Dienstag, 8. Januar 2013

Der Weg ins Kino und zurück

Zwei Freunde sind auf dem Weg ins Kino. Sie wollen sich einen Spannungsfilm ansehen, der im Fernsehen, offenbar sehr wirksam, beworben wird. Auf einem Abschnitt ihrer Route sehen sie eine Gruppe von Punks. Die Punks befinden sich auf einer Grünfläche; sie stehen nicht, sitzen nicht, liegen nicht – sie lungern. Milieutypische Namen kann man auf ihren Visitenkarten lesen: "Fatzke", "Bunker", "Muschi", "Rolle" etc. Ihre Hunde und Ratten tragen weitaus würdevollere Namen. 
"Diese Gruppierung macht mir Angst", verkündet der eine Freund. "Lass und einen großen Bogen um sie machen." 
"Du hast Recht!", stimmt der andere zu. 
Gesenkten Hauptes setzen sie ihren Weg fort. Am Lichtspielhaus angekommen, kauft sich jeder ein Ticket. Die zwei Freunde setzen sich in den großen Vorführsaal und warten neugierig auf den Beginn des viel gepriesenen Spannungsfilms, in dem Bruce Willis mitspielen soll. Noch sind sie die Einzigen, denn es geht erst in sechs Stunden los. 
Allmählich füllt sich das Kino. Bald fängt der Film an. Doch die Enttäuschung ist groß: Es sind keine echten Schauspieler zu sehen. Alle Protagonisten sind Marionettenpuppen! 
"Und dafür bin ich extra fünf Uhr in der Frühe aufgestanden?!", flucht der eine Freund. 
Auch der andere ist enttäuscht. Man beschließt zu gehen und eine Jause einzulegen. Auf dem Nachhauseweg unterhalten sich die Freunde. "Nenne mir alle Filme, in denen Bruce Willis mitspielt und von einem kleinen Jungen begleitet wird!" "Das Mercury-Puzzle, The Sixth Sense, Unbreakable und The Kid." – "Schwer zu sagen, welcher davon am langweiligsten ist."
Sie kommen erneut an den Punks vorbei, denn der Rückweg ist gleich dem Hinweg. "Jetzt werden sie unser erneutes Vorbeikommen als Provokation auffassen und uns anmachen", prophezeit der eine Freund. Doch nichts geschieht. Die Punks trinken Bier und schreiben regierungskritische Popballaden. Die Passanten interessieren sie gar nicht. Hunde und Ratten halten Mittagsschlaf. Unsere beiden Freunde ringen sich ein Lächeln ab. 
Nun sind sie im Haus des einen Freundes angekommen. Dieser öffnet ein Fenster und zwinkert dem anderen wissend zu. Wenig später kommt ein in Zellophanfolie gewickeltes Mittagessen in das Hausinnere geflogen. Der Freund spricht: "Ich habe uns was beim Telekinesen bestellt." Das Mahl schmeckt den beiden. Und so wurde es doch noch ein zumindest mittelmäßiger Tag.


(geschrieben im Februar 2004)

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