Sonntag, 31. Mai 2026

Fotos, Ausrisse, Screenshots, launig kommentiert

Solange mich niemand vom Gegenteil überzeugt, gehe ich davon aus, dass "Bienenkosmetik" Kosmetik für Bienen bedeutet.
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Ich will aber spez. Bergkäse!
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Little Spreewald oder auch
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Ach, DAS versteht man unter Adana Kebap!
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"The Rehearsal" Season 2
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Zum Glück hatten sie noch eine passende Garfield-Folge in der Schublade ("Der Ajatollah ist tot. Ich hasse Montage!").
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Warum "sogar"? Verstehe den Widerspruch nicht – Kritiker sein heißt doch nicht, alles schlecht zu finden.
(Plot-Twist: Mit "ihn" ist der Star-Kritiker gemeint.)
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Fühlt sich an, als wäre das Land noch zwei Haushaltsdebatten entfernt von einer Brigitte-Strecke "Die schönsten Dachhasen-Variationen".
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Dachte auf den ersten Blick, das seien Richard Ayoade und Shea Whigham.
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Mein erster Gedanke: Was für ein random Loss Edit ...
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Hey, Amazon, Vorschlag für eine weitere Neuerung: KORREKTE IMPERATIVE!
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Den Hillergruß?
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Meine Erkenntnis: Kneift man die Augen zu, sehen die zwei Flaggen hinter ihm aus wie Dämonenflügel.
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"Prinzessin Dianas Hellseherin" ... würde ich mir nicht unbedingt in den Lebenslauf schreiben.
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Schlechtes Symbolbild imho
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Aber ... sie ist doch schon bei Penny?
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Schade, dass sie in den 16 Zeilen nicht noch eine vierte Schreibweise von "Kurd-Laßwitz-Preis" unterbringen konnten.
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Was geht eigentlich an der Instantnahrungsfront?
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Im Zeitalter der Phrasendrescherei sollten solche Überschriften um den Vermerk "(buchstäblich)" ergänzt werden.
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Auch noch nicht gesehen: Uhrzeitenangaben mit Komma
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Zeichentheorie für Fortgeschrittene
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Und denk dran, Lucas, was deine Eltern dir über Rechtschreibung beigebracht haben: nichts.
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Hier stecken bestimmt ein bis zwei Witze drin, macht sie bitte ggf. selbst.

Samstag, 30. Mai 2026

Melon Curry and the Infinite Sadness

Am Donnerstag dieser sehr heißen Woche habe ich das außergewöhnlichste indische Gericht zubereitet, das ich je zubereitet habe: ein Melonen-Curry. Das Rezept dafür, welches aus dem Wüstenbundesstaat Rajasthan stammt, hat schon vor einiger Zeit Denise Snieguolė Wachter im Stern vorgestellt. Ich hatte Sorge, dass das Melonenfleisch sich in der Pfanne binnen kurzem in Pulp auflösen würde, aber nein, die Stücke behielten ihre Knackigkeit und ihr Erfrischungspotenzial. Hier die (reichlich simple) Anleitung:

In einer Pfanne erhitzt man 4 EL Öl und gibt nacheinander hinzu: 1/2 TL Kreuzkümmelsamen, getrocknete Chilischoten*, 1 ca. 4 cm großes Stück Ingwer, gerieben, und 1/2 TL Kurkumapulver. Wenn die Mischung betörend duftet, 150 g Wassermelone, püriert, unterrühren und 1,5 TL Salz und 2 TL Zucker hineinstreuen. Aufkochen. Sobald ein gutes Drittel der Flüssigkeit verdampft ist, 500 g Wassermelone in mundgerechten Quadern in die Pfanne tun und unter vorsichtigem Rühren etwa 5 Minuten köcheln lassen. Zum Schluss 4 EL Limettensaft unterheben, mit frischen Minzblättern garnieren, zu Naan servieren.

* Hier entscheidet wie immer die persönliche Schärfetoleranz bzw. -vorliebe. Das Rezept sieht 4 mittelscharfe Schoten vor. Ich habe 3 Stück der Sorte Cayenne verwendet und fand das Resultat faaast zu hot.

Das Ergebnis waren zwei volle Teller. In der Vorlage hieß es, 750 Gramm Melonenwürfel würden benötigt, um sechs Personen satt zu machen. Das kann nicht stimmen.

Donnerstag, 28. Mai 2026

Der Hausherr meldet sich zum Dienst (Aufstrich-Content inside!)

So, da bin ich wieder – und finde das Blog so vor, wie ich es verlassen habe. Die in meiner Abwesenheit veröffentlichten Inhalte konnten nicht nur das von hier gewohnte Qualitätsniveau halten, sondern dieses sogar übertreffen und zudem das thematische Spektrum aufs Interessanteste erweitern (Drogen! Sex! Rennräder!). Auch mit den Klickzahlen bin ich zufrieden; das sind die Synergieeffekte, die ich mir von meinen Gastbeiträgern als Multiplikatoren erhofft hatte. Fazit: Das machen wir mal wieder! Die nächsten Vertretungsstunden kann ich hiermit schon jetzt ankündigen, voraussichtlich für das erste Quartal 2027.

Nun aber zurück zum Wesentlichen. Die neue Stiftung Warentest teilt uns mit, dass Konfitüre jetzt Marmelade heißen darf:

Wer Beeren- oder Aprikosen-Konfitüre schon immer „Marmelade" nennt, liegt damit jetzt auch offiziell richtig. Bisher war der Begriff streng genommen Zubereitungen aus Zitrusfrüchten vorbehalten. Nun darf auch bei anderen Fruchtarten „Marmelade" auf dem Etikett stehen – dank Änderungen der „EU-Frühstücksrichtlinien" und der deutschen Konfitüren-Verordnung. Diese fordern nun auch einen höheren Fruchtgehalt: mindestens 450 Gramm Frucht je Kilogramm, bei der Bezeichnung „Extra" sogar 500 Gramm.

EU-Frühstücksrichtlinien, herrlich! Ganz streng genommen dürfte sich "Marmelade" ja nur auf Zubereitungen aus Quitten beziehen. Wie dem auch sei, mir soll recht sein, was die Frühstücksdirektoren in Brüssel entscheiden. Verstehe ich das richtig: Was "Marmelade" heißen darf, ist nun gleichzeitig lockerer und strenger reglementiert? Auf die Frucht kommt es nicht an, wohl aber auf den Fruchtanteil. Nicht geregelt ist laut Stiftung Warentest übrigens die Produktbezeichnung "Fruchtaufstrich", "mitunter" sei dabei "besonders viel Frucht enthalten".

Dienstag, 26. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (6)

Heute: "Milieu-Report Bibliothek" von Sebastian Sachse

Schafft es eine Bibliothek im Kontext der Kriminalität in die Nachrichten, geht es oft recht merkwürdig zu. Sie ist kein Hort des Kapitalverbrechens (halt, stopp: Durch die in der Regel sehr großen Krimibestände ist sie praktisch DER Hort für Kapitalverbrechen). Mord, Raub, etc. – das möge bitte weiterhin außerhalb stattfinden. In der Bibliothek gibt es Verbrechen, die so nur dort vorstellbar sind.
Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an die Geschichte vom sogenannten Büchermarder. Dieser hielt mehr als 30 Jahre lang Bibliotheken im ganzen deutschsprachigen Raum in Atem, indem er sich alte Atlanten, astronomische Werke und anderes vorlegen ließ, um daraus dann wertvolle Karten und Kupferstiche herauszuschneiden und diese zu verkaufen. Alleine in den 90er Jahren könnte er bis zu 200.000 Mark pro Jahr erzielt haben. Der Markt scheint groß zu sein, 200 Folgen "Bares (ha!) für Rares" füllen sich nicht von alleine. Die spannende, europaweite Jagd nach dem Dieb lässt sich in der taz nachlesen.

Er erinnert sich gleichzeitig an die großen Ringe, die S. an den Fingern trug. Heute geht er davon aus, dass sie über scharfe Kanten verfügten oder kleine Klingen darin versteckt waren. „Er hat immer Blickkontakt gesucht“, erzählt der Bibliotheksleiter. „Damals maßen wir dem keine große Bedeutung bei.“

Ohne die Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden müssen sich die Bibliotheken gegen den Büchermarder selbst zur Wehr setzen. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, das weitere 13 Jahre dauert. In diesem Zeitraum taucht S. mindestens 15-mal in Bibliotheken in der ganzen Bundesrepublik auf. 2010, 22 Jahre nach seinem ersten Besuch, macht er wieder einen Termin in der Universitäts- und Landesbibliothek der TU Darmstadt. Man stellt ihm eine Falle, doch S. taucht nicht auf.

Haben wir es hier mit einem sogenannten Gentleman-Verbrecher zu tun? Nun, zur Gerichtsverhandlung erschien er mit akkurat gestutztem, grauen Schnurrbart, schickem Blazer und lila Krückstock. So stelle ich mir den Kunstdieb Victor Hugenay aus den "Drei ???" vor. Diese Frage lässt sich also mit ja beantworten.

Ganz aktuell und das absolute Gegenteil eines Gentleman-Verbrechens: Die Bibliothek des Konservatismus, eine ans neurechte Netzwerk angeschlossene Bibliothek, wurde aus dem Gemeinsamen Bibliotheksverbund entfernt. Der Vertrag wurde gekündigt, nachdem sich herausgestellt hat, dass mindestens eine Mitarbeiterin diverse Titeleinträge im Gesamtkatalog auf sabotierende Art editiert hat. So wurde die Autorin Lisa Duhm in Lisa Dumm umbenannt, andere Werke mit “Gender-Gaga” und “Verdummung” verschlagwortet. Die Zeit berichtet ausführlich.

Auch den Katalogstandard »Autor:in« änderten BdK-Mitarbeiter bei einigen Einträgen zu »Autor«. Mit diesem Vandalismus hätten sie Verknüpfungen zerstört und für eine insgesamt schlechtere Datenqualität der gesamten Bibliotheksdatenbank gesorgt, heißt es aus verschiedenen Bibliotheken des GBV-Verbunds.

Der Gemeinsame Bibliotheksverbund, das sei erklärt, ist der Verbund praktisch aller öffentlichen, wissenschaftlichen und vieler privaten Bibliotheken im norddeutschen Gebiet, der neben diversen organisierenden Aufgaben vor allem einen gemeinsamen Katalog bereitstellt, in dem sämtliche Titel verzeichnet sind. Ein unverzichtbares Werkzeug für die Fernleihe.

Kein modernes Verbrechen ohne das Internet und das Dark Web, ohne Kryptowährungen und Blockchain. Leider muss man konstatieren, dass auch hier die Bibliothek in einer Vorreiterrolle agiert hat: Sie hat die Blockchain erfunden! Und das bereits um 1900. Und zwar in Preußen.

Bevor es Verbundkataloge wie den des GBV gab, hat jede Universität alleine vor sich hin gearbeitet. Es war die große Zeit der Universalbibliotheken, die langsam als Auslaufmodelle galten – eine Spezialisierung musste her. Um dies zu bewerkstelligen, sollte zunächst einmal festgehalten werden, welche Bibliothek über welchen Bestand verfügte. Es brauchte 1902 den Preußischen Gesamtkatalog. Ausgehend vom Katalog der Königlichen Staatsbibliothek wanderte das Papier durch sämtliche preußischen Universalbibliotheken. Jede ergänzte ihren eigenen Bestand um die Bände, die sie ebenfalls hatte, und um die Bände, die nur sie hatte. Es war die Geburt der Blockchain: Der Datenwurm wurde immer länger, Gültigkeit besaß nur die letzte Fassung.

Das große Manko war der Datenträger. Da alles mühsam zu Papier gebracht wurde, und der Datensatz zum Ende auf 7,5 Millionen Besitznachweise angewachsen war, handelte es sich um ein riesiges Paket, das von Ort zu Ort verschickt wurde. Der Originalkatalog ging den Weg sämtlicher Kryptowährungen: Während des zweiten Weltkrieges wurde er zur Sicherheit in einen Kalkberg gebracht, wo er dennoch durch einen Brand zerstört wurde.

Kann man den Ideengeber und den Programmierer des Codes (das bibliothekarische Regelwerk Preußische Instruktionen) als Proto-Techbro bezeichnen? Nun:

Als System Althoff wird das unbürokratische und oft die Ressortgrenzen überschreitende Vorgehen des preußischen Kulturpolitikers Friedrich Althoff bezeichnet. Er baute ein weitverzweigtes Netzwerk von Vertrauensleuten an verschiedenen Stellen auf und beeinflusste durch diese Form der „Geheimdiplomatie“ die Entscheidungen. Als Universitäts- und Bibliotheksreferent im preußischen Ministerium der geistlichen-, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten konnte er für das Bibliothekswesen in den Jahren 1882 bis 1907 weitreichende Reformen durchsetzen.


Sonntag, 24. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (5.2)

Heute: "Joggen auf LSD" (Fortsetzung) von Paulina Stulin

Das Heimkehren stellte mich vor eine neue Herausforderung, denn nun musste ich mehr machen als atmen und nach vorne laufen. Ich musste meine Zeit gestalten. Nach kurzen Erwägungen war klar, dass es das Beste sein würde, erst mal Musik von James Blake anzumachen und auf dem Boden herumzurollen.

Ich fühlte mich schon wieder wie so ein Racker, der es faustdick hinter den Ohren hat und sich einen Spaß nach dem anderen erlaubt, während alle anderen sich mit langweiligem Quatsch herumplagen.

Nachdem ich mich eine Weile in alle Richtungen gebogen und gedehnt hatte, schnibbelte ich mir zwei Kohlrabis zurecht und begann, snackend in einem Comic zu schmökern.

Als der letzte Bissen wegschnabuliert war, wurde ich auf die Probe gestellt. Würde ich es schaffen, meinen frisch gewonnenen Erkenntnissen Taten folgen zu lassen und nicht wie ferngesteuert zum Kühlschrank zu gehen und mir die nächste Portion zu holen?

Ich wollte so gerne hier und jetzt eine Zäsur setzen, eine neue Normalität etablieren, indem ich der Gewohnheit widerstand, die mich mit aller Kraft auf alten Kurs lenken wollte.

Ich wollte einer dieser Leute werden, für die Essen gar kein Thema ist, die intuitiv essen, die sogar Mahlzeiten ausfallen lassen, weil sie sie schlicht vergessen. Die nach einer halben Pizza aufhören, weil sie schon genug haben.

Aber alles in mir schrie nach MEHR! Ich ergab mich dem Drang, spachtelte mir noch zwei vegane Steaks rein und schob noch zwei Kohlrabis hinterher, aber ich wurde und wurde einfach nicht satt.

Dann kam mir eine gute Idee: Duschen. Ich setzte mich in meine Badewanne und quoll über vor Entzücken, als ich genau die richtige Wassertemperatur fand und daraufhin schön ausgedehnt die Brause auf mich niederprasseln ließ. Leibliches Wohl in Reinform. Wasser schon wieder, ey.

Frisch gewaschen und erschöpft legte ich mich ins Bett. Ich sagte mir: Du musst jetzt nichts machen, außer einfach nur daliegen. Das Simpelste auf der Welt.

Doch ich konnte keine Ruhe finden. Es war inzwischen früher Nachmittag und das Geballertsein weiterhin sehr stark. Kurz verfiel ich ins Quengeln darüber, dass die Wirkung jetzt endlich mal aufhören und alles wieder normal werden sollte. Doch im nächsten Moment verstand ich, dass ich mich besser damit abfinde, was ist, statt in Widerstand gegen etwas zu gehen, was ich eh nicht beeinflussen kann.

Ich entschied mich dazu, zu schreiben. Genau das Richtige, genau das, was ich gerade brauchte. Die Worte flossen nur so aus mir heraus, ich amüsierte mich köstlich über mein Treiben und kam mir wieder vor wie so ein rotzfrecher Witzbold, der einen Unfug nach dem anderen anstellt, ohne nach Erlaubnis zu fragen.

Irgendwann war dann das Drängendste in die Tastatur hineingeblutet, und ich empfing das innere Signal, dass es jetzt mit etwas anderem weitergehen müsse.

Doch was?

Sofort ploppten mir Fantasien von Burgern, Eiscreme und Sushi in den Sinn. Ich spürte, dass ich aus dieser Situation raus musste, war vom Joggen jedoch körperlich schon total ausgezehrt. Ich wälzte mich unter quälender Anspannung hin und her, erst auf dem Boden, dann auf dem Bett, dann wieder auf dem Boden, schaltete den Computer ein und wieder aus, suchte das richtige Hörbuch für meine Stimmung und fand es nicht. Ich wollte irgendwas, und zwar viel davon.

Mein Herz wummerte auf Hochtouren, und gleichzeitig hatte ich kaum Energie, um aufzustehen. Ich ließ mich noch etwa eine halbe Stunde von meinen inneren Widersprüchen foltern, bis ich es nicht mehr aushielt und mich trotz der Schwäche hinausscheuchte, um nicht mehr mit diesen unsichtbaren Monstern allein zu Hause eingesperrt zu sein.

Ich setzte mich auf mein Fahrrad und trat angestrengt in die Pedale, befürchtend, dass ich mir in meinem Zustand vielleicht doch zu viel zumutete, doch siehe da, mit jedem Meter wurde mein Leiden ein bisschen erträglicher, und der verbissene Drang, die ganze Welt aufzuessen, erstarb.

Ich fuhr wieder in den Wald, stöpselte mir ein Hörbuch ins Ohr, stapfte los und zählte meine Atemzüge von zehn rückwärts. Plötzlich galoppierte eine Wildschweinfamilie nur wenige Meter an mir vorbei. Die Mutter blieb stehen, musterte mich ein paar Sekunden und zog dann unbeeindruckt weiter. Der Schreck wich aus mir wie Luft aus einem Luftballon, der gerade fast geplatzt wäre.

Die Wirkung begann abzuklingen. Ich surfte zwar immer noch auf einer kleinen Welle des Highseins, spürte aber immer mehr den Schalk aus meinem Nacken weichen. Die Dinge wurden immer selbstverständlicher.

Die letzten Schritte, bevor ich wieder bei meinem Fahrrad ankam, taten richtig weh, meine Hüfte hatte gar keinen Bock mehr und auch nervlich war ich total am Ende.

Ich war froh, es aus meiner inneren Hölle herausgeschafft zu haben, doch ich hatte nicht den Eindruck, der Bewältigung dessen, was mich da zu Hause gepeinigt hatte, näher gekommen zu sein. Rauszugehen war definitiv besser, als mich weiter zu überfressen, aber irgendwie dann doch bloß eine andere Art Ablenkung. Ich kann nicht vor meinen Problemen wegspazieren.

Inzwischen knacknüchtern im kühlen Abendsonnenschein nach Hause zu radeln war sehr erfrischend und lüftete mein verspultes Gemüt gut durch.

Ich kehrte gesättigt an Eindrücken heim und fraß mich zum Abendessen wie gewohnt voll.

Freitag, 22. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (5.1)

Heute: "Joggen auf LSD" von Paulina Stulin

3.4.2021
Wie schon in den letzten Wochen gab es auch diesen Freitag eine kleine Portion LSD zum Frühstück. Es war heute ein anderes Präparat, nicht die Minipillen von Anja, sondern eine klassische Pappe, die ich mir aus dem Internet bestellt hatte.

Ich schnitt per Augenmaß mit einer Nagelschere fünf gleich große Kerben in das Papier hinein, um mir meine gewohnte Dosis, also ca. 10 Milligramm, einzuverleiben. Während ich den knapp 2 mm breiten Streifen abschnitt, überkam mich eine draufgängerische Laune. Ich scherte noch ein bisschen zur Seite aus, zupfte den größer als geplanten Fitzel ab und schluckte ihn, ohne zweimal darüber nachzudenken.

Ich setzte mich an den Computer und verlor mich in Schreibarbeit, bis ich etwa eine halbe Stunde später von der ersten Schummerigkeitswelle erfasst wurde. Ich war überrascht, wie intensiv schon die ersten Anklänge zu spüren waren, hieß die herangaloppierende Crazyness jedoch willkommen, machte den PC aus und bereitete mich auf meine Joggingrunde vor.

Die Wirkung durchströmte mich immer heftiger. Ich erwartete jeden Moment, dass das erste Aufbranden abebben würde, doch es wurde nur noch stärker.

Ich machte ein paar Aufwärmübungen, zog meine Schuhe an, nahm den Schlüssel mit und ging nach draußen.

Als ich auf die Straße trat, war ich schon veritabel high und trippelte frohgemut los. Doch Meter für Meter wurde alles intensiver. Ich bekam Schiss, dass ich gleich vollkommen vom Rausch überwältigt werde und mit Schaum vor dem Mund in aller Öffentlichkeit kollabiere.

Ich spielte mit dem Gedanken, nach Hause zurückzukehren, entschied mich jedoch, dem Drang, mich zu verkriechen, nicht nachzugeben, sondern mich unbeirrt vor den Augen der Welt dem zu stellen, was auch immer da kommen möge.

Ich besann mich auf den Rat meines Aikidotrainers, mich in Situationen, in denen ich mich unsicher fühlte, auf mein Zentrum, also meine Körpermitte, zu konzentrieren. Ich gab mir Mühe, entspannt zu atmen, und versuchte, die Panik abklingen zu lassen, die die immer unbestreitbarere Tatsache in mir auslöste, dass ich inzwischen total druff war.

Es war alles durch und durch unnormal. Ich geriet mehrfach an den Rand meiner Wahnsinnstoleranz und schaffte es gerade so, nicht auszurasten und tapfer weiterzulaufen. »Joggen auf LSD, das ist also jetzt mein Lifestyle«, dachte ich.

Erinnerungen des Vortages spulten sich vor meinem inneren Auge ab und wurden alle paar Minuten zerrissen durch das immer wieder aufs Neue hereinbrechende Hier und Jetzt.

Als ich eine halbe Stunde später aus einer besonders tiefen Vergangenheitstrance erwachte, fand ich mich mitten im Wald wieder und hieß mich mit einem beschwingten »Welcome back« in der Gegenwart willkommen, als wäre ich gerade aus der Werbepause zu einer Gameshow zurückgekehrt.

Zwischendrin bekam ich immer wieder Besuch von der Angst. Sie schnürte mir die Brust zu, vergiftete meine Laune und machte mich steif. Sie ließ mich Horrorszenarien spinnen, in denen plötzlich eine lebensbedrohliche Katastrophe über mich hereinbrach und mit einem Schlag Schluss mit lustig war. Ich spürte die Angst tief in meinen Knochen und konnte sie mit keiner noch so wohlwollenden Interpretation meiner Lage wegdenken.

Mein Verstand war sich absolut im Klaren darüber, dass diese, lass es 30 mg LSD sein, mich mit Sicherheit in keine irgendwie gefährliche Lage gebracht haben konnten, und doch inszenierte meine Fantasie eine Situation nach der anderen, in der ich völlig außer Rand und Band geriet und zusammenbrach.

Und plötzlich gelang es mir, dieses Szenario gelassen zu Ende zu denken. Aufgescheuchte Rentner, die meinen leblosen Körper beim Gassigehen entdecken und den Notarzt rufen, tatütata, Blaulichtsirene, oh Schreck, der Tod, alles vorbei. Game over. Ei ja, dann sei es so. Sterben ist okay.

Der Rausch entwickelte sich weiter. Ich war inzwischen bei Minute 45 angelangt, mein Kreislauf lief auf Hochtouren, und ich rannte mit voller Kraft voraus, schwitzend und in meinem eigenen Rhythmus angekommen, den Weg an der Fasaneriemauer hoch.

Kurz vor dem Oberfeld sah ich den Obdachlosen, der seit ein paar Wochen sein Lager in einer Überdachung am Straßenrand aufgeschlagen hatte, und grüßte ihn. Kurz erwog ich, ihm einen prächtigen Frühlingstag zu wünschen, nahm mich dann aber zurück und sagte mir, dass ich aufpassen muss, die Leute mit meiner Art nicht zu überfordern.

Ich kriegte es immer besser hin, einen der Situation gemäßen Humor zuzulassen. Ich dachte an den Moment von vor etwa eineinhalb Stunden zurück, als ich mit der Nagelschere absichtlich schräg in die Pappe hineingerutscht war, und betrachtete die Auswirkung dieser Tat, die sich da nun am Entfalten war, immer noch leicht eingeschüchtert, aber dabei gleichzeitig mit einem diebischen Grinsen auf den Backen.

Ich versenkte mich in meine Umgebung und empfand die mannigfaltigen Ausprägungen des Lebens, das sich aus dem Boden – dem Zentrum! – in alle Richtungen verzweigte und hineinwand, als Ausdehnungen meines eigenen Leibes.

Die Menschen, die mir entgegenkamen, bewegten sich so unterschiedlich. Einer sauste schnurstracks an mir vorbei wie ein Pfeil, gerade, spitz und klar, in perfekter Präzision. Ein anderer schleppte sich schnaufend vorwärts wie ein Sack Flöhe, mit völlig ausgefransten Bewegungen. Ein Mädchen, das ich mal betreut hatte, kam mir mit seiner Mutter entgegen, und ich sagte einen Tick zu grell: »Hi!«

Ich hatte das Gefühl, in einem sehr formbaren Zustand zu sein, allgemein in meiner aktuellen Lebenslage, aber auch ganz besonders jetzt in diesem Moment, in dem die sonst so harten Fakten außergewöhnlich aufgeweicht schienen.

Nichts war fix, alles flexibel. Ich sah die Gegenwart als Kante einer Klippe, an der ein kontinuierlich nach vorne preschender Fluss sich in einen rauschenden Wasserfall verwandelt.

Oh, Wasser. Sind seine vielgestaltigen Erscheinungsformen nicht das einzige Metaphernrepertoire, das man braucht, um die ganze Welt zu beschreiben? Wie es im Ruhezustand seine Umgebung spiegelt, mal dahinplätschert, mal in gewaltigen Wellen alles mit sich reißt, mal rhythmisch tropft oder sich als weicher Sprühregen mit der Luft vermischt. Und dann gibt’s ja noch Hagelkörner und Gletscher und Nebel und Wolken! Ach, ach, Wasser macht so wunderbar anschaulich, dass eigentlich alles dasselbe ist, nur in einem anderen Zustand.

Ich bemerkte, dass ich gerade gar keinen Appetit hatte. Ungewöhnlich. Sonst denke ich beim Joggen ständig daran, was ich alles essen würde, sobald ich wieder daheim bin.

Ich dissoziierte, nahm mich wie eine Spielfigur wahr, die ich spielte, sah mich von außen, wie ich mich jeden Abend vollfraß, und blickte mit schonungsloser Klarheit auf diese und meine anderen Obsessionen.

Mir wurde bewusst, dass mein Binge-Eating eine Taktik dafür ist, mir die Tatsache vom Leibe zu halten, dass alles in stetigem Wandel ist. Dass kein Stein auf dem anderen bleibt und dass all das, was ich heute für unverrückbar und gesetzt halte, morgen schon ganz anders sein könnte. Dass nichts sicher ist.

Dass überhaupt all meine eingeschliffenen Routinen, Denkfiguren und Glaubenssätze bloß alberne kleine Bemühungen sind, mir vorzugaukeln, dass ich nicht völlig ahnungslos in einem gleichgültigen Universum umherirre.

Es ekelte mich an, wie automatisch ich in meine Mechanismen verfalle, sobald mir das Bewusstsein darüber zu nah auf die Pelle rückt. Ich dachte: »Du Trottel, denkst du wirklich, mit deinen einstudierten Choreografien kannst du dem alles verschlingenden Chaos entkommen? Was für eine peinliche Illusion! Wie so ein religiöser Fanatiker, der glaubt, sich vor der Hölle zu bewahren, indem er brav seine zehn Ave Marias herunterbetet.«

Die Stimme meiner Therapeutin schaltete sich in mein Selbstgespräch ein und ermunterte mich, nicht so unhöflich zu mir zu sein. Ich bin halt ein Mensch. Menschen machen so was. Wir brauchen Anhaltspunkte, Struktur und Rhythmus, um nicht durchzudrehen. Ich hab meinen Knall und die anderen ihren.

Zuversicht keimte in mir auf und gab mir Rückenwind. Ich war beseelt von der Hoffnung, dass ich es eines Tages hinkriegen könnte, mich mit der Tatsache anzufreunden, dass ich total lost in space bin, und es schaffe, nicht bei jedem Anklang von Verstörung in meine gebetsmühlenartige Zwanghaftigkeit zu fliehen. Dass es mir gelingt, die Vergänglichkeit der schönen und trostreichen Dinge zu akzeptieren, anstatt gierig an ihnen zu klammern und jeden Genuss zu einer Sucht zu pervertieren.

Ich war in der Lage, mir Möglichkeiten auszumalen, die mein Alltagsbewusstsein gar nicht zulassen würde. Ich konnte mir lebendig vorstellen, wie ein gesünderes, stimmigeres und vernünftigeres Essverhalten aussehen könnte, und die Möglichkeit, es von nun an zu praktizieren, erschien mir greifbarer denn je.

Ach was, wie könnte ich im Lichte dieser Einsicht überhaupt jemals wieder zu meiner früheren, unwissenderen Version zurückkehren. Ich hab’s gecheckt! Die Angelegenheit ist abgehakt. Nächstes Problem!

»Yeah«, dachte ich, »das ist diese Neuroplastizität, von der sie immer reden«. Psychedelika schaffen es echt, den Blick auf die Gewohnheiten aufzufrischen, eingestampfte Trampelpfade zu verlassen und neue Wege zu sehen, für die man vorher blind war.

Ich rannte und rannte, und immer noch war kein Abklingen der Wirkung in Sicht. Es war alles sehr wobbeldy-gobbeldy.

Im letzten Kilometer schwoll dann exzellenter Premiumstolz in mir hoch. Ich konnte kaum glauben, dass ich gleich die ganzen 10 km geschafft haben würde, eine gefühlte Weltreise, und klopfte mir auf die Schulter dafür, dass ich es während dieses frivolen Unterfangens bei allem Übermut doch die ganze Zeit geschafft hatte, wachsam zu bleiben und mich nicht zu verletzen oder kopflos vor ein Auto zu laufen.

Fortsetzung folgt

Mittwoch, 20. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (4)

Heute: "Der Grüß-August ist tot, es lebe der Grüß-August"

Eine über Kulturgrenzen hinweg immer wiederkehrende menschliche Handlung ist das gegenseitige Grüßen. Abgestuft nach Grüßen von sehr nahe stehenden Bekannten und Verwandten, dann lose Bekannten und dann völlig fremden Leuten. Erste Gruppe ist klar. Mann kennt sich und respektiert sich gegebenenfalls. Hallo, geliebter Sowieso, wie geht's, wie steht's? Und in Erinnerung die Oma, die einem noch ewig nachwinkt, wenn man wieder nach Hause fährt. Also keine Ungewöhnlichkeit. Dann gibt es die lose Corona von Leuten, die man grüßt. Die Nachbarin Frau Siemank aus dem 3. Stock oder der Arbeitskollege aus dem Nachbarzimmer. Das hatte die Mutter einem früh eingeimpft: Die lose bekannten Leute aus dem Haus werden gegrüßt. Gegenfrage als Kind, warum. Das macht man halt so. Schluss aus, Micky Maus. Dieses Verhalten bricht nun gesellschaftlich hierzulande auf, seit die Teletubbies erwachsen geworden sind. Da wird nicht stumpf "Guten Morgen" durchs Büro gegrölt. Awareness. Man könnte den/die noch nicht offiziell als ASS diagnostizierte/n Arbeitskollegen oder -kollegin beim Nachdenkprozess unterbrechen. Daher stilles Schweigen und Sich-Schleichen. Auch Nachbarn grüßen mich manchmal nur, wenn sie ihr DHL-Päckchen ausgehändigt bekommen wollen. Geschenkt. Ich muss ja nicht mit jedem besoffen vom Tresen kippen, um mich meines Menschseins zu vergewissern. Bin ja auch schon etwas älter (Mitte 40, für mein Kind bin ich aber der "alte weiße Mann"). Gleichgültig akzeptiere ich hierbei die Umbrüche.

Der dritte Dunstkreis ist das Grüßen völlig fremder Menschen. Bestes Beispiel ist das Wandern. Je abgelegener der Wanderpfad, desto grußwahrscheinlicher die eventuelle Begegnung. Im Sinne von: Ach, hat es dich auch aus der Zivilisation hierhergespült? Sieh an. Fein. Gleiche Wellenlänge usw. Macht man aber nie in der U-Bahn, wildfremde Leute grüßen. Außer man hat einen an der Murmel (Berlin, ohne Worte ...). Oder man kommt "aufs Dorf". Überlicherweise ist da sonst nur Dorfgemeinschaft, die sich kennt und hilft und grüßt. Folglich werden Fremde als potentieller Besuch eines anderen Dörflers wahrgenommen und werden brav gegrüßt. Macht man halt so. Auch wenn man, mit Fahrradklamotten verziert, nicht aussieht, als ob man diesem Dorf weitere Aufmerksamkeit schenken würde, sondern gleich wieder wegradelt.

Stichtwort radeln. Da habe ich seit kurzem eine fragwürdige Ausuferung des Leutegrüßens wahrgenommen, die mir bisher unbekannt war. Unbekannt, bevor ich ein modernes Gravelrad erstand. Alter weißer Mann, midlife crisis, Gravelrad. Logischer Kanon. Erkennbar sind diese Art Räder ja an den schön gebogenenen Lenkern, also ähnlich/gleich dem Rennradlenker. Die erkennt jeder halbwegs aufmerksame Radler schon von weitem als solche. Über die letzten Jahrzehnte fuhr ich ausschließlich "gerade" Lenker, also klassisch ne Stange, um das Vorderrad in eine gewünschte Richtung zu drehen. Der Gruß ist zumeist subtil eine Art Peace-Zeichen zur Fahrbahninnenseite / dem entgegenkommenden Rad zugewendet hin. Jetzt dachte ich, das ist so'n neuer Tiktok-Trend, dass man sich als Radfahrer nun gegenseitig grüßt, ähnlich wie beim Wandern. Nun werde ich aber ausschließlich so gegrüßt, wenn ich selber mein Gravelrad nutze. Also gehörnter Lenker. Und nur von anderen Rennradlern. Nehme ich mein herkömmliches Trekkingrad, fällt der Gruß flach. Das ist mir sehr unangenehm, das hat eine ausgrenzende Note. Wie, als ob man sich diesen Gruß verdienen muss. Du fährst nur zur Arbeit oder zum Einkauf? Armer Willi. Du treibst bewusst Sport und zeigst deine schicken Aero-Socken? Hoch die Tassen! Vielleicht sehen wir uns auf nen leckeren Espresso in 40 km, und dann lass uns mal connecten. Wo ist denn da die Awareness? Sind Nicht-Graveler ausschließlich unsportliche, arme Leute, zu besoffen zum Autofahren? Ich gucke seitdem vermehrt zum rechten Straßenrand hin. Entweder es werden alle gegrüßt oder keiner. Darüber hinaus schmeckt Kaffee mit Fäkalbakterien und Schweiß aus dem Oberlippenbart vermengt doch sicherlich auch nicht so, wie es angedacht ist.

Clemens Müller

Montag, 18. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (3)

Heute: "Pillion" von Martin Knepper

Vor ein paar Wochen habe ich den Film ‚Pillion‘ gesehen, laut Kritik eine „RomCom im schwulen BDSM-Milieu“. Und ja, die Geschichte um einen dominanten Biker Ende 30 und das sexuelle Erwachen eines submissiven Achtzehnjährigen, sie war gut zu schauen. Wobei der junge Mann von einem mittlerweile 35jährigen ehemaligen Harry-Potter-Darsteller (Harry Melling als Cousin Dudley) gespielt wurde; fast scheint es, als müssten sich alle ehemaligen Kinderdarsteller dieser Filmreihe mit einem wider den Stachel der Erwartung löckenden Film freischwimmen: Vor ein paar Jahren sah ich einen befremdlichen Film, in dem Daniel Ratcliffe, also Harry himself, eine Leiche mit Blähungen spielte. „Warum auch nicht.“ (Max Goldt)

‚Pillion‘ jedenfalls hatte tatsächlich einiges an schwulem BDSM zu bieten, irgendwie Rom war er auch und Com, nun, zuweilen, aber ich sag mal, ein Angriff auf die Lachmuskeln war er nicht. Was mich im Nachgang zu der Frage brachte, weshalb im Film Sexualität und Humor meist auf getrennten Bühnen spielen. Und nein, die unzähligen dümmlichen Sexkomödien der 60er und 70er Jahre, die das Nachtprogramm zweitklassiger Fernsehsender auffüllen, sie sind kein Gegenbeispiel; eher schon ein Beleg für die weitgehende Humorfreiheit in der deutschen Filmwirtschaft. Gut, John Waters und Bruce LaBruce haben einiges für den Brückenschlag zwischen Zwerchfell und Schritt getan, doch ansonsten scheint so etwas wie ein Humortabu zu existieren in jenem Filmgenre, welches man früher in Videotheken (you remember?) durch einen muffigen Vorhang abtrennte, der einem beim Durchschreiten wie eine mahnende unkeusche Berührung über Gesicht und Körper fuhr: Eine animalische Ernsthaftigkeit, die jene berühmte Strohszene eines masketragenden Handwerkers zum Gral aller Pornokomik erhebt.

Der Grund für den wechselseitigen Ausschluss von genitaler Aktivität und befreiendem Lachen ist meines Erachtens in der Verwandtschaft von Witz und Orgasmus zu suchen, und es ließe sich als ein Drittes noch das Niesen hinzuzählen. Denn diese Trinität entspannender Körperreflexe sind allesamt durch ihnen explosiven Charakter gekennzeichnet und markieren einen Point of no Return, eine kathartische Klimax, blindwaltende Verschwisterung von Nervenblitz und Muskelkontraktion. Und wo das eine ist, da hat das andere sein Recht verloren, denn die Kapazität zum neuronalen Feuerwerk, sie ist uns nur begrenzt verliehen. Und aus diesem Grunde ist die Pollenallergie bis heute ein hic sunt leones der angewandten Pornographie.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (1)

Heute: "Hallo!"

Von Max Goldt gibt es den bekannten Satz, er schmeiße Briefe (oder Werbebriefe?), die mit „Hallo“ begönnen, sofort ungelesen weg, oder doch fast ungelesen, denn bis zum ersten Wort wäre er ja immerhin gekommen. Ob Sie also noch „an Bord“ sind oder schon weitergescrollt haben, ist Ihre Sache; falls Letzteres, haben Sie den Konjunktiv „begönnen“ verpasst, der dem Seiteninhaber Torsten Gaitzsch möglicherweise ähnlich gut gefällt wie „schmölze“ und „würbe“. Und auch den etwas langweiligeren Konjunktiv II „wäre“, der meines Ermessens in obigem Eingangssatz korrekt ist, weil ich ja nicht mehr Max Goldt zitiere, sondern zu einem eigenen Gedanken abbiege. Ob ich damit recht habe? Das soll Konjunktiv-Fex Gaitzsch entscheiden.

Halt, mögen Sie sich nun fragen: Wie kommt es, dass ich vom Seiteninhaber in der dritten Person spreche? Nun: Ich bin nicht Torsten Gaitzsch. Ich schreibe als Vertretung. Mein Name tut dabei nichts zur Sache. (Das wollte ich schon immer mal sagen!)

Wäre ich Torsten Gaitzsch, würde ich die Wortfolge „Torsten Gaitzsch“ nur sehr sparsam verwenden. Menschen, die von sich selbst in der dritten Person sprechen, berühren mich nämlich unangenehm. „Jeder weiß, auf den ehrlichen Minister XY ist Verlass“ – schon klar, Minister XY, du möchtest die Berichterstattung kontrollieren und ein objektiv klingendes Soundbit in die Welt setzen. „Warte, die Oma hilft dir da“ – ich weiß durchaus um deine innerfamiliäre Funktionsbezeichnung, Großmutter; aber schön, dass du mir hilfst! „The lady’s not for turning“ – huch, Mrs. Thatcher, wo kommen Sie denn her?
Es sind dies Menschen, die sich selbst zur Marke machen wollen, aus Eitelkeit oder skrupellosem Karrierestreben oder beidem. (Außer Oma.) Nur scheinbar schafft diese sprachliche Strategie Distanz; in Wirklichkeit brutale, unverlangte Nähe.

Eine andere Methode, im Marketing durch Distanzierung Interesse zu wecken, ist die Publikumsschmähung. Vollauf begeistert war ich kürzlich von einem Entrümpelungs-Ratgeber aus einem etwas ominösen Schweizer Verlag, der mir als Werbung angezeigt wurde. Titel: „KEINER WILL DEINEN SCHEI*. Wie du ausmistet, bevor du stirbst“. Fabelhaft: Erst den Hausrat des potentiellen Käufers beleidigen und dann rüde dessen Tod thematisieren! Wäre statt des prüden Sternchens noch ein scharfes scharfes ß im Titel vorgekommen, ich hätte fünf von fünf Punkten vergeben.

Eben lese ich, dass sich Margaret Thatcher ihre berühmte Thatchphrase, nein: Catchphrase „The lady’s not for turning“ von einem parteibefreundeten Bühnenautor hatte schreiben lassen. (Parteibefreundet? Beparteifreundet?) Der Satz, auf einem wichtigen Parteitag gesprochen, spielt auf ein Nachkriegstheaterstück namens „The Lady’s Not for Burning“ an, „although Thatcher missed the reference herself“ (Wikipedia), und das fand ich lustig, weil Thatcher einst in einer anderen Rede die konkurrierende Liberaldemokratische Partei totsagte, indem sie ausführlich den Dead-Parrot-Sketch von Monty Python paraphrasierte – und auch in diesem Fall vermutlich überhaupt nicht wusste, worauf sie anspielt.

Liebe Redenschreiber, bitte füttert den tumben Friedrich Merz vor dem nächsten Parteitag mit einer mitreißend lustigen SPD- und Linken-Beschimpfung, die aus „South Park“-Zitaten montiert ist! Die Vorstellung, wie der deutsche Bundeskanzler ahnungslos „Oh my god, they killed Umfrageergebnisse“ trötet oder „Klingbeil, du essen my Scheiße“, ist wunderbar.
Aber dann bitte „Scheiße“, nicht „Schei*e“. M’kay?

Michael Ziegelwagner

Dienstag, 12. Mai 2026

Kybersetzung presents: Vertretungsstunden 2026

Ab Mittwoch werde ich für eine Weile von meiner Blogbefüllunsmaschine getrennt sein, und weil ich weder Lust auf einen weiteren Entschuldigung-fürs-Nichtbloggen-Sermon mit anschließender Veröffentlichungspause noch die Zeit habe, ein halbes Dutzend Beiträge vorzuproduzieren, habe ich mir etwas Spektakuläres einfallen lassen: Zum ersten Mal wird diese Plattform von fremden Händen bespielt werden!

Ich habe ein paar Freundinnen und Freunde, deren Kreativität und Begabung ich schätze, gefragt, ob sie Lust hätten, einen Gastbeitrag für Kybersetzung beizusteuern. Rührenderweise haben nicht nur alle (bis auf zwei, die sehr gute Ausreden hatten) zugesagt, es fiel in den Rückmeldungen auch mehrmals die Phrase "wäre mir eine Ehre". Freut euch also auf Special-Guest-Content, der ab Donnerstag alle zwei Tage an dieser Stelle erscheint, bis am Ende des Monats wieder ich das Ruder übernehme. Versprechen kann ich schon jetzt eine Themen- und Formenvielfalt, die sich gewaschen hat. Dranbleiben lohnt sich also!

Sonntag, 10. Mai 2026

Vorteil Schreibmaschine?

Diese Woche habe ich Gerhard Henschels "Großstadtroman" und damit alle rund 6800 bisher erschienenen Seiten der Martin-Schlosser-Reihe abgeschlossen. Das Besondere an diesem nunmehr zwölften Teil ist, dass darin der erste Teil der autobiographischen Saga entsteht, was ein rechter Krampf gewesen sein muss: Ende 2001 beendet Henschel/Schlosser das Manuskript, 2004 erst erscheint der "Kindheitsroman". Auf dem Endspurt ereignet sich dann noch ein Malheur, und diese Stelle ließ mein Herz heftiger pochen als sämtliche anderen dramatischen Geschehnisse, die dem Autor in jener Zeitspanne (1998-2002) widerfahren:
Im Kindheitsroman war ich auf den letzten Metern angelangt. Unten links zeigte mein Bildschirm mir an, daß ich mich auf Seite 678 von insgesamt 688 Seiten befand. Die restlichen zehn enthielten das verbliebene Rohmaterial.
Als ich zwischendurch eine andere Datei öffnen wollte, erschien der Hinweis:
Freier Arbeitsspeicher des Computers zu klein.
Und unten links stand auf einmal nicht mehr "678/688", sondern "1/0". Das bereitete mir Unbehagen. Ich gab den Befehl zum Speichern, aber mein antiker PC versagte mir den Gehorsam: Er tat überhaupt nichts mehr. Der Cursor stand still und ignorierte alle Bewegungen der Maus.
In meiner Not drückte ich auf den Reset-Knopf, und als ich die Kindheitsromandatei danach wieder öffnete, war sie leer. Alles weg. 688 Seiten ausgelöscht.
Doch ich hatte ja noch die Sicherheitskopie auf einer Diskette. Aber wo war die hin?
Ich konnte sie nicht finden.
Hunderttausend heulende und jaulende Höllenhunde!

Spoiler: Es geht alles gut aus. Doch erinnerte mich diese Episode allzu brutal an eine eigene Erfahrung. Eines Abends, während ich an meiner Magisterarbeit schrieb, kippte ich aus Versehen ein halbes Glas Tee über meinen Laptop. Ich war geistesgegenwärtig genug, schnell einen USB-Stick in das Gerät zu stecken und eine Sicherheitskopie des Dokuments darauf abzulegen, bevor das Notebook sich verabschiedete. Selbstverständlich hatte ich die Arbeit in einem (nicht viel) älteren Zustand noch woanders abgelegt; ich achtete stets darauf, immer mindestens zwei halbwegs aktuelle Sicherheitskopien vorrätig zu halten. Ein ganz in meiner Nähe wohnender, IT-begabter Freund erklärte sich spontan bereit, rüberzukommen und die Katastrophe zu begutachten: "Klar, dann machen wir eine schöne Freitagabend-Notebook-Schraub-Session!" In seine Einzelteile zerlegt, offenbarte mein Klapprechner den erlittenen Schaden, der sich tatsächlich auf den Zustand "nass sein" beschränkte. Durchgeschmort oder anderweitig unbrauchbar geworden war dem ersten Anschein nach nichts. Mehr als föhnen, tupfen und abwarten (ohne Tee) konnten wir nicht tun, und brauchten wir auch nicht zu tun. Am nächsten Tag konnte der Schlepptop zusammengesetzt und wieder in Betrieb genommen werden. Puh! Hätte ich statt erkalteten Tee, was weiß ich, einen klebrigen Milchshake oder Schwefelsäure getrunken, hätte die Sache womöglich ganz anders ausgesehen. Auch während ich diesen Beitrag tippe, steht ein Glas Tee neben dem Rechenknecht. Ich bin aber ganz vorsichtig!

Freitag, 8. Mai 2026

Ende (Te)gut?

Ich werde sie vermissen, die Supermarktkette Tegut, die sich in nur fünf deutschen Bundesländern verbreitet hat, mit den meisten Filialen in Hessen. Wie in den letzten Wochen bekannt wurde, zieht sich der Schweizer Mutterkonzern Migros zurück, Rewe und Edeka rücken nach, indem sie sich ganze "Pakete" sichern. Und ein mir bis vor kurzem noch gar nicht bekannter Player hat die Bühne betreten! Der Betreiber "Tante Enso" will in Hessen bis zu 36 Teguts (Tegüter?) übernehmen. Das Konzept dieses Mini-Marktes ist ein hybrides: Man kann rund um die Uhr ("vierundzwanzig-sieben", wie man heutzutage leider immer öfter hört) darin einkaufen, zu bestimmten Zeiten kassieren dort aber echte Menschen ab. Tegut hatte ja zuletzt etwas Ähnliches etabliert: kleine, das Nötigste zu leicht erhöhten Preisen führende Buden namens "teo" ("Dein digitales Einkaufserlebnis"), wo man sich selbst am Sonntag versorgen konnte, was eine Zeitlang die hessischen Gerichte beschäftigte. Am Hanauer Hauptbahnhof habe ich so ein Lädchen zum ersten Mal gesehen. I for one welcome our Enso overlords. Dennoch wird mir Tegut, wie gesagt, fehlen. Generell war es dort etwas teurer, aber jede Woche gab es zwei, drei Angebote, die preislich schlicht unschlagbar waren. Und wo bekomme ich künftig die gute Reichenhof-Mitternachtssuppe her?

Donnerstag, 7. Mai 2026

Tausend tolle Trading-Tipps

Nein, es gibt eigentlich nur einen einzigen Tipp, den ich in Sachen Wertanlagen und Wachstumssparen für euch habe: KEINE PANIK! Der Bedeutsamkeit dieses Mantras wurde ich mir letztes Jahr bewusst, und seit ein paar Tagen glaube ich fest an die Prinzipien der Erholung, der Selbstregulierung und des Börsenzyklus. Das hier ist die Wertentwicklung des ETFs, in den ich jeden Monat einen festen Betrag einzahle:


Der Einbruch im April '24 – das waren DIE ZÖLLE, und ich würde lügen, behauptete ich, dass mir da kein bisschen die Muffe gegangen wäre. Doch blieb ich geduldig und besonnen. Heute steht der Kurs im Schatten von Iran-Krieg, Ölkrise, US-Truppenabzügen und neuerlichen Zolldrohungen bei +35,59 Prozent: Rekord! Wenn die Medien anlässlich irgendwelchen Trump'schen Geblubbers also mal wieder die Pferde scheu machen, denke ich mir: Lass sie reden. The boy who cried wolf ... Ich brauche hier weder den absoluten Wert noch den Namen meines ETFs zu nennen, ist er doch ein aussagekräftiges und zuverlässiges Wirtschaftsbarometer; mein Aktiendepot (in dem ich allerdings nur mit ein bisschen Spielgeld experimentiere) macht derzeit vergleichbar große Sprünge.

Ob ich im Falle eines richtig krassen Crashs auch so cool und überheblich bleibe? Klar! Dann rauschen wir schließlich alle gemeinsam in den Abgrund. Bis dahin gilt: Nicht die Nerven verlieren, nicht alle Eier in einen Korb legen und (beispielsweise) die Ratschläge in diesem t-online-Artikel beherzigen.

Dienstag, 5. Mai 2026

Wort des Tages

Kokushobi (japanisch): "Es lässt sich mit 'brutal heiß' übersetzen und soll in Zukunft in den Nachrichten verwendet werden, wenn draußen mehr als 40 Grad herrschen, wie die japanische Wetterbehörde im April bekannt gegeben hat." (Süddeutsche Zeitung)

Bleibt zu hoffen, dass in mehr oder weniger naher Zukunft nicht noch ein weiteres Prädikat eingeführt werden muss, weil kokushobi das "neue Normal" geworden ist.

Montag, 4. Mai 2026

Fragen, die ich mir selbst stelle

Kerosin ist derzeit in aller Munde – also, nicht die Flüssigkeit selbst, sondern das Wort. Woher dieses aber kommt, weiß ich nicht, und ich habe bis heute Morgen noch nie darüber nachgedacht. Hat es was mit den Keren, den griechischen Todesgöttinnen, zu tun? Im Herkunfts-Duden fehlt "Kerosin" leider, aber das verlässliche Wiktionary hilft uns weiter: Demnach geht das Wort "auf den Arzt und Geologen Abraham Gesner (1797–1864) zurück, der 1854 in Nova Scotia (Kanada) aus Kohle eine leicht entflammbare Flüssigkeit gewann. Ein dabei entstehendes wachsartiges Zwischenprodukt, das bei dem Vorgang eine wichtige Rolle spielte, ist der Grund dafür, dass er die Flüssigkeit 'Kerosin' genannt hat; aus altgriechisch κηρός (kēros) → 'Wachs' und dem Suffix -in." Dem griechischen Nomen kann, wer will, noch weiter nachspüren, etwa in Frisks Griechischem Etymologischen Wörterbuch (2. Aufl., 1973), das sich, kurz gesagt, gegen eine ur-indogermanische Wurzel ausspricht und "mit orientalischer Herkunft" rechnet. Im lateinischen cēra (Zerat kenne ich aus dem Kreuzworträtsel!) liegt "wahrscheinlich" eine Entlehnung vor.

Samstag, 2. Mai 2026

Serientagebuch 04/26

01.04. Get a Life 1.19
Waco 2.03
03.04. Run Away 1.05
Run Away 1.06
05.04. Run Away 1.07
Run Away 1.08
08.04. Fallout 2.01
Reboot 1.01
Reboot 1.02
09.04. Waco 2.04
Reboot 1.03
10.04. Get a Life 1.20
11.04. Waco 2.05
14.04. Family Guy 24.10
Reboot 1.04
Fallout 2.02
15.04. Get a Life 1.21
16.04. Family Guy 24.11
Reboot 1.05
17.04. Fallout 2.03
19.04. Reboot 1.06
20.04. Get a Life 1.22
22.04. Reboot 1.07
Reboot 1.08
24.04. The Capture 3.01
The Capture 3.02
25.04. Fallout 2.04
26.04. Leverage 3.01
28.04. The Capture 3.03
29.04. Family Guy 24.12
30.04. Leverage 3.02

Fand ich die red herrings in "Safe" noch einigermaßen gewitzt und dem Thrill dienlich, erschienen mir die falschen Fährten und im Nichts verpuffenden Nebenstränge in Run Away aufgesetzt und öde. Beispielsweise bekommen wir Szenen aus der Vergangenheit einer Privatdetektivin serviert, die absolut nichts bedeuten, ja nicht einmal bewirken, dass nämliche Figur mehr Profil bekommt. Sechs Episoden statt acht hätten hier locker ausgereicht. Wie für Harlan Coben, von dessen Romanen es mittlerweile TV-Umsetzungen wie Sand am Meer gibt, typisch, ist auch der Plot von "Suche mich nicht" (so der deutsche Titel) tüchtig verschachtelt; und hier zahlt sich das in vielen Artikeln diskutierte dumbing-down, das Netflix seit einiger Zeit betreibt, um Second-screen-abhängige Jugendliche nicht zu verlieren, aus: Die zahlreichen Rückblenden, Wiederholungen, Infodumps und verbalen Expositionen haben mir wirklich geholfen, der vielschichtigen Handlung zu folgen. Die übrigens – das möchte ich festhalten, falls meine bisherigen Ausführungen zu negativ klangen – wieder recht mitreißend war. Den Cast in dieser in Manchester spielenden britischen Produktion fand ich eher zweckmäßig. Der prominenteste Name ist einer Schauspielerin vorbehalten (Minnie Driver), deren Rolle die meiste Zeit, nun ja, reichlich passiv ist.

Die Fortsetzung der soliden Miniserie Waco (2018) wurde gar nicht als zweite Staffel vermarktet, sondern als einen für sich stehenden Epilog namens "Waco: The Aftermath". Da ich diesen Titel jedoch nicht fünfmal ins Tagebuch tippen wollte, habe ich diesen Mehrteiler der Einfachheit halber als "2.XX" durchnummeriert. Einige Schauspieler des Vorgängers sind wieder an Bord, darunter Shea Whigham und Michael Shannon, neu sind u.a. Giovanni Ribisi und Sasheer Zamata in einer seltenen nicht-komischen Rolle.
In "The Aftermath" geht es, man kann sich's denken, um die strafrechtliche Aufarbeitung des Waco-Desasters einerseits, andererseits um die indirekten Einflüsse der "Branch Davidians" auf andere durchgeknallte Radikalinskis, mündend in den Bombenanschlag von Oklahoma City 1995. Die Metamorphose des selbsternannten Propheten David Koresh, in Flashbacks präsentiert, hätte ich nicht gebraucht, ansonsten ist die Showtime-Show von 2023 aber flott inszeniert und aufschlussreich.

Endlich, endlich hatte ich Gelegenheit, die amerikanische Serie Get a Life zu schauen – allerdings noch nicht komplett: Die etwas kürzere zweite Staffel steht noch aus. Dafür, dass diese Sitcom 1990 (!) das Licht der Welt erblickte (auf Fox), wirkt sie wie ihrer Zeit weit voraus, für eine klassische Sitcom ist sie nämlich viel zu surreal, abgedreht, avantgardistisch. Was sich 08/15-Familien-Comedyserien einmal im Jahr, meist zu Halloween, trauten, nämlich gewohnte Pfade zu verlassen und etwas Spinnertes mit übernatürlichen oder zumindest cartoonhaften Elementen abzuliefern, ist bei "Get a Life" gang und gäbe. In einer Folge wird Titelheld Chris, der mit 30 Jahren noch bei seinen Eltern lebt und als Zeitungsjunge arbeitet, von einem Roboter namens "Paperboy 2000" ersetzt, in der nächsten Woche wird er Opfer eines indianischen Fluchs, ein ander Mal taucht er mit einem U-Boot, einer Jahrzehnte verspätet zugestellten Comicheftprämie, in seine Badewanne.
Die wunderbare Absurdität verdankt sich der kreativen Mitwirkung von Hauptdarsteller Chris Elliott (vgl. "Eagleheart"; ich empfehle auch seine irren, in sonder Zahl auf Youtube zu findenden Letterman-Auftritte). Als ein weiterer von drei Showrunnern fungierte David Mirkin, der zunächst für die "Simpsons" angefragt worden war (wo er später doch noch als Ausführender Produzent hinzustoßen sollte), aber zugunsten dieses nicht-animierten Klamauks ablehnte: ein Segen! Als Glücksgriff erwies sich auch, dass Chris Elliotts leibhaftiger Vater, der Komiker Bob Elliott, den Serienvater verkörpert. Und von R.E.M.s "Stand", dem Introlied, habe ich seit Wochen einen Ohrwurm.

Um eine "klassische Sitcom", wie ich sie eben meinte, geht es in Reboot. Die an "Alle unter einem Dach" & Co. erinnernde fiktive Sitcom "Step Right Up" aus den frühen 2000ern soll neu aufgelegt werden. Die Verantwortung dafür trägt eine junge Autorin, die nun mit den Darstellern von früher, die alle ihren eigenen Spleen entwickelt haben, sowie dem Schöpfer der Serie, ihrem entfremdeten Vater, zusammenarbeiten muss. Dazu gesellt sich ein schrulliger Writers' Room unterschiedlicher Generationen. Die Charaktere sind trefflich ausgearbeitet und prima besetzt (Keegan-Michael Key, Judy Greer, Johnny Knoxville und, meine Favoritin, Rose Abdoo). Mit seinen Insiderwitzen über das Fernsehgeschäft und den galligen Seitenhieben auf Hollywood erinnert "Reboot" gelegentlich an einen (versexteren) Cousin von "30 Rock", auch wenn es nie dessen Gagdichte und Tempo erreicht. Eine Verlängerung war dem Hulu-Vehikel leider nicht vergönnt, was besonders schade ist, weil im Staffelfinale mehrere dramatische Fässer aufgemacht werden, die nach einer Fortsetzung schreien. Jenun, vielleicht gibt es ja irgendwann ein Reboot.