Sonntag, 30. November 2014

Stellungnahme

Liebe Leserinnen und Leser,

bevor in ein paar Jahren irgendwer in diskreditierender Absicht anfängt, in meinem sprichwörtlichen Müll zu wühlen, gehe ich in die Offensive und packe aus:


Auf diesem Foto – das den Metadaten zufolge im Juni 2008 entstand – trage ich ein sexistisches T-Shirt (beziehungsweise ein T-Shirt mit sexistischen Motiven; ein Kleidungsstück selbst kann ja nicht sexistisch sein). Detailansicht:


Es gibt dafür keine Entschuldigung. Ich hatte das Shirt im Wal-Mart gekauft, weil mich die Farben, der Stoff und überhaupt die ganze "Sommerlichkeit" des Textils angesprochen hatten. (Und die Blütenstempel sind Totenköpfe. Totenköpfe!!!) Über die Art und Weise, wie hier Frauen objektifiziert werden, habe ich seinerzeit nicht nachgedacht. Ich bekam auch keine Beschwerden aus meiner Peer group zu hören. Erst jetzt, nach über sechs Jahren und im Zuge von #shirtgate, sehe ich mich zu tieferer Reflexion bemüßigt.

Full disclothesure: Dieses Hemd befindet sich immer noch in meinem Besitz.
Bildrechtliche Anmerkung: Ich habe versucht, anhand der Spiegelung in meiner Sonnenbrille zu erkennen, wer mich damals fotografiert hat; es ist mir nicht gelungen.

Samstag, 29. November 2014

Bronze Knowles

Bronze ist ein absonderliches Wort. Warum wird es "Brongße" ausgesprochen? Und reimt sich nicht auf Bonze? Und wie spricht man Beyoncé aus? Keine Ahnung. Aber: Ich weiß, wie man den auch in deutschen Landen geläufigen Namen ihrer Schwester Solange ausspricht. Ich weiß sogar, wie man Kanye West ausspricht: so wie man's schreibt. Ich hörte aber auch schon die Aussprachevarianten "Kayne West" und "Kyane West".

Die Lautfolge ongße aus Bronze gibt es noch in einem weiteren Wort. Wer es errät, bekommt ein Bongßel. Ach, da hab ich's schon verraten. Bongßel ist eine sächsische Verkleinerungsform von Bonbon. Geschrieben sehe ich dieses Wort allerdings gerade zum ersten Mal.

(Mein Fremdwörterbuch von 1867 gibt für Bronze übrigens noch den Aussprachehinweis "Bróngß'" und die Alternativschreibung "Bronce" an.)

Donnerstag, 27. November 2014

Betr.: Wortergänzung, Extras, Umschlag-Anschlag

Auszug aus meiner Auto-Wortergänzungs-Liste im LibreOffice Writer: Abwrackprämie, Baader-Meinhof-Komplex, Bärenragout, Behindertenwitze, Durchschnittsfranzösin, Folterknast, Fußfetisch, Gelschinken, Prinz-Albert-Ring, Rattenbetreuung, Scheiß-Navi, Tulpenbeet, Umstrukturierungsmaßnahmen, Vanilleduftkerzen, Zungenwurst.

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Wenn ein unbekannter Schauspieler einen Mini-Auftritt in einer Serie oder einem Film hat, nennt man es "Statistenrolle", bei einem Prominenten, z.B. einem Regisseur, heißt es "Cameo". Wäre ich haupt- oder nebenberuflich Statist, würde ich meine Auftritte einfach auch immer zu "Cameos" aufhübschen: "Habt ihr's gemerkt? Im letzten 'Tatort' hatte ich eine 5-Sekunden-Szene als Kellner im Hintergrund. Voll der kultige Cameo!"

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31.1.2011
"Sehr geehrter Kunde, für Ihre Konten wurden insgesamt mehr Auszüge erstellt als in ein Versandkuvert verpackt werden können. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass Ihre Auszüge in einem oder mehreren separaten Versandkuverts verpackt worden sind."
Dieser Hinweis wiederum kam in einem weiteren separaten Kuvert. Doiiiiiii!

Dienstag, 25. November 2014

Mehr Pornöses

1. In meiner Facebooktimeline erschien kürzlich ein Link zu diesem Gawker-Artikel, der sich mit Grief porn befasst: "Like regular pornography, it offers a packaged, heightened jolt that mimics a natural, human experience. It's voyeuristic, addictive, and compulsively attractive. It grabs at a desire to indulge when indulgence is otherwise unavailable. It promises a brief, satisfying release."

2. Auf Nerdcore wiederum (das mir ehrlich gesagt immer mehr auf die Nüsse geht) war bereits zweimal die Rede von Ganja porn (oder halt, in nerdcore-typischer Schreibweise, "Ganja-Porn").

Dies ist ein Nachtrag zu:
Die neuen Pornos sind da!
Porno-Update
Make love, not porn
Noch mehr -porn

Montag, 24. November 2014

Aufgeschnappt und aufgeschrieben

Beim Spazierengehen belausche ich gerne meine Mitmenschen. Dabei erhasche ich manchmal ganz lustige Sätze. Zum  Beispiel gestern (Gedächtnisprotokoll):

- Frau 1, anderer Frau begegnend: "Na, auch an der frischen Luft, Vitamin D holen? Ab 60 braucht man ja viiiiel Vitamin D, hat mir mein Frauenarzt gesagt."
- Frau 2: "Ach so? Man lernt jeden Tag was Neues ..."
- Frau 1: "Ja ja. Na dann, schönen Sonntag noch!" (ab)
- Frau 2 (zu ihrem Begleiter): "Wer war das noch mal? Ich bin so schlecht mit Namen."

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Ein Mann steht vor dem Infoladen eines sozialen Projekts. Eine Frau tritt heraus.
- Frau: "Kommen Sie doch rein! Sie können sich gerne informieren."
- Mann: "Ich dachte, das ist hier ein Café oder so ..."
- Frau: "Nein, nein, wir sind ein soziales Projekt."
- Mann: "Ach so ... Ich komme nämlich gerade aus der Kirche. Katholisch, wissen Sie?"
- Frau: "Oh ..."

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Jugendlicher zu anderem Jugendlichen: "Ey, weißt du, die Rapper von heute geben sich gar keine Mühe mehr. Ich glaub echt, ey, die können einfach irgendwas schreiben, und das verkauft sich trotzdem!"

Samstag, 22. November 2014

Weidenkätzchen

Theodora war aufgeregt wie eine Grasmücke beim Winterschlussverkauf. Noch zwanzig Minuten waren es, bis ihre praktische Führerscheinprüfung beginnen sollte; zwanzig Minuten, die sich quälend lange hinziehen würden, wie dreißig Minuten oder fünfunddreißig. Gestern hatte Theodora extra den ganzen Nachmittag geübt, hatte den Ford Ka ihrer Eltern entwendet und war bis nach Belgien gebraust. Insofern war sie ziemlich gut vorbereitet und hatte also überhaupt keinen Grund, nervös zu sein. Aber so war das halt: Die vermaledeite Körperchemie hatte auch bei dem Bewerbungsgespräch vergangene Woche für innere Anspannung gesorgt, und zehn Monate davor für innere Anspannung bei ihrem mündlichen Deutsch-Abi. Beide Situationen hatte Theodora mit Bravour gemeistert. Bereits zwei Minuten nach dem Ende des Bewerbungsgesprächs – Theodora befand sich noch im Treppenhaus der Firma – hatte ihr Telefon geklingelt, und dran war der Personalchef. "Das war ein sehr gutes Interview gewesen", sagte jener. "Kommen Sie doch nächste Woche zum Arbeiten vorbei. Wir zahlen auch!"

Morgen wollte sie ihren neuen Job antreten. Doch dazu brauchte sie einen Führerschein, denn das Unternehmen, eine "Tiefkühlagentur" (was immer das sein sollte), war ansässig in einer Gegend, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur unter mehrmaligem Umsteigen zu erreichen war: S-Bahn, Bus, S-Bahn, Regionalexpress, Bus, Fähre, Bus. "Standortvorteil Standortnachteil" hatten sich die Firmengründer wohl gedacht. Kurzum: Mit einem eigenen Vehikel wäre Theodora unabhängig und könnte mit einer Sorge weniger ins Berufsleben starten. Einen Wagen hatte sie sich bereits ausgesucht und zurücklegen lassen: einen Toyota Avensis, den sie von ihrem Abiturgeld bezahlen wollte. Jede Abiturientin und jeder Abiturient bekam heutzutage je nach Notendurchschnitt einen Geldbetrag von der Schule ausgezahlt, und in Theodoras Fall hatte dies für einen Mittelklasse-Kombi gereicht.

Nach nur zwanzig Minuten waren die zwanzig Minuten um. Herr Jackisch, Theodoras Fahrlehrer, rollte in seinem Auto auf den Hof der Zulassungsstelle. Im Fond saß ein ihr unbekannter, rundlicher Mann; das musste der Prüfer sein. "Theißen, guten Tag", sagte letzterer. "Hinein in die gute Stube, hähä!" (Theodora wusste nicht, wie der Name des Prüfers geschrieben wurde, er hörte sich jedenfalls an wie "Theißen".) Herr Jackisch rutschte auf den Beifahrersitz und Theodora nahm vor dem Lenkrad Platz. Herr Theißen klebte sich einen Schnauzbart auf die Oberlippe und sprach mit sanfter Stimme: "So, stellen Sie erst mal alles ein, wie Sie es für richtig halten: Außenspiegel, Innenspiegel, Radio. Suchen Sie ein schönes Programm raus, am besten den Heimatsender." Theodora ließ den Sendersuchlauf zweimal durchwuseln, doch einen "Heimatsender" konnte sie nicht finden. "Hmm, war da irgendwas bei, das Ihnen gefallen hat?", fragte sie den Prüfer. Dieser kratzte sich am Kinn und sagte: "Nicht so richtig. Aber vielleicht hat der Suchlauf was übersprungen oder es kam gerade Werbung. Lassen Sie's noch einmal durchrollen, bitte." Doch Theodora stieß auch bei diesem Versuch auf keinen gescheiten Kanal. "Das gibt's doch nicht!", schimpfte Herr Theißen und riss sich den künstlichen Schnauzbart herunter. "Heute morgen habe ich doch noch diesen wunderbaren Heimatsender gehört. Da kam Volksmusik und Schlager und Wetterbericht für die ganze Republik. Kennen Sie vielleicht die Frequenz, Herr Jackisch?" Der Gefragte zuckte mit den Achseln. Theodora bemühte ein weiteres Mal den Suchlauf. Mindestens ein Dutzend Sender ertönten, darunter die Jugendwelle, der Kirchenfunk und das Belgisch-Kongo-Folk-Rock-Radio, doch Heimatkanal? – Fehlanzeige. "Sakrament!", rief plötzlich Herr Theißen und klebte sich geistesgegenwärtig den falschen Bart wieder an. "Jetzt läuft die Prüfung schon eine Viertelstunde, und wir haben noch keinen Kilometer zurückgelegt. Vergessen Sie das Radio. Fahren Sie! Wir müssen doch noch zu Opa Waldemar!" – "Der soll mal einen Becher vier Wochen überlagerter Margarine ausgelöffelt haben", flüsterte Herr Jackisch herüber.

Leicht verwirrt steuerte Theodora das Fahrzeug auf die Straße. "Sehr gut, sehr gut", schnaufte Theißen anerkennend. "Und jetzt auf die A3!" Theodora tat wie verlangt. Die Autobahn war verhältnismäßig leer. Herr Theißen rutschte aufgedreht wie ein Vorschulkind im Zuckerrausch auf der Rückbank herum. "Schneller!", jauchzte er. "Viel schneller!" Theodora reizte den Tacho aus, bis ihr unbehaglich wurde. "Jaaa", jubelte der Prüfer, "so gefällt mir das. Als nächstes halten wir auf einem Rastplatz. In zwei Kilometern kommt einer..." 'Was soll denn das für eine Prüfung sein?', wunderte sich Theodora, als sie das Tempo drosselte, um den allmählich sichtbar werdenden Rastplatz anzusteuern. Nachdem der Wagen zum Stehen gekommen war, sagte Herr Theißen: "Danke. Warten Sie bitte hier. Ich habe etwas zu erledigen." 'Bestimmt muss er pinkeln', dachte Theodora. Als sie grinsend zu Herrn Jackisch schaute, bemerkte sie, dass ihr Beifahrer eingeschlafen war.

Herr Theißen war inzwischen ausgestiegen und eilte zielstrebig auf einen Strauch zu. Dort begann er aber keineswegs mit der Verrichtung eines allzu menschlichen Geschäfts, sondern ... mit dem Sammeln von Weidenkätzchen. Ein Blütenkätzchen nach dem anderen brach er ab und warf es in eine Plastiktüte von "Conrad", die er aus seinem Mantelinneren gezogen hatte. Ungläubig beobachtete Theodora das Geschehen und fragte sich, ob hier nicht ein grober Verstoß gegen das Naturschutzgesetz ablief. Nach circa zehn Minuten war der Weidenstrauch ratzekahl. Ein paar Kätzchen hatte Theißen sogar mitsamt den Zweigen entfernt. Breit strahlend kam er zum Prüfungsauto gehüpft. "Nun gucken Sie sich das an", sagte er zu Theodora, "die schenke ich meiner Frau. Wie weich die sind! Hähä! Ach so, die Prüfung haben Sie übrigens bestanden. Steigen Sie aus, hier ist Ihr Führerschein!" Sie schnallte sich ab, verließ den Wagen und besah sich das ihr ausgehändigte Dokument. Etwas stimmte damit nicht. 'Das Foto!', schoss es ihr durch den Kopf. Tatsächlich: Theodora konnte sich nicht erinnern, dieses Lichtbild eingereicht zu haben, ja, nicht einmal seine Entstehung war ihr erklärlich. Sie befand sich nämlich auf der Fotografie ganz offensichtlich in einem Radiostudio. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie sogar einen Schriftzug über ihrem Haupt: "Radio Melodei. Ihr Heimatsender." Dabei war sie garantiert noch nie in einem Radiostudio gewesen! Theodora hob zu einer Frage an, musste aber feststellen, -- dass der Prüfer mitsamt dem Pkw und ihrem Lehrer verschwunden war. Wie sollte sie denn jetzt nach Hause kommen? Sie war fünf Kilometer von der belgischen Grenze entfernt. An der Rastplatzausfahrt entdeckte sie eine Bushaltestelle.

Donnerstag, 20. November 2014

Doch nicht allwissend: Google

Unter der Adresse https://www.google.com/ads/preferences/ kann man seine "Anzeigeneinstellungen" sehen, inklusive der persönlichen Interessen. Diese umfassen in meinem Fall angeblich:

- Brasilianische Musik
- Chevrolet
- Damenbekleidung
- Ostasiatische Musik
- Bankwesen
- Reggaeton
- Suchmaschinenoptimierung und -marketing
- Babypflege und -hygiene

Äääää, was?

Mittwoch, 19. November 2014

Sonntag, 16. November 2014

La mer


So beginnt ein Aufsatz im aktuellen Magazin der Süddeutschen Zeitung, der zu ergründen versucht, woher die Faszination des Menschen für das Element Wasser kommt. Genau darüber wollte ich schon seit längerem etwas schreiben, aber das kann ich mir ja nun sparen! Belasse ich es also lieber bei einigen persönlichen Ausführungen. Wie die Autorin des nämlichen Textes liebe auch ich das Wasser sehr und werde von Glückseligkeit gepackt, wenn es mir vergönnt ist, auf Meeresaktivitäten zu starren. Wie manchen Leuten davon nach nur wenigen Stunden langweilig werden kann, will mir nicht einleuchten. Ich habe aber nicht nur eine romantische Zuneigung zu Gewässern, insbesondere zu Ozeanen, sondern auch ein vernünftiges Maß an Respekt, vor allem seit dem 19. Februar 2011. Da wäre ich nämlich beinahe im Pazifik ertrunken. Nun ja, vermutlich hätte mich irgendjemand rechtzeitig gerettet, wenn es mir nicht aus eigener Kraft gelungen wäre; aber wie mich mehrere (= zwei) unvorhersehbar große Wellen überrollt und über den gefährlich felsigen Meeresgrund gewirbelt haben, nachdem ich arglos-übermütig wie ein Zwölfjähriger in das kühle Nass gehechtet bin, das war schon gruselig. Sehe ich Videos von Teufelskerlen, die auf dem Kamm einer hochhaushohen Monsterwelle surfen, schnürt's mir die Kehle zu. Neenee, Wellen beobachte ich lieber aus sicherer Entfernung – oder von Bord eines Schiffes (was ich in meinem bisherigen Leben leider viel zu selten getan habe). Irgendwann ziehe ich ans Meer und betrachte allabendlich bei einer Flasche Bier die Gischt. Und irgendwann wird die Sonne untergehen. Und dann geh ich ins Bett.

(PS: Ich stelle mir die Stadt Kiel ganz reizvoll vor, aber alle, die schon mal in Kiel waren, beteuern, dass Kiel ganz und gar ohne Reiz sei. Was soll ich glauben?)

Donnerstag, 13. November 2014

Verprophezeit?

Im Mai 2007 fiel mir eine Wirtschaftsprognose von 1998 in die Hände, in der behauptet wurde, im Jahre 2015 würde ein Herrenhaarschnitt 150 € kosten! Nun ist es bald 2015, und ich habe bei meinem letzten Friseurbesuch am Montag lediglich 13 € inkl. Trinkgeld bezahlt. Nicht erst seitdem genieße ich Wirtschaftsprognosen wie Prophezeiungen allgemein mit grööößter Vorsicht.
Wie auch immer, Anzeichen für die gesamteuropäische schleichende Inflation finden sich hier und da und gelegentlich dort. Sind also 5-Euro-Shops die neuen 1-Euro-Shops?


Dienstag, 11. November 2014

Traumprotokoll (Fragment): Wenn zwei sich streiten

Im Traum war ich Zeuge eines Streits zwischen einem mir nicht bekannten Mann-Frau-Paar, in dessen Verlauf die Frau plötzlich Folgendes sagte:

"Jetzt weiß ich, wie du immer guckst: wie ein Kleiber! Jawohl! Du hast den toten Blick eines Kleibers."

Offenbar schreibt neuerdings Tex Rubinowitz meine Träume.

Samstag, 8. November 2014

In which I rant about an irritatingly overused word in travel writing

Ich kann's nimmer ertragen! Es scheint, als komme keine englischsprachige Reise-, Landschafts- oder Naturbeschreibung der letzten Jahre mehr ohne das Wort dramatic aus. "Dramatic ocean view", "dramatic coastline", "dramatic mountains" – wo die bedeutungsentleerte Netzvokabel "epic" nicht mehr ausreicht, muss es halt "dramatisch" zugehen, wie ja eh alles immer im Unaussprechbar-Unvergesslichen kulminieren muss und jede Urlaubserfahrung die vorangegangene in punkto awesome- und amazingness um das Billiardenfache zu überbieten verdammt ist! Jeder noch einigermaßen geistig unverdorbene Mensch sollte eigentlich sofort mit dem Lesen aufhören, wenn das Dummenattribut "dramatic" vor den Augen aufpoppt.

Nicht weniger als 319.000 Treffer spuckt Google inzwischen für die Phrase "dramatic sunset" aus. Da wäre ich gerne mal Zuschauer!

1. Akt, 1. Szene
Ausgangsposition. Andeutung des Kommenden (Temperaturabfall). Vorstellung des Wolkenchors.

1. Akt, 2. Szene
Monolog der rotglühenden Sonne. Auftritt Mond. Selbstzweifel des Gezeitenstroms.

1. Akt, 3. Szene
Streitgespräch zwischen Sonne und Mond. Wolkenchor beweint im Standlied den Prismeneffekt. Gewissenskonflikt des Mondes. Verdunklung.

Zwischenspiel
Tanz der abendlichen Winde.

2. Akt, 1. Szene
Todesgesang der Sonnenscheibe. Untergangskommentar der zurückweichenden Wellen.

2. Akt, 2. Szene
Auftritt Venus. Mond und Venus triumphieren über Untergang der Sonne. Abblende.

3. Akt, 1. Szene
Sternenchor. Überraschung: Die Sonne taucht zehn Minuten nach ihrem Verschwinden noch einmal auf! Komischer Dialog der Plejaden.

usw.

Donnerstag, 6. November 2014

Die neuen Bestattungstrends sind da!

(Ungekürzte Fassung eines Textes, der am 31.10.2014 auf der "Wahrheit"-Seite der Taz erschienen ist)

Es tot sich was. Die Niederlande und Flandern diskutieren gerade über die Zulassung einer in Teilen Amerikas bereits praktizierten chemischen Bestattungsform namens Resomation. Wie in Deutschland sind in Holland und Belgien bisher ausschließlich Erd-, Feuer- und Musealbestattung (Lex Hagens) erlaubt. Die Resomation gilt bei ihren Befürwortern als "schnelle, günstige und umweltfreundliche" Alternative, wie diese Woche in der Welt zu lesen war. Dabei wird der tote Körper in einen dampfgarerartigen Hochdruck-Apparat gelegt und mit Kaliumhydroxid und Heißwasser besprüht. "Am Ende bleibt ein weißes Pulver übrig, das die Angehörigen in einer Urne aufbewahren oder als wirksamen Pflanzendünger einsetzen können", erklärt Resomator-Designer John Heskes.

Die Alkalische Hydrolyse, wie das nicht unumstrittene Verfahren auch heißt, ist nicht der letzte Trend in der Leichenbeseitigungsszene. Dass Tote zu Diamanten gepresst oder gefriergetrocknet werden, entwickelt sich in Kanada allmählich zum Standard. Wem das zu unspektakulär ist, der lässt sich in Karbonit einfrieren und lebt als Wandschmuck im Hause seiner Sippe fort. Noch kaum bekannt ist eine weitere, extravagante Konkurrenz zum Begraben oder Einäschern: Die Sprengbestattung soll vor allem zu früh aus dem Leben geschiedene Extremsportler, Moderne Performer oder auch religiöse Fundamentalisten ansprechen. "Viele Menschen haben für ihren letzten Gang nur einen bescheidenen Wunsch: mit einem lauten Knall ins Jenseits gleiten und dabei so viele Unschuldige wie möglich mitnehmen", weiß Kim Kevorkian-Kusch, Inhaberin des Instituts "TNT/RIP" in Montreal. Das explosive Verfahren ist nicht ganz billig. Aufgrund von Sicherheitsbestimmungen können die Zeremonien nur auf abgelegenen, eigens angemieteten Freiflächen durchgeführt werden; zudem sind für die Teilnehmenden Schutzbrillen, Ohropax und Regencapes bereitzustellen. Auch der Sprengstoff will bezahlt werden - logisch, dass Hinterbliebene von fülligeren Personen entsprechend tiefer in die Tasche greifen müssen.

Auch in anderen Teilen der Welt gibt es morbide Innovationen. Das "Newspaper funeral" des britischen Nicht-nur-Kochs Jamie Oliver ist auf der Insel regelrecht Kult! Der Leichnam wird mit Knoblauch und Olivenöl eingerieben, mit Koriander, Zitronengras und rotem Chili bestreut und in Zeitungspapier eingewickelt. Dreißig Minuten auf leicht glimmender Holzkohle liegen lassen, auswickeln, mit Kaffernlimette beträufeln - lecker! (Serves four mourners.) Aus Südostasien wird eine Bestattungsart für besonders Gutbetuchte vermeldet. In Anlehnung an die Riten der Parsen, die ihre Toten auf den Türmen des Schweigens ablegen, um sie von Geiern vertilgen zu lassen, spielen auch hier Tiere eine Rolle. Die sterblichen Überreste werden durch einen handelsüblichen Gartenhäcksler gejagt, sodann von Exemplaren einer seltenen Schleichkatzenspezies gefressen und schließlich ausgeschieden. Die auf diese Weise veredelten Leichenteile kosten bis zu 1.200 US-$ pro Kilogramm und werden fürderhin an einem speziellen Ort im Haus der zahlungswilligen Familie gelagert (Tupperdose).

Die deutsche Bestattungszunft steht bei diesen Entwicklungen nicht hintan, wartet bloß noch auf Gesetzesanpassungen durch das Verfassungsgericht. "Ich habe ein Patent eingereicht, das gleichzeitig Pietät und Nachhaltigkeit verspricht", verspricht Unternehmer Dr. Leopold Fink. "Diese ganzen alten Wäschemangeln, die noch überall im Land rumstehen und verstauben, will ich nachnutzen, um die sogenannte Plättungsbestattung zu etablieren. Die Idee dafür hatte ich beim Gucken eines Tom-und-Jerry-Cartoons." Und das ist nicht Finks einzige Idee. "Für die lieben Kleinen, die ja leider auch manchmal abnippeln, möchte ich ausrangierte Schrotmühlen verwenden", lacht das Schwein. "Aus den Körnern lassen sich dann die Konturen der Racker nachbilden."
Tod, wo ist dein Stachel?

Mittwoch, 5. November 2014

Noch mehr -porn

Von Weltraum-Pornographie war im Zusammenhang mit dem Spiel "Star Citizen" in einem GameStar-Preview-Video zu hören.
Und von Poverty porn erfuhr ich heute erstmals in Jan Fleischhauers aktueller Spon-Kolumne: "der Fachbegriff für einen Betroffenheitsjournalismus, der bei seinen Lesern das gute Gefühl hinterlässt, durch Lesen den Zustand der Welt verbessert zu haben".

Dies ist ein Update zu:
Die neuen Pornos sind da!
Porno-Update
Make love, not porn

Sonntag, 2. November 2014

Meine 15 Minuten als Mathlet

Neulich musste ich an etwas denken, an das ich seit mindestens zehn Jahren nicht gedacht hatte. In der 6. Klasse habe ich bei der Schulrunde der Mathe-Olympiade mitgemacht. Jawohl, ich! Zu der Zeit interessierte ich mich kein Stück für Mathe, entsprechend mittelmäßig waren meine Noten, aber mein Lehrer wollte mich anscheinend fordern und fördern und schickte mich dahin. Wie zu erwarten war, scheiterte ich kläglich. Von den Aufgaben bekam ich richtige physische Schmerzen! Bei einer ging es um den sich verändernden Winkel zwischen den Zeigern einer Uhr, bei einer anderen um die Fakultät einer Zahl (zur Erinnerung: 5 Fakultät = 5! = 1x2x3x4x5 – das ist Stoff Klasse 10)!
Warum das in diesem Blog steht? Weil es auch noch die Primfakultät (engl. primorial) gibt, i.e. die Faktoren von n# sind Primzahlen kleinergleich n, z.B. 5# = 2x3x5. 
Warum das jetzt in diesem Blog steht? Weil ich es nach über vier Jahren aus meinem Blogreservedokument herauskopiert habe.