Mittwoch, 2. März 2016

Wie ich einmal die Contenance bewahrte

Eins hatte ich mir geschworen: Sollte mir jemals im Straßenverkehr ein Fahrzeug Unrecht tun, würde ich dieses, sofern ich dazu noch physisch in der Lage wäre, auf der Stelle erheblich leicht beschädigen. Gegen die Stoßstange treten, Apfelmus auf die Scheinwerfer spritzen, so was. Letzte Woche wäre ein guter Anlass dafür gewesen. Ich wollte mit dem Fahrrad (auf dem Radweg, auf der korrekten Seite, mit angemessener Geschwindigkeit, bei Grün!) über eine Querstraße fahren. Als ich gerade über den abgesenkten Bordstein rollte, fuhr – nein: schoss ein rechtsabbiegendes Automobil auf ebenjene Straße. Hätte ich mein Gefährt nicht mit den Reflexen einer Schnappkieferameise nach rechts gerissen, wäre ich ohne Zweifel auf der Motorhaube des (nicht eben abrupt bremsenden) Fahrzeugs gelandet. Anstatt laut zu schreien, ließ ich lediglich ein "Whoa" entweichen, wie man es artikuliert, wenn jemand in einem harmlosen Gespräch etwas unerwartet Schockierendes äußert. Dann warf ich meinen Blick durch die Windschutzscheibe des Autos, das mich beinahe angefahren hätte. Am Steuer saß eine circa 75jährige Frau, die sich beide Hände vors Gesicht hielt und die Augen weit aufgerissen hatte. Ebenfalls im Pkw befanden sich drei jüngere Personen. Ich hoffe, dass es sich um Familienangehörige handelte, die der Rentnerin nach diesem Vorfall nahelegten, das Autofahren doch von nun an besser sein zu lassen. Einen zusätzlichen Schock bei der Dame auszulösen hielt ich für unangebracht, weswegen ich bloß eine vorwurfsvolle Kopfbewegung in Richtung der grünen Ampel machte und meinen Heimweg fortsetzte. 
Ich würde lügen, wenn ich schriebe, dass ich zu Hause nicht noch eine Weile ordentlich gezittert hätte.

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