Mittwoch, 15. Mai 2013

Die klügsten Bauern. Ein politischer Kommentar

Ein weiterer Skandal erschüttert die Republik in diesem mit Skandalen bereits mehr als reich gesegneten Jahr, und diesmal geht es um nicht weniger als ein Kulturerbe: die Kartoffel.

Illegale Preisabsprachen sollen dazu geführt haben, dass die Deutschen in der Vergangenheit deutlich zu viel für ihr Lieblingsnachtschattengewichs gezahlt haben. Agrarministerin Aigner verschanzt sich derweil im Rübenkeller. Eine schallende Ohrfeige auf die Knollennase einer Nation, die sich jeden "Erdapfel" vom Munde abgespart hat – bzw. eben nicht! Denn gerade die Niedrigpreisigkeit der Kartoffel war einer der Hauptgründe für deren Beliebtheit. Wer Kartoffeln aß, der signalisierte Bodenständigkeit, Bescheidenheit und Demut. Das Nachkriegselend noch im Hinterkopf, die Dekadenz der feisten Jugend vor sich, begnügte sich der brave Bundesbürger mit den zwar geschmacksarmen, doch so nahrhaften wie haltbaren "Grundbirnen". Schon die Zubereitung der Kultkost war jedes Mal aufs Neue eine Übung in Unterwürfigkeit: Mit schrundigen Händen aus dem Krämerkorb geklaubt, wurde die Kartoffel erst mit einer Wurzelbürste vom gröbsten Dreck befreit, sodann in endlosen Minuten in einem Wasserkessel (in dem hinterher noch die gesamte Familie badete) erhitzt, um schließlich mühsam geschält zu werden – eine hochsensible Prozedur, bei der man sich die Finger abwechselnd verbrannte und zerschnitt.
Ja, das Präteritum ist mit Bedacht gewählt. Denn mit dem teutonischen Appetit auf "Tartufos" dürfte es ja jetzt wohl endgültig vorbei sein. Ein Volk, das jahrelang für seine selbstverordnete Billigfrucht-Diät auch noch zu tief in die Tasche gegriffen hat, weiß überhaupt nicht mehr, was es noch denken und essen soll.
Ein Blick in die Zukunft (z.B. 2016): Die Nachfrage nach der Kartoffel sinkt, Nudeln, Reis und Pastinaken nehmen ihren Platz ein. Die Preise von Pommes, Chips und Kroketten steigen; allmählich werden auch sie vom Markt verschwinden. Niemand nennt die Deutschen mehr "Kartoffelfresser". Die grauen Herren vom "Kartoffelkartell" haben längst kollektiven Selbstmord begangen. Dann aber (z.B. 2027): Backlash, Revival, Comeback! Trendsetter berichten von französischen Exilköchen in Berlin, bei denen man "Bratkartoffeln nach Urgroßmutters Art" serviert bekommt. Die ersten Foodblogger bestellen sich das Retrogemüse aus dem Ausland und probieren die gekochte Urform. Wo einfache Familien Polenta zum Sonntagsbraten essen, gibt es in besseren Kreisen Kartoffelstampf mit Soße. "Klar dürfen meine Enkel Fritten essen!", provoziert Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Eine zwar stark vereinfachte, aber Furcht erregende Quatschvision. Lassen wir nicht zu, dass sie wahr wird. Wie? Abwarten, wie immer.

(Diesen Text habe ich ursprünglich für die "Wahrheit"-Seite der Taz geschrieben, wo er aus Platzmangel nicht veröffentlicht wurde.)

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