Sonntag, 21. September 2014

Stellen einer Ausbildung (Teil 2)

Als ich erwachte, befand ich mich bereits auf dem Rücksitz der Droschke meines Cousins, der mich zu meiner Arbeitsstelle fuhr. "Guten Morgen", sagte er und reichte mir eine Thermoskanne, "du musst Kaffee trinken. Das gehört dazu. So beginnen wir Deutschen unseren Arbeitstag." "Und wie beenden wir ihn?", wollte ich wissen. – "Mit Bier." 'Das hört sich doch gut an!', frohlockte ich innerlich. Irgendwann bremste Pontius unvermittelt. "Hier musst du aussteigen!", rief er. "Geh in den schlammbespritzten Container!" Ich tat wie geheißen. "Guten Morgen", sagte ich, als ich den Container betreten hatte. Tätowierte Muskelpakete nickten mir zu. Einer von ihnen erhob sich von seinem Klappstuhl und ging auf mich zu: "Du bist der Neue, was? Ich bin Herr Spinne, dein Chef. Komm mit, wir fahren zum ersten Auftrag. Ebby, Ralle!! Einsteigen!" Wir stiegen in einen Lkw und fuhren los. Der Laster hatte keine Sitze, selbst der Fahrer musste stehen! Keiner von uns vieren sagte einen Ton, bis ich mich dazu durchrang, eine Frage zu stellen: "Wo fahren wir denn hin?" Die drei sahen einander an und brachen alsdann in schepperndes Gelächter aus. Fortan hielt ich mich geschlossen. 

Als es elf Uhr schlug, riss der Fahrer die Handbremse hoch und der Lkw machte einen heftigen Satz. Ein bisschen Kaffee wurde dabei verschüttet. "Alle raus!", rief Herr Spinne, und wir folgten ihm in ein kirschrotes Mehrfamilienhaus. Jetzt wurde mir klar, dass hier diejenigen wohnten, die heute umziehen wollten. Bevor wir die entsprechende Wohnung betraten, schmierten sich meine Kollegen ordentlich Matsch an die Stiefel. "Für die Teppiche", flüsterte Ralle zwinkernd. Dann gab er mir noch ein handbeschriebenes Blättchen, das ich lesen sollte: »SPIEL: Kaputtmachen → Lampe 10 Punkte, Aquarium 20 Punkte, techn. Geräte 50 Punkte, Haustier 100 Punkte, Geschirr je 5 Punkte.« Wir klingelten. Ein kleiner rundlicher Mann mit Glatze und Schnauzbart öffnete. "Hallo", sagte er, "kommen Sie rein. Mein Name ist Beutelmüller. Alle Möbelstücke im Korridor müssen in die neue Wohnung. Sie wissen ja, wo die ist. Meine Frau und ich fahren mit dem Kleinkram vor. Bis dann!" Er verschwand. Ich trug einen Ohrensessel nach unten. Die anderen taten nicht dergleichen, sondern begaben sich ins Badezimmer und urinierten. Es endete damit, dass ich sämtliche Möbeleinheiten alleine in den Lkw schleppte, wobei mir insgesamt dreimal die Beckenpfanne aus der Hüfte sprang. Abgekämpft betrat ich ein letztes Mal das Appartement und verkündete, dass wir aufbrechen können. "Gute Arbeit!", sagte Herr Spinne. Die Kollegen rauchten ihre Zigaretten zu Ende, zerschlugen die übrig gebliebenen Glühlampen und trotteten hinter mir her. "Auf zu Opa Waldemar!", brüllten sie wie aus einem Halse, als der Wagen losfuhr. Ich fragte lieber nicht, was das schon wieder zu bedeuten hatte.

Vor Erschöpfung und Gliederschmerz verlor ich kurzzeitig das Bewusstsein. Ich schreckte erst auf, als ich gegen die Windschutzscheibe knallte, weil der Laster einen gewaltigen Sprung machte. Ebby, der gefahren war, hielt die Handbremse in der Hand. "Ups, ich hab sie rausgerissen", feixte er. Vor einem baufälligen Jugendstilhaus waren wir zum Stehen gekommen. Diesmal halfen mir die drei Packer sogar beim Tragen. Als alle Möbel in der obersten Etage des muffigen Gebäudes aufgestellt waren, setzten wir uns auf den Boden. Ich hörte etwas quietschen. "Was ist das?", fragte ich. Leise antwortete Herr Spinne: "Das ist Opa Waldemar, unser Held. Er hat mal eine vier Wochen überlagerte Margarinedose ausgelöffelt." Und da kam er auch schon: ein freundlich blickender Mann im Rollstuhl. "Tach, Jungens. Hallo, Gerhard", sagte er. Verdutzt stotterte ich: "Äh, Sie müssen Opa Waldemar sein. Aber woher kennen Sie meinen Namen?" Die Männer kicherten frech. "Opa Waldemar weiß alles", erklärte Ralle. Ich wusste trotzdem nicht, was hier los war. "Und was machen wir mit den Möbeln?", erkundigte ich mich. Herr Spinne verdrehte die Augen. "Mensch, die bringen wir in die neue Wohnung der Beutelmüllers. Das ist doch klar!" "Aha", brummte ich, "aber wieso haben wir sie hier hoch getragen? Die hätten wir doch im Laderaum lassen können." Herr Spinne gab mir eine saftige Ohrfeige. "Werd nich' vorlaut, Bengel!", versetzte er. "Wir machen das schon seit Jahren so. Die Möbelstücke müssen immer zu Opa Waldemar!" "Genau", bestätigte Ralle, um darauf ehrfürchtig zu flüstern: "Opa Waldemar, der mal eine vier Wochen überlagerte Margarinedose ausgelöffelt hat ..." Ich blieb stumm, genau wie die restlichen Männer. So verharrten wir, bis es dämmerte. "Auf geht's!", schnalzte der Chef schließlich. Zur Strafe für meine vorangegangene Aufmüpfigkeit sollte ich den Laster wieder ohne Hilfe beladen. Mitleidig sah ich Opa Waldemar an. Der schüttelte aber nur den Kopf. "Nee, nee, Junge! Da musste durch", brabbelte er. Der Alte war mir unsympathisch. Vier Wochen alte Margarine – was war da schon Besonderes dran?

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