Freitag, 27. Januar 2017

Der Winter unseres Missvergnügens

Neues Hobby: Ich frage Leute, die ungefähr in meinem Alter sind, ob die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten wohl das Schlimmste sei, was unsere Generation bisher miterleben musste. Eine Facebook-Freundin meinte zwar nein, Rainer Brüderles Dirndl-Flirtversuche seien noch traumatischer gewesen, aber der Tenor lautet: Ja, doch, das ist durchaus ein Wendepunkt von singulärer Schrecknis. Trump sei immerhin "unterhaltsam", hört man hier und da, ein schwerlich ernstzunehmender Clown, und die Frisur und die Tweets und die orangefarbene Haut und die Söhne und die Frau undundund, haha, ja, well, ich kann angesichts der Ungeheuerlichkeiten allein in der ersten Woche seiner Amtszeit überhaupt nicht mehr lachen. Meine primäre Reaktion beim Anschauen von Latenight-Shows ist denn auch verzweifeltes Jaulen statt befreites Kichern.

"Pfff, welche Auswirkungen hat der Machtwechsel denn auf dich privilegierten mitteleuropäischen Tunichtgut?", mag man mir jetzt zurufen. Wohl wahr: Unmittelbar geändert hat sich für mich und circa 99% der Deutschen seit dem 20. Januar erst mal nichts. Doch sollte uns das zu einer allseitig indifferenten Haltung verleiten? Ich finde: Sollte es nicht und darf es nicht. Tut es ja auch nicht, wie man zum Beispiel an den Protesten in Berlin gesehen hat. Mein Respekt gilt allen, die sich im Gegensatz zu mir zu derlei aufraffen können!

Man fühlt sich so hilflos – obwohl man mit seiner Meinung nicht alleine dasteht: "Wie bereits vor der Wahl in den USA erhält Trump wenig Zustimmung der Deutschen. Zwei Prozent finden es sehr gut und neun Prozent gut, dass er zum Staatsoberhaupt der USA gewählt wurde. 37 Prozent halten seine Wahl für schlecht und 45 Prozent für sehr schlecht.
Für die repräsentative Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen befragten die Meinungsforscher am 9. November 1017 Wahlberechtigte." (Tagesspiegel) Und ja: Indem ich schreibe "mit seiner Meinung", gebe ich mich natürlich als Opfer der vieldiskutierten Filterblase zu erkennen. In meinem Umfeld gibt es in der Tat niemanden, also absolut null Personen, die Donald Trump irgendetwas abgewinnen können. Wo aber sind die elf Prozent der Deutschen, die derzeit angeblich triumphieren? (Aside: Triumphieren die wirklich? Worauf genau freuen sie sich? Was erwarten sie und die Supporter in Amerika, die es ja Trumps miesem approval rating, dem Nichtgewinn des popular vote und der Überschaubarkeit des Inaugurationspublikums zum Trotz in nicht geringer Zahl gibt? Glauben die an eine sofortige Verbesserung ihrer Lebensumstände, bloß weil da plötzlich jemand an der Spitze steht, der ihre Ressentiments bestätigt und Sündenböcke unterdrückt anstatt das Grundübel, welches für das, sei's imaginierte, sei's tatsächliche "Abgehängtsein" ursächlich ist, zu benennen? Fühlt sich die kleine Frau, der kleine Mann im Ernst von einem weltfremden, selbstverliebten Multimilliardär angemessen vertreten?)

Wo waren wir? Ah ja, die filter bubble. Ein Synonym dafür habe ich in einem Artikel auf Overthinking It gelernt: "echo chamber". In diesem "Hallraum" – wo inzwischen die meisten von uns leben – werden nur die eigenen (vorgefertigten) Ansichten wiederholt und verstärkt, die eigene Ideologie wird zur einzig richtigen erhoben. Dann greift man sich einen möglichst irren Strohmann aus einem fremden Hallraum (= entgegengesetzte Ideologie) heraus und führt diesen zum Ziele der weiteren Selbstbestätigung unreflektiert und gnadenlos vor. Der Autor des verlinkten Textes nennt das Resultat den "Look At This Asshole" Effect: Die eigene Sichtweise muss die korrekte sein, weil die Gegenseite ganz offensichtlich aus komplett Wahnsinnigen besteht. Beispiel: Fundamentale Christen sagen "Haha, Atheisten glauben, dass unsere Urgroßeltern Affen waren!", während Atheisten sagen "Haha, Christen glauben an einen riesigen, bärtigen Mann, der in den Wolken wohnt!" Eine einzige extreme Position (die in der Regel niemand ernsthaft teilt) wird zum Kerninhalt der gegnerischen Weltanschauung erhoben. "Even when a particularly extreme member of the out-group’s views are represented accurately, that person and their view tends to be treated not as a fringe view but as the common, normative, elementary view of the majority of the group." Der typische "Die Ökos wollen uns das Fleisch verbieten!!1!11"-Reflex.

Wie überwindet man diese Unannäherbarkeit (ausgedachtes Wort)? Wie gräbt man einen Tunnel zwischen zwei Filterblasen bzw. echo chambers? Richard Rosenbaum, der Verfasser des Overthinking-It-Beitrags, bleibt die Antwort schuldig, und als er von einem Kommentator darauf angesprochen wird, erwidert er: "Oh, there is no solution. This is just the way things are now. We’re way past that point of no return." Es wäre lustig, wenn's nicht so traurig wäre. Das ist also der Status quo. Jeder vegetiert in seiner Blase vor sich hin und hat die Wahrheit für sich gepachtet. Nun aber ein Denkanstoß von einem links-grün-versifften Denkanstoßer (mir): Existieren womöglich Meinungen, die ganz objektiv und neutral betrachtet, vom "Naturrecht" her, ein Quentchen besser, schöner, richtiger sind als andere? Liegt derjenige, der "Die Mexikaner sind unser Unglück!" brüllt, vielleicht einen Tacken mehr daneben als einer, der einwendet "Das verfassungsmäßige Recht auf Streben nach Glück sollte für alle gelten"? Noch etwas: Darf man vom "Look At This Asshole" Effect sprechen, wenn der Strohmann gar kein Strohmann ist? Donald Trump ist ja eben kein beliebiger Außenseiter mit exzentrischen Spezialagenden – er ist die Spitze eines wahrhaft tödlichen Eisbergs und der verdammte mächtigste Mann des Planeten! Wenn sich ein Dämon der Unvernunft nebst faschistoidem (yes, I went there!) Kabinett gegen den Großteil der aufgeklärten Zivilisation stellt, darf es kein "Hören wir ihm doch mal zu!" mehr geben. Dann wird, um eine Binse zu bemühen, Widerstand zur Pflicht. Doch wie?

Dirk Jörke und Nils Heisterhagen fragen in der FAZ zunächst mal, wie ES überhaupt passieren konnte. "Die These der 'Dialektik der Moralisierung' wird so begründet: Die Linken und Liberalen hätten sich zu sehr auf eine postmoderne Identitätspolitik versteift und in deren Folge sei die Trump-Wahl als Resultat eines Kulturkampfes zu sehen. Gegen die postmoderne Identitätspolitik sei eine Identitätspolitik von rechts entstanden [...]" Bzw.: "Der Moralismus sei zu viel gewesen und habe eine Antithese erzeugt". Doch diese These erscheint den Autoren verkürzt: "Doch diese These erscheint uns verkürzt, wenn man die Rolle eines im Hintergrund schwelenden Klassenkampfes negiert. [...] Unsere These lautet also: Wegen der Vernachlässigung der sozialen Frage und dem [sic] Anbiedern an den Neoliberalismus im Zuge des Strebens nach einer 'Neuen Mitte' und einem 'postideologischen Zeitalter' hat sich die politische Linke sprachlich wie inhaltlich von ihren Stammwählerschaften entfremdet." Und das wage ich zu bezweifeln. Mangels Wissen und Lebensjahren kann ich es zwar nicht belegen, aber ich glaube kaum, dass heutige AfD-Fans vor zehn, zwanzig, vierzig Jahren links gewählt haben oder hätten. Allenfalls in punkto Gewerkschaften hätte es da Übereinstimmungen gegeben. Ist ja auch egal, denn der Ruhrpott ist nicht der Rust Belt. Davon abgesehen kann es nicht schaden, auf den, wie es so schön heißt, "einfachen Arbeiter" zuzugehen. Allerdings nicht indem man populistische Zugeständnisse à la Wagenknecht macht. Vielmehr müsste es jemandem gelingen, die breite Masse für Menschlichkeit und anti-rechte Werte zu begeistern.

"Es gibt keine demokratische Zivilgesellschaft – es sei denn, wir schaffen sie". So leitet ein anderer kluger Kopf (einer der klügsten), Georg Seeßlen, seinen Taz-Artikel "Was kann uns noch retten?" ein. Er fordert eine demokratische Zivilgesellschaft als "Projekt für ein neues politisches und kulturelles Subjekt", nämlich "als Widerstand gegen die drohende Machtübernahme durch eine neue/alte völkische, antidemokratische Rechte und als radikale Erneuerung des demokratischen Projekts selbst [...]. Sie ist demokratisch nicht als Verteidigung der Restdemokratie, sondern als Projekt des demokratischen Neubeginns; sie ist zivil nicht nur im Sinne einer Entmilitarisierung der Politik und des politischen Jargons, sondern auch im Sinne einer Zivilisierung der Diskurse; sie ist Gesellschaft nicht nur im Sinne einer Alternative der offenen und sich entwickelnden Gesellschaft gegen die geschlossene ideologische, nationalistische, ökonomische und auch religiöse Gemeinschaft, sondern auch im Sinne einer Sozialisierung des Lebens als Suche nach neuen Formen von Solidarisierung und Verantwortung." Das liest sich flott und leuchtet ein, allein: Wer vermag dies auszulösen? Wer betätigt den Zünder? Wer nimmt "uns" an die Hand, wer mobilisiert uns? So sehr mir das Führerprinzip widerstrebt und ich jeglichem Personenkult abhold bin, so sehr wünschte ich mir dann doch eine Art Leitfigur: einen linken Anti-Trump, der dem Hass etwas entgegensetzt. Keinen blasiert-abgehobenen Heiko Maas, keine relativierend-frömmelnde Göring-Eckardt, keinen verkniffen-steifen Trittin. Ich würd's ja machen, aber mir fehlt es an Charisma und Know-how.

Wer bis hierher durchgehalten hat: Herzlichen Glückwunsch! Das waren ein paar lose Gedanken, die ich unbedingt aufschreiben wollte. Zu ungeordnet? Zu wirr? Habe ich das Wort "Naturrecht" falsch gebraucht? Schreibt's in die Comments! ;) ;) ;)

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