Freitag, 25. Februar 2022

Fear Factors

Mein ganzes Erwachsenenleben ist, wo nicht beherrscht, so doch zumindest stetig begleitet von Angst in allerlei Facetten. Angst vor Krankheit, Verlust, Einsamkeit, Wahnsinn, Blamage, Entstellung, Panik, Ablehnung, Kränkung, Isolation, Konflikt, Versagen, Degeneration, Geringschätzung – irgendein hässlicher Kobold sitzt immer auf meinen Schultern. Zu den abstrakten Sorgen und diffusen Unruhezuständen gesellen sich situationsbedingte konkrete Ängste; ich glaube, man spricht dann eher von Furcht als von Angst. Diese sind mir viel lieber und unterm evolutionären Blickwinkel nicht ausschließlich von Nachteil. Wie sagte schon der Doktor in "Doctor Who"? "Ich will dir jetzt mal was über das Fürchten erzählen. Dein Herz schlägt wild und laut, ich spür’s sogar in deinen Händen, und es pumpt viel Blut und Sauerstoff in dein Gehirn, unglaublich viel. Das ist wie Raketentreibstoff. In diesem Moment kannst du schnell wie der Wind rennen, [...] und du bist so hellwach, es scheint dir, als liefe die Zeit langsamer ab. Was ist falsch daran, Angst zu haben? Das Fürchten ist eine Superkraft. Es ist deine Superkraft." Deswegen bin ich, beispielsweise, noch nie in eine Massenschlägerei geraten oder von einem Esel gebissen worden. Ich wechsle die Straßenseite, wenn mir in einem üblen Viertel mehr als zwei Personen entgegenkommen oder bei stürmischem Wetter ein wackeliger Bauzaun am Fußwegrand sichtbar wird. (Kurz nach dem Terroranschlag von Nizza bin ich einmal reflexartig fast in eine Hecke gesprungen, weil ich einen heranrasenden Lkw für einen Trittbrettfahrer hielt.) Nun gut, in der Vergangenheit war ich auch schon angstbefreit übermütig: Es existieren Fotos, die mich in schwindelerregenden Felshöhen oder neben einem wilden Krokodil posierend zeigen. In der Regel habe ich aber die Frage "Was ist das Schlimmste, was jetzt passieren könnte?" und die dazugehörige Vermeidensstrategie im Hinterkopf.

In dieser Hinsicht ist unsere Gegenwart ein blessing in disguise, zumindest für meine Seelenlandschaft. Beispiel Corona: Schon in der Frühphase der Epidemie habe ich aus freien Stücken nur mit medizinischem Mund-Nase-Schutz mein Haus verlassen (da hat es sich mit fast 20 Jahren Verspätung bezahlt gemacht, dass ich von meiner Zivildienststelle einen Karton OP-Masken mitgenommen hatte, hihi). Furchtbasiere Vorsicht, natürlich auch über die Mundverhüllung hinaus, hat mich bis jetzt vor einer Ansteckung mit Covid-19 bewahrt. Dafür habe ich gern (überschaubare) soziale Peinlichkeiten in Kauf genommen wie die mit dem Opa, dem ich am Bahnhofseingang ausgewichen bin, worauf er mir enttäuscht "Isch wollt Ihnä doch nur de Tür uffhalde!" zurief, oder die mit dem mittelalten Superarsch, der mit in meine Richtung ausgestrecktem Finger zu seinem kleinen Sohn höhnte: "Kuck mal, der hat Corona!"

Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja: Solche ganz reellen Bedrohungen (Inflation! Krieg! Naturkatastrophen!) sind zwar "im Gesamtzusammenhang" einschneidender (damit will ich sagen: für uns alle), die zwangsläufige Beschäftigung mit ihnen versetzt mich aber wenigstens in eine ansatzweise sinnvolle Alarmbereitschaft und blockiert nächtliche Grübeleien über vage konstruierte Gesichtsverlustszenarien oder Horrorvorstellungen vom Älterwerden. Ist es falsch und egoistisch, so zu denken?

1 Kommentar:

  1. Ich finde, es ist ein guter Plan, sich regelmäßig darüber Gedanken zu machen, was das schlimmste ist, was einem gegenwärtig widerfahren kann. So ist man doch irgendwie auf bestimmte Dinge vorbereitet. Leider habe ich das in den letzten Jahren sehr vernachlässigt und stand in den letzten Wochen eigentlich nur maulaffenfeil da. :-/

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