Dienstag, 29. Dezember 2015

Euphonie

Ich habe noch nie in meinem Leben geskypet. Also: geskypet im Sinne von videotelefoniert. Wohl aber habe ich in Prä-WhatsApp- und Facebookchat-Zeiten Skype als Instant Messenger benutzt. Jedenfalls prangten einmal in der "Away"-Zeile eines Skype-Kontaktes die Worte CELLAR DOOR. Ratlos ob deren tieferen Sinn konsultierte ich Wikipedia. Dort stand: "The English compound noun cellar door (especially in its British pronunciation) is commonly used as an example of a word or phrase which is beautiful in terms of phonaesthetics (sound) with no regard for semantics (meaning)."

Aha. Cellar door. Cellar door. Cellar door. Ich bin kein Muttersprachler, aber in meinen Ohren klingt das Wort nicht überragend schön. Viel besser finde ich zum Beispiel lozenges ("Hustenpastillen"). Es gibt auch hässliche Wörter, aber die stören kaum, hört man sie doch nur den Bruchteil einer Sekunde. Fieser sind da schon manche Lieder, die man in der Regel länger als drei Minuten aushalten muss, z.B. wenn man bei jemandem im Auto mitfährt.

So geschehen vor etwa viereinhalb Jahren. Es war dies das letzte Mal, dass ich den Service der Mitfahrzentrale nutzte, und dabei erwischte ich eine ganz und gar unausstehliche Fahrerin, eine (hier passt nur das wahrlich grässlich klingende Wort) Tussi, die nicht nur extrem aggressiv fuhr, sich über jeden, der sich auf der linken Autobahnspur mit weniger als 160 km/h bewegte, lauthals beschwerte und sich obendrein zu fein war, ihren Gurt zu benutzen, sondern immer wieder inhaltlich wie formal saudumme Sätze wie "Wessis können nicht Auto fahren", "Mein Freund geht mir manchmal aufs Schwein, das ist voll der Hass" oder den Klassiker "Ich hab nichts gegen Ausländer, aber ..." äußerte. Und als hätte das nicht genügt, lief, wie bei langen Autofahrten üblich, das Radio. Mit Chartstürmern wie David Guetta oder der einen, die immer "Hello!" singt, konnte und kann ich mich ja arrangieren. Aber das allerallerdämlichste, unerträglichste Dreckslied des damaligen Sommers war ohne Zweifel "On the Floor" von Jennifer Lopez featuring Pitbull. Wer's nie gehört hat, lebt ein glückliches Leben! Es handelte sich um einen primitivst zusammengerotzten Remix des Lambadas (!) und nervte nicht nur mit hirnerweichenden Melodie-Parodien, sondern auch mit textlichen Ergüssen der Oberklasse: "It's a new generation of party people. Let me introduce you to my party people in the club. [...] Pick your body up and drop it on the floor. Let the rhythm change your world on the floor. You know we're running shit tonight on the floor. Brazil, Morocco, London to Ibiza, straight to LA, New York, Vegas to Africa. Dance the night away, live your life and stay young on the floor. Dance the night away, grab somebody, drink a little more. Lalalalalalalalalalalalalala (sic!)." Und meine widerliche Fahrerin sah nicht ein, den Sender zu wechseln oder wenigstens die Lautstärke minimal zu drosseln.

Da hört man doch lieber "Dat du min Leevsten büst". Dieses Volkslied, das wir ständig in der Schule singen mussten, ist zwar auch leicht doof, aber immerhin kommt das Wort "Kammerdör" drin vor, und das klingt ja fast wie cellar door.

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