Freitag, 23. Oktober 2015

(Don't) whistle while you work

Schon vor längerem hatte ich versprochen, mich eingehender mit der Kulturgeschichte des Pfeifens zu befassen und meine Erkenntnisse (i.e. zusammengegoogeltes Halbwissen) hier vorzustellen.

Auf der Seite examiner.com wurde 2010 die Frage gestellt, wo die Ursprünge des "wolf whistle" liegen, also jenes bekannten Zweiton-Pfiffs, den manche Männer beim Anblick einer attraktiven Frau hervorstoßen. Der Examiner verweist auf den altrömischen Komödiendichter Plautus, in dessen Stück "Mercator" (ca. 200 v. Chr.) es in der 5. Szene des 3. Kapitels heißt: "Wenn [unsere Mutter] durch die Straßen geht, betrachten sie doch alle, gaffen, nicken, pfeifen, foppen sie und sticheln, zwinkern mit den Augen, rufen ihr nach, belästigen sie gar." Dies ist womöglich die erste Erwähnung des Frauen-Hinterherpfeifens in der Geschichte! Auch die Verbindung lüsternen männlichen Verhaltens mit Wölfen wurzelt im alten Rom, lässt uns der Examiner wissen. Die Luperkalien waren das "Hauptfest des italischen Herdengottes Faunus, der den Beinamen Lupercus (lateinisch: 'Wolfsabwehrer') führte" und ein angeblich noch auf Romulus zurückgehendes "Reinigungs- und Fruchtbarkeitsfest." (Wikipedia)

Wenn man noch weiter forschte, würde man bestimmt Hinweise darauf finden, dass die Verbindung Wolf/Hund -- (junger) Mann/Männerbünde bis in die ur-indogermanische Zeit zurückreicht; auf meiner Festplatte liegt z.B. ein Aufsatz von George Hinge (2006), "Völkerwanderungen in Herodots Geschichtswerk", in welchem steht: "In mehreren indogermanischen Gesellschaften ist eine besondere Erziehungsinstitution bezeugt, nach der die Jungen in einer längeren Periode von der Gesellschaft getrennt lebten. Sie galten als besitzlos, lebten vom Diebstahl und verweilten in der Gemarkung. [...] Unter den Indogermanen ist wohl die spartanische κρυπτεία am besten bekannt, aber auch die alten Germanen und Kelten hatten derartige Jugendgruppen (altirisch fían), die in den Quellen oft mit Hunden oder Wölfen verglichen oder identifiziert werden. Das kimmerische Heer in Kleinasien soll nach dem späten Autor Polyainos (Strat. 7.2.1) von 'tapferen Hunden' niedergekämpft worden sein. Der russische Gelehrte Askold Ivantchik meint, dass diese Hunde in Wirklichkeit eine Bande von skythischen Jungen waren. [...] Eine assyrische Urkunde aus der Regierungszeit Assarhaddons erwähnt einen skythischen König namens Išpakaya, d.h. 'Hund', und die berühmte persische Behistūn-Inschrift zeichnet einen Stamm namens Sakā Haumawarkā, 'Somawolfsskythen', auf."

Aber warum ist ausgerechnet das markante "pfeif-pfeif" ('whip-woo') zum prototypischen Weiberbelästigungspfiff geworden? Wikipedia kennt die Antwort: Dieser Ton ist der im Englischen "General Call" genannte Standardsignalton einer Bootsmannpfeife. Ursprünglich diente er nur dazu, allgemein Aufmerksamkeit an Bord zu erzeugen. Nach und nach wurde es unter Matrosen auf Landgang Mode, diesen Ton mit den Lippen zu imitieren, sobald man eine Frau erblickte. Nicht-Seemänner haben das dann irgendwann übernommen.

Doch Moment! Wieso heißt dieser Pfiff nun "wolf whistle"? Bestimmte männliche Verhaltensweisen als "wölfisch" zu charakterisieren, ist eine Sache, aber pfeifen tun Caniden ja eher nicht. Fakt: Die Bezeichnung "wolf whistle" taucht erstmals Mitte der 1940er Jahre auf (vgl. Google Ngram Viewer). Hatten vielleicht Zeichentrickfilme à la "Looney Tunes" einen Einfluss darauf? Ein User im Straight-Dope-Forum verlinkt einen aussagekräftigen Videoausschnitt aus Tex Avery von 1943. Wer den Ausdruck geprägt hat, ist damit aber auch nicht geklärt.

PS: Hey, jetzt könnte ich sogar den Bogen zum vorherigen Blogeintrag spannen, in dem es ja auch um "hündisches Auftreten" ging. Aber das überlasse ich euch selbst.


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