Sonntag, 10. August 2014

Im Trollwald. Teil 4

(Teil 1)
(Teil 2)
(Teil 3)

Eine Astgabel knackte. Ruxana sprang in die Höh' ... und nahm innert weniger Sekunden eine andere Gestalt an! Sie machte eine Metamorphose durch, wie sie Timo noch nie gesehen hatte: Die Frau verwandelte sich in einen Troll! "Du Teufelin!", schrie er. "Du hast den Lkw-Fahrer auf dem Gewissen! Kämpfe mit mir!" Sie kämpften.

Timo rang eine Weile mit der Sagenfigur, gewann vorübergehend die Oberhand, landete aber schließlich im Schwitzkasten des Trolls. "Bevor du mich tötest, sage mir wenigstens, warum du dem armen Brummifahrer das Leben ausgehaucht hast!", bat Timo röchelnd. Daraufhin formierte sich der Troll wieder zu Ruxana. "Ich erinnere mich nicht", winselte sie. "Wenn ich mutiere, tu ich Dinge, die ich normalerweise nie tun würde. Morden und Ikebana zum Beispiel." "Bei unserer ersten Begegnung hast du etwas von einem Tunnel erzählt", erinnerte Timo sie. "Zeig ihn mir." "Ich kann aber nicht versprechen, dass ich ihn finde", wand Ruxana ein. "Und noch etwas: Falls ich wieder zum Troll werden sollte, erwürge mich bitte!" "Was?!", erschrak Timo. "Das würde ich doch niemals fertig bringen. Ich erschlage dich lieber mit einem Stein." Und so zogen sie weiter. Immer tiefer in das Gehölz hinein.

Nach einer Stunde, die sich hinzog wie siebzig Minuten, standen sie vor dem Eingang des Tunnels. Schweflige Nebeltentakel waberten daraus hervor. "Also gut", seufzte Ruxana, "ich werde dir alles erklären – soweit ich mich erinnern kann." "Moment!", rief Timo aus. "Wir sollten uns lieber siezen." Ruxana war einverstanden. Im erstaunlich schwülen Eingangsbereich der Höhle begann sie mit ihren Ausführungen: "Dieser Tunnel verbindet Ihre Welt mit der Anderswelt. Dort komme ich her. Der Niederländer mit dem Kiosk ist der letzte Wächter. Der arme Kerl weiß nur nichts davon. Jeden Abend verspeist er einen mit Vergessenspulver versetzten Hering, der ihm auch die Lesefähigkeit nimmt. Seine Aufgabe aber ist es, die Verbindung zwischen den beiden Welten streng geheim zu halten. Als neulich ein Schneemann aus unserem Reich entwischte, hat man mich hinterher geschickt, ihn zu fangen. Doch da war es schon zu spät: Ansgar Gerđurson hatte das Wesen überfahren. So war ich gezwungen, ihm in Trollgestalt den Garaus zu machen, hatte er doch viel zuviel gesehen." "Was heißt denn 'zuviel gesehen'?", brüllte Timo. "Schneemänner gibt es doch auch in unserer Welt, Sie fieses Weib!" "Das wusste ich nicht." "Und wer hat mich in Toronto angerufen, um mich über den sonderbaren Fall zu informieren?", wollte Timo wissen. Ruxana überlegte und antwortete: "Hin und wieder kommt ein berittener Bote am Büdchen des Niederländers vorbei. Vielleicht hat der was mitgekriegt. Notiz an mich selbst: den Boten ebenfalls umbringen." "Ich verstehe. Na, so ergibt alles ein rundes Bild", proklamierte Timo. "Ich dachte schon, die Geschichte würde total ins Leere laufen … By the way, müssen Sie mich jetzt eigentlich auch töten?" Ruxana nickte.

ENDE.

(Diesen letzten Teil habe ich grundlegend überarbeitet. Ursprünglich lief die Geschichte nämlich tatsächlich ins Leere: Ruxana ertrank in einem See und Timo starb an verdorbenen Heringen, die er am Holländer-Kiosk erstanden hatte. So ein Quatsch.)

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