Sonntag, 24. August 2014

Zwei Brüder


Die Tür glitschte über das Linoleum – kaum hörbar, aber laut genug, dass der alte Herr sich mühevoll in seiner Bettstatt hochschraubte und zwei Gestalten erblickte, die nun langsam das Krankenzimmer betraten. Es waren seine Söhne, Pavel und Joshua. "Vater", sagte einer der beiden unterkühlt. Der andere nickte bloß. "Wie lange ist es her", hauchte der Alte, "dass ich euch das letzte Mal zusammen in einem Raum gesehen habe?" Dabei kannte er die Antwort: Ziemlich genau zwanzig Jahre war es her, als seine Söhne endgültig getrennte Wege gegangen waren. "Wir sind nur zufällig zur gleichen Zeit gekommen", erklärte Pavel. Joshua ergänzte: "Ich habe es heute in der Zeitung gelesen." Reißerisch hatte das lokale Boulevardblättchen getitelt: "Hessens Hüpfburgen-König (78) in Klinik eingeliefert: Liegt er im Sterben?"

"Und, liegst du wirklich im Sterben?", wollte Joshua wissen. – "Ja", antwortete der Sieche. "Die Sprunggelenke machen nicht mehr mit. Blanke Ironie, was?" Ein Hustenanfall überkam ihn. Als er vorüber war, setzte der Vater zu einer Rede an. "Ich möchte, dass ihr mir einen letzten Wunsch erfüllt", sagte er. "Vertragt euch bitte wieder. Begrabt das Kriegsbeil und vereint eure Hüpfburgen-Imperien. Die Konkurrenz macht euch krank. So wie mein Ehrgeiz mich krank gemacht hat." – "Es gibt nichts mehr zu bereden und schon gar nichts zu vereinen", erwiderte Pavel barsch. "Als mein feiner Bruder vor zwei Jahrzehnten beschlossen hat, die Hüpfburgenstadt zu verlassen und sein eigenes Hüpfburgenland zu gründen, ist er für mich gestorben." – "Weil du nicht mehr wusstest, was du tatest!", brüllte Joshua. "Du hast den Geist der Hüpfburgenstadt verraten, das Kerngeschäft aus den Augen verloren. 'Kasperle Theater', 'Quatt Racing' – das hat doch nichts mehr mit Hüpfburgen zu tun!" – "Man muss mit der Zeit gehen", entgegnete der Bruder nun gleichermaßen stimmgewaltig, "sich den veränderten Gewohnheiten anpassen, den Kindern etwas Neues bieten! Aber davon hast du nie etwas verstanden. Du hast dich immer wohlgefühlt in deinen starren Polyesterstrukturen …"

"Schluss jetzt!", gebot der Vater mit letzter Kraft. Die Brüder verstummten. "Ich möchte euch mal was erzählen: die Geschichte eines jungen, entschlossenen Mannes, der in den Sechzigerjahren durch Europa zog und sein Glück suchte. Und es fand. Dieser Mann war ich." Dem Alten standen Tränen in den brechenden Augen. "Es war in Belgien, 1965. Da lernte ich zum ersten Mal dieses ganz neue Konzept der Hüpfburg kennen. 'Hoeppjekastell' hieß das dort. Ich war sofort begeistert, wusste, dass darin die Zukunft der Unterhaltung liegen würde. Also kaufte ich einem Betreiber so ein Ding ab. Mein ganzes damaliges Vermögen ging dabei drauf. Dann begann der härteste Teil meiner Karriere. Ich transportierte die Hüpfburg mit einer Pferdekutsche bis nach Frankfurt-Nied, drei Tage lang über Nebenstraßen und Wanderwege. Dann ging es ans Aufblasen. Mit dem Mund musste ich das machen! Ein ganzes verdammtes Jahr habe ich dafür gebraucht! Eines Nachts hat eine Wasserratte das Ventil aufgeknabbert, das hat mich noch mal zwei Wochen zurückgeworfen. Aber als die Hüpfburg endlich, endlich vollständig aufgeblasen dastand … kam ein Mann vom Ordnungsamt und sagte: 'Die müssen Sie woanders hinräumen!' Das kostete mich abermals einen Monat. Dann war Sommer. Die erste Schulklasse rückte an. Und die Kinder waren Feuer und Flamme! Schnell sprach es sich herum: In Nied gibt’s eine Burg, auf der man herumspringen kann! Die Kasse klingelte. Bald konnte ich mir eine zweite Burg leisten, eine dritte, schließlich sogar ein generatorbetriebenes Gebläse! Die Hüpfburgenstadt war geboren."

"Bist du bald fertig? Oder tot?", maulte Pavel. "Ich muss noch die Dinorutsche einölen." Traurig schaute sein Vater drein und fuhr fort: "Bald, Sohn. Es dauerte nicht lang, da lernte ich eure Mutter kennen, eine Grundschullehrerin, die mit ihren Zöglingen meine berühmte Attraktion besuchte. Wir verliebten uns. Und dann kamt ihr. Auf der Piraten-Hüpfburg wurdet ihr gezeugt, geboren und getauft. 'Hüpf-hüpf, hurra!' war unser Familienschlachtruf. Glückliche Zeiten. Dann verließ mich eure Mutter. Sie fand, ich hatte nur noch meine Burgen im Kopf. Sie hatte recht. Sogar die Scheidungspapiere unterzeichnete ich auf einer meiner mittlerweile zwölf Hüpfburgen." – "Das wissen wir doch alles", seufzte Joshua. "Hast du noch irgendetwas Bedeutendes zu sagen?" Mit zitternder Hand beförderte der alte Herr ein Foto aus seinem Schlafrock. Es zeigte einen den zwei Söhnen unbekannten Burschen mittleren Alters. "Und wer soll das bitte sein?", fragte Joshua gelangweilt. Der Blick des Vaters verdüsterte sich. "Dies", flüsterte er, "ist euer Bruder. Das Ergebnis einer wilden Kurzbeziehung, die ich führte, nachdem eure Mutter fortgegangen war. Bis gestern wusste ich nichts von seiner Existenz. Aber ich weiß, was er vorhat. Ein anonymer Anruf …" Der Senior hustete sich nun die Seele aus dem Leib. "Euer Bruder … er ist auf dem Weg nach Frankfurt … Er will … etwas gründen … eine neue … eine Hüpfburgen- ... -WELT! Haltet … ihn auf …" Der alte Mann sank tot in sich zusammen. Entgeistert blickten die Brüder einander an.

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