Freitag, 30. November 2012

Kannibalismus

Ein Klassikbeitrag aus dem Mai 2010, den ich für den Junior Web Award vorschlage

"Er aß ihn" stand vor einigen Jahren in riesigen Lettern auf dem Titelblatt einer Boulevardzeitung. Es ging um den Kannibalen von Rothenburg, und ganz Deutschland verfolgte die Berichterstattung mit wohligem Gruseln. Die Tat war kein Einzelfall. Wer etwa die Bild verfolgt, stößt alle paar Monate auf entsprechende Vorfälle. "Menschenfresser aß Berliner" habe ich mir z.B. vor ca. acht Jahren ins Notizheft geschrieben, und damit war kein Pfannkuchen gemeint. Legendär ist auch diese kaum kommentierbare Meldung vom April des Jahres 2010.


Und jetzt macht der "neue Jack the Ripper" von sich reden, der das Fleisch von drei ermordeten Huren verspeist haben soll. Kannibalismus ist also keine Seltenheit. Ich glaube, es gibt im Wesentlichen drei Motive:
Liebe Ein Mensch will sich einen anderen "einverleiben", will ihn voll in sich aufnehmen. Die Causa Meiwes war ein Beispiel dafür, ein anderes wird in dem sehr lesenswerten Buch "Verbrechen" von Ferdinand von Schirach geschildert.
Rituelle Gründe Ich sage nur: Papua-Neuguinea. Da frisst man, glaub ich, die ehrwürdigen Ahnen, aber manchmal werden auch Jüngere zubereitet. Wie ich irgendwo mal las, spielen durchaus auch kulinarische Erwägungen eine Rolle. Fleisch aus der Wange soll von einigen Völkern besonders geschätzt werden. Auch Gehirne sind beliebt. Unschöne Nebenwirkung: u.a. Kuru.
Notlagen Die erste derartige Darstellung in der Literatur findet sich bei Mark Twain. Die (ziemlich langweilige) Kurzgeschichte "Kannibalismus auf der Eisenbahn" handelt von einer Gruppe Reisender, die mit ihrem Zug im Nirgendwo feststeckt und, um zu überleben, einen Menschen zum Nahrungsspender wählen muss. Man hörte Ähnliches auch schon von Flugzeug-Passagieren. Im Zweifel muss der Dickste dran glauben. Ich nehme an, bei dem modernen britischen Ripper spielte auch übersteigertes Verlangen, gepaart mit einem Ödipus-Komplex, eine Rolle für sein Handeln. Vielleicht gibt es auch noch ein viertes Motiv: Rache an seinen Feinden. Beispiele: Yoshi in Super Mario World (obwohl der keine Vertreter der eigenen Spezies verschlingt) sowie Hannibal Lecter.

Ich werde noch weitere Forschungen zu diesem Thema anstellen (mal sehen). 

Freitag, 23. November 2012

Donnerstag, 22. November 2012

Fragen, die ich mir selbst stelle

Heute: Was ist Instant-Mehl?

Ein Pulver, über das man Wasser gießt, und dann wird daraus Pulver? Klingt zu irre, um wahr zu sein. Im chefkoch.de-Forum wurde die ominöse Zutat schon vor über fünf Jahren diskutiert. Letztgültige Antwort: "Instantmehl ist ein handelsübliches Mehl welches in einem Spezialverfahren thermisch behandelt wird um die Kleber (Glutenstruktur) zu zerstören. Resultat:==> Beim Einrühren klumpt es unter anderem absolut nicht wird z.B.: für Paniermehl verwendet. Griffiges Mehl hat etwas die Eigenschaft, damit es nicht klumpt." 

Dass ich von der Existenz von Instant-Mehl gestern zum allerersten Mal las (in einem Rezept für Jägersoße), spricht wohl dafür, dass das Zeug nicht allzu verbreitet ist.

Mittwoch, 21. November 2012

Betr.: Bahn-Erlebnis, E/I/F, Kohl

Im Zug sitzt ein Geschäftsmann, offenbar aus der Marketingabteilung, denn er sieht sich auf seinem Notebook irgendwelche Werbefilmchen an – ohne Kopfhörer!!! Minutenlang gehe ich gedanklich durch, wie ich den Kerl gleich zurechtweisen werde. "Entschuldigen Sie: Ist das Ihr Ernst?" halte ich für einen guten Einstieg. Doch es erledigt sich sogleich, als ein anderer Fahrgast auf den rüpelhaften Knallkopf zugeht und ihn freundlich darum bittet, seine "bestimmt ganz wunderbaren Videos" doch bitte über Kopfhörer zu genießen. Ah, Zivilcourage!

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In sog. "besseren Kreisen" gilt es seit jeher als absolutes Muss, sich gut in Spanien, Italien und Frankreich auszukennen und mindestens einmal jährlich mindestens eines dieser Länder zu besuchen.
Ich habe überhaupt keine Ahnung von diesen Ländern. Mir liegt es fern, mit Ignoranz zu kokettieren, ich gebe nur ganz ehrlich zu, dass sie mich einfach nicht interessieren. Ich war zwar schon in den jeweiligen Hauptstädten (die auch ganz nett waren) und kann mich durchaus für die regionalen Winzerprodukte erwärmen, doch im Allgemeinen halte ich Spanien, Italien und Frankreich für überschätzt. Das spanische Essen ist zu fettig, das italienische zu spartanisch, das französische zu prätentiös; niemand beherrscht eine Fremdsprache; alles ist teurer als in Deutschland; und direkt Spitzenwirtschaftsmächte sind die drei Länder auch nicht.

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Eine Frage, die sich bestimmt noch niemand gestellt hat: Darf man einen Kohlkopf (z.B. Rot- oder Weiß-) als Handgepäck mit in ein Flugzeug nehmen? Ich würde auf nein tippen, rege aber an, es einmal auf den Versuch ankommen zu lassen. Mögliche Verbotsargumente: 1) Der Kohl könnte als Waffe benutzt werden; 2) Es könnte eine Waffe darin versteckt sein; 3) Der Kohlkopf könnte über den Gang rollen und eine Gefahr für Crew und Passagiere darstellen; 4) Wenn man ihn schält oder raspelt, entsteht zu viel Dreck.

Dienstag, 20. November 2012

Graphiken, die die Welt erklären

Heute: Wahrscheinlichkeit für eine Panikattacke (y-Achse) bei zunehmender Größe eines öffentlichen Raumes (x-Achse), z.B. Geschäft, Disco, Hörsaal


Sonntag, 18. November 2012

Wochenend-Quiz: Auflösung

(zum Lesen markieren)

Richtig ist d)
Es handelt sich um einen Cocktail auf Matcha-Basis. Was da schwimmt, sind Zitrusfruchtschnitze. Schmeckt nicht schlecht, man muss nur warten, bis sich das Teepulver am Boden abgesetzt hat; wenn man es aus Versehen mittrinkt, wird's unangenehm.

Samstag, 17. November 2012

Wochenend-Quiz

Was befindet sich in diesem Glas?

a) Spinat-Avocado-Shake
b) eine süße Gazpacho-Variation
c) eine britische Kräuter-Minz-Suppe (lauwarm)
d) japanischer Grüntee-Cocktail mit Gin

Freitag, 16. November 2012

Klassiker des Wissens: Im unheimlichen Tal

Ein interessanter Effekt ist der vom Uncanny Valley. Das Uncanny Valley ist, vereinfacht gesagt, das Phänomen, dass die Akzeptanz menschlicher Beobachter gegenüber Computerspiel-Figuren oder Robotern ab einem gewissen Grad an Realismus nicht zunimmt. Das heißt: Wenn eine Kunstfigur allzu menschenähnlich ausschaut (aber noch nicht total menschlich), gruseln wir uns. "Die Akzeptanz fällt ab einem bestimmten Niveau des Anthropomorphismus schlagartig ab und steigt erst ab einem bestimmten, sehr hohen Grad wieder an." (Wiki) Wie hoch dieser Grad sein muss, ist wahrscheinlich von Mensch zu Mensch verschieden. 

Ich habe mich immer gefragt, warum John Connor in der Serie The Sarah Connor Chronicles sich nie (sexuell) für die von Summer Glau verkörperte hübsche Terminatrix Cameron interessiert hat. Come oooon – jeder normale 16-Jährige hätte die Situation in irgendeiner Weise ausgenutzt. Es gibt sogar einen Typ von Fetischisten, für den so eine Cameron der ultimative Traum wäre. "The first of these [fantasies] is simply a desire to have a ready-made android or gynoid partner. This partner can be desired for sex, companionship, or any combination of the two. The main distinguishing feature of this fantasy is that the android is a completely artificial construct, often manufactured solely to fulfil the wishes of its owner." 

Zurück zu den Terminatoren: Physiologisch sind diese mit Menschen fast identisch (zumindest von außen), ihr Verhalten wird so gut wie möglich simuliert und kann durch Lernen verbessert werden. Aber es sind die kleinen Defizite und Macken, die man nicht programmieren kann. Deshalb wird es wahrscheinlich nie Maschinen geben, die überhaupt nicht mehr von uns Menschen zu unterscheiden sind. Und alle anderen, weniger perfekten Robotertypen liegen im Uncanny Valley. 

In der Serie 30 Rock (Episode 2.13 "Succession") wird das Uncanny Valley anschaulich behandelt:


Frank: Check out this chart. As artificial representations of humans become more and more realistic, they reach a point where they stop being endearing and become creepy. 
Tracy: Tell it to me in Star Wars. 
Frank: All right, we like R2-D2 and C-3PO. 
Tracy: They're nice. 
Frank: Here, we have a real person, like Han Solo. 
Tracy: He acts like he doesn't care, but he does. 
Frank: But down here, we have a CGI Stormtrooper or Tom Hanks in The Polar Express. 
Tracy: I'm scared! Get me out of there! 
Frank: And that's the problem. You're in the valley now, it's impossible to get out. 


PS: Den ersten Terminator sah ich neulich aus Langeweile im Fernsehen. Weil es sich um eine 20.15 Uhr-Fassung handelte, war ungefähr die Hälfte rausgeschnitten. Lustig ist aber immer wieder die deutsche "Übersetzung" von "You're terminated, fucker!": "Jetzt mach ich dich fertig!" Noch passender wäre wohl nur gewesen: "Jetzt sage ich noch einen coolen Spruch auf!" Insgesamt ist der Film nicht gut gealtert. Die Musik ist streckenweise seeehr trashig (vom exzellenten Hauptthema abgesehen), und je weniger man über die Damenkleider und -frisuren der Achtzigerjahre sagt, desto besser.

Mittwoch, 14. November 2012

Skurrile Sammlungen: "... bei Nacht"-Karten

In den 90er Jahren fiel mir während eines Familienurlaubs eine Postkarte mit folgendem Motiv auf, nein – anders: mit gar keinem Motiv. Auf der komplett schwarzen Karte stand "[Ortsname] bei Nacht". Ich weiß nicht mehr, in welchem Ort ich das (damals noch) originelle Souvenir entdeckte, es sah jedenfalls aus wie das hier:

Beim nächsten Urlaub fand ich in einem Andenkenbüdchen eine ähnliche Karte vor und beschloss, von da an von jedem Ort, den ich besuchte, ein Exemplar mitzunehmen, bis der Witz durch seine tausendfache Wiederholung vernichtet würde.

Nach circa 30 Exemplaren beendete ich das Projekt. Mit Beginn des 3. Jahrtausends verschwand das trashige Gimmick nach und nach von der Bildfläche. Die angefangene Sammlung habe ich aber nie weggeworfen, wie man sieht. 
Was der Unterschied zwischen by night und at night ist, kann ich übrigens bis heute nicht sagen.

Nachtrag Roger Willemsen hat sich, wie in seinem Buch "Momentum" zu erfahren ist, eine noch skurrilere Postkartensammlung aufgebaut: "In Italien kaufte ich früher immer Ansichtskarten mit dem Motiv 'Kind über Geburtstagstorte', ein Motiv, das in den Fünfzigerjahren geboren wurde. [...] Die Kinder sehen in ihrem Geburtstagsglück manchmal beseelt, manchmal schauspielerisch stimuliert, manchmal verlegen, vierschrötig oder sogar abwehrend aus. Ich kaufte jedes dieser alten, immer liegengebliebenen Motive, das ich fand, und ich liebte schon das Quietschen des Drehständers, den staubigen Film auf der Oberfläche, die Pappe dick und schmutzig und mit einer Lackschicht, die abblätterte wie Gelatine. Inzwischen hat das Leben manchem dieser Kinder wohl ein Loch in die Pauke gemacht, sie sind steinalt oder tot. Überlebt aber hat auf den Postkarten ihre antiquarische Daseinsbegeisterung."

Dienstag, 13. November 2012

Glaubt den Frauen!

Wie oft hat man es schon in Filmen und Fernsehserien gesehen: Eine Frau hat ein übernatürliches Erlebnis gehabt und erzählt davon ihrem Mann/Freund/Verlobten/Geliebten, aber dieser arrogante Blödmann glaubt ihr kein Wort. Die arme Frau wird für verrückt erklärt und ist auf sich allein gestellt. Am Ende wird der Mann selbst Zeuge des Übernatürlichen und (oft) für seine Ungläubigkeit bestraft – was der Frau natürlich auch nicht weiterhilft. Die umgekehrte Variante gibt es zwar auch (Konstellation Mulder/Scully), jedoch viel seltener. Fast immer ist es eine Frau, die als naives Dummchen mit zu viel Einbildungskraft wahrgenommen wird. 

Bei mir gäb's das nicht, denn ich bin genre savvy und einfühlsam. Wenn meine Frau/Freundin/Verlobte/Geliebte ankäme und mir erzählte, im Parkhaus hätte ihr ein Kobold nachgestellt oder auf dem Dachboden lebte ein Flugsaurier, würde ich mit Respekt, Ernst und Neugier nachfragen und meine größtmögliche Unterstützung anbieten. Selbst wenn sich ihre Behauptung als nachweisliche Unwahrheit herausstellen sollte, würde ich mich auf das Berichtete einlassen – und ggf. mit ihr gemeinsam professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Patienten mit Wahnvorstellungen von ihrem Wahn zu überzeugen zu versuchen, ist schließlich das Schlechteste, was man tun kann. 

Was aber tut man, wenn man selbst ein paranormales Erlebnis hat, jedoch nur Leute kennt, die einen eh nicht für voll nehmen? Dann gnade einem Gott (der ja auch, nun ja ... umstritten ist).

Samstag, 10. November 2012

Traumprotokoll: Cola

Ich war mit ein paar Freunden in einem Imbiss. Wir kauften Getränke. Während die anderen sich Bier zu 1,50 € bestellten, erregte meine Aufmerksamkeit etwas anderes auf der Getränketafel: "Rael" hieß es und kostete 1,- €. (Angeblich kann man im Traum keine Buchstaben und Zahlen erfassen, ich konnte in diesem Fall aber sehr gut lesen.)

Der Verkäufer erklärte mir nun, dass man Waren im Wert von einem Euro oder weniger nur in dreifacher Ausführung erstehen könne. Statt einer Flasche "Rael" hätte ich also drei kaufen müssen. Ich erfuhr außerdem, dass es sich bei dem Produkt um eine Colasorte handelte. Statt den Deal sofort zu beenden (ich mag gar keine Cola), wurde ich wütend. Ich stritt mich mit dem Imbisswirt und versuchte ihm die Unrechtmäßigkeit seiner grotesken Klausel klarzumachen. Immer mehr steigerte ich mich in meine Wut, bis ich ausfallend wurde und mich über den Beruf des noch sehr jungen Verkäufers lustig machte. Ich glaube, am Ende randalierte ich sogar ein bisschen.

(Frage an Psychologen: Warum handeln mehr als 50% meiner Träume davon, dass ich in eine abstruse Verkaufssituation gerate und Wutausbrüche bekomme?)

Freitag, 9. November 2012

Mein neues Spielzeug


Ein Wacom Bamboo Grafiktablett! Damit kann ich zeichnen und habe das Ergebnis sofort in digitaler Form. So kann ich es direkt bearbeiten und veröffentlichen – ohne den lästigen Schritt des Einscannens. Papier spare ich obendrein. Demnächst wird es also weitergehen mit der Reihe "Selbstgemaltes zum Samstag".

Donnerstag, 8. November 2012

Traumprotokoll: Automat (Doppelausgabe)

Ich stand in einer langen Schlange, die zu einem "Georg-Büchner-Museum" führte. Keine Ahnung, was ich oder die unzähligen anderen Leute dort wollten. Das Museum war jedenfalls architektonisch interessant: eine runde Festung, aus deren Mitte ein Turm ragte – eine Mischung aus dem House of the Undying und der Engelsburg in Rom. Es gab kein Ticket- oder Einlasspersonal, stattdessen musste man in einen Automaten satte 16,- € werfen, um eine Drehkreuzkarte zu ziehen, und zwar in 2-Euro-Stückchen! Niemand schien sich an diesem Wahnsinn zu stoßen, allein ich entwickelte schon wieder heftige Aggressionswallungen. Nachdem ich mir acht 2-Euro-Stücke besorgt hatte, wollte ich den Automaten damit füttern. Doch natürlich flutschten alle Münzen einfach durch; das dumme Gerät wollte mein Geld nicht annehmen. Tausend Mal versuchte ich es, bis ich entdeckte, dass im unteren Ausgabe-Schacht mehrere D-Mark-Münzen lagen. "Hier hat jemand versucht, ungültiges Geld in den Automaten zu werfen. Das sollte man dieser Person ins Maul stopfen!", schrie ich. 

Woher dieser Traum kam, kann ich mir denken. Am Vorabend musste ich mit der U-Bahn fahren, und in der Station, von der ich losfuhr, gab es brandneue Fahrscheinautomaten. Alle meine vier Münzen, die ich einwarf, wurden direkt angenommen statt unten wieder herauszupurzeln. Eine Premiere!

In diesem Zusammenhang noch ein Klassiker von 2004:
Mir träumte, mich hätte es durch widrige Umstände nach Hannover verschlagen, genauer gesagt in das U-Bahn-Netz dieser Stadt. Woran ich erkennen konnte, dass es sich tatsächlich um Hannover handelte, und ob es dort überhaupt eine U-Bahn gibt, weiß ich nicht. Jedenfalls waren die dunklen Stationen gigantischen Ausmaßes, doch nur vereinzelt sah man menschenähnliche Kreaturen herumwuseln. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus diesem Höllenlabyrinth. "Wie komme ich nach Hamburg?", fragte ich zwei Bahnangestellte, die mich mit einem sardonischen Gellen bedachten und meinten, ich müsse mir erstmal ein Ticket kaufen. Ich fand wenig später einen entsprechenden Automaten, dessen Wechselgeldschacht mit Unmengen von Münzen gefüllt war. Es ist nämlich (so mein Traumwissen) in Hannover Sitte, nach dem Fahrkartenerwerb sämtliches Restgeld, das die Maschine ausspuckt, keinesfalls mitzunehmen, sondern den Automatenentleerern als Trinkgeld zurückzulassen. Ich kaufte mir also ein Ticket und wunderte mich sogleich.
Das "Ticket" war kein richtiges Ticket aus Papier, sondern ein Stempel! Verdutzt betrat ich eine Bahn. Wenig später stieg eine Kontrolleurin hinzu und verlangte die Vorlage meines Tickets. Ich holte meinen Stempel hervor, den sie daraufhin auf ein Stempelkissen und anschließend auf einen Zettel drückte, auf dem sinngemäß zu lesen war: "Der Besitzer dieses Schriftstücks konnte keinen gültigen Fahrausweis vorzeigen." Die Kontrolleuse verließ wortlos die U-Bahn, und ich wurde panisch. 'Ich muss diesen Zettel unverzüglich loswerden!', schoss es mir durch den Kopf. Also irrte ich wenig später erneut durch die finsteren Bahnstationen und suchte einen Mülleimer. Jedoch fand ich nur einen weiteren Ticket-Automaten, um den sich das Klimpergeld nur so stapelte. "Scheiß drauf", sagte ich und stopfte mir die Taschen voll.  

Dienstag, 6. November 2012

Die durch die Entwicklungshölle gehen

Auf io9 habe ich heute von dem mir bis dahin unbekannten Tetris-Effekt gelesen: Menschen neigen nach langen Tetris-Sessions dazu, von dem Spiel zu träumen. Die Frage am Ende des Artikels, ob es ähnliche Effekte auch bei anderen Spielen gebe, kann ich bejahen. Ich hatte schon sehr intensives game-bezogenes "Kopfkino" (um mal ein Arschwort zu verwenden), zuletzt v.a. von Skyrim. Dabei muss es sich nicht um Schlaf-Erlebnisse handeln. Wenn ich Zug fahre, und am Fenster huschen verlassene Fabrikgelände vorbei, sehe ich diese bisweilen durch die Augen eines Spielers von Half Life 2 oder ähnlichen Shootern. 'Oh man, wäre das eine geile Map!', denke ich dann.

Ein anderer Effekt taucht in diesem Artikel auf Overthinking It auf: der Sunset Boulevard-Effekt (Notiz an mich: Ich muss mal einen Blogpost über erwähnenswerte Effekte verfassen!). Definiert wird der Effekt im Text nicht, es geht kurz gesagt um Schauspieler-Comebacks und die Frage "Just how long can someone go before making a comeback, anyway?", der ich die Frage anschließen möchte: "Wie lange muss jemand von der Bildfläche verschwunden sein, bis sein Comeback niemanden mehr interessiert?" Ähnliche Überlegungen ließen sich auch über Werke der Unterhaltungsindustrie anstellen. Wie lange muss ein Projekt in der Produktion feststecken, bis sein Release nur noch enttäuschen muss?

Es gibt ja das Trope der Development Hell: Filme, Videospiele etc. geraten in diese, wenn sich ihre Entwicklung wegen finanzieller, kreativer oder sonstiger Schwierigkeiten immer wieder verzögert. Von dem Phänomen Saved from Development Hell spricht man, wenn das Projekt schließlich doch irgendwann beendet wird. Mein Eindruck ist, dass der Großteil ebensolcher Kunstwerke bestenfalls mittelmäßig ausfällt. Das klassische Beispiel ist Duke Nukem Forever, dessen zigfache Verschiebung schon selbst zum Kult wurde ("When it's done") – als es dann erschien, hielt sich die Begeisterung in Grenzen, um es mal milde auszudrücken. Weitere Beispiele: der zweite X-Files Film, Terminator 3, das neue Wintersun-Album Time, Monkey Island 4. Sicher, es gibt auch etliche Gegenbeispiele, und ich setze große Hoffnungen in den Hobbit und die vierte Staffel von Arrested Development. Aber im Allgemeinen ist es so: Nach einem bestimmten Verzögerungszeitraum t(v) geht die Erwartungsmenge m(e) antiproportional zu ihrem anfänglichen Anstieg zurück. Das müsste man mal mathematisch verfeinern und in eine entsprechene Graphik packen.

Was ich mit diesem Beitrag sagen will? Lasst euch bitte nicht zu viel Zeit mit dem, was ihr tut!

Samstag, 3. November 2012

Jugenderinnerung

An einem wunderschönen, sonnigen Montagmittag beschloss ich, ein Kapitel meines Lebens, das da hieß "4.) Studentenzeit", abzuschließen. Ich hatte auf einer der zahlreichen Campuswiesen gelegen und die Umgebungsgeräusche auf mich einwirken lassen, wodurch sich eine Atmosphäre wie an einem gut besuchten Badestrand eingestellt hatte. Diese Atmosphäre weckte in mir eine bis dahin nicht gekannte Sehnsucht: die Sehnsucht nach Freiheit.

Statt also in die anstehende Vorlesung zum Thema "Sichtschutzelemente aus Molybdän" zu gehen, ging ich nicht dahin. Ich wäre ohnehin zu spät gekommen, was zur Folge gehabt hätte, dass ich der Lehrveranstaltung zur Strafe nur mit Unterwäsche bekleidet hätte beiwohnen müssen. Unser Werkstoffwissenschafts-Professor war nämlich verrückt. Das äußerte sich aber nicht nur in seiner Liebe für das Verhängen drakonischer Strafen, sondern auch in seiner Lehre selbst. Er vertrat beispielsweise noch immer die These vom Äther oder dem sogenannten Phlogiston. Auch nannte er den Erdkern noch "Nife", besteht jener doch aus einer Nickel-Ferrum-Legierung. Überhaupt hatte Prof. Aschenknecht (so hieß der Hochschullehrer) ein Faible für alte, ja antiquierte Sachen, die heute kaum noch jemand kennt. In seinem Büro befanden sich u.a. ein Stapel Blaupapier, eine Lupe, mehrere Bartbinden, Schlafmützen, Brummkreisel, Spazierstöcke, Leiterwagen, eine Fußbank und ein Fidibus.

In der Vergangenheit hatte es mehrfach Beschwerden und sogar Amtsenthebungsverfahren gegen Aschenknecht gegeben, allein es hatte nichts genutzt. Ihm oblag dummerweise die Schirmherrschaft über den Botanischen Garten, d.h. nur dank seiner großzügigen finanziellen Aufwendungen konnte jener instandgehalten werden. "Nehmt mir den Lehrstuhl, und ich streue Glaubersalz auf die Orchideenbeete!", hatte Aschenknecht mehr als einmal gedroht, als erzürnte Bürgerinitiativen ihm an den Karren fahren wollten. Ob Glaubersalz wirklich Blumen zu zerstören vermochte, hatte niemand nachgeprüft, es ging ja ums Prinzip! Überflüssig zu erwähnen, dass an meiner Alma Mater alle Studiengänge, die mindestens eine Pflichtveranstaltung bei Prof. Aschenknecht vorsahen, notorisch unterbesetzt waren. Am Anfang meines ersten Semesters saßen immerhin 30 Studenten, streng nach Geschlecht getrennt, im Einführungskurs. Nach drei Wochen waren es nur noch zwölf. Einen rheinischen Burschen, der es einmal gewagt hatte, nach einer allzu dreisten Behauptung Aschenknechts aufzubegehren, verprügelte dieser mit seinem Zeigestock. Und zwo Mädels, die nach dem – von Aschenknecht mit dem Mund imitierten – Stundenklingeln noch mit ihren Tamagotchis gespielt hatten, wurden gezwungen, eine Terrine Knallerbsen zu essen. 

Es wunderte mich, dass ich so intensiv an meinen schrulligen Lehrer denken musste, der mich unentwegt mit Beleidigungen wie "Sohn einer räudigen Eselin" und Flüchen wie "Möge dich Yog-Sothoth fressen!" bedacht hatte. Ich versuchte mir angenehmere Dinge ins Gedächtnis zu rufen. Wie war das noch mit diesem Mädchen, in das ich einst verliebt war? Ich saß – ich nehme jetzt einfach mal Präteritum statt Plusquamperfekt – in der Universitätsbibliothek und las einen Fachaufsatz über Mehl, als ich neben mir die berüchtigte Windows©-Hochfahr-Melodie ertönen hörte. Ich drehte mich zur Seite und wollte dem Laptop-Besitzer gerade ein "Welcher Vollpfosten lässt eigentlich seine Systemsounds an, wenn er an einem öffentlichen Ort arbeitet?!" entgegen schleudern, als ich erkannte, dass es sich um eine reizende junge Frau handelte. Mit offenem Maul starrte ich die Schöne an, welche nur rief: "Was glotzt'n so, Spast?" – "Wie heißt du?", wollte ich wissen. – "Deirdre, aber du kannst mich auch Erdmuthe nennen, is' mir scheißegal!", spie sie. Ihr unsympathischer Charakter stieß mich nicht ab, ihr Aussehen hatte mich gänzlich eingenommen. So sind wir Kerle nun mal. "Deirdre? Ist das irisch?", frug ich noch. Sie klappte ihr Notebook zu und floh den Büchertempel. Danach sah ich sie nie wieder, doch sie hatte mein Herz erobert. 

Ich wollte irgendwie einen Schlussstrich unter diese Ära ziehen, symbolisch. Betrinken und feiern waren zwei Optionen. In einem Studentenclub namens "Chomsky Beats" gab es eine Nachmittagsdisco. Da wollte ich rein. Kurz bevor ich die Tür des Etablissements öffnen konnte, packte mich jemand am Unterarm. Ich quiekte. Es war Professor Aschenknecht. "Halt, du! Warte einen Augenblick, bitte", sagte er. Das war das erste Mal, dass ich ihn das Wort bitte benutzen hörte. Ich antwortete: "Nee, von Ihnen muss ich mir gar nix mehr anhören – ich bin kein Student mehr!" – "Ich weiß, ich weiß", entsetzte er. "Es dauert nur eine Stunde. Es ist wichtig. Bitte." Das war das zweite Mal, dass ich ihn das Wort bitte benutzen hörte. "Auf keinen Fall!", rief ich. "Warum sollte ich mich mit Ihnen unterhalten? Sie haben mir das Leben zur Hölle gemacht!" – "Aber ich brauche dich! Der Kasus ist von höchster Wichtigkeit." Aschenknecht winselte jetzt förmlich. "Es soll sich auch für dich lohnen." Damit hatte er meine Aufmerksamkeit erlangt. "Na schön", seufzte ich. "Ich gebe Ihnen 15 Minuten." Wir setzten uns auf eine Bank. Auf dem Rasen hinter uns spielten ein paar ironische Stoner mit Hackysacks. 

"Ehe ich selbst rede, sieh dir diesen Film an!", befahl der Professor und reichte mir ein portables Videoabspielgerät. Ich drückte auf die Play-Taste und schaute auf das Display. Zu sehen war eine etwa 30jährige Frau in einer olivgrünen Allzweckjacke. Sie (also die Frau, nicht die Jacke) winkte in die Kamera, die offenbar von ihrem Reisepartner gehalten wurde. Denn dass die beiden auf Reisen waren, erkannte man nicht nur an dem Lonely Planet, der in einer der Taschen der Jacke der Frau steckte (dreifacher Genitiv, geil!), sondern auch an der ganz und gar nicht mitteleuropäischen Landschaft, die sich im Bildhintergrund erstreckte. Nun erklang eine raue Männerstimme: "Huhu, wir sind hier in einem kleinen Dorf; ich weiß nicht, wie das heißt, aber es ist supersüß. Ich schwenke mal rum." Der Typ nahm eine winzige Ansiedlung von Zelten auf, zwischen denen Pferde grasten. Plötzlich ertönte ein schriller Schrei. "Wow, was ist da denn los?", wunderte sich der Filmer und rannte in die Richtung, aus der er den Ruf vernommen hatte, wodurch das Bild ruckelte. Mit einem Mal wurden Menschen sichtbar. Auch sie ließen keineswegs auf europäische Provenienz schließen. Ein Kind deutete auf den Erdboden und weinte. Die Leute plärrten wild durcheinander. "Oh mein Gott!", brüllte nun die Touristin. Ihr Gefährte zoomte auf die Stelle am Boden und erfasste eine seltsame Kreatur. Es schien eine Art Schlange zu sein, allerdings ohne erkennbaren Kopf und in knallroter Farbe. Dann brach das Video ab. 

"Was du hier siehst", sprach Aschenknecht nach einer bedeutungsschweren Pause, "ist der erste Beweis für die Existenz des Mongolischen Todeswurms." – "Bitte was?", entfuhr es mir. Aschenknecht hob die Hand. "Lass mich ausreden", gebot er. "Das Video wurde vor ca. einer Woche in einem namenlosen Dorf in der Nähe von Baruun-Urt aufgenommen. Der Kameramann ist tot." Ich schluckte und erwiderte: "Das ist ja interessant, aber was habe ich damit zu tun?" – "Du wirst dieses Dorf suchen und den Mongolischen Todeswurm fangen. Denn nichts anderes war es, was wir in dem Film sahen und was den jungen Mann mit Gift bespuckt hat. Du musst wissen: Alles, was dieser Wurm anspeit, stirbt augenblicklich!" Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Schließlich sagte ich: "Also prinzipiell habe ich schon Zeit und Lust, aber ich fahre nicht einfach so in die Mongolei und riskiere mein Leben, damit Sie berühmt werden. Ich verlange etwas dafür. 10.000 Euro!" Der Gelehrte grinste mich breit an. "Ich gebe dir etwas, das mehr wert ist als 10.000 Euro", raunte er, "... 12.000 Euro! Außerdem wirst du nicht dahin fahren, sondern fliegen. Schon morgen kann's losgehen." Nach kurzer Bedenkzeit sprang ich auf und jauchzte: "Okay, ich mach's!" 

Am Tag darauf standen wir vor dem Flughafen, von dem aus es nach Ulaanbaatar gehen sollte. Aschenknecht überreichte mir ein Säcklein und erklärte: "Darin ist alles, was du brauchst: ein GPS-Gerät, Impfzeug, Schmelzkäseecken, eine kurze (von mir geschriebene) Monographie über Eigenurintherapie und ein Tetrapak Kaba, der Plantagentrunk. Das wichtigste Utensil, um den Allghoi Khorkhoi – so lautet die einheimische Bezeichnung des Todeswurms – zu schnappen, ist ein Netz. Nimm außerdem diesen Betäubungspfeil. Schmuggle ihn irgendwie ins Flugzeug." Ich bedankte mich und ging los. Kurz fragte ich mich, ob das alles nur ein Traum war. Gestern noch lag ich auf der Wiese, und heute flog ich im Auftrag meines Nemesis – einer der Gründe, warum ich überhaupt mein Studium beendet hatte – in ein Land mit einer Bevölkerungsdichte von zwei, um ein mythologisches Wesen aufzuspüren. Ich drehte mich noch einmal um, weil mir der Hobby-Kryptozoologe etwas zurief: "Die Einwohner reden nicht gerne über den Wurm. Du wirst auf viele taube Ohren stoßen. Aber lass dich nicht unterkriegen!" 

Im Flieger las ich, dass der Allghoi Khorkhoi bis zu 120 cm lang werden konnte. Ich ekelte mich schon jetzt. Wäre ich nur zur Nachmittagsdisco gegangen! Nach zehn Stunden landeten wir in der mongolischen Hauptstadt. Mir wurde schlagartig klar, dass ich nicht einmal die Landessprache beherrschte. Wie es mir dennoch gelang, mich bis zu dem ominösen Dorf durchzuschlagen, soll ein andermal erzählt werden. Die Geschichte endete jedenfalls damit, dass ich mich den hiesigen Halbnomaden, die ein Drittel ihres Lebens auf dem Rücken ihrer Reittiere verbringen, anschloss und fortan in einer bescheidenen Jurte lebte, bis ich den legendären Todeswurm eines Tages – mehr oder weniger zufällig und mit Hilfe einer Schneiderahle, einer Zwiebel und eines Gürtels – fing. Nach dieser Heldentat meldete sich sogar Deirdre bei mir und wollte mich heiraten. Doch ich lehnte ab. 

Weiterführende Lektüre: 
http://de.wikipedia.org/wiki/Phlogiston
http://de.wikipedia.org/wiki/Mongolischer_Todeswurm
http://en.wikipedia.org/wiki/NiFe

Donnerstag, 1. November 2012

Die besten Webcomics

Heute: Completely Serious Comics. Updates Montag, Mittwoch und Freitag.

Der Humor ist nicht immer der high-browigste, den es gibt. Manchmal haben die Strips keine Pointen; überhaupt erinnert die Reihe öfter an Three Word Phrase.
 
Auf jeden Fall eine Empfehlung für den kleinen Schmunzler zwischendurch. Wer das Archiv durchstöbert, stellt fest, dass sich der Zeichenstil über die zwei Jahre, in denen der Comic existiert, schrittweise verbessert hat. Das ist bei vielen Webcomics der Fall. Darum merkt euch, Kids: Übung macht den Meister!