Ein verborgenes Leben
Terence Malicks Biographie des 2007 selig gesprochenen österreichischen Widerstandskämpfers Franz Jägerstätter von 2019 geht nahe. Trotz seiner fast drei Stunden Laufzeit ist das zutiefst traurige Alpendrama, das hauptsächlich in Südtirol gedreht wurde, an keiner Stelle zäh; die schnellen Schnitte und die sprunghaften Perspektivwechsel sorgen für permanente Ruhelosigkeit und Anspannung. "A Hidden Life" beweist zudem, dass ein Film über die NS-Zeit keine expliziten Darstellungen von Schlachten und Nazigräueln braucht, um die Schrecken jener Ära ins Bewusstsein zu rufen und seine Botschaft zu vermitteln. August Diehl spielt den titelgebenden Kriegsdienstverweigerer so verletzlich wie kühn. In teils winzigen Nebenrollen sind allerlei bekannte Gesichter aus dem deutschsprachigen Film und Fernsehen zu entdecken.
Der Salzpfad
Die Kontroversen um die literarische Vorlage von 2018 ausgeklammert, lässt sich die Verfilmung von Raynor Winns Unterwegsbericht dennoch genießen. Sofern man nicht mehr erwartet als die genretypischen Zutaten: hübsche Landschaftsaufnahmen, kuriose Begegnungen und Begebenheiten, persönliche Hochs und Tiefs, eine Selbstfindungsbotschaft. Was soll ich sagen? Mich kriegt man seit "Into the Wild" mit so was immer wieder, und "The Salt Path" hatte es von Anfang an umso leichter, mich für sich einzunehmen, als ich den South West Coast Path ja selbst schon (zur Hälfte) gewandert bin. Einige Drehorte habe ich sogar wiedererkannt. Vielleicht lese ich das Buch ja doch noch irgendwann, Wahrheitsgehalt hin oder her.
Good Luck, Have Fun, Don't Die
An Gore Verbinski, den alten "Fluch der Karibik"-Haudegen, hatte ich seit einer halben Ewigkeit nicht gedacht. Kein Wunder, seit dem Heilanstalts-Grusel "A Cure for Wellness" von 2016 hat der Macher des besten Horror-Remakes aller Zeiten ("Ring") nada fürs Kino inszeniert. Das Warten hat sich gelohnt. Dass es sich bei der schwindelerregenden, rabenschwarzen, dystopischen Action-Farce nicht etwa um eine Comic-Adaption handelt, sondern um einen Originalstoff, nötigt mir Respekt ab und hat mir den Glauben an die Branche ein Stück weit zurückgegeben. Jede neue "Murmeltier"-Variation hat bei mir sowieso einen Vorschuss-Stein im Brett, da mag ich biased sein. "Good Luck" benutzt die Zeitschleifen-Mechanik jedoch nur als Mittel zum Zweck. Der Zweck: ein lineares Ensemble-Abenteuer aufzuführen, das wie die filmgewordene Mission in einem Rundentaktikrollenspiel wirkt, dabei markige Ballaballa-Action zu zeigen und gegenwärtige Technologie-Trends brutalsatirisch zu erledigen.
Das Spektakel, übrigens eine in Südafrika gedrehte deutsch-amerikanische Co-Produktion, kann sich trotz einem bescheidenen Budget von 20 Mio. $ sehen lassen und hat mit Sam Rockwell (als namenloser Hauptdarsteller), Michael Peña, Zazie Beetz und Juno Temple ein ordentliches Ensemble aus der zweiten Hollywood-Reihe am Start.
Die Faust im Nacken (OT: On the Waterfront)
Was soll ich über diesen Meilenstein des Fünfzigerjahre-Kinos schreiben, was man nicht an hundert anderen Orten nachlesen kann? Mehrere Oscars und Golden Globes, Platz 19 auf der Liste der "100 besten amerikanischen Filme aller Zeiten" des American Film Institute, maßgeblich die Karriere von Marlon Brando konstituierend (der in der deutschen Synchronisation übrigens mit der Stimme von Harald Juhnke spricht), Drehbuch Budd Schulberg und Regie Elia Kazan – zwei der schillerndsten Figuren in der Zeit des Blacklisting.
Tja, hat mir gut gefallen, auch wenn ich die gewerkschaftsfeindlichen Untertöne nicht auszublenden vermochte. (Einige Kritiken verwenden sogar Schlagworte wie "McCarthyismus" und "unterschwellig faschistisch".)
Evil Does Not Exist
Auf die Länge kommt's nicht an, zumindest auf die Filmlänge nicht: Wird "Ein verborgenes Leben" selbst nach zwei Stunden nicht langweilig (s.o.), ist das mit dem Silbernen Löwen von Venedig prämierte japanische Drama "Evil Does Not Exist" von 2023 derart entschleunigt, um es wohlwollend auszudrücken, dass sich die erheblich kürzere Laufzeit von 109 Minuten wie das Doppelte anfühlt. Wenn die Kamera minutenlang unter Baumwipfeln entlangfährt oder Menschen bei der Verrichtung banalster Tätigkeiten einfängt, ohne dass ein einziges Wort fällt, dürften selbst Arthouse-Enthusiasten an ihre Toleranzgrenzen geraten.
Großes Aber: Dieses Pacing ist der Atmosphäre zuträglich, erzeugt einen Vibe. Wir befinden uns schließlich in einem beschaulichen Dorf und sollen ein Gespür für den Alltag der in Frieden vor sich hin lebenden Gemeinschaft vermittelt bekommen. Erst als diese mit den Bedrohungen einer entseelten, alles dem Kommerz unterwerfenden Zukunft konfrontiert wird – in Gestalt zweier Touristikmenschen aus dem nahegelegenen Tokio, die in dem Örtchen eine Glamping-Anlage aufbauen wollen –, entsteht ein Konflikt. Ab da an wird es nachdenklich, ein bisschen spannend, sogar leicht amüsant, zuletzt extrem düster und ... weird. Ich habe im Anschluss einen langen Reddit-Thread über die Bedeutung des Endes gelesen, ohne danach schlauer geworden zu sein.
Bei diesem anspruchsvollen Vertreter der Reihe "Der etwas andere Film" gilt jedenfalls: Anschauen auf eigene Gefahr.
Eat Pray Bark
Ja, ich habe eine deutsche Hundekomödie mit dem Titel "Eat Pray Bark" gesehen. Es musste halt beim entspannenden Netflix-Abend auf die Schnelle etwas Familientaugliches rausgesucht werden. Das ab 6 freigegebene Therapie-Ensemble-Lustspiel als seicht und konfliktarm zu beschreiben, wäre untertrieben. Doch immerhin fallen mir spontan drei positive Punkte ein: 1. ist die fremdenverkehrsamtwürdige Szenerie (Tirol im Sommer!) zum Niederknien pittoresk; 2. kann man der grundsympathischen Allzweckwaffe Devid Striesow nie wirklich böse sein; 3. gerät der Humor nie so billig und ordinär, wie man es von einer, ich wiederhole, deutschen Hundekomödie erwarten würde.
Der fremde Sohn (OT: Changeling)
Im Los Angeles der späten 1920er Jahre verschwindet eines Nachts der neunjährige Sohn einer Telefonistin, nur um nach ein paar Monaten scheinbar unbeschadet wieder aufzutauchen. Doch handelt es sich dabei wirklich um den vermissten Jungen? Nein, ist sich die verzweifelte, fortan einen ausweglosen Kampf gegen Polizei und Behörden führende Mutter sicher.
Nachdem ich dieses abgründige Thriller-Drama von 2008 gesehen hatte, fragte ich mich erstens, wie dieses völlig an mir vorbeigehen konnte – immerhin wurde es von Clint Eastwood bravourös inszeniert und wartet mit Stars wie Angelina Jolie und John Malkovich auf –, zweitens, wieso ich noch nie von dem True-Crime-Fall, auf dem es basiert, gehört oder gelesen hatte (Empfehlung: Erst nach dem Anschauen recherchieren!). Es ist schier unglaublich, was da passiert ist! Nachdem sich viel Wut aufgestaut hat, erhält der Zuschauer gegen Ende der 140 Minuten wo nicht Hoffnung, so doch ein Quäntchen Genugtuung. Beziehungsweise anders rum.
Leoparden küsst man nicht (OT: Bringing Up Baby)
Fast 90 Jahre hat dieser Klassiker von Howard Hawks auf dem Buckel, doch kann man ihn sich auch heute noch "geben", ohne über- oder unterfordert zu werden. Mit modernen Sehgewohnheiten ist die 100-minütige Screwball-Comedy bestens vereinbar, ja, man merkt: Viele unserer Sehgewohnheiten kommen von hier! Das Tempo, die Gagdichte, der Körpereinsatz, das ist der Stoff, aus dem auch Komödien der Neunziger gewoben sind. Überhaupt, das Tempo! Gelegentlich wurde mir schwindlig ob dieser Rasanz, das altmodische Prädikat hysterisch drängt sich auf. Mitunter touchieren die Regie und Hauptdarsteller Cary Grant den Bereich des Albernen, doch abseits von (meist zündenden) visuellen und Situationsgags bekommt das Publikum auch immer wieder zeitlosen Dialoghumor serviert. Außerdem bezaubert eine bestgelaunte und komikverständige Katherine Hepburn als Co-Star ebenso wie die Co-Co-Stars, ein Leopard und ein Jaguar in der Rolle des Titeltieres, welches in der Kurzgeschichtenvorlage übrigens ein Panter ist.
Trap
"A bad movie that's fun to watch", so in etwa wurde "Trap" (2024) im Overthinking-It-Podcast umschrieben (Episode 851: "The Parent Trapper"). Ich bin geneigt zuzustimmen, würde den Psychothriller, dessen Parodie ("The Simpsons", 37.08: "The Day of the Jack-up") ich sogar noch davor gesehen hatte, aber unterm Strich wohlwollender beurteilen – selbstverständlich, denn wie hinlänglich bekannt sein sollte, bin ich Shyamalan-Fan und -Apologet. Die suspension of disbelief ist diesmal besonders hoch; vieles funktioniert nur aufgrund von Glücks- und Zufällen, Unachtsamkeiten, unlogischen Schlupflöchern und haarsträubenden Voraussetzungen. Allein die Idee, einen Serienmörder zu stellen, indem man ein volles Stadion ... aber lassen wir das. Ich habe "Trap" zusammen mit meiner Mutter gesehen, und die hat sich vollkommen auf die Prämisse einge- und von der Handlung mitreißen lassen. Nervenkitzel gibt es allemal, auf paranormalen Zinnober wird verzichtet, und Josh Hartnett als Vater in der Falle entpuppt sich nicht als Fehlbesetzung.
M. Night Shyamalan macht sein Ding, und ich finde es süß, dass er, nachdem er schon mit seiner Tochter Ishana zusammengearbeitet hat (in "Servant"), nun auch seiner als Singer-Songwriterin reüssierenden Tochter Saleka eine Tür geöffnet hat: Sie spielt die nicht unerhebliche Nebenrolle des Popstars, dessen Konzert das primäre Setting bildet.
Wake Up Dead Man
Das nunmehr dritte "Knives Out Mystery" um Rian Johnsons Spürnase Benoit Blanc hat mir so gut gefallen wie der erste Teil, wenn nicht sogar einen Funken besser. Das Locked-Room-Rätsel ist so anregend wie unverbraucht, wirkt dabei absolut klassisch – es wird sogar einem Meister dieses Faches, John Dickson Carr, rundheraus gehuldigt, indem einem seiner Romane eine nicht unwesentliche Rolle zugedacht wird –, ebenso wie der Schauplatz (ruraler Kirchensprengel). Der Kreis der Verdächtigen fällt schrullig aus wie gewohnt, wobei mir das Personal hier etwas geerdeter erscheint als der teils possenhaft überzeichnete Millionärsreigen auf der Insel in "Glass Onion". Witz und Schabernack kommen dennoch nicht zu kurz, und Platz für einen sachten gesellschaftskritischen Kommentar hat Johnson auch wieder gefunden. Daniel Craig geht in seiner Altersparaderolle erneut derart auf, dass es eine (Mords-)Gaudi ist. Teil 4? Kann gerne kommen!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen