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Heute: "Joggen auf LSD" von Paulina Stulin

3.4.2021
Wie schon in den letzten Wochen gab es auch diesen Freitag eine kleine Portion LSD zum Frühstück. Es war heute ein anderes Präparat, nicht die Minipillen von Anja, sondern eine klassische Pappe, die ich mir aus dem Internet bestellt hatte.

Ich schnitt per Augenmaß mit einer Nagelschere fünf gleich große Kerben in das Papier hinein, um mir meine gewohnte Dosis, also ca. 10 Milligramm, einzuverleiben. Während ich den knapp 2 mm breiten Streifen abschnitt, überkam mich eine draufgängerische Laune. Ich scherte noch ein bisschen zur Seite aus, zupfte den größer als geplanten Fitzel ab und schluckte ihn, ohne zweimal darüber nachzudenken.

Ich setzte mich an den Computer und verlor mich in Schreibarbeit, bis ich etwa eine halbe Stunde später von der ersten Schummerigkeitswelle erfasst wurde. Ich war überrascht, wie intensiv schon die ersten Anklänge zu spüren waren, hieß die herangaloppierende Crazyness jedoch willkommen, machte den PC aus und bereitete mich auf meine Joggingrunde vor.

Die Wirkung durchströmte mich immer heftiger. Ich erwartete jeden Moment, dass das erste Aufbranden abebben würde, doch es wurde nur noch stärker.

Ich machte ein paar Aufwärmübungen, zog meine Schuhe an, nahm den Schlüssel mit und ging nach draußen.

Als ich auf die Straße trat, war ich schon veritabel high und trippelte frohgemut los. Doch Meter für Meter wurde alles intensiver. Ich bekam Schiss, dass ich gleich vollkommen vom Rausch überwältigt werde und mit Schaum vor dem Mund in aller Öffentlichkeit kollabiere.

Ich spielte mit dem Gedanken, nach Hause zurückzukehren, entschied mich jedoch, dem Drang, mich zu verkriechen, nicht nachzugeben, sondern mich unbeirrt vor den Augen der Welt dem zu stellen, was auch immer da kommen möge.

Ich besann mich auf den Rat meines Aikidotrainers, mich in Situationen, in denen ich mich unsicher fühlte, auf mein Zentrum, also meine Körpermitte, zu konzentrieren. Ich gab mir Mühe, entspannt zu atmen, und versuchte, die Panik abklingen zu lassen, die die immer unbestreitbarere Tatsache in mir auslöste, dass ich inzwischen total druff war.

Es war alles durch und durch unnormal. Ich geriet mehrfach an den Rand meiner Wahnsinnstoleranz und schaffte es gerade so, nicht auszurasten und tapfer weiterzulaufen. »Joggen auf LSD, das ist also jetzt mein Lifestyle«, dachte ich.

Erinnerungen des Vortages spulten sich vor meinem inneren Auge ab und wurden alle paar Minuten zerrissen durch das immer wieder aufs Neue hereinbrechende Hier und Jetzt.

Als ich eine halbe Stunde später aus einer besonders tiefen Vergangenheitstrance erwachte, fand ich mich mitten im Wald wieder und hieß mich mit einem beschwingten »Welcome back« in der Gegenwart willkommen, als wäre ich gerade aus der Werbepause zu einer Gameshow zurückgekehrt.

Zwischendrin bekam ich immer wieder Besuch von der Angst. Sie schnürte mir die Brust zu, vergiftete meine Laune und machte mich steif. Sie ließ mich Horrorszenarien spinnen, in denen plötzlich eine lebensbedrohliche Katastrophe über mich hereinbrach und mit einem Schlag Schluss mit lustig war. Ich spürte die Angst tief in meinen Knochen und konnte sie mit keiner noch so wohlwollenden Interpretation meiner Lage wegdenken.

Mein Verstand war sich absolut im Klaren darüber, dass diese, lass es 30 mg LSD sein, mich mit Sicherheit in keine irgendwie gefährliche Lage gebracht haben konnten, und doch inszenierte meine Fantasie eine Situation nach der anderen, in der ich völlig außer Rand und Band geriet und zusammenbrach.

Und plötzlich gelang es mir, dieses Szenario gelassen zu Ende zu denken. Aufgescheuchte Rentner, die meinen leblosen Körper beim Gassigehen entdecken und den Notarzt rufen, tatütata, Blaulichtsirene, oh Schreck, der Tod, alles vorbei. Game over. Ei ja, dann sei es so. Sterben ist okay.

Der Rausch entwickelte sich weiter. Ich war inzwischen bei Minute 45 angelangt, mein Kreislauf lief auf Hochtouren, und ich rannte mit voller Kraft voraus, schwitzend und in meinem eigenen Rhythmus angekommen, den Weg an der Fasaneriemauer hoch.

Kurz vor dem Oberfeld sah ich den Obdachlosen, der seit ein paar Wochen sein Lager in einer Überdachung am Straßenrand aufgeschlagen hatte, und grüßte ihn. Kurz erwog ich, ihm einen prächtigen Frühlingstag zu wünschen, nahm mich dann aber zurück und sagte mir, dass ich aufpassen muss, die Leute mit meiner Art nicht zu überfordern.

Ich kriegte es immer besser hin, einen der Situation gemäßen Humor zuzulassen. Ich dachte an den Moment von vor etwa eineinhalb Stunden zurück, als ich mit der Nagelschere absichtlich schräg in die Pappe hineingerutscht war, und betrachtete die Auswirkung dieser Tat, die sich da nun am Entfalten war, immer noch leicht eingeschüchtert, aber dabei gleichzeitig mit einem diebischen Grinsen auf den Backen.

Ich versenkte mich in meine Umgebung und empfand die mannigfaltigen Ausprägungen des Lebens, das sich aus dem Boden – dem Zentrum! – in alle Richtungen verzweigte und hineinwand, als Ausdehnungen meines eigenen Leibes.

Die Menschen, die mir entgegenkamen, bewegten sich so unterschiedlich. Einer sauste schnurstracks an mir vorbei wie ein Pfeil, gerade, spitz und klar, in perfekter Präzision. Ein anderer schleppte sich schnaufend vorwärts wie ein Sack Flöhe, mit völlig ausgefransten Bewegungen. Ein Mädchen, das ich mal betreut hatte, kam mir mit seiner Mutter entgegen, und ich sagte einen Tick zu grell: »Hi!«

Ich hatte das Gefühl, in einem sehr formbaren Zustand zu sein, allgemein in meiner aktuellen Lebenslage, aber auch ganz besonders jetzt in diesem Moment, in dem die sonst so harten Fakten außergewöhnlich aufgeweicht schienen.

Nichts war fix, alles flexibel. Ich sah die Gegenwart als Kante einer Klippe, an der ein kontinuierlich nach vorne preschender Fluss sich in einen rauschenden Wasserfall verwandelt.

Oh, Wasser. Sind seine vielgestaltigen Erscheinungsformen nicht das einzige Metaphernrepertoire, das man braucht, um die ganze Welt zu beschreiben? Wie es im Ruhezustand seine Umgebung spiegelt, mal dahinplätschert, mal in gewaltigen Wellen alles mit sich reißt, mal rhythmisch tropft oder sich als weicher Sprühregen mit der Luft vermischt. Und dann gibt’s ja noch Hagelkörner und Gletscher und Nebel und Wolken! Ach, ach, Wasser macht so wunderbar anschaulich, dass eigentlich alles dasselbe ist, nur in einem anderen Zustand.

Ich bemerkte, dass ich gerade gar keinen Appetit hatte. Ungewöhnlich. Sonst denke ich beim Joggen ständig daran, was ich alles essen würde, sobald ich wieder daheim bin.

Ich dissoziierte, nahm mich wie eine Spielfigur wahr, die ich spielte, sah mich von außen, wie ich mich jeden Abend vollfraß, und blickte mit schonungsloser Klarheit auf diese und meine anderen Obsessionen.

Mir wurde bewusst, dass mein Binge-Eating eine Taktik dafür ist, mir die Tatsache vom Leibe zu halten, dass alles in stetigem Wandel ist. Dass kein Stein auf dem anderen bleibt und dass all das, was ich heute für unverrückbar und gesetzt halte, morgen schon ganz anders sein könnte. Dass nichts sicher ist.

Dass überhaupt all meine eingeschliffenen Routinen, Denkfiguren und Glaubenssätze bloß alberne kleine Bemühungen sind, mir vorzugaukeln, dass ich nicht völlig ahnungslos in einem gleichgültigen Universum umherirre.

Es ekelte mich an, wie automatisch ich in meine Mechanismen verfalle, sobald mir das Bewusstsein darüber zu nah auf die Pelle rückt. Ich dachte: »Du Trottel, denkst du wirklich, mit deinen einstudierten Choreografien kannst du dem alles verschlingenden Chaos entkommen? Was für eine peinliche Illusion! Wie so ein religiöser Fanatiker, der glaubt, sich vor der Hölle zu bewahren, indem er brav seine zehn Ave Marias herunterbetet.«

Die Stimme meiner Therapeutin schaltete sich in mein Selbstgespräch ein und ermunterte mich, nicht so unhöflich zu mir zu sein. Ich bin halt ein Mensch. Menschen machen so was. Wir brauchen Anhaltspunkte, Struktur und Rhythmus, um nicht durchzudrehen. Ich hab meinen Knall und die anderen ihren.

Zuversicht keimte in mir auf und gab mir Rückenwind. Ich war beseelt von der Hoffnung, dass ich es eines Tages hinkriegen könnte, mich mit der Tatsache anzufreunden, dass ich total lost in space bin, und es schaffe, nicht bei jedem Anklang von Verstörung in meine gebetsmühlenartige Zwanghaftigkeit zu fliehen. Dass es mir gelingt, die Vergänglichkeit der schönen und trostreichen Dinge zu akzeptieren, anstatt gierig an ihnen zu klammern und jeden Genuss zu einer Sucht zu pervertieren.

Ich war in der Lage, mir Möglichkeiten auszumalen, die mein Alltagsbewusstsein gar nicht zulassen würde. Ich konnte mir lebendig vorstellen, wie ein gesünderes, stimmigeres und vernünftigeres Essverhalten aussehen könnte, und die Möglichkeit, es von nun an zu praktizieren, erschien mir greifbarer denn je.

Ach was, wie könnte ich im Lichte dieser Einsicht überhaupt jemals wieder zu meiner früheren, unwissenderen Version zurückkehren. Ich hab’s gecheckt! Die Angelegenheit ist abgehakt. Nächstes Problem!

»Yeah«, dachte ich, »das ist diese Neuroplastizität, von der sie immer reden«. Psychedelika schaffen es echt, den Blick auf die Gewohnheiten aufzufrischen, eingestampfte Trampelpfade zu verlassen und neue Wege zu sehen, für die man vorher blind war.

Ich rannte und rannte, und immer noch war kein Abklingen der Wirkung in Sicht. Es war alles sehr wobbeldy-gobbeldy.

Im letzten Kilometer schwoll dann exzellenter Premiumstolz in mir hoch. Ich konnte kaum glauben, dass ich gleich die ganzen 10 km geschafft haben würde, eine gefühlte Weltreise, und klopfte mir auf die Schulter dafür, dass ich es während dieses frivolen Unterfangens bei allem Übermut doch die ganze Zeit geschafft hatte, wachsam zu bleiben und mich nicht zu verletzen oder kopflos vor ein Auto zu laufen.

Fortsetzung folgt

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