Montag, 5. April 2021

Hier bin ich Mensch, hier will ich nicht sein

Wenn eine globale Pandemie Reisen verhindert und für Tagestouren in die Region keine Zeit bleibt, kann man immer noch durch die eigene Stadt spazieren. Allein, mir ist die Lust darauf vergangen. War ich jahrelang ein Verteidiger meines Wohnortes, sehe ich heute nur noch alles Hässliche, Verkommene, Verstandesbeleidigende. Es ist gar nicht mal das Frankfurt-Typische, das mich zermürbt – in Berlin fällt mir Vergleichbares auf; es wohnt allen Großstädten etwas zutiefst Seelentötendes inne, das in den vergangenen Monaten entweder schlimmer geworden ist oder mir aufgrund akuter Abstumpfungsabwehrschwäche massiert ins gramgedrückte Auge sticht. 

Allein die Tatsache, dass man als Flaneur alle paar Meter stehen bleiben muss, um Autos vorbeifahren zu lassen, ist irrwitzige Menschenfeindlichkeit hoch drei. Unablässiger Lärm, Krach, Tonterror raubt einem den letzten Nerv. Dreck, Tod, Elend, wohin der Blick auch streift. Die Vorteile urbanen Lebens sind mir natürlich bewusst, aber in den gegenwärtigen (und ich fürchte: noch lange anhaltenden) Einschränkungen sind sie dazu verdammt, unterzugehen. Sehe ich etwas potenziell Schönes, meldet sich der Schwarzmaler und Pessimist in mir: Ein nicht unansehnliches Wohnhaus? – Die Miete werde ich mir eh nie leisten können. / Ein nettes Café? – Darf man ja nicht rein. / Oh, ein kleines Untergrundtheater! – Ein Wunder, dass das noch nicht geschlossen ist. / Ein hübscher Park? – Da muss man joggenden Virenverteilern ausweichen oder mit Belästigungen durch die Obrigkeit rechnen. Erholung? Pfeifendeckel!

Was ist die Alternative? Aufs Land ziehen? Und sich in struktureller Unerschlossenheit, abseits jeglichen kulturellen Inputs mit unausstehlichem Volk rumschlagen? Womit ich nicht nur das angestammte meine (Der Spiegel vom 3. April: "Immer mehr Großstädter ziehen aufs Dorf, auch Hipster und Kreative.") ... Na schönen Dank!

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der Seele, Positives zu genießen (überhaupt zu finden) fällt schwer.

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  2. Und das Leben ist eine ansteckende, durch geschlechtsverkehr übertragene Krankheit, die immer mit dem Tod endet. Kann man nix machen...

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