Mittwoch, 3. Mai 2017

Runter-Bewusstsein

In seinem Text "Ein alter Jugo-Drachen in der Wüste", später umbenannt in "Charleys Tante in der Wüste", berichtet Max Goldt von einem Zwangsausflug in eine katarische Falkenklinik, wo er aus nächster Nähe eine Operation beobachtet. Und wie er da ohne Mundschutz über den geöffneten Falkenkörper gebeugt ist, denkt Goldt das, was er schon einmal dachte, als ihm nämlich eine Original-Kafkahandschrift vorgelegt wurde: 'Ich könnte da jetzt reinspucken.'

Nachvollziehbar? Für mich schon. Vor etlichen Jahren brach sich in meinem verschrobenen Hirn ein ähnlicher Gedanke Bahn, als ich an der Karls-Universität zu Prag eine echte, makellos erhaltene hethitische Tontafel in die Hand nehmen durfte: 'Ich könnte die jetzt auf den Boden schmeißen.' Zu dem einigermaßen leicht zu unterdrückenden Zwang gesellte sich die Angst, dass ich das über Tausende von Jahren und Kilometern hinweg in meine temporäre Obhut gelangte Keilschriftdokument aus Versehen fallen lassen könnte. Solche Schusseligkeiten passieren mir nicht selten, weswegen ich mich auch standardmäßig weigere, Babys zu halten (vielleicht tu ich das aber auch aus Furcht vor Vatergefühlen/Milcheinschuss).

Der französische Ausdruck l'appel de vide bezeichnet das unheimliche Verlangen, sich in die Tiefe zu stürzen, wenn man vor einem Abgrund steht. Der abnorme Drang, vulnerable Objekte zu beschädigen, ist damit bestimmt verwandt, könnte ich mir vorstellen.

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