Mittwoch, 20. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (4)

Heute: "Der Grüß-August ist tot, es lebe der Grüß-August"

Eine über Kulturgrenzen hinweg immer wiederkehrende menschliche Handlung ist das gegenseitige Grüßen. Abgestuft nach Grüßen von sehr nahe stehenden Bekannten und Verwandten, dann lose Bekannten und dann völlig fremden Leuten. Erste Gruppe ist klar. Mann kennt sich und respektiert sich gegebenenfalls. Hallo, geliebter Sowieso, wie geht's, wie steht's? Und in Erinnerung die Oma, die einem noch ewig nachwinkt, wenn man wieder nach Hause fährt. Also keine Ungewöhnlichkeit. Dann gibt es die lose Corona von Leuten, die man grüßt. Die Nachbarin Frau Siemank aus dem 3. Stock oder der Arbeitskollege aus dem Nachbarzimmer. Das hatte die Mutter einem früh eingeimpft: Die lose bekannten Leute aus dem Haus werden gegrüßt. Gegenfrage als Kind, warum. Das macht man halt so. Schluss aus, Micky Maus. Dieses Verhalten bricht nun gesellschaftlich hierzulande auf, seit die Teletubbies erwachsen geworden sind. Da wird nicht stumpf "Guten Morgen" durchs Büro gegrölt. Awareness. Man könnte den/die noch nicht offiziell als ASS diagnostizierte/n Arbeitskollegen oder -kollegin beim Nachdenkprozess unterbrechen. Daher stilles Schweigen und Sich-Schleichen. Auch Nachbarn grüßen mich manchmal nur, wenn sie ihr DHL-Päckchen ausgehändigt bekommen wollen. Geschenkt. Ich muss ja nicht mit jedem besoffen vom Tresen kippen, um mich meines Menschseins zu vergewissern. Bin ja auch schon etwas älter (Mitte 40, für mein Kind bin ich aber der "alte weiße Mann"). Gleichgültig akzeptiere ich hierbei die Umbrüche.

Der dritte Dunstkreis ist das Grüßen völlig fremder Menschen. Bestes Beispiel ist das Wandern. Je abgelegener der Wanderpfad, desto grußwahrscheinlicher die eventuelle Begegnung. Im Sinne von: Ach, hat es dich auch aus der Zivilisation hierhergespült? Sieh an. Fein. Gleiche Wellenlänge usw. Macht man aber nie in der U-Bahn, wildfremde Leute grüßen. Außer man hat einen an der Murmel (Berlin, ohne Worte ...). Oder man kommt "aufs Dorf". Überlicherweise ist da sonst nur Dorfgemeinschaft, die sich kennt und hilft und grüßt. Folglich werden Fremde als potentieller Besuch eines anderen Dörflers wahrgenommen und werden brav gegrüßt. Macht man halt so. Auch wenn man, mit Fahrradklamotten verziert, nicht aussieht, als ob man diesem Dorf weitere Aufmerksamkeit schenken würde, sondern gleich wieder wegradelt.

Stichtwort radeln. Da habe ich seit kurzem eine fragwürdige Ausuferung des Leutegrüßens wahrgenommen, die mir bisher unbekannt war. Unbekannt, bevor ich ein modernes Gravelrad erstand. Alter weißer Mann, midlife crisis, Gravelrad. Logischer Kanon. Erkennbar sind diese Art Räder ja an den schön gebogenenen Lenkern, also ähnlich/gleich dem Rennradlenker. Die erkennt jeder halbwegs aufmerksame Radler schon von weitem als solche. Über die letzten Jahrzehnte fuhr ich ausschließlich "gerade" Lenker, also klassisch ne Stange, um das Vorderrad in eine gewünschte Richtung zu drehen. Der Gruß ist zumeist subtil eine Art Peace-Zeichen zur Fahrbahninnenseite / dem entgegenkommenden Rad zugewendet hin. Jetzt dachte ich, das ist so'n neuer Tiktok-Trend, dass man sich als Radfahrer nun gegenseitig grüßt, ähnlich wie beim Wandern. Nun werde ich aber ausschließlich so gegrüßt, wenn ich selber mein Gravelrad nutze. Also gehörnter Lenker. Und nur von anderen Rennradlern. Nehme ich mein herkömmliches Trekkingrad, fällt der Gruß flach. Das ist mir sehr unangenehm, das hat eine ausgrenzende Note. Wie, als ob man sich diesen Gruß verdienen muss. Du fährst nur zur Arbeit oder zum Einkauf? Armer Willi. Du treibst bewusst Sport und zeigst deine schicken Aero-Socken? Hoch die Tassen! Vielleicht sehen wir uns auf nen leckeren Espresso in 40 km, und dann lass uns mal connecten. Wo ist denn da die Awareness? Sind Nicht-Graveler ausschließlich unsportliche, arme Leute, zu besoffen zum Autofahren? Ich gucke seitdem vermehrt zum rechten Straßenrand hin. Entweder es werden alle gegrüßt oder keiner. Darüber hinaus schmeckt Kaffee mit Fäkalbakterien und Schweiß aus dem Oberlippenbart vermengt doch sicherlich auch nicht so, wie es angedacht ist.

Clemens Müller

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