Mittwoch, 9. September 2015

Lustige Fahrradgeschichten (II)

Während meiner Abiturzeit besserte ich meine Ersparnisse auf, indem ich Sonntag für Sonntag an einem Straßenstand die Morgenpost und andere Zeitungen verkaufte (das wäre auch einen eigenen Blogeintrag wert!). Einmal jedoch kam es aus nicht mehr zu rekonstruierenden Gründen dazu, dass ich die Sonntagszeitungen an Privathaushalte, die diese abonniert hatten, ausliefern musste. Ich fuhr also mit dem Fahrrad, die Satteltaschen voller Schmuddelpostillen, durch ein Wohngebiet, in einem Stadtteil, in dem ich mich praktisch gar nicht auskannte. Wie ich die zu beliefernden Adressen überhaupt finden konnte: keine Ahnung. Google Maps gab es jedenfalls noch nicht.

Meine Route führte mich irgendwann über einen Berg. Der Weg hatte folglich die Eigenschaft, erst relativ steil anzusteigen und hernach ebenso steil abzufallen. Außerdem mündete er direkt in eine vielbefahrene Straße. Die Verbindung dieser beiden Fakten löste in meinem Hirn leider viel zu spät eine Reaktion aus, nämlich erst als ich mich mit beängstigend hoher Geschwindigkeit im letzten Viertel des Abhangs befand. Ich hatte nun die Wahl zwischen drei Handlungsalternativen: A) eine Vollbremsung vollführen und über den Lenker geschleudert werden, B) das Rad in einen Busch am Wegesrand steuern, C) auf die Straße rollen und mein Schicksal in die Hand eines gnädigen Gottes legen. Im Bruchteil einer Sekunde entschied ich, dass B) die höchste Aussicht auf Überleben bieten würde, und raste ins Gebüsch. Damit war mein irrwitziger Spurt beendet. Das war das Gute. Das Schlechte war, dass sowohl mein Velo als auch diverse meiner Extremitäten nicht unerhebliche Schürf- und Rissschäden abbekommen hatten. Zudem musste sich kurzzeitig ein Ast in meine Hüfte gebohrt haben, denn als ich einen Blick auf eine schmerzende Stelle ebendort warf, konnte ich bis auf den Beckenkammknochen hinunter sehen. Da wurde mir ein wenig schlecht. Letztlich klingt das allerdings schlimmer, als es war, denn ich galt schon damals nicht unbedingt als dick, und der Abstand zwischen Epidermis und Knochen dürfte kaum mehr als drei Millimeter betragen haben.

Dennoch beschloss ich vorerst auf die weitere Ausführung meiner Arbeit zu verzichten. Ich schleppte mich samt Bike in einen Omnibus und begab mich nach Hause. Mein Vater brachte mich in die Notambulanz, während meine Mutter die restlichen Zeitungen unters Volk brachte. Die diensthabende Ärztin sagte angesichts meines Beckens: "Ich könnte Ihnen die Wunde jetzt altmodisch mit acht bis zehn Stichen nähen, aber ich würde empfehlen, dass ich da mit einem Kleber drübergehe und ordentlich Mullkompressen drauftue." Ich war einverstanden. Auch meinen in Mitleidenschaft gezogenen Knien war mit etwas Desinfektionsmittel und Gaze geholfen. Nur zweimal musste ich noch zur Nachbehandlung. Eine kleine Narbe habe ich aber heute noch am Becken.


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