Donnerstag, 31. Dezember 2015

Der alljährliche Jahresausblick fürs kommende Jahr

2016 beschert Teilen der Welt eine totale (9.3.) und eine ringförmige Sonnenfinsternis (1.9.); in Europa kriegt man davon nichts mit. Das chinesische Jahr des Affen ist zugleich das Internationale Jahr der Geographie, der Kamele und der Hülsenfrüchte. Wir feiern 500 Jahre Reinheitsgebot, 150 Jahre Prager Frieden und den 200. Geburtstag des Erfinders der Sachertorte. Der Rest ist langweilig.

Wie immer spannend dagegen: die Natur des Jahres. Mit Feuersalamander, Stieglitz, Hecht, Feldhamster und Echtem Kümmel wurden die Kategorien Lurch, Vogel, Fisch, Wildtier und Arzneipflanze des Jahres recht konventionell besetzt; der Stachelbeerspanner als Schmetterling des Jahres weiß allerdings zu überzeugen, auch Sommer-Drehwurz (Orchidee d.J.), Gemeine Binsenjungfer (Libelle), Höhlenlangbein (Höhlentier) und der Lilastielige Rötelritterling (Pilz) dürfen als solide Entscheidungen gelobt werden. Der Verband Deutscher Sporttaucher, die Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft sowie die Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie lassen sich wie immer noch etwas Zeit mit der Bekanntgabe von Wasserpflanze, Alge resp. Mikrobe des Jahres (*streng räusper*).

Was wird uns sonst noch so erwarten? Sicherlich das Ableben einiger liebgewonnener Prominenter und abertausender weniger bekannter Menschen. Zudem: Terroranschläge, Naturkatastrophen, Flugzeugabstürze, diverse "Gates", Wetterkapriolen, beschissene Kinofilme, fruchtlose Debatten und schreckliche Dinge, die wir uns heute noch gar auszumalen wagen. Überhaupt wird bestimmt alles immer schlimmer und schlimmer. Trotzdem guten Rutsch!

Dienstag, 29. Dezember 2015

Euphonie

Ich habe noch nie in meinem Leben geskypet. Also: geskypet im Sinne von videotelefoniert. Wohl aber habe ich in Prä-WhatsApp- und Facebookchat-Zeiten Skype als Instant Messenger benutzt. Jedenfalls prangten einmal in der "Away"-Zeile eines Skype-Kontaktes die Worte CELLAR DOOR. Ratlos ob deren tieferen Sinn konsultierte ich Wikipedia. Dort stand: "The English compound noun cellar door (especially in its British pronunciation) is commonly used as an example of a word or phrase which is beautiful in terms of phonaesthetics (sound) with no regard for semantics (meaning)."

Aha. Cellar door. Cellar door. Cellar door. Ich bin kein Muttersprachler, aber in meinen Ohren klingt das Wort nicht überragend schön. Viel besser finde ich zum Beispiel lozenges ("Hustenpastillen"). Es gibt auch hässliche Wörter, aber die stören kaum, hört man sie doch nur den Bruchteil einer Sekunde. Fieser sind da schon manche Lieder, die man in der Regel länger als drei Minuten aushalten muss, z.B. wenn man bei jemandem im Auto mitfährt.

So geschehen vor etwa viereinhalb Jahren. Es war dies das letzte Mal, dass ich den Service der Mitfahrzentrale nutzte, und dabei erwischte ich eine ganz und gar unausstehliche Fahrerin, eine (hier passt nur das wahrlich grässlich klingende Wort) Tussi, die nicht nur extrem aggressiv fuhr, sich über jeden, der sich auf der linken Autobahnspur mit weniger als 160 km/h bewegte, lauthals beschwerte und sich obendrein zu fein war, ihren Gurt zu benutzen, sondern immer wieder inhaltlich wie formal saudumme Sätze wie "Wessis können nicht Auto fahren", "Mein Freund geht mir manchmal aufs Schwein, das ist voll der Hass" oder den Klassiker "Ich hab nichts gegen Ausländer, aber ..." äußerte. Und als hätte das nicht genügt, lief, wie bei langen Autofahrten üblich, das Radio. Mit Chartstürmern wie David Guetta oder der einen, die immer "Hello!" singt, konnte und kann ich mich ja arrangieren. Aber das allerallerdämlichste, unerträglichste Dreckslied des damaligen Sommers war ohne Zweifel "On the Floor" von Jennifer Lopez featuring Pitbull. Wer's nie gehört hat, lebt ein glückliches Leben! Es handelte sich um einen primitivst zusammengerotzten Remix des Lambadas (!) und nervte nicht nur mit hirnerweichenden Melodie-Parodien, sondern auch mit textlichen Ergüssen der Oberklasse: "It's a new generation of party people. Let me introduce you to my party people in the club. [...] Pick your body up and drop it on the floor. Let the rhythm change your world on the floor. You know we're running shit tonight on the floor. Brazil, Morocco, London to Ibiza, straight to LA, New York, Vegas to Africa. Dance the night away, live your life and stay young on the floor. Dance the night away, grab somebody, drink a little more. Lalalalalalalalalalalalalala (sic!)." Und meine widerliche Fahrerin sah nicht ein, den Sender zu wechseln oder wenigstens die Lautstärke minimal zu drosseln.

Da hört man doch lieber "Dat du min Leevsten büst". Dieses Volkslied, das wir ständig in der Schule singen mussten, ist zwar auch leicht doof, aber immerhin kommt das Wort "Kammerdör" drin vor, und das klingt ja fast wie cellar door.

Freitag, 25. Dezember 2015

Traumprotokoll: Krankenhaustoilette

In einem sehr großen Klinikgebäude, in dem ich mich als Gast aufhielt, suchte ich ein WC. Nach langen Minuten des Herumirrens gelangte ich tatsächlich in einen Trakt, der so aussah, als könnten sich sanitäre Anlagen darin befinden. Ich ging durch eine Tür in eine Schleuse, die einem jener Spiegellabyrinthe auf dem Rummel ähnelte, die engen Gänge waren zusätzlich mit hängenden, schwer zu durchdringenden Hartplastikfolien versperrt. Jedes Mal wenn ich dachte, hinter einer dieser Folien müsse sich jetzt der WC-Bereich befinden, stolperte ich stattdessen in einen Operationssaal oder in eine Quarantäne-Station, wo man mich sofort barsch zum Umkehren aufforderte. Irgendwann stand ich wieder, resigniert und mit Harndrang, im Flur. Schließlich kam ein junger Pfleger auf mich zu und sagte: "Das sah echt lustig aus, wie du da durch die Schleuse geirrt bist." – "Was, habt ihr mich etwa mit Kameras beobachtet?", rief ich aus. – "Nicht nur beobachtet, wir haben sogar alles aufgezeichnet", erwiderte der Mann. "Mach dir nichts draus, du bist halt ein Nerd, der sich in der richtigen Welt nicht zurecht findet. Und jetzt warte hier, bis sich jemand um dich kümmert." Ich wartete, sah an mir herunter und stellte fest, dass ich plötzlich Teil des Krankenhauspersonals geworden war: Ich war weiß gekleidet, trug ein Namensschild und hielt einen Pager in der Hand. Kurz darauf fragte mich eine matronenhafte Oberschwester streng, warum ich hier so untätig rumstehe und wer ich überhaupt sei. Sie entriss mir Namensschild und Pager, und abermals wusste ich nicht, wohin mit mir. Es dauerte nicht lang, da erschien die herrische Schwester erneut und wollte wissen, warum ich kein Namensschild trage. "Aber das haben Sie mir doch gerade weggenommen!", versetzte ich. – "Hahaha, da verwechseln Sie mich wohl mit jemandem!", sagte sie. "Bleiben Sie hier. Ich schicke jemanden zu Ihnen. Sie sind ja noch ein halbes Kind, hahaha!" Bevor ich darüber nachdenken konnte, was sie damit meinte, wurde ich endlich in den Toilettenbereich teleportiert. Dort musste ich allerdings erst in einer Umkleidekabine mit unzähligen anderen Menschen warten.

Dienstag, 22. Dezember 2015

Ja zum Weichspüler!

Ich war geschockt, als ich erfuhr, dass es Menschen gibt, die beim Wäschewaschen auf Weichspüler verzichten (vgl. die morgen erscheinende Titanic, S. 36ff.)! Nennt mich Softie, aber ich finde, Kleidung muss weich sein und duften. Und noch etwas gebe ich gerne zu. Für alle, die mich bisher als ganz umweltfreundlichen Zeitgenossen wahrgenommen haben, mag nun eine Welt zusammenbrechen, aber: Ich wasche gelegentlich bei 90 Grad. Nämlich Handtücher. Handtücher und insbesondere Geschirrtücher neigen dazu, unangenehme Gerüche anzunehmen, und dies lässt sich allein durch Kochwaschung unterbinden oder wenigstens hinauszögern. Am Ende bleiben die Tücher doppelt so lange frisch und man spart wiederum Wasser.

Ich kenne Leute, die hauen sämtliche Kleidungseinheiten in die Trommel und waschen sie bei 40°, obwohl auf manchen Etiketten ausdrücklich 30° oder 60° empfohlen wird. Wer bin ich, mich dem Diktat der Waschlabel zu widersetzen?!?! Nun gut, ich lese ja auch Medikamenten-Beipackzettel und Lebensmittel-Inhaltsangaben von vorne bis hinten.

Sonntag, 20. Dezember 2015

Unverschämtheiten aus deutschen Verlagsprogrammen


Auf dreistere Weise wurde das Vermächtnis der Junggrammatiker noch nicht in den Schmutz gezogen. Diese infamen Zeilen wurden vom Verlag dtv in dessen Ankündigung des Romans "Die Grammatik der Rennpferde" von Angelika Jodl geknallt ("Die ungewöhnliche Liebesgeschichte eines Ex-Jockeys aus Kasachstan und einer Deutschlehrerin"). *kopfschüttel*

Freitag, 18. Dezember 2015

In der Stadt der Eulen (Versuch eines Reiseberichts nebst Fotos)

Im Dezember des Jahres 2015 begab es sich, dass ich einen Kurztrip in die Hauptstadt Griechenlands unternahm.

Auf dem Flughafen wurde ich zum ersten Mal von einem der berüchtigten neuen "Nacktscanner" gescannt. Zur Belohnung gab es hinterher Süßigkeiten!

Das Hotel war, wie man sieht, recht ordentlich dafür, dass eine Nacht nur 30,- € kostete. Leider wurden gerade Malerarbeiten durchgeführt, weswegen dezente Farbgerüche meinen Schlafraum durchwaberten.

So sah es nachts aus. Im Hintergrund thront die zauberhaft erleuchtete Akropolis.

Der weihnachtlich hergerichtete Syntagma-Platz. Die weniger bekannten Viertel zeigte mir freundlicherweise der ortskundige Erasmus-Student und Twitterer @mitnichten.

Das obligatorische Katzenfoto

Gebäude

Eros (oben)

Bei Sonnenschein und 12° C (kälter wird's dort praktisch nie) flanierte ich über die Agora und ließ den Geist der vergangenen Jahrhunderte auf mich wirken. (Puh, wie schwulstig!)

Spektakulär: Teile des Antikythera-Mechanismus!

Noch spektakulärer: In Athen fahren O-Busse! Die habe ich zuletzt in Sarajevo gesehen.

Der Weg auf den Lykabettus, die höchste Erhebung der Stadt. Runter ging es mit einer von Metaxa gesponsorten Standseilbahn durch einen Tunnel, an dessen Wände die ganze Zeit sublime Metaxa-Werbung projiziert wurde. (Sorry für die verunglückten Farben in diesem Foto.) (Trinkt Metaxa!)

Wer war das? >:(

Zitrusfrüchte wachsen an jeder Straße. Mitten im Winter!

Das Beste aber sind die vielfältigen Gebäckstückchen, die man in Griechenland überall für wenig Geld findet. Vorne in der Auslage: irgendwas, das gefühlt zu 50% aus Honig und 50% aus Zucker besteht.

Auf dem Rückflug habe ich dann noch gelernt, dass Rosbacher Mineralwasser vom IS empfohlen wird.

Montag, 14. Dezember 2015

Die besten Weblogs

Philip Saß a.k.a. @episodenfisch verfasst komische und handwerklich einwandfreie Lyrik, vor allem seine Sonette sind von gernhardtscher Genialität: Das Gedicht der herrschenden Klasse

Freitag, 11. Dezember 2015

Hitler im Pech. Kleine Chronik des Verlesens, 2007-2015

  • 29.10.2007: "Eva Hermann ist tot." In echt war's natürlich Evelyn Hamann.
  • 30.03.2008: "Clinton wehrt sich gegen Rücktrittsforderung – Obama unterstützt Rivalin" – ich las: "Ritalin".
  • 08.07.2009: "Setzen Sie sich für die Beendigung unserer Handelspraktiken ein", lautete die Betreffzeile einer Mail von eBay. 'Huch, warum so selbstkritisch?', fragte ich mich noch, bevor ich gewahrte, dass da "unfairer" statt "unserer" stand.
  • 14.07.2009: "Krawalle beim Oranier-Marsch in Belfast". Mein Gehirn machte daraus zuverlässig "Onanier-Marsch".
  • 30.11.2009: "Flick-Sarg wieder aufgetaucht?" Ich muss wohl nicht erwähnen, welche Art von Sarg ich stattdessen erfand.
  • 28.01.2010: Ich lese "Australian Open: Monster-Brüste zum Finaleinzug". Warum schreibt stern.de auch etwas von einem "Monster-Brüller"?
  • 25.11.2010: "Stanislaw Tillich nach Kater weitergereist" ... Es war dann aber doch das Land Katar.
  • 10.12.2010: In den Kleinanzeigen der Studentenzeitung ad rem wurden kostenlose Mensaplatzmarken für Schwangere angeboten. Statt "Freitischmarken" las ich jedoch zuerst "Fetischmarken".
  • 21.03.2011: "Militärbündnis streitet über Frühlingsrolle", ähh ... "Führungsrolle".
  • 12.07.2011: "Micro-Prozessor" statt "Mirco-Prozess"
  • 24.08.2012: "Gericht: Hitler-Kündigung unwirksam"; das war freilich Quatsch, vielmehr ging es um die Kündigung einer Person Hilder.
  • 14.01.2013: "Warum Amerikaner schwierige Amokläufer sind", wurde in dem Artikel, in dem es um amerikanische Autokäufer ging, nicht erklärt.
  • 16.10.2013: "Forscher finden gewaltigen Tiefsee-Elch" Zu früh gefreut! Ein verdammter Fisch war's.
  • 14.11.2013: Mischkonsum kostet den Führerschein, heißt es im Lawblog. Und was lese ich? "Milchkonsum kostet den Führerschein."
  • 04.05.2014: Sportnews: "Hiller im Pech. Ducks verlieren ersten Viertelfinal in Overtime." Was habe ich mir hierbei wohl gedacht? Na? Na?
  • 10.12.2015: Was wohl "Unstädte" sind? Unistädte natürlich.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

What's Love Got to do With It?

Das kürzlich angesprochene Buch "The Language of Food" entpuppt sich mehr und mehr als wahre Goldgrube. Im zuletzt von mir gelesenen Kapitel wurde ein Thema gestreift, dessen ich mich in einem meiner allerersten Beiträge in diesem Blog angenommen habe, nämlich der semantischen Entleerung bzw. dem Verlust der Eigenbedeutung von "to love" im v.a. amerikanischen Englisch, wofür der Autor den Terminus "semantic bleaching" verwendet. Mein damals geäußerter Verdacht, dass Sätze wie "I loooove sand castles!" eine relativ junge Erscheinung sind, wird bestätigt, auch wenn ich mit der Schätzung von 50 Jahren leicht daneben lag. Der Linguist Erin McKean hat Ende des 19. Jahrhunderts festgestellt, dass junge Frauen in dieser Zeit damit anfingen, love zu generalisieren und auf unbelebte Objekte (Lebensmittel!) zu beziehen. (a.a.O., S. 95) Außerdem wird das Buch "Anne of the Island" (dt. "Anne in Kingsport") von 1915 zitiert; eine ältere Frau sagt darin:
"The girls nowadays indulge in such exaggerated statements that one never can tell what they do mean. It wasn't so in my young days. Then a girl did not say she loved turnips, in just the same tone as she might have said she loved her mother or her Saviour."
Merkwürdig finde ich, dass mir die Verwendung von "lieben" in Bezug auf eigene Kinder im Jahr 2009 noch befremdlich erschien. Das kommt mir heute völlig normal vor. Und zum Saviour fällt mir nur der gehässige Satz ein: "Wenn du Jesus so sehr liebst, warum heiratest du ihn dann nicht?" Ich weiß gar nicht, ob der aus den "Simpsons" stammt oder mir selbst eingefallen ist.

Montag, 7. Dezember 2015

"Übernatürliche" Mehrfachbegegnungen

Auf der Seite dasgehirn.info fragt eine Leserin nach der Erklärung für ein auch mir bekanntes Phänomen: "Manchmal höre oder lese ich ein Wort ewig nicht und dann taucht es plötzlich in kurzer Zeit doppelt auf, wenn auch in einem anderen Kontext."

Der Gehirnforscher Alan Richardson-Klavehn antwortet (von mir gekürzt, ich empfehle aber, alles zu lesen):
"Dieses Phänomen lässt sich wahrscheinlich auf das so genannte 'perceptual priming' zurückführen [...]: Ein Wort auf einem Blatt ist zunächst einmal nur ein Muster. Wenn man das liest, dann müssen Wahrnehmungsmechanismen im Gehirn dieses Muster verarbeiten und aus dem Gedächtnisspeicher die zum Muster passende Bedeutung abrufen. [...] Wenn man einen Reiz wie zum Beispiel ein Wort verarbeitet hat, dann kann der Reiz künftig leichter verarbeitet werden. [...]
Wenn ein selten auftauchendes Wort nun in kurzer Zeit doch wieder vorkommt, dann ist die Informationsverarbeitung bei der Wiederholung besonders erleichtert. [...] Das perceptual priming ist stärker für jene Wörter, die in der Sprache selten vorkommen, und schwächer für Wörter, die in der Sprache häufig vorkommen. Eben weil häufige Wörter schon sehr effizient verarbeitet werden.
Nun gibt es zwei mögliche Erklärungen, warum das Wort beim zweiten Auftauchen besonders auffällt. Die erste Erklärung verlässt sich auf die so genannte 'attribution theory' [...]. Taucht ein seltenes Wort in kurzer Zeit ein zweites Mal auf, dann merkt man, dass das Wort viel effizienter und fließender verarbeitet wird, als das normalerweise für ein selten auftauchendes Wort der Fall wäre. [...] Man sucht eine Erklärung dafür und denkt bewusst darüber nach, wo und wann dieses Wort einem vorher begegnet ist.
Die zweite, direktere, Erklärung [...:] Das perceptual priming, das beim zweiten Mal passiert, treibt automatisch den simultanen Abruf einer episodischen Gedächtnisspur im Gehirn an. Das führt unvermeidbar dazu, sich bewusst an die vorherige Begegnung mit dem Wort zu erinnern."

Eine befriedigende Antwort – die aber nicht erklärt, warum dieser Déjà-vu-ähnliche Effekt auch bei neu kennengelernten Konzepten, die nicht seltene Wörter sind, auftritt. Der Anlass, der mich überhaupt googeln und die zitierte Gehirn-Webseite finden ließ, war nämlich jener: Gestern hörte ich mir ein Q&A mit einem bekannten YouTuber an. Eine Frage lautete: "Welche Werke des Zeitreise-Genres gefallen dir?" Der Befragte verwies dann u.a. auf "Puella Magi Madoka Magica", wovon ich noch nie gehört hatte, weil ich mich mit Anime weder auskenne noch beschäftige. Heute nun findet man im Feuilleton der FAZ die alljährlichen Weihnachtsempfehlungen der Redaktion, und was steht dort bei Dietmar Dath in der Spalte "Was süchtig macht"? – Die DVD/BluRay "Puella Magi Madoka Magica The Movie: Part 3 - Rebellion"! Dass mir innerhalb von zwei Tagen dasselbe Werk zweimal begegnet, kann ja wohl kaum mit dem sekundären visuellen Cortex zusammenhängen. Mit dem "Gesetz der Anziehung" oder ähnlichen esoterischen Theorien sicher auch nicht. Vermutlich liegt's an einer Mischung aus Zufall und dem Fakt, dass die erwähnte Fernsehserie doch ziemlich populär ist.

Freitag, 4. Dezember 2015

Filmtitel XIII

Trainwreck → Dating Queen
Ghosts of Goldfield → Paranormal Ghosts
A Royal Night Out → A Royal Night
Student Bodies → Sex School
Les héritiers → Die Schüler der Madame Anne
No God, no Master → First Impact
Goodbye to All That → Suddenly Single
Bis → Plötzlich wieder jung – Zurück in die 80er 
El club de los incomprenidos → Buenos días, Prinzessin!
She's Funny That Way → Broadway Therapy
Sous les jupes de filles → French Women
Backmask → Exitus – Play It Backwards
The Well → The Last Survivors
N'importe qui → What The F***?
Coffee Shop → Coffee Shop – Liebe to go
Me and Earl and the Dying Girl → Ich und Earl und das Mädchen
The Night Before → Die Highligen Drei Könige
Dead on Campus → Eiskalter Engel
Terms of Endearment → Zeit der Zärtlichkeit

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Unser alberner Kalender

Jedes Jahr aufs neue kann ich kaum fassen, dass der Winter offiziell erst am 21. Dezember beginnt. Heuer liegen alle vier Adventssonntage im Herbst! Wie soll denn da Weihnachtsstimmung aufkommen? Ich wäre dafür, die meteorologischen Jahreszeiten an die kalendarischen anzugleichen. Dann hieße es: Dezemberzeit = Winterzeit.

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Man findet keine Freunde mit Salatkommentaren

Ich weiß nicht, was mich dazu bewegt hat, den Blick-Artikel "Wie dick macht griechischer Salat?" anzuklicken. Vielleicht, weil ich gestern griechischen Salat zum Mittag hatte. Noch weniger klar ist mir allerdings, warum ich mir auch noch die zwei Leserinnenkommentare unter dem Artikel zu Gemüte geführt habe. Die sind aber wirklich fantastisch!

Regula Rütli (!)
aus Luzern
heute, 13:28 Uhr
Was soll das nun schon wieder? Beim griechischen Salat nimmt man normalerweise nur etwas Zitronensaft, Olivenöl, Salz und Pfeffer zum Anmachen, mehr brauchts doch da nicht. Warum schwadroniert Frau Fux nun über zu viel Dressing? Ein griechischer Salat mit Feta und Oliven ist zudem ein guter Sattmacher, da im Feta Eiweiss und sowohl im Feta als auch in den Oliven Fette enthalten sind. Brot als zusätzlichen Dickmacher braucht man da gar nicht! Frau Fux hat wohl noch nichts von Low-Carb gehört?

Betty Rüdisüli (!!)
heute, 11:20 Uhr
Also ich muss mich doch sehr wundern. Es ist doch längst bekannt, dass Salat so gut wie keine Vitamine und Nährstoffe hat. Dann auch noch Brot explizit zu empfehlen, damit es eine "ausgewogene" Mahlzeit ist, ist doch nun wirklich ein Witz.

Es wäre nun ein Leichtes, zu schreiben "Haben die echt nix Besseres zu tun als Ernährungstexte zu kommentieren, lol?!", aber dann wäre es ein noch Leichteres, zu kontern: "Hat der echt nix Besseres zu tun als Ernährungstextkommentare zu kommentieren, doppellol?!" Mir selbst fiele kaum etwas ein zu dem Thema; ich weiß ja nicht mal annähernd zu sagen, wie viele Kilokalorien ich an einem Durchschnittstag verbrenne oder was immer man mit Kilokalorien macht. Deswegen nehme ich die zwei obigen Auslassungen ohne Argwohn zur Kenntnis. Und minimale Empörung unter harmlosen Essensbeiträgen ist allemal verträglicher als die üblichen Hasskommentare unter einem Politikartikel auf welt.de ...

Dienstag, 1. Dezember 2015

Serientagebuch: November

01.11. Low Winter Sun 1.10
The Knick 2.01
02.11. Scrubs 1.10
04.11. The Big Bang Theory 9.06
05.11. South Park 19.06
06.11. Gotham 2.03
The Walking Dead 3.13
07.11. Scrubs 1.11
Mob City 1.01
Homeland 5.03
Homeland 5.04
08.11. The Knick 2.02
10.11. The Simpsons 27.06
The Bridge US 2.09
11.11. Family Guy 14.05
12.11. Boardwalk Empire 2.09
13.11. Scrubs 1.12
15.11. The Big Bang Theory 9.07
The Big Bang Theory 9.08
Mob City 1.02
16.11. Family Guy 14.06
19.11. South Park 19.07
South Park 19.08
20.11. Ripper Street 1.02
Doctor Who 9.06
Doctor Who 9.07
Doctor Who 9.08
Doctor Who 9.09
21.11. The Last Man on Earth 2.06
The Last Man on Earth 2.07
Hustle 5.04
Hustle 5.05
23.11. Homeland 5.05
Homeland 5.06
Akte X 5.16 (RW)
24.11. Boardwalk Empire 2.10
The Simpsons 27.07
25.11. Weeds 1.08
Family Guy 14.07
27.11. The Knick 2.03
28.11. Scrubs 1.13
Scrubs 1.14
Boardwalk Empire 2.11
29.11. Backstrom 1.07
Boardwalk Empire 2.12

Sonntag, 29. November 2015

Wortgeschichte zum Erntedankfest

Eine meiner aktuellen Print-Lektüren ist "The Language of Food" von Dan Jurafsky. Im sechsten Kapitel, welches ich gestern las, ging es zufälliger- und passenderweise um die verwirrende Namensvielfalt des saisonal gefragten Vogels, den man im Englischen mit der Türkei in Verbindung bringt (turkey), im Französischen mit Indien (dinde < "d'Inde"), im Hindi wiederum mit Peru (peru) und im Arabisch der Levante mit Äthiopien (dik habash "äthiopischer Vogel"). Was Truthähne obendrein mit mexikanischer Schokoladensoße und einer Tragödie von Sophokles zu tun haben, kann man bei Bedarf a.a.O. selbst nachlesen. Hierzulande spielt Thanksgiving ohnehin keine Rolle, weswegen ich euch lieber an einem Aha-Erlebnis teilhaben lasse, das ich an einer anderen Stelle hatte.

Das Alte Testament kennt – wie viele Schriften alter Kulturen – Libationsopfer. Die Hebräer nahmen dafür gerne Wein oder ein Getränk namens sheker. Dieses Wort konnte u.a. "Bier" bedeuten und wurde aus dem Akkadischen entlehnt (šikaru), wo es gleichfalls eine Art Bier bezeichnete. Als sicera fand sheker in die Vulgata, die lateinische Bibelübersetzung des späten 4. Jahrhunderts, Einzug, und auch im Yiddischen lebt es weiter: shikker bedeutet hier "betrunken". Und steckt shikker nicht auch in unserem umgangssprachlichen angeschickert drin? Ja, tut es! Und das finde ich suuupercrazy und wunderschön. Ein älteres Wort, oder präziser: ein Wort in der deutschen Sprache mit noch längerer Historie ist, soweit ich weiß, allenfalls das regional verwendete Semmel, das wahrscheinlich sogar im Sumerischen wurzelt und über die semitischen Sprachen (z.B. arabisch samīd "Weißbrot; Feinmehl", vgl. auch Simit) und das Lateinische (simila "feines Weizenmehl") zu uns gelangt ist.

Das macht Hoffnung: Selbst wenn eine Sprache ausstirbt, haben einzelne Kulturwörter die Chance, auch noch nach Jahrtausenden und in weit entfernten Gegenden der Erde fortzubestehen, wenn auch mehr oder weniger verändert, verformt, verfremdet.

Freitag, 27. November 2015

Mario the Sailor Man

Eine meiner aktuellen Kindle-Lektüren ist "Super Mario Bros. 2" von Jon Irwin. Zwar habe ich die sagenhafte Entstehungsgeschichte des zweiten Mario-Spiels für das Nintendo Entertainment System schon mehrfach gehört und gelesen, aber mit der Begeisterung eines Gleichgesinnten und Gleichaltrigen aufbereitet macht das Ganze ungleich mehr Freude. Zudem erfuhr ich in einer kleinen Randbemerkung etwas schier Unglaubliches: Das Arcadespiel "Donkey Kong", in welchem Super Mario – hier noch "Jumpman" geheißen – seinen ersten Auftritt hat, sollte ursprünglich ein Spiel um den Comichelden Popeye werden! Nachdem Robert Altmans 1980er Realverfilmung der Seemannsabenteuer ein ordentlicher Erfolg geworden war, machte sich Nintendo an eine Game-Umsetzung. Das Spiel war schon so gut wie fertig (Prinzip: Popeye muss Olive Oyl aus den Fängen Blutos retten), doch aus irgendwelchen Gründen konnte man sich mit King Features Syndicate, die damals die Print- und TV-Rechte an Popeye hielten, nicht einigen, und so ersetzte Game-Designer Shigeru Miyamoto kurzerhand die Figuren: Aus Olive Oyl wurde Pauline, aus Bluto wurde der Riesenaffe und aus Popeye der später weltberühmte Klempner. (Ein Donkey Kong nicht unähnliches Popeye-Spiel wurde 1982 dann doch noch realisiert.)

Nun stelle man sich mal vor, Miyamoto hätte tatsächlich "Popeye" statt "Donkey Kong" auf den Markt gebracht – mit derselben Mechanik und demselben Leveldesign, nur eben mit anderen, bereits etablierten Figuren. Wäre "Popeye" genauso populär geworden wie das Affenspiel? Hätte es ebenso viele ebenso erfolgreiche weitere Spiele nach sich gezogen? Wäre Popeye heute das Aushängeschild von Nintendo und die bekannteste Videospielfigur des Planeten? Wohl kaum. Es existiert jedenfalls irgendwo im Multiversum eine Parallelwelt, in der es Super Mario nie gegeben hat. Da läuft's mir eiskalt den Rücken herunter ...

Mittwoch, 25. November 2015

Traumprotokoll: Tierquälerei

Ich träumte, Amazon hätte ein Kindle für Haustiere auf den Markt gebracht. Ich kaufte das Modell für Wellensittiche, denn im Traum war ich (wie einst in meiner Kindheit) Halter eines solchen Piepmatzes. Das Gerät funkionierte so: Über das Display wurden Hologramme in Form irgendwelcher für Vögel interessanter Konstruktionen (Klettergerüste, Futterhäuschen) projiziert. Das verstörte meinen Wellensittich mehr als dass es ihn unterhielt, denn Hologramme sind halt nur Hologramme, und das arme Tier schwirrte und irrte aufgeregt durch die bunten Fata Morganas. Zudem war das Konzept unhandlich, denn die Hologramme konnten nur von oben nach unten geworfen werden, d.h. man musste das Kindle für die Dauer der Projektion in den Händen behalten. Ich kam dann auf die Idee, das Gerät mit einem Faden an der Zimmerdecke zu befestigen. Dabei flatterte mir der Wellensittich zwischen die Hände und verhedderte sich in der Garnrolle, bis er von dem Faden beinahe erdrosselt wurde. Mit viel Fingerspitzengefühl gelang es mir zum Glück, den Vogel zu befreien, der dabei dennoch Schaden genommen hatte: Sein Hals war total langgezogen und ihm hing die Zunge aus dem Schnabel. Das sah einigermaßen komisch aus, und ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.

Montag, 23. November 2015

Neulich in der FAZ-Redaktion

Feuilletonkonferenz. Die Frage "Und wer rezensiert das neue Hacker-Sachbuch 'Global Hack'?" steht im Raum. Alle Köpfe drehen sich in Richtung einer Person. "Also gut, ich mach's", seufzt der Gemeinte schließlich, die Augen verdrehend.


Samstag, 21. November 2015

Das C-Wort

Schon Mitte 2010 dokumentierte ich das Verschwinden des Wortes cinema, vor allem in der Bedeutung "Filmtheater", aus dem Wortschatz des (amerikanischen?) Englisch. Zur Untermauerung der Annahme, sich durch Verwendung von cinema heutzutage regelrecht gesellschaftsunfähig zu machen, habe ich nun neues Material gefunden, in Form einer Stand-up-Nummer des US-Comedians Brian Regan aus dem September 2015.
You ever have a friend use a word that's so awkward you consider dropping them as a friend? Like "cinema"? We had this couple over that kept using that word like it was a normal word for people to use. [übertrieben blasiert] "My wife and I like to attend the cinema. We went to the cinema Friday evening. We usually attend the cinema couple of times a month. Do you enjoy the cinema?" ... Can you get out of my house? 'cause we's all going to the movies.

Donnerstag, 19. November 2015

Dienstag, 17. November 2015

Wenn die Meinungsschraube überdreht wird

Warum Kritik an der Facebook-Tricolore unsympathisch ist, erklärte uns heute die Süddeutsche Zeitung. Warum dieser Kommentar wiederum überheblich und keineswegs hilfreich war, wird uns morgen ein beliebiges Watchblog darlegen. Diese fruchtlose Partie Belehrungs-Pingpong wird sodann die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung auf einer halben Seite im Medienteil zerpflücken. In der Woche darauf wird das Ganze noch einmal unter philosophischen Gesichtspunkten in einem überregional relevanten Feuilleton behandelt; die Neon wird das Thema für Twens küchenpsychologisch in der Rubrik "Darum ist das so" aufbereiten; und nächsten Monat wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit endlich jemand die berechtigte Frage stellen, was es über unsere Gesellschaft aussagt, wenn wir kurz nach einer schrecklichen Tat nicht mehr nur über die Tat debattieren, sondern mit derselben Hitzigkeit über unsere Verarbeitung dieser Tat in sozialen Netzwerken.

Die zehnte Auseinandersetzung ermüdet mich dann vielleicht wieder weniger.

(Für Leute aus der Zukunft: Die "Facebook-Tricolore" bezeichnete die Option, über sein Facebook-Profilbild die Flaggenfarben Frankreichs zu legen, um sein Mitgefühl mit den Opfern der Pariser Terroranschläge des 13. November 2015 zu zeigen.)

Montag, 16. November 2015

Die 26 obskursten Kreuzworträtsel-Lösungen in dieser Liste

  • Pferdehaar zum Polstern: Crin
  • Türhaken: Haspe
  • Metallverzierung: Niello
  • Gerüst: Lehrbogen
  • afrikanische Hirsepflanze: Durra
  • junges männliches Schwein: Pölk
  • bronzezeitliches Beil: Kelt
  • spanischer Hirtenjunge: Zagal
  • Sieb in der Technik: Rätter
  • Untergestell von Kanonen: Lafette
  • Weißfisch: Nase
  • Mineral: Eisenrahm
  • Rasensprenger: Regner
  • Blütenstempel: Pistill
  • tropisches Harz zur Lackherstellung: Kopal
  • Wüstenwind in Libyen: Gibli
  • Vorblätter am Maiskolben: Lieschen
  • Ohr des Wildes: Loser
  • Schiffsmarke: Ahming
  • ausgestochenes Rasenstück: Plagge
  • Runde, Rundgang: Ronde
  • dick behaarte Beine: Hummel
  • Anordnung des Sultans: Irade
  • Zinkerz: Galmei
  • Planke an der Schiffsaußenseite: Rüste
  • Kornwurm: Wiebel

Sonntag, 15. November 2015

Wir raten ab

Nachdem am Anfang des Jahres bereits das unrühmliche Produkt "Sante Expresskur Mango" in meinen Besitz gelangt war (Kybersetzung berichtete), ließ ich mich kürzlich, auf der Suche nach Naturkosmetik, im "Basic" dazu hinreißen, eine verheißungsvolle Flasche Rasierschaums derselben Firma in meinen Einkaufskorb wandern zu lassen. Was soll ich sagen? Das hier: Bio-Aloe ist sicher schön und gut, aber mit Schaum hat die penetrant nach Zimt riechende Masse nichts zu tun, höchstens mit jenem Zeug, das nach dem Wasserablassen auf dem Wannenboden übrigbleibt, wenn man ein Schaumbad genommen hat. Die Verwendung kann man sich obendrein sparen; jedes Rasiergel einer beliebigen Drogerie-Hausmarke verrichtet bessere Dienste. Schade ums Geld!


Mein Rasurverhalten dahingehend umzustellen, mir nur noch einmal pro Woche die Halspartie nass zu rasieren und den restlichen Bart mit einem Gesichtshaartrimmer auf zwei Millimeter herunterzustutzen, war indes eine meiner besten Entscheidungen der letzten zwei Jahre und hat mein Leben um mindestens 50 Punkte auf der nach oben offenen Lebensqualitäts-Skala verbessert.

Mittwoch, 11. November 2015

Die Reise nach Afrika (3)

Wir stürzten über einer Lichtung ab, gruben uns aus den Trümmern des Kleinflugzeuges frei und durchforsteten die Umgebung. Nicht weit mussten wir laufen, da wurden wir einer Siedlung ansichtig. Die Siedlungsbewohner krochen nach und nach aus ihren Rundhütten, die aus Waldfruchtmarmelade modelliert waren. Wir verhielten uns ruhig, denn wir wussten nicht, ob sie uns für Wilde hielten. Doch man hieß uns freundlich willkommen. Der Häuptling war von stämmiger Statur und mit Preziosen behangen.

Bemerkenswert war das Verständigungssystem dieses Völkchens. Zum Kommunizieren benutzte man Geschirr! Wollte beispielsweise jemand "Guten Tag" sagen, zerbrach er einen Teller. Wenn eine Versammlung der Ältesten anzukündigen war, wurden drei Tassen und zehn Untertassen auf den Boden geworfen. Und Suppenschüsseln zu demolieren bedeutete: "Wir brauchen neue Suppenschüsseln!" Somit waren die Leute den lieben langen Tag mit dem Anfertigen von Töpferware beschäftigt. Die Männer trugen dabei lediglich Intimtextilien, die Damen waren mit einfacher, aber geschmackvoller Reizwäsche ausgestattet. Nach dem üblichen Geplänkel über Wetter, Befindlichkeit und Benzinpreise taten wir unseren Hunger kund. Laut Wörterbuch mussten wir dazu zwei große Bierkrüge aneinander schlagen. Die Köche servierten uns eine Hausmacherplatte, bestehend aus Palmenblättern, auf Asche erhitztem Bananenmus, Borkenkäfer-Saft, Pinienkernen und einem Soufflé aus Eulenfleisch. Es schmeckte nicht schlecht. Nach dem Essen brauchte nicht abgewaschen zu werden; das angefallene Geschirr nutzte man gleich für beschwingte Konversation. Wir hielten uns 15 Jahre in dem Dorf auf, dessen Name hier leider geheim bleiben muss. Dann reisten wir ab. Vorher zeigten wir dem Häuptling noch den Fadentrickfilm.

In Teil eins dieser Geschichte habe ich von "Scherereien" gesprochen. Ich muss revidieren: Meine Zeit im afrikanischen Busch war gewiss die feinste in meinem Leben. 

ENDE

(Geschrieben im März 2005)

Dienstag, 10. November 2015

Die Reise nach Afrika (2)

Als wir den Äquator überflogen, machten wir alle gleichzeitig "Huiiiiii!!!" Der Professor sagte fröhlich "Ein bisschen Spaß muss sein", um sogleich mit ernster Miene fortzufahren: "Aber nun etwas Anderes. Wir haben vergessen, uns impfen zu lassen. Im afrikanischen Urwald erwarten uns kreuzgefährliche Krankheiten: Malaria, Dengue-Fieber, Flecktyphus und Hepatitis A, B, C, E und B12. Passt also auf, wo ihr hintretet, und esst kein angeschimmeltes Obst, auch wenn es noch so verlockend aussieht!" In dem Moment wurde die Cockpittür aufgetan und unsere Pilotin erschien. "Das Fliegen ist sehr anstrengend", sprach sie. Sie nahm ein Glas aus dem Wandschrank und mixte sich ein Kakaogetränk. Vater wurde nervös. "Und wer steuert in Ihrer Abwesenheit die Maschine?", fragte er. Die Pilotin beschwichtigte: "No worries, Gentlemen! Ich habe das Kleinflugzeug auf einer Wolke gelandet. Wir machen eine kurze Rast." Wir drei Kerle klatschten begeistert. "Ihr könnt mich übrigens Magda nennen", ergänzte sie. Erneut klatschten wir voller Enthusiasmus. Nach einer Viertelstunde ging der Flug weiter.

Beim Durchblättern meines Reiseführers stellten sich die ersten Fragen. "Welchen Stamm werden wir denn studieren?", wollte ich wissen. Windisch meinte: "Den werden wir vor Ort auserkiesen. Lassen wir uns überraschen, wo der Flieger abstürzt." Als es dunkel wurde, legte mein Vater eine Video-CD in ein im Tisch integriertes Abspielgerät. Ein Display wurde sichtbar. "Wir schauen einen Animationsfilm", kündigte Vater an. Dabei handelte es sich um einen sogenannten Fadentrickfilm, der im Trickfilmstudio Dresden produziert worden war. Vor einem tiefschwarzen Hintergrund bewegten sich weiße Bindfäden und stellten die Umrisse verschiedener Protagonisten dar. Eine Stimme sagte den Titel an: "Der Wolf und das Rotkäppchen in der Stadt. Ein modernes Märchen für junge Verkehrsteilnehmer." Dann begann die Handlung. Rotkäppchen: "Hallo, Wolf! Wie komme ich über diese Straße?" Wolf: "Du musst zu Fuß gehen. Auf dem Boden ist ein Fußgängerüberweg." Volkspolizist: "Den habe ich mit weißer Farbe gemalt!" Rotkäppchen: "Ich habe es mir anders überlegt. Ich will auf den Spielplatz gehen!" Wolf: "Dein Fahrrad ist nicht verkehrssicher. Wo ist denn der Gepäckträger für deinen Korb für die Großmutter, die im Altenheim wohnt?"

Schnell wurde es langweilig. Als nächstes sahen wir "Lolek und Bolek", und die Stimmung stieg wieder.

Montag, 9. November 2015

Die Reise nach Afrika (1)

Meine Schwester kam aus dem Schulhort und war grambehaftet. "Ei, was für ein artiges Ränzlein du trägst!", rief ich ihr zu, wie als Aufmunterung. Grund für ihren Kummer war das Hansaplast-Pflaster, das man ihr auf das linke Brillenglas geklebt hatte, um ihr den Silberblick zu nehmen. Ich setzte mir die Narrenkappe auf und hopste keck, damit ein Ulk sei. "Lass mich in Ruh!", fuhr mich Dorothy an (so hieß mein Geschwister-Mensch). Wir zogen uns jeweils in unsere Privatgemächer zurück.

Es muss Schlag drei gewesen sein, als eine unvermutete Störung in die Behaglichkeit der Residenz hineinbrach. Aus einem Zimmer im Westflügel stürmte Vaters Vorgesetzter; er hatte schon seit etlichen Monaten bei uns gehaust, wie später zu erfahren war. In Bälde stieß Vater selbst hinzu und machte Tumult. Die beiden Wissenschaftler suchten mich! Hätte ich mich besser versteckt gehalten, wären mir die folgenden Scherereien erspart geblieben ...

Zur Erklärung: Professor Theobald Windisch war Leiter des Lehrstuhls für "Ethnologie und Interessantes" an der Universität Helgoland. Bei ihm beschäftigt war mein Vater, Wissenschaftler auf dem Gebiet der Schnalz-, Klopf- und Zwitschersprachen indigener Völker. Heuer sollte der Forschungsetat in die Erkundung von Buschmännern und -frauen gesteckt werden, erklärte mir Vater. Windisch hatte eine Reise nach Schwarzafrika geplant, deshalb waren die zwei auch so aus dem Häuschen.

"Was ficht mich das an?", fragte ich. "Von mir aus könnt ihr ruhig die gesamten Ferien auf Achse sein." Der Professor zwinkerte meinem Vater verschmitzt zu. "Junger Bursche", sagte er dann, "wir dachten uns, dass du uns auf der Expedition behilflich sein könntest." – "Warum dies?", versetzte ich. Vater antwortete: "Du bist doch auf dem Gebiet der Naturheilkunde sehr bewandert. Das könnte sich im tiefen Dschungel als nützlich erweisen!" Es stimmte. Als angehender Pharmazeut hatte ich mir die Kräuterkunde als Lieblingsdisziplin ausgewählt. Nach knapper Bedenkzeit verkündete ich: "Wohl, ich bin dabei. Ein Abstecher in die Wildnis kann meinen Horizont nur erweitern. Wann soll die Reise losgehen?" – "Jetzt", sagte Windisch. "Wir nehmen mein privates Kleinflugzeug. Es braucht kein Kerosin, sondern lediglich reines Olivenöl." – "Herrlich!", jauchzte Vater. "Lasst uns rasch packen. Jeder nimmt einen Tornister mit. Spute dich, mein Sohn. Und sag deiner Schwester Adieu!"

Ich ging in Dorothys Spielsaal, doch sie hatte keine Zeit für mich. Sie spielte mit ihren neuen Freunden – das waren: ein Löwe, eine Vogelscheuche und ein Zinnmann. Nach dem Fünfuhrtee trotteten wir auf die Startbahn. Worauf hatte ich mich hier eingelassen?

Sonntag, 8. November 2015

Scheidende Scheiben

Eigentlich wollte ich heute die jährliche Einkommensübersicht für meinen Steuerberater erstellen, aber jetzt prokrastiniere ich lieber: nämlich indem ich Audio-CDs digitalisiere und darüber schreibe. Bei den Audio-CDs handelt es sich um gebrannte Musikalben, die ich ab sofort nicht mehr in der Wohnung verstauben lassen will. Zu dieser Entscheidung bin ich gelangt, als Amazon vor ein paar Tagen "Prime Music" einführte, einen Streamingdienst, den ich als Prime-Kunde kostenlos nutzen kann. Das Angebot umfasst nicht nur langweiligen Mainstream, sondern auch Musik, die mir zusagt und/oder solche, die ich bereits besitze. Das ist in jenen Fällen leicht ärgerlich, wo ich für diese Musik bereits bezahlt habe (was seit ein paar Jahren mein Standard der Musikbeschaffung ist); teils betrifft es aber auch Alben, die ich als illegal gerippte CDs im Regal stehen habe. Und weil ich die nun in den Müll schmeißen kann, nutze ich die Gelegenheit, auch die nicht bei Amazon verfügbaren Alben zu entsorgen – nicht ohne sie vorher (so sie mir überhaupt noch gefallen) als MP3s auf meinem Rechner zu speichern. Original-CDs behalte ich freilich. Wie ich mit Zeug verfahre, das ich bereits auf der Festplatte liegen habe und das nun bei "Prime Music" zur Verfügung steht, weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich lösche ich es einfach, denn Amazon wird die Alben schon nicht einfach wieder aus seinem Sortiment nehmen, oder? Oder? Wann habe ich eigentlich zum letzten Mal ein Album auf CD gebrannt? Das muss gut zehn Jahre her sein. Wann ich zum letzten und zum vorletzten Mal physische Audiodatenträger gekauft habe, ist ja hinreichend dokumentiert. (Nebenanmerkung zum Komplex Amazon & Musik hier.)

Freitag, 6. November 2015

MÜSSEN WIR ALLE ERFRIEREN?

Anfang der Woche schreckte uns "Spiegel online" mit dieser Schlagzeile auf: "Gasspeicher so leer wie noch nie im Herbst".

"Leer wie nie": eine Phrase, die einmal mehr zeigt, wie gut der Spiegel in Sprachdingen inzwischen mit der Bild mithalten kann ("Anni Friesinger nackt wie nie!"). Das Adjektiv "leer" definiert der DUDEN so: "nicht mit etwas gefüllt; ohne Inhalt". Ein Gasspeicher kann schlechterdings nicht eben mal "ein bisschen leer" oder gar "leer wie nie" sein. Ich könnte mich eventuell auf die Formulierung "leerer als im Vorjahr" einlassen, wenn verdeutlicht werden soll, dass in einem Behälter weniger drin ist als im Jahr davor. Oder warum nicht wie die FAZ, welche "Spiegel online" in seinem Artikel verlinkt, einfach "Gasreserven so gering wie lange nicht" schreiben? Das wäre freilich weniger reißerisch.

Aber wie leer sind die Erdgasspeicher denn nun? "Fast leer!", schrei(b)t ähnlich panisch "Focus online". Das Wirtschaftsministerium weiß es genauer: Die Füllstände betragen 77 Prozent. Aha. Da kann man schon mal durchdrehen. Erinnern wir uns an das Jahr 2013, als unisono vor einem kommenden Fimbulwinter gewarnt wurde, der uns, wenn nicht das Leben, so doch mindestens horrende Energienachzahlungen kosten würde. "Die Jahresrechnung 2013 könnte um bis zu 18 Prozent höher liegen als im vergangenen Jahr, wie aus einer Schätzung des Deutschen Mieterbundes (DMB) hervorgeht", wusste die Welt. Und schon im November 2012 hatte die Bild den "teuerste[n] Winter aller Zeiten" ausgerufen. Dazwischen dann immer wieder die Angstmacherei davor, dass uns der Russe den Gashahn zudreht. Ja, es wurde eine ungemütliche Jahreszeit, aber trotzdem kannte ich keine Person in meinem Umfeld, die dabei einen Zeh verlor oder einen Kredit aufnehmen musste, um die nächste Nebenkostenrechnung zu begleichen. Ich habe sogar ein paar Euro rückerstattet bekommen; dieses Jahr übrigens auch.

Deutsche Medien sollten sich in manchen Dingen die Gelassenheit Österreichs zum Vorbild nehmen: "Die österreichischen Gasspeicher sind heuer etwas weniger gefüllt als im Vorjahr. Das sei aber kein Problem, da einerseits Österreich traditionell eine der höchsten Deckungsquoten in Europa habe und andererseits die Lage in der Ukraine stabiler sei, sagte OMV Vizepräsident Controlling, Christoph Trentini, am Donnerstag bei der Gewinnmesse." (Tiroler Zeitung, 15.10.2015)

(Noch eine semantische Spitzfindigkeit als Zugabe. Der Geschäftsführer von Deutschlands größtem Gasnetzbetreiber erklärt, was das Gegenteil von "leer" ist: "Voll sein heißt 95 Prozent plus x." Wäre also auch das geklärt.)

Montag, 2. November 2015

Neues von der Sprachnörgel(s)front


Müsste ich die SZ-Rubrik "Sprachlabor" betreuen, hätte ich schon längst stinksauer angedroht, den Job zu schmeißen. Da schmiere ich mir lieber ein paar Brote.

Sonntag, 1. November 2015

Serientagebuch: Oktober

01.10. The Last Man on Earth 2.01
South Park 19.03
Gotham 2.01
The Office 5.20 (RW)
03.10. Low Winter Sun 1.08
Backstrom 1.06
04.10. Boardwalk Empire 2.08
The Office 5.21 (RW)
Akte X 5.15 (RW)
05.10. Weeds 1.06
08.10. The Simpsons 27.02
Homeland 4.08
The Big Bang Theory 9.03
10.10. The Last Man on Earth 2.02
Bosch 1.09
Dr. House 7.21
Family Guy 14.02
12.10. Gotham 2.02
17.10. South Park 19.04
Homeland 4.09
18.10. Bosch 1.10
19.10. Doctor Who 9.03
Doctor Who 9.04
Doctor Who 9.05
20.10. Hustle 5.03
The Big Bang Theory 9.04
The Big Bang Theory 9.05
21.10. The Simpsons 27.03
The Simpsons 27.04
Dr. House 7.22
Dr. House 7.23
22.10. South Park 19.05
Homeland 4.10
The Office 5.22 (RW)
The Last Man on Earth 2.03
Family Guy 14.03
23.10. Homeland 4.11
Homeland 4.12
Weeds 1.07
24.10. Ripper Street 1.01
The Office 5.23 (RW)
The Office 5.24 (RW)
25.10. Homeland 5.01
Homeland 5.02
26.10. Family Guy 14.04
American Horror Story 5.01
American Horror Story 5.02
American Horror Story 5.03
27.10. The Simpsons 27.05
Low Winter Sun 1.09
29.10. Firefly 1.01
31.10. The Last Man on Earth 2.04
The Last Man on Earth 2.05

Ich bin mit so einigem fertiggeworden diesen Monat! Dr. House ist ein weiterer Beweis dafür, dass Staffeln mit über 20 Episoden selten eine gute Idee sind; die 7. Staffel wirkte einfach nur wie künstlich in die Länge gezogen. Zudem war die Hauptfigur zum Ende hin viel zu überzeichnet für meinen Geschmack. Die Schlussszene hat mir dann aber doch Lust auf die achte und letzte Staffel gemacht. Und in Folge 22 hat es die Serie zum ersten Mal (erstaunlich spät!) geschafft, dass mir ein wenig schlecht wurde – Stichwort: Tumorentfernung in der Badewanne. Die vierte Season von Homeland wiederum war die großartigste seit der ersten. Ich mag es, dass die Geschehnisse der Vergangenheit praktisch keine Rolle mehr spielen. Bosch hatte ein unspektakuläres Ende, war aber mehr als durchschnittliche Krimikost und zeigt, dass Amazon im Serienbusiness einen guten Weg eingeschlagen hat. Low Winter Sun hätte ich mir gerne erspart, aber ich fühle mich halt verpflichtet, jede Serie, die ich beginne, auch zu Ende zu schauen, so wie ich auch ein Buch nicht einfach mittendrin abbrechen kann. Naja, wenigstens die Musik war ganz nett.

Samstag, 31. Oktober 2015

Videospieltipp: The Beginner's Guide

Schnellschuss-Blogeintrag, solange meine Eindrücke noch frisch sind!


Ich habe gerade "The Beginner's Guide" durchgespielt, das neue Adventure von Davey Wreden, dem Macher von "The Stanley Parable". Dieser führt uns diesmal als Erzähler durch das Spiel, welches eigentlich eine Aneinanderreihung von Spielen ist, die ein Freund von Davey namens "Coda" zwischen 2008 und 2011 erstellt, aber nie veröffentlicht hat. Wir manövrieren uns durch diese (teils unfertigen) Spiele und versuchen dabei gemeinsam mit dem Erzähler, die Absichten, Gedanken und vor allem die Gefühle ihres Schöpfers zu ergründen. Mehr möchte ich (wieder einmal) nicht verraten. 

Spielerisch fordernd ist "The Beginner's Guide" nicht, böswillige Zeitgenossen könnten es als "Walking-Simulator" abtun. Aber es kommt, wie schon bei "The Stanley Parable", auf das Erlebnis, auf die Erfahrung an. Und die wird man garantiert nicht vergessen, auch wenn sie – zumal für 8,99 € – nicht besonders lang ausfällt (ich war nach circa anderthalb Stunden fertig). Ich möchte hier einfach Patrick Mittler aus der aktuellen GameStar sprechen lassen: "Vielleicht ist das für manche nur prätentiöse Pseudo-Philosophie, die sich etwas zu selbstverliebt in der intellektuellen Metaebene eingenistet hat. Für andere, und da zählen wir uns dazu, ist es ungemein bereichernde Videospielkunst, die ganz bewusst mit allen Merkmalen des Mediums spielt". Zu jenen anderen möchte auch ich mich zählen; ich persönlich konnte jedenfalls beinahe mehr emotionale Anknüpfungspunkte finden, als mir lieb gewesen wäre. Zu loben sind auch die angenehme Sprecherstimme von Herrn Wreden sowie die gelungene, unaufdringliche Musikuntermalung. "The Beginner's Guide" gibt es auf Steam und im Humble Store. Hach, wir Fans kluger Indiespiele leben in einer güldenen Ära ...

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Montag, 26. Oktober 2015

Die spinnen, die Götter

Ich stelle mir immer mal wieder die Frage, wie viele Gottheiten es wohl gibt, die in Spinnenform auftreten. Einigermaßen bekannt ist die westafrikanische Trickster-Gottheit Anansi, die sogar in Neil Gaimans Roman "American Gods" auftaucht. Aber kennt die Menschheit noch andere? Ich habe auf der Website Godchecker.com nach dem Stichwort "spider" gesucht und einige relevante Resultate gefunden.

- In den Mythen der nordperuanischen Moche gibt es einen "Gott der Enthauptung" namens Ai-Apaec. Er erscheint wahlweise als Krabbe, als Oktopus oder eben als Spinne.
- Die altgriechische Arachne ist als spinnengestaltige Göttin des Handwerks auch für die Domäne des Webens zuständig. Mit Athene soll sie sich mal einen Web-Wettstreit geliefert haben.
- Auf Nauru kennt man die große Spinne Areop-Enap (wörtlich "Alte Spinne"), welche vor der Schöpfung allein mit dem endlosen Ozean im All umhergeschwebt ist. Außerdem gibt es die "Junge Spinne" Areop-It-Eonin.
- Weitere Gottheiten in Spinnengestalt: Ictinike, ein Trickster der Plainsindianer Nordamerikas; Kananeski-Anayehi, die Feuergöttin der Cherokee; Koyangwuti, bei den Hopi eine (Mit-)Erschafferin der Menschen; Nareau, die kiribatische Entsprechung von Areop-Enap; davon abstammend: Te-Ikawai ("but he may not be a spider himself", Godchecker.com); Nyiko, heldenhafter Spinnenmann in Kamerun; Sussistanako, eine mächtige und schlaue Spinnengöttin in der Pueblo-Kultur. Ansonsten spielt die Spinne als namenlose Figur in einigen Schöpfungsmythen kleinere und größere Rollen.

Man sieht: Gottheiten in arachnoider Gestalt finden sich abgesehen vom griechischen Pantheon nur außerhalb Europas und Asiens: in Ozeanien, Afrika und Amerika. Vereinzelt sind bildhafte Darstellungen überliefert; Fotos von Statuen, Skulpturen o.ä. konnte ich leider nicht finden. Ich stelle es mir superfaszinierend vor, wie riesige steinerne Spinnentiere von knienden Kultisten angebetet werden.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Spaß mit der Zeitumstellung

Gestern bin ich extra ein bisschen länger aufgeblieben, um heute länger zu schlafen und an den kommenden Arbeitstagen nicht sinnlos zeitig aufzuwachen und zu -stehen. Heute früh wache ich also auf, schaue hoffnungsfroh auf mein Handy und lese: 8 Uhr 15. 'Fuck!', denke ich. 'Das heißt, es ist erst viertel nach sieben. Wenn ich mich jetzt aus dem Bett quäle, dreht meine innere Uhr völlig durch.' Ich muss also unbedingt wieder einschlafen, was mir erstaunlicherweise gelingt! Nach einer angenehmen Tiefschlafphase mit (harmlosen) Busverpassenstraumsequenzen werde ich schließlich endgültig wach. Ich sehe aufs Handy: 10 Uhr 57. Perfekt! Es ist folglich kurz vor zehn, und das wäre auch morgen eine akzeptable Aufstehzeit. Ich schlurfe ins Wohnzimmer, und mich trifft der Schlag: Wanduhr und Thermostat zeigen 11 Uhr 57 an! Mein smartes Phone hat sich in der Nacht automatisch auf Winterzeit umgestellt; 8 Uhr 15 war's somit wirklich 8 Uhr 15. Da hätte ich durchaus aufstehen können. Jetzt ist es 12:08, ich sitze im Bademantel kaffeetrinkend vor dem Notebook und freue mich schon darauf, mir morgen den Wecker stellen zu dürfen.

Freitag, 23. Oktober 2015

(Don't) whistle while you work

Schon vor längerem hatte ich versprochen, mich eingehender mit der Kulturgeschichte des Pfeifens zu befassen und meine Erkenntnisse (i.e. zusammengegoogeltes Halbwissen) hier vorzustellen.

Auf der Seite examiner.com wurde 2010 die Frage gestellt, wo die Ursprünge des "wolf whistle" liegen, also jenes bekannten Zweiton-Pfiffs, den manche Männer beim Anblick einer attraktiven Frau hervorstoßen. Der Examiner verweist auf den altrömischen Komödiendichter Plautus, in dessen Stück "Mercator" (ca. 200 v. Chr.) es in der 5. Szene des 3. Kapitels heißt: "Wenn [unsere Mutter] durch die Straßen geht, betrachten sie doch alle, gaffen, nicken, pfeifen, foppen sie und sticheln, zwinkern mit den Augen, rufen ihr nach, belästigen sie gar." Dies ist womöglich die erste Erwähnung des Frauen-Hinterherpfeifens in der Geschichte! Auch die Verbindung lüsternen männlichen Verhaltens mit Wölfen wurzelt im alten Rom, lässt uns der Examiner wissen. Die Luperkalien waren das "Hauptfest des italischen Herdengottes Faunus, der den Beinamen Lupercus (lateinisch: 'Wolfsabwehrer') führte" und ein angeblich noch auf Romulus zurückgehendes "Reinigungs- und Fruchtbarkeitsfest." (Wikipedia)

Wenn man noch weiter forschte, würde man bestimmt Hinweise darauf finden, dass die Verbindung Wolf/Hund -- (junger) Mann/Männerbünde bis in die ur-indogermanische Zeit zurückreicht; auf meiner Festplatte liegt z.B. ein Aufsatz von George Hinge (2006), "Völkerwanderungen in Herodots Geschichtswerk", in welchem steht: "In mehreren indogermanischen Gesellschaften ist eine besondere Erziehungsinstitution bezeugt, nach der die Jungen in einer längeren Periode von der Gesellschaft getrennt lebten. Sie galten als besitzlos, lebten vom Diebstahl und verweilten in der Gemarkung. [...] Unter den Indogermanen ist wohl die spartanische κρυπτεία am besten bekannt, aber auch die alten Germanen und Kelten hatten derartige Jugendgruppen (altirisch fían), die in den Quellen oft mit Hunden oder Wölfen verglichen oder identifiziert werden. Das kimmerische Heer in Kleinasien soll nach dem späten Autor Polyainos (Strat. 7.2.1) von 'tapferen Hunden' niedergekämpft worden sein. Der russische Gelehrte Askold Ivantchik meint, dass diese Hunde in Wirklichkeit eine Bande von skythischen Jungen waren. [...] Eine assyrische Urkunde aus der Regierungszeit Assarhaddons erwähnt einen skythischen König namens Išpakaya, d.h. 'Hund', und die berühmte persische Behistūn-Inschrift zeichnet einen Stamm namens Sakā Haumawarkā, 'Somawolfsskythen', auf."

Aber warum ist ausgerechnet das markante "pfeif-pfeif" ('whip-woo') zum prototypischen Weiberbelästigungspfiff geworden? Wikipedia kennt die Antwort: Dieser Ton ist der im Englischen "General Call" genannte Standardsignalton einer Bootsmannpfeife. Ursprünglich diente er nur dazu, allgemein Aufmerksamkeit an Bord zu erzeugen. Nach und nach wurde es unter Matrosen auf Landgang Mode, diesen Ton mit den Lippen zu imitieren, sobald man eine Frau erblickte. Nicht-Seemänner haben das dann irgendwann übernommen.

Doch Moment! Wieso heißt dieser Pfiff nun "wolf whistle"? Bestimmte männliche Verhaltensweisen als "wölfisch" zu charakterisieren, ist eine Sache, aber pfeifen tun Caniden ja eher nicht. Fakt: Die Bezeichnung "wolf whistle" taucht erstmals Mitte der 1940er Jahre auf (vgl. Google Ngram Viewer). Hatten vielleicht Zeichentrickfilme à la "Looney Tunes" einen Einfluss darauf? Ein User im Straight-Dope-Forum verlinkt einen aussagekräftigen Videoausschnitt aus Tex Avery von 1943. Wer den Ausdruck geprägt hat, ist damit aber auch nicht geklärt.

PS: Hey, jetzt könnte ich sogar den Bogen zum vorherigen Blogeintrag spannen, in dem es ja auch um "hündisches Auftreten" ging. Aber das überlasse ich euch selbst.