Sonntag, 29. Oktober 2017

"Sie haben da eine Lücke im Lebenslauf"

Dieses Jahr ist Jerry Lewis gestorben, und deswegen müssen wir kurz über "Filme im Giftschrank" sprechen. "The Day the Clown Cried" dürfte der bekannteste Film sein, den kaum ein Mensch gesehen hat; zu den wenigen Priveligierten gehören der "Simpsons"-Sprecher Harry Shearer und die Journalistin Lynn Hirschberg. Ihre Reaktionen ("I was appalled ... It's beyond normal computation." - Hirschberg) kann man in einer bei Google Books einsehbaren Ausgabe von Spy aus dem Jahr 1992 lesen. Weitere Kritiken und Aufsätze, vermutlich nicht wenige, werden allerdings erst 2025 folgen, denn 2015, zwei Jahre vor seinem Tod, hat Lewis verfügt, dass "The Day the Clown Cried" dann endlich aufgeführt werden darf. Bis dahin kann man sich online das Drehbuch durchlesen oder eine BBC-Dokumentation über das unfassbare Werk angucken. "Worum geht es denn nun, verdammt?", fragen sich alle, die nicht wissen, worum es geht. Nun, anno 1972 hatte Jerry Lewis Ambitionen, seiner Klamauk-Palette einen dramatischen Tupfer hinzuzufügen, und so drehte er, mit sich selbst in der Hauptrolle, eine Tragikomödie über einen – wait for it – Clown in Nazi-Deutschland, der durch gewisse Umstände als eine Art "KZ-Bajazzo" in Auschwitz landet, wo er schließlich à la "Rattenfänger von Hameln" blödelnderweise Kinder in die Gaskammern führt. Die Produktion wurde von Pannen und finanziellen Schwierigkeiten begleitet, Lewis soll im Spagat zwischen seinem Trademark-Slapstick und der inneren Zerrissenheit seiner Rolle völlig unbeholfen gewirkt haben, er selbst hatte bereits vor dem Drehstart arge Bedenken, kurzum: Vom Konzept bis zur Realisierung eine einzige Katastrophe, deren Resultat nicht nur seiner Ansicht nach, sondern eben auch jener der Gewährsleute, unwatchable geriet.

Kommen wir zu etwas weniger Herunterziehendem. Nicht im Giftschrank, aber direkt auf VHS statt in den Lichtspielhäusern landete 1995 "Theodore Rex", ein Buddy-Movie mit einer Polizistin und einem – wait for it – sprechenden Dinosaurier (TV-Tropes-Eintrag). Die Hauptdarstellerin Whoopi Goldberg schämte sich bereits während der Dreharbeiten dermaßen für diesen Streifen, der als "der Super-Mario-Film, nur in noch schlimmer" beschrieben wird, dass sie das Projekt vorzeitig abbrechen wollte, wovon sie wegen der Androhung einer immensen Vertragsstrafe absah. Dass für diesen Enorm-Flop, der bei imdb sagenhafte 2,4 Sterne hat, auch noch Armin Müller-Stahl gewonnen werden konnte, ist ein zusätzliches Faszinosum. Bitte schaut euch den offiziellen Trailer auf YouTube an und entscheidet selbst, ob dieses Monstrum in die Kategorie "so bad it's good" oder "so bad it's horrible" fällt.

Sehr gerne sähe ich "Nothing Lasts Forever" (der sogar einen deutschen Titel hat: "Alles ist vergänglich"), starring Bill Murray und Dan Aykroyd, produziert von "Saturday Night Live"-Erfinder Lorne Michaels, geschrieben und inszeniert von "SNL"-Autor Tom Schiller. Diese bisher nur einmal im nächtlichen US-Fernsehprogramm ausgestrahlte Fabel über ein dystopisches New York, magiebegabte Obdachlose und Busreisen zum Mond wird heute mit Terry Gilliams "Brazil" verglichen, stank bei der Pressevorführung 1984 aber derart ab, dass das Studio (MGM) "Nothing Lasts Forever" in die Schmuddelkiste packte, aus der es die momentane Rechteinhaberin Turner Entertainment selbst drei Jahrzehnte später nicht herauslassen mag. Wer weiß, was noch alles in den Verliesen von Hollywood lagert, das wir nicht einmal erahnen ...


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