Donnerstag, 14. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (1)

Heute: "Hallo!"

Von Max Goldt gibt es den bekannten Satz, er schmeiße Briefe (oder Werbebriefe?), die mit „Hallo“ begönnen, sofort ungelesen weg, oder doch fast ungelesen, denn bis zum ersten Wort wäre er ja immerhin gekommen. Ob Sie also noch „an Bord“ sind oder schon weitergescrollt haben, ist Ihre Sache; falls Letzteres, haben Sie den Konjunktiv „begönnen“ verpasst, der dem Seiteninhaber Torsten Gaitzsch möglicherweise ähnlich gut gefällt wie „schmölze“ und „würbe“. Und auch den etwas langweiligeren Konjunktiv II „wäre“, der meines Ermessens in obigem Eingangssatz korrekt ist, weil ich ja nicht mehr Max Goldt zitiere, sondern zu einem eigenen Gedanken abbiege. Ob ich damit recht habe? Das soll Konjunktiv-Fex Gaitzsch entscheiden.

Halt, mögen Sie sich nun fragen: Wie kommt es, dass ich vom Seiteninhaber in der dritten Person spreche? Nun: Ich bin nicht Torsten Gaitzsch. Ich schreibe als Vertretung. Mein Name tut dabei nichts zur Sache. (Das wollte ich schon immer mal sagen!)

Wäre ich Torsten Gaitzsch, würde ich die Wortfolge „Torsten Gaitzsch“ nur sehr sparsam verwenden. Menschen, die von sich selbst in der dritten Person sprechen, berühren mich nämlich unangenehm. „Jeder weiß, auf den ehrlichen Minister XY ist Verlass“ – schon klar, Minister XY, du möchtest die Berichterstattung kontrollieren und ein objektiv klingendes Soundbit in die Welt setzen. „Warte, die Oma hilft dir da“ – ich weiß durchaus um deine innerfamiliäre Funktionsbezeichnung, Großmutter; aber schön, dass du mir hilfst! „The lady’s not for turning“ – huch, Mrs. Thatcher, wo kommen Sie denn her?
Es sind dies Menschen, die sich selbst zur Marke machen wollen, aus Eitelkeit oder skrupellosem Karrierestreben oder beidem. (Außer Oma.) Nur scheinbar schafft diese sprachliche Strategie Distanz; in Wirklichkeit brutale, unverlangte Nähe.

Eine andere Methode, im Marketing durch Distanzierung Interesse zu wecken, ist die Publikumsschmähung. Vollauf begeistert war ich kürzlich von einem Entrümpelungs-Ratgeber aus einem etwas ominösen Schweizer Verlag, der mir als Werbung angezeigt wurde. Titel: „KEINER WILL DEINEN SCHEI*. Wie du ausmistet, bevor du stirbst“. Fabelhaft: Erst den Hausrat des potentiellen Käufers beleidigen und dann rüde dessen Tod thematisieren! Wäre statt des prüden Sternchens noch ein scharfes scharfes ß im Titel vorgekommen, ich hätte fünf von fünf Punkten vergeben.

Eben lese ich, dass sich Margaret Thatcher ihre berühmte Thatchphrase, nein: Catchphrase „The lady’s not for turning“ von einem parteibefreundeten Bühnenautor hatte schreiben lassen. (Parteibefreundet? Beparteifreundet?) Der Satz, auf einem wichtigen Parteitag gesprochen, spielt auf ein Nachkriegstheaterstück namens „The Lady’s Not for Burning“ an, „although Thatcher missed the reference herself“ (Wikipedia), und das fand ich lustig, weil Thatcher einst in einer anderen Rede die konkurrierende Liberaldemokratische Partei totsagte, indem sie ausführlich den Dead-Parrot-Sketch von Monty Python paraphrasierte – und auch in diesem Fall vermutlich überhaupt nicht wusste, worauf sie anspielt.

Liebe Redenschreiber, bitte füttert den tumben Friedrich Merz vor dem nächsten Parteitag mit einer mitreißend lustigen SPD- und Linken-Beschimpfung, die aus „South Park“-Zitaten montiert ist! Die Vorstellung, wie der deutsche Bundeskanzler ahnungslos „Oh my god, they killed Umfrageergebnisse“ trötet oder „Klingbeil, du essen my Scheiße“, ist wunderbar.
Aber dann bitte „Scheiße“, nicht „Schei*e“. M’kay?

Michael Ziegelwagner

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