zukunft in den Nachrichten verwendet werden, wenn draußen mehr als 40 Grad herrschen, wie die japanische Wetterbehörde im April bekannt gegeben hat." (Süddeutsche Zeitung)

Bleibt zu hoffen, dass in mehr oder weniger naher Zukunft nicht noch ein weiteres Prädikat eingeführt werden muss, weil kokushobi das "neue Normal" geworden ist.

Montag, 4. Mai 2026

Fragen, die ich mir selbst stelle

Kerosin ist derzeit in aller Munde – also, nicht die Flüssigkeit selbst, sondern das Wort. Woher dieses aber kommt, weiß ich nicht, und ich habe bis heute Morgen noch nie darüber nachgedacht. Hat es was mit den Keren, den griechischen Todesgöttinnen, zu tun? Im Herkunfts-Duden fehlt "Kerosin" leider, aber das verlässliche Wiktionary hilft uns weiter: Demnach geht das Wort "auf den Arzt und Geologen Abraham Gesner (1797–1864) zurück, der 1854 in Nova Scotia (Kanada) aus Kohle eine leicht entflammbare Flüssigkeit gewann. Ein dabei entstehendes wachsartiges Zwischenprodukt, das bei dem Vorgang eine wichtige Rolle spielte, ist der Grund dafür, dass er die Flüssigkeit 'Kerosin' genannt hat; aus altgriechisch κηρός (kēros) → 'Wachs' und dem Suffix -in." Dem griechischen Nomen kann, wer will, noch weiter nachspüren, etwa in Frisks Griechischem Etymologischen Wörterbuch (2. Aufl., 1973), das sich, kurz gesagt, gegen eine ur-indogermanische Wurzel ausspricht und "mit orientalischer Herkunft" rechnet. Im lateinischen cēra (Zerat kenne ich aus dem Kreuzworträtsel!) liegt "wahrscheinlich" eine Entlehnung vor.

Samstag, 2. Mai 2026

Serientagebuch 04/26

01.04. Get a Life 1.19
Waco 2.03
03.04. Run Away 1.05
Run Away 1.06
05.04. Run Away 1.07
Run Away 1.08
08.04. Fallout 2.01
Reboot 1.01
Reboot 1.02
09.04. Waco 2.04
Reboot 1.03
10.04. Get a Life 1.20
11.04. Waco 2.05
14.04. Family Guy 24.10
Reboot 1.04
Fallout 2.02
15.04. Get a Life 1.21
16.04. Family Guy 24.11
Reboot 1.05
17.04. Fallout 2.03
19.04. Reboot 1.06
20.04. Get a Life 1.22
22.04. Reboot 1.07
Reboot 1.08
24.04. The Capture 3.01
The Capture 3.02
25.04. Fallout 2.04
26.04. Leverage 3.01
28.04. The Capture 3.03
29.04. Family Guy 24.12
30.04. Leverage 3.02

Fand ich die red herrings in "Safe" noch einigermaßen gewitzt und dem Thrill dienlich, erschienen mir die falschen Fährten und im Nichts verpuffenden Nebenstränge in Run Away aufgesetzt und öde. Beispielsweise bekommen wir Szenen aus der Vergangenheit einer Privatdetektivin serviert, die absolut nichts bedeuten, ja nicht einmal bewirken, dass nämliche Figur mehr Profil bekommt. Sechs Episoden statt acht hätten hier locker ausgereicht. Wie für Harlan Coben, von dessen Romanen es mittlerweile TV-Umsetzungen wie Sand am Meer gibt, typisch, ist auch der Plot von "Suche mich nicht" (so der deutsche Titel) tüchtig verschachtelt; und hier zahlt sich das in vielen Artikeln diskutierte dumbing-down, das Netflix seit einiger Zeit betreibt, um Second-screen-abhängige Jugendliche nicht zu verlieren, aus: Die zahlreichen Rückblenden, Wiederholungen, Infodumps und verbalen Expositionen haben mir wirklich geholfen, der vielschichtigen Handlung zu folgen. Die übrigens – das möchte ich festhalten, falls meine bisherigen Ausführungen zu negativ klangen – wieder recht mitreißend war. Den Cast in dieser in Manchester spielenden britischen Produktion fand ich eher zweckmäßig. Der prominenteste Name ist einer Schauspielerin vorbehalten (Minnie Driver), deren Rolle die meiste Zeit, nun ja, reichlich passiv ist.

Die Fortsetzung der soliden Miniserie Waco (2018) wurde gar nicht als zweite Staffel vermarktet, sondern als einen für sich stehenden Epilog namens "Waco: The Aftermath". Da ich diesen Titel jedoch nicht fünfmal ins Tagebuch tippen wollte, habe ich diesen Mehrteiler der Einfachheit halber als "2.XX" durchnummeriert. Einige Schauspieler des Vorgängers sind wieder an Bord, darunter Shea Whigham und Michael Shannon, neu sind u.a. Giovanni Ribisi und Sasheer Zamata in einer seltenen nicht-komischen Rolle.
In "The Aftermath" geht es, man kann sich's denken, um die strafrechtliche Aufarbeitung des Waco-Desasters einerseits, andererseits um die indirekten Einflüsse der "Branch Davidians" auf andere durchgeknallte Radikalinskis, mündend in den Bombenanschlag von Oklahoma City 1995. Die Metamorphose des selbsternannten Propheten David Koresh, in Flashbacks präsentiert, hätte ich nicht gebraucht, ansonsten ist die Showtime-Show von 2023 aber flott inszeniert und aufschlussreich.

Endlich, endlich hatte ich Gelegenheit, die amerikanische Serie Get a Life zu schauen – allerdings noch nicht komplett: Die etwas kürzere zweite Staffel steht noch aus. Dafür, dass diese Sitcom 1990 (!) das Licht der Welt erblickte (auf Fox), wirkt sie wie ihrer Zeit weit voraus, für eine klassische Sitcom ist sie nämlich viel zu surreal, abgedreht, avantgardistisch. Was sich 08/15-Familien-Comedyserien einmal im Jahr, meist zu Halloween, trauten, nämlich gewohnte Pfade zu verlassen und etwas Spinnertes mit übernatürlichen oder zumindest cartoonhaften Elementen abzuliefern, ist bei "Get a Life" gang und gäbe. In einer Folge wird Titelheld Chris, der mit 30 Jahren noch bei seinen Eltern lebt und als Zeitungsjunge arbeitet, von einem Roboter namens "Paperboy 2000" ersetzt, in der nächsten Woche wird er Opfer eines indianischen Fluchs, ein ander Mal taucht er mit einem U-Boot, einer Jahrzehnte verspätet zugestellten Comicheftprämie, in seine Badewanne.
Die wunderbare Absurdität verdankt sich der kreativen Mitwirkung von Hauptdarsteller Chris Elliott (vgl. "Eagleheart"; ich empfehle auch seine irren, in sonder Zahl auf Youtube zu findenden Letterman-Auftritte). Als ein weiterer von drei Showrunnern fungierte David Mirkin, der zunächst für die "Simpsons" angefragt worden war (wo er später doch noch als Ausführender Produzent hinzustoßen sollte), aber zugunsten dieses nicht-animierten Klamauks ablehnte: ein Segen! Als Glücksgriff erwies sich auch, dass Chris Elliotts leibhaftiger Vater, der Komiker Bob Elliott, den Serienvater verkörpert. Und von R.E.M.s "Stand", dem Introlied, habe ich seit Wochen einen Ohrwurm.

Um eine "klassische Sitcom", wie ich sie eben meinte, geht es in Reboot. Die an "Alle unter einem Dach" & Co. erinnernde fiktive Sitcom "Step Right Up" aus den frühen 2000ern soll neu aufgelegt werden. Die Verantwortung dafür trägt eine junge Autorin, die nun mit den Darstellern von früher, die alle ihren eigenen Spleen entwickelt haben, sowie dem Schöpfer der Serie, ihrem entfremdeten Vater, zusammenarbeiten muss. Dazu gesellt sich ein schrulliger Writers' Room unterschiedlicher Generationen. Die Charaktere sind trefflich ausgearbeitet und prima besetzt (Keegan-Michael Key, Judy Greer, Johnny Knoxville und, meine Favoritin, Rose Abdoo). Mit seinen Insiderwitzen über das Fernsehgeschäft und den galligen Seitenhieben auf Hollywood erinnert "Reboot" gelegentlich an einen (versexteren) Cousin von "30 Rock", auch wenn es nie dessen Gagdichte und Tempo erreicht. Eine Verlängerung war dem Hulu-Vehikel leider nicht vergönnt, was besonders schade ist, weil im Staffelfinale mehrere dramatische Fässer aufgemacht werden, die nach einer Fortsetzung schreien. Jenun, vielleicht gibt es ja irgendwann ein Reboot.

Donnerstag, 30. April 2026

Zurück zur Buttersoß'!

Ein Artikel in der Kulinarik-Ecke der heutigen FAZ heißt "Schluss mit Butter und Hollandaise" und beginnt so: "Kaum ein anderes Gemüse wird so einfallslos zubereitet wie weißer Spargel." Gäääähn. Ein treffenderer Einstieg wäre: "Kaum ein anderes Gemüse wird seit rund zehn Jahren so verschiedenartig zubereitet wie Spargel." Ich habe heuer nicht dran gedacht, werde es aber nächstes Jahr versuchen: alle Spargelrezepte zu sammeln, die während der Saison in deutschen Wochenmagazinen und überregionalen Tageszeitungen präsentiert werden. Alle denkbaren und undenkbaren Spielarten werden uns vorgesetzt, während der Klassiker Kartoffeln, weißer Spargel und Sauce hollandaise praktisch ins Abseits befördert worden ist.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin stets offen für neue Spargelvariationen (und bevorzuge ohnehin den grünen), aber das Herunterkanzeln von Spargel mit Holländischer Soße als spießig und fade ist inzwischen seinerseits spießig und fade. Am Montag habe ich "angespargelt" und im Restaurant das vermeintlich einfallslose Standardgericht bestellt. Was soll ich sagen? Wenn eine Hollandaise gut gemacht ist, die Erdäpfel neu und die Spargelstangen bissfest sind, kann das eine wahre Labsal sein. Aber was weiß ich schon? Mir schmecken ja sogar "Les Sauces" von Thomy.

Dienstag, 28. April 2026

Neues Altes (Februar '26 - April '26 + Nachtrag)

  • [nachgereicht] Forscher finden mögliches Massengrab von Pestopfern in Thüringen (n-tv.de, 13. Januar) "Durch Auswertung historischer Quellen, geophysikalische Messungen und Sedimentbohrungen konnte ein Expertenteam nun ein Massengrab identifizieren, das den beschriebenen Pestgruben aus dem 14. Jahrhundert entspricht. Endgültige Klarheit soll eine archäologische Grabung bringen."
  • Waren die ältesten Kunstwerke Europas beschriftet? (Spektrum.de, 24. Februar) Untersucht wurden die Linien, Kreuze und Punkte auf 260 "Objekten der Altsteinzeit, die zwischen 43 000 und 34 000 Jahre alt sind – darunter [ein Elfenbeinmammut], der rätselhafte Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel, Knochen- und Elfenbeinflöten bis hin zu weniger bekannten Werkzeugen". Die Eigenschaften dieser Muster, "beispielsweise wie verschiedenartig die Zeichen gestaltet sind oder wie sie sich wiederholen", wurden "mit denen anderer, jüngerer Zeichensysteme, darunter auch moderner Schrift" verglichen und seien von der Komplexität her tatsächlich der sog. Protokeilschrift nicht unähnlich. (Anm. d. Bloggers: Ich warne vor voreiligen Schlüssen und würde tunlichst davon abraten, von einer "Schrift" zu sprechen.)
  • 2,000-year-old inscriptions found in Valley of the Kings offer fresh insight into Indian presence in Ancient Egypt (The Art Newspaper, 25. Februar, englisch) Im 1. bis 3. Jh. n. Chr. haben Menschen aus Indien nachweislich Austausch mit Ägypten und Griechenland gehabt. Händler hinterließen im Tal der Könige Graffiti in vier verschiedenen Sprachen und Schriften Indiens. Die Mehrheit der knapp 30 Inschriften, die sich auf sechs Gräber verteilen, wurde in der Tamil-Brahmi-Schrift verfasst. "[A]lthough archaeologists knew of an Indian presence on the Red Sea coast of Egypt during the later Roman era [...] 'until this discovery we never had any solid proof of visitors from India to the Nile Valley in this early period'."
  • Wer waren die toten »Sänger des Amun«? ("Spiegel online", 3. März) Dieser Titel taucht auf mehreren der 22 bemalten und verzierten Holzsarkophage auf, die – samt unversehrten Mumien – in Theben freigelegt wurden. In der rechteckigen Grabkammer aus der Dritten Zwischenzeit (1075 bis 652 v. Chr.) lagen zudem Keramikgefäße, "die vermutlich Materialien enthielten, die während des Mumifizierungsprozesses verwendet wurden".
  • Mehr als 43.000 beschriftete Tonscherben in Ägypten entdeckt (Stuttgarter Nachrichten, 13. März) Der Rekordfund aus dem Komplex Athribis gibt beredtes Zeugnis über die Sozialgeschichte der Nilregion. Die Ostraka enthalten "Steuerlisten und Lieferungen, daneben kurze Mitteilungen über alltägliche Abläufe, Übungen von Schülern, religiöse Texte und priesterliche Bescheinigungen über die Qualität von Opfertieren". Die ältesten Texte (aus dem 3. Jh. v. Chr.) liegen dabei in demotischer Schrift vor, die jüngsten (9.-11. Jh. n. Chr.) in arabischer, hinzu kommen viele griechische Inschriften sowie Texte in koptischer und hieratischer Schrift und in ägyptischen Hieroglyphen.
  • When did humans arrive in the Americas? A new study reignites the debate (National Geographic, 19. März, englisch) Die südchilenische Stätte Monte Verde ist neueren Untersuchen zufolge womöglich nur weniger als 8000 Jahre alt, nicht, wie nach ihrer Entdeckung in den 1970ern angenommen, 14.500 Jahre. Damals wurde mittels der Radiocarbonmethode Holz datiert – das sich jedoch ursprünglich nicht in Monte Verde befunden haben, sondern durch Erosionsprozesse von anderswo dorthin gelangt sein könnte. "The difference between a site being 13,000, 14,500, or 21,000 years old is significant because it raises other questions about how early humans arrived. Monte Verde prompted archaeologists to look for explanations as to how people could get to the Americas before the emergence of an ice-free corridor in Canada that only arose near the end of the last Ice Age, around 13,800 years ago."
  • Wurde Pompeji mit einem antiken Maschinengewehr angegriffen? ("Spiegel online", 22. März) Dies könnte zumindest die Erklärung für viereckige, fächerförmig angeordnete Einschusslöcher in den nördlichen Stadtmauern sein. "Um zu überprüfen, ob sie damit richtig lagen, verglichen die Forscherinnen die digitalen Messdaten mit griechischen Ingenieurszeichnungen aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, die die Mechanik eines Polybolos beschreiben."
  • Überreste von Musketier D'Artagnan entdeckt? (Tagesschau, 26. März) "Bei einer Reparatur der Sint-Petrus-en-Pauluskirche in Maastrichter Stadtteil Wolder im Süden der Niederlande wurde das Grab entdeckt", genauer: unter dem Altar, wo i.d.R. "[n]ur königliche oder andere wichtige Personen" begraben wurden. "Auch eine Kugel sei bei den Rippen gefunden worden und eine französische Münze." Ein DNA-Abgleich mit einem Nachfahren des berühmten Anführers der Leibwache Ludwigs XIV. soll in ein paar Wochen Klarheit schaffen.
  • Hügelgräber bei Ausgrabungen in Laußnitzer Heide entdeckt (n-tv.de, 26. März) "Die Grabungen erfolgten vor der Erschließung neuer Abbauflächen durch das Kieswerk Ottendorf-Okrilla." Von den zehn schnurkeramischen Gräbern aus der Zeit zwischen 2750 und 2200 v. Chr. seien neun "ungestört und mit reichen Grabbeigaben ausgestattet" gewesen.
  • Archäologie enthüllt: Alexandria am Tigris war größer als gedacht (Berliner Morgenpost, 26. März) Nach einer Neuverortung mit modernen geophysikalischen Methoden und unter Zuhilfenahme von Drohnenaufnahmen kommt ein internationales Forschungsteam zu dem Schluss, dass die ein halbes Jahrtausend lang höchst bedeutende Stadt im heutigen Irak, unweit der Grenze zum Iran, eine hochkomplexe Metropole war, die es mit ihrer Namensvetterin am Nil aufnehmen konnte.
  • Römische Bootsladung vom Grund des Neuenburgersees gehoben (SRF, 26. März) Die exzellent erhaltenen Gegenstände – Schwerter, Gefäße, Werkzeuge – aus dem Gewässer im Kanton Neuenburg befanden sich wohl an Bord eines im ersten nachchristlichen Jahrhundert gesunkenen zivilen Handelsschiffs und zeugen "von der Nutzung eines dualen Transportsystems, das Land- und Wasserwege miteinander verband".
  • Als Neandertaler einen Elefanten schlachteten ("Spiegel online", 27. März) Bereits 1948 wurden im niedersächsischen Lehringen die ca. 125.000 Jahre alten Überreste eines Waldelefanten entdeckt, dem "ein augenscheinlich von Menschenhand geformter, etwa 2,4 Meter langer Holzstab" zwischen den Knochen steckte. "Nun geben neue Untersuchungen Gewissheit: Der etwa 30 Jahre alte Elefantenbulle wurde höchstwahrscheinlich von Neandertalern getötet, berichtet ein Forschungsteam". Das Tier war zudem noch am Ort des Erlegens ausgenommen und zerteilt worden.
  • Fragmente von Homers »Ilias« in Mumie entdeckt ("Spiegel online", 22. April) Im heutigen ägyptischen Al-Bahnasa, dem antiken Oxyrhynchos, wo bereits "viele beeindruckende Gegenstände aus der griechisch-römischen und byzantinischen Zeit gefunden [wurden], darunter Tausende Papyri", wurde im Inneren einer Mumie aus römischer Zeit ein Papyrus mit Versen aus dem zweiten Buch des Epos aufgespürt.

Sonntag, 26. April 2026

Wer den Cent nicht ehrt ...

Entgegen der Behauptung eines zum Glück inzwischen eingemotteten Werbespruchs ist Geiz nicht geil, sondern hässlich, so hässlich wie jener Saturn-Slogan. Sparsamkeit hingegen: gut. Doch der Übergang ist fließend. In einer seiner FAS-Kolumnen, die in dem 2023 erschienenen Band "Zu Hause an den Bildschirmen: Schmidt sieht fern" versammelt sind, schreibt Jochen Schmidt:
Ich freue mich immer, wenn ich eine Möglichkeit entdecke, Geld zu sparen, zum Beispiel, indem ich beim Einkaufen die grünen Stengel der Rispentomaten vor dem Wiegen entferne, beim Knäckebrot die flache Seite schmiere, weil auf der anderen Seite so viel Belag in den Kuhlen verschwindet, alte Kalender kaufe und das Datum mit Hand ändere. Statt Nagellack zu benutzen, kann man zu enge Schuhe tragen, bis sich die Zehennägel blau färben, und beim Nachdenken kann man sich angewöhnen, das Schreibtischlicht zu löschen.
Die letzten zwei Beispiele sind natürlich als Verlängerungswitz gemeint, aber das Rispenentfernen, das Knäckeschmieren und das Kalenderrecycling nehme ich dem Autor ab. Nicht dass ich dergleichen selbst tun würde (noch je auf die Idee gekommen wäre), aber ich verstehe das Mindset dahinter. Schmidt ist zum einen in der DDR aufgewachsen, hat zum anderen als 1970 Geborener noch aus erster Hand Zeugnis davon erhalten, wie es in der schweren Zeit war.
Für die Generation, die noch den Krieg erlebt hat, war solche Sparsamkeit, die heute als Geiz gilt, selbstverständlich; so erklärte Tante Lore aus Köln meinen Eltern einmal, sie würden sich erst einen Fernseher leisten, wenn der Farbfernseher erfunden wäre, denn dann würden sie einfach einen Schwarzweißfernseher kaufen, die ja dann sicher billiger würden. Tante Lore und ihr Mann aßen auch, wenn sie in die Toskana fuhren, nach der Ankunft eisern ihre für unterwegs geschmierten Stullen auf, bevor sie sich der italienischen Küche widmeten.
Dass man seinen Reiseproviant bis zum letzten Krümel vertilgt und überhaupt Nahrung nur wegschmeißt, wenn sie verdorben ist, versteht sich ja wohl hoffentlich auch heute noch von selbst! Hier geht es nicht nur darum, Geld zu sparen, sondern um das Eindämmen von Lebensmittelverschwendung. Manche Pfennigfuchsereien sind universell und generationenunabhängig, andere sind den Nachwachsenden vorbehalten: 
Meine Tochter erklärte mir, nach Partynächten kaufe man sich als mittelloser Schüler heutzutage am Dönerstand «Saucenbrot», also einen Döner ohne Inhalt, nur mit Sauce, für 1 Euro.
"Schülerdöner": das habe ich auch schon irgendwo auf einer Imbisstafel gelesen! Und einmal beobachtete ich gar, wie zwei Grundschüler einen Dönermann fragten: "Kriegen wir einen Döner geschenkt?" Womöglich funktioniert diese Masche gelegentlich, und sei es nur mit dem Resultat, ein "Saucenbrot" oder ein "Fladenbrot ohne alles" abzustauben.

Freitag, 24. April 2026

Mein Konjunktiv des Tages

... hat glatt das Zeug dazu, meinem Konjunktiv des Jahrtausends den Rang abzulaufen. Begegnet bin ich ihm in Bora Chungs Kurzgeschichtensammlung "Der Fluch des Hasen" (deutsch von Ki-Hyang Lee):

Als er nun volljährig geworden war, schickte sein Vater Abgesandte über die Grenzen seines Reiches hinaus zu den Bewohnern der Graslande, damit sie um eine Prinzessin würben, die die zukünftige Königin des Wüstenlandes werden könne.

Mit der Gesellschaft zur Stärkung der Verben schlage ich vor, analog zu werben (und sterben) auch erben so schön zu konjugieren.

Mittwoch, 22. April 2026

Der doppelte Klein

Letzten Freitag hatte ich, was selten genug vorkommt, einen freien Tag. Den nutzte ich, um eine Wanderung auf Grundlage einer Ausgabe aus meinem FAZ-"Wandertipp"-Archiv zu machen: endlich mal wieder eine original Thomas-(F.-)Klein-Tour!

Ich fuhr bis Bensheim an der Bergstraße und von dort mit dem Bus nach Lautertal. Als ich an der Haltestelle Markt im Stadtteil Reichenbach ausstieg, war mein erster Gedanke: Huch, das kenne ich doch! Der Eindruck verfestigte sich, nachdem ich die ersten paar hundert Meter gegangen war, und erst recht, als ich auf Google Maps mehrere Ortsmarken entdeckte, die ich einst in der Umgebung angelegt hatte. Tatsache, ich musste diese Strecke schon einmal gewandert sein. Dabei war ich mir zu 100 Prozent sicher, dass ich die nämliche "Wandertipp"-Folge noch nie umgesetzt hatte. Seltsamerweise verflogen die Déjà-vu-Momente nach etwa der Hälfte der Strecke ('Okay, das ist neu', dachte ich), nur um irgendwann wieder einzusetzen.

Zurück daheim blätterte ich durch den Wanderordner und stieß alsbald auf des Rätsels Lösung, i.e. das Routenduplikat, den Wandertipp "Im Land der steinernen Meere", erschienen am 7. Februar 2025:


Und hier zu sehen ist die von mir am Freitag gewanderte Tour "Zwischen Felsen und Moor" aus der FAZ vom 12. März 2021:


Die "neuere" Route bin ich also zuerst gewandert, die "ältere" später, was aber hinsichtlich meiner Erfahrung keine Rolle spielte, da ich beide innerhalb eines Jahres (plus-minus ein paar Monate) abgelaufen bin. Wie unschwer zu erkennen ist, sind die Touren nahezu identisch, lediglich der südliche Bogen verläuft bei "Zwischen Felsen und Moor" anders, wodurch man hier 17 statt 13 Kilometer gehen muss, sofern man nicht die (hier mit einer gestrichelten Linie dargestellte) Abkürzung nimmt.

Ich muss zugeben, dass ich zwischenzeitlich etwas angefressen war, doch die zahlreichen Glanzpunkte am Wegesrand (wieder) zu sehen, stimmte mich milde:






Außerdem wären mir, hätte ich den nachmalig "recycelten" Ausflug nicht gewählt, Kleiniania ersten Ranges entgangen:
Etwas nach links abweichend, erwartet den Wanderer mit dem Gasthaus "Zum Odenwald" eine zünftige Einkehr [...]
Das Gasthaus weicht nach links ab?
Etwas ansteigend, vorbei an einem Bauernhof, bleibt die Bebauung halb rechts in Richtung "Pension Sonnentau" am Zugang des Schannenbacher Moores zurück.
Die Bebauung steigt, vorbei an einem Bauernhof, an?
Rechts davon wird die offene Talung gequert und, vereint mit den Abkürzenden, rechts vor dem Wald abgebogen [...]
Die Talung wird mit den Abkürzenden vereint und rechts abgebogen? Solche Subjektsbezugsunfälle konnte "Im Land der steinernen Meere" nicht bieten, dafür aber grammatikalisch kaum zu beanstandende Sätze von betörender Schönheit:
Nach dem Queren einer Kreuzung setzt Gefälle ein, was allerdings das Schritttempo nicht beschleunigen wird. Schmelzwasser und Niederschläge hinterließen rutschige Verhältnisse. Mit Blick auf die ausnehmend hohen Buchen ringsum wird man ohnedies die Schritte verlangsamen.

Der Preis dieses Naturschauspiels ist allerdings auch hier erhöhte Rutschgefahr. Weiter oben übergibt das V nahtlos an das Zeichen weißes S1 mit der Maßgabe, dem 500 Meter hoch liegenden Weiler Schannenbach zuzuführen.

Schräg aus dem Boden ragend, von Klüften, Überhängen und Löchern so stark durchzogen, dass man um seine Standfestigkeit fürchtet, wird das Trumm dennoch die nächsten Eiszeiten überdauern.
Die nächsten Lenze überdauern werden die beiden Tourenbeschreibungen nicht: Ich werde sie wegwerfen, auf dass es mich nicht noch ein drittes Mal ins Kleine Felsenmeer verschlägt.

Dienstag, 21. April 2026

B.B.B.

B.B.B. steht für "BioBio-Beeren", denn siehe: Auch der Discounter Netto hat nun über sein Bio-Segment gefriergetrocknete Beeren auf den Markt gebracht. Es gibt sowohl Erdbeeren als auch Himbeeren im 25-Gramm-Beutel. Der im dieswöchentlichen Prospekt ausgewiesene "Dauertiefpreis" ergibt einen Kilopreis von 110,- Euro, mit dem uns allerdings schon Ende 2021 die Drogeriekette dm entgegengekommen ist. Gespart werden kann, wie im Bild zu sehen ist, mit der Netto-plus-App, die ich aber nicht besitze; ich kann doch, bitt'schön, nicht auch noch für jedes markteigene Bonusprogramm eine App installieren!


Update: Ich war gerade bei dm und kann bestätigen, dass nicht nur der Preis von 2,75 € für 25 Gramm Trockenerdbeeren gleich geblieben ist, sondern dass für denselben Preis nun auch dort getrocknete Himbeeren erhältlich sind. Die getrockneten Heidelbeeren sind jedoch inzwischen aus dem Sortiment verschwunden.

Sonntag, 19. April 2026

Meine zuletzt nicht gesehenen Filme

Was Bücher und Serien angeht, bin ich ein Completionist, ein beharrlicher Es-zu-Ende-Bringer. Habe ich von einer Serie die Pilotfolge gesehen / von einem Buch die ersten 100 Seiten geschafft, dann kann ich nicht anders, als die komplette Staffel zu schauen / den Rest des Buches zu lesen. Bei Filmen bin ich weniger diszipliniert, da kommt es schon mal vor, dass ich selbst nach einer Stunde abbreche, wenn's mir zu blöde wird (rezente Beispiele: "Cuckoo", 2024; "Tim Travers & The Time Travelers Paradox", 2022). Bei manchen Filmen weiß ich bereits nach wenigen Minuten: Das ist nix für mich. Gleich zweimal erging es mir in der vergangenen Woche so, und zwar in Bezug auf zwei nicht nur von eingefleischten Cineasten hochgehaltene Kultstreifen: "Blade Runner" (1982, Ridley Scott) und "Brazil" (1985, Terry Gilliam). Allein zuzugeben, dass ich über 40 Jahre alt werden musste, um diese über 40 Jahre alten Filme zu begutachten, erfüllt mich mit Scham. Das lange Aufschieben war einem dumpfen Gefühl geschuldet – das sich schließlich beim Abspielen der Filme instantan bestätigt hat. Sowohl "Blade Runner" als auch "Brazil" brach ich nach jeweils einer Viertelstunde ab; ein zweiter Anlauf ist ausgeschlossen. Mir fällt es schwer, auszudrücken, was genau mich an diesen Werken abstößt. Irgendetwas an der retrofuturistischen (?) Darstellung von Dystopien (?) verursacht mir körperliches Unbehagen, bedrückt und überfordert mich. Die Ästhetik ist mit dem englischen Adjektiv gritty nur unzureichend attributiert; es ist alles gleichzeitig grell und noir, auf jeden Fall chaotisch und überladen. Mark Fisher wüsste bestimmt, warum es mir so geht, aber den kann man ja nicht mehr fragen.

Freitag, 17. April 2026

Albernes zum Wochenschluss (Cross-posting)

An der Bockenheimer Warte in Frankfurt gastiert derzeit wieder einmal das Gießener Figurentheater und führt in seinem Zelt unter anderem »Furzipups der Knatterdrache« auf. Dabei handelt es sich, wie das dazugehörige Plakat stolz verkündet, um »das einzige lizenzierte Figurentheater für ›Furzipups‹ in Hessen und Mecklenburg-Vorpommern«, was die Frage aufwirft, wie es sich wohl mit den übrigen Bundesländern verhält. Hat man dort gar nicht erst versucht, Furzipups-Lizenzen zu bekommen? Hessen als verdienstvolle Darmwindförderungsregion (Nationalgericht »Handkäs mit Musik«) liegt für Furzipups-Aufführungen natürlich nahe, doch inwieweit qualifiziert sich Meck-Pomm als Heimstatt der beliebten Kinderbuchfigur?

Und die wichtigste Frage abseits jener, ob Deutschlands Juniorliteraturbetrieb die anale Phase jemals wieder verlassen wird: Was kriegen Furzipups-Fans beispielsweise in Bayern stattdessen geboten? Ich stelle mir stümperhafte Off-brand-Inszenierungen mit konkurrierenden verdauungsgestörten Folklorereptilien vor – von denen sich das minderjährige Publikum freilich nicht beeindrucken lässt. »Das ist ja gar nicht Furzipups der Knatterdrache! Wir wollen Furzipuuuups!!!« brüllt die Kindermeute. »Der ist aber genauso toll«, versuchen die erwachsenen Begleitpersonen zu beschwichtigen. »Das ist Arschibläh der Flatulenzwyrm. Schaut, jetzt klaut er seiner Freundin Stinki Säbelzahn eine Dose Kidneybohnen!«

Doch das Stück will nicht recht in Fa(h)rt kommen, sehen selbst die Eltern alsbald ein. Der Hauptfigur fällt ein Auge aus dem Stoffschädel, eine Oberlichtglühlampe platzt, mehrmals klemmt der Vorhang, die Puppen verhaspeln sich in einer Tour, und in der Pause rast ein Büffel durch die Manege, der aus einer parallel laufenden Vorstellung (»Der Müffelo«) entkommen ist. Als Zeichen des guten Willens wendet sich hinterher eine Erziehungsberechtigte an den Zirkusdirektor: »Richten Sie ein Lob an den Tontechniker aus! Die Furzgeräusche waren wirklich authentisch.« Worauf der Direktor sagt: »Wir haben gar keine Tontechniker.«

(Zuerst erschienen im Titanic-Newsletter vom 17. April 2026. Jetzt abonnieren, um in zwei Wochen meine 100. Kolumne nicht zu verpassen!)

Mittwoch, 15. April 2026

Tu mal lieber die Möhrchen

Ofengemüse: immer eine gute Idee. In diesem Rezept, das einen leichten Hauptgang oder eine üppige Vorspeise für zwei Personen ergibt, sind Möhren die Stars in einer Revue mit der Premium-Variante von Mozzarella und einer sog. Salsa rustica.

Ein Backblech mit Backpapier auslegen und ein Bund Möhren, die man zuvor geputzt hat, darauf verteilen und in 2-3 EL Olivenöl sowie 2 EL flüssigem Honig wälzen. (Es sollten keine Futtermöhren im Kilobeutel sein, sondern etwas höherwertige, am besten so ein "Strauß" mit Grün obendran; handverlesene französische in verschiedenen Farben wären vermutlich perfekt und machten zusätzlich optisch was her.) Das Blech kommt in den auf 200 Grad (Ober-/Unterhitze) bzw. 180 Grad (Umluft) vorgeheizten Ofen und sollte mindestens eine halbe Stunde drin bleiben; nach ein- bis zweimaligem Wenden des Gemüses schätze man selbst ein, ob es bei gleichzeitiger Karamellisierung weich genug geworden ist.

In der Zwischenzeit bereitet man ein Dressing aus 2 EL kleingehackter glatter Petersilie, 2 EL kleingehackter Minze, ca. 50 g Mandelstiften, den Zesten und dem Saft einer halben Bio-Zitrone und einer angemessenen Menge Olivenöl. Mit Salz und Pfeffer (und ggf. ein wenig Zucker) abschmecken.

Die Karotten aus dem Ofen nehmen und auf zwei Tellern verteilen. Jeweils 1 Kugel Burrata auf die Möhren setzen und diesen grob öffnen, zerpflücken, "anreißen". Darauf wiederum je die Hälfte der Salsa verteilen, nach Wunsch mit einer Prise grobem Meersalz und etwas frisch gemahlenem Pfeffer krönen. Wohl bekomm's!

Montag, 13. April 2026

Trockenobst-Update

Heute war ich einkaufen und entdeckte sowohl bei Rewe als auch bei Netto die von mir erst kürzlich als Trendprodukt vorausgeahnte Trockenobstvariante Himbeeren. Zum einen ist jetzt der einschlägige Hersteller Kluth an Bord, der für seine gefriergetrockneten Himbeeren allerdings einen Kilopreis von fast 200 Euro ansetzt.


Zum anderen lässt der mir bislang unbekannte Player Fruucs die Muskeln spielen: Er stellt mit dem Kampfpreis von 99,80 €/kg (für ein 50-Gramm-Glas) einen neuen Tiefstwert auf.


Bei all diesen neuen Beeren sollte man nicht die diversen Klassiker der Müslizugaben vergessen, beispielsweise getrocknete Mangos. Just dieses Wochenende hat die Süddeutsche Zeitung einen großen Vergleichstest jenes Produkts durchführen lassen. Zehn verschiedene Sorten wurden getestet. Angegeben wurde jeweils nur der Preis pro Packung; ich war zu faul, die Kilogrammpreise auszurechnen, doch scheint mir die Firma Seeberger mit 3,69 € je 100 g diesbezüglich vorne zu liegen – getrocknete Mangos sind also deutlich günstiger als ihre beerigen Pendants. Mit 5 von 10 Punkten nehmen die Seeberger-Früchte übrigens den vorletzten Platz ein, geteilt mit denen von süssundclever. Nur die "fruchtigen Mangostreifen" von Rewe Beste Wahl kamen mit 4/10 schlechter weg ("Die Textur wirkt zäh und insgesamt mehr trocken als saftig. Das erinnert mich an industrielle Massenproduktion"). Die höchste Punktzahl, nämlich 9, hat die Testerin der dm-Eigenmarke gegeben: Die Bio-Streifen, als deren Nachteil lediglich die Kleinheit bemängelt wurde, sind mit 1,95 € für 100 g zudem ziemlich billig. 8 von 10 Punkten erhielten die "exotischen Trockenfrüchte Mango" von Farmer naturals (Aldi Süd) sowie das in mehreren Märkten erhältliche Produkt aus dem Hause Farmer's Snack.

Samstag, 11. April 2026

Neues vom § 5 Abs. 3 MarkenG

Die Älteren werden sich (möglicherweise) erinnern: In der "Harald Schmidt Show" wurden in deren goldener Ära regelmäßig Eintragungen aus dem Titelschutzanzeiger vorgelesen. Schmidt und Andrack spekulierten dann, welches literarische, filmische oder sonstige Werk aus dem geschützten Titel erwachsen könnte. Heiterkeit war die Folge.

Gestern wurde mir die aktuelle Ausgabe des Titelschutz-Magazins (Eigenschreibweise: titelschutz-magazin) zugespielt. "102 neue Titel in 58 Titelschutzanzeigen" werden darin aufgeführt. Besonders Auffälliges findet sich leider nicht darunter. Am lustigsten sind noch:

- Die Zitrone im Spinnennetz
- Frauen sind wie Katzen
- Ich heiße Samantha du Arsch

Was ich generell an der Praxis des Titelschutzes bedenklich finde – abgesehen davon, dass man sich einfach so Allerweltswörter wie "Komplimente" sichern darf –, ist, dass der Schutzanspruch stets für "alle Schreibweisen, Darstellungsformen und Wortverbindungen" gilt. Wenn's nach mir ginge, würden Titel wie "Wir enden in unendlichkeit" oder "Ich liebe dich im stillen" der "besitzenden" Person nur exakt so gehören; wenn jemand anders etwas Gleichlautendes ohne die jeweiligen Groß-/Kleinschreibfehler veröffentlichen wollen würde, dürfte er das. Pech gehabt!

Donnerstag, 9. April 2026

Eiland in Sicht!

Dass ich das noch erlebe: dass im Jahr 2026 die Entdeckung einer neuen Insel bekanntgegeben wird! Genau das ist diese Woche geschehen. Auf das Eiland gestoßen ist der deutsche Brecher Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) im Weddellmeer. Die nach ersten, durch Drohnenaufnahmen gewonnenen Erkenntnissen circa 130 Meter lange, 50 Meter breite und etwa 16 Meter aus dem Wasser ragende Insel war "zuvor auf den vorhandenen Seekarten lediglich als Gefahrenzone verzeichnet", wie es in der Pressemitteilung des AWI heißt. "Da es keine offizielle internationale namentliche Eintragung der Insel gibt, gilt es jetzt, den Benennungsprozess für eine solche Entdeckung zu durchlaufen." Danach kann sie in internationalen Seekarten eingezeichnet werden und hoffentlich auch bald in Google Maps erscheinen. Einer bestimmten Nation darf sie gemäß Antarktis-Vertrag nicht zugeschlagen werden.

Persönliche Randbemerkung: Eine ehemalige Mitschülerin von mir arbeitet als Geochemikerin beim AWI. Ob sie wohl Teil des 53-köpfigen Forschungsteams der Polarstern ist, die neue Insel womöglich sogar irgendwann betreten darf?

Dienstag, 7. April 2026

Es grünt so grün im Mushroom Kingdom

Schon lange wollte ich mal etwas über The New Christy Minstrels schreiben, und jetzt gibt es sogar einen Anlass dazu; in Kürze mehr. Die New Christy Minstrels waren eine Folk-Music-Gruppe, bzw. sind sie das, denn obwohl sie sich 1971 offiziell aufgelöst haben, geben sie seit 1976 wieder gelegentlich Gastspiele und haben erst 2017 ihr letztes Album veröffentlicht. Dass sie in wechselnder Besetzung auftraten und -treten, gehört seit ihrer Gründung durch Randy Sparks im Jahr 1961 zum Konzept: "Some of [the] band's members had no interest in committing full-time to what they saw as a high-risk project, and others had obligations elsewhere." (Wikipedia) Bereits ein Jahr später reduzierte sich die Zahl ihrer Mitglieder auf zehn, nachdem das zur Urformation gehörende Quartett The Fairmount Singers ausgetreten war. Zu den bekanntesten Namen der mittlerweile rund 300 aktiven und ehemaligen Minstrels zählen Kenny Rogers (1966), Tracy Newman (1962, Schauspielerin und Impro-Komikerin, Schwester von Laraine Newman) und Kim Carnes (1966, später mit "Bette Davis Eyes" weltberühmt geworden). Übrigens, wer bei "New Christy Minstrels" an eines der dunkelsten Kapitel der US-amerikanischen Unterhaltungsgeschichte denkt, liegt nicht falsch: Sparks nahm mit dem Namen Bezug auf die Truppe "Christy's Minstrels", die ab den 1840er Jahren in Blackface zeitgenössische minstrel plays performte, etwas, worauf die "New Christies" gottlob verzichteten.

Die New Christy Minstrels als erfolgreich zu bezeichnen, wäre untertrieben. 1970 traten sie beim Super Bowl auf, bei der Oscar-Verleihung 1965 interpretierten sie den Gewinner in der Kategorie "Bester Song" ("Chim Chim Cher-ee" aus "Mary Poppins"), in ihren Hoch-Zeiten waren sie regelmäßige Gäste im legendären Hotelclub Cocoanut Grove und in prestigeträchtigen Spielstätten wie der Carnegie Hall. Seit 2009 haben sie einen goldenen Stern auf dem Palm Springs Walk of the Stars.

Ich muss zugeben, dass ich viele ihrer Stücke, darunter auch ihre Coverversionen oder (christliche) Traditionals wie "Michael Row the Boat Ashore" äußerst schmissig und mitreißend finde. "Chitty Chitty Bang Bang" höre ich von dieser Truppe lieber als die Original-Musical-Nummer, und was für ein Gassenhauer ist bitte der aus "The Leftovers" bekannte "Song of the Pious Itinerant"?! Ihre höchste Chartplatzierung erreichten die New Christy Minstrels 1963 mit dem Schlager "Green, Green", der im Folgejahr zweifach Grammy-nominiert war und in der Folge von internationalen Stars in allen möglichen Sprachen gesungen wurde, beispielsweise auf deutsch von Drafi Deutscher ("Grün, grün ist Tennessee") oder Cliff Richard ("Du, du gefällst mir so"). In Japan, wo die Minstrels bis heute besonders beliebt sind, schrieb der Kinderbuchautor Hikaru Kataoka für "Green, Green" neue Lyrics in seiner Muttersprache. Diese japanische Fassung wurde 1967 vom Suginami Junior Chorus in einer Kinderfernsehsendung vorgetragen und erfreut sich seitdem großer Popularität.

Und damit komme ich zum Anlass dieses Beitrags. Vor wenigen Tagen sah ich einen Bluesky-Post des hier bereits empfohlenen Tumblrs "Supper Mario Broth". (Der Bluesky-Account haut öfter Dinge raus, die weder auf dem Basiskanal noch im Miszellen-Ableger "Small Mario Findings" gezeigt werden.) Darin wird die unglaubliche und mir noch nie begegnete Behauptung aufgestellt, dass das musikalische Hauptthema von "Super Mario World" von ebenjenem Lied inspiriert worden sei! Als Beweis führt der Account eine nie ausgestrahlte Ausgabe des "Satellaview BS-X Broadcast Magazine" an, in welcher der Refrain von "Green, Green" (in SMW-Soundfont) angespielt wird. Auch der Wikipedia-Eintrag zu nämlichem Hit geht auf diesen Vorwurf ein: "British YouTuber Thomas hypothesizes that Koji Kondo was inspired by the Japanese version of 'Green, Green' when he was making the Super Mario World's overworld music in the 90s, due to the song having a 'happy, rhythmical and an easy to remember melody'." Tja, was soll man dazu sagen? In meinen Ohren sind die circa dreizehn fraglichen Noten zu unterschiedlich, als dass man von einem Plagiat sprechen könnte. Inspiration? Das mögen Leute entscheiden, die von dergleichen Ahnung haben.


Ein kleiner Exkurs zum Schluss ist noch geboten. Was bitte ist "Satellaview"? Mit absonderlichem NES-Zubehör habe ich mich ja schon befasst, aber auch für das SNES bzw. Super Famicom, wie es im Heimatland von Nintendo hieß, gab es bemerkenswerte Extra-Hardware. Ausschließlich in Japan kam das Satellaview auf den Markt, "ein Zusatzgerät, um Spiele, Demos und Informationen über einen Satelliten zu empfangen. Es [...] nutzte den Satellitensender St. GIGA. Auf dem Satellitenkanal wurden von 4 bis 7 Uhr japanischer Zeit die Daten gesendet, ansonsten lief ein normales Fernsehprogramm. Das Hauptproblem war, dass die Daten nur zu bestimmten Uhrzeiten ausgestrahlt wurden. Man musste also im richtigen Moment das Gerät starten und konnte dann die Daten auf ein spezielles wiederbeschreibbares Flash-Modul herunterladen. Dieses Modul, die 'BS-X Special Broadcast Cassette', wurde in den Modulschacht des SNES eingesetzt und konnte vier Megabit (512 Kilobyte) an Daten speichern." Und als Teil des offiziellen BS-Magazins sollte offenbar das "Green, Green"-Osterei präsentiert werden, wurde dann aber vom Konzern zurückgezogen, weil es ein Quasi-Klau-Eingeständnis gewesen wäre.

Montag, 6. April 2026

Handkuß mit Musik (salopp)

Das Thesaurus-Thema lässt mir keine Ruhe ... Auf dem Gang zum Wochenmarkt sah ich am Donnerstag eine Zu-verschenken-Kiste, in der eine aktuelle(re) Ausgabe des Synonym-Dudens lag. Ich nahm mir vor, diese auf dem Rückweg einzustecken, vergaß es dann allerdings. Später zog ich einmal mehr mein 70er-Jahre-Exemplar zurate und blieb beim Durchblättern – ich schwöre: unbeabsichtigt – bei den Einträgen zum Geschlechtlichen hängen. Allerlei Putziges und Angestaubtes ist dort zu finden. Als sinn- und sachverwantde Wörter und Wendungen für "Geschlechtskrankheit" schlägt das Buch u.a. vor:
- Pauken und Trompeten
- Türkische Musik
- Trio (salopp)
- Kavaliersschnupfen (scherzh.)
Die Ausdrücke "Lustseuche" und "Franzosenkrankheit" waren immerhin schon Teil meines passiven Wortschatzes; lachen musste ich beim Wiederentdecken dennoch. Genau so wie über die Einträge bei "Untersuchung auf G[eschlechtskrankheit]":
- Schwanzappell (vulgär)
- Schwanzparade (vulgär)
Und wie umschreibt man wahlweise möglichst verklemmt oder pueril, dass man "eine G. bekommen" hat? Zum Beispiel mit diesen Phrasen:
- sich etwas holen (salopp)
- sich etwas aufsacken (salopp)
- sich die Musik holen (salopp)
- zum Handkuß kommen (österr.)
- sich die Gießkanne verbiegen (vulgär)
- sich den Lauf verstopfen (salopp)
- sich den Schwanz verbrennen (vulgär)
Hat man(n) sich etwas "geholt", dann "geht man wie auf Eiern" (salopp). Es ist dies möglicherweise die Folge ungezügelten Geschlechtstriebs, für welches Wort der Duden diese Alternativen anbietet:
- Nisus sexualis
- Salazität
- im reiferen, "gefährlichen" Alter: Johannestrieb
Statt "Koitus" lässt sich auch sagen:
- Beilager
- Kongressus
- Nahkampf (salopp)
- verhaltener: Karezza, Koitus reservatus

Was ich mit diesem neu gewonnenen lexikalischen Wissen anzufangen gedenke, weiß ich noch nicht. Vielleicht schreibe ich irgendwann eine erotische Kurzgeschichte ausschließlich mit solchem Vokabular.

Freitag, 3. April 2026

Vor zwanzig Jahren

... bloggte ich auf dem Kybersetzung-Vorgänger dies:

Ich habe immer noch viel zu tun, d.h. die Updates werden in den kommenden Tagen noch auf sich warten lassen. Hinzu kommt, dass bluephod.net leider seinen Betrieb eingestellt hat. Damit will ich natürlich nicht andeuten, dass ich von dort Links geklaut hätte ;P ... aber traurig isses trotzdem.

Bluephod! Daran habe ich ja ewig nicht mehr gedacht. Aber "schön" zu sehen, dass es auch damals Phasen erhöhten Stresses in meinem Leben gab. Von wegen "Gammelstudent"! (Hat ja niemand behauptet.) Der nämliche Blogbeitrag geht dann noch mit ein paar Links weiter, von denen heute natürlich keiner mehr funktioniert, bis auf diesen hier: The Phronistery. Dieses bis ins Jahr 1996 (!) zurückreichende englischsprachige linguistische Kuriositätenkabinett enthält unter anderem ein "17,000-word dictionary of rare, cool, and unusual words", Spezial-Lexika, Zahlwort-Trivia sowie das bis heute gelegentlich aktualisierte Sub-Blog Glossographia. *bookmark*

PS: Meine alte Ausgabe des Duden Bd. 8 ("Die sinn- und sachverwandten Wörter") schlägt als Synonym für "Stress" das Wort "Managerkrankheit" vor. Was soll das?

Mittwoch, 1. April 2026

Serientagebuch 03/26

03.03. Family Guy 24.03
Family Guy 24.04
04.03. Pluribus 1.06
05.03. Get a Life 1.14
06.03. The Woman in the Wall 1.04
07.03. Lost 2.23 (RW)
Lost 2.24 (RW)
08.03. Family Guy 24.05
Run Away 1.01
10.03. Run Away 1.02
11.03. The Woman in the Wall 1.05
Pluribus 1.07
Family Guy 24.06
Family Guy 24.07
12.03. Get a Life 1.15
17.03.
The Woman in the Wall 1.06
19.03. Pluribus 1.08
Get a Life 1.16
Family Guy 24.08
20.03. Pluribus 1.09
21.03. Run Away 1.03
22.03. Family Guy 24.09
24.03. Get a Life 1.17
Run Away 1.04
27.03. Waco 2.01
30.03. Waco 2.02
31.03. Get a Life 1.18

Reichlich Schweiß und Tränen flossen beim Rewatch der zweiten Staffel von Lost. (Voraussichtlich doppelt so viel wird bei der dritten fließen.) Allerdings wurde meine Erinnerung an diverse wiederkehrende Probleme der Serie bestätigt, will sagen: Was uns (also mich und meine damals Mitwatchenden) beim ersten Durchlauf gestört hatte, hat mich erneut gestört, beispielsweise der nicht nachvollziehbare Spleen der Autoren, ihre Figuren nicht miteinander über das Erlebte reden zu lassen. Herrschaftszeiten, Kommunikation ist doch das A und O in einer solchen Ausnahmesituation (i.e. auf einer offenkundig jeglicher Realität entrückten Insel gestrandet zu sein)! Auch kommen einzelne Charaktere deutlich unsympathischer als in der Auftaktstaffel rüber und treffen teils haarsträubende Entscheidungen (nun gut, hier weiß ich, dass sich das Meiste späterhin in Wohlgefallen auflösen wird, Stichwort redemption).
Nun bin ich schon ganz hibbelig, denn wie Season 3 startet, ist mir noch genauestens erinnerlich ...

Nicht gerade gute Laune macht einem die BBC-Serie The Woman in the Wall von 2023. Das sechsteilige Thriller-Drama spielt in Irland und basiert auf dem wahren, bis in die Gegenwart strahlenden Skandal um die sog. Magdalen Laundries. Äußerst bedrückend, aber auch spannungsreich inszeniert, wobei es den Kniff, dass die Protagonistin Schlafwandlerin ist, m.M.n. nicht gebraucht hätte. Bonuspunkt für die Musikauswahl.

Ohne vorher irgendwas über den Inhalt zu wissen (obwohl ich den Trailer gesehen hatte, was sehr für diesen spricht), bin ich an Pluribus herangegangen. Dass Vince Gilligan so wie mehrere seiner früheren Kollaborationspartner dahinterstecken und "Better Call Saul"-Co-Star Rhea Seehorn die Hauptrolle übernehmen würde (das macht sie sensationell!), wusste ich natürlich. Meine Erwartungen waren hoch und wurden fast erfüllt. In seiner Skurrilität und Mindfuck-Lust erinnerte mich "Pluribus" öfter an jüngere Damon-Lindelof-Werke. Ausladende, langgezogene, aber nie langweilig werdende, lichtbetonte Szenen tragen dann wieder Gilligans Handschrift, item die Kameraarbeit und die Situationskomik. Denkt man ein wenig intensiver über die Konsequenzen der fantastischen Prämisse nach (ich halte mich bewusst mit einer Inhaltsbeschreibung zurück), fallen einem etliche Logiklöcher und Ungereimtheiten auf. Es bleibt zu hoffen, dass zukünftige Episoden auf diese eingehen werden. Der Schluss der Finalfolge verspricht so oder so noch jede Menge Spaß.