Freitag, 25. Dezember 2020

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Mehrheitlich Erfreuliches sah ich in den vergangenen Wochen.

Borat: Anschluss Moviefilm (OT: Borat Subsequent Moviefilm: Delivery of Prodigious Bribe to American Regime for Make Benefit Once Glorious Nation of Kazakhstan)
Dass Sacha Baron Cohens überraschendes Sequel nicht an den inzwischen 14 Jahre alten Vorgänger heranreichen würde, war von vornherein klar – Gegenteiliges dürfte auch niemand erwartet haben. Mit dem gewachsenen globalen Bekanntheitsgrad der Kunstfigur Borat war die Prämisse für eine Fortsetzung des satirisch-dokumentarischen Experiments im Grunde dahin. Aber wie Cohen mit ebendiesem Problem des Erkanntwerdens umgeht und eine Tarnung zweiter Ebene einführt, ist genial. In allen "echten" Parts spielt Borat seinerseits eine neue Figur, während der Ur-Borat lediglich im fiktionalen Teil zu sehen ist – welcher übrigens deutlich umfänglicher ausfällt als in Teil 1 und sogar einige emotionale Momente enthält, die den Charakteren mehr Tiefe verleihen. (Brillant: Borats Tochter!)
In den "investigativen" Nummern gibt es sowohl Erschreckendes als auch Banales: Man fragt sich bei einigen Aktionen, wo da der Erkenntnisgewinn sein soll bzw. wer hier warum vorgeführt wird. (Man höre dazu auch den "Overthinking It"-Podcast #643.) Dennoch sind gerade diese Szenen besonders lustig: Beim "Fruchtbarkeitstanz" habe ich buchstäblich Tränen gelacht; so ging es im Übrigen auch Johanna Adorján, wie sie neulich in der SZ bekundete, was wieder einmal stark für diese von mir wiederholt gelobte Journalistin spricht.
Festzuhalten ist zu guter Letzt, dass sich der "Anschluss Moviefilm" nicht zurückgehalten hat, was krude Ostblock-Stereotypisierungen und Kasachstan-Klischees angeht. Was 2006 noch edgy gewirkt haben mag, hätte anno 2020 nicht unbedingt sein müssen. Aber wie man liest, geht die "Glorious Nation of Kazakhstan" ja mittlerweile offensiv selbstironisch und marktwirtschaftlich geschickt damit um.

I See You
Ein ungewöhnlicher Horrorthriller, der umso erfrischender wirkt, je weniger man vor dem Sehen weiß. Zunächst mit vertrauten Geisterhaus-, Home-Invasion- und Kleinstadt-Tragödien-Tropen spielend, nimmt er nach der ersten Hälfte einen Perspektivwechsel ein und stellt klar, ob übernatürliche Vorgänge im Spiel sind oder nicht. Oder nicht? 

Der Club der toten Dichter
Nachdem wir im Englisch-Leistungskurs in der Schule N. H. Kleinbaums Roman Dead Poets Society behandelt haben, hat es 20 Jahre gedauert, bis ich mir endlich Peter Weirs berühmte Verfilmung von 1989 zu Gemüte geführt habe. Ich habe es nicht bereut! Dass Robin Williams fehlt, wird einem hier schmerzhaft bewusst. Und: Ethan Hawke hat einen seiner ersten Auftritte. Am Ende muss man, auch wenn man die Tisch-Szene aus unzähligen Zitaten und Parodien kennt, ein Tränchen verdrücken.

Frau ohne Gewissen (OT: Double Indemnity)
Billy Wilders Film Noir von 1944, für den er auch – gemeinsam mit Raymond Chandler – das Drehbuch geschrieben hat, verhandelt das beliebte, aus Klassikern wie Hitchcocks "Der Fremde im Zug" bekannte Sujet des perfekten Mordes und erzählt die Planung und Durchführung eines solchen als Rückblende, nämlich als per Tonaufnahme abgelegtes Geständnis. Schöne Idee, wie auch das Spiel mit der Helden/Antihelden-Sympathie-Umkehr.
Weniger schön: die deutsche Synchronisation. Ich habe aus Neugier die englischen Original-Untertitel mitlaufen lassen, und es zeigte sich, dass das deutsche Dialogbuch zum Teil Zahlen (!) falsch übertragen und Eigennamen verändert hat. Verständniseinbußen stellen sich zum Glück nicht ein, und die altmodisch schnarrenden Synchronstimmen hört man immer wieder gern.

Time Perspectives (OT: Time Loop)
Diese italienische Lowest-Budget-Produktion ist nicht nur der mieseste Zeitreisefilm, den ich je gesehen habe, sondern auch genre-übergreifend mein Tiefpunkt des Jahres. Die Grundidee ist dabei nicht ohne Reiz: Ein Wissenschaftler hat eine Maschine konstruiert, mit der man ein bestimmtes kurzes Intervall in die Zeit zurückreisen kann. Der Sohn des Mannes tut genau das, und zwar mehrmals. Katastrophen und Paradoxa sind die Folge. Der Darsteller jenes jugendlichen Sohnes ist der einzige im Ensemble, dem man den Beruf des Schauspielers beinahe zutraut. Der Rest ist dermaßen dilettantisch, dass es abwechselnd zum Heulen und zum Feixen ist. "We must-a stop-a the time loop!", sagt der Vater an einer Stelle, an der es mich schier zerrissen hat. Um Zeit und damit Kosten zu sparen, hat die Regie offenbar auf zweite Takes oder überhaupt irgendwelche Anweisungen verzichtet, mit dem Resultat, dass die Dialoge nicht nur unglaublich hölzern runtergeleiert werden, sondern auch teilweise unverständlich sind; nicht einmal die Untertitel kennen jedes Wort, das "gesprochen" wird.
Wegen dieser unfreiwilligen Komik sowie wegen der angenehmen Kürze (83 Minuten) habe ich bis zum Ende durchgehalten. Im Anschluss konnte ich mich über die Reviews auf imdb, wo dieses Machwert mit 3,5 Sternen abgewatscht wurde, amüsieren. Ach ja, hübsche Landschaftsaufnahmen gibt es immerhin.

Lunchbox
Wholesome, leicht verdaulich und nett ist dagegen diese Perle aus Indien. Zwar gibt es auch eine Portion Tragik, aber die positiven Vibes überwiegen. Und man erhält einen Einblick in das ausgefeilte und faszinierende Dabbawala-System.

Glücklich wie Lazzaro
Zurück nach Italien mit einem von Kritik wie Publikum gefeierten Vertreter (Mehrfachnominierung Europäischer Filmpreis 2018) des magischen Realismus. Leider hat mich diese moderne Lazarus-Parabel mit seiner ungeschönten (oder eher: verunzierenden?) Darstellung des ländlichen Italiens eher angewidert denn verzaubert. 'Bitte sagt mir, dass dort solche Zustände heutzutage nicht wirklich herrschen!', dachte ich bei mir. (Tun sie nicht; es gibt ungefähr in der Mitte einen halbwegs cleveren Twist, der die bizarre Situation erhellt.) Die Figuren sind mir bis zum Schluss fremd und befremdlich geblieben. Was soll das alles?

Cujo
Mit niedrigen Erwartungen bin ich an diese Stephen-King-Verfilmung, deren Vorlage ich nie gelesen habe, herangegangen, und sie wurden um Größenordnungen übertroffen! Mir gelüstete nach leicht trashigem 80er-Jahre-Tierhorror, bekommen habe ich einen klaustrophobischen Belagerungs-Schocker mit beängstigend realistischen Hundestunts und einer Hauptdarstellerin, die an ihre Grenzen geht (Dee Wallace). Bemerkenswert ist die Wahl der Rasse des tollwütigen Viehs: Nicht etwa ein Pitbull oder ein ähnlich grundaggressiver Kampfköter ist der animalische Antagonist, sondern der als hilfsbereiter Familienzottel bekannte Bernhardiner! (Tatsächlich, so liest man, gelang es der Crew nicht, die nötige zu zeigende Wildheit aus dem Filmhund herauszukitzeln, so dass in einigen Szenen ein "verkleideter" Rottweiler als Double eingesetzt werden musste.)

Ex Machina
Da mir "Devs" gefallen hat, habe ich mir nun, wie kürzlich angekündigt, Alex Garlands Debut von 2014 vorgeknöpft. Etliche Elemente von "Devs" werden hier bereits vorweggenommen: ein ultrareicher, unnahbarer Visionär, der in der abgeschiedenen Natur Tech-Innovationen entwickelt; ein zurückhaltendes Genie, das nolens volens mit allzu überwältigenden Dingen konfrontiert wird; philosophische Fragestellungen; dunkle Geheimnisse; dräuende Gewalt. Und jetzt reiht mal die beiden Titel aneinander: "Devs Ex Machina"!!! Mind = blown?
Die Serie fand ich dann aber doch ein Stück beeindruckender.

On the Rocks
Sofia Coppola hat 17 Jahre nach "Lost in Translation" wieder mit Bill Murray zusammengearbeitet, und das Ergebnis ist nicht minder herrlich. Rashida Jones als Murrays Tochter (zum Glück nicht Love interest), um die sich die Geschichte um Misstrauen und Entfremdung dreht, liefert ebenfalls eine überzeugende Performance ab. Soul food für die Seele! (Hä?)

Keine Kommentare:

Kommentar posten