Donnerstag, 17. Januar 2019

Überhetzung

Heute habe ich das neue Sachbuchprogramm des S.-Fischer-Verlags durchgeblättert. Der kommende 600-Seiten-Wälzer von Jared Diamond, "Krise" (OT: "Upheaval"), wird darin unter anderem so beworben: "Zeitgleiches Erscheinen mit der amerikanischen Originalausgabe". Was für ein Wahnsinn, dachte ich, und mein Mitgefühl galt Susanne Warmuth und Sebastian Vogel, die damit betraut worden sind, den Schmöker bis zum Mai ins Deutsche zu übertragen.

Wenig später schlug ich die Süddeutsche Zeitung auf, in der es heute zufällig auf einer ganzen Feuilletonseite genau darum ging: "Sieben Übersetzerinnen und Übersetzer erzählen aus ihrer Werkstatt". Die Problematik des Zeitdrucks wird mehrmals thematisiert. Karin Krieger, u.a. Übersetzerin von Elena Ferrante: "Ein Buch hat seine eigene Zeit. Es steht im Regal, bis jemand es zur Hand nimmt, vielleicht erst nach Jahren. Dann ist es egal, ob es irgendwann einmal drei Kalenderwochen früher oder später erschienen war. [...] Doch wenn dem Buch diese drei Wochen Sorgfalt fehlen, fehlen sie ihm für immer." Patricia Klobusiczky (übersetzt aus dem Französischen und Englischen): "Im Schnellverfahren lassen sich nur selten alle inhaltlichen Nuancen und stilistischen Feinheiten eines literarischen Textes erfassen, geschweige denn übertragen. [...] Was vor 25 Jahren noch Ausnahme war, droht heute zur Regel zu werden, Übersetzungen sollen über Nacht vollendet sein". Der Grund ist, surprise!, ein wirtschaftlicher. Heutzutage besteht "die Angst davor", vermutet Frank Heibert (engl. & frz.), "dass zu viele Leser und Leserinnen womöglich gleich das Original kaufen, was aber höchstens beim Englischen greift (weil ja 'alle' Englisch können), und bei Karin Slaughter vielleicht eher als bei Thomas Pynchon." Hinzu kommt: "Agenturen wollen gern bald das nächste Buch vermitteln, keine Halde von noch nicht erschienenen Titeln vor sich herschieben, Verlage wollen nach dem Erwerb der deutschen Rechte möglichst bald Umsatz machen [...] als würden die Fans den nächsten Band nicht mehr kaufen, wenn er ein halbes Jahr später erschiene."

Neben dem ungeheuren Termindruck sind Irrwitzigkeiten wie diese gang und gäbe: "Neuerdings kommen die Originaltexte immer öfter als verschlüsseltes PDF, vor allem bei potenziellen Blockbustern aus den USA. Und wehe, wenn das Passwort 'hakt'! [...] Man kriegt einen Auftrag, der so extra very secret ist, dass man auf gar keinen Fall auf einem Computer mit Netzzugang arbeiten darf. Stichwort: Hacker, womöglich Geheimdienste. Also arbeitet man an zwei Computern, Wörterbücher und Recherchequellen sind nun mal online." (Pieke Biermann, engl. & ital.) Es könne auch passieren, dass die Fassung, an der man seit Wochen sitzt, sich als die nicht endgültige herausstellt, weil zwischendurch noch ein paar "allerletzte Änderungen" rübergeschickt werden, was lange und mühsame Abgleicherei nach sich zieht. Oder man bekommt wegen des großen Umfangs einen (bis dahin unbekannten) Kollegen als Co-Übersetzer zugeteilt. 

Wie man sich denken kann, wird diese Plackerei alles andere als fair vergütet. Hinrich Schmidt-Henkel (frz., norw.) nennt Zahlen: Eine Normseite von ca. 1500 Zeichen bringe im (seltenen) Höchstfall 25, im Schnitt 15 Euro. "Laut Künstlersozialkasse lag im Jahre 2018 das Durchschnittseinkommen von Literaturübersetzenden bei 1500 Euro im Monat. Das bei 15 Euro pro Seite erzielen zu wollen, verlangt einen Output von 200 Seiten pro Monat." Natürlich gibt es auch – wie bei Schreibenden üblich – eine Verkaufsbeteiligung, doch die ist mit 0,4% des Nettoladenpreises (ab dem 5000. Exemplar) vernachlässigbar.

Was lernen wir, die wir den neuesten Diamond wie selbstverständlich am US-Verkaufstag in den Händen halten und uns sogar noch ob des ein oder anderen Flüchtigkeitsfehlers echauffieren, daraus? Das Übersetzen ist eine hohe Kunst, die zu achten ist. Gott weiß, sie wird häufig genug öffentlich honoriert, aber eben nicht finanziell, und so lebt sich's oft wie von manch anderer Kunst auch: prekär.

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