Sonntag, 28. Juni 2020

Erase & rewind

"Wie wäre es, wenn künftig keine neuen Filme mehr entstünden und wir mit den vorhandenen auskommen müssten?", fragte die FAS kürzlich. Ja, wie wäre das wohl? Herrlich wäre das! Was ich schon seit Jahren fordere, tritt jetzt zwangsläufig – aus traurigen Gründen – ein: dass die Produktion von Filmen und Serien zum Stillstand kommt, damit wir Bewegtbildfilms endlich mal das viele Ungeguckte abarbeiten können. Ich jedenfalls weine der Fortsetzungs-, Remake-, Reboot- und MCU-Stangenware, die uns diesen Sommer erwartet hätte, keine Träne nach.

Wenn die Pandemie vorbei ist, haben Hollywood & Co. die Chance, sich mit frischen Innovationen neu zu erfinden. Aber seien wir ehrlich: Es wird vermutlich genau so öde weitergehen wie vor Corona. Weswegen die unvermeidlichen Opfer der Krise wenig zu bedauern sind. Ich sehe es zwar nicht ganz so pessimistisch wie Torsten Dewi, aber auch ich meine, dass man den unrettbarsten Komapatienten der Filmindustrie nun endlich den Stecker ziehen sollte.

Was genau erhoffe ich mir denn? Nun, das vermag ich nicht zu sagen; man möge mich überraschen! Abgesehen von unverbrauchten, mutigen Stoffen (auf "Tenet" freue ich mich zugegeben tatsächlich) wünsche ich mir unterhaltsame Ideen, die den Besuch eines Lichtspielhauses steigern, wenn schon das Gezeigte nur mittelmäßig ist. Stephen King erinnert sich in seinem theoretischen Werk "Danse Macabre" von 1981 an die zahlreichen Gimmicks, welche die Horrorfilmkultur der Sechziger und Siebziger hervorbrachte: blutrot eingefärbtes Popcorn – "Bloodcorn" – als Snack; eine "fright insurance" genannte Versicherung, die deinen Hinterbliebenen 100.000 $ zusprach, solltest du während der Vorführung vor Schreck den Löffel abgeben; Krankenschwestern im Saal und vorgeschriebene Blutdruckmessung im Foyer; Spielereien mit dem Raumlicht bei besonders intensiven Szenen; Schauspieler, die quasi als Real-life-Projektion durch die Reihen rannten und das Publikum erschreckten. So etwas sähe ich gerne.

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