Montag, 15. April 2024

Teufel Mehrfachbedeutung!

Falschübersetzungen in Videospielen sind, das ist mir kürzlich klar geworden, nicht zwangsläufig den Übersetzern anzukreiden. Die ganzen Strukturen und Abläufe in der Lokalisierung von Games scheinen mir inhärent störungsanfällig zu sein. Offenbar bekommen die übersetzenden Personen (Maschinen und "KI"s würden erst recht scheitern!) lediglich das im Spiel verwendete Textmaterial ohne die dazugehörigen Bilder vorgelegt. Und dann sollen sie, etwa bei Item-Beschreibungen und Objektnamen, ins Blaue hinein raten und sich aus einer Vielzahl von deutschen Entsprechungen für eine entscheiden. Da passiert es schon mal, wie im Adventure "Open Roads", dass man einen Einweg-Becher "Tasse" nennt und einen glaslosen Hängeschrank "Vitrine" – weil die englischen Ausgangswörter cup resp. cabinet die (fast) primäre, aber eben nicht ausschließliche Bedeutung "Tasse" resp. "Vitrine" haben. Seufz.



Andererseits ist "Rezept" für receipt ("Quittung, Kassenzettel" etc.) in keinem Kontext akzeptabel ...

Samstag, 13. April 2024

Motordroschken und Nächstenliebe

Die Leute werden immer ruppiger, rüpelhafter, rotziger, behandeln einander ohne Rücksicht und Respekt? Hilfsbereitschaft ist ein Fremdwort geworden? "We live in a society!" Ach, na ja. Hin und wieder erlebe ich, wie selbst Großstadtmenschen geradezu rührende Nettigkeit und Fürsorge an den Tag legen. Einmal wurde ich mitten in der Nacht Zeuge, wie ein ungesund alkoholisierter Fahrradfahrer auf den Asphalt stürzte, und binnen Sekunden waren gleich drei Personen (darunter ich) zur Stelle, dem desorientierten, aber unversehrten Mann auf die Beine zu helfen.

Von drei Fällen unerwarteten Entgegenkommens, die mir selbst widerfuhren, möchte ich erzählen: Bemerkenswerterweise hatten sie alle drei mit Taxis zu tun.

1.) Nach einer Ausstellungseröffnung im Frankfurter Caricatura-Museum mit anschließendem Abhängen (i.S.v. geselligem Beisammensein, nicht Herunternehmen von Gemälden) war es sehr spät geworden. Ich lallte in die Runde: "Mist, jetzt fährt keine U-Bahn mehr, und ich habe kein Geld für ein Taxi dabei." (Das war in einer Zeit, bevor sich Kreditkarten und Apps als alternative Zahlungsmittel in Taxis durchsetzten.) "Muss ich halt laufen." Da steckte mir der anwesende Kabarettist Wilfried Schmickler einen 20-Euro-Schein zu und beschwor mich, ein Taxi zu rufen. Einfach so! Leicht beschämt, aber dankbar nahm ich die Spende an und gönnte mir eine komfortable Heimfahrt.

2.) Ebenfalls in Frankfurt am Main und ebenfalls zu später Stunde musste ich nach einer Pen-&-Paper-Session vom in jeder Hinsicht abgehängten Stadtteil Fechenheim nach Bockenheim kommen und hatte die Wahl zwischen einem zweistündigen "Spaziergang" und einer Taxifahrt. Für letztere Option entschied ich mich. Ich war noch etwa einen Kilometer von meinem Zuhause entfernt, als ich mit bangem Blick aufs Taxameter extrapolierte, dass mein Portemonnaie-Inhalt nicht bis zum Ziel reichen würde. (Nicht genügend Bargeld bei mir zu führen ist eine leidige Konstante in meinem Leben.) "Können Sie mich schon hier rauslassen? Den Rest gehe ich zu Fuß", bedeutete ich dem Fahrer. Der entgegnete im sanftesten, verständnisvollsten Tonfall: "Aaaach, das passt schon. Es ist ja nicht mehr weit. Außerdem wurden neulich erst die Tarife erhöht, da müssen sich die Kunden erst mal dran gewöhnen." Und chauffierte mich bis zur Haustür.

3.) Auf der koreanischen Insel Jeju war ich darauf angewiesen, dass mich ein möglichst schnelles Fahrzeug von meinem Hotel zum Airport bringen würde, wo ich meinen Rückflug nach Seoul anzutreten hatte. Es war früh am Morgen, auf den Straßen so gut wie nix los. An der Straßenseite, wo ich auf ein zufällig nahendes Taxi hoffte, stand etwa hundert Meter entgegen der Verkehrsflussrichtung eine junge Geschäftsreisende, die offensichtlich auch auf ein Taxi wartete. 'Wenn jetzt eins vorbeifährt, schnappt sie sich das, und wer weiß, wann das nächste kommt', dachte ich, der ich unter einigem Zeitdruck stand. (Warum hatte ich nicht am Vorabend die Rezeption konsultiert?) Da fasste ich mir ein Herz und sprach die Frau an: Ob wir das nächste Taxi gemeinsam nehmen und uns die Kosten teilen wollen? Sie tippte etwas in ihr Smartphone und zeigte es mir: "We share a cab and split fare?" – "Yes!", nickte ich begeistert. Als endlich ein Taxi anhielt, stiegen wir beide ein, die Einheimische übernahm die Kommunikation, und wir wurden zum Flughafen gebracht. Ich zückte meine Geldbörse, um die Hälfte des angezeigten Endpreises in den Hut zu werfen, doch meine temporäre Gefährtin – zahlte alles! Ich erinnerte sie an unseren Deal, doch sie bestand darauf, die volle Summe zu übernehmen.

Soeben fällt mir ein, dass ich auch schon mal – 2011 muss es gewesen sein – eine mir fremde Person nach einer Party in "meinem" Taxi mitgenommen und auf das Einfordern finanzieller Beteiligung verzichtet habe. Taxis: Sie erden uns, sie kitzeln das Humane aus uns hervor.

Donnerstag, 11. April 2024

Traumprotokoll: Ärger im Kino

Eine neue Star-Wars-Episode kam in die Kinos. Den musste ich natürlich sehen, also ging ich mit ein paar Freunden in ein angemessen protziges Multiplex-Haus. Jene feinen Freunde waren allerdings ewig nicht aus dem Quark gekommen, so dass wir den Kinosaal betraten, als nicht nur die Trailerschau schon vorbei war, sondern auch der Film bereits begonnen hatte. Wir hatten den opening crawl verpasst! Einen Star-Wars-Film nicht vollständig, von der ersten bis zur letzten Sekunde, zu sehen, kommt für mich nicht infrage, weswegen ich ernsthaft in Erwägung zog, die Eintrittskarte verfallen zu lassen und zu einer späteren Vorstellung wiederzukommen, doch überredete man mich zu bleiben. Ich wusste gar nicht, was die Ausgangssituation des Films ist, wo, wann und warum das passierte, was sich auf der Leinwand abspielte. Mein Groll wurde schließlich dadurch gesteigert, dass vor der ersten Reihe eine Gruppe mittelalter Männer mehrere Grills aufgebaut hatte und lautstark plappernd und brutzelnd eine Barbecue-Party veranstaltete. Mein Traum-Ich wunderte sich zwar nicht über diese offenbar heutzutage zu Kinobesuchen dazugehörende (Un-)Sitte, erzürnt wurde es dennoch in ungesundem Maße. Nach ein paar Minuten reichte es mir: Ich erhob mich von meinem Platz, gestikulierte in Richtung Projektorkabuff und schrie "Aufhören, anhalten!" Bevor die Situation vollends eskalierte, wachte ich auf.

Sonntag, 7. April 2024

Go-to to go

Ein Vorteil der Großstadt ist die hohe Dichte an Schnellrestaurants, Imbissbuden und Streetfood-Lokalen. Gut ist's, wenn man in Laufnähe einen Laden hat, bei dem man ein Stammessen hat: das eine zuverlässig solide Gericht, das man ohne zu überlegen jedes Mal bestellen kann und das konstant gut schmeckt, idealerweise bei gleichbleibendem Preis.

Für den Fall, dass ich zu faul zum Kochen bin, nichts eingekauft habe und mir nicht nach gastronomischen Experimenten zumute ist, hält meine hood gleich zwei Optionen bereit. In einem Bistro mit chinesischer Karte ist mein Stammessen ein vorzügliches Gung Bao (dessen Geheimnis Kollege Mark-Stefan Tietze einst in der Taz gelüftet hat) mit Gemüse und Tofu; in einer Thai-Gaststätte wiederum bestelle ich mir regelmäßig zum Abholen ein Pad Thai, das nicht nur göttlich mundet, sondern auch in so riesigen Portionen daherkommt, dass zwei Personen es sich teilen können oder eine Person zwei Tage hintereinander davon essen kann.

Damit dieser Beitrag nicht zu kurz wird, nutze ich ihn, um ein "Erlebnis", das ich vor über zehn Jahren gemacht habe, neu einzuordnen. Es folgt ein Update zu dieser Notiz:
Alte Anekdote ohne Pointe: Im Dönerladen. Die Kundin vor mir bestellt Börek zum Mitnehmen. Als der Verkäufer fragt, ob es noch etwas sein darf, antwortet die Kundin, als sei es das Normalste auf der Welt: "Ja, ein Stück Zitrone noch, bitte!" ... worauf der Dönermann – wiederum als sei es das Allerselbstverständlichste – eine achtel Zitrone in Silberpapier wickelt und der Frau überreicht.
Wie wenig weltläufig ich früher noch war! Was ich da mit Ungläubigkeit wahrgenommen hatte, war tatsächlich das Normalste auf der Welt: Börek & Co. werden nämlich traditionell mit Zitrone genossen. Lernen tat ich Döspaddel das indes erst Ende 2023, als ich in Köln in einer Cigköfte-Filiale veganes Lahmacun bestellte und dazu einen Zitronenschnitz überreicht bekam. 'Ach, das muss so!', schoss es mir sofort durch den Kopf. 'Deswegen hat die Frau damals danach gefragt.'

Freitag, 5. April 2024

The Anarchist Plant Book

Hier kommt ein Tipp für eine Lektüre, die mir als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt wurde.

Der 1939 in Graz geborene Biologe, Psychologe und Philosoph (diese Kombination spielt eine Rolle, zu der ich gleich komme) Helmut Eisendle hat in den Siebzigerjahren im Eigenverlag das Unikatbuch "Tod und Flora" veröffentlicht, das schließlich 2009, sechs Jahre nach dem Tod des Autors, erstmals von Jung und Jung "richtig" aufbereitet und aufgelegt wurde. Nun erschien in dem Salzburger Verlag eine Neuedition von "Tod & Flora".


Wer sich prima facie ein gewöhnliches Pflanzenbestimmungsbuch vorstellt, sei eines Besseren belehrt. Das Besondere an Eisendles kompaktem Werk ist nicht nur, dass es sich, wie der Titel erahnen lässt, auf tödliche Pflanzen konzentriert: Neben den Angaben zu Aussehen, Blütezeit und Fundort wird zu jeder der 33 heimischen Giftgewächse vermerkt, wie sie wirkt und vor allem welche Menge nötig ist, um die beschriebenen Effekte hervorzurufen.

Beispielsweise lesen wir im Eintrag über die Meerzwiebel (Scilla maritima) unter "Eigenschaften und Wirkungen": "Der Geschmack der Zwiebel ist stechend, treibt die Tränen in die Augen, erregt Niesen und Husten. Ihr Saft bringt auf der Haut kleine Blasen, Rötungen verbunden mit Brennen hervor. Eingenommen, wirkt er auf den Harndrang, die Schleimhäute der Atmungsorgane, erzeugt heftige Schmerzen im Unterleib, Durchfall, Gedärmentzündungen und in seltenen Fällen den Tod." Und unter "Dosis minimalis/letalis": "Drei Scheiben des Zwiebels [sic] bewirken einen Tränenausbruch, Brennen im Hals, Niesen und andere Beschwerden. Der Saft der Pflanze kann, in Speisen gemischt, über Darmentzündungen den Tod verursachen."

So kann das Glossar nicht nur als Anleitung zum Morden und Verletzen dienen, das soll es sogar. In einem kurzen Vorwort leitet der Autor philosophisch fundiert her, warum das Auslöschen gewisser Personen mit Giftgabe ethisch nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar notwendig sei. Im Wesentlichen geht es um das Korrigieren von Machtverhältnissen, um sthenische vs. asthenische Gruppen, um das Erreichen der "Überwindung [der] Glücklosigkeit und Armut" einer unterdrückten Mehrheit in der "gegebenen Situation des Lebens", i.e. der auf Gewalt und Ungerechtigkeit basierenden Gesellschaft. "In unserem komplexen Leben gibt es eine Vielzahl personeller und sozialpsychologischer Probleme, die radikale Lösungen fordern, da sonst sowohl der persönliche Friede als auch ein vertretbares Zusammenleben ganzer Bevölkerungssysteme nicht mehr gewährleistet ist." Der Aspekt des puren Lustgewinns wird darüber hinaus nicht verschwiegen. Als Eckpfeiler seiner Handreichung stellt Eisendle vier "strategische Grundsätze" auf, nämlich "Wissen ist Macht", "Hass bedingt Motivation", "Motivation bedingt Destruktion" und "Sicherheit bedingt Heimtücke".


Das Ganze ist sehr, sehr österreichisch, entbehrt in seiner lakonischen Sachlichkeit nicht eines gewissen schwarzen Humors. Hätte so ein Kompendium auch in Deutschland – etwa in der "Naturkunden"-Reihe von Matthes & Seitz – erscheinen können? Oder würde sich die Staatsanwaltschaft einschalten? Ich denke da direkt an die Tatbestände "Anleitung zu Straftaten" (§ 130a StGB) und "Belohnung und Billigung von Straftaten" (§ 140 StGB), aber ich bin ja kein Jurist. Es muss zudem betont werden, dass sich nirgends konkrete Schritt-für-Schritt-Instruktionen für Giftanschläge finden. Stattdessen gibt es Kasus, "Fallbeispiele dazu, wie die Pflanzen zum Einsatz gekommen sein könnten" (Astrid Wintersberger im Nachwort).


Ein makabres und erst recht lehrreiches Vergnügen; ich wusste beispielsweise nicht, dass es bereits schädlich sein kann, sich unter einer Eibe längere Zeit nur aufzuhalten! "Tod & Flora" umfasst 174 Seiten und kostet 25 Euro.

Mittwoch, 3. April 2024

Der österreich-liechtensteinische Gebietstausch

Fast unbemerkt von der (deutschen) Öffentlichkeit steht nicht mal ein Jahr nach der letzten innereuropäischen Grenzverschiebung die nächste Grenzkorrektur kurz bevor: Im künstlichen Egelsee nahe der Vorarlbeger Stadt Feldkirch soll die nicht mehr nachvollziehbare Linie zwischen Österreich und Liechtenstein begradigt werden. Bevor der entsprechende Staatsvertrag geschlossen werden kann, muss noch der Bundestag von Vorarlberg darüber beraten. Territorialen Verlust macht dabei keines der Länder: Die rund 250 Quadratmeter, die das eine verliert, bekommt es vom anderen wieder. Und umgekehrt. Es ist im Grunde ein Gebietstausch zu niemandes Lasten. Die Kleine Zeitung weiß mehr.

Montag, 1. April 2024

Serientagebuch 03/24

02.03. Poorly Drawn Lines 1.01
Poorly Drawn Lines 1.02
04.03. Curb Your Enthusiasm 12.04
07.03. Mrs. Davis 1.04
Family Guy 22.10
Will Trent 1.04
11.03. Curb Your Enthusiasm 12.05
12.03. Mrs. Davis 1.05
13.03. Poorly Drawn Lines 1.03
Poorly Drawn Lines 1.04
Will Trent 1.05
14.03. Mrs. Davis 1.06
Family Guy 22.11
Mrs. Davis 1.07
15.03. Poorly Drawn Lines 1.05
Mrs. Davis 1.08
24.03. Curb Your Enthusiasm 12.06
Will Trent 1.06
25.03. Poorly Drawn Lines 1.06
Poorly Drawn Lines 1.07
Poorly Drawn Lines 1.08
26.03. Gotham 4.01
28.03. Family Guy 22.12
Poorly Drawn Lines 1.09
Poorly Drawn Lines 1.10
31.03. The Simpsons 35.13

Wem "The Leftovers" (2014-2017) und "Watchmen" (2019) noch nicht abgefahren genug waren, dem sei Damon Lindelofs neuester Sehgewohnheiten unterlaufender und Genrekonventionen auf den Kopf stellender Streich Mrs. Davis wärmstens empfohlen. Mit kleiner Einschränkung: Wer mit Ton und Setting der Pilotfolge nichts anfangen kann, braucht nicht weiterzuschauen, denn andere Saiten schlagen die folgenden sieben Episoden nicht an. Den Stoff hat Lindelof zusammen mit Tara Hernandez (langjährige Autorin bei "The Big Bang Theory" und dessen Spin-off "Young Sheldon") entwickelt, zudem ist Comic-Weirdo Jonny "Jomny" Sun ("BoJack Horseman") als Executive Story Editor mit von der Partie; und ja: Das schwungvolle Abenteuer um eine KI-Gottheit und den Heiligen Gral ist mehr Comedy denn Mystery-Action – zwei, drei Stellen waren selbst mir zu klamaukig –, trotzdem gibt's viel zu staunen und zu rätseln. Darüber hinaus überzeugt der Spaß mit einem originellen Look und einem größtenteils unverbrauchten Cast mit feinem komödiantischen Gespür.

Skurril geht es auch bei Poorly Drawn Lines zu. Ganz genau: Die seit vielen Jahren laufende Webcomic-Reihe hat vor einer Weile eine zehnteilige Bewegtbild-Umsetzung bekommen, die in der von Reza Farazmand geschaffenen kleinen Welt um die Figuren Tanya, Vogel Kevin, Bär Ernesto und Schildkröte Turt spielt. Humor und Tonfall der Vorlage werden angemessen übersetzt, stilistisch sowieso. Weil eine Handvoll Panels, die ohnehin meistens nur aus einem kurzen Dialog bestehen, selbst eingedenk der knackigen Länge von nur zehneinhalb Minuten schlechterdings kaum genug Stoff für eine ganze Episode bieten, kommt es jedes Mal zu relativ komplexen Handlungsbögen: Unsere Helden sehen sich fantastischen Ereignissen und übernatürlichen Gefahren ausgesetzt, was nicht selten an "Aqua Teen Hunger Force" erinnert. ("Master Shake"-Sprecher Dana Snyder, eine meiner allerliebsten Cartoon-Stimmen, hat sogar einen wiederkehrenden Gastauftritt als Katze!) Schade, dass diese rasch weggeguckte Erwachsenen-Animation nicht fortgesetzt wurde.

Samstag, 30. März 2024

Was geht, Google?

Im Oktober 2023 traf mich wie ein Hammerschlag die Mitteilung von der baldigen Einstellung meiner geliebten Google-Podcasts-App. Zwischenzeitlich wurde der Termin des unausweichlichen Endes mit "irgendwann im März" präzisiert. Während ich dies tippe, ist der 29.3., und noch läuft Google Podcasts wie eh und je auf meinem Google-Phone. Hatte der Konzert ein Einsehen und pflegt seine so komfortable wie schlanke Applikation mit Stolz und Sorgfalt noch ein paar Jährchen weiter? Oder wurde die Abschaltung schlicht vergessen? Warten wir es ab.

Neu bei Youtube ist wiederum dies: Wenn man ein Video hochlädt, muss man angeben, ob dieses Deep Fakes oder andere die Wahrheit verzerrende Elemente enthält.


Hm, ob das Untergrund-Propagandisten, feindseligen KI-Hexern und internationalen Troll-Armeen Einhalt gebietet?

Donnerstag, 28. März 2024

TITANIC vor zehn Jahren: 4/2014

Die Duplizität der Ereignisse, sie grenzt ans Unheimliche. Vor ein paar Tagen wurde der russische Präsident im Amt bestätigt und ist ohnehin wegen seines Krieges gegen die Ukraine das neben Trump am stärksten die Nachrichten dominierende (Ex-)Staatsoberhaupt; vor zehn Jahren wiederum schaute alle Welt im Zuge des Vorspiels davon auf Putin, auch Titanic:


Mehrmals im Heft geht es um die Krim-Besetzung und ihre Folgen wie die daraus resultierende Furcht vor Eskalation bis hin zum Weltkrieg. Rürups Startcartoon (S. 3) greift das Thema Gasboykott auf, Gärtners Essay (S. 18/21) ordnet dies und das ein, die neue Folge von "Miss Merkle: Macht ist ihr Hobby" (S. 33) heißt "Mord im Krim-Expreß", Michael Ziegelwagner und ich zeigen auf S. 47 den Stammbaum der Klitschkos ("Die unbekannten Klitschko-Brüder", darunter "Kitsch, Klitsch und Klatsch"), Ernst Kahl kommentiert in einem ungewohnt tagespolitischen Gemälde den damaligen Schalke-Sponsor Gazprom.

Und für den Aufmacher (S. 12-17) reisten wir nach – Baden-Baden: "Schließlich wohnen und entspannen sich hier seit Jahrhunderten Russen, konsumieren feinste Juwelen und Maultäschle mit Kaviar und wandeln auf den Spuren Fjodor Dostojewskis, der beim nichtrussischen Roulette im berühmten Kasino so viele Rubel ließ, daß er zur Refinanzierung den 'Spieler' schreiben mußte."


Ich erinnere mich gern an diese Aktion zurück, vor allem an den Umstand, dass uns die Einheimischen durchweg unsere mit albernen Klischee-Kostümen vorgegaukelte Identität ("Interrussischer Warn-, Auslands- und Nachrichtendienst", kurz I.W.A.N.) abnahm!

Als wäre dieser Ausflug nicht schon aufwendig genug gewesen, fabrizierte das Team Tietze/Wolff/Hintner als Zweit-Aufmacher einen nicht weniger als sieben Seiten fassenden Fotoroman, wie es ihn meines Wissens zuvor noch nicht gegeben hatte und auch danach nie wieder geben sollte: Die Nacherzählung der Affäre um einen SPD-Politiker erfolgte mit ... Lego:


Für die Doppelseite "Mampftrend Mischfutter" (Rürup/Tietze) in der Heftmitte war noch mehr Bastelei nötig. Nach 13 Jahren in der Redaktion weiß ich nicht mehr, wie oft wir für irgendwelche Food-Artikel Quatsch mit Lebensmitteln gemacht haben, aber die Hybrid-Produkte von "Cevapciccio" bis "Müsli di Mare" schossen wirklich den Vogel ab.


Holy macaroni!, auch in den folgenden Beitrag floss eine Menge Zeit und Energie. Moritz Hürtgen und ich hatten, inspiriert vom jüngsten Ableger der "Paranormal Activity"-Reihe, den Einfall, eine Nacht in den Redaktionsräumen (inkl. Keller!) zu verbringen, uns bei abgeschaltetem Licht Spuk-Ereignisse herbei zu imaginieren und daraus ein Horror-Logbuch mit stimmungsvollen Found-Footage-Bildern zu spinnen. Beim Schießen der Fotos überkam uns tatsächlich ein wenig Gänsehaut, im Großen und Ganzen überwog aber die Gaudi. Jetzt kann ich's ja verraten: Wir haben nicht wirklich die ganze Nacht durchgehalten. Laut Google-Zeitachse habe ich die Redaktion um 2 Uhr 20 verlassen. (Dass ich zehn Jahre später noch meine Arbeitszeiten bis auf die Minute genau rekonstruieren kann, ist der wahre Grusel.)


Weiteres Notierenswertes
- Dass Kollege Hürtgen die Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II. protokolliert hat (S. 54), hatte ich in meiner Notiz zu jenem Bizarro-Ereignis zu erwähnen vergessen. Lektüre bitte nachholen!
- Gerhard Henschel in seinem Hausbesuch bei Bushido (S. 58f.): "Schon erstaunlich, daß es dafür [für die nicht zitierfähigen Lyrics; T.G.] einen Bambi gegeben hat. Aber auch wieder folgerichtig, wenn man bedenkt, daß das Verlagshaus Burda als Schirmherr der Bambi-Verleihungen seinerseits Leichenfledderer beschäftigt, die für das Lifestyle-Magazin Bunte die Totenflecken am Mund eines im Jagdschloß des Prinzen Ernst August von Hannover verstorbenen Prominenten nachgezählt haben."
- Weitere Nervgestalten (von denen man heute gottlob nur noch wenig mitkriegt, z.T. wg. tot) in dieser Ausgabe: Thilo Sarrazin (Aboanzeige, U1), Sibylle Lewitscharoff ("Der letzte Halbmensch", Leo Fischer, S. 66), Jasper von Altenbockum ("Jasper me softly", Heiko Werning, S. 24f.)
- Sehr hübsch auch M. Ziegelwagners Abrechnung mit den ausgenudeltsten Kommerzklassik-Melodien ("Unsterbliche Zombie-Klänge", S. 42f.): "Laßt den Wohltemperierten Fahrstuhl abstürzen! Nie wieder 'La donna è mobile'! Nie wieder die 'Kleine Nachtmusik'! [...] Schlimmer und ubiquitärer ist nur noch der Pizza-Jingle von Giuseppe Verdi."

Schlussgedanke
Eine Wundertüte erster Kajüte! Es ist diese Formenvielfalt, die meine Freude am re-visiting der Ära Wolff besonders hebt.

Mittwoch, 27. März 2024

Onkel Dagoberts Erbe

Ich frage mich, ob der österreichische Signa-Gesellschafter Hans Peter Haselsteiner der letzte prominente Träger eines Kneifers ist.


In Österreich sagt man wohl eher Stecher, wobei mir auch die Bezeichnungen Zwicker und Pincenez (aus der Sherlock-Holmes-Geschichte "Das goldene Pincenez") geläufig sind. Welche Klemmbrillen-Unterart der Herr, dessen Foto ich Anfang des Jahres aus einer Tageszeitung abfotografiert habe, genau trägt, kann, wer Zeit und Lust hat, anhand des entsprechenden Wikipedia-Artikels bestimmen.

Montag, 25. März 2024

Verfälschte Staatsbürgerschaften

Schon einmal habe ich editorische Patzer in den Film-Sammelkarten der Zeitschrift Cinema moniert. Zwei Fehler aus dem Bereich der Länderkunde haben mich seitdem besonders gnatzig gemacht:


Wie ich im oben verlinkten Beitrag schrieb: Der Staat hieß in den 1980er-Jahren DDR, Anklam lag in Matthias Schweighöfers und meinem Geburtsjahr nicht in "Deutschland".


Zugegeben: Der Status von Jersey und den anderen Kanalinseln ist nicht unkompliziert, aber dass sie kein Teil von Großbritannien sind, könnte man wissen. Als Kronbesitzungen gehören sie streng genommen nicht einmal zum Vereinigten Königreich, doch hätte ich über die Angabe "Jersey/UK" ggf. hinweggesehen.

Samstag, 23. März 2024

Die Schildfrage

In der Süddeutschen Zeitung gab es neulich einen launigen Artikel (online nur hinter der Bezahlschranke) über "touristische Unterrichtungstafeln", jene braunen Schilder an Autobahnen, die auf nahegelegene points of interest hinweisen oder die Besonderheit des jeweiligen Ortes herausstellen: "Sportstadt Riesa", "Königliches Puppenstuben-Museum Laubach", "Umspannwerk Recklinghausen" und viele andere mehr, insgesamt rund 3600.

Doch ach!, die zwei Tafeln, die um Kilometer 530 herum auf beiden Seiten der A3 den Zoo Straubing bewerben, könnten bald Geschichte sein: "Die 2001 aufgestellten Schilder müssen der Autobahn GmbH zufolge ausgetauscht werden, weil sie im Laufe der Jahre verblasst sind und nicht mehr den Vorschriften entsprechen. Die Folie auf den Schildern sei insbesondere in der Nacht nicht mehr gut lesbar [...]. Falls Durchreisende nachts spontan die Tiger im Straubinger Zoo besuchen möchten, könnten sie die Tafel also übersehen." Joah, warum tauscht man die Tafeln dann nicht aus?, könnte man jetzt fragen. Hier kommt der Knackpunkt: "Die Kosten für zwei neue Zoo-Schilder belaufen sich allerdings auf 83 000 Euro. Kosten für deren Entfernung: 10 000 Euro. Der Stadtrat entschied sich für den Abriss."

Wem soeben angesichts dieser Zahlen aus Niederbayern schwindelig geworden ist, der möge sich darauf einstellen, gleich ohnmächtig zu werden, denn diese sind noch zu toppen: "Im Oktober 2023 hatte der Bund der Steuerzahler in seinem Schwarzbuch auf einen ähnlichen Fall in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) hingewiesen. Dort werben Schilder an der A38 für das Europa-Rosarium [...]. Für zwei neue Schilder soll die Stadt Sangerhausen 181 000 Euro zahlen."

Ich bin jemand, den "Kostenexplosionen", "Steuerverschwendung" und "Behördenirrsinn" kaum noch schocken können. Man steigt ja als kleines Licht eh nicht dahinter. Wenn irgendwo von den Ausgaben für, sagen wir, eine neue Brücke die Rede ist, dann nehme ich eine Kostenangabe von 5 Millionen Euro so stoisch hin wie eine von 50 Millionen oder 150 Millionen oder 500.000. Nur: Wieso das Herausrupfen zweier zwei mal drei Meter großer Schilder 10.000 Euro verschlingt, möge man mir mal auseinanderklamüsern. Von märchenhaften Summen von beinahe oder gar mehr als 100.000 Euro für den Austausch ganz zu schweigen. "Es ist ja keine Weltraummission. Es geht um zwei Schilder", zitiert die SZ den Bürgermeister von Passau, wo es ebenfalls um die Erneuerung von Tierpark-Tafeln ging. "Das müsste eigentlich für 15 000 bis 20 000 Euro machbar sein". Wenn überhaupt!

Bei Rechnungen, die irgend mit Straßenverkehr zu tun haben, schlackern einem regelmäßig die Ohren. Einmal, es mag auch schon wieder 20 Jahre her sein, hörte ich einen Experten behaupten, dass die Unterhaltung eines einzigen Verkehrsschildes die Stadt (in diesem Fall: Dresden) 2000 Euro pro Jahr koste. Das darf doch nicht wahr sein! Kann man nicht jemandem einmal im Quartal 'nen Hunderter, einen Lappen und einen Eimer warmes Wasser in die Hand drücken und gut ist's? Oder werden einfach so viele Verkehrszeichen beschädigt/zerstört, dass die ständigen und verständlicherweise teure(re)n Ersetzungen die Durchschnittsaufwendungen in die Höhe schnellen lassen? Selbst wenn, erklärt das nicht, wieso die Her- und Aufstellung einer touristischen Unterrichtungstafel so kostspielig ist wie ... Ach, was reg' ich mich auf.

Donnerstag, 21. März 2024

Peak Kommunikationstechnologie

Gerade habe ich meine zehn zuletzt gesehenen Filme vorgestellt, haben sich in der Liste für den nächsten Beitrag schon wieder nicht weniger als fünf neue Filme angesammelt. Ich hinke meinem eigenen Rezensionsveröffentlichungsplan teilweise wochenlang hinterher. Da ist es unvermeidbar, dass ich mich an Einzelheiten in den gesehenen Filmen nicht mehr erinnern kann, und mit Bleistift und Notizblock möchte ich nun auch nicht vor dem Fernseher oder im Kinosaal hocken.

Hier nun ein ulkiges Detail aus dem Charakterdrama "Glengarry Glen Ross", das ich in der nächsten Ausgabe von "M. z. z. g. F." besprechen werde. Ein von Jack Lemmon gespielter Immobilienmakler benutzt, um sich während seiner täglichen Cold-Call-Marathons zu schonen, diese Apparatur:


Eine Telefonhörer-Halterung für die Schulter! Wusstet ihr, dass so etwas im Jahre 1992 existiert hat? Bzw. noch immer existiert! Bei Amazon kann man mit den entsprechenden Suchbegriffen mehrere vergleichbare Modelle finden. Billig sind sie nicht.

Dienstag, 19. März 2024

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Leave the World Behind
Michelle und Barack Obama als "Executive Producers", da staunt man erst einmal, wenn man das in den Credits liest. "Leave the World Behind" ist tatsächlich schon der vierte Film, an dessen Realisierung die Obamas mit ihrer 2018 gegründeten Produktionsfirma Higher Ground mitgearbeitet haben; daneben entstanden mehrere TV-Serien und -Specials sowie Dokumentationen.
Die Verfilmung des Romans "Inmitten der Nacht" von Rumaan Alam dem Genre Endzeit-Thriller zuzuordnen, wäre zu einfach. Es gibt Horror-, Mystery- und Home-Invasion-Drama-Elemente, und spätestens am Ende darf man auch mal herzhaft auflachen. Die stattliche Laufzeit von 138 Minuten garniert Regisseur und Autor Sam Esmail gekonnt mit Spannungsspitzen, oder besser: er schlägt Wellen von Spannungsaufbau, die ein permanentes Gefühl der An-Spannung erzeugen, wie bei seinem "Mr. Robot" befeuert von Mac Quayles intensivem Score. Die durchweg greifbare Bedrohung mag für manche zu viel sein, hin und wieder verpufft sie aber oder mündet in einer Antiklimax, zuweilen wird sie auch durch kammerspielartige Momente von Awkwardness oder sogar Erotik aufgebrochen, die vom einnehmenden Spiel des namhaften Casts (u.a. Julia Roberts und Mahershala Ali) getragen werden.

Olaf Jagger
Als bekennender Schubertianer musste ich diese Mockumentary aus dem letzten Jahr endlich nachholen, wobei mir überraschenderweise der Dok-Faktor besser als das Mokierende gefallen hat. Die Recherchen des Protagonisten, die ganze Machart, die Einbindung prominenter Gewährsleute, das Look & Feel ist überzeugend, da steckt viel Sorgfalt drin. Zwei, drei Stellen waren auch richtig lustig, nur hätte ich mir zwanzig, dreißig davon erhofft. Und so muss ich folgendem längeren Zitat meines Kollegen Hans Mentz aus dessen Humorkritik vom April 2023 zustimmen:
"Ein vom Leben gestrafter Versager, der sich an die Hoffnung klammert, der Sohn einer Berühmtheit zu sein: Dieses Drehbuch verstünde ich. Aber Olaf Schubert ist kein solcher Versager, er spielt auch keinen, sondern bleibt seine eigene Kunstfigur: ein bundesweit bekannter, mutmaßlich ausgesorgt habender Comedy-Star, der (auch im Film) überall erkannt wird, für Selfies posiert und sich freut, wenn er in der Zeitung steht. Wird er zwischendurch gefragt, was ihm als Sechsjährigen ein berühmter Vater genützt haben würde, heißt es: »Mehr Optionen … und ja, man wäre jetzt nicht, sag ich mal, so ’n Zonen-Spacko geworden.« Ein Zonen-Spacko mit ausverkauften Hallen und TV-Präsenz, sag ich mal, für den eine jaggerlose DDR-Biografie natürlich die viel bessere Aufstiegsgeschichte wäre; bzw. ist."

Barfuß im Park
Der Theatermann, mehrfache Tony-Gewinner und gelegentliche Schauspieler Gene Saks (1921-2015) hat acht Filme gedreht, allesamt basierend auf Bühnenstücken, vier davon aus der Feder von Neil Simon. Für Saks' Kinodebüt von 1967 hat Simon nicht nur die Vorlage geliefert, nämlich die gleichnamige Komödie von 1963 (seine erst dritte Arbeit überhaupt), sondern auch das Drehbuch geschrieben.
Die Broadway-Herkunft wird von vorne bis hinten deutlich: Ausführliche Szenen mit überschaubarem Personal in einer beschränkten Anzahl von Schauplätzen. Und es ist herrlich! Dank der glänzenden Besetzung mit einer hinreißenden Jane Fonda und einem charismatischen und trotz seines jungen Alters sehr reif wirkenden Robert Redford wartet man in keiner der immerhin 104 Minuten darauf, dass der Vorhang fällt. Das Stück ist rasant, ohne allzu sehr ins Screwballige zu verfallen, zudem verblüffend raunchy und obendrein lehrreich, gibt es doch Einblicke in die Wohnungssituation und -beschaffenheit des unglamourösen, "gewöhnlichen" New York der frühen Sechziger (Radiatoren an der Zimmerdecke!).

Ein Fisch namens Wanda
Noch eine als Kult gehandelte Komödie, um die ich aus irgendwelchen Gründen bis dahin einen Bogen gemacht hatte, und ja: Sie ist gut. In meinen Augen kein Meisterwerk, aber eine rasante, frivole schwarze Gaunerfarce. Die zum Teil wunderbar subversiv ausfällt: Der in den letzten Jahren ja eher mit reaktionären Äußerungen auffällig gewordene John Cleese lässt in seinem Drehbuch kein gutes Haar an seinen Landsleuten! (Der umfangreiche Analyseteil des Wikipedia-Artikels enthält einen eigenen Abschnitt "England 'versus' Amerika".) In seinen besten Momenten fühlt sich "A Fish Called Wanda" wie ein kleines Monty-Python-Klassentreffen an; es gibt mindestens eine Szene mit Cleese und seinem Co-Star Michael Palin, die genau so im "Flying Circus" hätte zu sehen sein können. Weniger gelungen erscheint mir der Kriminalpart: Die Konflikte, Irrungen und Täuschungen zwischen den antisozialen Kleingangstern sowie die durchgeführte Tat an sich möchten cleverer wirken, als sie sind.
Schön ist jedenfalls, dass Charles Crichton (1910-1999), der vor "Wanda" jahrelang keinen Kinofilm inszeniert hatte, mit seinem Comeback 1989 nicht nur einen kommerziellen Erfolg feiern konnte, sondern sogar eine Oscar-Nominierung für die beste Regie sowie als Mitautor eine für das beste Originaldrehbuch erhielt.

Beau is Afraid
Nach knapp drei Stunden lässt einem die letzte Einstellung genügend Zeit, um das Gesehene sacken zu lassen, bevor man in den Raum hineinruft: "Was zum Henker war DAS?!"
Ich hatte lange ein wenig Angst davor, war sozusagen afraid, mir Ari Asters neuesten Streich zu Gemüte zu führen, zumal ich es mit Skepsis und leichter Enttäuschung aufgenommen hatte, dass der Regisseur meines Lieblings-Genrevertreters der vergangenen zehn Jahre ("Midsommar") sich hiermit von der Horrorsparte zu entfernen trachtete. In der Gesamtschau muss ich festhalten: "Beau is Afraid" ist durchaus Horror, wenn auch nicht nach hergebrachten Standards. Allein die zombie-apokalypsenhafte Großstadt-Dystopie, die hier gezeichnet wird (und mir als Extrapolation des gegenwärtigen US-amerikanischen Opioid-/Fentanyl-Wahnsinns angelegt zu sein scheint), macht einen schaudern. Und das, was die arme, von Joaquin Phoenix auf mitleiderregende Weise verkörperte Kreatur erlebt, möchte niemand erleben. Wir begleiten einen Getriebenen, einen von höheren Mächten auf eine irrwitzige Odyssee geschickten Außenseiter, einen, der nur in Ruhe gelassen werden möchte, aber wider Willen zur Hauptfigur eines Dramas wird, einer Groteske. (Eine Freiluft-Theateraufführung spielt denn auch eine entscheidende Rolle in Beaus Reise.)
Tja, was will uns Ari Aster mit diesem Werk sagen? Egal, ich hatte meinen, nun ja, "Spaß".

The Creator
Gareth Edwards hat mit "Rogue One" den besten Star-Wars-Film seit dem Abschluss der Prequel-Trilogie vorgelegt. Mit "The Creator" hat er mich enttäuscht. Die SciFi-Geschichte ist so unterwältigend, dass ich nicht mal weiß, was ich darüber schreiben könnte. Dabei hätte die Prämisse, gerade in heutiger Zeit, eine Menge hergeben können, es geht nämlich um KI und deren (beinahe) weltweites Verbot, nachdem sie einmal gar zu frech geworden ist. Diese wird aber auf eine Weise charakterisiert, die man nur als naiv, wenn nicht gar kindlich bezeichnen kann. Irgendwie gab es auch Anklänge an moderne dubiose Heilsversprechen sowie religiöse Untertöne, die mir nicht behagten. Der Plot führt mehr in Krimi- und Spionage-Gefilde (ein Terrain, auf dem Hauptdarsteller John David Washington trittsicher wandelt); die gesellschaftspolitischen Tiefen bleiben unausgelotet, es fehlt an Humor und den Figuren an Dreidimensionalität.
Positiv erinnerlich ist mir, dass man sich mit dem Zukunfts-Setting Mühe dahingehend gegeben hat, dass vor allem in die Konstruktion des kulturellen Schatzes der Zivilisation des Jahres 2060 originäre Ideen geflossen sind. Oft ist es ja in Science-Fiction-Stoffen so, dass die Menschen in, sagen wir, 200 Jahren immer noch die in der Zeit ihrer Entstehung angesagten Medien konsumieren. ("The Expanse" ist hier als weitere Ausnahme von der Regel zu rühmen.) Außerdem war die Optik ungewohnt und opulent.

Standing Up, Falling Down
Ben Schwartz (den ich in "Parks & Rec" nicht ausstehen konnte, der aber zum Glück wandelbarer ist als vermutet) und Billy Crystal in einer im Stand-up-Milieu angesiedelten Dramedy à la "Don't Think Twice" und "I Want Someone to Eat Cheese With", wie ich sie mag.

Everything Everywhere All at Once
Das war er also, der Oscar-Abräumer 2023. Ich bereue nicht, ihn geschaut zu haben, und doch fragte und frage ich mich, ob ich ihn anders rezipiert hätte, wenn ich um seinen Erfolg bei den Academy Awards nicht gewusst hätte. Mich beschleicht das Gefühl, die nicht fundierte Ahnung, dass man sich auf eine Art verpflichtet fühlte, die Macher für ihre Anstrengungen zu belohnen. Denn haushoch müssen diese Anstrengungen allemal gewesen sein! Was hier für Detailliebe, Geld und Herzblut in Kostüme, Choreographie, Effekte, Stunts etc. etc. gepresst wurden, nötigt einem tatsächlich Respekt ab. Da gibt es Bilder, die für kaum mehr als drei Sekunden aufploppen, die aber vor Bombast und Kreativität förmlich explodieren.
Dabei ist das Visuelle nicht unbedingt der main star, nein, die Stars sind die Schauspielerinnen und Schauspieler, die in ihren Performances wirklich alles geben. Die Story ist wild. Wild genug? Für jemanden wie mich, der mit einiger Erfahrung im Zeitreise-/Parallelwelten-Fach höchste Ansprüche an entsprechende neue Vertreter stellt, offenbart das von Daniel Kwan und Daniel Scheinert gewobene Multiversums-Geflecht einige Mängel; nee, zu 100 % stimmig war das nicht. Aber wie gesagt: Das hier ist was fürs Auge, und über logische oder physikalische Unzulänglichkeiten zu streiten, wäre kleinlich.
Ist "Everything ..." demnach ein Must-see? Hm, es ist nicht für jeden. Ich glaube, meine Eltern zum Beispiel, die ansonsten cineastisch breit aufgestellt sind, würden den Streifen nach einer halben Stunde abbrechen: "zu albern und überdreht".

Inspektor Clouseau - Der irre Flic mit dem heißen Blick (OT: Revenge of the Pink Panther)
Zwei "Inspektor Clouseau"-Filme habe ich gesehen, bevor ich diese Rubrik auf meinem Blog eingeführt habe: "Ein Schuss im Dunkeln" und "Der beste Mann bei Interpol" (OT: "The Pink Panther Strikes Again"), und beide fand ich mindestens amüsant, bewertete sie auf imdb mit 6 resp. 7 Punkten. Nachdem ich kürzlich ein Peter-Sellers-Special im "Allmovietalk"-Podcast gehört hatte, bekam ich mal wieder Lust auf den Schnüffler-Klamauk und pickte mir Blake Edwards' sechsten Beitrag zur Reihe heraus.
Dieser Teil ist der letzte mit Peter Sellers in der Rolle des Clouseau, seine Auftritte in der Fortsetzung "Trail of the Pink Panther" wurden aus Archivmaterial zusammengesetzt. Es ist kein würdiger Abgang. Ich bin froh, dass ich diese Komödie nicht gemeinsam mit einer anderen Person geschaut habe; ich wäre im Erdboden versunken. Ich schäme mich schon, darüber nur zu schreiben, so peinlich ist diese Klamotte. Das ist keine Persiflage, das ist Kasperltheater. Wenn es zwischen den präpubertären Gags und lahmen Blödeleien etwas zu loben gibt, dann immerhin das commitment, mit dem noch die flachste Pointe durchgezogen wird, Sellers' perfektionierter dead-pan-Mimik sei Dank. Vor allem hat man in Sachen Stunts, Bauten und Kulissen keine Kosten und Mühen gescheut. Was hier alles zerstört, gesprengt, kaputtgehauen wird! Ja, doch, dass erwachsene Menschen für so was nicht zu knapp Gelder und Manpower eingesetzt haben: Chapeau!

Die Brücke am Kwai
Bald 70 Jahre hat das Kriegsgefangenen-Drama mit dem eingängigen gepfiffenen Colonel-Bogey-Marsch und Alec Guinness als unbeugsamen Oberstleutnant auf dem Buckel. Die hochgehaltenen Werte mögen ein wenig Patina angesetzt haben, aber allein wegen der im schönen Ceylon eingefangenen Landschaftsbilder sollte man David Leans siebenfachen Oscargewinner gesehen haben.

Sonntag, 17. März 2024

Bye Bye Bahnie

Letzte Woche habe ich meinen BahnBonus-Goldstatus verloren. Jetzt darf ich nie mehr in den für Vielfahrende reservierten Sonderbereichen von IC und ICE Platz nehmen. Ich bekomme keine Freigetränke im Bordbistro mehr. (Stücker zwölf gab's für Gold-Mitglieder per annum!) Und in die DB-Lounge wurde man ja sowieso nur noch mit am jeweiligen Tag gültiger Fahrkarte gelassen. (Früher habe ich manchmal einfach so die Lounge betreten, wenn mir während eines Stadtganges/Einkaufsbummels der Sinn nach Ruhe und Kaffee stand. Good times.) Es ist mir einfach nicht gelungen, die dafür notwendigen 2000 Bonuspunkte innerhalb von zwölf Monaten zusammenzubekommen.

Einen Tag vor diesem drastischen Einschnitt in mein Leben informiert mich eine E-Mail, dass "Ihre BahnCard mit Gültigkeitsbeginn ab dem 09.06.2024 oder später ausschließlich in digitaler Form zur Verfügung stehen wird". Heißt: Erst werde ich downgegraded, nächstes Jahr habe ich gar keinen Vergünstigungsnachweis mehr im Portemonnaie. Den Klimaschutzgedanken dahinter kann ich nachvollziehen und gutheißen, ich sehe allerdings einen entscheidenden Nachteil: Ich werde künftig immer darauf achten müssen, mein Handy vor Reiseantritt ausreichend geladen zu haben. Mit ausgedrucktem Ticket und physischer BahnCard ist man unabhängiger bzw. war es die längste Zeit gewesen. Mir ist es schon passiert, dass ich mit weniger als 20 % Ladung einen Zug bestiegen habe und dachte 'Okay, das Telefon kann ich ja während der Fahrt chargen', nur um dann wegen Überfüllung weit weg von einer Steckdose zu stehen. Man wird doch panisch, wenn ein Kontrolleur naht, dem man etwas auf einem jeden Moment die Grätsche machen könnenden Elektrogerät vorzeigen muss! Genau deshalb habe ich mir auch das Deutschlandticket in Plastikform ausstellen lassen.

Davon abgesehen macht die kommende Umstellung BahnCard-Kunden ohne Smartphone das Zugfahren schwerer – aber wenigstens nicht unmöglich: "Dann nutzen Sie als Nachweis für die BahnCard das Ersatzdokument, welches Ihnen ab dem 09.06.2024 ebenfalls in Ihrem Kundenkonto [...] als Download zum Ausdrucken zur Verfügung gestellt wird." Vor allem für Ältere und deren Angehörige wird das natürlich eine zusätzliche Belastung darstellen. Ins Internet gehen, ein Dokument runterladen, ausdrucken, und das Jahr für Jahr: Da wird wieder das ein oder andere Enkelkind seine helfende Hand reichen müssen ...

Freitag, 15. März 2024

Offenbarungseid

Bei "Spiegel online" standen vor einer Weile diese drei Meldungen direkt untereinander:


Krieg und Spekulation, das gehört offenbar zusammen. Obwohl, nein: "Spekulation" ist ein unfair gewähltes Wort. Wer "offenbar" benutzt, weiß nicht 100-prozentig, aber geht davon aus, dass etwas so ist, wie er es mitteilt. "Allem Anschein nach" wäre eine synonyme Phrase dafür. Insofern sollte man die Redaktion vielmehr dafür loben, dass sie einen Rest an Zweifel zugibt und sich als Überbringerin von Nachrichten und nicht als Primärquelle versteht.
Es sah trotzdem für einen Augenblick kurios aus. Deswegen machte ich einen Screenshot.

Mittwoch, 13. März 2024

Einmal um die halbe Welt

Ich kann ja an keinem Offenen Bücherschrank vorbeigehen, ohne wenigstens einen kurzen Blick hineinzuwerfen. Neulich war es schon fast Mitternacht, als ich in der Nähe meines Stamm-Bücherschranks war, und da dachte ich wie Bilbo Beutlin in diesem Meme: "Warum nicht ... warum nicht hineingucken?" Und siehe, darin befand sich ein sogleich von mir eingesteckter 1180-seitiger Sammelband von 1942 mit dem Titel "This Is My Best. Over 150 Self-Chosen and Complete Masterpieces, Together with Their Reasons for Their Selections", herausgegeben von Whit Burnett. Die "masterpieces" – Short Storys, Gedichte, Essays, autobiographische Notizen, Dramaszenen u.v.m. – stammen von "America's 93 Greatest Living Authors Present". Viele der vertretenen Autoren (und, ist erfreulicherweise zu ergänzen, Autorinnen) kannte ich noch gar nicht! Ich freue mich darauf, sie zu entdecken, denn wenn meine drei Semester Nordamerikanische Literaturwissenschaft zu einer einzigen Sache gut waren, dann, dass sie meine Liebe zu US-amerikanischer Kurzprosa entfacht haben.

Das Buch ist in gutem Zustand. Auf den Fliegenden Vorsatz ist der handschriftlich eingetragene Name (des Vorbesitzers?) Walter Meyer mit schwarzem Filzstift durchgestrichen und durch "Jeremy Devis" ersetzt worden, auf dem hinteren Fliegenden Blatt wurde mit Bleistift festgehalten: "The markings are Bruno's (July 1950)". Am bemerkenswertesten ist aber das, was ich im Inneren entdeckte: eine Rechnung aus dem Jahr 1961, die vermutlich als Lesezeichen gedient hat und von einem südafrikanischen Bekleidungshaus stammt.


Den Ausstatter Arthur Bales, "established 1902", gibt es immer noch. Heute scheint er auf Wolle und Strickzubehör spezialisiert zu sein, und von Braamfontein ist er in die erst 1959 gegründete Johannesburger Voorstad Randburg umgezogen. Und was wurde dort damals erstanden?


Das ist etwas knifflig. Ich dachte erst, Hose sei das Afrikaans-Wort für "Hose", aber nein, "Hose" heißt auf Afrikaans broek. 1,25 Rand wären für eine Hose denn auch unglaublich billig: Der Betrag entspräche heute inflationsbereinigt und umgerechnet 6,71 Euro. Ist die Zeile dann englisch? Aber wieso würde ein Kleidungsgeschäft Schläuche (hoses) verkaufen? Die Lösung liegt wohl in der mir bisher unbekannten Zweitbedeutung von hose: "Strumpf, Socke". Herr oder Frau de Beer hat also Strumpfwaren gekauft. Hoffentlich waren sie von guter Qualität.

Die im Bücherschrank entstandene Lücke werde ich nachher mit einem anderen Wälzer ausfüllen, ich habe nämlich gestern endlich, endlich den 684-Seiter "Das Monstrum" beendet. Das auch als "Tommyknockers" untertitelte und verfilmte Werk ist meiner Meinung nach das schwächste, das ich von Stephen King bis jetzt gelesen habe. Die mangelhafte Übersetzung machte diese Erfahrung nicht eben weniger anstrengend.

Montag, 11. März 2024

Wenn der Rubikon(sum) überschritten ist

"Die Verbraucherpreise in Deutschland sind im Februar 2024 gegenüber dem Vorjahresmonat um 2,5 Prozent gestiegen. Damit ist die Inflationsrate auf dem niedrigsten Stand seit Juni 2021 gefallen." Soweit das Faktenportal Statista. Die Information ist beruhigend, aber wird sich der Trend auch im Alltag, konkret: beim Einkaufen widerspiegeln? Wenn das allgemeine Preisniveau einmal gestiegen ist, sinkt es nicht so bald wieder, ist meine Erfahrung. Für ohnehin starken Schwankungen ausgesetzte Dinge wie Treibstoff mögen eigene Gesetzmäßigkeiten gelten, aber dynamic pricing à la Wendy's wurde bislang noch nicht in deutschen Supermärkten erprobt.

Markenhersteller verteuern – aus nachvollziehbaren Gründen oder nicht – ihre beliebtesten Produkte, und dabei bleibt's. Insbesondere bei Cashcows ist nicht zu erwarten, dass sie je wieder günstiger werden. Tja, an mir haben sie dann einen Kunden verloren, denn gewisse Sprünge mitzumachen bin ich einfach nicht bereit. Barilla-Nudelpackungen kosten inzwischen mehr als 2 Euro die Packung, und gestern sah ich ein Glas Barilla-Fertigsoße für über 4 Euro! Hin und wieder, sogar recht regelmäßig, gibt es die Pasta für 99 Cent, da schlage ich dann zu. Sollte es solche Aktionen irgendwann nicht mehr geben, war's das für mich: Barilla-Aus. Anderes Beispiel: Bonne Maman, deren feine Konfitüren und Marmeladen jahrelang immer mal wieder für 1,99 pro Glas zu haben waren. Der Standardpreis liegt seit dem Inflationshoch bei 3,49 €, der uns alle paar Wochen vergönnte Aktionspreis bei 2,49 €. Das ist eben so noch okay. Den nächsten Anstieg werde ich allerdings nicht verschmerzen können. Weiter: Sowohl die Müslis von Vitalis (Dr. Oetker) als auch die von Kölln schlugen jahrelang mit 1,99 € zu Buche, wenn sie reduziert waren. Da habe ich mich dann stets mit 1-2 Packungen bevorratet, denn ich mag deren Müsli-Palette sehr gern. Zurzeit liegt der "Spezialpreis" bei 2,49 €, was ich ebenfalls gerade noch vertretbar finde. Außerhalb der Aktionswochen muss ich zu Discounter-Eigenmarken greifen (die in der Regel nicht schlecht sind); Seitenbacher und die üblichen Alnatura- und Reformhaus-Verdächtigen mit ihren Mondpreisen kommen eh nicht infrage. Letztes Beispiel: Kaffee. Ganz ehrlich: Wer sich gemahlenen Kaffee zu regulären, "unverbindlich empfohlenen" Preisen holt, hat doch nicht alle Latten am Zaun. Teilweise über 7 Euro möchten die für das halbe Kilo haben. Da lachen ja die Hühner. Gottlob gibt es nahezu jede Woche irgendwo für 3,99 € grundsoliden Filterkaffee von Melitta, Jacobs und Konsorten. Mein Limit wäre, denke ich, bei 4,99 € erreicht. Sollte das Pfund dereinst nicht für unter 5 Euro zu bekommen sein, kann ich halt nie wieder Kaffee trinken.

Es ist, um das klarzustellen, nicht so, dass ich mir das Genannte unter keinen Umständen leisten könnte, aber ICH SEHE ES NICHT EIN. Macht Boykott, was euch kaputt macht!

Donnerstag, 7. März 2024

Betr.: Selbstheilung, Strömungen, Strom, Brille

Liebes Tagebuch, die lächerliche Abschürfung, die ich im Dezember 2023 am linken Unterarm erlitt, hat ein Wundmal hinterlassen, das nach einem Vierteljahr immer noch sichtbar ist! Es ist wirklich nur eine winzige Rötung, aber langsam frage ich mich, ob sie je vollständig verschwinden wird. Womöglich ist die auffällige Langsamkeit dieses Heilprozesses Symptom einer tiefer liegenden Störung, die mich irgendwann in ein rätselhaftes Koma fallen lässt. In diesem Fall hoffe ich, dass sich eine Art Dr. House meiner annimmt und im Zuge seiner Nachforschungen auf diesen (und den diesem vorangegangenen) Blogbeitrag stößt, sodann einen "Heureka!"-Moment hat und mich ins Leben zurückholt.

-----

Apropos Heureka: Neulich kippte ich mein Schlafzimmerfenster an, um durch den Spalt eine meinem Kopfkissen entwichene Daune ins Freie zu befördern. Da passierte Folgendes: Weil es draußen deutlich kälter als drinnen war, flog die Feder wieder zurück in die Wohnung; sie wurde regelrecht nach innen gesaugt. "[I]m unteren Teil strömt kältere Außenluft in den Innenraum. Thermischer Auftrieb, Differenzdruck, Strömungsgeschwindigkeit, Lüftungsfläche, Lage der Öffnungen und Gebäudehöhe stehen dabei in gegenseitiger Abhängigkeit", informiert mich "Baunetz Wissen", und mit Sicherheit wurden mir die zugrundeliegenden Gesetze und Wirkungen im Physikunterricht vermittelt.
Hätte ich den Federeffekt nicht vor zwei Wochen, sondern, sagen wir, in der griechischen Antike beobachtet, wäre ich als Genie in die Geschichte eingegangen, vorausgesetzt, ich hätte ihn schriftlich festgehalten und wäre fähig gewesen, ihn zu deuten. Ungnade der späten Geburt! Was ich damit sagen will: Klassische Zufallsentdeckungen wie Newtons Apfelfall, Archimedes' Badewannenüberschwappung oder den Montgolfier'schen Hemdenflug hätte früher oder später gewiss jemand anders gemacht. Man muss nur die Augen offen halten und die Dinge um sich herum zu interpretieren wissen. Nun gut, manchmal muss schon eine Reihe von Bedingungen erfüllt sein, damit es zum großen Hurra kommt: Vorm Urlaub liegen gelassene Petrischalen, in denen Schimmelkulturen wachsen, spielen zumindest in meinem Leben keine Rolle. Aber das mit der Zimmerluftbewegung im Winter, das habe ich jetzt halt auch entdeckt (Gaitzsch's law).

-----

Und noch eine physikalische "Entdeckung" habe ich gemacht, allerdings schon im letzten Jahr. Ich hörte, während ich meine Betten neu bezog, über In-Ear-Kopfhörer einen Podcast. Was passierte, weil das Falten, Knittern und Schütteln der Frotteebettwäsche ordentlich Reibungselektrizität verursachte? Der Strom kroch über die Kopfhörerkabel in mein Ohr (in nur ein Ohr, weil er sich stets einen Weg, nämlich den des geringsten Widerstands, sucht) und versetzte mir im Gehörgang einen Schlag. Die Entladung war freilich kaum mehr als ein spürbares Knistern, aber immerhin unangenehm genug, dass ich meine Tätigkeit ab da ohne In-Ear-Beschallung fortsetzte.

-----

Fast zwei Jahre ist es her, dass ich mir eine neue Brille habe machen lassen, und noch immer werde ich – oft schmeichelnd – darauf angesprochen, sogar (bzw.: erst recht?) von Leuten, die mich sehr selten sehen. Als ich letztens routinemäßig bei meiner Zahnärztin war, sagte die Sprechstundenhilfe zu mir: "Oh! Haben Sie eine neue Brille?" Ich musste kurz überlegen und sagte: "Eigentlich trage ich die schon ... ach nee, stimmt, die habe ich erst bekommen, nachdem ich das letzte Mal bei Ihnen war."
Mir gefällt das neue Modell sehr gut. Die Gläser sind größer als die alten, was allerdings einen Nachteil mit sich bringt: Das Putzen dauert erheblich länger! Mehr fällt mir dazu nicht ein. Das war's für heute.

Dienstag, 5. März 2024

... and I'm all out of bubblegum

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung gab es ein Interview mit John Bolton, dem ehemaligen US-Botschafter bei den Vereinten Nationen. Folgende Stelle in seiner Antwort auf die Frage "Im Kongress sind die Ukraine-Gelder blockiert. Wird er sie bald freigeben?" fand ich sprachlich bemerkenswert:
Die Suche nach einem parlamentarischen Weg durch das Repräsentantenhaus läuft auf vollen Touren. Ich stimme den Republikanern zu, die Bidens Grenzpolitik als nutzlos und gefährlich für unser Land kritisieren. Aber die Vereinigten Staaten müssen in der Lage sein, to walk and chew gum at the same time. Es ist selbstzerstörerisch, die Hilfe zu verzögern, weil Bidens Grenzpolitik ungenügend ist.
Da der englischsprachige Nebensatz unübersetzt geblieben ist, gehe ich davon aus, dass es sich um eine stehende Wendung handelt, die auf deutsch für (noch mehr) Verwunderung sorgen würde. Sowohl das englische Wiktionary als auch das mir bisher nicht bekannte "Free Dictionary by Farlex" geben an, dass dieser Phraseologismus in der Regel negiert verwendet wird, "to indicate incompetence" oder "to convey ineptitude". Man schreibt oder sagt also so etwas wie "Der kann doch nicht mal gleichzeitig gehen und Kaugummi kauen". Der Wiktionary-Beleg von 1978 – keine Ahnung, ob es sich um das älteste schriftliche Beispiel handelt – ist allerdings wie unser SZ-Zitat positiv formuliert: Die United States Federal Trade Commission (Statutes and Court Decisions) hat festgehalten, dass "The philosophy communicated to T.E.C. salesmen was to enroll any person who could 'walk and chew gum at the same time'". Es wird eine geistige Mindestanforderung gestellt bzw. akzeptiert, und so wird es auch bei Bolton gemeint sein: Die USA sollten es fertigbringen, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, müssen das eine ausblenden, wenn sie das andere erreichen wollen.
Dafür wüsste ich auch keine adäquate Übersetzung. "Bis drei zählen können" oder ähnliches würde m.M.n. nicht funktionieren.

Montag, 4. März 2024

Mond-News zum Montag

Was lese ich da in der heutigen FAZ? Es wurden schon wieder neue Monde entdeckt, drei an der Zahl. Damit hat der Uranus nun 28 Monde, von denen wir wissen. Die Anzahl derer des Neptun steigt um zwei auf 17. Wie die neuen Trabanten heißen werden, ist noch nicht bekannt, fest steht nur, dass der Jupitermond gemäß alter Tradition nach einer Figur aus den Werken Shakespears benannt werden soll.

Samstag, 2. März 2024

Serientagebuch 02/24

01.02. True Detective 4.03
The Expanse 6.04
02.02. The Big Door Prize 1.01
Der junge Inspektor Morse 5.04
05.02. The Expanse 6.05
The Expanse 6.06
06.02. Curb Your Enthusiasm 12.01
The Big Door Prize 1.02
08.02. The Big Door Prize 1.03
Der junge Inspektor Morse 5.05
10.02. True Detective 4.04
True Detective 4.05
12.02. Der junge Inspektor Morse 5.06
13.02. The Big Door Prize 1.04
Curb Your Enthusiasm 12.02
16.02. The Big Door Prize 1.05
17.02. The Big Door Prize 1.06
19.02. The Simpsons 35.11
Curb Your Enthusiasm 12.03
20.02. The Big Door Prize 1.07
True Detective 4.06
21.02. Mrs. Davis 1.01
22.02. The Big Door Prize 1.08
Will Trent 1.01
Will Trent 1.02
23.02. Mrs. Davis 1.02
26.02. The Big Door Prize 1.09
The Curse 1.06
The Curse 1.07
The Curse 1.08
27.02. The Curse 1.09
The Curse 1.10
28.02. Mrs. Davis 1.03
Will Trent 1.03
29.02. The Simpsons 35.12
The Big Door Prize 1.10

Immer traurig, wenn eine so epische, mitreißende Reihe wie The Expanse endet. Ob der verringerte Umfang der finalen Staffel Budgetgründen oder dem Quellenmaterial geschuldet war, weiß ich nicht. Es fühlte sich so oder so schön rund an. Die cold opens, die einen zu Beginn jeder Folge in eine (buchstäblich) gänzlich fremde Welt entführten, erhielten die Neugier aufrecht, auch wenn ich jeden verstehe, dem dieses Verlassen der bisherigen mehr oder weniger realistischen Pfade "harter" SciFi missfiel. Das Ende hätte ruhig noch ein wenig emotionaler ausfallen können. In der Gesamtschau lässt sich festhalten, dass "The Expanse" zwar nie in der allerobersten Liga des Prestige TV mitspielte, aber trotzdem etwas ganz Besonderes war. Die Weltraum-Optik hat mich stets zum Staunen gebracht, auch die Effekte, sahen, wenn sie gut aussahen, richtig toll aus, und an den schauspielerischen Leistungen konnte man nix aussetzen.
Kürzlich ist ein "Expanse"-Videospiel von Telltale erschienen, welches ich spielen möchte, sobald es ins Game-Pass-Angebot rutscht.

Im Februar 2023 (so lange ist das her!) stellte ich an dieser Stelle bezüglich der vierten Staffel von Der junge Inspektor Morse "erstmals einen Qualitätsverfall" fest. Nun, damit war zum Glück kein Trend eingeleitet – die (diesmal sechs Episoden umfassende) fünfte Staffel ist brillant wie eh. Wieder gibt es einen fesselnden übergreifenden Handlungsbogen, wobei dieser am Ende nicht ganz abgeschlossen ist und in Season 6 hoffentlich wieder aufgenommen wird. Die Fälle der Woche überzeugen ihrerseits als Einzelgeschichten; zum Teil führen sie in die höchsten Kreise der Weltpolitik. Wie immer ist es erforderlich, seine Konzentration 90 Minuten lang diszipliniertst aufrechtzuerhalten. Dafür wird man dann auch belohnt. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: "Endeavour", so der Originaltitel der Serie, ist der Goldstandard britischer Krimikost.
PS: Auch hier wiederhole ich mich, aber ich rate allen Fans, nach dem Genuss die jeweiligen imdb-Abschnitte "Wissenswertes" zu konsultieren. Es ist eine Wonne zu erfahren, wie viele Referenzen und Easter Eggs die Macher in jeden einzelnen Film einweben!

Viel wurde über True Detective geschrieben und gelobhudelt (lobgehudelt?). Konnten die (diesmal nur) sechs Folgen von "Night Country" an das Niveau des nun auch schon zehn Jahre alten ersten installments, welches ich immer noch für eines der imponierendsten Werke der TV-Geschichte halte, anschließen? Ganz klar: Nein, auch wenn gegenüber Staffel 3 und erst recht Staffel 2 ein deutlicher Sprung zu verzeichnen ist. Einen inhaltlichen Anschluss vollzieht Showrunnerin und Autorin Issa López (Nic Pizzolatto wird nur noch als Executive Producer geführt) durchaus – was mir nicht in aller Klarheit aufgefallen wäre, hätte ich nicht jede Woche das dazugehörige Analyse-Video von "ScreenCrush" studiert. Tatsächlich gibt es zahlreiche Anspielungen auf und Verbindungen zu den unterschwellig Lovecraft'schen Ereignissen von Staffel 1. Spiralsymbole, Carcosa, der King in Yellow, die Geisterwelt, die fünfte Dimension, das alles wird behutsam angedeutet, während manche übernatürlichen Elemente etwas zu direkt verhandelt werden, und leider auch auf zu abgedroschene Weise: Geister, die den Mund aufreißen und mit ausgestrecktem Arm ins Leere deuten, will man doch im Jahr 2024 nicht mehr sehen. Am stärksten ernüchtert jedoch, dass es in vielen Punkten zuletzt nur bei den Andeutungen bleibt und die meisten Verknüpfungen zu Season 1 mehr oder wenig sinnlos erscheinen. Auch sonst wirkte der Stoff nicht selten enttäuschend vertraut; mehr als einmal dachte ich gehässig "Hey, ich mochte diese Serie mehr, als sie noch 'Fortitude' hieß!" (dass hie wie da Christopher Eccleston mitgespielt hat, mag dazu beigetragen haben). Nicht einverstanden war ich auch mit der Auflösung des eigentlichen Kriminalfalls, des frostigen Hinscheidens einer Forschergruppe in mysteriösester Djatlow-Pass-Manier.
Nun aber die Pluspunkte. Atmosphäre atmet das Ganze allemal und ist ein willkommener Kontrast zu den staubigen Settings der Vorgänger-Staffeln. Island als Stand-in für Alaska während der Polarnacht macht sich bestens. Musik und Ton tragen ihr Übriges bei. Und Jodie Fosters Spiel adelt halt jede Produktion.

Das Wundersamste, Verstörendste und ehrlich gesagt Unerträglichste in dieser Aufzählung, ach was: im gesamten Serientagebuch 2024, dürfte The Curse sein. Reichlich harmlos liest sich die Prämisse: Ein Millennial-Paar möchte im Rahmen einer Reality-Show eine abgehängte Siedlung in New Mexico auf Vordermann bringen und muss sich dabei mit Gentrifizierungsvorwürfen, der Störrischkeit von Passivhäusern, den Rechten Indigener, ungeklärten Kostenfragen und einem Fluch rumschlagen. Einem Fluch? Ja, zumindest einem gezischten "I curse you!" aus dem Munde eines Kindes. (Sprechakttheoretisch nicht uninteressant!) Ob und was der Fluch zu bedeuten hat, ob er überhaupt eintritt und wie oder was, das erfährt man lange Zeit nicht. Das wahre Grauen zeigt sich ohnehin in der zwischenmenschlichen Kommunikation oder vielmehr Nicht-, Anti- und Vorbei-Kommunikation. Ich bin ja nun wirklich mit allen Cringe-Wassern gewaschen, aber Nathan Fielder, der schon mit "Nathan for You" und "The Rehearsal" das Doku-Comedy-Genre auf links gekrempelt hat, dreht den Fremdscham-Regler hier auf 11. Ein paar Stimmen aus dem "Something Awful"-Forum:
"
Im watching it slowly because [it] is often so uncomfortable to watch. They both are awful people and at the same time so so embarrassing. Sometimes the cringe I feel for them is almost physical."
"
Obligatory 'What the fffuuuuuck?' Seriously. I feel like I will have a hard time watching Emma Stone in anything for a while, because it will remind me of her playing shallow, self-centered and superficial Whitney so damn convincingly. For some reason, the part and the actor are so intertwined in my head, I kinda low-key hate her now. Feels super weird, hard to explain."
"[...] really got me anxious while watching. I don't know if I would have watched the whole thing if Nathan wasn't in it and I wasn't waiting for his style of twist."
Dass die Fielder/Safdie-Kooperation bei Showtime bzw. hierzulande auf Paramount+ praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit lief, ist einerseits schade, andererseits erübrigt sich so auch eine zweite Staffel, und eine solche wäre schlechterdings unmöglich und unnötig.

Auch The Big Door Prize watet im Sumpf des Bizarren, bleibt jedoch bedauerlicherweise unausgegoren und low-key. In einer amerikanischen Kleinstadt (sie sind eben die perfekten Schauplätze) manifestiert sich von heute auf morgen eine eigenartige Maschine im örtlichen Gemischwarenladen. Der "Morpho"-Automat spuckt jedem, der sich reinsetzt, seine Handflächen scannen lässt und seine Sozialversicherungsnummer eingibt, eine Karte aus, auf der seine wahre Bestimmung, sein "Life Potential", steht. Ein Schüler erfährt, dass er Meteorologe werden soll, die Schulleiterin fühlt sich dank Morpho-Zettel zum halsbrecherischen Motorradfahren berufen, die Bürgermeisterin ... na, das will ich nicht verraten. Wie gesagt, das im Zentrum stehende Rätsel wird zu wenig ergründet, der Fokus liegt auf den Dynamiken zwischen den Einwohnern und Einwohnerinnen, es geht um Einzelschicksale, Lügen, verpasste Chancen und verbotene Liebe. Womöglich kratzt auch die Buchvorlage nur an der Oberfläche, vielleicht geht die im April anlaufende zweite Staffel mehr in die Tiefe. Ganz nett ist die halbstündige Dramedy trotzdem, nicht zuletzt wegen der Hauptdarsteller Chris O'Dowd und Gabrielle Dennis.

Donnerstag, 29. Februar 2024

Schaltjahr-Fortsetzungsgeschichte (V)

Was bisher geschah:
Teil I (2008)
Teil II (2012)
Teil III (2016)
Teil IV (2020)

Fünfzigtausend Mann mochten es gewesen sein, einige hatten sogar die unvorstellbare Zahl von einhunderttausend in den Mund genommen. So oder so waren die Heerscharen der Goldenen Horde von Anfang an überlegen gewesen, das hatten alle gewusst, allein es auszusprechen hatten die einfachen Soldaten sich so wenig getraut wie den Großfürsten spöttisch einen Kleinkrieger zu heißen.
Olgierd lachte beim Gedanken an den Übermut des Litauers, was einen scharfen Schmerzensblitz hinter seine ohnehin unangenehm pochende halboffene Bauchwunde jagte. Das Blut lief ihm in einem feinen Rinnsal herab und erinnerte ihn an den harmonisch-kühnen Verlauf der Worskla. "In wenigen Monaten beginnt ein neues Jahrhundert, mein Freund", keuchte Olgierd in Richtung des knabenhaften Landsmannes, der wie durch ein Wunder völlig unversehrt geblieben war. "Den Wechsel würde ich allzu gerne erleben."
"Streng genommen beginnt das nächste Jahrhundert erst 1401, also in über einem Jahr", erklärte Andrzej mit erhobenem Zeigefinger und zwinkerte nach einer kurzen Pause schelmisch. Olgierd rang sich ein Lächeln ab. "Welche Narren behaupten das? Möge sie der Khan persönlich erschlagen!" Im Hintergrund ertönte das gepresste Keuchen eines verstümmelten Rosses. "Weißt du", hob der Jüngere an, "wer auch an einem Flussufer gestorben ist? Barbarossa, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Nicht im Kampf gegen die Seldschuken gefallen, sondern beim Baden krepiert, haha. Die schillerndsten Helden treten am ehrlosesten ab."
"Und doch", gab Olgierd zu bedenken, "raunen die Deutschen von seiner Wiederkehr. Oder bezweifeln gar, dass er überhaupt tot sei." Andrzej kannte die Sagen. Nickend ergänzte er: "Der Rotbärtige schläft nur, heißt es. Ein goldenes Zeitalter" (da war es wieder: golden) "bricht an, sobald er sich erhebt. Wenn die schwarzen Vögel nicht mehr kreisen, ist es soweit." Olgierd kniff die Augen zusammen, schaute in seine Lendengegend, als er sie wieder öffnete. Das Blut war getrocknet. "Wenn ich es in meine Heimat schaffe, werde ich eine neue Siedlung gründen. Und dort sollen gar keine Vögel fliegen. Kein Rabe, kein Falke, keine Goldammer möge sich niederlassen, und allfort herrsche Frieden und Wohlstand, mein Freund. Aber wenn sie je kreisen ... dann gnade uns Gott."

Nahezu fieberhaft kippte Marek den Inhalt einer Pappkiste, die er unter seinem Bett hervorgezogen hatte, über den Spielteppich in seinem Kinderzimmer. Dutzende Bücher und Magazine zum Thema Ornithologie kamen zum Vorschein, darunter der deutsche "Kosmos Vogelführer" sowie eine Neuauflage von "Birds of Brittania", geschrieben von Philip, dem Duke of Edinburgh und gegenwärtigen Prinzgemahl im Vereinigten Königreich. An etliche der Druckwerke konnte sich Marek kaum mehr erinnern, ein gewisses selbstangefertigtes Heft aber hoffte er zu finden. Und da war es zum Glück noch: eine gewöhnliche, grün eingeschlagene Kladde, in die Marek in seiner Vorschulzeit Fotografien und ausgeschnittene Tierbuchzeichnungen von Vögeln geklebt hatte. Er blätterte in Rekordgeschwindigkeit durch das kindliche Werk, bis er auf Seite 35 (die Seitenzahlen hatte er von seinem Vater mit einem Filzstift eintragen lassen) fündig wurde. Eine Elster. Die Elster. Marek atmete heftig ein und aus, hyperventilierte fast. Nachdem er ein paar Mal in einer paradoxen Mischung aus Triumph und Verzweiflung mit geballten Fäusten auf den Fußboden geklopft hatte, riss er die komplette Seite aus der Kladde und zerknüllte sie.
In diesem Moment betrat seine Mutter das Kinderzimmer. "Was machst du denn da?", sagte sie, wartete Mareks Antwort aber nicht ab. "Ich hatte gerade eine sehr interessante Begegnung. Weißt du, wen ich vor Herrn Komorowskis altem Plattenladen getroffen habe? Die Bürgermeisterin, Frau Sroka."

Keine Stunde war der Nonne geblieben, um die Aktion zu planen und die benötigten Werkzeuge zu besorgen. Doch Improvisation war genau ihr Ding, und ein Klapprad, eine Wäscheleine und etwas rote Farbe waren rasch besorgt. Ein Fläschchen Chloroform hatte sie sogar dabei gehabt (Wer würde schon den Kulturbeutel einer reisenden Nonne durchsuchen?), und ihren Habit hatte sie kurzerhand mit Erde und Dreck von der Straße besudelt, um den "Unfall" glaubwürdiger erscheinen zu lassen. "Hilfe, Hilfe", wimmerte sie nun in liegender Position. "Ich bin gestürzt, warum hilft mir denn niemand?"
Auf die Hilfsbereitschaft der Mehrheit ihrer Mitmenschen hatte sie ohnehin nicht gesetzt, aber heute waren nicht einmal Leute in der Innenstadt zu sehen. Waren alle ausgeflogen? "Ausgeflogen", das war wohl das passende Wort. In die schummrige, nicht eben einladende Seitengasse, in welcher die "Verunglückte" lauerte, verirrte sich an diesem Tage schon mal gar keine Seele. Erst nach einer Viertelstunde wurde eine Gestalt sichtbar. Ein Opfer.

Mittwoch, 28. Februar 2024

TITANIC vor zehn Jahren: 3/2014


Dieser Titel "funktioniert" vermutlich auch ohne Hintergrundwissen, doch zum besseren Verständnis sei darauf hingewiesen, dass es sich um eine Verbindung zweier Affären handelt, die damals die Nation bewegten; ein klassischer "Themenkreuzungstitel", zu dem es als Making-of ein fabelhaftes Stop-motion-Video gibt, an dem Thomas Hintner eine geschlagene Woche von früh bis abends gesessen hat.

Parallel zu den causae "Gelber Engel" und SPD (s. Startcartoon, S. 3) kochte auch noch ein Fiskusskandal um Alice Schwarzer hoch. Das von Moritz Hürtgen und Michael Ziegelwagner geschriebene Aufmacher-Märchen "Alice im Steuerland" enthält ein paar der formidabelsten Illustrationen Stephan Rürups aller Zeiten.


Leider aktuell wie nie ist die Strecke "Endlich wieder deutsche Kriege!": "Den Rest der Welt verlangt es nach unserer 'tätigen Außenpolitik' (Außenminister Frank-Walter Steinmeier), denn wir sind 'zu groß, um die Weltpolitik nur zu kommentieren'. Wir 'können nicht zur Seite schauen' (Kriegsministerin Ursula von der Leyen)". Aktualisierte Propaganda zu herbeigesehnten Missionen in Afrika und Vorderasien ("Jedem Sudanes was aufs Gesäß!"), angelehnt an Postkarten, Plakate und Briefmarken aus der Ära Weltkrieg I bis II, lieferten die Seiten 28-31:


Nun zum aftermath des Rummels um den vormonatigen Titel. Dieser wurde nicht nur im Ausland wahr- und kritisch aufgenommen ...


... sondern sollte uns auch in Form unzähliger Hasskommentare und Leserbriefe um die Ohren fliegen, die einerseits unterhaltsam genug waren, um eine muntere Doppelseite zu füllen (S. 34f.), andererseits teils so beängstigend waren, dass wir Strafanzeigen gegen Unbekannt in Erwägung zogen. Dass Formel-1-Fans nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind, war mir klar gewesen, nicht jedoch, wie durch und durch boshaft und entmenscht sie sich zu gerieren imstande sind. Wer die sadistischsten der uns erreicht habenden Gewaltfantasien und Morddrohungen ("... Yugokiller vom Balkan anheuern") lesen möchte, möge das Heft nachbestellen. Hier nur zwei Beispiele, die auf diesem i.d.R. jugendfreien Blog gerade noch so reproduzierbar sind:


Hier kommt eine meiner persönlichen Top-3-Gaitzsch/Ziegelwagner-Produktionen. "Für Sie mit der Zeitmaschine aus der Zukunft geholt: Neue Fantasy von Martin Mosebach!" (S. 58f.) Anlass für diesen extrem verkopften Feuilleton-Quatsch war Martin Mosebachs Buch "Das Blutbuchenfest", das mit allerlei Vorschusslorbeeren bedacht worden war, bevor Andreas Platthaus in der FAZ auf die "groteske erzählerische Willkür oder Sorglosigkeit" aufmerksam machte: "Dreizehnmal werden in Mosebachs neuem Roman mobile Gespräche geführt", obwohl er in den Jahren 1990/91 spielt. (Das erstaunt mich übrigens bis heute: Traditionell ist das Blatt dem Frankfurter Literaten freundschaftlich verbunden. Mehr als einmal war ich Zeuge, wie der verschmitzte Katholik mit FAZ-Personal herzlich plauschte. Nun, ich schätze, das macht guten Journalismus aus: dass man über allfällige Kritikpunkte nicht aus Gewohnheit und/oder Kumpanei hinwegsieht.)
Einmal trugen Ziegelwagner und ich die von ausgedachten Zitaten aus der Literaturszene durchbrochenen Romanauszüge öffentlich vor und stießen weitgehend auf Unverständnis. Das Schreiben, vor allem das Parodieren legendärer Mosebachismen wie "Sopha", hatte uns jedenfalls eine Mordsgaudi beschert.


Eine große Ehre wurde mir in der Humorkritik zuteil: Ich durfte das Zitat des Monats liefern.


Ich habe schon wiederholt angemerkt, dass mir "meine" Rubrik "55ff" regelmäßig als Zweitverwertungsstätte diente. Auch diesmal konnte ich einen Witz platzieren, der davor jahrelang als Kugelschreiberskizze in meinem Notizbuch existiert hatte, hihi:


Weiteres Notierenswertes
- Von den in Moritz Hürtgens Homestory zur "Sex-Umfrage des Papstes" (s. Titanic 12/13 und 1/14) zu sehenden Schauspielenden (S. 22-24) sind selbst langjährigsten Abonnenten wahrscheinlich höchstens vier von fünf gesichtsbekannt. Den Herrn Pfarrer mimte ein grundsympathischer Wiener Spezi mit herrlichem österreichischen Namen.

- Apropos (s.o.) "liefern": David Schuh spürt auf S. 26f. einem bis heute nicht gelöschten sprachlichen Flächenbrand nach. "[...] Philipp Rösler, der nach seiner Wahl zum FDP-Vorsitzenden großspurig-blöde verspricht: 'Ab heute wird die FDP liefern' (SZ, 14.5.11). Doch Rösler gerät später in Lieferungsverzug, erhält Mahnbriefe sonder Zahl: 'Philipp Rösler muß jetzt liefern', schreibt die WAZ (4.1.13), 'Rösler muß jetzt liefern', variiert am selben Tag die Welt, und 'Rösler muß jetzt liefern', plappern die Grünen [...] gewohnt besinnungslos nach, was gerade an Deppensprech available ist."
- Etwas meines Wissens Einmaliges gibt es ab Seite 40 zu bestaunen: einen vier(!)seitigen Katz-und-Goldt-Comic. Einmalig war auch, dass wir, die Redaktion, uns nach Eingang der Urfassung ein alternatives, konsequenteres Ende wünschten. Das Gesuch wurde (mit Begründung) abschlägig beschieden, was selbstverständlich okay ist.
- "Ein Feiertag für unsere Moslems" (S. 44f.) ist eine meiner raren Kooperationen mit Mark-Stefan Tietze. Weil (inzwischen auch wieder vom Tisch!) die Türkische Gemeinde in Deutschland einen solchen Tag gefordert hatte, überlegten wir uns, welchen "von unseren alten abgelegten Feiertagen" wir für diese Leerstelle hergeben könnten: zum Beispiel Christi Himmelfahrt ("Könnten wir es ihnen schmackhaft machen, dabei riesige Teekannen auf Bollerwagen mitzunehmen, stünde einer Umwidmung in den 'Mustafatertag' nichts mehr im Weg.").
- Diese Ausgabe enthält die erste Folge der stets zum Glucksen anregenden Reihe "Gsellalileo"! "'Ameisenbisse tun weher als Löwenpisse, aber Löwenbisse tun weher als Ameisenpisse': Mit dieser Klarstellung beendete ein tansanischer Logiker jetzt eine jahrhundertealte Auseinandersetzung zwischen den Universitäten Oxford und Krefeld, die am Ende fast schon zur Glaubensfrage mutiert war. Nun versprachen beide, sich eine andere Streitfrage zu suchen, zum Beispiel was letztlich gefährlicher ist für junge Heringe, Orcas oder Orkane."
- Zum Schluss mein liebstes Detail aus der Egner-Vorderseite im Essay:


Schlussgedanke
- Ein Heft, das die Leserschaft mit viel Relevantem, ein bisschen Meta-Kram (Lauda!) und einigen recht harten Gags konfrontiert. Schulnote: 2.