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Samstag, 22. August 2026

Wort des Jahrzehnts

Als ich 40 wurde (und das ist nun auch schon fast fünf Jahre her, ächz!), war mir nicht klar, dass ich damit das Schwabenalter erreicht hatte. "A Schwôb wird erschd mit vierzich gscheid", heißt es in Schwaben, weswegen der Vierzigste dort einen ganz besonderen Ehrentag markiert. Das "Schwabenalter", das sogar im Duden steht und von Friedrich Rückert mit einem Gedicht bedacht wurde, basiert auf einer Jahrhunderte alten Volkscharakterisierung, die von modernen Schwäbinnen und Schwaben natürlich selbstbewusst und -ironisch reclaimed wird.

Nun bin ich ja kein Schwabe und sollte dem Klischee der spät einsetzenden Verständigkeit und Lebensweisheit also nicht entsprechen, doch nehme ich mich in manchen Aspekten durchaus als Spätzünder wahr. Mag ich heute auch über ein zufriedenstellendes Maß an Klugheit und Menschenkenntnis verfügen, so habe ich mir doch eine gewisse Kindlichkeit, wo nicht Kindischkeit bewahrt. Für die Ausübung eines seriösen Jobs, die Teilnahme an einem Krieg oder das Aufziehen von Nachwuchs bin ich jedenfalls viel zu unernst; ich let's-playe Super-Mario-Spiele, for cyring out loud! Richtig "g'scheit" werde ich, sollte in mir tatsächlich Schwaben-DNA schlummern, womöglich erst mit 50; diese alternative Reifedemarkationslinie taucht in einem Text des Berliners Friedrich Nicolai auf:

Gemächlichkeit, Zufriedenheit und Ruhe sowie eine gewisse Treuherzigkeit und ein unbefangenes Wesen, ... das selbst nichts von Arglist hat und sie bei anderen auch nicht vermuthet. Dies habe dazu geführt, dass ein Schwabe seinen Vortheil nicht genau wahrnahm. Das aber habe man den Schwaben als Dummheit ausgelegt. Und deswegen bedeute das allgemein bekannte Sprüchwort, wonach die Schwaben erst im fünfzigsten (!) Jahre klug werden, keine späte Entwicklung der Verstandeskräfte, sondern deren spätere Anwendung im gemeinen Leben. (zit. n. schwaebisch-schwaetza.de)

Dienstag, 5. Mai 2026

Wort des Tages

Kokushobi (japanisch): "Es lässt sich mit 'brutal heiß' übersetzen und soll in Zukunft in den Nachrichten verwendet werden, wenn draußen mehr als 40 Grad herrschen, wie die japanische Wetterbehörde im April bekannt gegeben hat." (Süddeutsche Zeitung)

Bleibt zu hoffen, dass in mehr oder weniger naher Zukunft nicht noch ein weiteres Prädikat eingeführt werden muss, weil kokushobi das "neue Normal" geworden ist.

Montag, 4. Mai 2026

Fragen, die ich mir selbst stelle

Kerosin ist derzeit in aller Munde – also, nicht die Flüssigkeit selbst, sondern das Wort. Woher dieses aber kommt, weiß ich nicht, und ich habe bis heute Morgen noch nie darüber nachgedacht. Hat es was mit den Keren, den griechischen Todesgöttinnen, zu tun? Im Herkunfts-Duden fehlt "Kerosin" leider, aber das verlässliche Wiktionary hilft uns weiter: Demnach geht das Wort "auf den Arzt und Geologen Abraham Gesner (1797–1864) zurück, der 1854 in Nova Scotia (Kanada) aus Kohle eine leicht entflammbare Flüssigkeit gewann. Ein dabei entstehendes wachsartiges Zwischenprodukt, das bei dem Vorgang eine wichtige Rolle spielte, ist der Grund dafür, dass er die Flüssigkeit 'Kerosin' genannt hat; aus altgriechisch κηρός (kēros) → 'Wachs' und dem Suffix -in." Dem griechischen Nomen kann, wer will, noch weiter nachspüren, etwa in Frisks Griechischem Etymologischen Wörterbuch (2. Aufl., 1973), das sich, kurz gesagt, gegen eine ur-indogermanische Wurzel ausspricht und "mit orientalischer Herkunft" rechnet. Im lateinischen cēra (Zerat kenne ich aus dem Kreuzworträtsel!) liegt "wahrscheinlich" eine Entlehnung vor.

Montag, 6. April 2026

Handkuß mit Musik (salopp)

Das Thesaurus-Thema lässt mir keine Ruhe ... Auf dem Gang zum Wochenmarkt sah ich am Donnerstag eine Zu-verschenken-Kiste, in der eine aktuelle(re) Ausgabe des Synonym-Dudens lag. Ich nahm mir vor, diese auf dem Rückweg einzustecken, vergaß es dann allerdings. Später zog ich einmal mehr mein 70er-Jahre-Exemplar zurate und blieb beim Durchblättern – ich schwöre: unbeabsichtigt – bei den Einträgen zum Geschlechtlichen hängen. Allerlei Putziges und Angestaubtes ist dort zu finden. Als sinn- und sachverwantde Wörter und Wendungen für "Geschlechtskrankheit" schlägt das Buch u.a. vor:
- Pauken und Trompeten
- Türkische Musik
- Trio (salopp)
- Kavaliersschnupfen (scherzh.)
Die Ausdrücke "Lustseuche" und "Franzosenkrankheit" waren immerhin schon Teil meines passiven Wortschatzes; lachen musste ich beim Wiederentdecken dennoch. Genau so wie über die Einträge bei "Untersuchung auf G[eschlechtskrankheit]":
- Schwanzappell (vulgär)
- Schwanzparade (vulgär)
Und wie umschreibt man wahlweise möglichst verklemmt oder pueril, dass man "eine G. bekommen" hat? Zum Beispiel mit diesen Phrasen:
- sich etwas holen (salopp)
- sich etwas aufsacken (salopp)
- sich die Musik holen (salopp)
- zum Handkuß kommen (österr.)
- sich die Gießkanne verbiegen (vulgär)
- sich den Lauf verstopfen (salopp)
- sich den Schwanz verbrennen (vulgär)
Hat man(n) sich etwas "geholt", dann "geht man wie auf Eiern" (salopp). Es ist dies möglicherweise die Folge ungezügelten Geschlechtstriebs, für welches Wort der Duden diese Alternativen anbietet:
- Nisus sexualis
- Salazität
- im reiferen, "gefährlichen" Alter: Johannestrieb
Statt "Koitus" lässt sich auch sagen:
- Beilager
- Kongressus
- Nahkampf (salopp)
- verhaltener: Karezza, Koitus reservatus

Was ich mit diesem neu gewonnenen lexikalischen Wissen anzufangen gedenke, weiß ich noch nicht. Vielleicht schreibe ich irgendwann eine erotische Kurzgeschichte ausschließlich mit solchem Vokabular.

Freitag, 3. April 2026

Vor zwanzig Jahren

... bloggte ich auf dem Kybersetzung-Vorgänger dies:

Ich habe immer noch viel zu tun, d.h. die Updates werden in den kommenden Tagen noch auf sich warten lassen. Hinzu kommt, dass bluephod.net leider seinen Betrieb eingestellt hat. Damit will ich natürlich nicht andeuten, dass ich von dort Links geklaut hätte ;P ... aber traurig isses trotzdem.

Bluephod! Daran habe ich ja ewig nicht mehr gedacht. Aber "schön" zu sehen, dass es auch damals Phasen erhöhten Stresses in meinem Leben gab. Von wegen "Gammelstudent"! (Hat ja niemand behauptet.) Der nämliche Blogbeitrag geht dann noch mit ein paar Links weiter, von denen heute natürlich keiner mehr funktioniert, bis auf diesen hier: The Phronistery. Dieses bis ins Jahr 1996 (!) zurückreichende englischsprachige linguistische Kuriositätenkabinett enthält unter anderem ein "17,000-word dictionary of rare, cool, and unusual words", Spezial-Lexika, Zahlwort-Trivia sowie das bis heute gelegentlich aktualisierte Sub-Blog Glossographia. *bookmark*

PS: Meine alte Ausgabe des Duden Bd. 8 ("Die sinn- und sachverwandten Wörter") schlägt als Synonym für "Stress" das Wort "Managerkrankheit" vor. Was soll das?

Freitag, 6. März 2026

Heute ist Gegenteiltag

Ein Wunder eigentlich, dass die Gesellschaft zur Stärkung der Verben hier im Blog so gut wie gar keine Rolle spielt(e) – eine Erwähnung am Rande findet sich in einem Beitrag aus dem Juli 2024 –, trieb ich mich doch in großen Teilen der Nullerjahre (aka der Zeit des guten Internets) nahezu täglich in ihrem Forum herum und begrüße die so reflektierte wie selbstironische Arbeit der sprachaffinen Knallköpfe noch immer. Aktiv beteiligt habe ich mich im GSV-Board zwar selten (zwischen 2006 und 2010 verfasste ich 26 Beiträge), ich lurkte (lork?) lediglich als stiller Leser, dies aber sehr gern und intensiv.

Inzwischen ist die Gesellschaft in das Projekt Neutsch aufgegangen bzw. mit diesem vereint bzw. hat dieses als Neben- oder Überschauplatz ins Leben gerufen; ich muss mich bei Gelegenheit mal auf den neuesten Stand bringen. Jedenfalls habe ich diese Woche ungeplant und indirekt zum Anwachsen des neutschen Wortschatzes beigetragen. Auf Bluesky postete ich nämlich folgenden bildungstümelnden Schmunzelbeitrag: "Warum heißt es nichteuklidisch und nicht dysklidisch?" Der User "Texttheater" erachtete diese Gegenteilschöpfung einer Aufnahme in die Liste bisher fehlender Antonyme für würdig. Und dort steht sie nun.

Da ich weiß, dass der als Kilian E. bekannte @texttheater hin und wieder auf Kybersetzung vorbeischaut, möchte ich der GSV ein weiteres neutsches Antonym vorschlagen: "sich entlieben" als Gegenteil von sich verlieben. Na?

Freitag, 30. Januar 2026

26 obskure Kreuzworträtsel-Lösungen (plus Bonus)

  • spanisches Wirtshaus: Posada
  • Kursabweichung (Flug): Gieren
  • span. Stoßdegen: Espada
  • Feigenkaktus: Opuntie
  • kleines Küstenschiff: Tjalk
  • ugs.: Laune, Grille: Mucke
  • orient. Teppichwappenmotiv: Gül
  • Mode des Biedermeiers: Gigot
  • keramische Überzugsmasse: Engobe
  • afrik. Trommelmusik: Burru
  • Blumenornament (frz.): Fleuron
  • kleiner Mensch: Fips
  • entbeerte Traube: Rapp
  • Verwalter königl. Burgen: Bailli
  • große Senke im Karstland: Polje
  • altes indisches Gewicht: Ser
  • brüstungsartige Fassade: Attika
  • Hornmelone, Kürbisgewächs: Kiwano
  • ukrainisches Saiteninstrument: Bandura
  • abgegrenztes Stück Land: Kamp
  • spitzes Gebilde an Gletschern: Serac
  • Blumenrohr: Canna
  • Nordoststurm in Nordasien: Buran
  • Holzflößung: Trift
  • Eibisch: Althee
  • Färbekessel: Küpe

Außerdem ist es mal wieder an der Zeit für obskure Frauenkurz- und -kosenamen:
  • Koseform von Marianne: Nanni
  • Kurzform v.: Franziska: Fanni
  • Kurzform von Renate: Reni
  • Frauenkurzname: Tilla
  • Kurzf. v.: Josefine: Fini
  • weibl. Vorname (Kurzform): Herma

Mittwoch, 21. Januar 2026

Wort des Tages

Höhlenpopcorn: Knötchen an Skeletten und Schädeln, "korallenartige Speläotheme, kalkige Mineralablagerungen" (Spektrum der Wissenschaft). Die Knötchen, um die es in dem Artikel, in welchem ich diesen scheußlichen Terminus lesen musste, geht, fanden sich an den (Schädel-)Knochen eines vor ca. 130.000 bis 172.000 verstorbenen Neandertalers. Die Überreste, entdeckt 1993 in einer Karsthöhle in Süditalien, "stellen vermutlich die am vollständigsten erhaltenen" eines Neandertalers dar und ermöglichten die Untersuchung der "bislang einzige[n] überlieferte[n] Nasenanatomie" dieser Menschenform. Bislang hatte man vermutet, "dass eine spezielle Anatomie der oberen Atemwege die Gesichtsform der Neandertaler bedingte, vor allem die hervorspringende Gesichtsmitte". Dadurch seien sie an die damalige Kälte besonders gut angepasst gewesen. Nach der eingehenden Analyse des Atemwegssystems des sog. Altamura-Manns spricht nun allerdings einiges dafür, dass der Homo neanderthalensis uns in dieser Hinsicht doch recht ähnlich war.

Donnerstag, 21. August 2025

Two countries divided by a common language

Ich bilde mir ein, ganz passabel Englisch zu beherrschen – schließlich konsumiere ich seit gut einem Vierteljahrhundert nahezu täglich englischsprachige Medien. Regelmäßig werde ich allerdings mit der bitteren Wahrheit konfrontiert, dass ich im Grunde gar nichts weiß. Nicht nur ist Englisch eine Sprache mit einem gigantischen Wortschatz und unzähligen Feinheiten, es ist auch, allein aufgrund seiner weltweiten Verbreitung, eine enorm vielfältige, variantenreiche. Der Knackpunkt ist nämlich, dass es das eine Englisch gar nicht gibt. Insbesondere die Unterschiede zwischen Britischem und Amerikanischem Englisch sind nicht zu unterschätzen, wobei diese gottlob hauptsächlich auf der orthographischen und lexikalischen Ebene zu finden sind.

Und so habe ich mehrmals "Das war mir neu!" gedacht, als ich in Gyles Brandreths Buch "Word Play" (s. hier) das Kapitel über British English vs. American English las. Paare wie crisps (BE) vs. chips (AE), flat vs. apartment oder boot vs. trunk sind ja bekannt. Aber dass man in Großbritannien put through statt connect sagt, wenn es ums Verbinden (beim Telefonieren) geht, hatte ich so wenig auf dem Schirm wie den Unterschied zwischen bathrobe (AE) und dressing-gown (BE), "Bademantel". Es gibt viele Beispiele, von denen ich bisher dachte, es handle sich um reine Synonyme, dabei ist eine Alternative jeweils eindeutig einer Varietät zuzuordnen: bill ist amerikanisch, banknote britisch; ein alkoholisches Getränk ist offenbar nur in Amerikanischem Englisch straight, in Britischem Englisch ist es neat; reception ist BE, front desk ist AE; garden ist BE, yard ist AE; hardware ist BE, housewares ist AE; stone (in Früchten) ist BE, pit ist AE. Hääää???!!!

Ich habe das Gefühl, dass es im Zuge der Globalisierung mehr und mehr zu Vermischungen und Austauschbarkeit kommt. Aber was weiß ich schon?

Samstag, 9. August 2025

Neue Materialien zu Materialien

Dieses Rätsel aus der Wochenend-SZ darf ich hier hoffentlich zeigen, denn ich muss es tun:


Weil es bereits vor mehreren Wochen erschienen ist, erlaube ich mir auch, direkt die Lösung nachzuschicken: Es handelt sich um "Dinge, die nicht mehr aus dem Material hergestellt werden, nach dem sie benannt sind" – und zwar ausgerechnet um vier, die mir bei meinen früheren Gedanken zu diesem Thema nicht einfallen mochten:

- Die Minen von Filzstiften werden kaum noch aus Filz gefertigt.
- Eine Leinwand wird nicht nur aus Leinen hergestellt.
- Strohhalme sind schon lange nicht mehr (aber nach dem Plastikverbot, wer weiß, bald wieder) aus Stroh.
- Beim Bleigießen wird aus Gesundheitsgründen kein Blei mehr geschmolzen (EU-Verbot 2018).

Donnerstag, 7. August 2025

Leisten muss sich wieder lohnen

Jedes Mal, wenn jemand in meiner Gegenwart "Schuster, bleib bei deinen Leisten!" sagt, denke ich: "Es heißt 'deinem Leisten'!" (aber verkneife mir natürlich jedweden Kommentar). Es ist eines dieses Sprichwörter, deren Aussage jeder begreift, deren ursprüngliche Bedeutung jedoch kaum noch verstanden oder hinterfragt wird. Bei Schusters Leisten geht es jedenfalls nicht um schmale Bretter, sondern um den Leisten, eine "aus Eisen oder Holz hergestellte Nachbildung des Fußes, die für die Anwendung und Reparatur von Schuhen verwendet wird" (Duden, Bedeutungswörterbuch).

Letzte Woche war ich in der Frankfurter Stadtbücherei, und da lag im Bereich Fremdsprachige Literatur tatsächlich schon der neue Stephen King aus, "Never Flinch" (deutsch: "Kein Zurück"). Ich stürzte mich sofort ins Lesevergnügen und stieß auf folgende interessante Stelle im ersten Kapitel:

"This is not my business. Shoemaker, stick to thy last."
One of her father's sayings. [...] What is a shoemaker's last, anyway? She has no idea and quashes the urge to google it. She does know what her last is: [...]

Let me google that for you, Holly: Der last ist nicht das Letzte, sondern das (natürlich etymologisch verwandte) Pendant zum Leisten: "a form (as of metal or plastic) which is shaped like the human foot and over which a shoe is shaped or repaired". Bei Merriam-Webster, wo ich die Definition herhabe, ist sogar eine Illustration dieses Handwerkerutensils zu sehen.

Mir war nicht klar gewesen, dass es eine englische Entsprechung zu dem deutschen Spruch gibt. In der Wikipedia-Liste der geflügelten Worte findet sich der Grund für die überregionale Verbreitung: "Der römische Historiker Plinius der Ältere erzählt vom Maler Apelles, dass er von einem Schuster darauf hingewiesen wurde, er habe auf einem Bild einen Schuh nicht richtig gemalt. Apelles verbesserte daraufhin das Bild. Als der Schuster nun noch mehr an seinem Bild kritisierte, rief er ärgerlich aus: 'Ne sutor supra crepidam!' 'Schuster, nicht über die Sandale hinaus!'"

In diesem Moment wird mir klar, dass "Schuster, bleib bei deinen Leisten" ja genau so korrekt ist wie die Variante mit "deinem Leisten", weil Singular und Plural formgleich sind. Ha! Bei Wikipedia steht denn auch: "Meist wird dieses Sprichwort jedoch in der Mehrzahl gebraucht ('Schuster, bleib bei deinen Leisten'), was mindestens ebenso sinnvoll ist, da ein Schuster nicht nur einen Leisten, sondern viele verwendet (rechte und linke Schuhe, verschiedene Schuhgrößen etc.)." Im Englischen scheint jedoch last und nicht lasts üblich zu sein.

Dienstag, 29. Juli 2025

26 neue obskure Kreuzworträtsel-Lösungen

  • Perserteppich: Mir
  • südam. Herberge: Tambo
  • Baumwollgewebe: Perkal
  • russ. Grütze: Kascha
  • oberer Eckzahn des Keilers: Haderer
  • abnehmbare Autodachkonstruktion: Targa
  • zornig: kibig
  • Schönheitspflästerchen: Mouche
  • türk. Wollteppichart: Usak
  • Pflanzeninsel im Moorwasser: Bult
  • orientalische Rohrflöte: Nay
  • Stahlseil: Trosse
  • Salzstock: Diapir
  • alkal. Bad (Gerberei): Äscher
  • Strecker, an Draht geleitete Weinrebe: Bogrebe
  • Boot der Malaien: Prau
  • einfache Geländeskizze: Kroki
  • trad. Rundhaus in Apulien: Trulli
  • Griff am Sensenstiel: Worb
  • kolumb. Feldmaß (10 qm): Area
  • Jagd mit Falken: Beiz
  • Trumpfkarte beim Tarock: Skies*
  • Pfeiler mit Büste: Herme
  • Amazonas-Flussdelfin: Boto
  • russisches Bauernhaus: Isba
  • südamerikanische Blutwurst: Mora**
* oder Skues
** nicht zu verwechseln mit dem "ital. Fingerspiel"


Offenlegung: Manche dieser Wörter sind gar nicht sooo obskur; über den Boto sah ich neulich eine Doko, äh: Doku, und von einer Beiz hat man sicher auch schon mal gehört. Nun, nach so vielen Folgen dieser Reihe nehme ich mittlerweile alles, was halbwegs passt, um die nächsten 26 Items voll zu bekommen.

Mittwoch, 4. Juni 2025

Autocues und Wildkatzen

In Merv Griffins Biographie "Merv" (vgl. "Seitenstraße" Folge 9) findet sich eine Stelle, die mich die Augenbrauen heben ließ:

"[...] Lewis had positioned the TelePromTers (a rolling version of cue card) at floor level [...]"

Bemerkenswert ist erstens, dass man 1980 noch erklären musste, was ein Teleprompter ist, zweitens die eigentümliche Schreibweise des Wortes. Erklärung: Es handelt sich bei "TelePrompTer" um den Namen eines Medienunternehmens, das sich nach ihrem Hauptprodukt, nämlich dem Teleprompter, benannt hat. Sozusagen rekursiv wird hier die Markenschreibweise mit Binneninitialen auf das Gerät angewandt. Der Erfinder des Teleprompters gründete kurz nach der Marktreife gemeinsam mit Irving B. Kahn die TelePrompTer Corporation, die schließlich zum größten US-amerikanischen Kabelfernsehanbieter werden sollte und später an Westinghouse verkauft, jenen Konzern, bei dem Merv Griffin lange Zeit mit seiner Syndication-Talkshow unter Vertrag stand.

Im Zusammenhang mit dem Teleprompter-Erfinder ist noch zweierlei erwähnenswert. Sein Name war Hubert Schlafly. War der etwa mit der berüchtigten Aktivistin Phyllis Schlafly verwandt oder verschwägert?, fragte ich mich. Weder sein noch ihr Wikipedia-Artikel gibt dies explizit an, doch sind beide in St. Louis, Missouri, im Abstand von ziemlich genau fünf Jahren geboren, und Phyllis' Vater, John Bruce Stewart, arbeitete für – na? – Westinghouse! Phyllis (geb. McAlpin Stewart) heiratete 1949 den Rechtsanwalt John Fred Schlafly Jr., "a member of a wealthy St. Louis family". In welchem Verhältnis jener wiederum zu Hubert stand, konnte ich nicht herausfinden.

Huberts Vater war, so heißt es in der englischsprachigen Wikipedia, ein wildcatter. Was ist das nun wieder? Laut dem (recht unbeholfenen) deutschsprachigen Wikipedia-Artikel handelt es sich dabei um "eine Person[,] die nach Erdöl sucht und erste Bohrungen vornimmt". Die wildcat wells, auf die sich die Berufsbezeichnung bezieht, verdanken ihren Namen dem äußerst ertragreichen Ölfeld "Wildcat Hollow" auf dem Gebiet des heutigen Oil Creek State Park in Pennsylvania. Was genau diese spezielle Art von Ölquelle ausmacht, verstehen andere womöglich besser als ich: "[They] are drilled where little or no known geological information is available. The site may have been selected because of wells drilled some distance from the proposed location but to an underground structure that appeared similar to the proposed site."

Da fällt mir ein: Ich muss unbedingt mal wieder "There Will Be Blood" sehen!

Donnerstag, 8. Mai 2025

Von Bälgern und Wanen

Gestern vorm Einschlafen ist mir doch glatt ein weiteres Anachronym eingefallen: Blasebalg. Die Grundbedeutung von Balg ist zwar eh verblasst – die Hauptbedeutung dürfte heutzutage "freches Kind" sein (wobei auch das schon ziemlich veraltet ist) –, dennoch passt es insoweit in die Liste, als Blasebälge heutzutage "zumeist aus Kunststoff hergestellt" werden. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass z.B. bei Manufactum noch bzw. wieder Blasebälge aus echter Tierhaut zu bekommen sind. Die wenigen, wunderlichen Leute, die einen Blasebalg besitzen wollen, werden doch tunlichst darauf achten, den real deal zu kaufen.

Auf der Suche nach Beispielen für "Dinge, die nicht mehr aus dem Material hergestellt werden, nach dem sie benannt sind", habe ich mir das Periodensystem der Elemente gegriffen und bin es durchgegangen. Fündig bin ich dabei nicht gefunden, stattdessen musste ich etwas Bemerkenswertes feststellen, nämlich dass bereits mit der Ordnungszahl 23 ein Element auftaucht, von dem ich noch nie gehört hatte: Vanadium. Wie konnte mir das jahrelang entgangen sein? Haben wir in der Schule nie darüber gesprochen, wurde es nicht mal erwähnt? Viel wichtiger: Warum heißt Vanadium Vanadium? Laut der herrlichen Etymologischen Liste der chemischen Elemente benannte der Schwede Nils Gabriel Sefström das Element "nach Freya, der nordischen Göttin der Schönheit, die den Beinamen Vanadis trug". Woher Vanadis kommt, steht dort leider nicht; eine schnelle Recherche ergibt, dass der Beiname "Vanengöttin" bedeutet. Die Etymologie des Göttergeschlechtes der Wanen (altnordisch Vanir, "die Leuchtenden") zu recherchieren, würde mir Spaß machen, ich habe aber gerade keine Zeit dafür.

Übrigens habe ich zweimal bei Google "Dinge, die nicht mehr aus dem Material hergestellt werden, nach dem sie benannt sind" eingegeben. Oben tauchte, wie es seit einiger Zeit üblich ist, ein Block mit Antworten von einer generativen KI auf. Beim ersten Versuch wurden mir als Beispiele "Filme" und "Musik" angeboten, beim zweiten faselte der Bot etwas von geplanter Obsoleszenz. Die "Künstliche Intelligenz" versteht also nicht mal, worauf ich eigentlich hinaus will. Deaktivieren lässt sich der Mist freilich nicht.

Mittwoch, 30. April 2025

Der Stoff, aus dem die Wörter sind

Ein xkcd-Cartoon von neulich hieß "Anachronym Challenge". Das Fachwort Anachronym war mir bisher nicht bekannt (es scheint in der deutschen Linguistik nicht etabliert zu sein), es wird aber klar, was damit gemeint ist. Die Challenge besteht darin, eine Einkaufsliste zu erstellen, die nur aus Dingen besteht, die nicht mehr aus dem Material hergestellt werden, nach dem sie benannt sind:


Beispiel: Tin foil bezeichnet heute üblicherweise Alufolie und eben keine Folie aus Zinn (tin). Wie ich soeben gelernt habe, existiert auch im Deutschen das Wort "Zinnfolie" als Synonym für Stanniol und wird ebenfalls "umgangssprachlich auch für Folien aus Aluminium (Alufolie) verwendet". Für weitere Erklärungen s. "Explain xkcd".

Was käme neben Zinnfolie noch auf eine deutschsprachige Entsprechung dieser Liste? Als erstes fällt mir da der Bleistift ein, dessen Mine seit dem 19. Jahrhundert "aus einem Graphit-Ton-Gemisch gebrannt" wird (Wikipedia). Der Gipsverband "wird fast nur noch zur kurzzeitigen Fixation verwendet. Bei längeren Behandlungen werden inzwischen überwiegend Kunststofffasern mit Kunstharz verwendet", aber auch wer einen solchen Verband trägt, wird der Einfachheit halber nach wie vor von "Gips" sprechen. In Klammern setzen würde ich, auch im Original, die Brillengläser: Wohl sind mittlerweile solche aus Kunststoff eine gern gewählte Lösung (auch bei meinem Modell), doch werden Gläser aus echtem (mineralischen) Glas immer noch "aufgrund ihrer außergewöhnlichen Kratzfestigkeit verwendet. Zudem sind sie für den Endkunden günstiger als vergleichbare Kunststoffe. Bei starker Fehlsichtigkeit ermöglichen sie außerdem eine Korrektur mit verhältnismäßig dünnen Gläsern" (zeiss.de). Aus dem Bereich der Lebensmittel wäre die Hirnwurst oder auch Bregenwurst zu nennen: So sagt man u.a. in Teilen Frankens zu Gelbwurst, obwohl die traditionelle Verarbeitung von Gehirnen freilich längst nicht mehr erlaubt ist (vgl. Zervelatwurst). Weiter: "Da echte Kreide relativ teuer ist, wird Tafelkreide heute meistens aus Gips (Calciumsulfat) oder Magnesiumoxid hergestellt, auch Mischformen kommen vor" (Wikipedia). (In diesem Zusammenhang möchte ich euch die Information nicht vorenthalten, dass in der Lampertheimer Schillerschule die letzte Kreidetafel im Landkreis Bergstraße abgehängt wurde, womit nun alle Schulen des Kreises auf digitale Tafeln umgestellt haben. [FAZ-Meldung vom 28. April]) Kreide taucht ja auch in der Vorlage auf, aus welcher ich zusätzlich das Bügeleisen und die Badeschwämme übernehmen würde ("in den allermeisten Fällen sind sie aber durch Kunststoffschwämme ersetzt worden").

Welche Items fehlen noch? Welche "Anachronyme" kommen euch in den Sinn?

Sonntag, 20. April 2025

Neue obskure Kreuzworträtsel-Lösungen (Stücker 26)

  • Überwurf für Sitzmöbel: Husse
  • Pferdegangart: Piaffe
  • Strandwegerich: Andel
  • zangenartiges Messgerät: Kluppe
  • steile Bergerosionsrille: Runse
  • Kelchtücher in der Messe: Vela
  • Gittergewebe: Kanevas
  • Teil der Drehmaschine: Pinole
  • ein Gewebe: Welline
  • stark ölhaltige Schalenfrucht: Para
  • sächs. Stadt an der Saale: Merseburg*
  • früh. russ. Frauengewand: Sarafan
  • Umlenkrolle an Fördermitteln: Turas
  • einmastiger Küstensegler: Kaag
  • Urwaldvogel: Kagu
  • altgriechische Kopfbedeckung: Pilos
  • Faser der Kokosnuss: Coir
  • südamerikanisches Hokkohuhn: Mitu
  • altital. Volk: Etrusker**
  • junges Militärpferd: Remonte
  • Wassermelone: Arbuse
  • junges Zuchttier: Fasel
  • Flurstück, -streifen: Gewann
  • Teil der Husarenuniform: Dolman
  • neuntägige Andacht: Novene
  • pers.-kaukas. Langhalslaute: Tar
* Merseburg liegt in Sachsen-Anhalt
** Die Etrusker waren kein italisches Volk, sondern, nun, Etrusker halt


Mittwoch, 4. Dezember 2024

Obskure Kreuzworträtsel-Lösungen – 26 an der Zahl

  • schiefer Mund (ugs.): Flappe
  • Faulschlamm: Mud
  • mongolische Nationaltracht: Del
  • Gallenflüssigkeit: Fel
  • Zwischenrippe am Kreuzgewölbe: Lierne
  • poetisch: matt, müde: lass
  • Sporenbehälter der Pilze: Askus
  • junger Wein: Sauser
  • Schiffsbauplatz: Helge
  • flache medizinische Schale: Küvette
  • Lied in der Bretagne: Lai
  • Rohrpalme: Rotang
  • krankhafte Albernheit: Moria
  • Geflügelkrankheit: Pips
  • südamer. Froschlurche: Pipas
  • flaches Entladeschiff: Leichter
  • oberer Eckzahn beim Rotwild: Gräne
  • Lagerraum in der Scheune: Banse
  • chilen. Muschelart: Loco
  • Altarräume orthod. Kirchen: Abata
  • plötzlicher Wutanfall: Raptus
  • Glasbarsch: Snook
  • altes schwed. Längenmaß: Aln
  • Schulterkragen des Papstes: Fanon
  • buddhistische Gebetskette: Mala
  • Wassersportdisziplin: Lagen

Mittwoch, 27. November 2024

Word of the season

Trotz täglichem Lesen und/oder Hören von Englisch hält diese Sprache auch nach zig Jahren noch Neuentdeckungen für mich bereit. Man lernt nie aus! (One never learns out.) Als verlässliche Lieferantin lexikalischer Schmankerl entpuppt sich regelmäßig die Serie "Family Guy": In deren letzter Folge ("Gift of the White Guy") hörte ich zum ersten Mal den Ausdruck white elephant. Im Kontext wurde schnell klar, was das ist: Ein white elephant gift exchange entspricht im Grunde der (vor)weihnachtlichen Tradition des Wichtelns, bloß dass nicht von vornherein feststeht, wer welches Geschenk bekommt; vielmehr steuern alle Teilnehmenden je einen Gegenstand zu einem Geschenkepool bei, aus dem reihum gegriffen, ausgepackt und sodann fröhlich getauscht, geklaut und gefeilscht wird. So haben wir immer Schrottwichteln gespielt.

Montag, 28. Oktober 2024

Steinernes Gedächtnis

Ich habe hier einst offenbart, dass ich mir das Wort Gabionen partout nicht merken kann. Inzwischen habe ich es, wenn ich es denn mal brauche, zwar zuverlässig auf der Zunge, aber es tat gut zu erfahren, dass ich mit meiner (nun hoffentlich überwundenen) Gabionenschwäche nicht alleine bin. Woher erfuhr ich das? Aus einem Rattelschneck-Comic in der aktuellen Titanic:

Montag, 22. Juli 2024

Word of the day (vor 20 Jahren)

In der "Jeopardy!"-Sendung vom 25. Juni 2004 wurde folgende Frage in der Kategorie "Coined Words & Phrases" gestellt (von mir ins Deutsche übersetzt):

Spam ist unerwünschte Werbung per E-Mail; das ist unerwünschte Werbung, die über einen Instant-Messaging-Dienst versandt wird

Wer mit "Was ist Spim?" geantwortet hat, darf sich 800 $ einstreichen. Von den drei Kandidaten damals, darunter Rekordsieger Ken Jennings, ist keiner drauf gekommen. Hat irgendwer, der hier mitliest, jemals von Spim gehört? Mir jedenfalls ist dieser Neologismus im "Jeopardy!"-Archiv zum ersten Mal begegnet. Der einzige Eintrag, den die Google-News-Suche nach "Spim" ausspuckt, stammt – ebenfalls – aus dem Jahr 2004. In einem Spiegel-Artikel heißt es, ungewollte Werbeanrufe über Voice-over-IP, "VoIP Spam" oder "Spit" genannt, könnten sich einer Softwarefirma zufolge bald zu einer Plage auswachsen. "Spit, so die These, könnte der Nachfolger von unerwünschter Werbung per E-Mail (Spam) und Instant Messenger (Spim) werden."

Es spricht nichts dagegen, einen neuen Ausdruck mit "ein wenig" Verspätung zu etablieren. Von jetzt an werde ich an der Verbreitung von "Spim" aktiv mitwirken. (Ich bin ja auch einer der wenigen Menschen, die das Adjektiv sitt für den Zustand des Nicht-mehr-durstig-Seins verwenden. Kurios: Ein kurzer GSV-Strang zu diesem Komplex ist auch 2004 erstellt worden.) Belästigung per Messenger ist virulent wie nie zuvor. Allein in den letzten drei Monaten erhielt ich dreimal via Telegram und zweimal über Whatsapp Spim, von "Absenderinnen" wie "Karlotta Meier" ("Hallo! Wir_haben_Angebot_Remote-Arbeit. Teilzeit/Vollzeit. Entschuldigen Sie, kann ich Ihnen die_Details? Ja/ok?"). Sollte ich das nächste Mal unter Leuten sein, wenn ich derlei empfange, werde ich laut ausrufen: "Boah, schon wieder Spim!"