Heute: "Milieu-Report Bibliothek" von Sebastian Sachse
Schafft es eine Bibliothek im Kontext der Kriminalität in die Nachrichten, geht es oft recht merkwürdig zu. Sie ist kein Hort des Kapitalverbrechens (halt, stopp: Durch die in der Regel sehr großen Krimibestände ist sie praktisch DER Hort für Kapitalverbrechen). Mord, Raub, etc. – das möge bitte weiterhin außerhalb stattfinden. In der Bibliothek gibt es Verbrechen, die so nur dort vorstellbar sind.
Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an die Geschichte vom sogenannten Büchermarder. Dieser hielt mehr als 30 Jahre lang Bibliotheken im ganzen deutschsprachigen Raum in Atem, indem er sich alte Atlanten, astronomische Werke und anderes vorlegen ließ, um daraus dann wertvolle Karten und Kupferstiche herauszuschneiden und diese zu verkaufen. Alleine in den 90er Jahren könnte er bis zu 200.000 Mark pro Jahr erzielt haben. Der Markt scheint groß zu sein, 200 Folgen "Bares (ha!) für Rares" füllen sich nicht von alleine. Die spannende, europaweite Jagd nach dem Dieb lässt sich in der taz nachlesen.
Er erinnert sich gleichzeitig an die großen Ringe, die S. an den Fingern trug. Heute geht er davon aus, dass sie über scharfe Kanten verfügten oder kleine Klingen darin versteckt waren. „Er hat immer Blickkontakt gesucht“, erzählt der Bibliotheksleiter. „Damals maßen wir dem keine große Bedeutung bei.“
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Ohne die Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden müssen sich die Bibliotheken gegen den Büchermarder selbst zur Wehr setzen. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, das weitere 13 Jahre dauert. In diesem Zeitraum taucht S. mindestens 15-mal in Bibliotheken in der ganzen Bundesrepublik auf. 2010, 22 Jahre nach seinem ersten Besuch, macht er wieder einen Termin in der Universitäts- und Landesbibliothek der TU Darmstadt. Man stellt ihm eine Falle, doch S. taucht nicht auf.
Haben wir es hier mit einem sogenannten Gentleman-Verbrecher zu tun? Nun, zur Gerichtsverhandlung erschien er mit akkurat gestutztem, grauen Schnurrbart, schickem Blazer und lila Krückstock. So stelle ich mir den Kunstdieb Victor Hugenay aus den "Drei ???" vor. Diese Frage lässt sich also mit ja beantworten.
Ganz aktuell und das absolute Gegenteil eines Gentleman-Verbrechens: Die Bibliothek des Konservatismus, eine ans neurechte Netzwerk angeschlossene Bibliothek, wurde aus dem Gemeinsamen Bibliotheksverbund entfernt. Der Vertrag wurde gekündigt, nachdem sich herausgestellt hat, dass mindestens eine Mitarbeiterin diverse Titeleinträge im Gesamtkatalog auf sabotierende Art editiert hat. So wurde die Autorin Lisa Duhm in Lisa Dumm umbenannt, andere Werke mit “Gender-Gaga” und “Verdummung” verschlagwortet. Die Zeit berichtet ausführlich.
Auch den Katalogstandard »Autor:in« änderten BdK-Mitarbeiter bei einigen Einträgen zu »Autor«. Mit diesem Vandalismus hätten sie Verknüpfungen zerstört und für eine insgesamt schlechtere Datenqualität der gesamten Bibliotheksdatenbank gesorgt, heißt es aus verschiedenen Bibliotheken des GBV-Verbunds.
Der Gemeinsame Bibliotheksverbund, das sei erklärt, ist der Verbund praktisch aller öffentlichen, wissenschaftlichen und vieler privaten Bibliotheken im norddeutschen Gebiet, der neben diversen organisierenden Aufgaben vor allem einen gemeinsamen Katalog bereitstellt, in dem sämtliche Titel verzeichnet sind. Ein unverzichtbares Werkzeug für die Fernleihe.
Kein modernes Verbrechen ohne das Internet und das Dark Web, ohne Kryptowährungen und Blockchain. Leider muss man konstatieren, dass auch hier die Bibliothek in einer Vorreiterrolle agiert hat: Sie hat die Blockchain erfunden! Und das bereits um 1900. Und zwar in Preußen.
Bevor es Verbundkataloge wie den des GBV gab, hat jede Universität alleine vor sich hin gearbeitet. Es war die große Zeit der Universalbibliotheken, die langsam als Auslaufmodelle galten – eine Spezialisierung musste her. Um dies zu bewerkstelligen, sollte zunächst einmal festgehalten werden, welche Bibliothek über welchen Bestand verfügte. Es brauchte 1902 den Preußischen Gesamtkatalog. Ausgehend vom Katalog der Königlichen Staatsbibliothek wanderte das Papier durch sämtliche preußischen Universalbibliotheken. Jede ergänzte ihren eigenen Bestand um die Bände, die sie ebenfalls hatte, und um die Bände, die nur sie hatte. Es war die Geburt der Blockchain: Der Datenwurm wurde immer länger, Gültigkeit besaß nur die letzte Fassung.
Das große Manko war der Datenträger. Da alles mühsam zu Papier gebracht wurde, und der Datensatz zum Ende auf 7,5 Millionen Besitznachweise angewachsen war, handelte es sich um ein riesiges Paket, das von Ort zu Ort verschickt wurde. Der Originalkatalog ging den Weg sämtlicher Kryptowährungen: Während des zweiten Weltkrieges wurde er zur Sicherheit in einen Kalkberg gebracht, wo er dennoch durch einen Brand zerstört wurde.
Kann man den Ideengeber und den Programmierer des Codes (das bibliothekarische Regelwerk Preußische Instruktionen) als Proto-Techbro bezeichnen? Nun:
Als System Althoff wird das unbürokratische und oft die Ressortgrenzen überschreitende Vorgehen des preußischen Kulturpolitikers Friedrich Althoff bezeichnet. Er baute ein weitverzweigtes Netzwerk von Vertrauensleuten an verschiedenen Stellen auf und beeinflusste durch diese Form der „Geheimdiplomatie“ die Entscheidungen. Als Universitäts- und Bibliotheksreferent im preußischen Ministerium der geistlichen-, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten konnte er für das Bibliothekswesen in den Jahren 1882 bis 1907 weitreichende Reformen durchsetzen.
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