Sonntag, 12. Juni 2016

Schabe, Schmetterling & Co. (Lektüretipp)

Vor einiger Zeit habe ich antiquarisch ein herrliches Büchlein erworben:


Die abgedruckten Vorträge wurden im Winter 1860/61 in Genf, ursprünglich in französischer Sprache, gehalten und lesen sich heute wunderbar schwülstig. So endet das Vorwort mit diesen schönen Zeilen: "Fast beginne ich zu glauben, daß unser Titel falsch gewählt ist und heißen sollte: Zehn Opialpillen, zur Beruhigung aufgeregter Gemüther aus Naturbeobachtung gedreht – mit gnädigem Privilegio sämmtlicher allerhöchster, höchster und hoher Regierungen."

Beruhigend geht es bei diesem hochemotionalen Thema indes nicht durchweg zu. "Die wirkliche Natur ist ein beständiger Kriegszustand", stellt der brutaldarwinistische Autor gleich im ersten Kapitel klar, und die den jeweiligen Lebewesen zugeordneten Attribute verwendet er "ganz im Sinne des hausbackenen, menschlichen Egoismus, ohne mich weiter um die große Frage des Guten und Bösen in der Natur in irgend einer Weise zu bekümmern." Und: "Ich beschränke mich durchaus auf die Beziehung der Thiere zu dem Menschen, den ich als unbeschränkten Thyrannen der Schöpfung de facto anerkenne". Leitgedanke: Man lasse sich niemals durch Oberflächlichkeiten und Vorurteile die nüchterne Sicht auf die triebgesteuerte Tierwelt vernebeln! "Jenes Vögelchen, das so graziös von Zweig zu Zweig hüpft und zuweilen seinen Gesang ertönen läßt, hegt während seiner scheinbar friedlichen Beschäftigung nur Mordgedanken gegen die Fliegen [...]; die Schlupfwespe, welche von Blume zu Blume wippt, sucht ein unglückliches Opfer, auf dessen Kosten sich ihre Nachkommenschaft ernähren soll."

Welche Tiere sind es nun, die falsch eingeschätzt werden? Zum Beispiel der Maulwurf, welcher zwar ein paar unansehnliche Erdhaufen auf der Wiese hinterlässt, dafür aber "im Durchschnitte die Hälfte seines Gewichtes täglich" an Schadinsekten ("Werren oder Engerlinge") vertilgt. Apropos: "Die Maden sind ekelhafte Thiere", heißt es in der zehnten Vorlesung. "Moder und Koth, faulender Stoff, stinkendes Sumpfwasser, Schleim und Eiter sind die Umgebungen, in welchen sie sich gefallen". In diesem Zusammenhang lernt man u.a. "die schreckliche Hessenfliege" kennen, "von welcher man einst irriger Weise in Nordamerika glaubte, sie sei von den armen hessischen Soldaten, welche ihr gnädiger Landesvater übers Meer an die Schlachtbank gegen baares Geld verkaufte, mit dem Stroh nach Amerika eingeschleppt worden." Ein 100%-iges Harmlosigkeitszeugnis kriegt allein der Schmetterling ausgestellt: Er "lebt eigentlich nur der Liebe, wenn er diese auch nicht von dem höheren seelischen Standpunkte aus auffaßt."

Ganz wenig übrig hat Herr Vogt für Adebar. "Der Storch ist der boshafteste, zornigste und mordlustigste Egoist, der sich denken läßt: dem Mörder gleich mordet er selbst dann, wenn seine Freßgier befriedigt ist, greift selbst das brütende Weibchen und die Nestjungen seines Nachbars an, und was die gerühmte Gattentreue betrifft - - -" Besser kommen da schon die Eulen weg. Deren schlechter Ruf als Vorboten von Todesfällen lässt sich nämlich ganz rational abtun: In ländlichen Gegenden, wo es abends noch richtig dunkel wurde, musste man, anders als in den gaslaternenerstrahlten Städten, ein Licht anzünden, wenn sich ein familiärer Sterbevorgang bis in die Nacht hinzog, und diese Lampen haben halt schon mal den einen oder anderen nachtaktiven Vogel angezogen. Das Volk dann so: Oh-oh bzw. uhu, die Eule vor dem Fenster kündet vom Tode!

Am Ende gibt es dann sogar einen kleinen Shitstorm! Vogt lässt sich in der neunten Vorlesung, in welcher man auch erfährt, dass New York schon damals ein Bettwanzenproblem hatte, über die Schabe aus: "[I]n Rußland besonders wimmeln nicht nur die Bauernhäuser und Kneipen, sondern die Gasthöfe und Edelsitze von diesen häßlich riechenden Thieren so sehr, daß mir Freunde erzählen, die Wände hätten ihnen in Gaststuben anfänglich aus gebuckeltem Nußbaumholt gebildet erschienen". Dagegen habe es im Nachhinein erregten Widerspruch aus der Zuhörerschaft gegeben: "Man hat mir vorgeworfen, ich übertreibe. Nachdem man mir zuerst die Existenz der Schaben rundweg abgeleugnet hatte, versicherte man, nur in den niedrigsten Hütten gäbe es 'Preußen' [in Russland ugs. für Schaben; Anm.] und niemals in solcher Menge, wie ich behauptet hätte." Zu seiner Verteidigung zieht Vogt den Roman "Die toten Seelen" von Nikolaj Gogol heran: Dort macht der Held der Geschichte gleich am Anfang Bekanntschaft mit "dem wohlbekannten Typus der Gasthöfe [...], wo der Reisende für zwei Rubel täglich ein ruhiges Zimmer mit Myriaden von Schaben haben kann, die wie Pflaumen aus allen Winkeln hervorgucken"; er, Vogt, gebe nur jene bitteren Wahrheiten wieder, die der russische Landsmann Gogol eben auch nicht verschweige.

Der Band wurde auch für Google Books eingescannt.

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