Sonntag, 24. Mai 2026

Vertretungsstunden 2026 (5.2)

Heute: "Joggen auf LSD" (Fortsetzung) von Paulina Stulin

Das Heimkehren stellte mich vor eine neue Herausforderung, denn nun musste ich mehr machen als atmen und nach vorne laufen. Ich musste meine Zeit gestalten. Nach kurzen Erwägungen war klar, dass es das Beste sein würde, erst mal Musik von James Blake anzumachen und auf dem Boden herumzurollen.

Ich fühlte mich schon wieder wie so ein Racker, der es faustdick hinter den Ohren hat und sich einen Spaß nach dem anderen erlaubt, während alle anderen sich mit langweiligem Quatsch herumplagen.

Nachdem ich mich eine Weile in alle Richtungen gebogen und gedehnt hatte, schnibbelte ich mir zwei Kohlrabis zurecht und begann, snackend in einem Comic zu schmökern.

Als der letzte Bissen wegschnabuliert war, wurde ich auf die Probe gestellt. Würde ich es schaffen, meinen frisch gewonnenen Erkenntnissen Taten folgen zu lassen und nicht wie ferngesteuert zum Kühlschrank zu gehen und mir die nächste Portion zu holen?

Ich wollte so gerne hier und jetzt eine Zäsur setzen, eine neue Normalität etablieren, indem ich der Gewohnheit widerstand, die mich mit aller Kraft auf alten Kurs lenken wollte.

Ich wollte einer dieser Leute werden, für die Essen gar kein Thema ist, die intuitiv essen, die sogar Mahlzeiten ausfallen lassen, weil sie sie schlicht vergessen. Die nach einer halben Pizza aufhören, weil sie schon genug haben.

Aber alles in mir schrie nach MEHR! Ich ergab mich dem Drang, spachtelte mir noch zwei vegane Steaks rein und schob noch zwei Kohlrabis hinterher, aber ich wurde und wurde einfach nicht satt.

Dann kam mir eine gute Idee: Duschen. Ich setzte mich in meine Badewanne und quoll über vor Entzücken, als ich genau die richtige Wassertemperatur fand und daraufhin schön ausgedehnt die Brause auf mich niederprasseln ließ. Leibliches Wohl in Reinform. Wasser schon wieder, ey.

Frisch gewaschen und erschöpft legte ich mich ins Bett. Ich sagte mir: Du musst jetzt nichts machen, außer einfach nur daliegen. Das Simpelste auf der Welt.

Doch ich konnte keine Ruhe finden. Es war inzwischen früher Nachmittag und das Geballertsein weiterhin sehr stark. Kurz verfiel ich ins Quengeln darüber, dass die Wirkung jetzt endlich mal aufhören und alles wieder normal werden sollte. Doch im nächsten Moment verstand ich, dass ich mich besser damit abfinde, was ist, statt in Widerstand gegen etwas zu gehen, was ich eh nicht beeinflussen kann.

Ich entschied mich dazu, zu schreiben. Genau das Richtige, genau das, was ich gerade brauchte. Die Worte flossen nur so aus mir heraus, ich amüsierte mich köstlich über mein Treiben und kam mir wieder vor wie so ein rotzfrecher Witzbold, der einen Unfug nach dem anderen anstellt, ohne nach Erlaubnis zu fragen.

Irgendwann war dann das Drängendste in die Tastatur hineingeblutet, und ich empfing das innere Signal, dass es jetzt mit etwas anderem weitergehen müsse.

Doch was?

Sofort ploppten mir Fantasien von Burgern, Eiscreme und Sushi in den Sinn. Ich spürte, dass ich aus dieser Situation raus musste, war vom Joggen jedoch körperlich schon total ausgezehrt. Ich wälzte mich unter quälender Anspannung hin und her, erst auf dem Boden, dann auf dem Bett, dann wieder auf dem Boden, schaltete den Computer ein und wieder aus, suchte das richtige Hörbuch für meine Stimmung und fand es nicht. Ich wollte irgendwas, und zwar viel davon.

Mein Herz wummerte auf Hochtouren, und gleichzeitig hatte ich kaum Energie, um aufzustehen. Ich ließ mich noch etwa eine halbe Stunde von meinen inneren Widersprüchen foltern, bis ich es nicht mehr aushielt und mich trotz der Schwäche hinausscheuchte, um nicht mehr mit diesen unsichtbaren Monstern allein zu Hause eingesperrt zu sein.

Ich setzte mich auf mein Fahrrad und trat angestrengt in die Pedale, befürchtend, dass ich mir in meinem Zustand vielleicht doch zu viel zumutete, doch siehe da, mit jedem Meter wurde mein Leiden ein bisschen erträglicher, und der verbissene Drang, die ganze Welt aufzuessen, erstarb.

Ich fuhr wieder in den Wald, stöpselte mir ein Hörbuch ins Ohr, stapfte los und zählte meine Atemzüge von zehn rückwärts. Plötzlich galoppierte eine Wildschweinfamilie nur wenige Meter an mir vorbei. Die Mutter blieb stehen, musterte mich ein paar Sekunden und zog dann unbeeindruckt weiter. Der Schreck wich aus mir wie Luft aus einem Luftballon, der gerade fast geplatzt wäre.

Die Wirkung begann abzuklingen. Ich surfte zwar immer noch auf einer kleinen Welle des Highseins, spürte aber immer mehr den Schalk aus meinem Nacken weichen. Die Dinge wurden immer selbstverständlicher.

Die letzten Schritte, bevor ich wieder bei meinem Fahrrad ankam, taten richtig weh, meine Hüfte hatte gar keinen Bock mehr und auch nervlich war ich total am Ende.

Ich war froh, es aus meiner inneren Hölle herausgeschafft zu haben, doch ich hatte nicht den Eindruck, der Bewältigung dessen, was mich da zu Hause gepeinigt hatte, näher gekommen zu sein. Rauszugehen war definitiv besser, als mich weiter zu überfressen, aber irgendwie dann doch bloß eine andere Art Ablenkung. Ich kann nicht vor meinen Problemen wegspazieren.

Inzwischen knacknüchtern im kühlen Abendsonnenschein nach Hause zu radeln war sehr erfrischend und lüftete mein verspultes Gemüt gut durch.

Ich kehrte gesättigt an Eindrücken heim und fraß mich zum Abendessen wie gewohnt voll.

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