Mittwoch, 5. Dezember 2018

Was du nicht sagst

Ein Beruf, den ich gerne und zufriedenstellend ausüben würde, ist der des Dialog-Script-Doktors. Ob es diesen Beruf gibt, weiß ich gar nicht. In den zahlreichen Produktionsstätten des "Tatort" scheint es ihn jedenfalls nicht zu geben. Allzu oft schon habe ich eine gar nicht mal üble Folge dieses Krimiklassikers gesehen, die mir von miesen Dialogen vergällt wurde. 'Kein Mensch würde so etwas sagen!', dachte ich wiederholt. Was dort stattfindet, ist ganz oft schlechte Imitation schlechter Übersetzungen schlechter Dialoge in amerikanischen Serien. Womit gleich klargestellt wäre, dass realitätsfernes Sprechen im Fernsehen kein rein deutsches Phänomen ist. Selbst in ansonsten konstant hochqualitativen US-Shows schleicht sich (nach meiner Beobachtung: mit steigender Staffelzahl) zunehmend sloppy writing ein.

Ein Beispiel aus dem von mir genussvoll verfolgten Tearjerker "This is us", bei dem es allerdings nicht darum geht, wie jemand redet, sondern worüber geredet wird: Einer der Protagonisten verbringt mit seiner neuen Freundin einen mehrtägigen Aufenthalt in einer anderen Stadt. Auf der langen Autofahrt dorthin offenbart sie ihm, dass sie 1. eine Unterkunft bei einer alten Bekannten organisiert hat, 2. Sandwiches als Reiseproviant eingepackt hat. Das sind doch essenzielle Dinge, die man vor dem Beginn einer Reise bespricht! Das Problem der Autor(inn)en ist klar: Die Figuren in der Serie haben gegenüber dem Zuschauer einen Wissensvorsprung, und das Wissen kann nur verbal vermittelt werden, weil man halt nicht jede Banalistät zeigen kann. Aber lässt sich die fehlende Information nicht eleganter rüberbringen?

Ganz arg wird's meist, wenn eine Figur eine andere, noch nicht eingeführte Figur wiedersieht, mit der sie eine gemeinsame schicksalhafte Vergangenheit hat. "Nice to see you again ... brother" oder ähnliches hört man sodann aus der Glotze und verdreht die Augen. Die automatische Literaturkritik der Riesenmaschine sieht Minuspunkte vor, wenn Phrasen à la "Auch dein Vater, der wohlhabende Kommerzienrat, dessen – wie du weißt – einzige Tochter du bist,..." fallen. Filmische Werke sollten ebenso streng bewertet werden.

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