Freitag, 5. April 2024

The Anarchist Plant Book

Hier kommt ein Tipp für eine Lektüre, die mir als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt wurde.

Der 1939 in Graz geborene Biologe, Psychologe und Philosoph (diese Kombination spielt eine Rolle, zu der ich gleich komme) Helmut Eisendle hat in den Siebzigerjahren im Eigenverlag das Unikatbuch "Tod und Flora" veröffentlicht, das schließlich 2009, sechs Jahre nach dem Tod des Autors, erstmals von Jung und Jung "richtig" aufbereitet und aufgelegt wurde. Nun erschien in dem Salzburger Verlag eine Neuedition von "Tod & Flora".


Wer sich prima facie ein gewöhnliches Pflanzenbestimmungsbuch vorstellt, sei eines Besseren belehrt. Das Besondere an Eisendles kompaktem Werk ist nicht nur, dass es sich, wie der Titel erahnen lässt, auf tödliche Pflanzen konzentriert: Neben den Angaben zu Aussehen, Blütezeit und Fundort wird zu jeder der 33 heimischen Giftgewächse vermerkt, wie sie wirkt und vor allem welche Menge nötig ist, um die beschriebenen Effekte hervorzurufen.

Beispielsweise lesen wir im Eintrag über die Meerzwiebel (Scilla maritima) unter "Eigenschaften und Wirkungen": "Der Geschmack der Zwiebel ist stechend, treibt die Tränen in die Augen, erregt Niesen und Husten. Ihr Saft bringt auf der Haut kleine Blasen, Rötungen verbunden mit Brennen hervor. Eingenommen, wirkt er auf den Harndrang, die Schleimhäute der Atmungsorgane, erzeugt heftige Schmerzen im Unterleib, Durchfall, Gedärmentzündungen und in seltenen Fällen den Tod." Und unter "Dosis minimalis/letalis": "Drei Scheiben des Zwiebels [sic] bewirken einen Tränenausbruch, Brennen im Hals, Niesen und andere Beschwerden. Der Saft der Pflanze kann, in Speisen gemischt, über Darmentzündungen den Tod verursachen."

So kann das Glossar nicht nur als Anleitung zum Morden und Verletzen dienen, das soll es sogar. In einem kurzen Vorwort leitet der Autor philosophisch fundiert her, warum das Auslöschen gewisser Personen mit Giftgabe ethisch nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar notwendig sei. Im Wesentlichen geht es um das Korrigieren von Machtverhältnissen, um sthenische vs. asthenische Gruppen, um das Erreichen der "Überwindung [der] Glücklosigkeit und Armut" einer unterdrückten Mehrheit in der "gegebenen Situation des Lebens", i.e. der auf Gewalt und Ungerechtigkeit basierenden Gesellschaft. "In unserem komplexen Leben gibt es eine Vielzahl personeller und sozialpsychologischer Probleme, die radikale Lösungen fordern, da sonst sowohl der persönliche Friede als auch ein vertretbares Zusammenleben ganzer Bevölkerungssysteme nicht mehr gewährleistet ist." Der Aspekt des puren Lustgewinns wird darüber hinaus nicht verschwiegen. Als Eckpfeiler seiner Handreichung stellt Eisendle vier "strategische Grundsätze" auf, nämlich "Wissen ist Macht", "Hass bedingt Motivation", "Motivation bedingt Destruktion" und "Sicherheit bedingt Heimtücke".


Das Ganze ist sehr, sehr österreichisch, entbehrt in seiner lakonischen Sachlichkeit nicht eines gewissen schwarzen Humors. Hätte so ein Kompendium auch in Deutschland – etwa in der "Naturkunden"-Reihe von Matthes & Seitz – erscheinen können? Oder würde sich die Staatsanwaltschaft einschalten? Ich denke da direkt an die Tatbestände "Anleitung zu Straftaten" (§ 130a StGB) und "Belohnung und Billigung von Straftaten" (§ 140 StGB), aber ich bin ja kein Jurist. Es muss zudem betont werden, dass sich nirgends konkrete Schritt-für-Schritt-Instruktionen für Giftanschläge finden. Stattdessen gibt es Kasus, "Fallbeispiele dazu, wie die Pflanzen zum Einsatz gekommen sein könnten" (Astrid Wintersberger im Nachwort).


Ein makabres und erst recht lehrreiches Vergnügen; ich wusste beispielsweise nicht, dass es bereits schädlich sein kann, sich unter einer Eibe längere Zeit nur aufzuhalten! "Tod & Flora" umfasst 174 Seiten und kostet 25 Euro.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen