Samstag, 6. Juni 2020

Mein Jahr mit der Eule

Ich habe von April 2019 bis April 2020 (fast) jeden Tag eine Übung mit der Sprachlern-App Duolingo gemacht. Dafür gab es dann eine Auszeichung:


Gegen Duolingo ist im Grunde nichts zu sagen. Man trainiert sein Gehirn, prägt sich Vokabeln ein und wird dazu motiviert, sich einmal täglich ein paar Minuten voll und ganz einer Sache zu widmen. Allein, zum richtigen Erlernen einer Sprache taugt diese Anwendung meiner Meinung nach nur bedingt. Das Prinzip beruht auf Repetition, Einprägen, ja, auch auf logischem Denken, aber nicht auf Begreifen. Nennt mich altmodisch, aber ich möchte Flexionstabellen, Wortbildungsschemata, Phrasenstrukturbäume, kurzum: ein theoretisches Fundament vorgesetzt bekommen. Ein Fremdsprachenkurs sollte zunächst einen langen, trockenen Anlauf nehmen, bevor er sich in die praktische Anwendbarkeit stürzt, auch wenn das vielen Lernenden, die möglichst zügig Konversation betreiben wollen, zuwider ist. Natürlich wird es dann anfangs etwas zäh und fordernd, aber umso sattelfester ist man am Ende, und man freut sich, wenn man selbstständig etwas sagt oder schreibt, weil man die dafür notwendigen Regeln verinnerlicht hat.

Gelernt (naja: "gelernt") habe ich übrigens Hindi, und gerade bei dieser Sprache kommt Duolingo an seine Grenzen. Ich finde nämlich, dass Hindi in die Kategorie "hard to learn, easy to master" fällt, im Gegensatz etwa zu Englisch, das relativ leicht zu lernen, aber schwierig zu meistern ist. Viele Seltsamkeiten und scheinbare Irregularitäten habe ich mir erst nach Ewigkeiten durch Zufall erschlossen oder weil ich die Erklärungen in der Kommentarfunktion der App gelesen habe (zum Glück können User zu jeder Aufgabe Anmerkungen hinterlassen, und freundliche native speakers helfen gern). Hier wären einführende Lektionen, die nicht sofort Dinge abfragen, unabdingbar gewesen. Beispielsweise gibt es eine Höflichkeitsregel, nach der die Bezeichnungen älterer Personen im Plural stehen; unzählige Male habe ich intuitiv "mein Großvater" in den Nominativ Singular Maskulinum gesetzt, bevor ich nachgelesen habe, warum mir das als Fehler angekreidet wurde. (Apropos Verwandtschaftswörter: Hindi kennt für "Tante" und "Onkel" jeweils vier Wörter!) Auch ist mir bis heute nicht klar, wann bei einem negierten Aussagesatz das Hilfsverb wegfällt und wann nicht. Anderes Beispiel: Es gibt eine Vergangenheitsform, bei der sich die Konjugation des Verbs quasi nach dem Objekt im Satz richtet. Also, nicht wirklich, man muss es wie eine Passivkonstruktion interpretieren, und das betrifft auch nur transitive Verben, ach, es ist kompliziert, jedenfalls muss man da erst mal drauf kommen! Trotzdem ist das meiste wunderbar sinnvoll.


Sehr löblich und hilfreich: Duolingos Kommentarfunktion

Kennt man all die besonderen Kniffe und Fallstricke (und nach einem Jahr ist das geschätzt lediglich ein Bruchteil), kann man viel Freude an dieser Sprache haben, auch wenn Hindi freilich bei weitem nicht so elegant und edel wie klassisches Sanskrit ist.

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