Posts mit dem Label Interview werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Interview werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 29. Juli 2024

Gelesen empfohlen (mit Bauchschmerzen)


Es ist schon über ein Jahr her, dass ich diesen Bibliotheksfund, "
Sie sind wohl übers Ufer getreten, Sie Rinnsal!" von Sven Michaelsen, gelesen habe. Darin versammelt der gestandene Star-Interviewer des SZ-Magazins Gesprächsauszüge von Prominenten, in denen diese über Kolleginnen und Kollegen, Weggefährten oder Konkurrenten herziehen, Intima und Interna ausplappern, sich an gemeinsame peinliche Erlebnisse erinnern etc. Es wird entlarvt, beleidigt und gebackstabbed, dass es eine "Freude" ist. Die Anführungszeichen sollen signalisieren: Diese Lektüre ist eben keine Freude, sondern ein zitatgewordener Autounfall, der mich zwar über weite Strecken amüsiert hat, aber auch Wut und Verachtung in mir aufkochen ließ. Berühmte Künstler: Alle in einen Sack stecken und mit'm Knüppel draufhauen, man trifft garantiert den Richtigen! Bestätigt fand ich meine eh schon lange gereifte Vermutung, dass die charakterloseste und niederträchtigste Mischpoke sich im Literaturbetrieb tummelt.
"Never meet your idols", sagt man. Ich möchte diesen Rat modifizieren: "Don't even read about your idols!"

Dienstag, 5. März 2024

... and I'm all out of bubblegum

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung gab es ein Interview mit John Bolton, dem ehemaligen US-Botschafter bei den Vereinten Nationen. Folgende Stelle in seiner Antwort auf die Frage "Im Kongress sind die Ukraine-Gelder blockiert. Wird er sie bald freigeben?" fand ich sprachlich bemerkenswert:
Die Suche nach einem parlamentarischen Weg durch das Repräsentantenhaus läuft auf vollen Touren. Ich stimme den Republikanern zu, die Bidens Grenzpolitik als nutzlos und gefährlich für unser Land kritisieren. Aber die Vereinigten Staaten müssen in der Lage sein, to walk and chew gum at the same time. Es ist selbstzerstörerisch, die Hilfe zu verzögern, weil Bidens Grenzpolitik ungenügend ist.
Da der englischsprachige Nebensatz unübersetzt geblieben ist, gehe ich davon aus, dass es sich um eine stehende Wendung handelt, die auf deutsch für (noch mehr) Verwunderung sorgen würde. Sowohl das englische Wiktionary als auch das mir bisher nicht bekannte "Free Dictionary by Farlex" geben an, dass dieser Phraseologismus in der Regel negiert verwendet wird, "to indicate incompetence" oder "to convey ineptitude". Man schreibt oder sagt also so etwas wie "Der kann doch nicht mal gleichzeitig gehen und Kaugummi kauen". Der Wiktionary-Beleg von 1978 – keine Ahnung, ob es sich um das älteste schriftliche Beispiel handelt – ist allerdings wie unser SZ-Zitat positiv formuliert: Die United States Federal Trade Commission (Statutes and Court Decisions) hat festgehalten, dass "The philosophy communicated to T.E.C. salesmen was to enroll any person who could 'walk and chew gum at the same time'". Es wird eine geistige Mindestanforderung gestellt bzw. akzeptiert, und so wird es auch bei Bolton gemeint sein: Die USA sollten es fertigbringen, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, müssen das eine ausblenden, wenn sie das andere erreichen wollen.
Dafür wüsste ich auch keine adäquate Übersetzung. "Bis drei zählen können" oder ähnliches würde m.M.n. nicht funktionieren.

Samstag, 14. Januar 2023

Mein Interview mit Hitler

Alle Welt redet zurzeit über den erschreckend schlauen Open-AI-Bot ChatGPT und staunt ob des gegenwärtigen Entwicklungsstandes von Textgenerierungs-Tools. Der "neue KI-Hype im Netz" (heise.de) hat freilich einen langen Vorlauf. Im zwiefachen Sinne historisches Beispiel: Die Seite activehistory.co.uk hatte einst Adolf Hitler als Chatbot zum "Leben" erweckt, auf dass Geschichtsinteressierte ihm Fragen stellten. Im Dezember 2004 habe ich mit dem Digital-Gröfaz ein Gespräch geführt und dieses in weiser Voraussicht festgehalten. So lief es.

Ich: Guten Tag, Herr Hitler.
Hitler: I was informed that this interview would take place in English, so keep your second-rate German to yourself.
Oh, I see. I didn't know you speak English.
I don't think much of you at all, to be quite frank.
Frank? I thought your name was Addi. However, how and when did you kill yourself?
I shot myself, at the age of 56, in my Berlin bunker rather than face the Russian Slav 'subhumans' in May 1945: I didn't want to end up strung upside down and beaten to a pulp like Mussolini. I told my friend Albert Speer that I was not scared of dying - if anything, it would be a relief.
By the way, my name is Torsten.
I'm Adolf Hitler - leader of Germany 1933-45 and mass murderer.
Where are you now?
I'm sitting here talking to you, you brainless idiot.
Hey, watch your mouth, scum!
I became leader of the Nazis in 1922. In particular, my speech-making powers were crucial in helping me to rise in the party (which is why I never shut up).
Yes, yes, sure… You are said to have stolen Charlie Chaplin's beard. Are you aware of this?
I used to have a 'handlebar' moustache like my father, but in 1913 my sister-in-law suggested that I should cut off the points. Years later, when she saw my picture in a newspaper she said, 'Adolf has gone too far!'. Well, at least it's distinctive, I suppose ... recently some people even painted my 'tache onto a poster of Britney Spears, arguing she was trying to take over the (pop) world!
Seriously: Does your breath smell?
I was meticulously hygienic, although I suffered from bad breath. The female reporter Lee Miller was famously photographed for 'Vogue' having a soak at the end of the war in MY bath!
Have you ever used drugs?
I try no [sic] to use any drugs even as painkillers: I had several teeth moved without anaesthetic, and never touch cigarettes or alcohol, which I believe weakens the will. However, both myself and Göring were addicted to opiates - I used cocaine eye-drops, for example. Some historians have tried to explain our more irrational acts and fits of temper to our addictions!
Do you know the term "Tätervolk"?
Sorry, I don't get what you are saying!
Have you read books by Friedrich Nietzsche?
"Mein Kampf", meaning 'My Struggle', was the great book in which I outlined my key beliefs: Lebensraum, Anti-Semitism, the destruction of Communism, Aryan Supremacy. I wrote it to kill time whilst locked away in Landsberg prison.
You don't understand me, do you? Freak!
A common enquiry. I probably understand more than you would guess.
Don't be so damn arrogant, dickhead!
Well, it sounds like you are a real class act using language like that!
How is life in hell, anyway?
How dare you! I am a very private person and I don't like to answer personal questions like that.
Let's talk about Switzerland …
Right, let's get this straight. Switzerland is naturally protected by a great range of mountains that make it impervious to attack.
… and Denmark?
Either your English is terrible or there is a gap in my brain.
Yes, there is a gap in your "brain", you mindless chatbot!
Erm ... could you rephrase that, perhaps? I don't quite follow!
Fuck you!
How predictable. Why is it that just about everyone who speaks to me sees if I know swear words?
Bye.
Get lost!

Von fortgeschrittener "Künstlicher Intelligenz" lässt sich hier wahrlich noch nicht sprechen. Der Geist in der Maschine spulte auf gewisse Stichwörter hin vorgefertigte Sätze ab. Dass darunter solche sind, die Hitler nie gesagt hätte und dass der weder sich selbst als Massenmörder noch seine Partei als Nazis bezeichnet hätte: geschenkt. Unterhaltsam war das Experiment allemal. Und ein klitzekleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommen mag (vgl. "Black Mirror" 2.01: "Be Right Back", 2013).

Sonntag, 13. November 2022

Lesetipp: Interview mit Karin Stüber

"Und was kannst du damit machen?" Diese Frage hörte ich als Student der Vergleichenden Sprachwissenschaft seeehr oft, vermutlich öfter, als wenn ich irgendein anderes geisteswissenschaftliches Fach studiert hätte. Etwas Konkreteres als "Keine Ahnung, mal sehen" konnte ich darauf nie erwidern. Dass es abseits akademischer Einrichtungen kaum Beschäftigungsmöglichkeiten für Indogermanisten gibt, war mir von vornherein klar gewesen, und letztlich hätte ich für den Job, in den es mich später verschlug, überhaupt keinen höheren Abschluss benötigt; bereut habe ich meinen Weg trotzdem nicht.

Ein extremes Beispiel für die unerwartete Zweitkarriere einer immerhin Sprachwissenschafts-Professorin lieferte jetzt ein Interview in der Neuen Zürcher Zeitung. Befragt wurde Karin Stüber, die mir in meiner Postgraduierten-Zeit wiederholt begegnet war, wann immer ich mich mit dem Keltischen zu befassen hatte. Ich glaube, ich habe sie sogar einmal auf einem Kongress reden hören. Jedenfalls arbeitet Karin Stüber seit kurzem als ... millionenschwere Autohändlerin!

Sowohl ein solcher Berufswechsel als auch – das muss man ganz klar sagen – die Entscheidung, sich full-time einer potentiell unlukrativen Nischendisziplin zu widmen, erfordert eine gewisse Privilegiertheit. Im Falle Stüber scheinen die Sterne seit jeher günstig gestanden zu haben.

Sie haben es getan. Sie beendeten Ihre akademische Karriere in Würzburg und wurden Verwaltungsratspräsidentin des grössten ­Mercedes-Händlers der Schweiz.
Mein Vater, Peter Stüber, führte die Firma mehr als 50 Jahre lang, sie gehörte ihm auch seit langem. Er sagte: Wenn ich 80 Jahre alt bin, möchte ich aufhören. Also musste sich die Familie überlegen, wie es weitergeht. Meine Schwester studierte Wirtschaft, aber sie wollte nicht seine Nachfolgerin werden. Die Verantwortung war ihr zu gross. Nun sitzt sie auch im Verwaltungsrat der Firma und unterstützt mich.

Warum haben Sie Ja gesagt?
Die Aufgabe reizte mich. Ich wollte etwas zurückgeben.

Wem wollten Sie etwas zurückgeben und warum?
Der Firma, den Mitarbeitern, der Familie. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar. Ich habe so lange profitiert. Ich konnte eine akademische Karriere machen und ein Fach studieren, das brotlos ist. Für Indogermanisten gibt es ausserhalb der Uni keine Stellen. Als ich eine Zeitlang keine Anstellung hatte, war das mit meinem Hintergrund kein Problem. Wenn ich aus einer Arbeiterfamilie käme, wäre das nicht dringelegen. Meine Karriere wäre vorbei gewesen.

Das ganze Gespräch, in welchem auch der hübsche Helvetismus Sackgeld fällt, ist hier zu finden. Mich hat übrigens ein Google-Alert zu "indogermanistik", den ich vor langer Zeit eingerichtet habe, dorthin geführt. So richtig lösen konnte ich mich von dieser herrlichen Wissenschaft nämlich bis heute nicht.

Dienstag, 10. August 2021

Um die Ecke gedacht, auf die Palme gebracht

Auf StudiVZ (ja, ich bin alt) war ich Mitglied in einer Gruppe mit dem Namen "Kreuzworträtsel sind 'n verdammt derber Shit". Der Eindruck, dass Fans von Kreuzworträtseln, über alle Generationen hinweg, hinsichtlich ihres Hobbys keinen Spaß verstehen und generell ziemlich hardcore drauf sind, wird durch einen Beitrag im aktuellen Zeit-Magazin untermauert. Anlässlich des 50. Geburtstag von "Um die Ecke gedacht" zeichnet eine Mitarbeiterin die Geschichte der Rubrik nach und interviewt deren Autor, der wie sein Kollege im SZ-Magazin, "CUS", ein großes Geheimnis um seine Person macht und lediglich unter dem Pseudonym "Eckstein" bekannt ist.

Eine Stelle in dem Beitrag – und damit komme ich auf die Emotionalität der Kreuzworträtsel-Gemeinde zurück – fand ich besonders aussagekräftig:
Margit Stoffels, 56, ZEITmagazin-Redakteurin, betreut das Rätsel seit mehr als zehn Jahren: "Einmal wurde versehentlich das Kreuzwortgitter der Vorwoche gedruckt. Ich habe drei Tage lang nur Anrufe beantwortet. Und Hunderte Leserbriefe, eine Leserin schrieb: 'Wenn Sie wüssten, was hier bei uns los war! So geht es doch nicht! Das können Sie nicht machen!' Erst nach Wochen war wieder Ruhe eingekehrt."
Ob die Redaktion des Stern-TV-Magazins auch so ein heißblütiges Feedback bekam, als sie in einer Ausgabe das Rätselgitter der Vorwoche ein zweites Mal drucken ließ? Offenbar nicht, denn eine Entschuldigung steht bis heute aus.

Samstag, 10. April 2021

Precht'sches Theater

Ich habe eine Stelle aus dem Interview mit Richard David Precht im aktuellen Stern abgetippt:

Die Tuberkulose zum Beispiel gedieh dort, wo es eng und schmutzig war und wo Armut herrschte. Wenn der Staat nicht wollte, dass sehr große Teile der Bevölkerung hinweggerafft wurden, musste er dafür sorgen, dass die Wohnverhältnisse und die Hygiene besser wurden. So begann im 19. Jahrhundert das, was der Philosoph Michel Foucault Bio-Politik nennt. Der Staat fing an, sich für die Gesundheit seiner Bürger verantwortlich zu fühlen, und handelte. Zumindest, wenn es um ansteckende Krankheiten ging. Es entstand dann nach und nach das moderne Vor- und Fürsorge-System, das wir heute als Pflicht des Staates begreifen.

Dies ist, ich schwöre es, der einzige Abschnitt in zweieinhalb Seiten à drei Spalten, der so etwas wie Erkenntnisgewinn beinhaltet. Der Rest sind Platitüden, Nullsätze und Aussagen, die auch ein durchschnittlich begabter 16-Jähriger in Gemeinschaftskunde zu Papier bringen könnte. Es sollte in dem Gespräch um die Pflichten des Staates vor dem Hintergrund des sog. "Impf-Debakels" gehen. Warum auch nicht? Die Menschen dürfen und sollen während einer Pandemie nicht nur von Fachleuten aus der Medizin Erklärungen und Handreichungen bekommen, sondern auch aus den Bereichen Politologie, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie und eben: Philosophie. Aber wenn sich die Aufklärung durch einen als Intellektueller geltenden Honorarprofessor in Sentenzen erschöpft wie "Der Staat muss verhindern, dass der Einzelne durch andere in eine bedrohliche Situation kommt", "Der Vorsorgestaat darf nie zum Bevormundungsstaat werden" oder "Es geht immer um die Frage, inwieweit andere von meinem Handeln oder Unterlassen betroffen sind", dann wirft das kein gutes Licht auf den gegenwärtigen Stand der Philosophie in Deutschland. Für die sollten Knalltüten wie Richard David Precht und Markus Gabriel natürlich nicht als stellvertretend behandelt werden, ich fürchte aber, in der öffentlichen Wahrnehmung geschieht genau das. Sonst hätte man die Niederschrift des Stern-Interviews ja direkt eingemottet, statt sie abzudrucken.

Samstag, 20. März 2021

Oy veh, SPD!

"Spiegel online" zitiert den neuen Vorsitzenden des SPD-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, Thomas Kutschaty: "So etwas Meschugges habe ich über mich noch nie gehört".

Hm, muss es nicht "Meschuggenes" heißen? So kenne ich die nicht-prädikative Form des jiddischen Adjektivs jedenfalls ... nun gut, zumindest aus amerikanischen Filmzeilen. Tatsächlich schreibt das Jewish English Lexicon: "In Yiddish, meshugene(r) – with the "ne(r)" ending – is used as an attributive adjective modifying a noun (e.g., a meshugene froy, 'a crazy woman'), whereas meshuge is a predicative adjective (zi iz meshuge, 'she is crazy'). This distinction is preserved for many speakers of Jewish English (e.g., 'He is absolutely meshuga!' vs. 'He is such a meshgene (guy)!')." Ob diese "Regel" auf "deutsches Jiddisch" anwendbar ist, kann ich nicht beurteilen. Ich habe zwar während meines Studiums an einem Jiddisch-Blockseminar teilgenommen, aber davon ist nichts hängen geblieben, und wenn ich jetzt meine Aufzeichnungen konsultiere, werde ich mich wieder stundenlang damit befassen; in diesen Kaninchenbau stürze ich mich nicht! Fragen wir das Netz. Für "meschugges" liefert Google unwesentlich mehr Belege als für "meschuggenes" (jeweils weniger als 1000 Treffer), aber womöglich könnte der Buchtitel "Das meschuggene Jahr" ein Argument für letztere Form sein.

Das Meschuggene, das Kutschaty im Spiegel-Interview meint, ist übrigens die Äußerung eines anderen Politikers: "Ein Parteifreund aus Ihrem Landesverband beschreibt Sie zum Beispiel als Krokodil: Ein Tier, das träge im Sumpf liegt, meistens nichts macht, doch wenn ein Gegner vorbeikommt, schnappt es zu."

Notiz an mich selbst: Ich muss mal wieder Meshuggah hören!

Samstag, 17. Oktober 2020

Deutschland 2020

Interviewschnipsel aus dem aktuellen Stern:


Ich betone: aus dem aktuellen Stern, nicht etwa aus einer Ausgabe von 1620. Gute Güte!

Da muss ich an eine Begebenheit aus dem Februar dieses Jahres denken. Schon eine reichliche Zeitspanne vor dem Eintreten der allgemeinen Maskenpflicht hatte ich mir angewöhnt, bei Einkäufen und sonstigen Erledigungen einen Mundschutz zu tragen. Einmal lief ich nun also derart teilvermummt über meine lokale Einkaufsgasse, als ein Passant zu seinem circa sechsjährigen Sohn, auf mich zeigend, rief: "Kuck mal, der hat Corona!" Am liebsten hätte ich erwidert: "Wenn ich wüsste, dass ich Corona hätte, würde ich dich Arschloch jetzt mit Absicht anhusten! Was bist du eigentlich für ein Vorbild für dein Kind?"
["Curb Your Enthusiasm" theme starts playing in the distance]

Mittwoch, 9. September 2020

Lesetipp: Gespräch mit Gudrun Penndorf

Hochinteressantes Interview in der heutigen SZ (online leider hinter Bezahlschranke) mit der langjährigen Asterix-Übersetzerin Gudrun Penndorf, die jetzt für ihre Verdienste das Bundesverdienstkreuz erhält:

Aber ein gewisses Misstrauen der Franzosen blieb.
Ja, bis heute werden die Übersetzungen, mittlerweile stammen diese ja von Klaus Jöken, vor der Veröffentlichung ins Französische rückübersetzt, um weitere Malheure zu verhindern. So war "Die spinnen, die Römer" ursprünglich vom Verlag mit "Uiiii, die Römer sind doof" übersetzt worden. Aber im Original heißt es ja auch "Ils sont fous, ces Romains". Das ist viel expressiver. Also habe ich es fürs Deutsche nachempfunden.

Und die Rückübersetzungen liefen immer reibungslos?
Manchmal verstand der Rückübersetzer in Paris meine Witze nicht. Mit dem römischen Namen "Ofenaus" etwa konnte der nichts anfangen. Zunächst! Und ohne die Hilfe meiner französischen Freunde hätte wiederum ich viele französische Insider-Gags nicht kapiert. Zum Beispiel, wenn es um in Frankreich populäre Lieder ging. Aus Josephine Bakers "J'ai deux amours" machte ich dann "Ganz Lutetia träumt von der Liebe", also in Anspielung auf den in Deutschland durch Caterina Valente bekannten Schlager. So etwas hat mir immer Spaß gemacht. Oder, wenn es mir gelang, ein schönes Goethe-Zitat irgendwo einzubauen.


Mittwoch, 4. März 2020

So ein Quak

Diese Stelle in einem kürzlich erschienenen Spiegel-Interview mit der IWF-Chefin Kristalina Georgiewa fiel mir auf:


Welches Wasser soll das sein, in dem ein sprichwörtlicher Frosch sitzt? Googelt man "Frosch" + "Wasser", findet man etliche Artikel, die sich mit einem Mythos beschäftigen, demzufolge ein Frosch, den man in einen Topf mit lauwarmem Wasser setzt, geduldig bis zum Tod darin sitzen bleiben wird, wenn man das Wasser peu à peu erhitzt. Ein Frosch, der in kochendes Wasser geworfen wird, versucht hingegen, um jeden Preis zu entkommen. Offenbar wird diese Mär gerne in Managementseminaren erzählt, was einmal mehr die Widerwärtigkeit dieser Branche bestätigt. Ein konkretes "Sprichwort" konnte ich nicht finden. Die behauptete "Tatsache" ist jedenfalls so falsch wie die Behauptung, dass Hummer nichts fühlten, wenn man sie bei lebendigem Leib in siedendes Wasser lässt. Ja ja, das Pfeifen, das die Krustentiere während der Prozedur von sich geben, "ist nur eingefangene Luft, die aus dem Panzer des Tieres entweicht" (zitiert nach dem Spiegel, an anderer Stelle) – übrigens neulich lustig bei "Family Guy" subverted
Wieso sollen wir dem Frosch eigentlich sagen, aus dem Topf zu springen, statt ihn einfach herauszunehmen? Und wo hat der Frosch die Locken?

Montag, 11. Februar 2019

Gefragt, geplagt

Interviewtechniken, zumindest Techniken für Schriftmedien geführter Interviews, waren in diesem Blog schon mehrmals Thema. Ein Trend der letzten Jahre ist auffällig: Der oder die Interviewer/in tritt nicht mehr als neutrale Fragestellungsinstanz zurück, sondern begreift sich als Teil eines lebhaften Gesprächs, drängt sich teilweise sogar in den Vordergrund. Exemplarisches aus dem aktuellen Stern:


Das ist vermutlich nicht einmal der vorläufige Höhepunkt solcher Entwicklungen, ich widme mich diesem Genre nur selten; aber gute Güte! Da will jemand krampfhaft seine Gelehrsamkeit demonstrieren, streut jedoch geschickt Unterlegenheitsbekundungen ein ("Ich kann Ihnen nicht mehr ganz folgen"), um zu zeigen, dass er mit dem Interviewten (hier: Christoph Waltz) auf Augenhöhe schwätzt.

Ich verstehe die Intention hinter dieser "Schlagabtauschisierung" von Promi-Interviews durchaus. Man möchte einer Textsorte neues Leben einhauchen, nachdem der Leser die tausendfach abgespulten Standardfragen und -antworten mittlerweile auswendig kennt. Einfach nur ermüdend sind zum Beispiel die Interviews in der Cinema. Immerimmerimmer wieder derselbe Schmus:
- "Wie war es für Sie, mit Regisseur XY zu drehen?"
- "Es war eine riesige Ehre und eine unglaubliche Erfahrung. XY weiß genau, wie eine Szene ablaufen muss, er ist extrem präzise und strikt, gleichzeitig gibt er dir das Gefühl, die einzige Person im Raum zu sein, die ihm etwas bedeutet."
- "Sie sind selbst Mutter von zwei Söhnen, jetzt spielen Sie eine Kindsmörderin. Haben Sie gezögert, als man Ihnen die Rolle angeboten hat?"
- "Klar, zuerst musste ich schlucken, aber nachdem ich die ersten Seiten des Drehbuchs gelesen hatte, war mir klar: Das musst du einfach machen, so eine Chance bekommst du nicht jeden Tag. Es war sagenhaft intensiv, und ich bereue die Entscheidung nicht."
- "Wird man Sie jetzt öfter in solchen schweren Rollen sehen?"
- "Das kann ich so pauschal nicht sagen. Wenn es passt, dann passt es. Comedy macht mir immer noch wahnsinnigen Spaß, aber ich möchte mich auf lange Sicht nicht in einer Sparte festfahren und gerne was Neues ausprobieren. Die Leute sollen sehen, dass ich mehr kann als die ewige Ulknudel zu geben."
- "Kann man den Schauspielberuf auch nutzen, um seine dunklen Seiten auszuleben?"
- "Ich denke, jeder Mensch hat eine dunkle Seite. Ich finde es herausfordernd, aber auch unheimlich faszinierend, mich in abseitige Charaktere hineinzuversetzen."
- "Haben Sie eine geheime Facette, die Sie gerne mal auf der Leinwand präsentieren würden?"
- "Selbstverständlich, aber die verrate ich nicht. (lacht)"
Überschrift des Interviews: "Jeder Mensch hat eine dunkle Seite". Erkenntnisgewinn: nicht vorhanden.

Freitag, 2. Februar 2018

Vokabel der Woche

Mit dem Zitat "Mich stören Bauchnabeldebatten" ist das Interview mit Niedersachsens Präsident Stephan Weil im aktuellen Spiegel überschrieben. "Mich stören nicht enden wollende Bauchnabeldebatten", geht der genaue Wortlaut, aber was genau Bauchnabeldebatten sind, wird nicht erklärt. Heutzutage sind Journalisten rasch dabei, mit "Wie bitte?" oder Repliken à la "Nicht enden wollende waaaaas?" zu kontern, wenn sie über einen unbekannten Ausdruck stolpern, aber die beiden Spiegel-Interviewer scheinen sich an der Formulierung des SPD-Mannes nicht zu stören, ja sie halten das Wort "Bauchnabeldebatte" sogar für so verbreitet bzw. aussagekräftig, dass sie es in die Überschrift packen.

Die Neologismen-Sammelseite "Die Wortwarte" hat das Kompositum am 25.8.2014 entdeckt: Cem Özdemir benutzte es in einem Tagesspiegel-Gespräch im Zusammenhang mit der Bekämpfung des IS (bzw. der IS, wie man damals interessanterweise noch sagte). Der ergooglebare Erstbeleg datiert allerdings auf den 30.8.2010, als Günther Nonnenmacher in der FAZ das mystische Wort in Bezug auf die Bundeswehrreform verwendete. Auch hier findet sich leider keine brauchbare Definition.

Apropos: Die "Lackschuh-Indianer" sind mir seit dem März 2017 nie wieder begegnet.

Dienstag, 9. Mai 2017

Cringe level 9000

Vergangene Woche fühlte ich zum ersten Mal etwas gänzlich Neues gegenüber Donald Trump. Beim Lesen seiner Ausführungen über den amerikanischen Bürgerkrieg und Andrew Jackson stellte sich bei mir – neben Schadenfreude und Fremdscham – Mitleid ein. Ich konnte sehr gut nachempfinden, wie der Präsident sich bei diesem Interview gefühlt haben muss: Völlig unvorbereitet und in typischer Unkenntnis der Geschichte seines Landes musste er halt irgendwas sagen und verrannte sich zusehends in seinem kruden Spontanmonolog aus Allgemeinplätzen, irren Behauptungen und zusammenhanglosem Gewäsch. Ganz tief in ihm drin muss ihn das aufgewühlt haben.

Wir haben es doch alle schon erlebt: in der Schule, als wir unvermittelt aufgerufen wurden und, von der Frage völlig überrumpelt, erfolglos einen Schmarrn improvisierten, bis unsere Lehrerin kopfschüttelnd abwinkte. Ich erinnere mich noch daran, wie ich im Englischunterricht der 12. Klasse an die Tafel zitiert wurde und eine Kurzgeschichte von Rudyard Kipling zusammenfassen sollte, die ich nicht gelesen hatte. Ich stammelte mich zum Amüsement der gesamten Klasse um Kopf und Kragen – ein Trauma, das wenige Jahre später von einem anderen Trauma abgelöst wurde, als ich nämlich, um mir erste journalistische Sporen zu verdienen, den Regisseur Gregor Schnitzler interviewen sollte und mir vorher keine einzige Frage überlegt hatte. Ich habe inzwischen verdrängt, was ich am Ende tatsächlich gefragt habe ("Äh, äh, hmmm ..."), und das Gespräch wurde nie veröffentlicht; ich hätte meine mit schweißnassen Griffeln pseudo-investigativ hingeschmierten "Notizen" ohnehin nicht verwerten können. Gelernt habe ich daraus jedenfalls, dass Interviews sowohl für die befragte als auch die fragende Person schnell stressig und peinlich werden können.

Freitag, 2. September 2016

Kleines Update zur modernen Nachfragetechnik

Kürzlich habe ich mich über "die Unsitte[,] in Interviews immer auf die dümmstmögliche Art nach[zu]fragen", ausgelassen. Gerade lese ich im aktuellen SZ-Magazin ein ganz nettes Interview mit Jürgen Dollase, und darin ist der Fragensteller schon eine Stufe weiter, nämlich sich des Trends, bei Unverständnis so selbsterniedrigend und infantil wie möglich nachzuhaken, durchaus bewusst!


Stark! Lernt man solche progressiven Metatechniken inzwischen auf der Journalistenakademie?

Dienstag, 9. August 2016

Da mal nachhaken (aber bitte mit Würde)

Auch so eine Unsitte: in Interviews immer auf die dümmstmögliche Art nachfragen, wenn man etwas nicht kennt / etwas nicht kapiert hat / mit etwas nicht einverstanden ist. Hier ein rezentes Beispiel aus dem Spiegel:


Ähnliche Zeilen ließen sich mühelos aus anderen Wochenzeitungen zusammentragen. "Das ist nicht Ihr Ernst!" / "Eine waaaaas?" / [spuckt seinen Kaffee quer über den Tisch] "Das müssen Sie jetzt aber erklären!!!"
Ich verstehe ja, dass man als Fragesteller auch ein bisschen menschlich rüberkommen möchte und dass man sich um Variation bemüht, aber muss man das derart peinlich und ranschmeißerisch tun? In ein paar Jahren werden Interviews vermutlich so anfangen: "Boah, haben Sie viele Bücher! Haben Sie die alle gelesen?" / "Das ist also ein DNA-Sequenzierungsgerät. Huiiii! Darf ich das mal anfassen?" / "Herr Professor, vor zwei Wochen war die Welt noch in Ordnung ..."

Mittwoch, 18. Mai 2016

Linktipp: Spon interviewt Anime-Übersetzer

Zum Lesen für zwischendurch.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Serien übersetzen Sie in der Woche?
Podzierski: Ungefähr drei Folgen in der Woche. Für eine 20-Minuten-Episode brauche ich drei bis sechs Stunden. Wie viel Geld ich dafür erhalte, möchte ich nicht sagen.
Das ist flink, möchte ich meinen. Respekt!

Dienstag, 10. Juni 2014

Make love, not porn

Jepp, es ist soweit, das hat noch gefehlt. Jetzt gibt es also ein Buch mit dem plakativen Titel "War Porn" (Spon-Link).

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie zu der Kritik, dass diese Bilder eher dem Voyeurismus denn der Aufklärung dienen?

Bangert: Das ist immer ein Totschlagargument. Bilder aus Kriegsgebieten zu zeigen, das sei voyeuristisch, pornografisch, entmenschlichend. Deshalb heißt das Buch auch "War Porn", um das umzukehren. Denn im Grunde ist es egal, wie man diese Bilder bezeichnet. Selbst wenn man sie als Kriegspornografie beschimpft, muss man sie dennoch betrachten und das Leid des anderen anerkennen.

Vorher im Blog:
Die neuen Pornos sind da
Porno-Update

Dienstag, 10. September 2013

Karl Lagerfeld

Ich schreibe ja mangels Interesse nie über "Promis", aber weil der Modedesigner Karl Lagerfeld heute einen möglicherweise runden Geburtstag feiert (Wikipedia: "* 10. September zwischen 1933 und 1938"), möchte ich wenigstens eine winzige Notiz zu diesem Herrn abliefern.


Die Grenze zwischen sympathischer Schrulligkeit und allzu offenkundig aufgesetzter Koketterie ist eine dünne Linie. Lagerfeld hat diese Linie vor langer Zeit weggeschnupft.

(Interview: Süddeutsche Zeitung)

Mittwoch, 14. September 2011

Linktipp: Torsten Dewi interviewt Joachim Körber

Blogger Torsten Dewi (wortvogel.de) hat ein sehr lesenswertes Interview mit Joachim Körber geführt. Körber, selbst Schriftsteller, ist einer der profiliertesten deutschsprachigen Übersetzer von SciFi-/Fantasy-/Horrorliteratur.

Teil 1
Teil 2

Ja, das waren die guten alten Zeiten, als Übersetzen noch richtig Handarbeit war. Ich kenne Kollegen, die haben alles Mögliche gehortet, amerikanische Kataloge mit Anglerbedarf, Schusswaffen, Kleidung, Lebensmitteln, damit sie zu den Begriffen Bilder hatten und dann über die entsprechenden Bilder in deutschen Katalogen suchen konnten. Oder man ist eben in die Bibliothek gewandert, in meinem Fall die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe, und hat Begriffe gesucht. Ich hatte das Glück, dass zwischen Linkenheim, meinem damaligen Wohnort, und Karlsruhe eine Kaserne der Amerikaner lag. [...] Als Jugendlicher hatte ich einen amerikanischen Freund, der uns immer in die an sich Amerikanern vorbehaltenen Geschäfte und Clubs rund um die Kasernen herum reingeschleust hat, und da habe ich schon viel von den umgangssprachlichen Ausdrücken und der amerikanischen Lebensart aufgeschnappt, die mir dann später beim Übersetzen von Stephen King so nützlich waren.